28
Juli 2015

Chronistenpflicht, Chronistenkür

chronikWer in den 80ern aufgewachsen ist, kennt dieses Buch. Es war der Beginn eines gigantischen Booms. Plötzlich gab es überall Chroniken, die teilweise unfassbar komplexe Epochen oder Themen bildlastig und mit verständlichen Texten zusammen zu fassen suchten. Dahinter steckte der Versuch, einem immer lesemüderen Publikum ein Verständnis der großen Zusammenhänge zu vermitteln, ohne ein humanistisches Studium absolvieren zu müssen. Die fetten Hardcover-Schinken waren ein beliebtes Geschenk, auch wenn fraglich bleibt, wie viele dieser Geschenke ungelesen blieben.

Der Chronik-Verlag, damals ein Imprint des Harenberg-Verlages, machte daraus ein Geschäftsmodell: Weil die „Chronik des 20. Jahrhunderts“ 1982 naturgemäß nicht das gesamte 20. Jahrhundert abfeiern konnte, brachte man Jahresbände heraus. Dann gab es die „Chronik des Films“, die „Chronik Berlin“, „Die Chronik der Erde“, „Die Chronik der Technik“ etc. pp. Letztlich wurde damit die Idee auf den Kopf gestellt: Ein Buch, das eine Bibliothek ersetzen sollte, wurde wieder zu einer Bibliothek.

Die ganze „Chronik“-Sparte wurde Anfang der 90er an Bertelsmann verkauft. Unter dem Druck des Internets brachen die Verkäufe von Lexika und Nachschlagewerken immer mehr ein – 2014 kam das Ende.

Die LvA besitzt eine Ausgabe der „Chronik des 20. Jahrhunderts“, die 1987 endet, vermutlich also eine zweite oder dritte aktualisierte Neuauflage. Wir wollten sie eigentlich via der Bücherkiste vor unserem Haus verschenken, aber ich brachte es nicht über mich. Stattdessen habe ich sie in den letzten Wochen zu meiner Frühstücks / Badezimmer / Bett-Lektüre auserkoren. Nicht gerade leicht zu stemmen, aber umso leichter zu lesen. Ich blättere mich gerade durch die Weimarer Republik.

Und tatsächlich: Das Buch hat auch im Zeitalter von Wikipedia und YouTube seine Existenzberechtigung. Weil es strikt chronologisch vorgeht, Entwicklungen nachvollziehbar macht, Kontext liefert. Information nicht punktuell und im luftleeren Raum, sondern als Bestandteil eines riesigen Puzzles aus Kultur, Politik, Natur und Wissenschaft.

Es hilft, dass die Chronik recht sorgfältig und historisch eher neutral geschrieben ist, soweit ich das beurteilen kann. Zumindest bei der „Chronik des Films“ gab es seinerzeit ein paar inhaltliche Patzer.

Jüngeren Lesern mag die Chronik als Erklärbär für das ihnen unbekannte vergangene Jahrhundert dienen, ältere Leseratten werden sich über die ergänzende und auffrischende Lektüre freuen. Und immer wieder findet man Einträge, die zur weiteren Recherche per Internet reizen – von diesem 1986er Debakel z.B. hatte ich noch nie gehört:

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Google to the rescue – es finden sich tolle zeitgenössische Artikel vom SPIEGEL, dem Hamburger Abendblatt und der Stuttgarter Zeitung, aber auch erschütternde Beichten wie diese:

Verzweifelung noch nach vier Jahren

„Ich weine um mein fünftes Kind. Ich habe es abgetrieben. Ich bereue es wie ein Hund. Dass ich, die ich Kinder liebe und vier Kinder habe, dass ich ein Kind abtreiben ließ, kann ich heute noch nicht fassen. Noch heute, vier Jahre danach, empfinde ich Trauer, Reue und Verzweifelung, wenn ich daran denke. Es war im Spätherbst 1985. Michael (Pfleghar) steckte voll in der Arbeit für seine Fernsehshow zum 100. Geburtstag des Autos. Reiste quer durch die Welt. Auch ich kämpfte wie ein Löwe gegen den Zeitdruck. Und mitten in all dem war ich schwanger, ohne es geplant zu haben. Ich war im zweiten Monat. Ich sprach mit Michael. Er sagte, er fühle sich mit 52 zu alt, um noch einmal Vater zu werden. Ich war damals 38. Michael sagte, dass ich das Kind nicht austragen sollte. Damit stand ich jetzt ganz allein.“

Bei Amazon bekommt man die fetten Chronik-Bände gebraucht schon ab 88 Cent – auch wenn man kein großer Freund von bedrucktem Totholz ist: Das ist eine lohnenswerte Anschaffung. Meine gebe ich jedenfalls nicht wieder her.

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27
Juli 2015

Pantoffel-TV: Wortvogel beim Clown erwischt!

So wie man aus Obst Schnaps machen kann, kann man aus Schnapsideen auch Spaß machen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, dass Holger Kreymeier, der Kopf hinter der viel beachteten Sendung Fernsehkritik-TV, den Vorschlag machte, ich solle doch mal als Gast bei seinem Format Pantoffel-TV vorbei schauen. Klar doch, mache ich, gerne, wird bestimmt lustig. Holger hakt nach: Kennst du die Sendung? Klar doch, kenn ich, super, wird bestimmt lustig.

Meine treuen Leser ahnen: Der Wortvogel hat zu diesem Zeitpunkt nicht die geringste Ahnung, worum es geht. Aber wofür gibt es dieses Internet-Dingsbums, in dem kann man ja alles nachschlagen. Siehe da: Pantoffel-TV ist ein Review & Talk-Format in kleiner Runde, das im Studio der Alsterfilm aufgezeichnet wird, wo Holger seine Shows unter der Dachmarke Massengeschmack-TV produziert.

Reviews? Talk? Das passt. Der Wortvogel sagt zu, Holger sagt: 10.7. oder 24.7. Zuerst ist der 10.7. angepeilt, weil ich da nach einer Reportagereise an die Ostseeküste direkt an Hamburg vorbei komme. Leider wird die Reise in der Woche drauf eingedampft und endet schon am 8.7. Für den 10.7. muss ich absagen und damit wird es knapp: 24.7. ist letzter Aufzeichnungstermin vor einer längeren Pause. Ich fühle mich verpflichtet. Versprochen ist versprochen, und wird nicht gebrochen. Wiederholen ist gestohlen.

Holger schickt mir eine kleine Liste von Filmen und Serien, die in der Sendung besprochen werden sollen: Das Crime-Drama „Felony“, die neue Krimiserie „Mob City“, der SF-Film „Chappie“, die Agentenparodie „Kingsman“. Außerdem als Einsprengsel was über „Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“. Einen ganz persönlichen DVD-Tipp für die Zuschauer soll ich auch mitbringen.

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Ich besorge mir die vorgeschlagenen Produktionen und arbeite mich in die Themen ein. Man will ja wissen, wovon man spricht (was bei mir normalerweise keine Grundvoraussetzung ist). Außerdem checke ich die Möglichkeiten, am Freitag von Speyer nach Hamburg zu kommen. Zug: 190 Euro. Flieger: 400 Euro. Fernbus: 10 Stunden. Das liest sich unschön. Da ich zeitlich flexibel und zu alt zum trampen bin, entschließe ich mich, den Besuch bei Pantoffel-TV mit einem Test der angeblich sehr populären Mitfahr-Plattform Blablacar zu kombinieren.

Die Bedienung der Blablacar-Webseite ist wirklich denkbar einfach. Einloggen mit Facebook, gewünschte Fahrstrecke eingeben, Fahrer per Chat kontaktieren. Kostet (bisher) nicht mal Gebühren. 28 Euro pro Strecke. Das passt. Ich wähle ein Angebot um 12.30 Uhr ab Mannheim. Die Aufzeichnung bei Alsterfilm beginnt um 20.00 Uhr. Siebeneinhalb Stunden für 570 Kilometer, das sollte mir genügend Puffer geben, vorher noch entspannt ins Hotel einzuchecken, zu duschen und mich umzuziehen.

Umziehen! Ach du Schreck! Was ziehe ich bloß an? Kreisch! Wie jung sind die da wohl in der Sendung, wie nerdig? Soll ich selbstbewußt auf souveräner Spießer machen oder den verfetteten Alt-Geek unterstreichen? Eher „Anne Will“ oder „Alles nichts oder?!“? Ich konsultiere meinen Kleiderschrank, ziehe schließlich das alte Leder-Sakko raus, dazu ein Batman-T-Shirt, eine Jeans und schwarze Sneaker. Nicht zu auffällig, aber doch eigenwillig.

Und so pickepacke ich meinen Rucksack und starte die Tour am Freitag um 12:02 mit der S-Bahn in Speyer. Nach drei Stationen ist bereits Wartezeit angesagt, wegen technischer Probleme. Ein Omen, ich ahne es.

In Mannheim treffe ich wie verabredet Studentin Gina, die zu Ihrem Liebsten nach Hamburg fährt. Renault Megane, weiß. Keine Klimaanlage. Gina raucht. Um Schnappatmung zu verhindern, fegt der Wind während der gesamten Fahrt durch die geöffneten Fenster. Hannover, 15.00 Uhr – die Frisur sitzt. Aber Gina ist eine Nette, die beiden anderen Mitfahrer sind entspannt, ich fühle mich an die 90er erinnert, als noch die Mitfahrzentralen namens Känguruh das Geschäft in der Vor-Internet-Ära dominierten. Es ist so improvisiert, so seltsam fremd und gleichzeitig vertraut – wie die rausgezerrte Matratze in einer fremden Wohnung, in der man nach einer Party hängen bleibt. Ich fühle mich unangemessen jung.

Gegen das Gefühl der unangemessenen Jugend helfen die Umstände, die mich stetig altern lassen: Es ist drückend schwül, in zwei Bundesländern haben die Schulferien begonnen, die Strecke ist gespickt mit Staus und Baustellen. Schnell zeigt sich, dass ich gut beraten war, üppigen Puffer einzuplanen. Und selbst der verpuffert sich besorgniserregend schnell.

Ungefähr in Höhe Kassel ist klar: Vor der Aufzeichnung ins Hotel ist illusorisch. In Höhe Hannover: Ich darf froh sein, es überhaupt rechtzeitig ins Studio zu schaffen. Gina tut das furchtbar leid, aber ich bin zu lange im Geschäft, um nervös zu werden. Entweder ich schaffe es – oder ich schaffe es nicht. Die Jungs kommen vor Ort sicher auch ohne mich klar. Ich kann es sowieso nicht ändern.

Ein Check meines Smartphones verrät mir, dass ich das falsche Hotel gebucht habe. Eine halbe Stunde mit der U-Bahn vom Studio entfernt, obwohl ein Haus der gleiche Kette in Fußweite gewesen wäre. Ich telefoniere fix und es gelingt mir, einen Zimmertausch zu initiieren. Wenn schon spät, dann wenigstens einfach.

Es wird eng, aber nicht zu eng – zumal Gina anbietet, mich direkt ins Studio nach Wandsbek zu fahren. Um 19.40 Uhr betrete ich Gebäude F im Hinterhof eines alten Gewerbegebiets. Punktlandung. Alsterfilm. Holger und seine Truppe begrüßen mich, man ist extrem entspannt und plauderig.

Ich hatte mir keine Vorstellungen von Alsterfilm gemacht und bin positiv überrascht: Regie, Studio, Maske, Büros, Teeküche, WC – bei den meisten „richtigen“ Studios, die ich im Laufe meiner 25 Jahre besucht habe, sah das allenfalls größer, aber keinesfalls überzeugender aus. Hier arbeiten keine Amateure, das kann ich schon nach dem ersten Blick sagen.

Man beschnuppert sich, jemand zieht einen „SF TV Guide“ aus der Tasche. Ein Euro für jedes Mal, wenn mir das passiert. Die Bücher sind fast 20 Jahre alt, aber immer noch das, was die meisten Leute mit mir assoziieren. Nun gut, es gibt schlimmere Dinge, die einen unsterblich machen können (siehe Hitler oder Hasselhoff). Ansonsten herrscht eine joviale, stammtischige Atmosphäre, von Druck oder Aufregung ist wenig zu spüren. Man holt sich ein Becks aus dem Kühlschrank (Verpflegung für Gäste ist kostenlos und ich bin entschlossen, meine Spesen über Snickers, Bockwurst und Bier wieder reinzuholen), greift sich ein Funkmikro vom Tisch. Ich fühle mich wohl. Bis mir das Snickers das Provisiorium vom Backenzahn hebelt. Autsch – da sollte in zwei Wochen die neue Krone drauf. Der Dewi ist ein alter Mann, der langsam in seine Einzelteile zerfällt. Wenigstens sieht man es von außen nicht.

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Es gibt auch Publikum im Studio, im Halbdunkel sitzen auf gemütlichen Sesseln Hamburger Geeks, die aussehen, als hätten sie keine Aufzeichnung ausgelassen. Fast schon Inventar. Ein paar meiner Mitbringsel (Bücher, DVDs, etc.) werden auf dem Tisch auf der Bühne ausgebreitet, die Gesprächsrunde nimmt Platz, ich sitze neben Holger, gewöhne mich an die Position der beiden Kameras und des Monitors, auf dem wir uns etwaige Einspieler sehen können.

Es geht los.

Holger begrüßt die Zuschauer, reißt die Themen an, lässt mich ein paar Worte sagen – und bereut es sofort wieder.

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Ihr wisst es: Der Dewi ist eine elende Rampensau. Gebt ihm eine Bühne und er wird sie füllen. Gebt ihm ein Mikro und er wird sprechen. Obwohl die LvA mich vor solchen Anlässen immer inständig bittet „Denk dran – LANGSAM reden und auch mal andere Leute zu Wort kommen lassen!“, blutgrätscht mein Adrenalinspiegel in alle guten Absichten. Ich bin prächtig gelaunt und wenn ich prächtig gelaunt bin, komme ich in Fahrt. Dann hole ich die großen Gesten raus und schwinge das große Wort. Und weil Spannung nur aus Konflikt entsteht, fühle ich mich bemüßigt, bei allen Filmbesprechungen des Abends den Konsens mit einem „Das ist zwar durchaus richtig, aber…“ zu keulen. Und weil gute Laune noch keinem geschadet hat, stelle ich „Mob City“ von Frank Darabont als „Mops City“ von Loriot vor und lasse auch sonst keine flaue Pointe aus. Alles im Sinne der wortvogelschen Mantra-Trinität: Ich bin alt – ich weiß alles besser – früher war auch alles besser.

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Immer wieder werden auch meine eigenen Projekte thematisiert, von den SF TV Guides („wir hatten ja nix anderes“) über Sumuru („ist das noch Trash oder kann das weg?“) bis „Apokalypse Eis“ („eine Sammeltasse aus Genreklischees“), von dem Holger einen kurzen Super RTL-Trailer ausgebuddelt hat:

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Ach so, ja: Mein persönlicher Filmtipp für die Zuschauer. „Avengers“ kann jeder, also habe ich den hier mitgebracht, eine Perle meiner Kinojugend:

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zamboIn die versammelte Fassungslosigkeit doziere ich, dass „3 Supermänner räumen auf“ die reine Lehre des Comicfilms repräsentiert und von ansteckender Begeisterung aller Beteiligten über die Laufzeit getragen wird. Außerdem ist Brad Harris dabei, von dessen „Zambo“ ein Plakat im Vorraum des Studios hängt. Nuff said. X-Men my ass.

Meine Kleiderwahl entpuppt sich als kameratauglich, aber klimatisch ungünstig gewählt: Im Studiolicht wird es recht warm und das dicke Leder meines Sakkos presst die ersten zwei Flaschen Becks als Schweißfilm aus meinen Poren. Ich kann auf dem Bühnenmonitor sehen, dass ich schwitze wie Tante Rosi beim Tunesien-Urlaub. Da muss ich durch. Ein Hitzeschlag wäre ja auch ein schönes Highlight für die Sendung.

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Und so kommen wir, wie man bei uns so schön sagt, vom Hölzchen aufs Stöckchen, reden über die Bond-Darsteller und die Unfehlbarkeit von Michael Caine, über „Dawn of the Dead“ auf Super-8 und Nazi-Greuel. Es ist eine gute Zeit für Roboterfilm-Fans („Ex machina“, „The machine“, „Chappie“, Automata“), der neue Bond-Trailer rockt und „Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“ macht auch die größere Runde rechtschaffen fassungslos. Die Zeit vergeht wie im Flug, open end ist wegen der folgenden Veranstaltung leider nicht möglich, dem plauderigen Wortvogel werden kurzfristig ein paar reguläre Features der Sendung geopfert (z.B. „Original & Remake“).

Irgendwann drängt sich Holger in meinen Wortschwall, um zur Abmoderation zu kommen. Er verabschiedet das Publikum in eine längere Pause bis September – welche Gäste dann dabei sein werden? Er weiß es noch nicht. Ich springe spontan in die Bresche: „Ich! Ich bleibe einfach hier sitzen. Mir gefällt’s. Ob ihr wollt oder nicht, ich bin jetzt immer dabei.“

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Der Nachspann läuft, die Kameras werden ausgeschaltet, die Diskussionteilnehmer legen ihre Funkmikros weg. Ich stehe vom Sofa auf, stelle mich vor das für meinen Geschmack etwas zu lethargische Publikum, reiße die Arme hoch und brülle in bester Gladiator-Manie mit düsterer Stimme: „Are you not entertained?“. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Banausen.

Im Büro wird bei weiteren Bieren und Bockwürsten Nachbesprechung gehalten. Ist prima gelaufen. Unterhaltsame zwei Stunden. Man ist immer noch etwas baff angesichts meiner dominanten Bühnenpräsenz und ich entschuldige mich mehrfach, wenn ich Gesprächspartner gebulldozert haben sollte. Ich kann so schlecht an mich halten. Der meint das nicht so, der will nur spielen. Zumindest scheine ich mir damit keine Feinde gemacht zu haben.

Ich gehe kurz raus an die frische Luft und sage erstmals den noch seltsam fremden, aber angenehmen Satz „Ich muss kurz meine Frau anrufen“. Meine Frau. Sachen gibt’s. Draußen, in der Stille des Hinterhofs und der Dunkelheit der Nacht, komme ich etwas runter. Und mir fällt auf: Ich vermisse das. Diese Geek-Projekte, die Begeisterung, den Enthusiasmus, die Kreativität, die Diskussionen. Einfach mal was machen.

Ich muss unbedingt mal wieder einfach was machen.

Im Studio läuft mittlerweile die Spätvorstellung – die Übriggebliebenen gönnen sich „Schlefaz“ auf Tele5. Heute ist der „Dampfhammer von Send-Ling“ dran, ein Kung Fu-Klamotte aus den 70ern, die damals unglaublicherweise mit bayerischen, berlinerischen und pfälzischen Akzenten synchronisiert wurde.

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Eine Tortur de Force, an der auch Oliver Kalkofe schwer zu kauen hat. Ich kaue derweil M&M, zerbrösel eine Bierflasche auf dem Studioboden und entscheide, dass dieser Tag lang genug war. Handshakes, Fistbumps, Highfives, dann mache ich mich auf den Weg zum Hotel.

Es ist immer noch drückend schwül. Im Hotelzimmer merke ich, dass ich mein Wechsel-T-Shirt bei Alsterfilm vergessen habe. Wenn ihr einen von den Jungs also mal mit „Beer Pressure“ auf der Plauze rumlaufen seht – das ist meins! Müde, aber noch aufgekratzt plane ich die Rückfahrt für den nächsten Morgen. Wieder BlablaCar, schon um 7.45 Uhr, Berliner Tor. Das sind vier Stationen mit der U-Bahn, dann umsteigen, dann noch mal eine Station. Das schaffe ich. Wecker stellen, Macbook zu, Affe tot.

In der Nacht wache ich einmal auf, weil es blitzt und donnert und Regen wütend an mein Fenster klatscht. Endlich.

Das hier ist speziell für Holger, die Jungs auf der Bühne, hinter den Kameras, im Publikum: Es war geil. Vielen Dank für die Einladung und die Gelegenheit, dem Affen Zucker zu geben. Gern wieder. Jederzeit.

P.S.: Die Folge kann jetzt hier für schlankes Geld käuflich erworben werden, was ich durchaus empfehle.

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27
Juli 2015

„Captain Future“: Genau so

Ich habe in den letzten Jahren sicher mal erzählt, dass ich 1999 während der Produktion des „Babylon 5″-Ablegers „Crusade“ bei den Dreharbeiten in Los Angeles war. Im Gespräch mit JMS brachte ich die Idee ein, ein TV-Movie zur 80er Jahre Anime-Serie „Captain Future“ zu drehen. Drauf gekommen war ich, weil die „Excalibur“ in „Crusade“ der „Comet“ in „Captain Future“ ähnlich sieht. Man hatte vor Ort Raumschiff-Sets, solide CGI-Möglichkeiten – das sollte in der Pause zwischen der ersten und der zweiten Staffel eigentlich stemmbar sein. Wir holten Production Designer John Iacovelli dazu, der ebenfalls meinte, dass viel Material von „Crusade“ für einen ersten „Captain Future“-TV-Film umrüstbar sei. Besonders wichtig war mir dabei, den Look der Trickserie zu treffen, also auch die Kostüme und die Technik. Das würde zwar eine Abstimmung mit den Machern der Original-Serie erfordern, aber die Verkäufe in Asien, Frankreich und Deutschland vereinfachen. Ehrensache, dass die Musik von Christian Bruhn drin sein würde:

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Es sollte nicht sein – „Crusade“ schaffte nicht mal eine ganze Staffel und die Produktion wurde verschrottet, bevor ich in Europa die ersten Gespräche führen konnte. Es gab keine Pause zwischen der ersten und zweiten Staffel, weil es keine zweite Staffel gab. Damit war auch die Möglichkeit dahin, einen ersten „Captain Future“-Film als preiswertes „proof of concept zu produzieren“. Schade. Sehr schade.

In den letzten Jahren sind ein paar Klassiker-Serien wie „Biene Maja“ und „Wickie“ nochmal in CGI nachgerendert worden, mit durchaus passablen Ergebnissen. Ich würde mich freuen, wenn man das auch mit „Captain Future“ machen könnte.

Gestern ist allerdings ein (vermutlich fan-gemachter) Trailer aufgetaucht, der mein faltiges altes Herz zum hüpfen brachte – ich hatte mir das zwar nicht ganz so elegisch und düster vorgestellt, aber bei vielen Szenen spiegelt es genau das, was ich damals vorhatte:

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Was meint ihr?

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25
Juli 2015

Superman-Triple: „Hollywoodland“, „Justice League: Gods and Monsters“ & „Supergirl: The Series“

Heute gönne ich mir mal einen Dreifachreview von Produktionen, in denen Superman vorkommt oder Thema ist – allerdings nicht so, wie wir ihn kennen und lieben. Es sind quasi Zweige vom großen S-Stamm, unterschiedlich erfolgreiche Ableger und Facetten der DC-Franchise.

Hollywoodland

hl1USA 2006. Regie: Allen Coulter. Darsteller: Adrien Brody, Diane Lane, Ben Affleck, Bob Hoskins, Robin Tunney u.a.

Offizielle Synopsis: Es ist ein Vogel … es ist ein Flugzeug … es ist Superman. Mit diesen Worten begann im amerikanischen Fernsehen allwöchentlich von 1952 bis 1958, umjubelt von Kindern und Jugendlichen in ganz Amerika, die Serie „Adventures of Superman“. Ihr Hauptdarsteller George Reeves wurde mit seiner Darstellung des Mannes aus Stahl eine nationale Berühmtheit. Als am 16.06.1959 seine Leiche gefunden wurde, sprach man offiziell von Selbstmord – daran bestand zunächst kein Zweifel. Doch bis heute zählt sein Tod zu den mysteriösesten Ereignissen in Hollywood, denn einige Menschen glauben, dass er ermordet wurde.

Der auf heikle Fälle spezialisierten Privatdetektiv Louis Simo (Adrien Brody) zieht los, um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Je mehr er in die undurchsichtige Geschichte von George Reeves (Ben Affleck) eintaucht, desto mehr identifiziert sich der Privatdetektiv mit dessen Leben. Als er von Reeves‘ langjähriger Affäre mit der Frau eines Studiochefs von MGM erfährt, gerät er selbst in Lebensgefahr…

Kritik: Wie obskur „Hollywoodland“ ist, kann man sehr schön daran sehen, dass ich ihn als Karrieretief von Ben Affleck präsentieren wollte – als seinen ersten TV-Film nach ein paar ganz schlechten Entscheidungen („Gigli“, anyone?). Vom Kino-Daredevil zum abgehalfterten TV-Supermann in nur zwei Jahren. Das kann einen schon in den Alkohol treiben. Aber bei der Recherche musste ich feststellen, dass „Hollywoodland“ zwar vielerorts direkt auf Scheibe ging, aber tatsächlich nicht fürs Fernsehen, sondern für die große Leinwand produziert worden war. Wo er mit 14 Millionen Einspielergebnis keinerlei Wellen machte.

Trotzdem bleibt meine Arbeitsthese intakt: „Hollywoodland“ war ein absolutes Tief in der Karriere von Ben Affeck, der von Hollywood jahrelang als „next big thing“ verhätschelt worden war, ohne die Erwartungen je erfüllen zu können. Selbst „Pearl Harbor“, „Armageddon“, „Daredevil“ und „Der Anschlag“ hatten ihn nicht in die Topliga prügeln können.

Tja, und in „Hollywoodland“ spielt Affleck dann auch erstmals nicht mehr einen jungen, virilen Charmebolzen, sondern einen alternden, fast schon bemitleidenswerten Schauspieler mit großen Ambitionen auf dem Weg in die künstlerische Bedeutungslosigkeit. Die Parallelen zwischen Ben Affleck und George Reeves müssen für Affleck zu diesem Zeitpunkt schmerzhaft gewesen sein.

Als Mix aus Film Noir und Biopic bedient „Hollywoodland“ zwei Handlungsebenen – die letzten Jahre im Leben von George Reeves und die Ermittlungen von Privatdetektiv Louis Simo zu dessen Tod. Beide Männer sind äußerlich grundverschieden, Reeves antrainiert elegant, Simo getrieben drahtig, aber doch in ihrer Melancholie ähnlich, sich selbst und die Menschen ihrer Umgebung trotz großer Begabung immer wieder enttäuscht zu haben. Andererseits: Während Reeves daran verzweifelt, sich zu immer niedrigeren Preisen verkaufen zu müssen, hadert Simo eher mit seiner Unfähigkeit, das System zu bedienen, um sich finanziell und sozial abzusichern.

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Obwohl es durchaus spannend ist, diese Parallelen zu ziehen und zu analysieren, krankt „Hollywoodland“ daran, dass sich die zwei Handlungsebenen letztlich nicht befruchten, nicht zueinander finden. Man hat das Gefühl, zwei Hälften verschiedener Filme zum Thema George Reeves zu sehen, die elegant, aber letztlich inkonsequent zusammen geschnitten wurden.

Hinzu kommt, dass der Streifen seine Grundfrage nicht beantworten kann: Was geschah mit George Reeves in jener Nacht? Verschiedene Möglichkeiten werden durchgespielt, verschiedene Mittäter präsentiert, aber letztlich bleibt alles Spekulation und damit frustrierend unaufgelöst. Und dieses Non-Ende torpediert beide Handlungsstränge, weil wir Reeves nicht bis zum Ende begleiten und Simo den Fall nicht lösen wird. Im Ernst – was ist ein Krimi wert, an dessen Schluss der Detektiv letztlich mit den Schultern zuckt und aufgibt?

Man merkt, dass „Hollywoodland“ das Projekt eines TV-Autors und eines TV-Regisseurs ist, die beide nicht in der Lage sind, ihre Geschichte mit dem großen Kino-Pinsel zu erzählen. Heute, zehn Jahre später, wäre so etwas ein solider TV-Film von HBO oder Netflix. Da gehört er auch hin. Aber was an erzählerischer Potenz fehlt, macht die Produktion teilweise mit viel Zeitkolorit, beeindruckender Ausstattung und einem gewichtigen Cast wett. Und es gibt exakt EINE Szene, in der das dramatische Potenzial des Film durchschimmert: Als „Superman“ George Reeves bei einem Promotion-Auftritt in einer Westernstadt von einem Knirps mit einem echten Revolver bedroht wird, weil er sehen will, wie die Kugeln von der Brust seines Idols abprallen…

Kommen wir abschließend noch zu dem Grund, warum ich mir „Hollywoodland“ überhaupt angesehen habe: Er präsentiert einen fiktionalen Rückblick auf die Entstehungs- und Erfolgsgeschichte der legendären ersten Superman-TV-Serie. Und in diesen Momenten (die zusammen genommen leider nur ca. fünf Minuten ausmachen) kann „Hollywoodland“ dann doch mal überzeugen: Affleck passt sich perfekt in die Rolle ein, diverse Schlüsselszenen der Serie werden liebevoll nachgestellt, man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie Fernsehen in der Nachkriegszeit produziert wurde. Und genau deshalb wäre es eine hübsche Meta-Ebene gewesen, wenn „Hollywoodland“ selbst als TV-Film ein Kind seiner Zeit gewesen wäre. Sollte nicht sein.

Empfehlen würde ich „Hollywoodland“ primär Leuten, die sich für die Tragödie von George Reeves interessieren, die man allerdings in den Büchern „Hollywood Kryptonite“ und „Faster than a speeding bullet“ ausführlicher nachlesen kann.

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Fazit: Als nostalgischer Blick ins Hollywood der späten 50er und als Sittenbild interessant, als Hardboiled-Krimi zu schwachbrüstig und unentschlossen.

Justice League: Gods and Monsters

jl1USA 2015. Regie: Sam Liu. Sprecher: Benjamin Bratt, Michael C. Hall, Tamara Taylor, Paget Brewster, C. Thomas Howell, Jason Isaacs, Richard Chamberlain u.a.

Story: In diesem Universum ist Superman der Sohn von General Zod, wurde von mexikanischen Immigranten aufgezogen – und führt die Justice League mit harter Hand. Batman ist ein Wissenschaftler, der durch ein Unglück zu einer Art Pseudo-Vampir wurde und immer darauf hofft, wieder in die Normalität zurück zu finden. Wonder Woman ist die Thronerbin von Apokolips, die nach einem Massaker auf ihrer Heimatwelt zur Erde geflohen ist.

Diese radikal anders gelagerte Justice League gerät in Gefahr, als diverse Wissenschaftler ermordet werden (darunter die Alter Egos von Atom, Cyborg und Mr. Freeze) und die Morde den Superhelden in die Schuhe geschoben werden. Irgendwie hängt die ganze Sache mit dem geheimnisvollen Projekt Fairplay zusammen, hinter dem Lex Luthor steckt…

Kritik: Ihr wisst es: Der Wortvogel ist ein Sucker für Parallelwelt-Geschichten. Das war schon beim Spiegel-Universum von Star Trek so und bei den Elseworld-Comics von DC und den What if…-Comics von Marvel. Es hat für mich einen ungeheuren Reiz zu sehen, wie sich bekannte Charaktere und Szenarien ändern, wenn man an den Stellschrauben dreht. Darum habe ich mich auf „Gods and monsters“ gefreut, eine Variation der DC-Continuity, in der die Justice League erheblich ambivalenter dargestellt wird.

Und ja, grundsätzlich ist das alles recht interessant. Superman als Sohn von Zod und Adoptivkind mexikanischer Einwanderer, der dem „american way“ deutlich kritischer gegenüber steht. Batman als getriebener Vampir. Wonder Woman als Flüchtling eines galaktischen Königshauses. Kann man mit arbeiten.

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Nur leider findet „Gods and Monsters“ keine Geschichte, in der diese Alternativ-Versionen ihre Herkunft und ihre Dramen ausspielen könnten. Die vorgenommenen Justierungen sind für die Handlung letztlich irrelevant, mit minimalen Änderungen hätte auch die „normale“ Justice League antreten können. Und weil der Plot die „harte“ Justice League nicht benötigt, können deren Stärken und Schwächen auch nicht ausgespielt werden. Supermans ruppigeres Auftreten ist letztlich so folgenlos wie Batmans Vampirismus. Die tragische Herkunft von Wonder Woman ist ebenfalls nur Hintergrundrauschen.

Auch die Nebenfiguren reißen es nicht raus. Steve Trevor ist ein Schnarchsack, der sieche Lex Luthor steuert nichts zur Handlung bei, der schlussendliche Bösewicht ist völlig uninteressant. „Gods and Monsters“? Wo?

Technisch wird Hausmannskost geboten, der Zeichenstil ist reduziert und akzeptabel animiert, das Voice Acting okay. Positiv aufgefallen ist mir lediglich, dass der Superman dieser Welt fast ausschließlich „stehend fliegt“, was ihm eine gewisse herrische Autorität verleiht. Aber das rettet diese inhaltlich ausgegorene 08/15-Produktionen auch nicht mehr.

Selbst wenn man ein Fan des DCAU (DC animated universe) ist, kann man den hier stressfrei auslassen.

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Fazit: Eine faszinierende Alternativwelt-Variante der DC-Helden, die ihr Potential nie ausschöpft und sich in einer seltsam banalen Geschichte ohne befriedigendes Finale verstrickt.

Interessanterweise hat man zu „Gods and Monsters“ eine korrespondierende Webserie produziert. Die erweitert zwar das Universum, als handele es sich eben doch um eine TV-Serie, aber wirklich Mehrwert konnten die 6minüter für mich nicht generieren, Wenigstens kann man sie als Maßstab nehmen, ob sich der Kauf des eigentlichen Films lohnt, sozusagen als Appetithappen:

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Supergirl: The TV Series (Pilot)

sg1USA 2015. Regie: Glen Winter. Darsteller: Melissa Benoist, Mehcad Brooks, Calista Flockhart, David Harewood, Chyler Leigh, Helen Slater, Dean Cain, Peter Facinelli u.a.

Story: Kara Zor-El verlässt den sterbenden Planeten Krypton, um ihren kleinen Cousin Kal-El zu beschützen. Doch ein Unglück sorgt dafür, dass sie zeitversetzt zu ihm auf der Erde landet – und noch dazu jünger. Sie wächst bei der Denvers-Familie auf und versteckt ihre aufkeimenden Superkräfte – sie möchte normal sein und die Welt braucht kaum mehr als einen Supermann. Doch als sie in National City beim Web-Konglomerat von Cat Grant zu arbeiten beginnt, kann sie sich nicht mehr aus den Belangen und Nöten der Menschen heraus halten: Sie nimmt die Identität von Supergirl an – und zieht damit auch ungewollte Aufmerksamkeit auf sich.

Kritik: So sehr sich DC auch müht, im Kino die Vormachtstellung von Marvel wenn auch nicht zu brechen, dann doch wenigstens herauszufordern, so sehr gelingt es dem Verlag mittlerweile recht gut, seine Figuren für die Mattscheibe aufzuarbeiten. Nach zwei Superman-Varianten mit „Lois & Clark“ und „Smallville“, diversen erfolgreichen Zeichentrickserien wie „Batman“ und „Justice League“, ein paar Totgeburten wie „Aquaman“ und „Wonder Woman“, baut man nun kräftig an einem halbwegs kohärenten DCTU (DC television universe) als Gegenstück zum MCU (Marvel cinematic universe). So hat man zumindest „Arrow“ und „Flash“ erfolgreich etablieren können, während „Gotham“ und „Constantine“ weniger Fans begeisterten. Das Projekt „Legends of Tomorrow“ steht in den Startlöchern:

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Vorher wird aber ab Herbst mit „Supergirl“ versucht, deutlicher auf ein weibliches Publikum einzugehen und die teilweise tonale Schwere von „Arrow“ und „Flash“ ein wenig aufzuwiegen. Am Ende sollen sich die Shows mit Crossovern und Teamups befruchten.

Ich tue mich allerdings schwer, für das DCTU große Begeisterung aufzubringen: Zu gelackt die Produktionen, zu eierlos, zu milchgesichtig besetzt und zu beschränkt von der aufgezwungenen Familientauglichkeit für die großen Networks. Und auch wenn Marvel mit „Agents of SHIELD“ und „Agent Carter“ selber keinen fehlerfreien Einstand auf dem Bildschirm feiern konnte, werde ich die Befürchtung nicht los, dass sie mit „Daredevil“ auf die so goldrichtige Strategie für TV-Adaptionen gestoßen sind (limitierte Serien mit durchgehenden Plots als konsequente Erweiterung des Kino-Universums), dass DC auch hier mittelfristig das Nachsehen haben könnte. Und „Supergirl“ ist nicht die Serie, mit der sich das verhindern ließe…

„Supergirl“ ist – und ich werde das noch relativieren – unsäglich. Ein Rückfall in die Girly-Kultur der 80er und 90er, als es eine total tolle Sache war, wenn junge Frauen mal so richtig echt Beruf spielten. In einer großen Firma mit ganz vielen Männern. Gelebte BRAVO-Phantasien von „irgendwas mit Medien“-Berufen, die nie zu warnen vergaßen, dass mit dem beruflichen Erfolg zwangsweise die Einsamkeit verbunden ist, der melancholische Blick über das Weißweinglas aus dem Apartment-Fenster auf die Lichter der Großstadt. Unabhängig und frei ist ja gut und schön – aber käme doch bloß endlich Mister Right…

Diese schon vor 15 Jahren in „Ally McBeal“ zur Parodie ausgewalzten Klischees werden in „Supergirl“ gänzlich unironisch und geradezu skandalös simplifiziert präsentiert. Linda Danvers ist natürlich total hübsch, aber voll verhuscht, Intelligenz wird durch braune Haare und Brille signalisiert, ihre Verlorenheit in der großen Corporate World dadurch, dass sie gerne mal stolpert oder den Kaffee fallen lässt. Wenn ein gut aussehender Mann in ihrer Nähe sein Hemd auszieht, verfällt sie in kuhäugiges Starren und für die wirklich großen Aufgaben in der Firma fühlt sie sich zu klein und wertlos. Sie möchte ja auch nicht wie ihre Chefin Cat Grant werden, die für ihre Karriere jeden Anflug von Menschlichkeit aufgegeben hat (dargestellt in einem grandiosen Meta-Casting-Coup von Ally McBeal persönlich, Calista Flockhart).

Mein Damen und Herren – das ist Supergirl, wie die Autoren von „Verliebt in Berlin“ sie sehen würden.

Okay, okay, vielleicht ist das ja alles Absicht, der Aufbau einer verhuschten Klischee-Existenz als bewusster Kontrast zur starken, mutigen und niemand Rechenschaft schuldigen Superheldin? Zumindest wenn man es nach diesem Pilotfilm beurteilen will: leider nein.

Zuerst einmal wird Linda tatsächlich als die „feige Cousine“ des übermächtigen Supermanns präsentiert, die ihre eigenen Kräfte nicht einsetzen will, weil ein Superman ja genug für die Welt ist. Wie komplett behämmert diese Einstellung ist, kann sich wohl jeder denken. Fast jede moralische Entscheidung, jedes Erkennen von Verantwortung, muss Linda von anderen Figuren (zumeist Männern) vorgebetet werden. Sie ist komplett unfähig, aus ihrer Existenz heraus einen Charakter zu formen, sich ihre Fragen selber zu beantworten.

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Dass für dieses Klischee-Setting und die Klischee-Figuren auch nicht mehr als Klischee-Plots funktionieren, dürfte klar sein: Die erste große Actionsequenz ist demnach auch die mehrfach gesehene Rettung eines abstürzenden Passagierflugzeugs. Das ist in den Superman-Comics und Verfilmungen derart oft durchgekaut worden, dass man den Autoren eine schmieren möchte.

Aber es wird noch schlimmer: Die ganze Sequenz ist in ihrer inneren Mechanik eine Frechheit. Linda Denvers hat es immer vermieden, ihre Kräfte für die Menschheit einzusetzen. Man kann nur ahnen, wie viele Menschen verstorben sind, die sie hätte retten können, wenn sie die Verantwortung für ihre Herkunft übernommen hätte. Und dann kommt es zu diesem schicksalhaften Tag, an dem sie mitbekommt, dass eine Passagiermaschine über Central City abzustürzen droht – mit ihrer Halbschwester Alex an Bord! Linda rafft sich auf, reißt sich zusammen, springt, fliegt, fängt die Maschine ab und bringt sie sicher zur Landung.

Mooo-ment! Der Ablauf impliziert ernsthaft, dass Linda NICHT eingegriffen hätte, wenn nicht zufällig ihre Halbschwester an Bord gewesen wäre. WTF? Die hätte über 100 Menschen krepieren lassen, weil „ein Superheld genug ist“? Könnte die Bitch noch blöder und noch egoistischer sein? Man darf nicht drüber nachdenken. Ehrlich nicht.

Und weil die Rettung des Flugzeugs nicht Klischee genug war, kommt es zu der üblichen „Ich probiere verschiedene Varianten eines Kostüms an“-Szene, wie wir sie u.a. in „Lois & Clark“ gesehen haben und in ca. zwei Dutzend romantischen Komödien, in denen sich die Heldin vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan wandelt. Das ist so unfassbar peinlich.

Was ich der Serie nicht vorwerfen kann, was ihr aber trotzdem schwer schadet, ist die Sache mit der Geheimidentität. Ich weiß, dass die DCTU-Serien sich nie große Mühe gemacht haben, ihre Figuren im Privatleben so glaubwürdig zu anonymisieren, dass sie auf der Straße nicht sofort erkannt werden. Und wir haben uns ja schon immer darüber lustig gemacht, dass bei Clark Kent ein profanes Kassengestell reicht, um Superman unsichtbar zu machen. Aber im Fall von „Supergirl“ ist das noch viel schlimmer, weil sie letztlich gar nicht verkleidet ist. Trug ihr Comic-Pendant in früheren Zeiten noch eine brünette Perücke über den blonden Locken, wird hier einfach behauptet, dass niemand in der verhuschten Büro-Maus die taffe Superheldin erkennt. Und es funktioniert nicht. Linda Denvers ist nicht Clark Kent.

A propos Clark Kent: Superman kommt als mythisch überhöhte, wortwörtlicher Supermann in kurzen Szenen vor, in denen wir sein Gesicht nicht erkennen und für die man vermutlich nicht Henry Cavill ans Set holen musste. Das kann man albern finden, aber als Bindematerial zwischen den verschiedenen Franchises finde ich es so in Ordnung wie die kurzen Auftritte von Batman und Joker in „Birds of Prey“.

Zurück zum Thema. An keiner Stelle gelingt es „Supergirl“, seine Protagonistin (die die Bezeichnung Heldin wahrlich nicht verdient) emotional glaubwürdig oder wenigstens nicht völlig überfordert zu zeichnen. Das liegt allerdings nicht an Melissa Benoist, die sich redlich müht und in den wenigen Szenen, in denen sie keine blamabel dummen Sachen machen muss, auch absolut passabel wirkt. Auch in Sachen Aufwand und Effekten hat man bei „Supergirl“ nicht mit schmalem Geld gearbeitet. Aber wie heißt es so schön? Auch ein gold angemalter Haufen Scheiße ist ein Haufen Scheiße.

Es mag sich Protest regen. Ist der Wortvogel nicht die völlig falsche Zielgruppe, kann er „Supergirl“ vielleicht genau so wenig objektiv bewerten wie „Twilight“ oder „50 Shades of Grey“? Schließlich gucke ich auch nicht „Melrose Place“ und „The OC“. Aber dem halte ich entgegen: Eine moderne, pfiffige und stimmige Superheldinnen-Serie wäre mir sehr recht, Zielgruppe hin oder her. Ich glaube aber, dass „Supergirl“ von Leuten gemacht ist, deren Verständnis für die Zielgruppe vor 20 Jahren eingeschlafen ist.

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Fazit: Trotz des hohen Aufwands und der sympathischen Hauptdarstellerin ein erschütternd unausgegorener Versuch, der Superman-Franchise auch eine Girl-Soap im Stile von „Ally McBeal“ und „Melrose Place“ abzupressen.

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24
Juli 2015

Vom Wortvogel zum Pantoffeltierchen

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Ich bin heute den ganzen Tag unterwegs – es geht nach Hamburg, wo Holger Kreymeier (Fernsehkritik-TV) mich als Gast zu seiner launigen Talk & Review-Runde Pantoffel-TV in die Alster-Film-Studios geladen hat. Diverse Filme und Serien werden gesichtet und ich hoffe/fürchte, meine Arbeit kommt ebenfalls zur Sprache. Ich freu mich drauf.

Ich hab’s ja nicht so mit dem Internet-Dingsbums, aber laut Holger ist die Show heute Abend live zu sehen, dann Montag für die zahlenden Abonnenten zum Download, und am Sonntag drauf in einer gekürzten, kostenlosen Version.

Zu blöd – ich hätte mich selber gerne mal live erlebt.

Weil ich nicht unter Zeitdruck bin und mir die Busfahrt trotzdem zu elend lange dauert, teste ich außerdem die Mitfahrzentrale BlablaCar.

Wir sehen uns! Oder besser: ihr mich. Hoffentlich.

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22
Juli 2015

Packt euch die DVD-Packs, ihr Pack!

Meine LvA, die mittlerweile auch die EvA (Ehefraulichste von Allen) ist, hat ebenso wie ich begonnen, im großen Stil auszumisten. Weil: Umzug. Und weil: Seit Jahren nicht mehr angefasst, den Krempel.

Momentan stelle ich alle sechs Stunden zwei Plastikboxen mit Büchern und der Aufschrift „zu verschenken“ vor unsere Wohnung, die gehen prima weg. Morgen ergänze ich das Angebot durch Musik-CDs.

Aber DVDs will ich nicht verschenken. Das tut man einfach nicht. Die gehören verkauft an Leute, die sie dann auch tatsächlich auch gucken. Und darum habe ich mich entschlossen, die Scheiben billig in 10 nicht verhandelbaren, teilweise halbwegs sinnvollen Paketen abzugeben. Dabei sind deutsche und englische DVDs gemischt, achtet also ein wenig drauf, damit es keine Beschwerden gibt.

Preis: 13 Euro pro Paket mit 9 DVDs (weniger, wenn es Staffelboxen oder Miniserien sind). Wer zuerst den Finger hebt, erhält den Zuschlag. Bezahlt wird bevorzugt mit PayPal, ungerner per Überweisung. Verschickt wird mit Hermes. Keine Garantie, keine Rücksendung. Volles eigenes Risiko.

Steigen wir easy ein – Paket 1 kennt jeder. Harry Potter. Alle in deutsch, wenn ich das richtig sehe, einige als Special Editions:

IMG_4605Paket 2 besteht zum größten Teil aus hochwertigen englischen Kostümdramen und Literaturverfilmungen, teilweise ganze Staffeln („The Grand“), aber auch was auf deutsch ist dabei („Wind und Sterne“):
IMG_4606Paket 3 würde ich kaufen, wenn es nicht meins wäre. Viele deutsche TV-Klassiker und Obskuritäten, teilweise ganze Staffeln („Percy Stuart“, „Merkwürdige Geschichten“) und legendäre Miniserien:

IMG_4607Paket 4 bietet prima Action, Thrill und Spannung aus England und den USA, dazu das Drama „Sodbrennen“ als Bonus:

IMG_4604Paket 5 hat viel klassischen („Inspector Morse“) und modernen („Luther“) englischen Krimi zu bieten, auch einige Produktionen auf deutsch („Das Erbe“, „Mary Higgins Clark“):

IMG_4608Paket 6 ist komplett deutsch und was für lange Winterabende – vier Filme nach Jules Verne und komplette Serienstaffeln zu „Verdict“, „George Gently“ und die hoch gelobte deutsche Miniserie „Blackout“:

IMG_4609Paket 7 entführt euch in andere Zeiten und andere Welten, sei es nun zu den Mohikanern, den DDR-Indianern, in die Berge, auf hohe See und in die Arktis:

IMG_4610Paket 8 ist der erste wilde Mix mit Kinderprogramm, Science Fiction, Grusel, Krimiserien und sogar der Special Edition von „What the Bleep Do We (K)now?!“ (sehenswert!):IMG_4611Paket 9 versammelt mehrere Krimis, Thriller, Serien und die exzellente „Red Riding Trilogy“. Hier greifen Fans gepflegter Spannung zu:

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Zu guter Letzt Paket 10 mit allem, was sonst nicht unterzubringen war. Sind ein paar Klassiker dabei, ein paar sehr unterhaltsame Komödien, und die komplette „Campion“-Sammlung ist was für Freunde feinster britischer Krimiunterhaltung:

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Jetzt seid ihr dran.

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21
Juli 2015

Computer-Restposten aus der Wortvogel-Werkstatt

Die größere Geschichte, dass wir in einem Monat wieder umziehen, erzähle ich dieser Tage ausführlicher. Auch, dass ich diesen Freitag Gast im Pantoffel-TV bin, muss warten. Es gibt nämlich für euch wieder was abzugreifen.

Wieder einmal sortiert der Wortvogel aus, wieder einmal geht er hart mit seinem Besitzstand ins Gericht. Das alte Leben, die angehäuften Schätze, sie werden erneut mit kritischem Blick begutachtet, so manches landet auf der Deponie, anderes beim Sperrmüll oder auf Ebay. Viele Pretiosen werde ich Freunden anbieten, die ihnen ein gutes Zuhause versprechen.

Heute seid aber erstmal ihr dran. Ich habe nämlich in einer Schublade zwei alte Notebooks gefunden – voll funktionsfähig, inklusive Betriebssystem und der nötigen Freeware für den täglichen Gebrauch.

Da ist zuerst einmal das ca. 10 Jahre alte DELL-Notebook, ein Inspiron 310, mit dem ich u.a. meine Nibelungen-Romane geschrieben habe:

dell

Ein 15,6-Zoll-Gerät mit 1,3 Ghz Celeron M 350, 1 GB interner Speicher und 80 GB Festplatte. Windows XP (SP3) ist drauf, mit mehreren Macken muss der neue Besitzer leben lernen: Akku ist durch, das Gerät läuft nur am Netzteil. CD-Laufwerk ist auch hinüber. Eine neue Knopfzelle für die interne Batterie würde verhindern, dass man bei jedem Start F1 drücken und die Systemuhr einstellen muss.

Das klingt übel, ist es aber nicht: Der Dell ist ein hervorragendes Arbeitstier mit exzellenter Tastatur, gutem Sound und prima Bildschirm. Die Leistung reicht für Internet, Email, Facebook, Musik hören und solcherlei Aufgaben allemal aus. Hat mir lange gute Dienste geleistet.

Wer für 20 Euro (damit ich nicht auch noch Porto und Verpackung zahlen muss) zuschlägt, dem lege ich noch eine Canon LIDE-Flachbettscanner in gehobenem Alter dabei. Ebenfalls funktionsfähig.

Gerät 2 ist auch etwas für Liebhaber:

medion

Bevor es Netbooks gab, gab es Sub-Notebooks wie dieses von Medion. Hat damals fast 1200 Euro gekostet. 11 oder 12 Zoll Bildschirm, 1 GB RAM, DVD-Laufwerk, SD-Card-Slot, 60 GB Festplatte. Windows 7 Professional (SP 1) ist drauf, müsste aber (wie das XP beim Dell) dringend mal upgedated werden – die Geräte haben halt jetzt vier Jahre in der Schublade gelegen. Wegen der kleineren (übrigens schweizer) Tastatur eher was für unterwegs. Das Medion kommt deshalb auch mit einer passend weißen Notebook-Tasche.

Die Haken hier: USB (z.B. über Stick) ist aus unerfindlichen Gründen skandalös langsam (vielleicht muss ein BIOS-Update her?).

Preis auch hier: 20 Euro.

ACHTUNG: Angesichts des Alters und der Macken gebe ich für die Geräte keinerlei Garantie und stehe auch nicht für Support zu Verfügung. Ihr kauft die Notebooks von privat auf Treu und Glauben, Rückgabe schließe ich aus. Versand nur innerhalb Deutschlands.

Meldet euch bei Interesse in den Kommentaren, schreibt ein oder zwei Zeilen, warum ihr das Gerät brauchen könnt. Ich wähle dann den Käufer nach Schnauze aus.

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20
Juli 2015

Ghostbusted! (3. Update)

In einer langen Nacht, in der unsere Katzen sich entschlossen zeigten, Schlaf für überflüssig zu erklären, bin ich auf eine kleine Geschichte gestoßen, die durch Recherche immer abwegiger wurde. Nicht Katusin oder Vorlander oder Asht abwegig, aber abwegig genug.

Das hier ist John Albrecht jr. aus Arizona:

Screenshot 2015-07-20 08.20.17

Er behauptet von sich selbst, ein „Ghost Hunter“ zu sein und verkauft auch Kamera-Setups, mit denen Amateure dem Paranormalen zu Leibe rücken können:

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Geld verdient er aber primär mit dem Schreiben von Artikeln für die Entertainment-Webseite Examiner. Sein Thema dort, wenig überraschend: Paranormale News, hauptsächlich gespeist aus den Pressetexten zu diversen „Ghost Hunting“-Shows im amerikanischen Kabelfernsehen:

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Ende 2014 platzierte Albrecht einen Artikel, der so gar nicht in sein Beuteschema passte:

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Nicht lachen – es gibt sogar ein Video dazu:

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Die Geschichte blieb vergleichsweise unbeachtet, sie hat ja auch nicht viel Fleisch. Eine Frau bildet sich ein, die Dinosaurier-Beine auf einer Torte sähen wie die Zahl 666 aus. Big whoop.

Dummerweise hat sich der Examiner kürzlich entschlossen, keine paranormalen News von Albrecht mehr zu veröffentlichen:

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Die neue Heimat für seine journalistische Arbeit fand er bei Inquisitr, einer dem Examiner sehr ähnlich gelagerten Publikation – so schien es zumindest:

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Sein erster Artikel? Eine Neuauflage der satanischen Tortengeschichte, erweitert um die „Pointe“, das Unternehmen habe den Kuchen nach der Entdeckung der satanischen Botschaft aus dem Online-Angebot genommen.

DAS wäre in der Tat eine spannende Entwicklung gewesen, hätte Costco damit doch entweder zugegeben, bei diabolischem Treiben erwischt worden zu sein – oder dem Druck christlicher Empörung nachgegeben zu haben.

Wäre, wie gesagt.

Zuerst fiel einigen klickfreudigen Lesern auf, dass die empörte Lady nicht nur aus der selben Gegend wie Albrecht kommt, sondern laut eigener Facebook-Seite in einer längerfristigen Beziehung mit ihm lebt. Es ist seine Freundin. Und so, wie sich die Sache abgespielt hat, kann es nicht gewesen sein – denn online ordern kann man diese Kuchen nur in Australien, nicht in Arizona. Zu guter Letzt: Die journalistischen Richtlinien von Inquisitr verlangen genuinen Content, also keine Zweitverwertung. Man kann argumentieren, dass die Reaktion von Costco die erneute Aufbereitung der Geschichte rechtfertigt – wenn es denn stimmt.

Die Freundin, die angeblich so schockiert gewesen sei, übte sich fleißig in der Leistungssportart des Zurückruderns:

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Auf Facebook musste sich Albrecht daraufhin diverse Fragen gefallen lassen – warum er nicht offen gesagt habe, dass es um seine Freundin gehe, warum er impliziert habe, zwischen dem Kuchen und der angeblichen Rücknahme des Kuchens gäbe es einen Zusammenhang, warum er bei einer Webseite ohne Zweitverwertung genau das betreibe, etc. Ich hätte euch an dieser Stelle gerne seine Antworten präsentiert, die primär aus Varianten von „Du Troll-Arschloch“ und „Verpiss dich!“ bestanden, aber Albrecht hat sie vor einer Stunde gelöscht – bevor ich sie screenshotten konnte.

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Es ist vergleichsweise offensichtlich, dass Albrecht mit Kritik nicht gut umgehen kann und Angriff als die beste Verteidigung sieht. Natürlich ist ER das Opfer und der Held zugleich:

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„who you are fucking with“? Das scheint ziemlich offensichtlich. Es sei auch erwähnt, dass ich keinen einzigen Kommentar gelesen habe, der Albrechts Familie angeht. Das ist nur Nebelkerzenwerferei.

Inquisitr nahm die Geschichte dann auch zeitnah offline – was Albrecht natürlich nicht zugeben mag:

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Er hätte demnach die Möglichkeit gehabt, 5000 Dollar zu verdienen, in dem er die Story bei seinem alten Arbeitgeber postet – hat sich aber entschieden, sie lieber inklusive der Rechte für 10 Dollar rauszuhauen? Und er glaubt vermutlich auch, dass er die Rechte nun zurück bekommt, wenn er sie dort (angeblich selbst) löscht? Man muss schon sehr naiv sein, um diese Variante zu glauben… and here we go:

Screenshot 2015-07-20 08.51.00Genau. Die Webseite hätte die Geschichte prüfen müssen und Albrecht ist ein dufter Kerl, weil er die Schwächen dieser Publikationen mit seiner Fake-Story ans Licht gezerrt hat. Fast möchte ich glauben, dass Albrecht selbst früher oder später diese Rechtfertigung anführen wird.

Die Variante der Geschichte, die sich nun beim Examiner findet, ist denn auch erheblich vorsichtiger formuliert und zieht keine Kausalität zwischen dem lustigen Kuchen und seiner angeblichen Löschung von der Webseite:

„Of course it could have been a coincidence that the legs appeared to look like sixes“

Of course.

„Why is the cake no longer available on Costco’s online ordering system.“

… wäre die Frage (das Fragezeichen hat man vergessen), die der Artikel vielleicht hätte beantworten müssen, um den Begriff „Story“ zu rechtfertigen.

Macht man sich die Mühe, Albrechts „Ghost Hunter“-Artikel zu checken, fällt schnell auf, dass auch hier einiges im Argen liegt. Da werden paranormale Teams vage erwähnt, ohne Namen zu nennen, Zusammenhänge konstruiert, suggestive Fragen willkürlich in den Raum gestellt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Albrecht über Pressemitteilungen hinaus primär Humbug aus dem Kreis seiner Kumpels ausgewertet hat. Was dann auch wieder einen prima Bogen zum 666-Kuchen-Debakel erlaubt.

John Albrecht, das kann man ziemlich sicher sagen, ist durch. Das bisschen, was er für seine journalistische Karriere gehalten hat, kann er nun abschreiben. Next stop: „You want fries with that?“

Was lernen wir daraus? Zuerst einmal, was wir eigentlich alle wissen sollten: GLAUBT NICHT ALLES, WAS IHR LEST (im Idealfall nicht mal das hier). Das Internet bietet ausreichend Möglichkeiten, zumindest die gröbsten Knäuel Seemannsgarn zu entflechten. Aber das muss man wollen – und der Klick auf den Teilen-Button bei Facebook mit einem launigen „Schaut euch mal die blöde Alte an“-Kommentar ist vielleicht befriedigender.

Leuten, die ernsthaft behaupten (or gar glauben), Geisterjäger zu sein, sollte man nur glauben, wenn sie John Sinclair heißen.

Es zeigt auch sehr schön, was heute alles als „Journalist“ durchgeht und wie sympathisch ausgeprägt die Fähigkeit zur Selbstkritik in diesen Kreisen ist. In diesem Zusammenhang sei auch auf die Autorin der Washington Post verwiesen, die der fabulösen Comedienne Amy Schumer Rassimus vorwarf – ohne auch nur einen Auftritt von Schumer je gesehen zu haben. Man lese bei Interrobang mal ihre Kommentare: von Selbstkritik oder gar Reue keine Spur.

Und leider ist das hierzulande nicht anders. Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Artikel über die dünnhäutigen Ausfälle der deutschen Netz-Elite, die – wenn es statt Lob und bedingungsloser Bewunderung mal Kritik regnet – erstaunlich biestig und armselig reagiert.

Ein andermal.

UPDATE: Der Artikel ist keine zehn Minuten online, da hat Albrecht schon wieder die meisten Facebook-Beiträge (siehe oben) gelöscht und einen neuen Rant zu seiner Verteidigung gepostet:

„Various reporters are misquoting me and one of my viral articles, claiming I „hoaxed“ an article. I never hoaxed or lied about anything in an article, ever. If there is a lie in one of my articles, the person I quoted is the liar. I am not a dishonest person.

I also never stated that US Costcos or specifically the Mesa Costco pulled the dino cake from its shelves. Every other reporter or blogger that stole my story and re-hashed it said or assumed that.“

Was für ein Warmduscher.

UPDATE 21.7.: Zack – und schon wird aus dem Opfer ein Märtyrer:

„I just found out these are Anonymous hackers attacking me. Watch what you say on here or you could be a victim of online harassment.“

UPDATE 22.7.: Auch die Rechtfertigung hat Albrecht gelöscht. Mittlerweile ist er den Job beim Examiner los:

„Examiner removed all of its Paranormal Examiners on July 1, 2015 because they’re no longer hosting paranormal or ghost hunting content on the news website. Due to this reason and to the fact that there aren’t many places to write paranormal news for, I will no longer write for Examiner or any another website. Since I love writing about ghosts, haunted places, and the paranormal, I will be creating and writing for my own paranormal news website.“

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16
Juli 2015

Becky hat ’nen Vogel

Katzen halten sich klar an die bekannten Geschlechterrollen – Rufus ist der leichtsinnige Schreihals, der mit jedem Scheiß durchkommt, weil er zu 20 Prozent aus Fell, 20 Prozent aus Schnurren und 160 Prozent aus Charme besteht. Er ist der Ben Affleck unter den Katern, man KANN ihm nicht böse sein.

Becky ist ganz Dame, hält sich gerne zurück, braucht auch mal Me-Time, und jeder Gang durch das Wohnzimmer ist ein Lauf auf dem Catwalk – elegant, schwingend, keck. Sie scheint immer ein Auge auf Rufus zu haben: „Der macht immer so schnell Blödsinn, da schaue ich mal lieber“. Vorgestern haben wir festgestellt, dass Becky auch im Privatbereich ihre eigenen Sphären sucht – soweit möglich, geht sie nicht mehr aufs Katzenklo, sondern hinter einen Busch im Blumenbeet. Da kann sie niemand sehen, da ist sie für sich, da kann sie Zeitung lesen und heimlich rauchen. Vermute ich jedenfalls.

niederknien KopieHeute morgen liege ich noch im Bett und träume was Schönes, als ich meine Frau rufen hören. Ich reagiere erst gar nicht, weil: „Meine Frau ruft nie so laut nach mir – und schon gar nicht in dieser hysterischen Tonlage“. Da die Zahl anderer Frauen, die in unserem Haushalt hysterisch meinen Namen rufen könnten, eher beschränkt ist, raffe ich mich schließlich auf.

Auf der Treppe höre ich Britta verzweifelt rufen: „Die Kleine – die hat einen Vogel!“. Ihr, meine klugen und vorgewarnten Leser, ahnt an dieser Stelle bereits, dass hier mitnichten ein Euphemismus am Werk ist. Die Aussage ist wörtlich zu nehmen.

Unsere Katze. Hat. Einen Vogel.

Und tatsächlich: Da hockt sie in der Ecke des Wohnzimmers, einen reglosen Spatz im Maul. Britta berichtet mir atemlos, dass sie mit Becky auf der Terrasse war, als der Spatz an ihr vorbei ins Wohnzimmer flog (zur Gattung der Schlauspatzen gehört er also offensichtlich nicht). Unsere sonst eher zurückhaltende Katze muss daraufhin in den ihr selbst unbekannten Jäger-Modus geschaltet haben und war binnen Sekundenbruchteilen über das Sofa geschossen und hatte das Federvieh aus der Luft geschnappt.

Respekt. Hätte ich ihr gar nicht zugetraut.

Das Problem: Becky bekommt als reine Wohnungskatze permanent ausreichend Futter angeboten, das nicht um Federn, Schnabel und Knochen bereinigt werden muss und außerdem vermutlich besser schmeckt. Sie hat deswegen auch nie wirklich Hunger, Snacks und Süßigkeiten reizen sie null.

Also hatte sie nun den Vogel im Maul und diesen Blick im Gesicht: „Okay, soweit ganz gut gelaufen. Was mache ich jetzt damit?“

Britta tat natürlich primär der kleine Piepmatz leid, dessen Schicksal ich in diesem Moment nicht einschätzen konnte. Ich sah mich schon einem verletzen kleinen Vögelchen aus Empathie den Hals umdrehen. Da schaudert’s.

First things first: Terrassentür auf, Becky vorsichtig hochnehmen und nach draußen tragen. Unter freiem Himmel lässt sich so etwas besser klären. Die Katze auf die große alte Werkbank, den Drang unterdrücken, sie dort fluchtsicher einzuspannen. Dann den Kopf der Katze nehmen, Hand um den Vogel legen und leise flüstern: „Ist gut, Süße, du kannst jetzt loslassen.“

Und tatsächlich – Becky lässt los. Sie scheint froh, dieses komische Ding, das sie eher aus Instinkt als aus tatsächlichem Interesse gefangen hat, abzugeben. Ihr Unterkiefer klappt runter und ich habe den Spatz in der Hand (wieder eine Aussage, die nach Sprichwort klingt). Britta nimmt Becky an sich.

Ich fürchte Schlimmstes, als ich die Hand öffne – gebrochene Flügel, Blut, ein leise gepiepstes „Mir ist kalt… sooo kalt…“. Stattdessen springt der Spatz auf seine spirreligen Beinchen und hebt augenblicklich ab. Keine Sekunde später sehe ich ihn hinter den Häusern verschwinden. Wenn ich von seiner Flugleistung auf seinen Zustand schließen kann, geht es ihm prima. Vermutlich ein wenig aufgewühlt noch, aber beim Stammtisch mit den Kumpeln hat er heute Abend wenigstens was zu erzählen.

Britta streichelt Becky das Köpfchen und setzt sie dann auf den Boden. Die Katze marschiert wieder ins Wohnzimmer und wirft mir einen unmissverständlichen Blick zu: „DAS mache ich garantiert nicht noch mal.“

Doch, Süße, machst du. Weil du eine Katze bist.

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12
Juli 2015

Micro-Reviews (5): Miniserien mit Mumm

Es wird gerne behauptet, das Fernsehen habe nichts mehr zu sagen, ergehe sich in endlosen Redundanzen und gauklerischer Ablenkung der Massen. Die Erzählkraft und der Aufwand des Mediums steigern sich von Dekade zu Dekade, aber die einigende Kraft des TV-Events, sie ist dahin.

Natürlich gibt es weiterhin großartige und aufwändige Miniserien, aber diese sind zumeist Fantastereien ohne direkten Bezug zur Welt, in der wir leben. Sie erzählen, aber sie sagen nichts aus. Ihnen folgt kein Diskurs in der Raucherpause am nächsten Tag, keine Aufnahme in den Kanon des Sozialkunde-Unterrichts.

Früher war es… nein, nicht besser. Aber definitiv anders. Als wenige Programme die große Mehrheit der Zuschauerschaft unter sich teilten, verband uns das gemeinsame Erlebnis und die gemeinsame Erkenntnis. Die letzte Folge von „Dr. Kimble – Auf der Flucht“, der Schuss auf J.R., Nena im roten Minirock im „Musikladen“, Live Aid, die Hochzeit von Charles & Diana, Tschernobyl, der Fall der Mauer, 9/11. Tagesgespräche ihrer Zeit.

Neben den TV-Filmen, zu denen ich ja bereits einen Beitrag gemacht habe, gab es noch das Genre der „gesellschaftsrelevanten Miniserien“, die oft mit großem Aufwand und großer Ernsthaftigkeit produziert wurden. Weil die Macher WUSSTEN, dass ihre Darstellung historischer oder pseudo-historischer Ereignisse Einfluss auf das Verständnis einer ganzen Generation nehmen konnte. Und  so war es auch.

Hier zehn Miniserien, die weit über ihren Unterhaltungs- und Informationswert hinaus die Debatten ihrer Zeit beeinflussten.

So weit die Füße tragen

Ein echter sechsteiliger Straßenfeger im noch jungen Deutschland des Jahres 1959, der die abenteuerliche Flucht von Clemens Forell aus einem sibirischen Gefangenenlager schilderte und mit belletristischen Mitteln vor allem die Aufrichtigkeit des einfachen deutschen Soldaten zu behaupten versuchte. Das mag aus heutiger Sicht revisionistisch und in der Umsetzung teilweise hölzern wirken, aber Ende der 50er wirkte die Miniserie (deren Folgenlängen sich teilweise drastisch unterschieden) für viele Bundesbürger kathartisch und geradezu aufrüttelnd spannend.

Das unnötige Remake von 2001 kann man getrost vergessen.

Kein Trailer findbar, hier das Finale:

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Ich, Claudius – Kaiser und Gott

Ich habe die Serie 1978 als Zehnjähriger mit meiner Mutter gesehen und war entgeistert: Sex, Gewalt, Wahnsinn und jede Menge Morde durch vergiftete Feigen – hier wurde Rom so ganz anders dargestellt als in meinen Asterix-Heften. Mag die Darbietung nach heutigen Maßstäben auch antiquiert und theatralisch wirken, brachte uns „I Claudius“ doch seinerzeit die Dekadenz und den Größenwahn des Römischen Imperiums in einer Klarheit näher, die im scharfen Kontrast zu den sozial-liberalen 70ern stand. Und dann DIESER Cast: Derek Jacobi, Brian Blessed, John Hurt, Patrick Stewart, John Rhys-Davies, Simon MacCorkindale, Ian Ogilvy.

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Roots

„Roots“ wurde mit großem Getöse in Deutschland promoted, war sicher DER TV-Event des Jahres 1978. Ich erinnere mich, wie fasziniert ich von der Generationen umspannenden Geschichte war, die dem Leben des Sklaven Kunta Kinte folgte. Die Sklaverei in den USA, bis dahin für mich kein Thema, wurde durch „Roots“ so unsentimental wie dramatisch präsent. Füße abhacken, über den Besen springen – Momente, die sich in mein TV-Gedächtnis gebrannt haben. Die Miniserie wäre sicher die prägendste Erfahrung und der deutlichste Beweis, dass Fernsehen auch Geschichtsunterricht sein kann, gäbe es da nicht…

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Holocaust

Es ist vielleicht menschlich verständlich, aber moralisch unentschuldbar, dass sich ein Großteil der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gerade zwanghaft wieder nach vorne wenden und das Geschehene wie das Getane möglichst schnell vergessen wollte. In den meisten Filmen (und Produktionen wie „So weit die Füße tragen“) wurde über den Zweiten Weltkrieg nur als militärische Operation berichtet, blieb der Fokus auf Einzelschicksalen, die den Mythos des „tapferen Deutschen“ am Leben erhielten. „Holocaust“ änderte das schlagartig. Sicher sehr melodramatisch, aber über weite Strecken hart an der Wahrheit, mussten wir uns von den Amerikanern in über sechs Stunden schmerzhaft vorspielen lassen, wie ein ganzes Land sich am Volk der Juden vergangen hatte. Eine Miniserie, die nicht aus Sensationsgier, sondern aus Erschütterung niemals wegschaut und für mich bis heute mehr „impact“ besitzt als „Schindlers Liste“.

Was wir in den 70er und 80er Jahren über den Holocaust wussten, war „Holocaust“:

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V

Man kann „V – Die außerirdischen Besucher“ als manchmal etwas plumpe, aber dennoch höllisch spannende und unterhaltsame Nazi-Allegorie loben, als Übertragung der Mechanismen von Invasion & Widerstand auf einen globalen, sogar galaktischen Maßstab. „V“ war außerdem großes Kino auf dem kleinen Bildschirm, einer der frühen Versuche, dem Genre auch im Fernsehen durch aufwändige Effekte und viele Sets gerecht zu werden. Da die Produktion in den großen Video-Boom kurz vor dem Durchbruch des Privatfernsehens fiel, ist es kein Wunder, dass „V“ mit einer gigantischen Werbekampagne in Deutschland 1986 zuerst exklusiv auf Video veröffentlicht wurde. Damit nimmt die Serie auch viele Vermarktungsstrategien des aktuellen Serienbooms (siehe „Daredevil„) vorweg. Riesige Werbeplakate für VIDEOS – das hatten wir damals noch nie gesehen. Und meine Tante Monika rannte eine Woche lang jeden Tag in die Videothek um die Ecke, um die jeweils nächste Kassette auszuleihen. Binge watching oldschool.

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Amerika

… war 1987 die konservative Antwort auf den liberalen und pazifistischen „The Day After“, ein feuchter Traum für Kommunistenfresser, der den Kampf des „american spirit“ gegen die russische Oppression in einer aufwändigen Dystopie umsetzte. So eine Art TV-Fortsetzung von John Milius hilariös deppertem „Die rote Flut“ (hier wie dort mit Musik von Pasil Poledouris). Spannend, breit erzählt, gut gespielt – aber getragen von so unsäglichem Reagan-Pathos, dass die Miniserie hier nur direkt auf Video vermarktet werden konnte und in den USA nach der Erstausstrahlung in den Archiven verschwand. Wer mal die Weltsicht/Paranoia der Falken und Tea Partier verstehen will, ist hier genau richtig.

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Knights of God

DownloadJa, es gab auch Kinderserien mit ideologischem Anspruch, wobei der Begriff Kinderserie bei den Engländern ja seit jeher lässig definiert wird. „Knights of God“ ist eine vielschichtige faschistische Dystopie, die „Amerika“ strukturell nicht unähnlich ist, aber deutlich liberalere Akzente setzt. Genrefans dürften schon allein deswegen feuchte Finger bekommen, weil hier Roj Blake und Doctor Who aufeinander treffen.

Nicht unerwähnt bleiben darf die deutsche Videoversion von 1987, die 13 Episoden à 25 Minuten zu einem 199 Minuten-Film verdichtet und vorne ein Cover draufpappt, das die Fans von „Mad Max“, „Rambo“, „Mad Mission“ und sonstigen Pyro-Krachern ansprechen soll. Ich wäre gerne dabei gewesen, als die anspruchslosen Allesgucker diesen „knallharten Science Fiction-Action-Thriller“ in den Rekorder schoben…

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Scarlett

Als TV-Sequel zu „Vom Winde verweht“ ist „Scarlett“ bestenfalls mäßig. Die Ausstrahlung von Joanne Whalley-Kilmer ist begrenzt und Timothy Dalton kann sich oft genug das Grinsen nicht verkneifen. Interessant ist allerdings, dass die Miniserie wie „V“ einige Marketingmechanismen vorwegnahm, die uns heute an jeder Ecke bedienen. So war es damals ein absolutes Novum, einem Kinofilm eine Miniserie folgen zu lassen – aktuell ist der Transfer von der großen auf die kleine Leinwand geradezu epidemisch.

Mehr noch: Mit Casting-Shows in mehreren Ländern baute sich „Scarlett“ ein gigantisches Promotion-Gerüst, hielt das Interesse an der Miniserie hoch, noch bevor die eigentlichen Dreharbeiten begonnen hatten. Eine geniale Idee mit nur einem Haken: Die Verantwortlichen hatten nie vor, sich vom Publikum irgendeine unbekannte Nachwuchsschönheit für die Hauptrolle aufdrängen zu lassen. Es gehört zu den bis heute nicht aufgearbeiteten TV-Skandalen, dass man das Ergebnis der Shows stickum ignorierte und die leichter vermarktbare Joanne Whalley-Kilmer castete. Das wäre in der Internet-Ära sicher so nicht durchgegangen.

Ich selbst war übrigens 1993 in London, als Whalley-Kilmer und Dalton der Presse als „Scarlett“-Traumpaar vorgestellt wurden. Good times.

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Invasion Earth

Zugegeben – „Invasion Earth“ gehört nicht zu den Miniserien, die jeder kennt und die 1998 global heiß diskutiert wurden. Heiß diskutierten damals primär mein Kumpel Glen von Ain’t it Cool News und ich per Email. Weil wir nicht fassen konnten, was uns die Briten da vorsetzten. Eine gelackte „Alien Invasion“-Saga über mehrere Generationen hinweg, die von Folge zu Folge düsterer wurde und mit der ziemlich garantierten Vernichtung der Menschen durch n-dimensionale Wesen endet. Schon die Episodentitel verhießen nichts Gutes: „The Last War“, „The Fourth Dimension“, „Only the Dead“, „The Fall of Man“, „The Battle more costly“, „The Shatterer of Worlds“.

Smart geschrieben, aufwändig inszeniert und trotz aller Action immer wieder Hirnzellen beanspruchend. Zehn Jahre später ware das eine kickass-Miniserie für „Torchwood“ gewesen.

Leider kein Trailer, darum ein Link zur ersten Folge:

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Second Coming

Und wo wir gerade bei Doctor Who sind: Bevor Russell T. Davies mit Christopher Eccleston die Kultserie reaktivierte, machte er in ihn diesem Zweiteiler von 2003 gleich zum Sohn Gottes. „Second Coming“ handelt nämlich von einem englischen Videotheken-Mitarbeiter, dem eines Tages eine Eingebung sagt, dass er die Wiederkehr Jesu ist. Und das stimmt auch. Schon bald muss sich die Weltbevölkerung fragen, wie sie mit dem bevorstehenden Jüngsten Gericht umgehen will. Spoiler: Es wird sehr schnell sehr hässlich.

Ein provokanter Zweiteiler mit grandiosen Szenen und schauspielerischen Ausnahmeleistungen, der religiöse Grundsatzfragen in ein radikal profanes Umfeld setzt. Für mich eine Erfahrung – und vielleicht auch der Grund, warum ich Eccleston bis heute für DEN Doctor halte…

Kein Trailer, aber ein schön relevanter Ausschnitt:

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Juli 2015

Blick zurück im Zorn: „RTL Samstag Nacht“

Anfang der 90er Jahre stand das deutsche Privatfernsehen noch auf sehr wackeligen Füßen. Ausländische Serien und Spielfilme dominierten das Programm, ein paar Klassiker, erste Versuche in Sachen Shows und Sport, Bumsfilme in der Spätschiene. Bei Eigenproduktionen orientierte man sich besonders bei RTL vorsichtig an global bewährten Hits: „Tutti Frutti“ kam aus Italien, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ hatten die Australier erfunden, „Hilfe, meine Familie spinnt!“ war eine deutsche Version von „Eine schrecklich nette Familie“.

Kein Wunder, dass mit „RTL Samstag Nacht“ 1993 versucht wurde, das Konzept von „Saturday Night Live“ auf den deutschen Markt zu übertragen. Ein Haufen junger „not yet ready for primetime“ Comedians, Gäste und Show-Einlagen, Running Gags und Live-Publikum sollten auf einem sonst eher quotenschwachen Sendeplatz preiswert Kult produzieren.

Ich war (ihr wisst es) damals beim GONG – und dagegen. „Saturday Night Live“ kannte ich aus diversen Zusammenschnitten, die in den 80ern in Deutschland auf Video erschienen waren – das war Kult, das war heilig, und deutscher Humor sowieso die Pest. Die Pressefotos sahen auch nicht gerade aus, als wären hier Perlentaucher am Werk:

148537-3x2-originalDoch oho und aha: Nach einem holperigen Start machte sich die Sendung. Die Comedians fanden ihre Nischen und die dazu passenden Formate: Wigald Boning als Gonzo-Clown, der völlig in seiner Figur verschwand. Olli Dittrich das genaue Gegenteil, ein begnadeter „in Rollen Schlüpfer“ für perfekte Miniaturen. Mirco Nontschew als gummigesichtige Mischung aus Didi Hallervorden und Louis de Funes. Später kam noch der geborene Performer Tommy Krappweis dazu.

Es gab auch Ausfälle: Esther Schweins war fraglos sehr schön – und genau deswegen gecastet worden. Ihr komödiantisches Timing war dagegen begrenzt und mit späteren Aufgaben als Moderatorin und Schauspielerin war sie deutlich besser bedient. Stefan Jürgens war zwar ein solider Darsteller, aber selten mehr als der „straight man“ für die etwas extrovertierten Kollegen. Und Tanja Schumann hatte zwar Begabung, fand aber nie die Rollen und Sketche, die ihr entgegen kamen.

Trotzdem: Im Laufe der Jahre gelangen „RTL Samstag Nacht“ Dauerbrenner und Sprüche, die tatsächlich Kult wurden: „Bleiben Sie dran, ich pfeif auf Sie“, „Kentucky schreit ficken“, „Neues vom Spocht“, „Karl Ranseier ist tot“.

Fünf Staffeln schaffte „RTL Samstag Nacht“ – das Original aus den USA startete 1976 und läuft übrigens immer noch. Auch Preise wurden eingeheimst: der Bayr. Fernsehpreis, der Goldene Löwe und der Bambi.

Nun trug es sich zu, dass ich nach mehr als 15 Jahren mal wieder sehen wollte, was mich in den 90ern so widerwillig begeistert hatte. Also besorgte ich mir die Box mit dem angeblich „Besten aus 5 Staffeln„:

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Das Problem: Die DVD-Box enthält das Gegenteil vom Besten – und der Grund dafür ist schmerzhaft.

Adleraugen hatten schon in den 90ern gemerkt, dass im Nachspann der Show nicht nur deutsche Autoren genannt wurden, sondern auch britische Sketch-Formate, von denen RTL ein paar Gags lizenziert hatte, z.B. „Hale & Pace“. Das ist auch nicht ehrenrührig. Nur leider waren die Sketche nur für eine Ausstrahlung eingekauft worden und damit für die DVD nicht verfügbar. Gleiches gilt für die Auftritte der musikalischen Gäste, die auf DVD auf breiter Front durch Abwesenheit glänzen.

Was der Käufer bekommt, ist eine Art Konzentrat – „RTL Samstag Nacht“ reduziert auf den genuinen deutschen Kern, zu dem die Macher damals fähig waren und an dem die Produktionsfirma auch heute noch die Rechte hält. Keine Hilfestellung durch eingekaufte Gags, keine kultigen 90er-Hits.

Wir substanziell dieser Kern ist, kann man schon daran erkennen, dass manche der Sendungen, die seinerzeit netto über 60 Minuten liefen, auf DVD plötzlich auf knapp 22 Minuten geschrumpft sind. Das macht die Box-Sets für Sammler, die ihre Lieblings-Shows gerne in voller Länge genießen würden, unbrauchbar.

Schaut man diese „german content“-Schnipselshows heute noch einmal, schwankt man zwischen ungläubigem Entsetzen, rotohrigem Fremdschämen und blanker Wut. Bevor die Comedians ihre eigenen Nischen fanden und mit soliden wiederkehrenden Sketchen besetzten, mussten sie teilweise erbärmliche Non-Gags abspulen, für die man heute selbst bei YouTube nur „Daumen runter“-Bewertungen bekäme.

Das  fängt schon bei den wöchentlichen „Gästen“ an. Auch so eine Idee, die von „Saturday Night Live“ übernommen wird, ohne sich zu überlegen, wie das funktionieren soll. Statt die Schauspieler und Musiker in die Produktion der Sendungen einzubinden und ihnen Material auf den Leib zu schneidern, reicht es „RTL Samstag Nacht“ aus, dass die Gäste mal schnell ihr neues Projekt promoten und dann bei ein oder zwei Sketchen die Nase in die Kamera halten.

Bestes Beispiel: Gert Haucke. Der Schauspieler und Schriftsteller macht gar nicht erst den Versuch, das Intro der Sendung als etwas anderes zu sehen als eine Verkaufsplattform für sein neues Buch – und man lässt ihn:

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Das riecht unangenehm nach „Wetten dass…?!“, wo die Promis einen Clip aus ihrem neuen Film zeigen, schnell noch erzählen, wie super alles am Set war, und dann „leider wieder weg müssen“…

Und dann diese Gags. Oh Gott, diese Gags.

Da ist z.B. die Surferin, die endlich die passende Binde gefunden hat:

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Oder „Gaywatch“:

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Wer sich noch an die Krawall-Talkshow „Der heiße Stuhl“ erinnert, kann sich an dieser Parodie mit dem Penis von Udo Jürgens erfreuen:

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Mein persönliches Feindbild ist aber „em ti wie“, was wohl eine Parodie auf MTV sein soll, primär aber beweist, dass das Budget fürs grafische Design von „RTL Samstag Nacht“ bei 3 DM lag. Warum das Original humoristisch nachbauen, wenn der Praktikant mit dem Edding umgehen kann?

Screenshot 2015-07-09 20.25.15Genau genommen wird auch nicht der Musiksender parodiert, sondern eine seiner Moderatorinnen. Wobei der Begriff Parodie in diesem Fall nur dazu dient, etwaige Klageandrohungen von Kristiane Backer abzuschmettern. Man muss die Brünette mit dem begrenzten Sprachschatz, die mittlerweile zum Islam konvertiert ist, nicht mögen. Als Moderatorin war sie bestenfalls eine solide Ansagerin. Aber was „RTL Samstag Nacht“ in Tateinheit mit Esther Schweins daraus macht, ist eine Frechheit:

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Parodie lebt von der Genauigkeit der Beobachtung und hier ist wirklich ALLES falsch: Die tussigen Klamotten, das affige Gehabe, die kieksige Sprache. Und „Kristiane Kacker“? Ein Brüller. Ich hätte erwartet, dass IRGENDWER in der Produktion sagt: „Kinders, das ist nicht nur völlig daneben, sondern auch völlig unkomisch“. Aber es musste ja Sendezeit gefüllt werden.

Dass das DEUTLICH besser geht, bewies nur wenige Jahre später die „Wochenshow“:

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Wie gesagt: Es wird besser im Laufe der Staffeln. Viel Müll kommt in die Tonne, kleine Perlen werden immer weiter poliert, bis „Neues vom Spocht“ oder „Zwei Stühle – eine Meinung“ als komödiantische Kleinode gelten können. Aber in jeder Sendung so elend viel Füllmaterial, ungut gestreckte Witze ohne Pointe, bei denen das Publikum nur dank „Applaus“-Licht wie der sprichwörtliche pawlowsche Hund klatscht. Es schmerzt.

„Bleiben Sie dran – ich pfeif auf Sie“ klingt plötzlich nicht mehr nach Running Gag, sondern nach Zuschauerverachtung.

So ernüchtert und enttäuscht die Wiederbegegnung mit einer der Kult-Shows der 90er. Die Kürzung der Episoden um das Lizenzmaterial unterstreicht nur die Dürftigkeit der deutschen Autoren, die mit schlechten Witzen Comedians zuarbeiten, die sie nicht verstehen und deren Stärken sie nicht zu nutzen wissen.

Da lobe ich mir „Wochenshow“ und „Switch“.

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Juli 2015

Kino-Kritik: Ant-Man (spoilerfrei)

69389_AntMan_HP_FSC_A4_rz-2_72USA 2015. Regie: Peyton Reed. Darsteller: Paul Rudd, Michael Douglas, Evangeline Lilly, Corey Stoll, Bobby Cannavale, Judy Greer u.a.

Story: Der Kleinkriminelle Scott Lang hat den größten Teil seines Lebens vergeigt – die große Liebe, das Sorgerecht für die Tochter, den Beruf. Dann trifft er auf den genialen, aber zurück gezogen lebenden Super-Industriellen Hank Pym. Dieser war einst der Superheld „Ant-Man“ und sieht in Scott den idealen Nachfolger, damit seine Technologie nicht in die falschen Hände gerät.

Kritik: Mancherorts wird einer Marvelmüdigkeit das Wort geredet, es ist gar die Rede davon, die Marvel-Blockbuster würden als Fließbandproduktionen im besten Fall nur das Big Budget-Kino, im schlimmsten Fall gleich ganz Hollywood kaputt machen. Marvel ist Hydra.

Das ist natürlich kompletter Unfug. Der Erfolg von Marvel liegt in einer großartigen Geschäftsstrategie, die das Prinzip der Comic-Vermarktung ins Kino getragen hat, nicht nur von Film zu Film denkt und so ziemlich in allen Medien Druck macht. Die Analogien sind dabei so offensichtlich wie unauffällig: Die Blockbuster sind die großen „Graphic Novels“, aufwändig in Form und Inhalt. Limitierte Serien wie „Daredevil“ entsprechen Comic-Miniserien, die später in „Trade Paperbacks“ gesammelt und entsprechend gerne auch „in einem Rutsch“ konsumiert werden. Und die regulären TV-Serien füllen wie die regulären Comic-Serien das Universum, bilden den Klebstoff, betreuen die Nebenfiguren und Subplots.

Marvel wäre nicht so erfolgreich, wenn man diese Strategie nicht mit höchster Qualität in Sachen Form und Inhalt gefüllt hätte. Selbst die schwächsten MCU-Filme sind besser als die besten Michael Bay-Filme. Und weil sie ineinander greifen, bieten sie den Fans einen klaren Mehrwert, ohne die breite Masse der „casual moviegoer“ zu verschrecken. Das ist so clever wie konsequent.

Marvel's Ant-Man Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)  Photo Credit: Film Frame © Marvel 2015

Wer meint, Marvel produziere nach Schema F, sollte sich noch mal „Men in Black 2 & 3″ ansehen, „Van Helsing“, „Wild Wild West“, „Battleship“, „The Spirit“ und das Oeuvre von Uwe Boll. DAS sind Fließbandproduktionen, die ausschließlich für einen vagen „Markt“ und nicht für die Zuschauer gemacht sind. Produkt, nicht Film. Marvel hingegen setzt viel Manpower und Moneten ein, damit das Gesamtniveau der Produktionen hoch bleibt und die Verzahnungen stimmig.

Es ist auch schlicht unwahr, dass Marvel keine Risiken eingeht. Es gehört schon Chuzpah dazu, vormalige A-Helden wie Punisher und Daredevil ins Fernsehen zu lizensieren und gleichzeitig B-Akteure wie Ant-Man und die Guardians of the Galaxy mit größtmöglichem Aufwand auf die Leinwand zu hieven. Man verlässt sich eben nicht immer nur auf die Oberliga, sondern hält die Franchises konstant frisch und gut bevölkert.

Das Marvel-Universum ist ein Großprojekt. Nicht Kunst, aber Kunsthandwerk. Man kann es mögen – muss aber nicht. Das Kino ist auch in diesem Sommer nicht an alternativen Blockbustern arm.

Und damit endlich zu „Ant-Man“.

Marvel's Ant-Man Ant-Man/Scott Lang (Paul Rudd)  Photo Credit: Film Frame © Marvel 2015

Peyton Reeds Adaption eines vergleichsweise unbekannten Marvel-Helden kommt mit ein bisschen Gepäck, hatte sich das gesammelte Fandom doch furchtbar darüber aufgeregt, dass Edgar Wright, der lange für die Verfilmung gekämpft hatte, kurz vor Drehstart den Hut nahm bzw. nehmen musste. Da wurde gleich wieder gemunkelt, das Studio spiele gnadenlos seine Macht über den kreativen Prozess aus. Was stimmt. Und richtig ist.

Inhaltlich reißt „Ant-Man“ keine Bäume aus – es gibt die übliche Origin-Story, die wir aber wenigstens nicht schon ein Dutzend mal gesehen haben wie im Falle von Batman, Superman und Spider-Man. Der Held und sein Dilemma, die Trainingssequenzen, der väterliche Freund, der Love Interest, der in seinen Kräften gleichgestellte Gegner: Die Heldenreise in Reinkultur, nicht nur aus anderen Comic-Verfilmungen, sondern auch aus Klassikern wie „Star Wars“ und „Herr der Ringe“.

Macht „Ant-Man“ in dieser Beziehung auch nichts neu, so macht er doch zumindest alles richtig: Der Spaß am Spektakel, der Sense of Wonder, die Spielfreude sind intakt, wir können beinahe augenblicklich an die mit üppigen Pinselstrichen gemalten Figuren andocken und uns von ihnen auf ein Abenteuer mitnehmen lassen. Wie auch „Guardians of the Galaxy“ und „Avengers“ weiß „Ant-Man“, wann man Story und Figuren am besten über die Actionszenen entwickelt und wann man innehalten muss, um den Charakteren und den Zuschauern eine Atempause zu gönnen. Die Taktung stimmt ebenso wie die Balance von Drama und Comedy.

Marvel's Ant-Man L to R: Hank Pym (Michael Douglas) and Darren Cross (Corey Stoll) Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014

Effekte, Schnitt, Musik und Cast spielen auf gewohnt hohem Marvel-Niveau, für die darstellerische Gravitas ist nach Anthony Hopkins und Robert Redford diesmal Michael Douglas zuständig.

Natürlich gibt es wieder eine ganze Sackladung an Querverbindungen zum restlichen Marvel-Universum, auch wenn „Ant-Man“ klar als alleinstehender Film funktionieren soll und auch funktioniert. Stark Industries und die Avengers werden erwähnt, ich habe außerdem mindestens fünf Figuren aus dem Rest der Franchise in kleineren und größeren Rollen entdeckt, plus Stan Lee. Eine Einbindung in den nächsten Avengers-Film wird angedeutet, zwei Post Credits-Sequenzen dienen als Appetitanreger.

So weit, so gut. Aber ist das nicht doch alles Schema F? Nein. Der Film steht für eine weitere, spannende Facette des Marvel-Universums. Er löst etwas ein, das ich bei „Captain America 2“ angemerkt hatte:

„Ich hatte erwartet, Marvel würde die ganz große Kohle bei Team-Filmen wie „Avengers“ und „Guardians of the Galaxy“ raushauen und bei den Solo-Abenteuern eine Nummer kleiner fahren, aber „Captain America 2″ schießt aus allen Rohren, ist genau genommen ein „Avengers 2″, der Iron Man durch Falcon ersetzt und sich weniger um den Captain, dafür mehr um SHIELD dreht.“

Nun, „Ant-Man“ ist das erste Solo-Abenteuer von Marvel, das augenscheinlich nicht als weltumspannendes Mega-Spektakel entwickelt wurde, sondern als intimeres, in seinem Ausschnitt aus dem Marvel-Universum bewusst beschränkteres Abenteuer. Kein Lückenfüller zwischen den „dicken Dingern“, sondern ein Durchatmer, weil schließlich nicht jedes Mal ganze Galaxien auf dem Spiel stehen können. Genau genommen ist „Ant-Man“ der Popularität und Relevanz seines Protagonisten angepasst.

Dieser Ansatz ist auch hübsch meta: Ein kleiner Film für einen kleinen Helden, der nicht um das Makro-Universum kämpft, sondern dem Mikro-Universum verpflichtet ist. Die Schrumpfung als Sinnbild für die Rücknahme der Exzessen der vorherigen Filme. Das passt.

Marvel's Ant-Man Scott Lang/Ant-Man (Paul Rudd)  Photo Credit: Zade Rosenthal © Marvel 2014

So bringt „Ant-Man“ den Marvel-Standard wieder auf Augenhöhe, dreht runter von 11 und verschluckt sich nicht an dem von mir schon häufig postulierten zwangsläufigen „größer, schneller, weiter“-Overkill. Von hier aus sind wieder Steigerungen möglich, ist Platz für Kino jenseits der reinen Kinetik. Und DAS macht den Film so ungemein sympathisch.

Dabei bleibt der Begriff „klein“ natürlich relativ: Mit 130 Millionen Dollar Budget ist „Ant-Man“ nicht aus der Portokasse bezahlt worden und die zwei Stunden Laufzeit sind wie üblich mit „holla, die Waldfee!“-Actionszenen angefüllt.

Um es ganz altmodisch zu sagen: Ich habe mich prächtig amüsiert. Wäre ich dem Grummeltum verpflichtet, ich würde vielleicht den etwas zu kurz geratenen Schlusskampf Ant-Man/Yellowjacket monieren, das mangelnde Charisma von Evangeline Lilly, und die etwas zu hektische Vergrößerung/Verkleinerung in den Kampfszenen. Ein Limit seiner Schrumpfkräfte hätte dem Ant-Man etwas mehr Drama verliehen, wenn damit eine gewisse Verlorenheit in der Mikro-Welt einher gegangen wäre. Der philosophische Aspekt des „klein seins“ wird so gar nicht ausgespielt, da wäre mehr gegangen:

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Aber Introspektion und Diskurs sind nicht Sinn und Zweck solcher Filme. Entertainment is the Marvel way.

Fazit: Ein für Marvel-Verhältnisse kleiner Superheldenfilm, der mit hoher Geschwindigkeit, sympathischen Figuren und fettfreier Inszenierung unterhält.

Ich empfehle den Film in der englischen Originalfassung, weil Michael Douglas‘ Synchronstimme den Charakter von Hank Pym arg verfälscht:

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P.S.: Kleines Presseheft als Bonus.

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Juli 2015

Micro-Reviews (4): Kickass TV-Filme

Ich bin ein totaler Fan von Fernsehfilmen als eigene Kunst-, bzw. Erzählform. Nicht so sehr heute, wo die Produktionen in Sachen Budget und Cast locker mit Kinofilmen mithalten können. Ich rede von früher, als 15-20 Drehtage ausreichen mussten und Millionenbudgets nicht mal träumbar waren. Damals behalf man sich mit guten, fettfreien Drehbüchern und arrivierten Schauspielern. Darum blättere ich auch so gerne in dem Band „Movies made for Television„. Ich habe die großartige Hardcover-Erstausgabe von 1980. Da fehlen zwar alle neueren TV Movies der späteren Jahre, aber dafür gibt es Hunderte extrem seltene Fotos der Produktionen von 1964 bis 1979. Ein Wiedersehen mit so vielen bekannten Gesichtern – und die Entdeckung so vieler toller Stories. Entzückenderweise kann man sich viele der vorgestellten Streifen mittlerweile auf YouTube ansehen.

Heute möchte ich euch zehn TV-Filme aus 30 Jahren vorstellen, die mich begeistert haben, weil sie vielleicht nicht immer das Format durchbrachen, es aber zumindest an seine Grenzen brachten. 10 Filme, die so gut sind, dass sie durchaus im Kino hätten laufen können – und teilweise auch liefen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht zu allen TV-Filmen Trailer gibt. In diesen Fällen habe ich euch die kompletten Filme verlinkt. Auf eigene Gefahr.

Vorgabe: Keine spielfilmlangen Pilotepisoden von TV-Serien.

Duel (1971)

Ein sehniger, schwitziger und staubiger Roadmovie-Thriller, inhaltlich wie stilistisch bis zum Anschlag hochgedreht. 90 Minuten Adrenalin von einem jungen Nachwuchstalent, das uns noch „Der weiße Hai“, „E.T.“, „Indiana Jones“, „Schindler’s List“ und „Jurassic Park“ schenken sollte.

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Gargoyles (1972)

Ein „kleiner“ Monsterfilm, hinter dem wir in den 90ern vor allem deshalb her waren, weil er Creature Designs des sehr jungen Stan Winston versprach. Aber auch darüber hinaus kann der Film überzeugen, denn er müht sich sichtlich und recht erfolgreich, seinen Schreckgestalten Identität und Background zu geben.

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Der eiskalte Tod (1973)

„A cold night’s death“, gerade mal 74 Minuten lang (um mit Werbung auf 90 zu kommen), lief in den 70er und 80er Jahren auch mehrfach im deutschen Fernsehen. In Sachen Location und Spannungskurve durchaus mit Carpenters „The Thing“ vergleichbar, kann dieser niedrig budgetierte Suspenser in Sachen Gänsehaut und Grusel ordentlich punkten. Genau die Sorte Film, die auch deutsche Sender in Auftrag geben könnten – aber nicht wollen.

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Brimstone and Treacle (1976)

Wenn der Teufel zu Besuch kommt, müssen alle Rechnungen beglichen werden. Lange Zeit als gotteslästerlich und unmoralisch in den Schubladen des Senders versteckt, funktioniert „Brimstone and Treacle“ des großen britischen Skandalautors Dennis Potter auch heute noch als böse Abrechnung mit dem britischen Bürgertum.

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The Day After – Der Tag danach (1983)

Es ist für Spätgeborene kaum nachvollziehbar, welche kontroversen Diskussionen der TV-Film seinerzeit auslöste – bei uns lief er noch dazu in den Kinos. So wie uns „Roots“ die Greuel der Sklaverei und „Holocaust“ die Monstrosität der Naziverbrechen nahe brachte, so lernten wir von „The Day After“, dass es nicht damit getan war, die Bombe zu lieben. Die Reagan-Administration hat den Film gehasst – und in vielen Schulen wurde er zum Pflichtprogramm. Sicher, vieles ist hysterische Propaganda, aber wer mal sehen will, wie ein TV-Film die Welt in Aufruhr versetzen konnte, ist hier richtig.

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Condition Red (1990)

„Condition Red“ ist die Tom Clancy-Version von „The Day After“, konzentriert sich auf die politischen und militärischen Mechanismen bei einer versehentlichen nuklearen Auseinandersetzungen. Mit viel Aufwand und beeindruckendem Cast produziert, kann dieses frühe HBO-Highlight mit den Kinofilmen seiner Zeit mithalten – weshalb der deutsche Videoverleih dem Streifen seinerzeit sogar eine Pressevorführung im Kino spendierte.

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Wedlock (1991)

Ein Mann und eine Frau flüchten aus einem futuristischen Knast – und dürfen sich wegen ihrer mit Sprengstoff beladenen Halsbänder niemals mehr als ein paar Schritte voneinander entfernen. Eine Variation von „The Defiant Ones“, falls sich unter den Lesern ein paar echte Cineasten verstecken sollten.

Keine große Science Fiction, nicht mal großes Drama – aber „Wedlock“ ist ein schönes Beispiel für solide B-SF, wie sie HBO Anfang der 90er produzieren und dann weltweit in die Videotheken pumpen konnte. Für Lewis Teague („Cujo“, „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“) nur eine Fingerübung, die schon drei Jahre später als „Deadlocked“ neu verfilmt werden soll.

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Hexenjagd in LA (1991)

Bei „Cast a Deadly Spell“ wurde nicht gespart: Die aufwändige Vermählung von Film Noir und Lovecraft-Horror wurde von „GoldenEye“-Regisseur Campbell mit einem gute Auge für die Balance von Kitsch und Coolness inszeniert. Fred Ward und Julianne Moore haben sichtlich ihren Spaß an der Melange aus „Malteser Falke, „Dick Tracy“ und „Dr. Mordrid“. Ein üppiger, kinotauglicher Gruselspass, dessen Chance auf eine serielle Fortsetzung von einem erheblich schlechteren Sequel („Witch Hunt“ – von Paul Schrader!) zunichte gemacht wurde.

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12:01 (1993)

Nochmal Jack Sholder (siehe „Condition Red“), der hier – wie Lewis Teague bei „Wedlock“ – temporeich und ohne größeren Schnickschnack eine SF-Romanze erzählt, bei der angeblich „Und täglich grüßt das Murmeltier“ geklaut hat. Der sich ständig wiederholende Tag dient hier mehr der Spannung als dem Slapstick, die Besetzung mag etwas zu blass sein, aber ein hübsches Gedankenspiel ist „12:01″ dennoch.

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Failsafe – Befehl ohne Ausweg (2000)

Zum Abschluss eigentlich ein Doppeltipp: „Failsafe – Angriffsziel Moskau“ (1964) von Sidney Lumet ist bis heute einer der eindrucksvollsten Antikriegs-Filme, so eine Art „Dr. Seltsam“ ohne den Humor, dafür mit einem präzisen Verständnis für die Mechanismen einer globalen Katastrophe und mit einem schockierenden Ende.

Im Jahr 2000 drehte Stephen Frears ein Remake. Als TV-Film. In schwarzweiß. Live gespielt und in Echtzeit ausgestrahlt. Eine echte Hommage an die Frühzeit des TV-Dramas und hochkarätig besetzt mit George Clooney, Brian Dennehy, Sam Elliott, Harvey Keitel, Noah Wyle, Richard Dreyfuss und Don Cheadle. Und tatsächlich gelang es der ambitionierten Produktion, die Magie des „frühen Fernsehens“ noch einmal einzufangen. Die DVD ist preiswert erhältlich und sei euch allen ans Herz gelegt.

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Juni 2015

Micro-Reviews (3): Fantasy Filmfest-Nachlieferung

Ich würde im Laufe der nächsten Monate glatt noch Reviews aller Filme nachliefern, die ich vor meiner Bloggerzeit auf dem FFF gesehen habe. Blöd nur: An die meisten kann ich mich bestenfalls rudimentär erinnern. Darum picke ich mir im Rahmen der Micro Reviews ein paar raus, die halbwegs Eindruck hinterlassen haben. Die Vorgabe diesmal: Nichts nachschlagen, alles aus dem Kopf erzählen.

Blue Steel

Nach „Near Dark“ dachte ich, Kathryn Bigelow könnte die erste relevante weibliche Stimme des Genrefilms werden. Aber sie wollte nur die Respektabilität Hollywoods und lieferte als nächstes einen vorgeblich frauenstarken, aber in Wirklichkeit alle Klischees bedienenden „Thriller“ über eine Polizistin, die sich in einen Fetischisten verknallt. Gelacktes, aber auch ziemlich leeres Designerkino. Mit „Point Break“ hat sie sich aber gleich im Anschluss wieder rehabilitiert.

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Darkman – Der Mann mit der Gesichtsmaske

Der deutsche Untertitel ist so scheiße, dass er schon wieder gut ist. Als Anti-Superhelden-Film (so eine Art Mischung aus „Batman“ und „Das Phantom der Oper“) geht „Darkman“ in Ordnung, auch wenn man ihm ansieht, wie sehr er mit einem zu geringen Budget kämpft. Für Sam Raimi war er die Bewerbung für größere Aufträge und letztlich „Spider-Man“. Bei der letzten Szene („… call me Darkman!“) haben wir Geeks uns seinerzeit vor Begeisterung ins die Hosen gepieselt. Einer der ersten Kinofilme, der zeitnah „direct to video“-Sequels nach sich zog. Die kann man knicken.

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Marquis de Sade

Schauspieler mit Tiermasken, ein sprechender Penis: „Marquis de Sade“ ist wahrlich nicht das, was man von einer filmischen Biographie des ollen Frauenverstehers erwartet. Vor allem aber ist der Film erstaunlich humorvoll und zart, mehr am melancholischen Sinnieren über die Natur der Lust interessiert als an schweinischen oder schmerzhaften Details. Hat mich seinerzeit sehr beeindruckt.

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Dellamorte Dellamore

Genau genommen keine freie Adaption von „Dylan Dog“, wenn auch vom gleichen Autor und mit dem Darsteller, der Dylan Dog als Vorbild galt. Stattdessen eine turbulente wie schwermütige, mit Splatter und Sex aufgebohrte Friedhofsfarce, die gegen Ende etwas aus der Bahn gerät, das Publikum im Kino aber durch die Bank begeisterte.

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Surviving the Game – Tötet ihn!

Es gibt VIELE offizielle und inoffizielle Varianten des „Most dangerous game“-Stoffes, auch als Actionthriller mit Stars wie van Damme und Dudikoff. Dass ausgerechnet der Kameramann von Spike Lee eine der besten Spielarten stemmen würde, hat uns damals überrascht. Klasse gefilmt, mit einem großartig aufgelegten B-Cast (Ice-T! Rutger Hauer! John C. McGinley! Gary Busey! F. Murray Abraham! Charles S. Dutton!). Always check the barrel, bitch!

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Fist of the North Star – Der Erlöser

In den 90ern waren Mangas und Animes Kult, da war es kein Wunder, dass diverse westliche Filmer versuchten, die Stoffe für ihr Publikum zu adaptieren. Die Umsetzung des hirntoten, aber dafür ultrabrutalen Comics „Fist of the North Star“ (so eine Art „Streetfighter 2″ meets „Story of Ricky“) wurde weitgehend verrissen. Zu billig, zu blöd, zu banal. Aber in meinem Herzen hat sie einen ganz besonderen Platz, denn Regisseur Tony Randel holt wirklich alles aus den paar Piepen raus, die ihm zur Verfügung standen und der Cast ist ein feuchter Traum für Badmovie-Freunde:

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Die Passion des Darkly Noon

Gedreht in der ehemaligen Ostzone, ist „Darkly Noon“ ein schönes Beispiel dafür, dass Deutschland durchaus Backdrop für internationale Filme sein kann. Eine sehr erotische Ashley Judd verdreht einem sehr verstörten Brendan Fraser den Kopf, und Viggo Mortensen ist auch dabei. Ein kleiner, brutaler und doch wunderschöner Thriller. Warum Philip Ridley danach zehn Jahre bis zu seinem nächsten Projekt brauchte, ist mir ein Rätsel.

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Barb Wire – Flucht in die Freiheit

Nenn‘ sie nicht Babe – Schlampe wäre angemessener. Die futuristische „Casablanca“-Variante nach Comic-Vorlage wurde damals freudig erwartet, vor allem von chronischen Masturbanten. Pamela Anderson gibt sich sich sichtlich Mühe, aber letztlich reicht ihr Strip im Vorspann für die Zielgruppe aus und der Rest ist eher C-Ware, die von vorne herein auf Video gehört hätte.

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Crying Freeman – Der Sohn des Drachen

Noch eine Anime-Realverfilmung, diesmal vom sehr populären „Crying Freeman“. Wir fanden den seinerzeit alle geil, toll gefilmt und mit Marc Dacascos perfekt besetzt. Rückblickend fällt einem dann schon auf, dass der Großteil der Laufzeit angeberisches Posing ist und sich das morbide moralische Vakuum der Vorlage nicht adäquat erzählen lässt. Gut gemeint, aber nicht gut gealtert.

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Ultimate Chase – Die letzte Jagd

Albert Pyuns erster Versuch, so etwas wie einen Echtzeit-Film zu drehen, war einer der Totalausfälle des FFF 1996 – und es müht einem fast schon Bewunderung ab, dass Natasha Henstridge nach ihren viel beachteten (ähem) Debüt „Species“ binnen eines Jahres in der C-Movie-Hölle gelandet war. Na ja, Christopher Lambert konnte sie einweisen, der kannte sich damals schon dort aus. Der Film selbst in eine lahme Abfolge von Verfolgungsjagden in Tunneln und Industriebrachen, die ständig irgendwelche futuristischen Konzepte verspricht, aber aus Budgetmangel nie zeigt.

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29
Juni 2015

Ein Handschlag über das Jahrhundert hinweg

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird. Eine weitere, dass historische Ereignisse greifbarer und realer sind, wenn man einen persönlichen Bezug zu ihnen hat. Das hat sich heute bewiesen – auf eine mich bewegende Weise, die ich teilen möchte.

Mein Großvater hieß Nikolaus Plotes. Er war im Zweiten Weltkrieg als Belgier von den Deutschen nach Düsseldorf zwangsverschoben worden, um dort zu arbeiten – als Uhrmacher konnte man seine feinmechanischen Fähigkeiten gut brauchen. Nach der Kapitulation des Dritten Reiches kehrte er für ein paar Jahre in das heimatliche St. Vith zurück.

Mitte der 50er – verheiratet mit einer Düsseldorferin – zog er dann mit Sack und Pack (und drei Kindern) erneut an den Rhein, diesmal freiwillig. Nach einiger Suche fand die Familie ein geeignetes Haus in der Richardstraße, das er über die nächsten 20 Jahre in kompletter Eigenarbeit aus- und umbaute:

richardIch war noch ein Kleinkind, als meine Eltern Anfang der 70er mit uns dort auszogen. Mein (angeheirateter) Vater und mein Großvater unter einem Dach – das ging nicht gut. Dennoch steht das Haus für viele prägende Erinnerungen: Hier wurden die Familienfeste gefeiert, hier lebten neben meinem Opa und meiner Oma auch mein Onkel und meine Tante, hier hatte ich jahrelang ein Keller-Apartment als „zweiten Wohnsitz“, wenn ich von München aus zu Besuch kam. Geburtstage, Weihnachten, Beerdigungen – „our house in the middle of our street“.

Im Treppenhaus, direkt vor der Wohnungstür meines Großvaters, hing ein Ölbild. Ich nenne es nicht Ölgemälde, das würde Stil und Qualität überfordern. Ein einfacher Hof auf dem Land, gemalt aus der Fernsicht von einem Waldrand aus. Einfache Striche, eine einfache Darstellung eines einfachen Lebens.

Der Luxhof. In der Nähe von St. Vith in Belgien. Opa erzählte mir, dass die Familie viele Generationen dort gelebt und gearbeitet hatte. Sozusagen unser Stammsitz. Das, was für die Ewings Southfork ist. Hier ein altes Foto, das dem Bild sehr ähnlich ist:

Luxhof

Ich war nie da. Selbst bei den Besuchen in St. Vith kam keiner auf die Idee, noch mal beim Luxhof vorbei zu fahren. Nach dem Verkauf des Hofes in den 50ern hatte die Familie damit abgeschlossen. Das ist auch der Grund, warum Düsseldorf für mich immer die Keimzelle der Familie war und Opa ihr ältester lebender Vertreter. Reini, ein entfernter Cousin, hatte sich zwar mal die Mühe gemacht, einen Stammbaum bis weit ins 18.Jahrhundert zurück zusammen zu stellen, aber dazu konnte ich keinen Bezug aufbauen.

Das war nicht meine Welt, die Belgier waren nicht wirklich meine Familie.

So lautet meine Erklärung – nicht Entschuldigung -, warum ich über meinen Großvater hinaus fast nichts über die Familie mütterlicherseits weiß. Es waren… Belgier.

Vor ein paar Tagen rief mich dann meine Mutter an. Sie hat deutlich mehr Verbindungen zur Verwandtschaft, verbringt im Alter viel Zeit in St. Vith. Da gibt es Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen. Und eben Reini, der sich immer noch mit der Familiengeschichte beschäftigt. Mutti erzählte mir, dass Reini im Magazin eines historischen Vereins der Gegend einen Artikel veröffentlich hätte, den sie mir gerne mal schicken würde. Heute morgen war er in der Post und ich habe ihn für euch gescannt.

ÜberschriftDas ist nicht mein Großvater. Es ist mein Urgroßvater. Ein Mann, von dem ich bis heute noch rein gar nichts gehört hatte. Zeit, das nachzuholen.

Der Artikel, den Reini geschrieben hat, ist so faktenreich wie familiär, zeigt den kleinen Ausschnitt im Großen Krieg, das hilflose Rädchen, das sich die Seite nicht aussuchen konnte, für die es sich drehen musste. Und er hat mir gezeigt, dass mein Großvater seinen Namen nicht aus Zufall trug.

Es hat Tradition, die Männer in meiner Familie Nikolaus zu nennen. Schon der erste Stammvater, den Reini dokumentiert fand, hieß so. Es war allerdings nicht üblich, den Namen direkt an den Sohn weiter zu geben. Sonst hätte es ja auch zuviel Verwirrung gegeben. Aber dazu gleich mehr.

Nun weiß ich also, wie mein Urgroßvater vor 100 Jahren aussah:

Nikolaus Plotes

Das langgezogene Gesicht, das große aber weiche Kinn – ja, ich sehe da eine Familienähnlichkeit, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Garderegiment zu Fuß? Was für ein scheiß Job.

Mein Großvater musste für die Deutschen an die Front. Von der Familie mit vier Kindern getrennt (ein fünftes unterwegs), sollte er von Berlin aus gegen den Feind im Osten ziehen.

Es braucht euch nicht interessieren. Was geht euch ein belgischer Grenadier an, der vor 100 Jahren gegen den Russen marschierte? Nicht mal eine Fußnote der Geschichte. Keine Spuren im Sand. Und doch würde ich euch bitten, den Artikel von Reini zu lesen, weil er nicht nur von meiner Familie erzählt, sondern auch von einem Schicksal, das so sicher Tausende Male durchlitten wurde:

LauftextJetzt weiß ich, warum mein Großvater direkt nach seinem Vater benannt wurde – weil es keine Verwechslungsmöglichkeiten gab. Der kleine Nikolaus hat Nikolaus senior nie gesehen, der Vater seinen Sohn nie gehalten. Die Grausamkeit des Krieges offenbart sich für mich in diesen ganz privaten Schicksalen deutlicher als in aufwändigen Schlachtgemälden.

Und noch verzweifelter und hoffnungsloser als der Bericht von Reini ist der Feldpostbrief meines Urgroßvaters, der für diesen Artikel erstmals in die moderne Schrift übertragen wurde. Ich kann euch auch hier nur ans Herz legen, ihn mal in Ruhe zu lesen – versucht, dabei nicht das Schlagen von Stiefeln auf Kopfsteinpflaster zu hören, das Schmieröl der Gewehre zu riechen, das Kratzen der rauen Uniformhose auf der Haut zu spüren:

Plotes Brief

„So Gott will, sehen wir uns bald wieder in der lieben, lieben Heimat“ – er hatte noch gut zwei Monate zu leben.

Und plötzlich bin ich doch mehr als ein Dewi, bin ich AUCH ein Plotes. Sehe über den Großvater hinaus, die Familie mit den Kindern bangen, den Hof unbestellt, den Winter als Drohung voraus. Ich begreife mich als Teil einer Geschichte, die viel weiter zurück reicht als die alten Fotos. Hinter den Fenstern auf dem Ölbild vom Luxhof, da war Leben. Leben, das weiter gegeben wurde, an der Wiege UND am Sarg – und am Ende: Ich. Heute. Hier.

Und wieder, wie ich es so gerne tue, stelle ich mir eine Zeitreise ins Jahr 1915 vor, suche den Kasernenhof in Berlin, finde den strammen schlanken Mann, wie er seine Stiefel wichst, auf einem umgedrehten Zinkeimer sitzend. Ich hocke mich hin, wir nicken einander zu. Er weiß, woher ich komme. Keine Ahnung wieso, aber er weiß es. Und er ist klug genug, nicht nach seinem Schicksal zu fragen, von dem er weiß, dass ich es kenne.

„Meine Frau…?“

Ich lächle so mild mir das möglich ist.

„Hält sich tapfer. Zur Weihnacht hast du noch einen Sohn.“

Er zu stolz, um zu weinen, aber es ist ein Kampf. Wie zur Ablenkung legt er die Bürste beiseite und zerrt er die glänzenden Stiefel über Unterschenkel.

„Ein guter Junge?“

Bilder meines Großvaters flackern in meinem Kopf auf.

„Ein guter Junge, ein aufrechter Mann, ein anständiger Vater.“

Nikolaus muss jetzt lachen – so weit hatte er nicht gedacht.

„Enkel?“

„Und Urenkel.“

Er blickt mich an, hat mich erkannt. Im Hintergrund schreit ein Offizier, Unruhe treibt die versprengten Soldaten auf die Füße. Zwei, drei Sekunden, dann steht Nikolaus auf und reicht mir die Hand.

„Es ist Zeit für mich.“

Ich nehme die Hand, zum ersten und zum letzten Mal.

„Für mich auch.“

Er geht, das Gewehr über der Schulter. Dann dreht er sich doch noch einmal um und zieht umständlich eine Postkarte aus der Rocktasche.

„Die habe ich heute morgen noch geschrieben. Ein paar Worte für Maria und die Kinder. Gibst du sie für mich bei der Post ab?“

Ich nicke, obwohl ich weder weiß, wo hier ein Postamt ist, noch wie ich eine Briefmarke im Berlin des Jahres 1915 bezahlen soll. Es ist auch egal – es ist mein Wunsch, meine Realität. Und so wird die Karte ankommen und noch hundertfach gelesen, bevor sie in der kleinen Blechkiste landet, die Sohn Nikolaus in den 50ern mit nach Düsseldorf nimmt.

Postkarte 1

Postkarte 2Ich möchte noch etwas Bewegendes sagen, etwas Profundes, aber Grenadier Nikolaus Plotes ist schon außer Hörweite und die Wirklichkeit dieses drückenden Sommertages verschwimmt bereits.

Bevor ich in meine Zeit – meine Welt – zurückkehre, muss ich seltsamerweise daran denken, dass in München jetzt gerade die kleine Rosel eingeschult wird. In fast 100 Jahren wird sie meine Nachbarin sein – und eine erstaunlich direkte Verbindung in die Zeit meines Urgroßvaters.

Dann schüttel ich den Kopf, finde mich albern und sentimental zugleich – und wundere mich, wie aus einem dokumentarisch angedachten Blogbeitrag über Artefakte aus den Schubladen meiner Großtanten wieder so ein melodramatischer Kappes werden konnte. Ich denke einen Moment lang darüber nach, den fiktiven Kram im letzten Drittel wieder zu löschen. Dann lasse ich ihn drin, klicke auf „speichern“ und beschließe, dass nun ein Glas Wein angebracht ist.

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