30
August 2015

FFF 2015: Cop Car

Cop Car

cop-car-poster-galleryUSA 2015

REGIE

Jon Watts

DARSTELLER

Kevin Bacon, Shea Whigham, Camryn Manheim, James Freedson-Jackson, Hays Wellford, Kathleen Bentley

Offizielle Synopsis: Harrison und Travis sind erst zehn Jahre alt, frisch von Zuhause ausgerissen und die Welt um sie herum ist ein einziger großer Spielplatz. In der gottverlassenen Weite von Colorado genießen die Jungs ihre neugewonnene Freiheit, bis sie plötzlich auf ein Polizeiauto mitten im Nirgendwo stoßen. Die Türen sind offen, der Schlüssel steckt, der Waffengurt liegt auf dem Rücksitz – was liegt für zwei naseweise Kinder da näher, als das Ganze als Einladung zu einer spaßigen Spritztour zu verstehen? Kurze Zeit später fegen die beiden mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den Highway entlang! Aber sie haben die Rechnung ohne Cop Kevin Bacon gemacht. Der ursprüngliche Besitzer des Wagens hat nämlich mehr als nur die sprichwörtliche Leiche im Kofferraum und fordert äußerst nachdrücklich sein Eigentum zurück. Harrison und Travis befinden sich plötzlich mitten im Kreuzfeuer einer blutigen Verfolgungsjagd. Also aufs Gas! Entlang der unendlich einsamen Straße stoßen sie dabei auf ein paar Gestalten, mit denen wirklich nicht gut Kirschen essen ist …

Kritik: Der „kleine“ Roadmovie-Thriller, der irgendwo in der amerikanischen Ödnis spielt und eskalierende Katz & Maus-Spielchen mit Blech & Blei bietet, ist eine weitere Tradition des FFF. Fast jedes Jahr wird mindestens eine Version gespielt, und ich bin immer dabei. Diesmal ist mit Kevin Bacon auch wieder ein „Festival-Veteran“ dabei, der hier in 20 Jahren schon knapp ein halbes Dutzend Filme am Start hatte.

Die Prämisse von „Cop Car“ ist reines Klischee: Ein junges Paar stolpert unbeabsichtigt in die dreckigen Geschäfte eines korrupten Cops, nimmt dabei etwas mit, das für alle Seiten hohen Wert besitzt – und findet sich zwischen allen Fronten wieder. Zieht man das ordentlich durch, reicht es auch für kurzweilige 86 Minuten B-Thrill.

Aber „Cop Car“ setzt von Anfang an auf einen Twist, wie ihr schon in der Inhaltsangabe lesen konntet – das „junge Paar“ besteht aus zwei 10jährigen Steppkes, die völlig mit der Situation überfordert sind, kaum zur Gegenwehr fähig, und der Hinterlistigkeit der Erwachsenen relativ hilflos ausgeliefert. Ihr Blickwinkel ist es, der das Konzept frisch macht und ihm neue Facetten abgewinnt.

Ebenso erfreulich: Die Charaktere sind plausibel gezeichnet. Weder sind die Jungs präpotente Klugscheißer, die weit über ihr Alter hinaus planen und handeln, noch sind die Erwachsenen hysterische Vollidioten, die den Kindern blindlings ins Messer laufen. Der korrupte Sheriff ist sogar sehr smart, wenn es darum geht, von sich abzulenken und die eigenen Leute aus der Sache heraus zu halten – am Ende scheitert er primär am Druck der Situation, nicht an sich selbst.

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Aber leider: So schön diese Idee auch sein mag, so panoramisch trostlos die Kameraarbeit, so überzeugend die Performances, so slick die Regie – „Cop Car“ überhebt sich an seinem Konzept, weil der erwünschte Realismus bedingt, dass die Kids den Erwachsenen heillos unterlegen sind. Und deshalb wird die erste echte Konfrontation bis ans Ende des zweiten Akts hinaus gezögert. Fast eine Stunde lang laufen die beiden Handlungsstränge (der Cop auf der Suche nach dem Auto, die Jungs auf Spritztour) parallel, ohne sich je zu kreuzen.

Weil die tatsächliche Konfrontation Sheriff/Kids angesichts der ungerecht verteilten Möglichkeiten sehr kurz wäre, muss Regisseur Watts dann auch noch zwei weitere Figuren in die Narrative schubsen, die für Action sorgen und die längst überfällige Konfrontation bis kurz vor den Nachspann verschieben.

So wird der Zuschauer das Gefühl nicht los, dass hier zwar mit einer passablen Grundidee gearbeitet wurde, diese sich aber der traditionellen Thriller-Dramaturgie nicht beugen wollte. Da klatscht man eher für den Anspruch als für das Ergebnis.

Fazit: Ein durch die Wahl der Protagonisten clever die üblichen Klischees umschiffender Roadmovie-Thriller, der jedoch zu lange braucht, um die Figuren aufeinander treffen zu lassen und selbst bei 86 Minuten Laufzeit in der ersten Hälfte überdehnt wirkt. 6/10.

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30
August 2015

FFF 2015 Zweitgutachten: „Possessed“, „Hellions“, „Rabid Dogs“, „Extinction“, “Some Kind of Hate”

FFF, Tag 7. Das Ende ist in Sicht. No rest for the wicked!

POSSESSED

pos esoWorum geht’s? Die Flamencotänzerin Trini hat es nicht leicht – ihr Torero-Ehemann ist tot, und ihr Sohn vom Teufel besessen. Okay, vielleicht hätte sie ihn nicht „Damian“ nennen sollen. Jetzt kann nur noch einer helfen: Pater Lenin, der Exorzist!

Wie ist er? Schick, Knetfiguren-Animation hatten wir schon länger nicht mehr. Und dann auch noch aus Spanien. Klar, dass ich da einen Blick riskieren wollte. Und ich wurde nicht enttäuscht – die Animationen sind der Hammer, und der ganze Film sehr kurzweilig und mit diversen guten, teilweise echt dreckigen Gags , und kiloweise Anspielungen auf Exorzist, Omen, Evil Dead und Konsorten.

Die Kehrseite der Medaille: Außer den Witzen und den Zitaten hat der Film inhaltlich so gar nichts zu bieten. Die Story ist dünn und klischeebeladen. Wenn das hier ein Realfilm wäre, wäre er gerade mal auf dem Niveau einer der besseren späten Leslie Nielsen-Klamotten.

Gucken? Ohne die putzige Knetfiguren-Animation würde kein Hahn danach krähen. Aber dennoch solide Unterhaltung. 7/10.

HELLIONS

Beauty, Power and GraceWorum geht’s? Es ist Halloween, und die 17jährige Dora (Berufswunsch: Entdeckerin, nehme ich an) hat gerade erfahren, dass sie von ihrem Freund schwanger ist. Schwer zu verdauen, das, aber egal – während Mutter und kleiner Bruder Süßes oder Saures spielen gehen, wirft sie sich in ihr Engelskostüm und wartet auf besagten Freund, um sie für eine Party abzuholen. Stattdessen bekommt sie Besuch von ein paar Kindern in unheimlichen Kostümen. Spätestens als sie den Kopf ihres Freundes in deren Süßigkeitensack erspäht, wird klar: das sind keine Kinder. Und sie wollen – gerade von ihr – auch was anderes als Süßes…

Wie ist er? Klingt doch nach einem guten Setup für einen Horrorfilm, oder? Ungewollte Schwangerschaft mag gerade für so ein junges Mädchen das sein, was „Body-Horror“ im wahren Leben am nächsten kommt, und in so einem emotional verwundbaren Moment, wo sie eh nicht weiß, was sie fühlt und wie es weitergehen soll, mit einer so monströsen Bedrohung konfrontiert zu werden, die explizit hinter ihrem ungeborenen Kind her ist – das ist doch genau die Kombination aus äußerem und innerem Schrecken, aus der der beste Horror erwachsen kann.

Tja, soviel die Theorie. Praktisch ist HELLIONS mit „konfus“ noch wohlwollend umschrieben. Wie seinerzeit Rob Zombies LORDS OF SALEM (hier nur noch hektischer) reiht PONTYPOOL-Regisseur Bruce MacDonald hier einen plakativen Schockeffekt an den anderen, schichtet Gimmick auf Gimmick (insbesondere die augenkrebserregenden Farbfilter seien negativ hervorgehoben), stapelt die WTF-Momente in immer abstraktere Höhen (Ein Sturm nur IM Haus? Explodierende Kürbisfelder? WHAT?), bis man sich erst fragt, weswegen genau man sich an der Stelle jetzt eigentlich noch fürchten soll, wie das hier alles zu verstehen ist (Realität? Traum? Halluzination? Andere Dimension? Ich weiß es doch auch nicht.) – und dann schließlich vor lauter Verwirrung das Interesse verliert.

Gucken? Trotz interessanter Ansätze letztlich ein Mindfuck-Movie, das nicht so recht weiß, wie es unsere Minds denn nun eigentlich fucken wollte. Muss nicht. 4/10.

RABID DOGS

ENRAGÉS

Worum geht’s? Drei Bankräuber (okay, anfangs eigentlich vier) werden von der Polizei gejagt. Nach ihrer blutigen Flucht vom Tatort nehmen sie eine Frau und später einen Vater mitsamt seiner für eine unmittelbar anstehende Operation sedierte vierjährigeTochter als Geisel, um der Ringfahndung mit dem Auto des Vaters zu entkommen. Eingezwängt in das Auto und mit der unerbittlich tickenden Uhr (die Tochter muss offenbar in etwa 7 Stunden im Krankenhaus sein), entwickelt sich ein unerbittliches Psychoduell…

Wie ist er? Dieser französische Reißer ist das Remake von CANI ARRABIATI, dem letzten und untypischsten Film der italienischen B-Film-Legende Mario Bava.

Der Film folgt im Wesentlichen dem Original, mit ein paar erwähnenswerten Abweichungen: so spart man sich hier weitestgehend die Sleaze-Anteile (Virginie Ledoyen wird das gefreut haben, und mich stört es überhaupt nicht – ich wollt es nur erwähnen), und baut einen Zwischenstopp in einem kleinen Dorf ein, wo gerade ein seltsames Fest gefeiert wird. Dass den Machern ein besseres Ende als das bitterböse von Bava einfallen würde, hab ich nicht erwartet, und das tat es dann auch nicht.

Die Machart des Films ist tadellos – gute Darsteller, slicke Regie, treibender Soundtrack, saftige, aber nie selbstzweckhafte Gewalt.

Gucken? Viel besser geht ein Remake von Bavas bösem kleinen Film nicht. Pflichttermin für Thrillerfreunde. 8/10.

EXTINCTION

Extinction---Cartel-TeaserWorum geht’s? Die Zombieapokalypse ist rum und hat offenbar direkt einer Eiszeit Platz gemacht (hey, zwei Apokalypsen zum Preis von einer. Nice.). Der Familienvater Jake lebt mit seiner neunjährigen Tochter Lu in einem verbarrikadierten Haus, mit lediglich dem Einsiedler Patrick als Nachbar. Jake traut Patrick nicht, und natürlich werden wir noch erfahren wieso. Aber bald wird er Patricks Hilfe brauchen, denn die Zombies sind offenbar doch noch nicht durch die Kälte ausgestorben…

Wie ist er? Ja, ich weiß, die „Infizierten“ hier sind nicht wirklich „Zombies“ im Wortsinne. Ist aber egal, das hier ist ein waschechter Zombiefilm mit allem, was dazu gehört. Belagerungsszenarien, verzweifelte Abwehrschlachten gegen anbrandende Untotenhorden, das Sammeln von kostbaren Vorräten im feindlichen Ödland, alles da. Und alles sehr griffig und hochwertig gefilmt, und da, wo es das sein muss, auch packend. Splatter gibt es auch, wenn auch nicht in extremer Ausprägung. Dazu kommt eine erfreuliche Fixierung auf die Charaktere, die den Film über das übliche Zombiegedöns erhebt – den Zuschauer interessiert die gemeinsame Vergangenheit von Jake und Patrick, und er schert sich um die Sicherheit von Lu.

Auf der Sollseite muss man leider anmerken, dass der Film zwar sehr gut gemacht ist, aber wirklich so ziemlich null eigene Ideen einbringt. Und er ist streckenweise echt depri, über einen Großteil der Laufzeit ohne allzuviel Action, die davon ablenken könnte.

Gucken? Unoriginell, aber gut gemacht. Zombiefans greifen zu. 7/10.

SOME KIND OF HATE

Some-kind-of-hateWorum geht’s? Emo-Weichbrötchen Lincoln wehrt sich nach jahrelangem Leidensweg endlich gegen seinen Schulhof-Bully und haut ihm eine Gabel in die Fresse. Dafür wird er gleich mal in ein Erziehungscamp am Arsch von nirgendwo eingewiesen, wo ihm die so heiße wie kaputte Caitlyn schöne Augen macht, aber dafür auch neue Bullies lauern. „Ich wünschte, sie wären alle tot!“, heult Lincoln. Oh-oh, denkt der Zuschauer, und Recht hat er.

Wie ist er? For f***s sake.

Das FFF ist fast zu Ende. Wieso muss so kurz vor Schluss noch so ein Film um die Ecke kommen? Ganz ehrlich, ich weiß nichtmal, was von diesem Film objektiv zu halten ist. Dazu müsste man den noch ein paarmal gucken und dann ellenlang drüber schreiben. Und dazu hab ich keine Lust.

Deswegen erlaubt mir anstelle eines nachvollziehbaren Reviews den Hinweis, dass der Film so ziemlich alles tut, was man tun kann, um mich ganz persönlich anzupissen. Eine Auswahl:

Nerviger „Held“? Check. Lincoln ist eine Klischee-Emo-Heulsuse, die nur zwei Aggregatzustände kennt: „buhu alle sind soo gemein zu mir“-Memme und „grrr ich bring euch alle um“-Amokläufer in spe.

Ausschließlich unsympathische Figuren? Check. Wann immer wer ins Gras beißt, ist das gut, weil: einer weniger, der einem auf den Sack geht.

Unklare Hauptfigur? Check. Lincoln soll es wohl sein, aber er verschwindet so ab der Mitte mal eine Weile fast völlig aus der Handlung.

Bescheuerte Grundidee? Check. Das Programmheft verrät sie nicht, also tue ich es auch nicht. Aber glaubt mir, sie ist total behämmert.

Inkonsistente Charakterzeichnung? Aber sowas von Check. Jedes Persönlichkeitsmerkmal existiert hier nur so lange, bis es dem Drehbuch nicht mehr in den Kram passt. Besonders auffällig ist das bei Caitlyn, die teilweise innerhalb derselben Szene zwischen „Serienkillergroupie“ und „von Gewissensbisse geplagte Gutmenschin“ schwankt.

Kaum Spannung? Check.

Gucken? Was weiß denn ich, ob ihr den gucken solltet. Das da oben ist alles rein subjektiv. Ich fand ihn auf jeden Fall grässlich. 3/10.

Marcus Heine

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29
August 2015

FFF 2015 Gastreview: ABCs of Superheroes

ABCs OF SUPERHEROES

ABCs-of-Superheroes-posterDeutschland 2015

REGIE

Jens Holzheuer, Oliver Tietgen

DARSTELLER

Bai Ling, Uwe Boll and a cast of thousands

Offizielle Synopsis: Filmemacher Oliver Tietgen hat es mit seinem fröhlich derben Splatterspaß BLOOD SNOW schon einmal in unser Get Shorty-Programm geschafft. Als nun für den zweiten Teil von ABCs OF DEATH ein Buchstabe per Wettbewerb an Fans vergeben wurde und sein Beitrag auf viel positives Feedback stieß, war ein persönliches Traumprojekt geboren: Sein Co-Regisseur Jens Holzheuer und er, stürzten sich mit Feuereifer in die Produktion von ABCs OF SUPERHEROES. Doch keine Verwurstung bekannter Helden à la Spider-Man und Co. sollte es werden, sondern 26 komplett neu erdachte Superfiguren mit garantiert politisch unkorrekten Superkräften! Mit Trashfaktor, schön unter der Gürtellinie, jede Menge Tits, Ass und Splatter satt – ein deutsches CHILLERAMA sozusagen. Mit Helden von A wie „Almighty Ape“ bis hin zu Z wie „Zee-Man“, entstand ein fantasievoll bunter Indiefilm, der mit Cameos von u.a. Jörg Buttgereit, Fettes Brot und Uwe Boll (als Präsident!) daherkommt. Selbst internationale Größen wie Lloyd Kaufman oder Bai Ling geben ihren Senf bzw. ihre weiblichen Reize dazu. Wartet ab, mit welchen Wunderwaffen etwa „Menstru-Girl“ ihre entsetzten Gegner in die Flucht schlägt oder wie wörtlich genau sich ein Shitstorm auf die Leinwand bringen lässt. May the Fist Fucking Force be with you!

Kritik: Falls ihr in dem Programmheftgeseier von oben eine Story vermisst, das hat schon seine Richtigkeit. Story gibt es hier nämlich nicht, nur eine Aneinanderreihung von Kurzvignetten zu Trash-Superheldenfiguren. Die Stichworte „Deutschland“ und „Anthologie“ und der Hinweis, dass es sich hier um eine Idee handelt, die sogar von den Machern von ABCs OF DEATH abgelehnt wurde, hätten Warnung genug sein können, aber ich Schaf ging natürlich trotzdem rein, weil ich sowieso da war und mir dachte, na, ein bisschen kurzweilige Unterhaltung wird sich hier schon finden lassen.

Diese Annahme erwies sich auf die gleiche Art und Weise als korrekt wie jene, dass man bei Jucken an der Nasenspitze technisch gesehen auch für Abhilfe sorgen kann, indem man das Gesicht in ein Wespennest steckt. Es ist nahezu unmöglich, adäquat in Worte zu fassen, wie sehr ABCs OF SUPERHEROES saugt. Ich werde es hier trotzdem tun, in erster Linie um Dampf abzulassen. Danke für eure Geduld.

Erstens ist es erschütternd, wie dilettantisch hier an allen Ecken und Enden gearbeitet wurde: Greenscreeneffekte haben so deutliche „Farbkanten“, als wären wir in den allerersten Folgen von „Kalkofes Mattscheibe“ in den 90ern, professionelle Beleuchtungscrews dürften in der Vorstellungswelt der Macher nur als mystische Fabelwesen vorkommen, Makeup ist entweder nonexistent oder Kinderfasching, Spezialeffekte sind made by Photoshop, und bei den Splattereffekten hätten die üblichen deutschen Amateur-Sudelfilmer sogar in ihrer Anfangszeit in den 80ern zum Neumachen geraten. Ehrlich, ich habe schon Youtube-Videos gesehen, die gegen das hier aussehen wie eine Spielberg-Produktion.

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Die Vorspannangabe „starring: … thousands of talented actors“ ist eine vermutlich gerichtsverwertbare Lüge: hier stehen Leute vor der Kamera, die als Kinder sogar von ihren Klassenkameraden in der Sonderschule noch aus der Laienspielschar herausgemobbt worden wären.

Und dann der Inhalt. Oh. Mein. Gott. Die Existenz eines Drehbuchs bestreite ich entschieden: das hier ist das, was rauskommt, wenn man sich besoffen zusammensetzt und „abseitige“ Superheldennamen erfindet und die schlechtesten Kalauer, die dabei rauskommen, alphabetisch ordnet und verfilmt. Nicht nur ist hier nichts, aber auch wirklich NICHTS auch nur irgendwie lustig (ich habe, wenn es hochkommt, in den ganzen endlosen 80 Minuten zweimal geschmunzelt und nicht einmal gelacht), nein, die erbärmlichen Humorversuche, soweit sie denn erkennbar waren, sind auch noch von einer besonders unangenehmen, piefig-konservativen Art: ihr wisst schon, die Art von Humor, der das pure Vorhandensein von Brüsten, Penissen, Pipikacka, Homosexuellen und albernen Karnevalsverkleidungen bereits für per se lustig hält. Es verhält sich qualitativ sogar zu Mario Barth ungefähr so wie Mario Barth zu Loriot.

Dazu ist da Ganze noch sexistisch ohne Ende – hier herrscht, was Frauen vor der Kamera angeht, so ziemlich ausnahmslos das Internetforumstroll-Motto „Tits or get the fuck out“. Irgendwie beeindruckend ist nur die Dummdreistigkeit, wenn hier ernsthaft Parodien von GUARDIANS OF THE GALAXY, HE-MAN oder ALF (nur halt jedesmal mit nackten Tatsachen) versucht werden – unnötig zu erwähnen, dass selbst die Abspänne der Originale noch witziger sind als der gefilmte Hirneiter hier.

Ich bin kein Kölner und habe mich daher nur indirekt geschämt, als im Film hinter mir oft und laut gelacht und nach dem Film applaudiert wurde, vermutlich von Leuten, die eine Gießkanne auch für eine ziemlich lustige Angelegenheit halten. Danach aufm Klo musste ich durch die geschlossene Tür den Kommentar vernehmen „Naja, ein bisschen mehr Budget, und es wäre MYSTERY MEN.“ Wer auch immer das gesagt hat, er ist offiziell wie ein übertriebener Vergleich: schlimmer als Hitler.

Fazit: Ich habe die legendäre FFF-Gurke VIRUS UNDEAD nie gesehen, bezweifle aber, dass der schlimmer ist als ABCs OF SUPERHEROES. Wenn das hier ein Film ist, ist „sich die eigene Kacke ins Gesicht schmieren“ eine Form von Makeup. Obwohl Unfähigkeit und Pansenhumor auf dem Papier weniger schlimm klingen als aktive Menschenverachtung, so verdient sich ABCs OF SUPERHEROES dennoch als der erste FFF-Beitrag seit MORITURIS die Ausnahmewertung von 0/10.

Marcus Heine

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29
August 2015

FFF 2015 Zweitgutachten: „Office“, „Strangerland“, „Deathgasm“, „Frankenstein“

FFF, Tag 6. So langsam machen sich die Ausfallerscheinungen bemerkbar. In OFFICE zB bin ich zwischendurch mal kurz weggepennt, was man dem Film aber eigentlich nicht vorwerfen kann.

OFFICE

fullsizephoto617497Worum geht’s? Der brave Büroangestellte Mr. Kim tötet seine Familie und verschwindet dann spurlos. Seine Arbeitskollegen rätseln: was trieb ihn dazu? Wer wird nun die neue Nummer 1 auf der Beförderungsliste? Und wo ist Kim? Vielleicht sogar im Bürogebäude selbst?

Wie ist er? Dieser koreanische Horrorthriller gibt uns einen ausführlichen Einblick ins Haifischbecken der koreanischen Arbeitswelt, wo jeder gegen jeden intrigiert und nur die Frage zählt, wie man sich am besten beim Chef zur nächsten Beförderung schleimt oder zumindest den Rausschmiss verhindert. Und wenn ich „ausführlich“ sage, mein ich das auch so – die Laufzeit ist mit knapp 2 Stunden üppig, und der Film legt ein eher gemäßigtes, um nicht zu sagen zähes Tempo vor.

Gucken? Wie ein Mitstreiter sagte: „Arbeit ist Scheiße – der Film“. Kann man gut gucken, wenn man etwas Sitzfleisch mitbringt. 7/10.

STRANGERLAND

strangerland_ver2Worum geht’s? Nicole Kidman und Joseph Fiennes ziehen ins australische Outback und verlieren dort erst ihre Kinder, dann langsam ihren Verstand…

Wie ist er? In kraftvollen Bildern wird hier das beschauliche Kleinstadtleben im Outback eingefangen und mit dem feinen Pinsel das Portrait einer Familie gezeichnet, die hier eigentlich nie leben wollte, die es aber nunmal hierhin verschlagen hat. Im weiteren Verlauf interessiert sich der Film auch weniger für das Verbleiben der verschwundenen Kinder, sondern vielmehr dafür, was der Verlust und die Ungewissheit mit den Eltern machen, und wie sich das Bild, dass sich die Gemeinde von der Familie macht, so langsam wandelt, wie Verdächtigungen aufkommen, Gerüchte gestreut werden.

Das Ganze wird von großartigen Darstellern und einer flüssigen Regie getragen, die dafür sorgen, dass der Film auch dann nicht langweilig wird, wenn das Thriller-Element etwas abflaut, weil dem Zuschauer klar wird, dass er hier keine befriedigende Auflösung des Kriminalfalls mehr erwarten kann.

Gucken? Eher was für Drama- denn für Thrillerfreunde. Aber insgesamt sehenswert. 7/10.

DEATHGASM

Deathgasm-poster-580x870Worum geht’s? Brodie zieht gezwungenermaßen, weil seine Mutter in die Klapse gesteckt wurde, in ein neuseeländisches Kaff. Egal ob bei den School-Bullies oder bei seinem frommen Onkel, nirgendwo hat der eingefleischte Metalfan einen leichten Stand. Mehr aus Langeweile wird mit dem lokalen Störenfried und Mit-Metaller Zack und zwei Rollenspiel-Nerds die Metalband „Deathgasm“ aus der Taufe gehoben, und die paar Notenblätter, die sie bei einem alten Metalmusiker-Zausel haben mitgehen lassen, sind ja wohl prima Material für die erste Single. Blöd nur, dass es sich dabei um die „Black Hymn“ handelt, eine vom Leibhaftigen persönlich komponierte Zaubermusik zum Heraufbeschwören eines Dämonenkönigs mit apokalyptischen Absichten. Noch blöder, dass die Musik als Nebenwirkung alle Nachbarn in besessene Zombiemonster verwandelt…

Wie ist er? Ich rede nicht lange drumherum: er ist super. DEATHGASM ist exakt so witzig, splatterig, rasant und liebenswert, wie der Trailer das vermuten lässt. Sympathische Figuren, gute Sprüche, Slapstick, Funsplatterszenen satt (ich würde sagen, nur TURBO KID treibt es dieses Jahr noch doller in der Hinsicht), ein knackiges (wenn auch wenig originelles) Drehbuch, temporeiche Inszenierung und Metal nicht als jugendverderbender Schund, sondern als Stütze und identifikationsstiftendes Merkmal für Außenseiter – alles da, und von allem reichlich.

Gucken? Aber hallo! Man muss schon sehr sauertöpfisch und humorlos sein, um sich hier nicht zu amüsieren. 9/10.

FRANKENSTEIN

frWorum geht’s? Dr. Frankenstein erschafft (diesmal in unserer Zeit und per 3D-Drucker statt mit Nadel und Faden) eine künstliche Kreatur, die aber wohl noch unausgereift ist und bald nach der Geburt körperlich zu verfallen beginnt. Trotzdem ist die Kreatur nicht nur superstark, sondern auch widerstandsfähig genug, um die eigene Entsorgung via Giftspritze zu überleben und fortan als Obdachloser durchs Land zu irren, auf der Suche nach seinen Schöpfern…

Wie ist er? Oh Boy. Hier haben wir ein Musterbeispiel für die Gattung Film, die „schlecht“ ist, aber nicht so sehr wegen aktiver „schlechter“ Aspekte, sondern wegen der Abwesenheit von „guten“ Aspekten.

Wenn man denn schon den Frankenstein-Mythos in unserer heutigen Zeit aus Monstersicht nacherzählen muss, dann wüsste ich nicht, wie man das groß anders machen sollte als Regieveteran Bernard Rose es hier getan hat. Aber dennoch ist der Film eine nahezu durchgehende Enttäuschung, weil er einfach weder Spaß macht noch interessant ist.

Alles hier ist langsam, zäh, kitschig, nichtssagend und deprimierend, und Kenner des Romans sehen wirklich jeden Plotbeat meilenweit kommen, was den Film nur noch ermüdender macht. Wann immer sich der Film für seine Modernisierung des Stoffes was einfallen lassen muss, ist diese Entscheidung denkbar unglücklich – fehlte uns am klassischen Stoff wirklich eine Szene, wie das Monster mit der Flasche gesäugt wird wie ein Baby, oder wie das Monster Sex mit einer Prostituierten haben will? Und kann es nicht sein, dass Mary Shelley die Geschichte deshalb großteils nicht aus der Sicht des Monsters erzählt hat, weil es nicht besonders spannend ist, hautnah mitzuerleben, wie einer kaum artikulationsfähigen Kreatur von der ach so bösen Welt ach so übel mitgespielt wird?

Dazu schleichen sich diverse Logikfehler und nicht auserzählte Handlungslücken ein, die ich hier nur dann aufzählen würde, wenn ich sicherstellen wollte, dass sich mein Review so zäh lesen soll, wie sich der Film gucken lässt. Und das erspare ich euch und mir dann doch lieber.

Ach ja, wem sowas wichtig ist – gesplattert wird zuhauf und durchaus heftig. Hilft aber im Endeffekt auch nichts.

Gucken? Nicht mal für Frankenstein-Komplettisten wirklich zu empfehlen. 3/10.

Marcus Heine

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28
August 2015

FFF 2015 Gastreview: One & Two

ONE & TWO

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REGIE

Andrew Droz Palermo

DARSTELLER

Kiernan Shipka, Timothée Chalamet, Grant Bowler, Elizabeth Reaser

Offizielle Synopsis: Zac und Eva haben eine besondere Fähigkeit. Sie können sich mit unglaublicher Geschwindigkeit von einem Ort zum Nächsten befördern – den realen Raum mit ihren Kräften durchbrechen. Wenn sie einen ihrer Sprünge machen, tauchen sie meterweit entfernt wieder auf und lassen nichts zurück als ein kleines Wölkchen Staub. Vielleicht umringt ja deshalb eine meterhohe Holzwand die Farm, auf der sie mit ihren Eltern leben – abgeschottet vom Rest der Welt. Der Vater besteht darauf, dass die Barriere dazu dient, Fremde fernzuhalten. Doch die Angst und das Misstrauen in die Fähigkeiten seiner Kinder kann er kaum verbergen. In diesem Zuhause müssen Zac und Eva sich ducken und dürfen nicht akzeptieren, was zu ihnen gehört. Als die seltsamen Anfälle ihrer Mutter schlimmer werden, wächst der kleinen Familie die Situation über den Kopf. Besonders Eva fühlt sich immer mehr wie eine Gefangene und ist nicht bereit, länger zu verleugnen wer sie ist.

Kritik: Ein Langreview, ein Langreview! Von meiner Mutter aus Mass… sorry, got carried away. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass Torsten und Doc Acula den hier verpasst haben. Macht nichts, wofür bezahlen sie schließlich mich nicht?

ONE & TWO also. Ein Film, den ich eigentlich mögen wollte, und deshalb von Anfang an fest auf dem Zettel hatte. Inhaltsangabe und Trailer klangen nach X-Men Origins als Coming of Age-Drama im Fundichristen-Land, und das könnte ja durchaus funktionieren, oder?

Tja, was soll ich sagen: meine Herren, wir haben es hier mit einem schweren Fall von KUNST!!! zu tun. ONE & TWO ist ein Film, der nicht nur kein Interesse an Schauwerten und Action hat (was ja nicht per se schlimm ist und was wir schon aus den Vorabinfos wussten), sondern leider auch kein gesteigertes Interesse daran, eine spannende Geschichte zu erzählen. Die Lebenssituation auf der abgelegenen Farm wird sorgfältig und stimmig geschildert, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander (im Wesentlichen ist das hier ein Vierpersonenstück – Mama, Papa und die beiden Geschwister) detailliert vorgestellt – und dann weiß Regisseur und Drehbuchautor Palermo nicht, was er nun damit anfangen will.

Wieso leben sie hier so zurückgezogen? Wieso gab es die Holzwand offenbar schon bevor die beiden Kinder geboren wurden? Wie war das, wenn sich bei kleinen Kindern schon solche Fähigkeiten manifestieren? Und haben die epileptischen Anfälle der Mutter nun etwas mit den Fähigkeiten ihrer Kinder zu tun? Alles, was den Zuschauer eventuell interessiert hätte, wird hier entweder nur mit ein paar kurzen Nebensätzen angerissen oder schlicht gar nicht auserzählt. Der Zuschauer findet so nie wirklich in die Geschichte rein, weil der Film beispielsweise sehr gut darstellt, DASS der Vater Angst vor den Fähigkeiten seiner Kinder hat, aber nicht, WARUM. Nur „er ist halt gläubig und das ist wider Gottes Natur“ ist etwas dürftig.

Dieselbe Erzählfaulheit durchzieht den ganzen Plot. Wenn ich euch etwa verrate, dass Eva im Laufe der Filmhandlung auch einmal Zeit in der Welt außerhalb der Farm verbringen wird, so ist das kaum ein Spoiler, denn das würde ja implizieren, dass das, was sie dort erlebt, für die Handlung irgendwie relevant wäre. Ist es aber nicht. Es ist streng genommen nicht mal besonders interessant. Was macht das mit ihr, wenn sie endlich die Welt sieht, von der sie immer geträumt hat? Der Film sagt es uns nicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass alle Figuren im Film auf Prozac zu sein scheinen. Selbst Entwicklungen, die sich auf dem Papier durchaus dramatisch lesen, entlocken ihnen nur selten wirkliche emotionale Ausbrüche, alles wird hier mit stiller Verzweiflung hingenommen. Jedwedes Drama wird hier so zurückhaltend präsentiert, als wäre Intensität nicht im Budget gewesen. Das macht es auch schwer, die darstellerischen Leistungen zu bewerten. Sie sind schon glaubwürdig, aber sie haben offenbar die Regieanweisung bekommen, so wenig wie möglich zu spielen. Die Schauspieler zu loben wäre daher irgendwie so, als würde man Richard Clayderman einen begabten Pianisten nennen, obwohl man ihn nur einmal „Alle meine Entchen“ hat spielen hören.

Fazit: Leider, leider verwechselt dieser Film die sperrige Verweigerung von Spannung und Drama mit Anspruch. Schade um ein eigentlich interessantes Setup, und allen außer den geduldigsten Arthouse-Liebhabern kann man den Kinobesuch nicht empfehlen. 5/10.

Marcus Heine

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28
August 2015

FFF 2015 Gastreview: Observance

OBSERVANCE

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REGIE

Joseph Sims-Dennett

DARSTELLER

Lindsay Farris, Stephanie King, Tom O’Sullivan, John Jarratt, Benedict Hardie, Brendan Cowell

Offizielle Synopsis: Noch traumatisiert vom plötzlichen Tod seines kleinen Sohnes nimmt Privatdetektiv Parker einen neuen Auftrag an. Um eine junge Frau in ihrer Wohnung zu überwachen, nistet er sich im heruntergekommenen Apartmentkomplex gegenüber ein. Zuerst scheint der Job leicht verdientes Geld. Bald jedoch mehren sich die Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Parkers Beobachtungsobjekt empfängt bedrohlichen Besuch, sein Auftraggeber erpresst ihn geradezu, die Überwachung bis auf Weiteres zu verlängern und das schäbige Quartier entwickelt ein mysteriöses Eigenleben. Als er erschöpft beginnt, in fiebrigen Träumen zu halluzinieren, muss er erkennen, dass eine dunkle Präsenz das Haus in seinem Würgegriff hält. Dann bricht der Wahnsinn über ihn herein…

Kritik: Eigentlich hätte ich den hier als Double Feature mit ONE & TWO besprechen sollen. Dann hätte ich nämlich schreiben können: siehe oben. OBSERVANCE ist wieder einer dieser „künstlerischen“ Filme, die es als unter ihrem Niveau empfinden, ihrem Publikum eine Geschichte zu erzählen. Sperrigkeit ist gut, Unterhaltung ist pfui.

Und so sehen wir hier einen Typen sehr ausführlich in einer versifften Wohnung rumsitzen und aus dem Fenster gucken. Wir bekommen Backstory, die nie wirklich wichtig wird: so steht im Programmheft, dass Parkers Sohn vor kurzem starb. Im Film kann man sich das bestenfalls zusammenreimen (so wird etwa ständig zu Flashbacks eines unwirklich aussehenden Strands geschnitten, wo der Unfall wohl passiert sein soll), und irgendwie wichtig für den Handlungsverlauf oder auch nur zum Verständnis der Filmfigur ist das nicht.

Wenn mal was passiert, wirkt es meistens nicht wie etwas, was normale Menschen machen würden: die angemessene Reaktion auf „ich hab heute morgen schwarzen Schleim ausgekotzt“ ist offenbar „ich ruf meinen Schwager an und lass mir ein paar Grippemedikamente bringen“, und einen Einbrecher in der eigenen Wohnung sieht und hört man selbst dann nicht, wenn man zur Tür reinkommt und derselbe direkt an der Wand daneben steht, nicht mal von der Tür verdeckt oder ähnliches – in der realen Welt wäre das nur mit unsichtbaren Scheuklappen und Taubheit erklärbar.

Und die Erklärung für alles? Tja, da muss man sich mit ein paar dunklen Andeutungen begnügen, was hier eventuell los sein könnte. Auserzählt oder irgendwie verständlich gemacht wird es nicht. Und das, was man sich zusammenreimen kann, ist nicht mal besonders originell oder spannend. Nur auf dem Weg dahin hat der Film zwei oder drei durchaus gelungene unheimliche Szenen zu bieten, das will ich nicht verschweigen.

Fazit: Das hier ist KUNST!!! Und wer es nicht mag, hat es nach Meinung der Macher vermutlich einfach nur nicht verstanden. Ich muss demnach sagen: ich hab es nicht verstanden. Ich denke, wir verstehen uns. 5/10.

Marcus Heine

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28
August 2015

FFF 2015 Zweitgutachten: „The Midnight After“, „Howl“, „Sweet Home“

FFF, Tag 5. Nach zwei Tagen Pause zurück in Köln, abends auf dem Hotelzimmer mit hundsmiserablem WLAN.

THE MIDNIGHT AFTER

The_Midnight_After_posterHongkong 2014

124 min

REGIE

Fruit Chan

DARSTELLER

Janice Man, Kara Hui, Tien-You Chui, You-Nam Wong, Simon Yam

Worum geht’s? Eine Gruppe wild zusammengewürfelter Menschen steigt in Hongkong in einen Nachtbus. Bei der Durchfahrt eines Tunnels blinzeln alle einmal kurz, und schwupps, sind nicht nur alle Autos verschwunden, sondern auch alle anderen Menschen. Freunde sind über Handy nicht mehr erreichbar, sogar bei Notrufnummern geht niemand ran. Hongkong scheint entvölkert. Und so muss sich unser Grüppchen notgedrungen zusammenraufen, um herauszufinden, was hier los ist – zumal sich schnell herausstellt, dass es extrem ungesund endet, wenn man sich alleine durchschlagen will…

Wie ist er? Trailer und Inhaltsangabe klingen nach einem handfesten Mystery-Thriller. Dieser Eindruck könnte nicht falscher sein – THE MIDNIGHT AFTER ist eine fast schon „Groteske“ zu nennende Komödie, die sich über die üppige Laufzeit von über zwei Stunden hinweg in immer neue, immer absurdere Höhen hinaufschwingt. Nicht nur entpuppen sich unsere Überlebenden als Ansammlung enorm schräger Typen, sondern auch als gewiefte Popkultur-Kenner, die die üblichen Verdächtigen im Theorien-Sammelsurium (z.B. der Evergreen „Sind vielleicht WIR gerade gestorben?“) im Schnelldurchlauf abarbeiten und verwerfen. Später gibt es dann geheimnisvolle Maskenmänner, Spaß mit Google Translate und spontane Gesangseinlagen (!) mit animiertem Ad hoc-Musikvideo (!!), oben drauf allerlei Gesplatter. Nachvollziehbare Erklärungen für das Grundszenario, soviel wird schnell klar, interessieren hier nur am Rande.

Gucken? Wenn man mal was ganz Absurdes sehen will, dass zwar keinen Sinn, aber dafür eine Menge Spaß macht. 7/10.

HOWL

howl-hyett-posterGrossbritannien 2015

95 min

 

REGIE

Paul Hyett

DARSTELLER

Ed Speleers, Holly Weston, Elliot Cowan, Amit Shah, Rosie Day, Sam Gittins, Sean Pertwee, Shauna Macdonald

Worum geht’s? Fahrkartenkontrolleur Joe ist gerade nicht so wirklich gut drauf, denn seine ersehnte Beförderung wurde nicht nur abgelehnt, sondern der stattdessen Beförderte verdonnert ihn auch noch zu einer Extraschicht in einem Regionalzug. Ein auf der Fahrbahn stehender Hirsch sorgt für einen unplanmäßigen Halt mitten im vollmondbeschienenen Wald (quasi Wolfs Revier, hehe). Auftritt Werwölfe, Abgang Schaffner Sean Pertwee, Auftakt für ein John Carpenter-Gedächtnis-Belagerungsszenario.

Wie ist er? Hier wurde erkennbar nicht mit dem Anspruch angetreten, große Filmkunst zu schaffen – ein knackiger Partyhorrorfilm soll es sein, mit Blut, Spannung und einer gutdosierten, äh, Dosis Humor. Und genau das liefert der Film auch bestens, dank spielfreudigem Ensemble, einem slicken Look (dass laut des hier in Köln anwesenden Regisseurs nichts davon on Location in einem Zug oder im Wald gedreht wurde, beeindruckt mich – hier sieht nix billig nach Studio aus) und guten, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig gestalteten Monstern (einer meiner Begleiter meinte, die sehen weniger nach Werwölfen mehr nach den Morlocks aus der ZEITMASCHINE aus). Da stört es dann auch nicht, dass das Drehbuch eher zweckmäßig als inspiriert ist.

Gucken? Der Werwolfhorrorfilm wird hier weiß Gott nicht neu erfunden, aber die bekannten Versatzstücke mit Verve und Können abgearbeitet. Wer solche Filme mag, der wird hier bestens unterhalten. 8/10.

SWEET HOME

sweet-homeSpanien/Polen 2015

82 min

 

REGIE
Rafa Martínez

DARSTELLER

Bruno Sevilla, Eduardo Lloveras, Ingrid García Jonsson, José María Blanco, Luka Peros, Oriol Tarrida Homedes, Miguel Ángel Alarcón

Worum geht’s? Irgendwo in Spanien – eine Immobilienmaklerin (glaub ich wenigstens – was genau ihr Job ist, hab ich nicht verstanden) schnappt sich die Schlüssel für ein abbruchreifes, fast völlig leerstehendes Haus, um dort mit ihrem Freund zu seinem Geburtstag ein Schäferstündchen abzuhalten. So eine zugige, siffige und vermutlich nicht mal ordentlich geheizte Bude scheint mir keine besonders romantische Location, aber was weiß ich schon. Leider tauchen justament in dieser Nacht ein paar Männer auf und bringen den letzten regulären Mieter um die Ecke. Es entbrennt ein Kampf ums Überleben für unsere Turteltäubchen, der nicht nur durch allerhand verschlossene Türen und verrammelte Fenster erschwert wird, sondern auch dadurch, dass die Bösewichte noch Verstärkung rufen…

Wie ist er? Das Gute an Slashern ist, dass die Genreformel so einfach ist, dass eigentlich jeder hoffnungsfrohe Nahwuchsfilmer einen drehen kann. Das Schlechte an Slashern ist, dass das dann auch jeder tut. Meistens kommt dabei dann ungenießbare Grütze raus. Selten mal was Gutes oder auch nur Guckbares. Und manchmal sowas wie SWEET HOME.

Das hier will unbedingt ein ernstzunehmender, harter, unironischer Slasher sein. Daran scheitert der Film auf ganzer Linie, trotz achtbarer Darstellerleistungen und schickem Look, der so einiges an Atmosphäre aus seiner malerischen Location „verfallender spanischer Altbau“ rausholt (ich stellte mir den Film über vor, dass sei die Wohnung des Schwesternpaares aus SHREW’S NEST gewesen, nur 50 Jahre später). Aber im Scheitern beschert er uns ein Feuerwerk des unfreiwilligen Humors.

Das Drehbuch schießt sich quasi im Fünf-Minuten-Takt in den Fuß – wie unfassbar verschwurbelt der Film die alte „Warum ruft keiner mit dem Handy die Polizei an“-Frage klärt, muss man gesehen haben, um es zu glauben, und wie der Freund aus der Wohnung, in der er sich verbarrikadiert hatte, rausgekommen ist und nun auf einmal in einer anderen Wohnung, in der sich die Freundin versteckt, auftaucht, mögen die Götter wissen.

Die ursprünglichen drei Schurken sind doof und wenig bedrohlich. Und der „Liquidator“ (so nennt ihn der Abspann), den sie sich dann hinzurufen, ist – natürlich, möchte man sagen – ein zwei Meter großer, stummer Aushilfs-Jason Vorhees, der mit allerhand Heimwerkerutensilien (aber ohne Knarre, das würde ja Sinn ergeben) an sein blutiges Werk geht. Ich wüsste zu gern, was der Kerl im Filmuniversum hauptberuflich macht. Außerdem scheint er OCD-ler zu sein, denn dass im Haus noch lebende Zeugen rumwuseln, hindert ihn nicht daran, in aller Seelenruhe erstmal die bereits angefallenen Leichen akribisch zu zerlegen und zu verpacken. Wo er die Knochensäge anzusetzen gedenkt, markiert er sich übrigens auf der Haut des Opfers fein säuberlich mit Filzstift. Beim Verfolgen in dunklen Gängen nimmt er keine Taschenlampe, sondern Glowsticks – Star Wars-Fans werden sich freuen zu hören, dass seine Sticks rot sind, sich das Final Girl aber einen grünen schnappt. Und wenn er sogar nach dem Erspähen seines Opfers diesem so majestätisch und langsam nachschreitet, dass sie ihm vor der Flucht vermutlich sogar noch einen Kuchen backen könnte (und nein, das ist nicht in Zeitlupe gefilmt, der läuft wirklich so langsam), so wirkt das halt nicht ganz so bedrohlich, wie die Herren Filmemacher sich das gedacht haben mögen.

Auch zu amüsieren wusste die Unentschlossenheit des Films in Bezug auf seine eigene Sprache: der Freund des Final Girls ist Engländer, weswegen die beiden Englisch reden, obwohl wir in Spanien sind. Warum die Schurken miteinander manchmal auch Englisch reden, wenn sonst keiner dabei ist, obwohl das Spanier sein sollen – fragt mich nicht, ich habe keine Erklärung, zumindest keine außer „die wollten den Film halt zwecks besserer Vermarktung größtenteils auf Englisch drehen und sind dabei beim Schreiben durcheinander gekommen“.

Falls in Köln wer davon genervt war, warum da einer im Kino ab der zweiten Hälfte dauernd gekichert hat, sorry, das war dann ich.

Der Abspann verkündet übrigens stolz, dass durch die Produktion dieses Films 154 Jobs geschaffen wurden. Böse Zungen könnten darauf hinweisen, dass es mit einem fähigen Drehbuchautor sogar 155 hätten sein können, aber dann wäre uns viel unfreiwillige Komik entgangen…

Gucken? Eigentlich taugt der Film ja nichts. Aber er scheitert auf so amüsante Weise, dass ich eingefleischten Slasherfans, so sie denn Humor haben, nicht guten Gewissens davon abraten kann. 5/10.

So, es ist spät, und ich bin erledigt. ONE & TWO und OBSERVANCE hab ich aber heute auch gesehen und werde Langreviews (da bis jetzt vom Doc und vom Wortvogel noch unreviewt) dazu noch morgen oder am Wochenende nachreichen. Kurz gesagt: Kinder, freut euch auf GROSSE FILMKUNST. Und ja, das ist als Drohung aufzufassen.

Marcus Heine

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25
August 2015

FFF 2015: 88

88

88-poster-1Kanada 2014

REGIE

April Mullen

DARSTELLER

Katharine Isabelle, Christopher Lloyd, Michael Ironside, Jesse McCartney, Tim Doiron, Kyle Schmid, April Mullen

Offizielle Synopsis: Eine junge Frau erwacht völlig orientierungslos in einem Diner. Sie hat keine Ahnung wer sie ist oder wie sie dort hingekommen ist. Die hastig durchsuchte Handtasche bringt wenig verwertbare Hinweise: Der übliche Kleinkram, ein Motel-Schlüssel und… eine Waffe? Als die Kellnerin das Kleinkaliber erspäht, löst sich in der allgemeinen Panik ein Schuss und fortan ist die schöne Unbekannte – Gwen, wie wir später erfahren – auf der Flucht. Doch mit der Knarre im Gepäck, bleibt sie nicht lange die Gejagte.

Kritik: So, heute sind gleich zwei FFF-Veteranen am Start: „Ginger snaps“- und „American Mary„-Hottie Katherine Isabelle und Raubein Michael Ironside darf man mittlerweile bei fast jedem Filmfest in einem oder zwei Streifen begrüßen. Vertraute Gesichter wie Lena Headey und Ron Perlman, wie Lance Henriksen und Rutger Hauer.

Der Aufhänger: Gwen hat durch ein Traum die Persönlichkeit gewechselt, alterniert zwischen überfordertem Gangsterliebchen und eiskalter Killerin. Sie ist Täter und Opfer zugleich – was ihr natürlich niemand glauben wird. Und in ihrer Rolle als „Flamingo“ hat sie einen ganz eigenen Satz Freunde und Feinde…

Die Rollenverteilung: Nicht gerade gegen den Strich gebürstet – Isabelle gibt wie immer die gefährliche Femme Fatale, während Ironside als Cop knurrig Antworten verlangt. Außergewöhnlich und erstaunlich effektiv dagegen: Christopher Lloyd als melancholisch-cholerischer Provinzgangster.

Das Genre: Ein Neo(n)-Noir mit Gewalteinsprengseln irgendwo zwischen Quentin Tarantino und John Dahl. Ansätze von Road Movie, auch wenn die vielen Autofahrten – typisch für diese Sorte Film – nirgendwo hin führen. Die Charaktere drehen sich emotional und faktisch im Kreis.

Die Bilder: farbsatt und weich, eng und trist. Was in dieser Welt bunt ist, ist falsch, soll nur locken wie die blinkenden Reklamen des öden „Flamingo“-Clubs oder das knallrote Kleid von Gwen.

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Die Inszenierung: Zu auffällig, zu marktschreierisch. Hier werden so ziemlich alle Editing-Techniken der Filmhochschule in 88 Minuten gequetscht, bis die einzelnen Frames vor Spielereien bersten. Zeitlupen, extreme Nahaufnahmen, ungewöhnliche Winkel, Perspektivwechsel, Filter – man muss nicht alles machen, was man machen kann, vor allem, wenn die Narrative schon genug Konzentration vom Zuschauer erfordert.

Das Problem: Um seinen Twist zu ermöglichen, muss „88“ ständig seine Zeitebene wechseln, muss die Geschichte von „Flamingo“ und von Gwen parallel erzählen. Das ist ansatzweise faszinierend, weil Katherine Isabelle beide Rollen glaubwürdig rüberbringt, schießt sich aber ins Knie, weil es irgendwann zu wirr und schwer zu verfolgen wird.

Das Ergebnis: Irgendwann steigt man aus, lässt die Bilder an sich vorbei rollen, schreckt nicht mal mehr bei den gewollt theatralischen Gewaltausbrüchen auf. Was ein kleiner Film mit solidem Handwerk sein sollte, verschluckt sich am Tuning – andererseits: Millennium hat den Verleih übernommen, irgendwem muss es also gefallen haben. Und diese Person verdient mit ihrer Meinung sicher viel mehr Geld als ich.

Fazit: Slick inszenierter, aber letztlich zu selbstgefälliger und gewollt dekonstruierter Thriller, der spätestens ab der zweiten Hälfte in Comicterritorium abdriftet und dann nur noch von seinem beeindruckenden Cast getragen wird. 6/10.

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25
August 2015

Der Jahrestag vor dem Jubiläum

Gut, der 30. Geburtstag von Roxette mag relevanter sein, der 85. von Sean Connery auch – aber sei’s drum.

Das hier war der Anfang allen Elends:

first

Ehrlich gesagt: Gefällt mir heute noch, ist alles drin – Humor, Häme und Gesellschaftskritik.

Neun Jahre ist das her. Demnach ist das „große“ zehnjährige Jubiläum erst 2016 dran und dafür werde ich mir was einfallen lassen. Heute müsst ihr euch mit ein paar losen Gedanken begnügen.

Nach aktuellem Stand habe ich 2920 Beiträge verfasst, also knapp vier alle fünf Tage. Über 75.000 Kommentare habe ich stehen lassen, das sind knapp 26 pro Beitrag. Der fleißige Wortvogel hat eine fleißige Leserschaft, wie es scheint. Oder eine arbeitslose.

Ich genieße die Diskussionen übrigens nicht weniger als die Artikel selber. Man mag mich für einen harten, dickköpfigen Knochen halten, aber auch wenn ich selten meine Meinung ändere, so schärft der Diskurs doch zumindest meine Argumentation.

Wer oberflächlich hinschaut, mag konstatieren, dass die großen Diskussionen etwas nachgelassen haben, aber das täuscht. Sie haben sich nur teilweise nach Facebook verlagert, wo es vielen Leuten einfacher fällt, sich im Rahmen ihres Streams an Gesprächen zu beteiligten.

Überhaupt Facebook: Vieles, was ich früher in kleinen Beiträgen hier verwurstet habe, landet nun direkt dort. Weil es einfacher ist und weil ich den Wortvogel sowieso weniger als Gimmick-Blog sehe. Das hier ist eine Plattform für Texte, Diskussionen, Meinungen, Kritik. Hätte ich nicht solche Probleme mit dem Hause Springer, würde ich es so sagen: Wortvogel ist die WELT, Facebook die BILD.

Blicken wir ruhig mal zurück. Im August 2006 war ich Single (notorisch und permanent), lebte in meinem Haus in Obergiesing in München, arbeitete primär als Drehbuch- und Romanautor, hatte kein Auto, dafür aber eine Schildkröte. Michael Jackson lebte noch, Saddam Hussein auch. George Bush war Präsident der USA. PC-Notebooks waren meine Arbeitsgeräte und ich hatte eine Glatze. Abends freute ich mich auf neue Folgen von „House“.

Wenn ich mir die ersten Monate Content so ansehe, überrascht mich, dass mein Blog vor neun Jahren gänzlich ungeplant und konzeptfrei, aber voll gestaltet auf die Welt kam. Liest man heute eine beliebige Reihe von Beiträgen aus den Jahren 2007 oder 2008, dann ist die Handschrift gleich geblieben, die Themenauswahl und die Sprache. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass ich als Journalist und Autor meine Persona bereits vorher formen konnte und sie nicht im Blog erst wachsen musste.

Konventionelle Medienweisheit ist, sich ständig neu zu erfinden, um relevant und für die Zielgruppe frisch zu bleiben. Ich halte davon wenig. Wer hier her kommt, der soll wissen, was ihn erwartet – umso mehr, je länger er dabei ist. Die Vertrautheit ist ein Gut, mit dem ich nicht brechen mag, nur um damit um neue Leser zu buhlen. Der Wortvogel ist nicht Madonna. Meine Leserschaft darf mit mir altern.

Man sollte übrigens nicht den Fehler machen, die Persona mit der Person zu verwechseln. Torsten Dewi ist der Wortvogel – aber der Wortvogel ist nicht Torsten Dewi. Die beiden sind sich sehr ähnlich, so ähnlich, dass man sie vermutlich niemals in ein Zimmer sperren dürfte, wenn man Blutvergießen vermeiden will. Aber Torsten Dewi ist der weichere, menschlichere Charakter, der selbstverständlichere. Zumindest redet er sich das ein.

Es gab viele Highlights in den neun Jahren. BPK, MV, CB, FR und VK mögen glauben, dass sie hier richtig Rabatz geschlagen haben, dass sie sich epische Schlachten mit mir und euch geliefert haben, aber sie irren – sie waren Content, Entertainment für mich und meine Leser, irrwitzige Abwechslung. Ich habe ihnen in der Weise einen Platz im Rampenlicht gegeben, wie man früher die Ochsen am Nasenring über den Marktplatz zog. Für ihre cholerische Streitsucht, ihren blinden Größenwahn und ihre verlässliche Uneinsichtigkeit bin ich ihnen dankbar.

Lese ich mein eigenes Blog quer (und es ist der Eitelkeit geschuldet – ja, das tue ich), dann bleibe ich seltener an den großen Schlachten hängen, am tagelangen Gezerre um dieses Wolkenschloss und jene Kopfrosine. Eher lassen mich die leisen Geschichten inne halten, die Nachrufe, die schmerzhaften Erinnerungen und Erlebnisse. Es sind diese Texte, in denen ich meinen eigenen Ansprüchen als Autor (selbst)gerecht werde.

Das Lowlight? Einen einzigen Artikel habe ich in neun Jahren nach heftiger Diskussion in der Kommentarspalte, die mir entglitten ist, wieder offline genommen. Das war eine schmerzhafte Erfahrung – ich hatte mich am späten Abend und in generell mieser Laune hinreißen lassen. Die Offlineisierung des Beitrags war auch eine Bestrafung meiner eigenen Person.

Knapp 70 IP-Adressen habe ich geblockt, von geschätzt gerade mal 10 renitenten Trollen, die immer wieder versuchen, hier mit Störfeuer Unfrieden zu stiften. Auch auf diese geringe Zahl bin ich stolz, denn über die Jahre habe ich meine Toleranzschwelle gesenkt: Heute fliegt schon, wer als Erstkommentator offensichtlich nur provozieren will. Und das funktioniert ganz prima. Man muss nicht meiner Meinung sein, aber das ist kein Freifahrtschein für Vollidioten. Bloghygiene ist ein hässliches Wort, aber ein verlässliches Konzept.

Stellt sich dann und wann Blogmüdigkeit ein, schleicht sich die Frage „Kannst du deine Lebenszeit nicht produktiver ver(sch)wenden?“ manchmal ins Hirn? Sicher. Ich würde schätzen, die mit dem Blog verbrachte Zeit entspricht locker einem halben Dutzend Romane oder einem guten Dutzend Drehbücher. Ich hätte meine Autorenkarriere mit ganz anderer Konsequenz voran treiben können, wenn ich meine Abende nicht mit euch verbracht hätte.

Aber wo wäre denn da der Spaß geblieben?!

Ich brauche das hier. Gerade angesichts von vier Umzügen in den letzten vier Jahren ist das Blog mein Zuhause und ihr seid – ob ihr wollt oder nicht – meine soziale Sphäre. Freunde, Römer, Mitbürger. Euch erzähle ich meine Sorgen, meine Ideen, meine Triumphe und meine Niederlagen. Und wenn sonst nichts anderes anliegt: meine schlechten Witze. Solange ihr dabei bleibt, gehe ich hier auch nicht weg.

Ich spüre aber, dass es Zeit für einen frischen Anstrich wird, dass der Wortvogel mal neu tapeziert und ordentlich durchgewischt werden muss. Momentan fehlen mir lediglich die Mitstreiter auf der gestalterischen Ebene. Aber das wird sich ergeben. Wie so vieles.

August 2015. Ich bin verheiratet, lebe in einer sehr schönen Wohnung in Baden Baden. Wir haben zwei Autos, zwei Katzen, ich trage Brille und volles Haupthaar. In den USA geht die zweite Amtszeit von Barack Obama zu Ende. Mein Geld verdiene ich primär als Journalist, ich arbeite auf Macbooks und schaue gerne „The Great British Bake Off“.

Ein ganz anderes Leben – und doch immer noch der gleiche Wortvogel.

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25
August 2015

FFF 2015 Gastreview: Excess Flesh

Excess Flesh

excessUSA 2015. Regie: Patrick Kennelly. Darsteller: Bethany Orr, Mary Loveless, Wes McGee, Sheresade Poblet u.a.

Story: Jill und Jennifer wohnen gemeinsam in einer WG. Während Jill eher ein leicht übergewichtiges hässliches Entlein ist, plant Jennifer eine Model-Karriere und schläft mit den attraktivsten Typen der Stadt. Jill ist neidisch auf ihre Mitbewohnerin – erst recht, weil beide gern mal abends Kartoffelchips und Kuchen in sich reinstopfen und Jennifer trotzdem ihre Top-Figur hält. Jill hingegen quält sich mit dem Erbrechen von Essen und Strafschlägen ins eigene Gesicht, wenn sie nicht anders kann und im Heißhunger-Wahn fette Mikrowellenkost vertilgt.

Aber es nützt nichts: Sie wird nie so wie Jennifer sein. Der Frust darüber nimmt angesichts dieser bitteren Erkenntnis irgendwann überhand – und Jill kommt zu dem Schluss: Wenn Jill schon nicht wie Jennifer sein kann, dann soll Jennifer wenigstens wie Jill werden…

Kritik: Ich weiß nicht, was ich eher empfehlen soll: vor dem Film was essen oder hinterher? Vermutlich ist beides nicht ratsam, denn bei diesem vergeht einem entweder rasch der Appetit oder das im Magen befindliche will ein bisschen Aufzug fahren. Dass mir Filme, in denen Kot oder Kotze eine unangenehme Rolle spielen, schwer auf den Magen schlagen, wusste ich. Aber dass auch ein Film, in dem exzessiv gefressen wird (und in diesem Film wird wirklich durchgehend gefuttert), mir Bauchgrimmen verursacht, ist eine neue Erfahrung.

Insofern kann ich Regisseur Patrick Kennelly nur beglückwünschen, mit dieser Art Hardcore-Fressen-Parade einen Film geschaffen zu haben, der den freudigen Griff zur Chipstüte im Kino nicht gerade befördert. Wer ohnehin gerade Diät macht, sollte dieses Werk unbedingt anschauen: Die Lust auf Essen ist hinterher erstmal weg.

Bethany Orr beherrscht als Jill das Geschehen voll und ganz. Es gibt minutenlange Frequenzen, in denen wir ihr beim Fressen und anschließender Selbstkasteiung zusehen dürfen. Das ist derart überzeugend und uneitel gespielt, dass man den Blick nicht abwenden kann. Vielleicht hätte Kennelly seinen Film noch mehr auf sie fokussieren sollen, ähnlich wie einst Polanski es mit Catherine Deneuve in „Ekel“ tat. Stattdessen erleben wir in der zweiten Hälfte eine eher konstruiert wirkende Racheaktion an der Mitbewohnerin, die dann nicht mal konsequent zu Ende erzählt wird. Der Film verliert sich letztlich in dem Bemühen, beim Inszenieren der Fressorgien immer noch einen draufzusetzen – und irgendwann wird’s dann bescheuert.

Fazit: Ein Film, der nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Magen bleibt. Das ist doch eine reife Leistung. 7/10 Punkten.

Holger Kreymeier

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25
August 2015

FFF 2015 Zweitgutachen: „Kung Fu Killer“, „Backtrack“, „Shrew’s Nest“, „Infini“, „Scherzo Diabolico“

FFF, Tag 4. Diesmal mit 100% mehr Verrissen als am Vortag. Und dem vermutlichen Höhepunkt dieses Festival-Jahrgangs.

KUNG FU KILLER

kung-fu-jungle-posterWorum geht’s? Durchgeknallter Serienkiller fordert die Meister diverser Kung Fu-Techniken zum tödlichen Duell, um selbst Nr. 1 zu werden. Die Polizei holt Kung Fu-Gott Donnie Yen aus dem Knast, damit er bei der Fahndung hilft – nicht ahnend, dass der irre Killer Donnie von Anfang an als seinen persönlichen „Endgegner“ sieht.

Wie ist er? Man nehme einen kompetent gemachten, durchaus spannenden, aber auch nicht herausragenden Serienkillerjagd-Thriller, und packe dann da ganz viel Kung Fu rein. Das ist das hier, nicht mehr und nicht weniger. Die Action ist, wie man das vom Hongkong-Kino gewohnt ist, amtlich, vor allem der Schlusskampf im fließenden Verkehr.

Gucken? Wenn man Kung Fu mag, ja. Wenn man Serienkillerjagden mag, kann man auch. Aber im Wesentlichen, wenn man Kung Fu mag. 8/10.

BACKTRACK

backtrackWorum geht’s? Der Psychiater Peter hätte wohl selber professionelle Hilfe nötig – er und seine Frau sind über den Tod ihrer Tochter bei einem Verkehrsunfall noch immer nicht hinweg. Als er immer wieder von einem geheimnisvollen Mädchen „heimgesucht“ wird und sich auch sonst die seltsamen Geschehnisse häufen, tritt der mittlerweile selbst an seinem Verstand zweifelnde Peter die Reise in die Kleinstadt an, in der er aufgewachsen ist, um einem dunklen, lange verdrängten Geheimnis seiner Vergangenheit auf den Grund zu gehen.

Wie ist er? Geisterhorrorfilme gibt es ja jedes Jahr auf dem FFF. Dieser hier hat einen edlen Look, einen gewohnt guten Adrien Brody und leidliche Spannung. Nur originell ist er leider überhaupt nicht, und die Neigung zu billigen, mit übertriebener Geister-CGI gewürzten Jumpscares nervt schon etwas.

Gucken? Komplettisten des „Eine Tür knarrt“-Genres kommen hier durchaus auf ihre Kosten, der Rest ist entschuldigt. 6/10.

SHREW’S NEST

ShrewsNestPoster-thumb-630xauto-47594Worum geht’s? Spanien irgendwann in den 50ern – das gerade erst 18 gewordene „Mädchen“ (ihren Namen erfahren wir nie) lebt mit ihrer Schwester zusammen, die sie auch alleine aufgezogen hat. Besagte Schwester traut sich sein über zehn Jahren nicht mehr aus dem Haus und ist auch sonst mit „neurotisch“ noch wohlwollend umschrieben. Als sie eines Tages einem verletzten Nachbarn in ihre Wohnung hilft und für diesen Gefühle entwickelt, ist das nur der Auftakt zu einem Strudel tödlicher Ereignisse, der bald Vergangenheit und Gegenwart des Schwesternpaares auf schicksalhafte Weise verkettet…

Wie ist er? Ich halte mich mit weiteren Details lieber mal zurück, denn je weniger man vorher weiß, desto besser. Denn dieser Film aus dem Dunstkreis von Spaniens Kultfilmer Alex de la Iglesia ist nicht gut. Er ist großartig. Ein finsteres Horrordrama, gegen das sich MISERY (mit dem er oberflächliche Ähnlichkeit aufweist) wie ein Kindergeburtstag ausnimmt – hier wird langsam, genüsslich und in erlesene (und sehr blutige) Bilder verpackt eine Familiengeschichte aufgeblättert, in der sich Verlust, Trauer, Religion und Wahnsinn zu einem perfekten Sturm verbinden und eine Hölle auf Erden erschaffen, die sprachlos zurücklässt. Und mitten drin in einem unfassbar guten Ensemble thront Macarena Gomez, die FFF-Veteranen ja bestens bekannt sein dürfte und die hier vermutlich die Performance ihres Lebens abliefert, als verhärmtes, von Ängsten und Gottesfurcht beherrschtes Monstrum, so verstörend und furchteinflößend wie bemitleidenswert, sobald man versteht, warum sie so geworden ist, wie sie in dieser Umgebung wohl werden musste.

Gucken? Scheißt ein Bär in den Wald? 10/10.

INFINI

infinionesheetWorum geht’s? Die Zukunft. Militärische Spezialeinheit wird an den Arsch der Galaxis gebeamt, um auf einem Bergbauaußenposten eine Katastrophe mit potentiell fatalen Folgen für die ganze Menschheit abzuwenden. Was sie dort finden, übertrifft all ihre (wenn auch nicht meine, aber ich greife vor) Erwartungen.

Wie ist er? AAAAAAAAAARGH!

Ähempt. Der Film ist wirklich nicht gut, wollte ich sagen.

Wo fange ich an? Der Film macht einen jämmerlich schlechten Job, wenn es darum geht, dem Zuschauer die Regeln dieser „Zukunftsvision“ zu erklären. Man könnte Seiten damit füllen, was hier nicht erklärt wird, keinen Sinn ergibt oder aufgebracht und dann vergessen wird. Mach ich aber nicht – auch schlechte Filme genießen Spoilerschutz.

Doch ein paar (wenig-spoilernde) Beispiele gefällig? Gerne. Wieso sagt uns der Film in der Eröffnungstexttafel, dass die Technik des „Slipstreaming“ (also das Beamen durchs halbe Weltall, gell) wegen der hohen Sterblichkeitsrate und der Gefahr der „data corruption“ (letzteres sogar im Text hervorgehoben) umstritten sei, ohne darauf je wieder einzugehen? Haben wir nicht in INTERSTELLAR gelernt, dass für eine Person subjektiv gesehen weniger Zeit vergeht, je näher die Person einem Schwarzen Loch kommt (hier ist das umgekehrt), und welchen dramaturgischen Sinn hat es, dass der Außenposten in der Nähe eines Schwarzen Lochs liegt und die Rettungsmission aus Erdsicht nur ein paar Minuten dauert (ich wünschte, ich könnte dasselbe über den Film sagen, aber ich greife vor)? Wieso überlebt unser Held einen Sturz in einen Schacht, der ihn von der Fallhöhe her hätte verkrüppeln oder töten müssen? Wieso schneidet der Film ständig auf die schwangere Frau des Helden, die für die Filmhandlung völlig überflüssig ist (von einer tödlichen Mission lebend zurückkommen zu wollen, wäre mir Motivation genug, auch ohne dass Weib und Kind auf mich warten)? Was sollen die ständigen chaotischen Ultrakurz-Flash-Forwards (oder-Flashbacks, was weiß ich)? Warum kann keiner in diesem Film deutlich reden?

Dass die Story Kappes ist, wäre zu verschmerzen, wenn der Rest was taugen würde. Aber was uns hier aufgetischt wird, besteht halt zu 90% aus „Idioten rennen durch Raumstationsgänge und brüllen sich an“. Die restlichen 10% sind Technobabble, Gekloppe, Geballer und Kameramätzchen. Und das Ganze auf unfassbare zwei Stunden gestreckt – hier dauert jede Szene gefühlt doppelt so lang, wie sie müsste. Tiefpunkt ist eine bestimmt über fünfminütige Sequenz, in der sich zwei der letzten Überlebenden (durch Jumpcuts getrennt) entweder anschreien oder –kichern, obwohl es doch eigentlich nur darum geht, ob man nun den Mediziner des Teams suchen gehen soll oder nicht.

Technisch ist der Film kompetent, aber billig und ohne nennenswerte Schauwerte.

Ein besonderes Leckerli ist das Ende. Man kann es auf, soweit ich das im Moment sehe, zwei Arten interpretieren. Die kann ich hier aus Spoilergründen wirklich nicht erklären, aber sie unterscheiden sich eh nur darin, dass der Film entweder nur einfallslos oder komplett debil endet.

Gucken? DOOM für Low Budget-SciFi-Hipster. Wir raten ab. 3/10.

SCHERZO DIABOLICO

Scherzo-Diabolico-PosterWorum geht’s? Aram ist ein Loser mit nörgelnder Frau, der im Büro nie das Maul aufreißt und daher immer die Arbeit macht, ohne je was davon zu haben. Sein Plan, endlich mal zu Geld zu kommen, hat was mit Entführung zu tun, ist nicht wirklich plausibel und funktioniert, insgesamt betrachtet, eher bescheiden.

Wie ist er? Das musste ja so kommen – ein Film, bei dem ich beim besten Willen nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Nähere Erklärungen entfallen abermals zum Spoilerschutz, aber insgesamt ist diese mexikanische Low-Budget-Nummer hier entweder ein weitgehend unspannender Thriller oder eine weitgehend unlustige Komödie, hat nur unsympathische Figuren und braucht ellenlang, um auf ein nicht besonders glaubwürdiges oder interessantes Twistende hinauszulaufen.

Gucken? Hat nicht der Doc dazu ein Review geschrieben? Ja? Gut, dann lest das. Ich hab nix zum Film zu sagen, außer, dass ich persönlich ihn doof fand. 4/10.

Und nu eine kurze Pause – mein FFF geht erst am Donnerstag weiter…

Marcus Heine

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24
August 2015

Saftladen: Äpfel und Birnen vergleichen

Ich bin bekanntermaßen niemand, der Kundenverarsche lustig findet. Es ist nicht okay, irgendwo „100 Prozent Frucht – Geschmack Erdbeer“ drauf zu schreiben, wenn über 90 Prozent Äpfel drin sind.

Neulich ist mir ein weiteres schöneres Beispiel für diese Form von Beschiss untergekommen. Während des Fantasy Filmfest 2015 in Nürnberg habe ich mir immer mal im sicher gedrängtesten und unschönsten ALDI der Republik was für den Durst zwischendurch gekauft. Ich bin da nicht wählerisch, primär greife ich zu Wasser mit irgendeinem Fruchtaroma, was sich auch zimmerwarm noch trinken lässt.

An einem dieser Tage für mich auf dem Kassenband:

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Was lesen wir da? „Pfirsich-Melone“ und satte (na ja) „30% Fruchtgehalt“. Passt zur Hydrierung zwischen den Horrorheulern allemal. Schmeckte auch nicht schlecht. Durch viele Jahre Konsumkritik misstrauisch geworden, setzte ich mir allerdings mal spaßeshalber die Brille auf und las das Kleingedruckte:

saft2

Wir stellen fest: Von den 30 Prozent „Fruchtgehalt“ sind satte 25 Prozent Apfel- und Traubensaft. Weitere 4,4 Prozent macht wohl der Zitronensaft aus, denn nur sage und schreibe 0,6 PROZENT dieses „Pfirsich-Melonen-Safts“ bestehen aus tatsächlichem Pfirsich- und Melonen-Saft. Und selbst das ist Konzentrat.

Ich stelle mir vor, dass irgendwo Laboranten in weißen Kitteln mit der Pipette exakt einen Tropfen Pfirsich-Melonen-Konzentrat in jede Flasche füllen und dann gut schütteln.

Der Witz ist: Mit der ehrlicheren Bezeichnung: „Apfelsaft/Traubensaft-Schorle“ hätte ich das Zeug lieber gekauft.

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24
August 2015

FFF 2015 Zweitgutachten: „Get Shorty“, „Stung“, „Turbo Kid“, „Ava’s Possessions“

FFF, Tag 3. Abermals im Hotelzimmer kurz vor der Heia, solange die Eindrücke noch frisch sind. Heute im Programm: Kurzfilme, ein Verriss, eine Lobeshymne, und eine Portion Ratlosigkeit.

GET SHORTY

Das Kurzfilmprogramm in Ultrakurzfassung.

DAY 40: blasphemische Animationsverfilmung der Schöpfungsgeschichte. Hab sehr gelacht.

HE TOOK HIS SKIN OFF FOR ME: Der Titel ist wörtlich zu nehmen, und der Film holt aus der Prämisse raus, was geht. Okay.

RABBIT 105: Horror im Parkhaus. Es ist vor allem – sehr zäh.

RAMONA: hat keine Handlung, von der er wüsste. Ich wäre eingepennt, aber am Ende läuft „She’s in Parties“ von Bauhaus. Laut. In voller Länge. Das macht den Film zwar nicht besser, aber ich wollte es erwähnen, dass ich den Song auf der guten Soundanlage des Kinos sehr gerne angehört habe.

HERMAN THE GERMAN: tja, es gibt ihn doch, den guten deutschen Festivalbeitrag. Sehr amüsant. Eine Langfilmfassung braucht es aber nicht.

TUNING OSCAR: Oscar versprach seiner Freundin, nach ihrem Tod zwei Jahre enthaltsam zu bleiben. Aber was, wenn die neue, heiße Freundin eine halbe Stunde vor Ende der Frist partout nicht mehr warten will? Sollte Oscar wirklich die Rache eines Geistes fürchten? Das Highlight des diesjährigen Kurzfilmprogramms.

LA HORA DEL BANO: Macarena Gomez wird nachts vom Geschrei des Babies geweckt und nutzt die Gelegenheit, mit dem Göttergatten ein paar grundsätzliche Dinge, äh, „auszudiskutieren“. Es wird sehr abgedreht, und stellenweise eklig. Keine Ahnung, was man davon halten soll, echt nicht.

STUNG

stung-2015-posterWorum geht’s? Mutierte Killerwespen überfallen Gartenparty. Wer gestochen wird, mutiert selber zur Wespe. Und das ist eigentlich bereits eine komplette Zusammenfassung des ganzen Films.

Wie ist er? Jenseits von säglich. Wir hatten in Köln den Regisseur und den Produzenten zum Q&A da, die uns stolz erzählt haben, wie der Film aus einem „Ideenwettbewerb“ von vor ein paar Jahren hervorging und wie toll sie es finden, dass wir alle heute Abend gekommen seien, um den deutschen Genrefilm trotz der jahrelangen Durststrecke, die hinter uns läge, weiter zu unterstützen. Ich hätte eigentlich aufstehen und sagen müssen, dass ich bestreiten würde, dass besagte Durststrecke rum ist, und dass die Existenz derselben keinen verwundern kann, wenn das hier die beste Filmidee war, was bei ihrem tollen Wettbewerb zutage gefördert wurde.

Denn mal echt, Rat Pack: wollt ihr ernsthaft schon dafür beklatscht werden, dass ihr mittlerweile auch das filmische Niveau von Asylums Megafurz-vs.-Riesenwasauchimmer-Creature-Features erreicht habt, nur mit besseren Effekten? Bei STUNG stimmt außer diesen nämlich nichts: Handlung, Erzähltempo, Schauspieler, Witz, Ideen, Atmosphäre, Inszenierung, es ist alles, alles, alles furchtbar und lieblos hingemurkst. Der Film ist öde, unlustig, unspannend, uninspiriert. Ich erwähne gerne nochmal die gelungenen Monstereffekte, weil sie das einzige hier sind, was über „gerade noch passabel“ hinausgeht. Und selbst das gilt nur für die Viecher selbst – ich habe keinen einzigen Kill gesehen, den ich „memorabel“ nennen würde, das übliche Aufspießen und aus dem Körper ausbrechen regiert.

Gucken? Um Gottes willen, nein. Es sei denn, man ist Masochist oder hat ein Faible für Oldschool-Effekte. Oder wenn er auf SchleFaZ läuft. 2/10.

TURBO KID

DownloadWorum geht’s? Es ist die Zukunft – bzw. das, was man sich in den B-Filmen der 80er als Zukunft vorgestellt hat. Die Zivilisation ist am Ende, Wasser ist Mangelware, das Gesetz des Stärkeren regiert. Benzin gibt es wohl auch keins mehr, weswegen alle auf Fahrrädern unterwegs sind. Hier träumt der Junge „Kid“ davon, ein Superheld zu werden. Dank eines skurrilen Mädchens und der abgelegten Waffe eines echten Superhelden könnte das was werden….

Wie ist er? Einer meiner Festival-Mitstreiter sagte mir, der Film sei eine einzige Hommage an 80s-Nerdkultur mit tausenden Anspielungen auf obskures Zeug aus Film und Fernsehen. Tja, da hat er bei mir Pech gehabt, als Zu-Spät-Geborener erschließt sich mir das Meiste davon nicht.

Und wenn ich euch eins sagen muss, dann das: das ist völlig egal. Der Film ist derartig witzig, übermütig, temporeich und liebevoll, so vollgestopft mit Gags und derbem, handgemachtem Splatter, dass man die Insiderjokes nicht kapieren muss, um sich prächtig zu amüsieren. Besondere Erwähnung verdient Laurence Leboeuf, die so ziemlich jede Szene stiehlt, auch wenn sie mal gar nichts sagt – allein dieses unfassbare Grinsen ist schon eine Punchline für sich, absolut durchgeknallt und gleichzeitig sehr, sehr süß. Hach…

Gucken? Wenn man auf eine aufwendig polierte Machart verzichten kann und auf abseitigen Humor und Gewaltszenen steht, dann sollte man sich den hier nicht entgehen lassen. 9/10.

AVA’S POSSESSIONS

avas-possessions-posterWorum geht’s? Die frisch exorzierte Ava muss sich einer Selbsthilfegruppe für Ex-Besessene anschließen, um nicht für die Taten, die der Dämon in ihrem Körper begangen hat, in den Knast oder die Klapse zu wandern. Dort lernt sie, wie sie sich für die Rückkehr ihres übersinnlichen Untermieters wappnen kann – und was in der Zeit der Besessenheit, an die sie sich nicht erinnern kann, so alles passiert ist…

Wie ist er? Nach dem Geschreibsel im Programmheft hätte ich eigentlich eine Komödie erwartet. Der Film ist auch in der Tat durchaus mit einem gewissen skurrilen Augenzwinkern erzählt und liefert durchaus Witz, aber er interessiert sich mehr dafür, seine Prämisse auszuerzählen als sie für Gags auszuschlachten. Das macht den Film mal witzig, mal spannend, aber immer interessant. Allerdings ist er auch sehr ruhig und nicht eben eine Tempogranate. Schauspielerische Leistungen und Inszenierung sind gefällig, wie auch der Soundtrack.

Gucken? Wie ihr an meinen schwammigen Ansagen oben schon gemerkt habt – kein einfacher Film zum Bewerten und Empfehlen. Ich hab ihn gemocht, aber zu sagen, wer einen Blick riskieren sollte und wer nicht, fällt schwer. Deshalb ein vermutlich unbefriedigendes: wer sich darauf einlassen will, sollte dies tun, aber ohne Gewähr. 7/10.

Marcus Heine

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August 2015

FFF 2015 Zweitgutachten: „Hyena“, „The Invitation“, „Nina Forever“, „Tale of Tales“, „Bound to Vengeance“

Ein weiterer Tag beim FFF in Köln. Es ist spät, ich sitze im Hotelzimmer, und hau das jetzt raus, ohne zu lesen, was der Doc und der Vogel geschrieben haben. Mal sehen, ob ich auf diesem Wege das mit dem „kurz und knackig“ diesmal schaffe.

HYENA

8368_poster_iphoneWorum geht’s? Korrupter Londoner Bulle will sich ins Drogengeschäft einkaufen und verheddert sich zunehmend in seinen Betrügereien, als albanische Menschenhändler seinen Kontaktmann zerhäckseln.

Wie ist er? Zum Tagesauftakt ein Brit-Gangsterstreifen der extradreckigen Schule, in dem sich unsympathische Menschen in tristen Gegenden gegenseitig fertigmachen und dabei so feisten Dialekt sprechen, dass man nur jeden zweiten Satz versteht. Ein Film, der zunächst sehr zähflüssig anläuft, aber irgendwann dann doch an Fahrt gewinnt und dank guter Darsteller und solider Regie zu gefallen weiß. Diesen über die Laufzeit zu bemerkenden positiven Trend reißt er dann zum Ende leider mit dem Hintern wieder ein: dieser Film endet nicht, sondern stoppt mitten im Auftakt zum Finale einfach, wie ein Computer, der sich beim Hochladen eines Programms aufhängt.

Gucken? Meiner Meinung nach nicht. Man DARF sich als Filmemacher natürlich entscheiden, das Finale einfach wegzulassen. Und ich darf das dann Scheiße finden. Schade. Wer solchen grimmigen Sozialbau-Gangsterstreifen generell was abgewinnen kann, kann ruhig trotzdem einen Blick riskieren – dass der Film ihn am Ende in der Luft hängen lässt, weiß er ja nun. 5/10.

THE INVITATION

sxsw2015theinvitationWorum geht’s? Wills Ehe ging vor Jahren in die Brüche, nachdem sein Sohn bei einem Unfall auf einer privaten Gartenparty starb. Nun wird er samt neuer Freundin von seiner Ex zu einer Dinnerparty eingeladen – zusammen mit allen Partygästen von damals. Und so stellen sich für Will Fragen: was macht er hier? Was hat es mit dieser ominösen Selbsthilfegruppe auf sich, von der seine Ex und ihr Neuer so schwärmen? Und warum grinsen die alle wie Stepford-Frauen auf Freigang?

Wie ist er? Ha, der geht mal schnell zu besprechen. Er ist gut gespielt, gut gefilmt und baut mit diversen clever konstruierten Szenen und sauber gezeichneten Hauptcharakteren (diverse weitere Partygäste sind naturgemäß eher unterentwickelt, was aber nicht stört) sein Szenario packend und schlüssig auf, und arbeitet dabei zielsicher, wenn auch nicht besonders raffiniert auf seinen großen Plottwist hin.

Besagten Plottwist kann ich hier nicht spoilern, weil sonst das Angucken des Films witzlos wäre. Ich kann aber sagen, dass derselbige komplett beknackt ist; ich kaufe für keine Sekunde, dass reale Personen so handeln würden. Und in der letzten Szene setzt er noch einen Haufen WTF?-igkeit obendrauf.

Gucken? Naja, meschugge wird der ja erst so ziemlich zum Schluss. Der Weg dahin ist ganz unterhaltsam, und auch danach hat er zumindest Drive. Wer Plottwist-Filme mag, kann es schlechter treffen. 6/10.

NINA FOREVER

ninaforever_poster_Worum geht’s? Rob verliebt sich in Holly. Aber seine vor einiger Zeit bei einem Motorradunfall gestorbene Ex Nina steht zwischen ihnen – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie ist er? Einer der beiden Regisseure war hier zum Q&A. Netter Kerl, und, wenn er diesen Film tatsächlich als Autodidakt ohne Filmschulausbildung hinbekommen hat, zweifelsohne talentiert. NINA überzeugt als lakonische Mischung aus Horror-Comedy und Drama über Trauerarbeit nach dem Verlust eines geliebten Menschen. Dass er dies mit tollem Cast, jeder Menge nackter Haut, noch mehr blutigen Makeup-FX und so manch schwarzhumorigem Dialog tut, ist auch nicht von Nachteil. Und der Soundtrack ist auch gut ausgewählt.

Da der Film im Grunde nur eine Grundidee und ein paar daranhängende Gags hat, lassen sich aber einige Längen nicht vermeiden – eine Kürzung um vielleicht 10 Minuten hätte vielleicht geholfen, den Film noch besser zu machen. Trotzdem ein beachtliches Erstlingswerk.

Gucken? Klar. Sympathischer, warmherziger Low-Budget-Streifen, dem man auf jeden Fall eine Chance geben sollte. Nur eine Trash-Granate oder einen Partyfilm darf man nicht erwarten. 7/10.

TALE OF TALES

totWorum geht’s? Monster, Schlösser, Prinzessinnen und sonstiges Märchenzeugs. Märchenzeugs mit R-Rating.

Wie ist er? Uff. Ich mach es mir mal einfach. Lest das Review des Vogels. (Soviel zum Thema „ich lass mich hier nicht beeinflussen von dem, was vor mir geschrieben wurde“. Sue me.) Ich würde sagen, man KANN das größtenteils mit Fug und Recht so sehen, wie er es schreibt. Aber, und darauf bestehe ich, man muss nicht.

Ich für meinen Teil finde den nämlich toll (und das sahen meine beiden Mitstreiter hier genauso). Der Film sieht nicht nur großartig aus, sondern ist auch hochunterhaltsam, mit vielen wunderbar skurrilen Momenten, knackigen Lachern und auch einigen heftigen Gewaltszenen. Mir erschienen auch die Schauspieler alle in bester Spiellaune, und dass der Film sich für besonders „anspruchsvoll“ hält, würde ich entschieden bestreiten. Hier wird genüsslich frei von der Leber weg fabuliert, wie man das auch aus Märchen kennt. Dass das Ergebnis dramaturgisch eher schlicht ist, und die drei Handlungsstränge nie zueinanderfinden, stimmt zwar, aber das macht nichts – der Weg ist das Ziel, und der Weg zielt mehr auf kurzweilige Unterhaltung und Sense of Wonder ab als auf erzählerische Kohärenz.

Gucken? Ich würde dazu raten, ja. Und, wenn der wirklich noch in Deutschland regulär ins Kino kommt, dann los: der gewinnt auf der großen Leinwand sicher enorm gegenüber der Mattscheibe. Wen allerdings die geschilderten erzählerischen Schwächen abschrecken oder wer die Idee „Terry Gilliam light“ generell nicht anziehend findet, der kann den auch gut auslassen. 8/10.

BOUND TO VENGEANCE

bound_to_vengeance_xlgWorum geht’s? Eve wurde von einem Irren in ein Kellerverlies gesperrt und missbraucht. Als sie sich befreien kann, erfährt sie, dass es an anderen Orten noch andere Opfer gibt. Und nur der Irre weiß, wo….

Wie ist er? Sowas braucht man einfach auf jedem FFF mal: einen kleinen, dreckigen Bastard ohne jede Botschaft, ohne jeden intellektuellen Überbau und ohne einen anderen Anspruch als dem, dem Zuschauer keine Atempause zu lassen. BOUND TO VENGEANCE ist ein Film wie eine bis zum Zerreißen gespannte Sprungfeder, „langsame“ Stellen sind Teufelszeug, sich mit irgendwas Zeit zu lassen kommt gar nicht in die Tüte. Das Spannungslevel wird von Anfang an hochgehalten, die Gewalt ist hart, ohne je zum genüsslich-selbstzweckhaften Torture Porn zu verkommen (der Film hat bei gerade mal 80 Minuten wortwörtlich keine Zeit für „ausführlichen“ Sadismus), und jeder Darsteller gibt alles.

Außerdem muss ich sagen, dass mir der Grundaufbau ausnehmend gut gefällt: ein Rape & Revenge-Streifen, der den Rape-Part quasi überspringt. Der Film ist quasi die Antithese zu I SPIT ON YOUR GRAVE. Wir müssen nicht ellenlang durch eine filmische Darstellung von Eves Martyrium quälen, wir können uns anhand weniger Fingerzeige denken, was der Psycho unserer Heldin angetan hat, um mit ihr zu fiebern und ihm die Pest an den Hals zu wünschen.

Gucken? Solange man nicht zimperlich ist – Pflichttermin. So man denn die Gelegenheit hat. Der Film wird bei der deutschen Zensur ziemlich sicher keine Freunde finden… 8/10.

Marcus Heine

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August 2015

Das Leben beginnt bei 7 Grad

Das Popmusik-Klischee „You’re gonna miss me when I’m gone“ bezieht sich gemeinhin auf den aktuellen, aber angezählten Lebenspartner. Im weiteren Rahmen geht es dabei um Beziehungen. Beziehungen gibt es aber nicht nur in der Variante Mensch – Mensch, sondern auch Mensch – Tier, Mensch – Natur, Mensch – Kultur, und schließlich Mensch – Technik.

Ja, man kann Maschinen vermissen, bzw. die Möglichkeiten und Annehmlichkeiten, die sie darstellen. Die nachvollziehbarsten Beispiele dafür sind ganz allgemein der Strom, ohne den das moderne Leben praktisch nicht denkbar ist. Der Strom wiederum befeuert Telefon, Fernsehen und Computer. Der Wegfall von diesen Geräten ist der Wegfall von sozialer Teilhabe, von Interaktion, und wird als sehr schmerzlich empfunden.

gorenje-kuehl-gefrierkombination-rk6192exEs gibt aber auch Geräte, deren Notwendigkeit man erst realisiert, wenn sie in der Praxis tatsächlich mal ausfallen. Weil sie so selbstverständlich und ins Leben integriert sind, dass wir sie nie in Frage stellen wie etwa WLAN oder den Handy-Empfang. Bei ihnen geht es nicht um den Kontakt mit der Außenwelt, sondern den Komfort nach innen, die Essentials des Cocoonings.

Um es kurz zu machen: Wir leben seit knapp zwei Wochen ohne Kühlschrank und diese Situation wird sich erst in frühestens einer Woche ändern.

Wie das passieren konnte? Easy. Wir haben unsere Küche nicht von Speyer nach Baden Baden mitgenommen. Die geht (samt Kühlschrank) nach München. Wir wollten uns sowieso ein neues, größeres Gerät anschaffen (siehe links). Bestellung über Amazon Prime sorgt ja auch gewöhnlich dafür, dass sich die Lieferung zeitnah takten lässt, wir rechneten also mit einem Ausfall der Kühleinheit von maximal drei, vier Tagen.

Nur: Bei Amazon war das Gerät nicht unmittelbar lieferbar. Und mehr als eine Woche warten wollten wir auch nicht. Also googelte ich weiter und fand das gleiche Modell bei Redcoon. Nägel mit Köppen – einen Kondenstrockner brauchten wir auch und durch die Bestellkombi sparten wir über 100 Euro zum Amazon-Preis. Zwar wurde auch hier eine gewisse Wartezeit eingeräumt, aber diese schien mit knapp einer Woche akzeptabel bemessen.

So weit, so gut.

Was nach einer Woche nicht kam, waren Kühlschrank und Trockner. Was kam, war eine „Verzögerungsbenachrichtigung!“ von Redcoon:

„Leider verzögert sich die Auslieferung, denn der von Ihnen gewünschte Artikel ist kurzfristig vergriffen.

Mit der nächsten Lieferung rechnen wir am 28.08.15, haben Sie bitte noch etwas Geduld.“

Nun kann man den Mangel eines Trockners durch Wäscheständer und Sonnenlicht ausgleichen – der Mangel eines Kühlschranks hingegen lässt sich aber nicht so einfach kompensieren. Vor allem, wenn es draußen fast 40 Grad hat (im Winter ist der Balkon ja durchaus ein akzeptabler temporärer Gefrierschrank).

In Baden Baden wohnen wir zudem in einer reinen (wenn auch extrem hübschen) Wohnsiedlung. Mal eben nebenan frühstücken und Essen gehen ist nicht drin, die temporäre Verlagerung des Esskomforts von innen nach außen ist keine valide Option.

Und so haben wir gemerkt, wie elend das Leben ohne Kühlschrank ist. Kein einziges kaltes (ach was – kühles!) Getränk, keine Wurst, kein Joghurt. Das Frühstück mit Kaffee, Toast und Honig, Apfel und zimmerwarmem Orangensaft. Nichts kann aufbewahrt werden. Butter und Margarine müssen verdeckt gelagert werden, um den Aggregatzustand nicht von „weich“ in „flüssig“ zu wechseln. Im Supermarkt fallen 90 Prozent der angebotenen Leckereien wegen „können wir nicht kühlen“ weg. Von Tiefkühlware ganz zu schweigen.

Ich bin zu alt für Ravioli aus der Dose!

Was vermisse ich ihn, den nächtlichen Gang zum Kühlschrank, das leise Schmatzen, wenn die Gummilippen den Innenraum freigeben, das sympathische Summen, das Vorfreude-Feuerwerk, wenn das Licht angeht und mir stolz die Leckereien preist. Oh Kühlschrank, du Schatztruhe der Schleckereien, du Füllhorn der Fischstäbchen, du!

Ohne dich ist es ein freudloses, genussloses und des modernen Menschen unwürdiges Leben.

Geht zu eurem Kühlschrank. Geht hin! Als stiller Knecht wacht er über euren Genuss, bewahrt Lebensfreude, spendet Glück in Form von konstant 7 Grad. Dankt ihm! Kniet vor ihm nieder! Er verdient es!

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