11
Februar 2016

Kino Kritik: "Deadpool" (spoilerfrei)


Deadpool-Poster-Dec1stUSA 2016. Regie: Tim Miller. Darsteller: Ryan Reynolds, Ed Skrein, Morena Baccarin, T.J. Miller, Gina Carano, Brianna Hildebrand u.a.

Offizielle Synopsis: Deadpool erzählt die Geschichte des ehemaligen Special Forces-Soldaten und Söldners Wade Wilson, der - nachdem er sich einem skrupellosen Experiment unterzieht - unglaubliche Selbstheilungskräfte erlangt und sein Alter Ego Deadpool annimmt. Mit schwarzem, schrägen Sinn für Humor und ausgestattet mit neuen Fähigkeiten begibt sich Deadpool auf die unerbittliche Jagd nach seinen Peinigern, die beinahe sein Leben zerstörten.

Kritik: Verdammt Marvel, könnt ihr denn gar nichts falsch machen? Nach den sauber konstruierten Team-Overkill-Streifen wie "Avengers" und "Captain America 2: Winter Soldier" habt ihr uns mit zwei außergewöhnlich gelungenen TV Maxi-Serien beschenkt und auf der großen Leinwand mit "Ant-Man" auch wieder den Weg zurück zu bescheideneren Solo-Abenteuern gefunden.

Und nun das hier. Der Maulstopfer für alle, die das MCU mittlerweile für zu kinderfreundlich und marketingorientiert gehalten, die Eierlosigkeit und mangelnde Härte beklagt haben. Statt größer, teurer, glatter heißt es nun billiger, gemeiner und brutaler. Marvel produziert für schlappe 50 Millionen Dollar den Anti-Marvel-Film, den sonst bisher niemand zustande gebracht hat. Auch wenn "Deadpool" von 20th Century Fox produziert wurde, die sich mit den "Fantastic Four" zuletzt und mal wieder nicht mit Ruhm bekleckert hat, ist der Film in seiner Präzision und seiner Werktreue ein perfektes Puzzleteil des MCU, ähnlich wie die letzten beiden X-Men-Filme.

Was im ersten Augenblick widersinnig erscheint, macht durchaus Sinn: Warum sollte Marvel nicht an den Fans des MCU ebenso Geld verdienen wie an den Leuten, die das MCU für kindisch und banal halten? Ich hatte schon mal drüber geschrieben, dass es immer wieder vorkommt, dass sich die Monopolisten den Luxus der sorgsam kontrollierten Selbstkritik gönnen. "Deadpool" ist das perfekte Beispiel, weil er in seiner Häme und seinem Zynismus das MCU letztlich nicht beschädigt, sondern um eine Facette erweitert. Er ist nicht Widerspruch, er ist das Yin zum Yang.

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Auch das ist eine Lektion, die Marvel aus den Comics gelernt hat: So wie z.B. bei DC die jungen Batman-Fans in den 90ern mit Heftchen im Stil der Trickserie geködert wurden, holte man die anspruchsvolleren Leser mit Projekte wie "Batman Black and White" ab. Und wer es gar nicht mit Superhelden hatte, konnte ja die Sachen von Vertigo lesen. Das Publikum ist eben keine homogene Masse - Marvel hat das verstanden.

Und so ist "Deadpool" nicht nur ein Film für Leute, die das MCU nicht mögen, sondern auch für MCU-Fans, die nach einem Dutzend aufwändiger, braver Blockbuster der doch immer gleichen Elemente ein wenig müde geworden sind. Hier hat die Gewalt Konsequenzen, hier muss der Held endlich mal nicht mehr innehalten, um seine Wut zu unterdrücken, hier darf die Absurdität der eigenen Existenz nicht dem Pathos, sondern dem Furzwitz dienen. Nicht nur Deadpool lässt Dampf ab - wir auch.

Zu diesem Zweck nutzt Deadpool das R-Rating voll aus. Hier ist wirklich alles drin: Nacktszenen (zu wenig von der bezaubernden Morena Baccarin, wenn ich das anmerken darf), Splatter, Flüche, Menschenverachtung. Im Gegensatz zu den "Expendables" zeigt man keine Angst vor dem Rating, sondern geht "all in". Schon das verdient Respekt.

Dass dieser Schwall an rüder Gewaltverherrlichung niemals in Gewaltpornographie wegrutscht, verdankt "Deadpool" seinem Humor, der mit bewundernswertem Timing weiß, wann das Ventil geöffnet werden muss, wann eine Pointe notwendig ist. Und auch das bisschen, was der Film sich als "sentimentale Seite" gönnt, bewahrt ihn vor dem Abdriften in reinen Lärm.

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Dazu gehört, dass "Deadpool" eigentlich am laufenden Band die "fourth wall" bricht, den Zuschauer anspricht, sich über "Green Lantern" und den "falschen" Deadpool in "Wolverine" lustig macht, Ryan Reynolds erwähnt und die Tatsache, dass man von allen X-Men für diesen Versuchsballon wohl nur maximal zwei Nebenfiguren hergeben wollte. Der Film ist ein ausformulierter Insider-Witz, seine eigene MST3K-Version, liefert den Audiokommentar mit blöden Sprüchen gleich mit.

So ist "Deadpool" letzten Endes trotz aller Brutalität ein grundsympathischer Film mit Figuren, die uns ungleich mehr scheren als die seelenlosen Pappnasen in "Man of Steel" oder die endlose Parade von X-Mutanten in einem halben Dutzend überbevölkerter Effektfilme. Ich würde sogar befürworten, dass man aus Negasonic Teenage Warhead und Colossus einen eigenen kleinen Spinoff strickt. Die beiden sind eine echte Schau.

Einige Kritiker haben sich echauffiert, dass "Deadpool" unter der Haube doch wieder eine Origin Story ist, dass am Ende ein generischer Bösewicht in einer materialermüdenden Schlacht nieder gerungen werden muss. Das würde ich bestätigen und bestreiten: Ja, einer klassischen Heldenhandlung verweigert sich "Deadpool" tatsächlich nicht. Aber er zeigt deutlich, dass der Bösewicht und sein Ziel letztlich wurscht sind, dass es keinen Unterschied macht, wo und warum geprügelt wird. Zudem ist der Film durchaus frisch strukturiert, legt er die gesamte Origin Story doch in Rückblenden, die in den großen Showdown geschnitten werden, der sich auf diese Weise von der ersten bis zur letzten Minute zieht.

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Wie gesagt: "Deadpool" ist nicht der Gegenentwurf zum Superheldenfilm, das muss klar sein. Natürlich ist Wade Wilson letztlich doch ein Guter, und sogar die Erwartungen an das unvermeidliche Stan Lee-Cameo wie auch die Post Credits-Sequenz werden bedient. Aber das bestätigt wieder meine alte These, dass man nur ENTWEDER Form ODER Inhalt neu erfinden kann, wenn man den Zuschauer nicht verlieren will.

Und so muss ich gestehen, dass ich mich gestern Abend im Kino prächtig amüsiert habe, dass die Actionsequenzen Schmiss besitzen, die Gags treffen, die Querverweise entschlüsselbar sind und das ganze Package funzt. Big fun - not for the whole family, though.

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Drolligerweise nutzt der Trailer eine Frühsynchro, die zum fertigen Film noch mal an vielen Stellen verändert wurde:

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Fazit: Ein pubertärer, politisch unkorrekter und außerordentlich brutaler Krawallfilm ohne nennenswerten Plot, der den Zuschauer zum Komplizen macht und die eigene fiktionale Existenz sarkastisch kommentiert - die Spaß-Messlatte für den Kinosommer 2016.

P.S.: Ich möchte noch einen Punkt ansprechen, der mich etwas stört, aber nicht nur "Deadpool", sondern das gesamte MCU betrifft: Die Varianz der Superhelden und ihrer Kräfte geht immer mehr verloren. Thor, Hulk, Captain America, Deadpool, Ajax, Colossus, Angel, Wolverine - sie alle fallen letztlich in die Kategorie "super stark und praktisch unverwundbar". Die können stundenlang folgenlos aufeinander einprügeln, mehr aber auch nicht. Ich würde mir wieder mehr Abwechslung wünschen, mehr Figuren mit originellen Kräften und einzigartigem Auftreten. Sonst unterscheidet sich das MCU bald nicht mehr von einem sehr bunten Wrestling-Cast.

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Februar 2016

Meine (un)gefragte Meinung zu den neuen X-Akten

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Ich wollte nichts darüber schreiben. Mittlerweile läuft der Reboot von "X-Files" ja auch schon in Deutschland, da kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Zumal der größte Aufreger (David Duchovnys neue Synchronstimme) mich nicht betrifft - ich schaue die Folgen im Original.

Aber es haben kurioserweise mehrere Leute angefragt, die meine Meinung hören wollen - und des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmelreich. Sei's drum.

Meine wirre Sammlung an Gedanken bezieht sich dabei auf die ersten drei Folgen. Aber zuerst einmal geht es natürlich in die Vergangenheit, zu einem meiner patentierten Rückblicke.

tvgIch kann mich tatsächlich gut an das Jahr 1993 erinnern, an die jährlich heiß erwartete "TV Guide"-Ausgabe mit dem "Fall Preview", in dem alle neuen Serien vorgestellt wurden. Da stieß ich erstmals auf ein Bild von Mulder & Scully. Zwei FBI-Agenten, die scheinbar übernatürliche Fälle lösen? Fand ich persönlich jetzt nicht so prall.

Man muss sich klar machen, dass damals das Genre "Mystery" jenseits von Twin Peaks praktisch nicht existent war. "Akte X" hat es kreiert. Man hatte damals nicht mal den Begriff Mystery für dieses Genre geprägt. Es war ein "dark horse", ein Außenseiter im Rennen um die Zuschauergunst. Eine der vielen Serien, die vermutlich nicht mal das Ende der ersten Staffel erleben würden.

Die Favoriten damals? NYPD Blue, mit großem Aufwand teilweise an Originalschauplätzen gedreht. Lois & Clark, eine neue Superman-TV-Serie. The Adventures of Brisco County Jr., ein aufwändiger Comedy-Western mit Bruce Campbell. Harts of the West, eine Familienserie mit Beau und Lloyd Bridges. Frasier, der Spin-Off der Kultserie Cheers. seaQuest DSV, aufwändige Unterwasser-SF von Steven Spielberg.

Hinzu kam, dass früher in diesem Jahr bereits Babylon 5 und Deep Space Nine in Syndication gestartet waren. Meine "dance card" für die Saison 93/94 war damit voll.

X-Files? We don't need no stinkin' X-Files!

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Und tatsächlich tat sich die Serie von Chris Carter anfänglich schwer. Sie musste entdeckt werden, man musste sich (ganz im Spirit der Mythologie) von ihr infizieren lassen. So kam es, dass ich die erste Folge damals zwar auf Kassette von unserem LA-Korrespondenten geschickt bekam, aber irgendwo auf einen "für später mal"-Stapel legte. Besser war das, denn es ist bekanntermaßen die zweite Episode, die richtig knallt und den Tenor für die gesamte Serie setzt. An einem langweiligen Abend schaute ich also eher widerwillig "Deep Throat" - und war augenblicklich an Bord.

Als ProSieben die Serie einkaufte, war man beim Münchner Sender auch nicht voll überzeugt. X-Files, das war schräg, vielleicht zu schräg. Man schielte damals noch deutlich mehr auf das deutsche Mainstream-Publikum, das mit Schwarzwaldklinik und Derrick aufgewachsen war. Als große Blockbuster der nächsten zwei Jahre sah man eigentlich New York Cops und das bereits angekündigte ER. Zumal nicht sicher war, ob X-Files es überhaupt in die zweite Staffel schaffen würde.

Aber gut, man hatte die Serie eingekauft und war bereit, für den Deutschlandstart ein wenig zu trommeln. Als Redakteur von GONG und TV Serien bot man mir an, ein Telefon-Interview mit Chris Carter zu führen und gab mir zu dem Zweck die Telefonnummer seiner Assistentin Joan. Eines späten Abends (Zeitverschiebung) rief ich in LA an und plauderte eine halbe Stunde lang mit dem Mann, den Peter Bart in seinem großartigen Buch "The Gross" so beschreibt: "An ego in search of a human being".

Es war ein nettes Gespräch, man merkte Chris Carter den Druck an - es war noch nicht ausgemacht, dass X-Files in eine zweite Staffel gehen würde. Er war der Underdog und dementsprechend höflich und vorsichtig.

Ich schrieb in den folgenden Wochen ein, zwei größere Geschichten zu X-Files für unsere Hefte (mittlerweile hatte sich rumgesprochen, dass hier womöglich ein Kult vor seinem Durchbruch stand) - der Rest ist Geschichte.

Neben Star Trek und Babylon 5 wurde X-Files eines der Zugpferde, das für die Popularität meiner SF-TV-Guides sorgen sollte. Und letztlich war die Serie auch Dreh- und Angelpunkt der legendär gefloppten Convention "FantastiCon 96"... aber das ist eine andere, sehr schmerzhafte Geschichte.

Es ist bekannt, dass ich ungefähr bei Staffel 7 aus den X-Files ausgestiegen bin. Irgendwann in Staffel 3 oder 4 war mir klar geworden, dass Chris Carter den Tease erfunden hatte - das Versprechen einer großen, in sich stimmigen Mythologie, die am Ende aufgelöst werden sollte. Und dass er kein Interesse hatte, diese Erwartungen zu bedienen. "Heroes" und "Lost" sollten dieses Prinzip später noch perfektionieren.

Als ich das Vertrauen in die Mythologie der X-Files verlor, verlor ich auch mein Interesse. Ich habe bis zum Schluss immer wieder Episoden angeschaut, auch weil ich Robert Patrick mochte, aber der Zauber war dahin. Was ich von den Kinofilmen halte, die 1997 und 2008 folgten, ist kein Geheimnis.

Es wundert mich nicht, dass X-Files nun neu aufgelegt wird. Die Serie ist eine absolute Kult-Franchise, zum Kinofilm reicht es nicht mehr - aber der Serienmarkt ist verzweifelt auf der Suche nach "high profile properties", die sich im neuen Zeitalter von Netflix und Hulu publikumswirksam auswerten lassen. Chris Carter hat - ähnlich wie Gene Roddenberry - jenseits dieser einen Serie nie wieder etwas auf die Beine stellen können und ist demnach nicht in der Position, abzulehnen. Duchovny und Anderson? Bekommen ein Heidengeld dafür, ihr internationales Profil noch mal aufzuwerten.

Und leider fühlen sich die ersten drei Folgen der "zehnten" Staffel X-Files genau so an. Wie eine eierlose Fortsetzung einer Franchise, zu der keiner mehr wirklich Lust hat, die aber zuviel Geld und Ruhm verspricht, um sie abzulehnen.

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Mir ist klar, dass überzeugte Fans jedem meiner Argumente etwas entgegen zu setzen wissen - Mulder und Scully wirken gelangweilt, geradezu sediert? Nein nein, es sind die Figuren, die sich an der großen Verschwörung müde gekämpft haben! Bis auf die stärkere Einbindung des Internets hat man sich wirklich gar keine Mühe gegeben, Themen, Beziehungen und Look der Serie aufzufrischen? Nein nein, es ist ein geniales "back to the roots", ein Geschenk an die Zielgruppe, die man mit den zwei Kinofilmen verraten hat.

Geschenkt.

Ich könnte damit leben, wenn X-Files 2016 in der Tat nur eine solide Fortsetzung der alten Serie wäre, wenn man wie bei Family Guy letztlich so tun würde, als hätte man nur ein paar Jahre zu überwinden und nicht etwa die Fortentwicklung mindestens zwei neuer Generationen von TV-Serien. Aber bei Gott - das ist alles nicht nur angestaubt vertraut, es schwingt auch ein Zynismus mit, ein der Langeweile entsprungenes Augenzwinkern, dass zu offensichtlich verrät, dass die Beteiligten den Ernst, mit dem sie bei der Sache sind, nur noch heucheln.

Das fängt bei den Gaststars an, die allesamt In-Jokes sind, pfiffige Querverweise, die zwar den Geeks ein Grinsen entlocken, der Authentizität der Serie aber massiv abträglich sind. So ist Joel McHale ein geborener Zyniker, der über 10 Jahre lang beschissenes Fernsehen in seiner Sendung "The Soup" zum Galgen geführt hat. Mit "Community" wurde er ein Sitcom-Star. Ihn als Alex Jones-igen Verschwörungstheoretiker zu casten, kann nicht funktionieren - weil die Zuschauer eben immer Joel McHale sehen.

Hinzu kommt, dass die ersten beiden Folgen Themen und Handlungsstränge der X-Files-Mythologie aufgreifen, aufblasen, und zum Nachspann hin einfach wieder fallen lassen. Fernsehen ist nicht mehr so episodisch wie in den 90ern - vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, entweder einen Handlungsbogen durchgehend zu verfolgen oder sich komplett von der Mythologie fern zu halten.

Die erste wirklich Standalone-Episode kommt dann mit Folge 3 - und es ist Comedy. Comedy? Wirklich? Der Reboot ist kaum gestartet und schon macht man sich über die eigene Show, die Charaktere und die Inhalte lustig? Das ist schwach, sehr schwach. Die Besetzung von Rhys Darby ist keine Hilfe - muss man das Monster von einem Darsteller spielen lassen, der sich gerade als Werewolf (not swearwolf!) in "What we do in the Shadows" Kultstatus verdient hat? Bricht das nicht mit jeder Realität des X-Files-Universums? Und wieso trägt Darby die Kleidung von Kolchak, dem legendären Vorläufer der X-Files?kolchak2

Wirkliche Spannung, die Faszination des Unbekannten, der Kampf FBI-David gegen Verschwörungs-Goliath - es fehlt. Das ist alles zu ironisch, zu sehr darauf bedacht, nicht gutes Fernsehen zu sein, sondern offensichtlicher Kult. Es sieht nach X-Files aus, klingt wie X-Files, aber es fühlt sich nicht wie eine Fortsetzung an, sondern wie eine Kopie. Und wir wissen alle, dass bei einer Kopie immer ein wenig von der Qualität des Originals verloren geht.

So sehe ich die Neuauflage als netten Gimmick, als zeitlich begrenzte Rückkehr in den Serien-Spirit der 90er. Nostalgie, retro, nennt es, wie ihr wollt. So, wie man manchmal den Emulator anwirft, um noch mal eine Runde "Impossible Mission" zu spielen. Es ist ein Ausflug ins Gestern, weil die Serie zur Gegenwart nichts wirklich zu sagen hat.

Das klingt nun vielleicht sehr brutal, sehr abwertend, aber das liegt vermutlich daran, dass meine Erwartungen so hoch waren. X-Files 2016 ist durchweg unterhaltsam, Scully & Mulder sind immer noch ein tolles Team, mir gefällt der alte Vorspann, die Musik, die nicht ganz so hysterische Inszenierung im Stil der 90er. Kann man gucken. Aber X-Files in den 90ern war eben mehr als "kann man gucken". Es war "muss man gucken". Must see TV. Das ist es - zumindest für mich - nicht mehr.

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Februar 2016

Der Roger Willemsen, von dem ich zuviel bekam und doch nie genug kriegen konnte

Roger Willemsen ist tot. Der Talkmaster, Moderator und Autor starb im Alter von 60 Jahren an Krebs. Das ist die Meldung.

Und hier ist meine kleine Geschichte dazu.

Vor zehn Jahren habe ich bekanntermaßen für 13th Street die "Böse Nacht Geschichten" betreut. Ich habe Autoren kontaktiert, mit ihnen verhandelt, die Kurzgeschichten lektoriert und dann fernsehtauglich aufgearbeitet. Wahrlich nicht immer eine leichte Aufgabe - Promis sind Diven -, aber eine furchtbar spannende. Wie oft hat man schon die Gelegenheit, mit Andreas Eschbach zu arbeiten, mit Burkhard Driest, mit Friedrich Ani, Katja Riemann, Frank Schätzing?

Und dann war da noch Roger Willemsen.

Ich weiß nicht, ob der Sender ihn vorgeschlagen hatte oder ob er von Anfang an auf meiner Liste gewesen war. Ein Fan war ich schon seit seiner legendären Talksendung 0137 auf Premiere, die 1991 mutig mit allen Spielregeln brach, was Präsentation, Design und Inhalte anging. Willemsen war eine sehr ungewöhnliche Mischung, nämlich ein sanfter Intellektueller mit Charme, der mir überhaupt nicht auf den Keks ging. So stellte ich mir immer den typischen ZEIT-Leser vor - und Giovanni di Lorenzo darf das ruhig als Lob sehen.

Auf jeden Fall stand Willemsen auf der Wunschliste für die Autoren der "Böse Nacht Geschichten" und über seine Hamburger Firma gelang mir die Kontaktaufnahme. Wir sprachen einmal am Telefon, danach ging es per Email weiter - er war irgendwo auf der Welt für eine Dokumentation unterwegs, ich bei einem Comedy-Seminar von SAT.1 in Ludwigsburg. Die Kommunikation verlief genau so, wie ich mir das vorgestellt hatte: höflich, präzise und kompetent.

Es gehörte zum Konzept, den Autoren der Vorlese-Reihe wenig Vorgaben zu machen, auch um sie nicht zu verschrecken: Es musste irgendwie Krimi, Thriller oder Suspense sein, maximal drei bis sechs Manuskriptseiten, um es in 10 Minuten lesen lassen zu können. Alles sonst - jeder wie er mag.

Nicht immer waren die eingereichten Texte von Anfang an ideal: Eine Autorin weigerte sich, ihre erste Geschichte auch nur minimal anzupassen und schickte deshalb gleich eine zweite hinterher. Ein Autor, der auf englisch geschrieben hatte, war mit meiner Übersetzung nicht zufrieden und verlangte, dass wir die deutlich schwächere Fassung seiner Lebensgefährtin nehmen sollten. Wieder ein anderer Autor konterte jede Bitte um stilistischen Feinschliff mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Ich stritt mit Agenten und wurde von Sekretärinnen geblockt. Man lernt, mit den Egos umzugehen.

Willemsen war allerdings eine ganz eigene Nummer.

Er lieferte pünktlich, ich glaube nach einer Woche. Die Geschichte hieß "Bequemes Loch adieu" und war - 27 Seiten lang. Und sie war selbst im mildesten Licht nicht nur schräg, sondern auch harte Kost für sanfte Gemüter.

Wenn sich Anforderung und Ergebnis so widersprechen, ist das immer ein ganz schlechtes Zeichen: Ich ging davon aus, Willemsen zu verlieren, wenn ich ihm auf den Kopf zusagte, dass er die Verabredung in Sachen Länge gesprengt habe. Um den Sender nicht in Aufruhr zu versetzen, hielt ich "Bequemes Loch adieu" auch erstmal von 13th Street fern. Vielleicht war noch was zu retten...

Ich glaube, ich habe keine Email in meinem Leben so sorgfältig geschrieben wie diese Replik an den Moderator. Aber ich war auch ehrlich, weil ich keine andere Wahl hatte: SO ging das einfach nicht. Ich bot ihm an, die Story selber einzukürzen, als Angebot, falls er sich dem Stoff zu nahe fühlte, um 80 Prozent wegzuschmeißen.

48 Stunden lang passierte nichts. Dann klingelte mein Handy, während ich im Comedy-Seminar saß. Ich sah eine Hamburger Nummer, entschuldigte mich und ging raus auf einen Spielplatz.

Roger Willemsen war dran. Er war zerknirscht. Ja, das mit der Länge habe er sich irgendwie schon gedacht. Die Geschichte sei ein wenig mit ihm durch gegangen. Gäbe es eine Möglichkeit, die Sendung vielleicht länger zu machen? Weil, schön fände er "Bequemes Loch adieu" schon...

Ich stimmte ihm zu - auch wenn die Story nicht WIRKLICH Krimi war, überzeugte sie mit hohem sprachlichen Können und einer ganz eigenen Weltsicht. Sie erinnerte mich an Dennis Potters "The Singing Detective". Aber in eine Staffel von 10minütigen Lesungen eine XXL-Folge von einer halben Stunde reinschmuggeln? Das würde ich beim Sender kaum schaffen. Willemsen verstand mein Dilemma - und versprach, sich noch mal dran zu setzen.

48 Stunden später hatte ich eine neue Fassung von "Bequemes Loch adieu" in der Mail. 5 Seiten lang. Genau so gut, aber deutlich knapper und auf einen Ausschnitt fokussiert. Mit freundlichen Grüßen, Roger.

Gut. Die eine Seite des Problems war gelöst. Die Seite des Autors. Nun war die zweite Seite dran, die des Senders. Erwartungsgemäß bekam ich verhaltene Rückmeldung zu "Bequemes Loch adieu". Das sei ja eher so fragwürdig bis auch ein wenig widerlich. Und so richtig Krimi ja wohl auch nicht, oder?

Ich antwortete weit über meine Kompetenz hinaus sehr erhaben: richtig, das sei keine banale Krimi-Story mit Mörder und Kommissar. Das sei eben Literatur. Muss auch mal sein. Bringt auch sicher Bonuspunkte bei der Kritik. Wer kann schon was gegen Anspruch haben?

Bis heute glaube ich, dass man die Geschichte nur deswegen durchgewunken hat, weil man Willemsen nicht vor den Kopf stoßen wollte. Ich selbst fand sie toll.

Burkard Driest, der eine eigene Geschichte zum Projekt beigetragen hatte, die er wegen der Spielregeln aber nicht selbst vorlesen durfte, übernahm Willemsens Story und trug sie auf dem Bildschirm mit entspannter Souveränität vor:

(c) Gert Krautbauer / 13th Street

(c) Gert Krautbauer / 13th Street

Und das ist auch schon das Happy Ende meiner Geschichte und meiner einzigen Begegnung mit Roger Willemsen. Wobei - begegnet bin ich ihm ja persönlich gar nicht. Das passierte erst einige Jahre später, als er gewohnt charmant einen Abend mit britischer Filmmusik im Prinzregententheater in München moderierte.

Er wird fehlen.

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5
Februar 2016

Hollywood vs. Heimatstolz

Dass die Amerikaner Kulturbanausen sind, ist eine Binsenweisheit, ein Klischee, und damit so oft wahr wie falsch. Wenn man allerdings so lange wie ich Filme und Fernsehserien schaut, könnte man in der Tat den Eindruck bekommen, dass in Hollywood primär Leute herum laufen, deren Horizont an der Grenze von Kalifornien endet. Das betrifft nicht nur Drehbuchautoren und Regisseure, sondern auch Ausstatter.

Nehmen wir Tim Burton, der in "Charlie und die Schokoladenfabrik" das malerische Gengenbach im Schwarzwald kurzerhand zur rheinischen Metropole erklärt:

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Ich erinnere mich auch an eine Episode der Serie "Lightning Force", die am Bremer Marktplatz spielte - mit einem dicken weißen Schild "Marktplatz", ausschließlich amerikanischen SUVs und vielen Restaurantgästen vor bayerischen Bierseideln.

In "Operation Swordfish" sprach ein finnischer Hacker deutsch und hatte einen deutschen Pass.

In der X Files-Ablegerserie "Lone Gunmen" oder "Millennium" spielte eine Episode am Bremer Hafen - also in Bremerhaven.

Im Kino-Remake des A-Team kommt dieser Establishing Shot vor:

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Einblendung: "Frankfurt, Hauptbahnhof".

Im Katastrophenheuler "Deep Core" zerlegt ein Erdbeben das, was Salzburg sein soll:

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Einblendung: "Salzberg".

In "Death Train" mit Pierce Brosnan fährt der entführte Zug in "Deutschland" durch nicht existente Tunnel auf den falschen Schienen mit einer slowenischen Lok über Stationen, die hunderte von Kilometern Umweg bedeuten würden.

Auch bei der Namensgebung von deutschen Figuren scheut man den Griff zum Telefonbuch, sondern erfindet lieber etwas, das wohl nur für amerikanische Ohren teutonisch klingt, wie etwa den "deutschen" Terroristen Reinhardt Heymar Wulfgar in "Nachtfalken" oder den "deutschen" Rennfahrer Beau Brandenburg in "Driven". Beides kurioserweise Filme mit Sylvester Stallone.

Heute ist mir wieder ein schönes Beispiel untergekommen, und zwar in Form der von mir schon besprochenen Superheldenserie "Legends of Tomorrow". Ich bin normalerweise etwas laxer bei solchen Produktionen, weil der Augenmerk offensichtlich nicht auf Authentizität und Realismus liegen soll. Darum hätte ich den Produzenten auch diese Aufnahme des "alten Ägyptens" durchgehen lassen, die eher nach dem Heimatplaneten der Klingonen aussieht:

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Der Großteil der Episode spielt allerdings in Leipzig. 1975. Oder sagen wir besser "Leipzig". "1975". Da konnte ich mir schon mal in Vorfreude die Hände reiben. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Offensichtlich sah das Budget der Serie nicht einmal einen Establishing Shot für die Stadt vor, ob echt oder getürkt. Die Charaktere machen sich gleich auf, um eine edle Privatbank aufzusuchen.

Eine edle Privatbank.

In Leipzig.

1975.

Und tatsächlich - die "Brümberg Bank" ist Finanzluxus vom Feinsten - inklusive des BUNDESADLERS im Logo:

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An dieser Stelle können wir schon mal unterstellen, dass die Autoren der Episode keine Ahnung hatten, dass Leipzig 1975 Teil der DDR war - oder was die DDR war.

Technisch ist die Brümberg Bank ihrer Zeit weit voraus - der Bankier "Mr. Blake" (ein typisch sächsischer Name) hat einen PC auf dem Schreibtisch stehen, an dem er alle Transaktionen abrufen kann. Das allein wäre schon erstaunlich genug, gab es solche Desktop-Geräte doch Mitte der 70er noch gar nicht. Ein genauerer Blick enthüllt aber noch mehr Merkwürdiges:

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Es ist ein C64 Heimcomputer. Mit einem 1802 Farbmonitor.

In Leipzig.

1975.

Der Computer kam 1983 auf den Markt, der Monitor 1988.

Und wenn sowieso schon alles egal ist, kann es am Abend auch eine große Festlichkeit im "Greyhill Building" geben, auf der es vor südafrikanischen (!) Söldnern nur so wimmelt.

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In Leipzig.

1975.

Ich stelle schon mal die Eieruhr für den Moment, an dem "Legends of Tomorrow" ins Nazireich zurück reist und irgendwer "Schießt das Schweinhund!" brüllt...

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30
Januar 2016

YouTube-Helden: 30 Channel-Empfehlungen

Zum Wochenende mal Light-Programm, das habe ich mir mit der Arbeit an dem Ebook-Zweiteiler wahrlich verdient. Außerdem ist unsere Internet-Verbindung mal wieder gestört, "heavy traffic" ist sowieso nicht drin.

Vor knapp einem Jahr hatte ich geschrieben, dass ich auf den Geschmack gekommen bin, was YouTube-Abos angeht - es ist wirklich sinnvoll, sich damit über die Zeit ein eigenes Programm zusammen zu stellen, das man jeden Abend (zum Beispiel als Betthupferl) abrufen kann. Der ideale Snack für zwischendurch, up to date bleiben, ohne sich einen Wolf zu surfen.

Natürlich fallen im Laufe der Zeit Abos raus, die man dann doch nicht guckt, andere kommen hinzu, weil der Algorithmus von YouTube ziemlich gut darin ist, einem Vorschläge für eventuell interessante Kanäle zu machen. Durchschnittlich habe ich jeden Abend zehn bis 30 neue Clips in der Liste.

Ganz, wie es meinem Charakter entspricht, speist sich mein Abo-Kanal primär aus den Bereich Retro Tech, Film Reviews und Humor. Und ein paar meiner Favoriten möchte ich euch heute mal vorstellen. Dabei lasse ich die offensichtlichen und oft vorgestellten Klassiker (Nostalgia Critic, AVGN, etc.) der Übersichtlichkeit halber diesmal weg.

Neulich schon mal nebenbei erwähnt hatte ich die Trailers from Hell, eine u.a. von Joe Dante ins Leben gerufene Video-Serie, in der sich Kult-Filmemacher in drei bis fünf Minuten über ihre Lieblingsfilme auslassen, während im Hintergrund der Trailer dazu läuft. Hier ist wirkliche Leidenschaft spürbar, hier werden bezaubernde Anekdoten erzählt, und selbst als beinharter Filmfan kann man wirklich noch was lernen. Vor allem aber schärft TFH das Bewusstsein für die Bandbreite des Kinos, vom Kostümschinken bis zum Low Budget-Trash.

YouTube Preview Image

Die Liste der Hollywood-Größen, die hier ihre "guilty pleasures" preisen, ist beeindruckend und besteht u.a. aus:

  • Guillermo del Toro
  • John Badham
  • Rick Baker
  • Larry Cohen
  • Julie Corman
  • Roger Corman
  • Don Coscarelli
  • Joe Dante
  • David DeCoteau
  • Mark Goldblatt
  • Stuart Gordon
  • Lloyd Kaufman
  • Karyn Kusama
  • John Landis
  • Max Landis
  • Neil Marshall
  • Ib Melchior
  • John Sayles
  • Brian Trenchard-Smith
  • Ti West
  • Edgar Wright

Meine einzige Kritik wäre die unangenehme Dominanz von Mick Garris, aber da seine Beiträge auch ganz interessant sind und er die Haare schön hat, will ich mal nicht so sein.

Um User mit Autoplay im Browser nicht völlig am Rad drehen zu lassen, lege ich den Rest der Vorstellungen mal lieber hinter einen Break:

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27
Januar 2016

Lie, cheat, steal - whatever it takes: Die kriminelle Energie des Autorennachwuchses (2)

Es sind nicht nur Einzelpersonen oder überforderte Jungautoren, die sich die Finger schmutzig machen, um im Amazon-Ranking nach oben zu kommen. Manche "Verlage" verkaufen gesammelte Wikipedia-Artikel für teuer Geld als Bücher bei Amazon in der Hoffnung, dass der Kunde den Beschiss erst nach Erhalt der Druckware bemerkt. Und das ist rein rechtlich gesehen nicht mal zu beanstanden.

Es ist ja auch erschreckend einfach, sich bei Amazon in den Rankings hoch zu schmuggeln, wie dieser Artikel von The Hustle beweist - wobei hier nur belegt wird, dass man Chartpositionen beeinflussen kann, nicht aber den daraus resultierenden Profit..

Aber es gibt auch andere "Spezialisten"...

Der Fall Teleprogress

Laut eines kritischen Artikels in der Self Publisher-Bibel hatte eine Autorin namens "Sunny Munich" seit 2012 in nur drei Jahren satte 185 Bücher veröffentlicht. Sie arbeitete viel mit Ko-Autoren und gab manchmal sogar erotische Anthologien mit anderen "Stars" ihres "Verlages" heraus, wie dieser Pressetext beweist:

"Zum ersten Mal haben sich vier Erfolgsautoren aus vier verschiedenen Ländern zusammengefunden, und einen sinnlichen Leckerbissen der Sonderklasse geschaffen: Sunny Munich, in München geboren, aufgewachsen und wohnhaft schreibt die Erfolgsautorin bereits seit Jahren sinnliche Leckerbissen der Sonderklasse. Céline Fountain, Autorin aus Paris, verführt sie in die wundervolle Welt der Erotik, Liebe und Romantik Elsi Favre aus Zürich schreibt sinnlich und direkt, ohne Prüderie und falsche Scham, dafür mit Zärtlichkeit und Gefühl erzählt. Cedric von Starkenberg, der erfolgreiche Architekt aus Wien, schreibt in seiner Freizeit erotische Leckerbissen der Sonderklasse. Die Erotikszenen werden nicht verniedlicht, sondern authentisch dargestellt. Seine Geschichten sind deswegen nur für volljährige Leser geeignet."

Um es mit "Dalli Dalli" zu sagen: "Leckerbissen der Sonderklasse" war dreimal, dafür müssen wir leider zwei Punkte abziehen.

Soviel schon mal vorab: Es ist kein Risiko, davon auszugehen, dass keiner der vier "Erfolgsautoren" tatsächlich existiert. Ihr Leben führten sie nur virtuell, mit Webseiten und Facebook-Konten, die angereichert waren mit Fremd-Content und angeblichen Privatbildern, die eine simple Google-Suche als Stock Fotos entlarvte.

Dass hier jemand versucht hat, ein paar Schein-Existenten aufzubauen, ist auch daran ersichtlich, dass die jeweiligen News auf den einzelnen Facebook-Seiten praktisch immer an den gleichen Tagen, oft sogar in Minuten parallel gepostet wurden, dass die Anzahl der "Freunde" fast identisch war, etc. Hier wurde nicht dokumentiert, hier wurde nur pflichtschuldig befüllt.

Natürlich kam irgendwann die Frage auf, wie Superschreiberin Sunny Munich pro Jahr Dutzende Romane verfassen könne (zumal sie laut der Fotos auf ihrer Facebook-Seite eigentlich permanent zwischen München, New York und London hin und her jettete).

Sunny arbeitete exklusiv für die Teleprogress AG in der Schweiz. Der "Verlag" rechtfertigte sich auf Nachfrage mit den Hinweis, es handele sich um ein so genanntes Verlagspseudonym:

"Sunny Munich ist keine natürliche Person, sondern ein rechtlich geschützter und eingetragener Markenname. Unter diesem Pseudonym schreiben und veröffentlichen derzeit acht Autoren..."

Nun ist an Verlagspseudonymen grundsätzlich nichts auszusetzen. Besonders in der Belletristik ist das relativ normal. "John Sinclair"-Autor "Jason Dark" war lange Zeit auch eins. Man täuscht damit eine Kontinuität vor, die nicht wirklich gegeben ist, gibt dem Leser ein Vorbild, das nicht weniger fiktiv ist als die Helden in den Romanen.

Im Fall von Teleprogress machten Verlagspseudonyme doppelt Sinn, weil man damit nicht nur "Marken" aufbauen konnte, sondern auch Schutzwälle für die Autoren, die für den pornographischen Schweinkram des "Verlages" nicht mit ihrem echten Namen stehen wollten.

Und nein, ich bin nicht prüde, aber mit "Erotik" haben die meisten Veröffentlichungen des "Verlages" so viel zu tun wie Arnold Schwarzenegger mit der Schauspielerei. Alles Posing, schwiemeliger Schweinkram zur Triebabfuhr, eine Schande für Menschen, die auf tatsächliche Erotika stehen.

Aber sollen sie doch. Gegen das grundsätzliche Konzept, von anonymen Schmierfinken verfasste Schmuddelheftchen digital über Amazon zu vertreiben, ist weder rechtlich noch moralisch was einzuwenden - auch wenn ich mich wieder mal wundern muss, wie wenig unsere Jugendschutzgesetze da zu greifen scheinen.

sexyHakelig wurde es erst, als heraus kam, dass die meisten der Bücher gar nicht originär waren, sondern lediglich von früheren Belletristik-Werken kopiert und mit neuen Personen- und Ortsnamen versehen wurden. Bei der Auswahl war man kreativer als bei der Schreibarbeit: Online verfügbare Sex-Romane wurden ebenso freizügig verwurstet wie ältere John Sinclair-Hefte.

Ein besonders kurioses Detail ist übrigens, dass die Titel der Teleprogress fast ausschließlich mit einem Ausrufezeichen enden, wie unsinnig das im Einzelfall auch sein mag.

Kurzum: Das gesamte "Verlagsprogramm" der Teleprogress bestand nach aktuellem Kenntnisstand aus halbgar unkenntlich gemachten Kopien - wobei der Austausch der Figuren und Orte klaren Vorsatz erkennen lässt. Das hier war kein "Versehen", das war kein "Fehler" - das war Geschäftsmodell.

Mit den Erkenntnissen konfrontiert, warf sich Teleprogress (ihr ahnt es) erst mal in die Opferpose, schrieb dem Autor des Enthüllungsartikels in einer Mail:

"Sämtliche Autoren, die in den letzten Jahren unter dem Pseudonym „Sunny Munich“ ein Buch veröffentlicht haben, wurden von uns heute angeschrieben. Wir haben diese aufgefordert, uns das Urheberrecht/Veröffentlichungsrecht nachzuweisen. Bis zu diesem erfolgten Nachweis haben wir alle entsprechenden Bücher vorläufig gesperrt, bis uns die geforderten Nachweise vorliegen. Urheberrechte sind uns wichtig – wir wollen sicherstellen, dass keine Bücher über unseren Verlag unerlaubterweise verkauft werden. Durch die vorläufige Sperrung der Bücher mussten wir unserer Sorgfaltspflicht als Unternehmen nachkommen."

Liest sich wie Realsatire. Ein Verlag, dem angeblich ALLE seine Autoren AUSSCHLIESSLICH Plagiate angeboten haben und der davon rein gar nichts gemerkt haben will. Ein Veröffentlichungsrecht kann man auch nicht nachweisen - das wäre ein "proving a negative". Andersrum wird ein Schuh draus: Jeder rechtlich haltbare Verlagsvertrag enthält die Versicherung des Autors, alleiniger Verfasser des Manuskripts zu sein. Wenn die Teleprogress da nicht unfassbar schlampig gearbeitet hat, müsste sie die aus dem Aktenordner ziehen und sämtliche Autoren verklagen können.

Nach der Veröffentlichung des kritischen Artikels wurde es sehr schnell sehr still. Schlagartig wurden die Webseiten und Facebook-Accounts der Autoren nicht mehr gepflegt, bei den Online-Plattformen flogen die Bücher aus dem Programm, Sunny Munich, Cedric von Starkenberg und Kollegen verstummten. Die Webpräsenz sunny-munich.de leitet mittlerweile zu einer allgemeinen Site für Erotik-Romane von der Teleprogress weiter, die allerdings komplett verwaist ist.

Die Teleprogress ist zumindest im Netz nur noch eine leere Hülle.

Aber wer war/ist dieser "Verlag"? Wer war/sind diese "Autoren"? Ich dachte mir, das checke ich mal ein wenig genauer.

Sinn und Zweck der Teleprogress AG laut Schweizer Handelsregister:

"Die Gesellschaft bezweckt die Entwicklung, den Vertrieb und den Handel mit Informatik- sowie Datenverarbeitungslösungen."

Klingt nicht gerade nach einem altehrwürdigen Verlagskonzept. Tatsächlich findet sich keine direkte Firmenwebseite, aber noch ein Google+-Eintrag, mit dem man Autoren ködern möchte...

"Sie haben ein Buch geschrieben und suchen nun einen Weg, dieses zu veröffentlichen? Hier sind Sie richtig !"

...in dem man andere Verlage schlecht redet:

"Die heutigen Buchverlage haben sich zum Teil zu großen Konzernen zusammengeschlossen und verlegen vorwiegend »Hausautoren« oder Lizenzausgaben von Titeln, die schon im Ausland Erfolg hatten. Man sagt in der Branche, dass die bekannten Verlage von 2.000 unverlangt eingereichten Manuskripten nur ein einziges annehmen, d.h. auf eine Zusage kämen 1.999 Absagen."

"Besonders beliebt ist die zweite Phase der Abzocke. Nach wenigen Monaten teilt der Verlag dem enttäuschten Autor mit, dass sich sein hoch gelobtes Werk wider Erwarten nicht am Markt durchsetzen konnte. Aber er könne zu einem Sonderpreis die Restauflage von 1996 Büchern aufkaufen und sie mit hohem Gewinn selbst verkaufen – jeder weitere Kommentar dazu erübrigt sich."

Die Lösung laut Teleprogress? Bei Teleprogress veröffentlichen, denn hier wird noch mit Herz und Verstand gearbeitet! Die haben wirklich ein Top-Team, wie die Webseite verspricht:

Profitieren Sie als Autor von unserem Service, unser Erfahrung und der Stärke der Gemeinschaft!

Wir sind:
Sechs erfahrene Autoren
Zwei TOP Grafiker
Zwei highend Programmierer
Zwei Experten für SEO- Facebook und Google
Zwei der TOP Verkaufs und Marketingtrainer in Deutschland

Man garantiert nicht nur Veröffentlichung, sondern auch anständige Vermarktung von Werk und Autor - u.a. über die von der Teleprogress betriebene Webseite namens (nicht lachen!) www.besondere-autoren.de:

teleprogress

Ja, die vermarkten ihr geklautes belletristisches Geschwurbel allen Ernstes als "Literatur für anspruchsvolle Leser". Vor allem mangelt es mir aber bei diesem billigen Template an der Kompetenz der TOP-Grafiker und highend Programmierer. Das sieht schwer nach kastriertem WordPress aus. Bei der Webseite des "Verlages" für die Erotik-Storys von Sunny Munich hat man nicht mal den Hinweis entfernt, dass das Template von einem Discounter stammt.

Geschäftssitz der Teleprogress AG ist Alpnach Dorf südlich von Luzern. Ein kleines, gesichtsloses Gewerbegebiet. Gegründet wurde die Firma laut Handelsregister von zwei Investoren, die sie bald einem Lukas Hering überließen. Der scheint mit den beiden Gründern auch noch über andere geschäftliche Aktivitäten verbandelt zu sein - und ist anscheinend auch noch der Leiter der Jugendmusikschule Winterthur.

Ebenfalls involviert: Die Probsts. Content-Marketer und Coach Siegfried Probst aus Sandhausen ist bei Denic als zuständig für die Webseite besondere-autoren.de eingetragen. Interessanterweise wurde die Eintragung aber im Dezember 2015 zuletzt geändert - nachdem die Plagiate von Teleprogress aufgeflogen waren. Ist er einer der "TOP Verkaufs und Marketingtrainer in Deutschland", mit denen Teleprogress warb/wirbt?

Und dann ist da noch Werner Probst (verwandt?), Geschäftsführer einer Firma für Plakate, Beschriftungen und Schilder in Friedberg. Denn es ist tatsächlich seine Email-Adresse w.probst@probst-werbung.de, die erscheint, wenn bei den besonderen Autoren auf die Kontaktadresse teleprogress@gmx.ch geklickt wird. Er soll demnach Ansprechpartner für die Webseiten sein.

Erwartungsgemäß haben weder Herr Hering noch einer der Probsts meine Emails mit der Bitte um Klärung des Sachverhalts beantwortet.

Und was ist mit den Autoren, beziehungsweise den "Autoren"?

Schauen wir uns stellvertretend mal "Andreas Parsberg" an. Er scheint zumindest teilweise etwas anderes angelegt zu sein als Sunny Munich & Co. Das Pseudonym existierte schon vor den Machenschaften des Teleprogress-"Verlags", den ersten Roman "Das Spiel der Dämonen" hat "Parsberg" auch nicht bei der Teleprogress veröffentlicht, sondern schon 2012 im Eigenverlag als Ebook, dann als Taschenbuch beim Wagner-Verlag aus Gelnhausen, einem dieser typischen Abzocker mit "Druckkostenzuschuss". 2015 ist Wagner in die Insolvenz gegangen.

Nach "Das Spiel der Dämonen" samt Fortsetzung kam Parsberg zur Teleprogress, wo er schnell die Outputgeschwindigkeit von Sunny Munich erreichte. Fast schon im Wochentakt verkündete er auf Facebook neue Releases: Erotik, Horror, Action, Western. Das ging so bis November 2015.

cover-zeit-der-werwolfe-neu_1Seit den Enthüllungen der Self Publishing-Bibel ist auch "Andreas Parsbergs" Webseite praktisch verwaist. Aber selbst der kümmerliche Rest birgt noch Sprengstoff, wie ein einfacher Google-Textvergleich belegt.

Da ist z.B. "Andreas Parsbergs" Roman aus der Reihe "Dämonen-Krimi". Lassen wir mal außen vor, wie lustlos die Cover-Gestaltung daher kommt und dass man sich im Bereich Horror sicher mehr Mühe geben sollte, um Leser zu überzeugen - all das fällt nur unter Inkompetenz. Aber gibt man den Anreißertext bei Google ein, findet man ihn noch ganz woanders - als Inhaltsangabe von dem hier:

js0045

"Andreas Parsberg" hat aus John Sinclair lediglich David Buchmann gemacht. So schnell kann man einen Roman "schreiben". Der tatsächliche Autor dieses Romans war übrigens auch nicht "Jason Dark" Helmut Rellergerd, sondern "A.F. Morland" Fritz Tenkrat. Verlagspseudonym, ihr erinnert euch.

Tenkrat selbst war auf meine Nachfrage über diese "Zweitverwertung" nicht glücklich, wie man sich vorstellen kann:

"Natürlich wusste ich nichts davon. Plagiieren ist eine Riesensauerei. Dass man auch mich beklaut hat, ärgert mich."

Es geht aber noch weiter: Band 5, "Das Nürnberger Geisterhaus!", hat eine identische Inhaltsangabe zu "Die Folterkammer" des 2008 verstorbenen Ernst Vlcek:
vlcek

Sabrina wird Johanna, Velchen wird Mögeldorf. Das muss reichen.

Band 7, "Die Kinder im Dunkeln!"? Ist der hier:

cameron

Aus Luther Waterman wird fix Marcel Hohenfels. In diesem Fall hat man sich augenscheinlich sogar getraut, die lizensierte Übersetzung eines US-Werkes zu "übernehmen". Autor Lou Cameron kann sich nicht mehr wehren - er ist 2010 verstorben. Und um die Rechte der Übersetzerin hat sich auch niemand geschert.

Alles Romane aus den 70ern, die heute nicht mehr erhältlich sind. Auch das lässt auf Vorsatz schließen.

Drei Beispiele sollen reichen. Ich vermute, dass auch Texte aus "Die Frau aus dem Jenseits!", "Die Hexen-Sekte!" etc. ihren Ursprung nicht in der Textverarbeitung von "Andreas Parsberg" genommen haben. Wobei "Textverarbeitung" in diesem Fall ja hübsch doppeldeutig ist.

Bei Parsberg sind nicht mal die Lobhudeltexte auf der eigenen Webseite echt. So schreibt er in der "über mich"-Sektion (kurioserweise in der dritten Person) zu "Das Spiel der Dämonen":

"Ein nervenaufreibender Thriller mit Spannungsgarantie!"

DAS ist (zufällig?) die Werbezeile von Paul Rheinfels' Roman "Wer Kinder vernichtet wird hingerichtet"...

Es dürfte niemanden überraschen, dass man im Münchner Telefonbuch keinen "Andreas Parsberg" findet. Oder dass es sich bei dem Autorenfoto um ein beliebiges Stock Image handelt. "Andreas Parsberg" ist nicht echt. Jemand versteckt sich dahinter.

Der Parsberg ist übrigens eine bewaldete Erhöhung bei Germering.

Schauen wir doch mal bei Denic nach. Aha, ein "Andreas Riedel" hat sich die Domain im Dezember 2012 registrieren lassen.

Er wohnt in Germering.

Und er hat auch eine Facebook-Seite, auf der er fleißig die Romane von "Andreas Parsberg" vorstellt - bingo:

beweis2

Das war schon fast zu einfach.

Auf der Facebook-Seite präsentiert er in der Folge auch die von der Teleprogress aus dem Verkehr gezogenen Werke. Auffällig dabei: "Seinen" letzten neuen Roman hat Riedel stolz am 10. November angekündigt. Am 16. November erschien der Enthüllungsartikel über die Teleprogress AG in der Self Publisher-Bibel.

Seitdem: Funkstille. Keine Postings mehr, alle Links zu Amazon tot.

Natürlich habe ich nachgehakt. Ihr ahnt es: Alle hartnäckigen Versuche, Herrn Riedel/Parsberg etc. zu kontaktieren, blieben unbeantwortet.

Was bleibt? Die Teleprogress AG hat dem Anschein nach ein fast zur Gänze geklautes Programm aufgebaut, mit anonymisierten Autoren, die es zu einer beträchtlichen Bibliographie gebracht haben, augenscheinlich ohne auch nur eine einzige Seite geschrieben zu haben. Wer immer der Drahtzieher hinter dem Konzept ist - er hat ausreichend kriminelle Energie.

Ohne genauere Kenntnisse der Hintergründe zu haben, tut Riedel/Parsberg mir ein wenig leid. Aus den Indizien lässt sich ableiten, dass er ein ambitionierter Amateur-Fantasyautor war/ist, der sich in die Fänge von fragwürdigen Unternehmungen begeben hat, um endlich seine Geschichten als Druckwerk in der Hand halten zu können. Im Gegensatz zu Sunny Munich ist er ein Mensch, keine Fiktion - und als solcher hat er vermutlich in den letzten Wochen einiges durchgemacht. Hier, anders als bei den plagiierenden Jungautorinnen des ersten Teils, vermischen sich Opfer- und Täter-Perspektive tatsächlich.

Ich habe "Monster-Mike" Michael Schönenbröcher, der bei Bastei für die Heftserien zuständig ist, zu seiner Meinung befragt - und danach, was man gegen solche dreisten Diebstähle geistigen Eigentums unternehmen kann:

"Froh bin ich darüber nicht, aber verhindern kann man es ja leider auch nicht. Und Standorte im Ausland kann man nicht mal belangen. Das ist schon frustrierend. Wir von der Redaktion übergeben das der Rechtsabteilung."

Vielleicht ist der Standort Schweiz gar kein Zufall, vielleicht ist das Netzwerk, aus dem die Teleprogress hervorgegangen ist, noch deutlich größer und geplanter gewesen, als ich mit meinen limitierten Möglichkeiten nachzeichnen kann. Denn mag die ganze Sache mittlerweile auch aufgeflogen sein - belangt wurde nach meinem Kenntnisstand niemand, entschädigt auch nicht, und drei Jahre konnte die Teleprogress mit ihren Fake-Romanen den Markt fluten, bevor die Tricksereien aufgeflogen sind.

Man kann nur hoffen, dass einige der größeren Verlage für ihre eigenen Belange und für die Rechte ihrer Autoren eintreten und selbst so vermeintlich absonderliche Fälle von Content-Klau konsequent verfolgen. Es muss sich rumsprechen, dass diese Methoden keine Aussicht auf Erfolg haben.

Ich will nicht - wie mir fälschlicherweise unterstellt wurde - dem klassischen Verlagssystem das Wort reden und/oder Selfpublishing schlecht machen. Aber wenn man ein (zugegeben verknöchertes) Konstrukt mit klaren Verantwortlichkeiten und Prüfmechanismen aufgibt, um die schöne neue Buchwelt in totaler Freiheit zu gestalten, darf man sich nicht wundern, wenn manche Leute nicht nur Literatur schaffen und Gehör suchen, sondern vor allem nach Profit und Ruhm schielen.

It's now a jungle out there - beware of snakes.

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26
Januar 2016

Ich sollte mich als Prophet preisen lassen

Gerade bin ich zufällig auf einen Artikel aus eben diesem Blog gestoßen, in dem ich kurz den Verkauf von Lucasfilm an Disney vermeldet habe. Auch wieder über drei Jahre her.

Mich erstaunt allerdings die Präzision, mit der ich damals schon den Inhalt von Episode VII vorher gesagt habe:

"Episode 7 mit den steinalten Luke Skywalker und Han Solo? Wird Chewie das Fell grau? Rostet der Rasende Falke? Gibt es einen dritten Todesstern? Dürfen nun auch wieder RICHTIGE Autoren die Sequels schreiben? Was wird aus der geplanten Star Wars TV-Serie?"

Da klopfe ich mir mal kurz selber auf die Schulter...

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25
Januar 2016

Lie, cheat, steal - whatever it takes: Die kriminelle Energie des Autorennachwuchses (1)

Klar klingt das super: Self Publishing erlaubt jedem, wirklich JEDEM, seine Werke unter das Volk zu bringen. In den Computer tippen, in Ebook wandeln, auf entsprechenden Plattformen veröffentlichen, kräftig trommeln. Den Rest erledigt der Markt. Keine elitäre Vorauswahl durch Verlage und Lektoren, keine undurchsichtigen Vertriebsmechanismen, keine happigen Gewinnbeteiligungen für Mittelsmänner. Fairness und Gerechtigkeit für alle. Jeder, der Autor sein will, kann Autor sein.

Eine Kehrseite scheint offensichtlich: Self Publishing ist zunächst einmal Selbstausbeutung. Alle Zeit, alle Energie, alles Geld muss vorgeschossen werden, ist der Einsatz in einem fast unberechenbaren Spiel. Der Markt ist ein ungleich gnadenloseres Sieb als der empathische Lektor, der wenigstens noch eine freundliche Absage aus Textbausteinen zusammen setzt. Wer sich selbst verlegt, sollte das nur tun, weil er seine Worte in die Welt bringen will. Wer damit reich und berühmt werden möchte, sollte sich auf Enttäuschungen gefasst machen.

Es gibt natürlich immer Ausnahmen.

Was weniger beachtet wird: Self Publishing entfernt sämtliche Hürden und Kontrollinstanzen. Verlage sind nämlich nicht nur Hemmschuhe, sondern auch Inkubatoren und die notwendige Geschmackspolizei. Weil sie selber investieren und im Gegensatz zu vielen Freizeitautoren keinen "Hauptberuf" haben, der das Hobby finanziert. Schrott ist schlecht für den Ruf UND das Konto.

Anonymisierte Schmuddelschreiber machen sich solche Gedanken nicht.

Nehmen wir "Amy Fox", "die" kürzlich den Fehler machte, "ihren" "Erotik-SF-Roman" (keine Sorge, die vielen Anführungszeichen erkläre ich noch) nicht in einer Facebook-Gruppe für Autoren-Eigenwerbung vorzustellen, sondern in einer ziemlich abgebrühten Gruppe für Heftroman-Fans, der auch viele arrivierte Autoren angehören:

Bildschirmfoto 2016-01-07 um 17.01.07

Machen wir uns nichts vor: Ich setze Geld darauf, dass "Amy Fox" ein Mann ist - ein verklemmter noch dazu. Und "Erotik-SF" ist "Stella Star" auch nicht. Es ist schwiemelige Altherren-Pornographie, weshalb ich an dieser Stelle zur Leseprobe der zweiten (!) Seite lieber einen Jugendschutz-Break setze:

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22
Januar 2016

DC Double Feature: "Legends of Tomorrow" & "Batman: Bad Blood"

Legends1

USA 2016. Darsteller: Victor Garber, Brandon Routh, Arthur Darvill, Caity Lotz, Franz Drameh, Ciara Renée, Falk Hentschel, Amy Pemberton, Dominic Purcell, Wentworth Miller u.a.

Story: Im 22. Jahrhundert steht die Menschheit vor dem Untergang - geknechtet und vernichtet vom unsterblichen Vandal Savage. Der Zeitreisende Rip Hunter kehrt in das Jahr 2016 zurück, um ein Team von Superhelden und Bösewichten zu rekrutieren: Firestorm, Atom, White Canary, Hawkgirl, Hawkman, Heatwave und Captain Cold. Sie sollen an kritischen Stellen der Menschheitsgeschichte eingreifen, um am Ende die Vorherrschaft von Vandal Savage zu brechen. Zu dumm nur, dass die "Legends of Tomorrow" sich selbst nicht grün sind und Rip Hunter ihnen ein paar wichtige Details unterschlagen hat. Ihre erste Mission führt sie in das Jahr 1975...

Kritik: Wie ihr wisst, bin ich mit den DC-Serien nie warm geworden, angefangen bei "Smallville" über "Arrow" bis "Flash", "Constantine", "Gotham" und "Supergirl". "Legends of Tomorrow" ist der offensichtliche Versuch, neben den "Avengers", den "X-Men" und der "Justice League", die sich auf der großen Leinwand balgen dürfen, auch ein Teamup für die Mattscheibe zu etablieren.

Nun ist es leider so, dass gerade Superhelden-Teams vom Spektakel leben, vom Remmidemmi. Und so wie schon "Mutant X" und "Agents of SHIELD" große Probleme hatten, jede Woche sämtliche Figuren adäquat zu beschäftigen und dabei im Budget zu bleiben, ist auch bei "Legends of Tomorrow" die Summe geringer als die einzelnen Teile: Selbst in der Pilotfolge wird, trotz des betriebenen Aufwands, letztlich nur Heldenkost light geboten. Captain Cold und Heatwave sind tumbe Haudraufs, deren Fähigkeiten nicht zum Einsatz kommen, White Canary wird primär in eine Kneipenschlägerei verwickelt, Firestorm hat mehr Charakter in seinen beiden Zivilcharakteren - und die bemerkenswerten Schrumpfkräfte von Atom werden lediglich einmal in einem von der Handlung unabhängigen Prolog gezeigt.

Legends2

Klar will man zu Anfang zuerst einmal die Figuren und die Grundlagen des Plots etablieren, bevor man sich den Details der Fähigkeiten widmet - aber es ist auch die Aufgabe eines guten Skripts, das unter einen Hut zu bekommen. Und wie schon die anderen DC-Serien ist "Legends of Tomorrow" leider deutlich besser darin, gelackt auszusehen, als mit Inhalt zu punkten. Da helfen auch die üblich flachen Dialoge und die teilweise sehr willkürlich herbei geredeten Konflikte nicht.

Es fällt außerdem auf, dass man sich in der Tonalität und dem Umgang mit der exotischen SciFi-Technik sehr von "Doctor Who" hat... nennen wir es mal inspirieren lassen. Arthur Darvill war ja tatsächlich ein paar Jahre Companion des Doctors, der Waverider ist eine Tardis "by any other name", die Time Master sind die Time Lords, der ganze Humor, die Kleidung, das Trauma - mag das Konstrukt auch originär aus den DC-Comics sein, ist es doch stilistisch und atmosphärisch arg nah an Whoverse (Whoniverse?). Wobei das gar nicht mal schlecht ist - eine gewisse Lässigkeit tut dem DC-Pack, das sich sonst notorisch ernst nimmt, ganz gut.

Wer seine Superhelden-Action locker und rasant mag und sich um innere Logik nicht nennenswert schert, der wird sich bei "Legends of Tomorrow" sicher nicht schlecht unterhalten. Ich selbst werde der Serie länger eine Chance geben als "Supergirl" oder "Flash". Aber den großen Wurf hat DC wieder nicht geschafft. Man muss allerdings anerkennen, dass sie eine profitable Nische geschaffen haben - im traditionell schwierigen Network-Umfeld. Vermutlich vernünftiger, als sich auf Netflix mit Daredevil, Jessica Jones & Co. anzulegen...

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Fazit: "Doctor Who und die Junior Justice League" - sehr aufwändig produziert, aber inhaltlich, darstellerisch und in den Dialogen auf dem gleichen Mittelmaß wie die anderen DC-Serien. So, wie "Smallville" nur immer eine Magermilch-Variante des Superman-Mythos präsentierte, ist "Legends of Tomorrow" bisher nur ein halbgarer Abklatsch des "Avengers"-Konzepts.


BadBlood1

USA 2016. Regie: Jay Oliva. Sprecher: Jason O'Mara, Yvonne Strahovski, Stuart Allan, Sean Maher, Morena Baccarin u.a.

Story: Nach einer Konfrontation mit einem neuen, fast unüberwindlich starken Gegner ist Batman verschwunden. Um in Gotham kein Chaos aufkommen zu lassen, übernimmt Dick Grayson die Rolle des Dark Knight zeitweise. Auch Damian Wayne kehrt in die Stadt seines Vaters zurück. Beim Versuch, Batman aufzuspüren, bekommt das Duo unerwartete Hilfe von einer neuen Batwoman und einem fliegenden Waffenarsenal, das sich Batwing nennt.

Kritik: Tscha, da kann man gar nicht so viel drüber schreiben. Jay Oliva ist mittlerweile so etwas wie der Stamm-Regisseur des DC Animated Universe, er hat das Handling der Figuren ebenso drauf wie die Choreographie der Actionszenen. Das Voice Acting ist diesmal wieder aus der soliden B-Liga, da gibt es auch nichts zu kritteln. Letztlich stehen und fallen diese eigentlich immer solide 70-75 Minuten langen Scheibenreleases mit den Skripts - bzw. oftmals mit den Comic-Vorlagen.

"Bad Blood" ist dabei eine originale wie originelle Story, die Elemente aus vorherigen Filmen aufgreift, insbesondere die weiterhin schwierige Beziehung von Bruce Wayne und seinem Sohn Damian, der wenigstens nicht ganz so nervt wie eigentlich alle anderen Robins nach Dick Grayson.

BadBlood2Inhaltlich wird weniger auf Drama gesetzt, dafür auf schnittige Team-Action im Avengers-Stil, was durchaus passt: Batwing als Iron Man, Nightwing als Captain America, Batwoman als Black Widow, etc. Die Entfernung von Batman als zentralem Charakter zwingt die Figuren, die Beziehungen untereinander genauer zu definieren, was den Großteil der Dialogszenen tatsächlich trägt.

"Bad Blood" erzählt keine der ganz großen DC-Geschichten, leistet für den Batman-Mythos eher Fleißarbeit als Spektakel. Da die Frage, ob Batman tot ist (als ob!), schon nach der Hälfte eher beiläufig aufgelöst und der Haupt-Antagonist etwas arg nonchalant entsorgt wird, läuft der Dritte Akt ein wenig auf Standgas - es passiert viel, aber es kommt nichts mehr wirklich voran.

Trotzdem unterhält man sich anständig, hübsche Momente sind wie Schokostreusel über die Laufzeit gesprengselt und allein für die Erfindung der "Nunjas" gebührt den Machern Respekt gezollt. They are ninja nuns!

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Fazit: Ein Standalone-Trickfilm in gewohnter Jay Oliva-Qualität mit durchaus spannender Story und solidem Interplay der Charaktere, bei dem nur das zentrale Mystery ein wenig zu schwach aufgelöst wird.

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19
Januar 2016

David Bowie Neo-Noir Double Feature:
"Cat People" & "Hunger"

Im Schlechten das Gute finden bedeutet manchmal, sich von eigentlich niederschmetternden Nachrichten motivieren zu lassen, die Erinnerung an Verstorbene zu ergänzen, Lücken zu füllen. Ich denke, es sind niemals so viele Motörhead und Bowie-Platten wie in diesen Tagen gehört worden, viele Menschen entdecken gerade "Truly Madly Deeply" mit Alan Rickman.

Auch ich nutze die Gelegenheit, ein wenig David Bowie nachzuarbeiten. Natürlich wäre es sinnvoller gewesen, neben "The Hunger" eher "The man who fell to earth" zu schauen, zumal Nicolas Roeg einer meiner Lieblingsregisseure ist. Aber dazu hatte ich schlicht keine Lust. Ich finde, dass "Cat People" (zu dem Bowie den grandiosen Nachspann-Song beitrug) besser in das Double Feature passt. Weil "The Hunger" und "Cat People" gemeinsam versuchen, klassischen Horrormythen neue Bedeutung zu geben, sie neu zu interpretieren, neue Bilder zu finden. Sie wollen ernst machen mit dem, was in den 60er und 70ern zunehmend Camp wurde. Sie gehören damit in eine Reihe mit "Wolfen" und "Altered States".

Von der zeitgenössischen Kritik hoch gelobt, ist es 30 Jahre später erheblich einfacher, ihren filmhistorischen Wert abzuschätzen, ihre tatsächliche Bedeutung im Kanon des Gruselfilms und der Erfindung der 80er als stilbildender Epoche.

Cat People

cat_people_1982_poster_08USA 1982. Regie: Paul Schrader. Darsteller: Nastassja Kinski, Malcolm McDowell, John Heard, Annette O'Toole, Ruby Dee u.a.

Story: Irena und ihr Bruder Paul wurden als Kinder getrennt. Nun hat er sie nach New Orleans geholt und sucht eine Beziehung zu der jungen Frau, die über rein familiäre Bande weit hinaus geht. Irena wiederum verliebt sich in den Zoo-Mitarbeiter Oliver. Doch bald wird klar, dass Irena und Paul zu einer sehr alten Blutlinie gehören, für die Sex und Liebe mit animalischen Ausbrüchen verbunden sind...

Kritik: "Cat People" ist weniger ein Remake des Klassikers von Jacques Tourneur als mehr der Versuch, einzelne Motive des Werwolf-Films über seine freud'schen Untertöne zu definieren. Waren die sexuellen Komponenten z.B. des Vampirs längst thematisiert und die Analogie Zombie/Konsument gesetzt, war der Werwolf (und die Katzemenschen sind letztlich feminine Varianten davon) in 80 Jahren Kino nie über die Definition als "das Biest im Menschen" hinaus gekommen. Ohne eine stärkere dramaturgische Verankerung scheitern die meisten Filme zum Thema am Zottelmonster, das für so wenig steht und gewöhnlich auch keinen inneren Konflikt der Hauptfigur repräsentiert. Kurz: Der Werwolf war Gruselkintopp, unmodern und in den 70ern völlig abgehakt.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Schrader (mit "American Gigolo" einer der "Erfinder" der 80er Jahre) mit dem Mythos beginnt, in einem traumhaften Prolog die Verbindung von Mensch und Raubkatze bebildert, um sie dann in Form von Kinski und McDowell in die Gegenwart zu tragen. Es wird von der ersten Minute an signalisiert: Hier geht es nicht um Vollmond oder Silberkugeln. Die phantastischen Elemente werden nicht als übernatürlich präsentiert, eher als natürliche Konsequenz einer alten Familienkrankheit wie Bluter.

cat-people-1

Leider verstolpert sich Schrader genau an dem Ernst und dem Respekt, den er seinem Mythos unterstellt - und der ohne auch nur den Versuch einer okkulten Erklärung an keiner Stelle glaubwürdig wirkt. Es ist eben jenseits der Märchen nicht wirklich plausibel, dass sich Menschen beim Sex in riesige schwarze Panther verwandeln. Die interne Logik der Katzenmenschen, die in einem übernatürlichen Universum durch spezifische Regeln haltbar wäre, kann ohne dieses Korsett nicht funktionieren. Zumal Schrader und sein Autor Orsmby das Problem dadurch verschlimmern, dass sie sich jeder Exposition verweigern. Der Film ist extrem mager an erklärenden Dialogen, sei es zu formellen Zusammenhängen oder dem emotionalen Status der Figuren.

Genau so wenig scheint Schrader daran interessiert, New Orleans als Schauplatz stilistisch oder thematisch einzubinden. 90 Prozent des Films spielen in Pauls Haus oder im Zoo der Stadt, alle "typischen" Elemente des Big Easy bleiben außen vor. "Cat People" könnte genau so in Vancouver, Sydney, London oder Prag spielen. Das ist umso bedauerlich, da die Kameraarbeit und die Farbgestaltung des Films außergewöhnlich intensiv und halluzinatorisch sind. Hier hätten die Bilder eine stärkere Regie eine stärkere Geschichte verdient.

Es stellt sich beim Zuschauen schnell das Gefühl ein, dass Schrader (der ja bevorzugt seine Skripts selber schreibt) hier überhaupt nicht bei der Sache war. Seine Regie wird erschütternd desinteressiert, die Suspense ist massiv gedrosselt und die wenigen tatsächlichen Konfrontationen Mensch/Panther von auffälliger Lustlosigkeit. Die Szene, in der Ed Begley jr. der Arm abgerissen wird, sollte in Filmschulen als abschreckendes Beispiel gezeigt und in "Worst of movies"-Youtube-Clips zu finden sein.

Der wenig memorable Soundtrack von Giorgio Moroder hilft auch nicht weiter - hier ist wirklich nur das Bowie-Stück zum Nachspann bemerkenswert.

Die Lethargie der Regie überträgt sich auf die Darsteller: McDowell hat für seine recht große Bedeutung in der Story sehr wenig Screentime, John Heard (einer dieser zu weichen 70er-Hauptdarsteller, die wie William Hurt ihr Kritikerlob nie rechtfertigten) schlafwandelt und der Rest ist Staffage. Einzig Annette O'Toole kann überzeugen, gibt ihrer Rolle als frustrierte, aber tatenwillige Ex solide Tiefe.

Aber all das ist irrelevant, denn "Cat people" hat über den Anspruch eines kontemporären Horrorfilms für die 80er einen zweiten, erheblich offensichtlicheren Sinn und Zweck: Er ist eine Huldigung an Nastassja Kinski. Besser gesagt: An die nackte Nastassja Kinski.

Kinski.Cat-PeopleSo wie die 80er Egoismus und Hedonismus in den Mittelpunkt stellten und Menschen Superstars nicht für ihre Fähigkeiten, sondern ihre Vermarktung wurden, so ordnet "Cap people" sich völlig seiner Hauptdarstellerin unter. Ihr schlanker Körper, ihr großen Augen, ihre samtige Haut - das SIND die "Cat people", das sind die 80er, das muss reichen.

Reicht es? Schwer zu sagen. Ja, die Entspannheit der kinski'schen Nacktheit, ihre feline Perfektion, die Huldigung an das Filigrane nach dem Kurvenkitsch der 70er, das hat wenig von seiner Faszination verloren. Aber im Zeitalter von Sextapes und Fappening ist die offensichtliche Gier nach Nacktheit, die Schrader hier an den Tag legt, teilweise auch abstoßend. Die Frau wird zum Objekt, frei zur ausgiebigen Beobachtung, ihre eigene Sexualität ist gefährlich und muss letztlich im Käfig enden. Das sagt mehr über die Männer als über die Frauen aus.

nasti

Die 80er waren ein Jahrzehnt, in dem es viele Filme gab, deren einziger raison d'etre die im Vorfeld viel diskutierten Nacktszenen bekannter Darstellerinnen waren. Niemand ging in "Die Venusfalle" (Sonja Kirchberger), "9 1/2 Wochen" (Kim Basinger), "Der Fan" (Desire Nosbusch), "Eine öffentliche Frau" (Valerie Kaprisky) oder "Bolero" (Bo Derek) wegen der Handlung. Es wurden unter dem Deckmantel des Storytellings voyeuristische Delikatessen geboten - und 30 Jahre später wundert man sich, dass die Darstellerinnen diese totale Reduktion auf ihre Geschlechtlichkeit ohne Murren hinnahmen. Es ist kein Wunder, dass Sharon Stone und Paul Verhoeven mit "Basic Instinct" eigentlich 1992 die 80er dicht machten.

Die IMDB listet in der "Trivia"-Sektion zwei Anekdoten, die in meinen Augen Ausrichtung und Defizite des Films perfekt erklären:

"By his own admission, director Paul Schrader says that one day he got so stoned on set that he refused to come out of his trailer. A whole day's filming was lost."

"Reportedly, director Paul Schrader and lead actress Nastassja Kinski had a relationship during the production of this movie."

So ist "Cat people" letzten Endes doch kein Klassiker, sondern "nur" ein leidlich faszinierendes Zeitdokument, dessen künstlerischer Anspruch lange schon als Pose entlarvt ist und der sich im Stil seiner Zeit gebärdet, über sie aber nichts zu sagen weiß. Als Horrorfilm ist er impotent, weil Schrader hier augenscheinlich keinerlei persönliche Leidenschaft eingebracht hat und Autor Ormsby sowie eher B-Liga war. Die selben fatalen Fehler sollte er bei "Dominion: Exorzist – Der Anfang des Bösen" 2005 übrigens wiederholen.

Ich bin froh, ihn mal gesehen zu haben - finde aber, dass ich bisher nichts verpasst hatte.

Fazit: Ein teilweise bildstarkes, aber auch seltsam sediertes Erotik-Melodrama, dessen Horror-Elemente vage sind und das (retrospektiv gesehen sehr ausbeuterisch) ganz auf die erotische Präsenz von Nastassja Kinski setzt.

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The Hunger

the-hunger-movie-posterEngland/USA 1982. Regie: Tony Scott. Darsteller: Catherine Deneuve, David Bowie, Susan Sarandon, Cliff De Young, Beth Ehlers, Dan Hedaya, Willem Dafoe u.a.

Story: Miriam und John sind Vampire. Während sie als eine Art Urmutter mehrere tausend Jahre auf dem Buckel hat, ist er nur ein paar Jahrhunderte alt - und wie Miriams frühere Liebhaber altert er nun rapide und unaufhörlich. Die Alterungsforscherin Sarah könnte der Schlüssel zum Problem sein - allerdings auf völlig andere Art, wenn man die Sache von Miriams Sicht aus betrachtet...

Kritik: Wieder ein Film, der in den frühen 80ern durchaus gelobt, dann aber schnell als leeres Designer-Kino abgekanzelt wurde. "The Hunger" ist der erste Langfilm von Tony Scott, Ridley's verkanntem Bruder, der das Pech hatte, seine Vergangenheit als Werbefilmer deutlich mehr zum Makel zu tragen.

Ja, natürlich merkt man dem gesamten visuellen Konstrukt von "The Hunger" an, dass hier ein Kommerzfilmer am Werk ist: Tauben, flirrender Staub im grellen Licht/Schatten-Wechsel, träge Pianomusik, wehende Vorhänge, gemächliche Bewegungen wie in Zeitlupe. Wer damals dabei war, wird an Campari-Spots erinnert. Design regiert wie auf Sade-Alben.

Aber so wie Sades erste CD "Diamond Life" jenseits allen Schicks ein echtes Pop-Meisterwerk war, haben viele Kritiker bei "The Hunger" die durchaus starke Story übersehen, die detailbesessene Inszenierung, die emotionale Kraft der Figuren. Es ist ein Film, der seine betörenden Bilder tatsächlich füllt, dessen Langsamkeit keine Langeweile bedeutet.

Vor allem aber ist "The Hunger" ein Film, den ich mir ganz anders vorgestellt hatte: Die Trailer und die Werbung hatten immer folgende Story impliziert: Miriam will John nicht verlieren, Sarah soll mit ihrem Fachwissen helfen, das Unabwendbare zu verhindern, woraus sich eine Dreiecksgeschichte ergibt.

Diesen Ansatz wirft "The Hunger" nach der ersten Hälfte komplett über Bord. Weder ist Sarahs Beruf letztlich von Relevanz, noch der Erhalt von Johns Lebenskraft. Stattdessen schält sich der Egoismus Miriams mehr heraus, die ein Vampir auf so ziemlich jeder Ebene ist - sie saugt Menschen aus und lässt sie dann leer zurück. Ihre große Liebe John ist letztlich auch nur ein Passagier auf ihrer langen Reise, mit dem Altern verliert sie rapide das Interesse an ihm. Sarah wiederum ist die Abwechslung, das im wahrsten Sinne des Wortes "frische Blut".

The-Hunger

Die Parallelen zu "Cat People" sind offensichtlich, auch wenn sie die Filme nicht qualitativ vergleichbar machen: In beiden Fällen geht es um alte Flüche die Krankheiten ähneln und Menschen aneinander fesseln. Es geht um den Übergang eines verstörten, sterblichen Lebens in eine nur scheinbar reizvollere Ewigkeit. Es geht darum, dass Sex und Blut zusammen gehören. Im Fall von "The Hunger" ist der Mythos allerdings deutlich verständlicher, prägnanter und folgerichtiger.

Beide Filme spielen außerdem in einer seltsam wattigen Zwischenwelt, die das tatsächliche Umfeld (in diesem Fall New York) nebensächlich macht. Aber auch hier gelingt es "The Hunger", plausibler zu erzählen, warum das so ist - Miriam und John leben in einem ganz eigenen Universum, weil für sie Menschenleben, aber auch Städte und Staaten fast im Zeitraffer vergehen. Sie schaffen sich eine Glocke, die jede Zeit für ihre Verhältnisse erträglich bremst.

Ja, auch "The Hunger" setzt auf "flash", auf die seinerzeit massiv trendige Besetzung mit Deneuve, Bowie und Sarandon, auf Musik von Bauhaus - und vor allem auf eine sehr genüsslich ausgebreitete Sexszene zwischen Deneuve und Sarandon, die entsprechend vermarktet wurde. Aber das bleibt als Stilmittel gerechtfertigt, wirkt nie wie der geschmacklose Selbstzweck eines Films, der mit sonst nichts wuchern kann.

Was ich nicht erwartet hatte: Zwar leisten Deneuve und Sarandon sehr gute Arbeit, aber es ist Bowie, der wirklich heraus sticht - sein stilles, schnelles Leiden am (technisch immer noch makellos umgesetzten) Alterungsprozess ist absolut mit-, hin- und herzerreissend. Er hat auch die stärkste tragische Tangente: Vom zeitlosen Lover zum armseligen, sich selbst bepissenden Wrack in nur 48 Stunden.

Dass "The Hunger" im Gegensatz zu "Cat People" kein Ende findet, sondern sich erneut in die Schleife begibt, allerdings unter geänderten Vorzeichen, macht ihn zum Nachspann hin deutlich befriedigender.

Damit haben wir's: Während in meinen Augen "Cat People" nicht über den Zeitraum seiner Entstehung hinaus bestehen kann, ist "The Hunger" immer noch ein potentes Stück Vampirkino, das so exemplarisch für die 80er steht wie "Dracula" (mit Lugosi) für die 30er und "Dracula" (mit Lee) für die 50er.

Und wer immer noch glaubt, er müsse den Film als verschnörkelt und lahm kritisieren, dem sei gesagt: Wir leben in der Generation, die den Vampir durch "Twilight" definiert hat. Leckt mich am Arsch.

Fazit: Ein in der Einordnung als selbstverliebte Stilübung kriminell unterbewerteter melancholischer Neo Noir-Vampirfilm, dessen wegweisende Optik und mutige Montage auch heute noch frisch wirken.

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P.S.: Kurioserweise war Bowie 1997/1998 noch in eine gleichnamige TV-Serie mit vagen Anklängen an "The Hunger" involviert - während in der ersten Staffel Terence Stamp den "Host" spielte, übernahm Bowie die Aufgabe für die zweite Staffel. Jemand war so nett, die Intros zusammen zu schneiden:

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9
Januar 2016

Abendessen in der Fernsehgeschichte

Gestern hatten die LvA und ich einen Grund, anzustoßen. Wie es sich bei Menschen gesetzten Alters und gehobenen Geschmacks gehört, haben wir dafür nicht zwei Dosen Red Bull aus dem Kühlschrank geholt, sondern einen Tisch in einem Restaurant bestellt. Nicht irgendeinem Restaurant.

Es gab im Jahr 1965 eine legendäre TV-Serie namens "Der Forellenhof" mit Hans Söhnker und dem später als "Bergdoktor" bekannt gewordenen Gerhart Lippert. Hier die ersten Minuten der ersten Folge:

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Meine Frau hat die Serie vor zwei Jahren begeistert auf DVD geschaut und sich besonders in den Boxer Kuni verliebt. Als wir nach Baden-Baden zogen, wo "Der Forellenhof" seinerzeit gedreht wurde, war klar - das schauen wir uns an.

Der Besuch im Sommer war ernüchternd: Hotel und Restaurant standen leer, wirkten verwahrlost, der Garten ungepflegt. Erstaunlich, wo man hier doch mit soviel Kult-Potenzial wuchern könnte - äußerlich verändert hat sich nämlich kaum was und auch der Kachelofen und die Lampen in den Gasträumen sind noch wie anno 1965.

Wir hörten, dass die Anlage mittlerweile einem aserbaidschanischen Investor gehört, der damit nicht wirklich etwas anzufangen weiß. Schade.

Als hätte das Schicksal unser Klagen gehört, begannen aber schon im nächsten Monat die Renovierungsarbeiten:

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Am 1. Dezember war Neueröffnung des "Forellenhofs" und gestern der richtige Zeitpunkt, Speisekarte und Ambiente zu testen. Und es ist wirklich toll. Angenehme Atmosphäre, sympathisch-spießig, solide aufgestelltes Angebot, sehr zuvorkommende Bedienung. Wer die Serie kennt, sieht in vielen Ecken die Reminiszenzen.

Direkt an den Speiseraum schließt sich die kleine Hotelbar an, in der man entspannt den Kaffee nach dem Essen genießen kann. Dort hängen auch viele Bilder aus der Serie an der Wand.

Ein schöner, ungedrängter Abend, fast wie in den 60ern und dem oben gezeigten Ausschnitt nicht unähnlich. Wenn wir im Frühling wieder kommen, möchte ich auf jeden Fall ein "Draußen nur Kännchen!" hören...

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7
Januar 2016

Reichs-Telekom: Der deutsche Amtsschimmel - intakt

Es gehört zu den unangenehmeren Aufgaben, Nachlässe aufzuarbeiten, das Leben Verstorbener abzuwickeln. Es ist, als schließe man letztmalig eine Tür, als lasse man jemanden zurück. Wir hier, du da. Und tschüss.

Manchmal findet sich aber auch ein Grund zum Schmunzeln. Letzte Woche sind wir auf einen schwer behördlichen Vorgang aus dem Jahr 1961 gestoßen, der sehr schön illustriert, wie viel sich geändert hat vom Volksempfänger zum WLAN-Router - und wie wenig.

Es geht um die Anmeldung eines Fernsehers.

Beide Bescheinigungen sind übrigens in "mint condition", wie der Sammler sagt. Als amtliche Schreiben wurden die sehr sorgfältig aufbewahrt - steht ja auch drauf: "Sorgfältig aufbewahren". Ich habe sie mit ebensolcher Sorgfalt gescannt.

Auf relativ dünnem Papier und in kleinem Format wäre da erstmal die grundsätzliche "Rundfunkgenehmigung". Diese bezieht sich, wie erklärt wird, auf die "Bestimmungen über den Rundfunk" aus dem Jahr 1931. Damals war Deutschland noch die Weimarer Republik, Hitler noch nicht Reichskanzler und Fernsehen gab es nicht - aber immerhin Radios.

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"Rückseite beachten!" - machen wir doch glatt.

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Ja ja, die Sprache kennen wir. Da spricht der Staat mit dem Untertan. Du musst, du sollst, du wirst. Wehe, wenn nicht! Erfreulich auch, dass man mit dem Erwerb eines Radios die Unverletzlichkeit der Wohnung abgibt:

"Den Beauftragten der Deutschen Bundespost ist das Betreten der Grundstücke und Räume, in denen sich Ton-Rundfunk-empfangseinrichtungen befinden, jederzeit zu gestatten."

Andererseits: Ist schon alles prima durchorganisiert, vom Dauerauftrag für die Gebühren bis zu den Kündigungsfristen und der Menge der erlaubten Kopfhörer. Wenn ich Punkt 7 richtig interpretiere, war es die vernünftigste Lösung, bei einer Abmeldung sicherheitshalber zur Axt zu greifen.

Angetackert an dieses Formular von 1931 war das Äquivalent von 1961:

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Aha, das Wort Fernseher taucht auf - gerade rechtzeitig zur Ausstrahlung der Kultserie "Die Firma Hesselbach".

Weil von Jesus zur Luther die Zahl der christlichen Vorschriften von 10 auf 85 erhöht wurde, verwundert es nicht, dass auch die Deutsche Post die Gebote von 9 auf 13 aufgestockt hat und deutlich festeres Papier nun zwei Seiten braucht, sie darzustellen.

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Interessant finde ich, dass Punkt 9 die Unverletzlichkeit der Wohnung zumindest teilweise wieder herstellt: Man muss die Kontrolleure der Behörde zwar rein lassen, aber nur zu "verkehrsüblichen Zeiten". Da sage einer, der Staat wäre nicht zur Milde fähig.

Etwas überrascht hat mich Punkt 4, den ich eher in die Ära von Hakenkreuz und Volksempfänger verortet hätte: Wer Sendungen empfängt, die "nicht für die Allgemeinheit bestimmt sind" (ich vermute mal, Funksprüche von Militär und Polizei), der darf sie nicht nur nicht aufzeichnen (was damals technisch sowieso problematisch gewesen wäre), er darf das Vorhandensein solcher Sendungen auch Anderen nicht zur Kenntnis bringen! Ein a priori-Maulkorb, der sich gewaschen hat! Es würde mich interessieren, welche rechtlichen Grundlagen eine solche Bestimmung haben konnten - vermutlich keine. Ob es basierend darauf jemals zu einer Gerichtsverhandlung gekommen ist?

Andererseits: 5 Mark Gebühren.

Man sieht - durchorganisiert war der Deutsche Staat schon immer, die Überwachung der Bürger durch die Anbieter Teil des Systems. Damals herrschte noch - anders als heute - die Maxime: was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten.

Und zehn Uhr abends war Sendeschluss - ab ins Bett!

P.S.: Es gehört zwar nicht wirklich hierher, ist aber historisch relevant und für jeden TV-Junkie Pflicht:

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5
Januar 2016

Die Pestbeule der Politspinner - angestochen

Es ist vielleicht ganz angemessen, dass ich eigentlich auf der Suche nach einem Schauspieler aus den Loriot-Sketchen war, als ich über die Webseite CDU Bielefeld Verbrecherorganisationen stolperte. Es kann in diesem Kontext auch kein Zufall sein, dass es bei der CDU der Phantomstadt Bielefeld allen Ernstes einen Mike Krüger gibt.

Ich empfehle dringlich, beim Besuch von CDU Bielefeld Verbrecherorganisationen den Ton zu deaktivieren - bei mir wurde ein Song der Kelly Family im Hintergrund gespielt. Wenn ich das aus der groben Drübersicht richtig schlussfolgere, geht es hier um die "Erkenntnis", dass die CDU in Sachsen und anderswo so granatenmäßig korrupt ist, dass selbst Grenzer im Kongo neidisch werden würden.

Nun lassen sich Spinnerwebseiten wahrlich genug finden und leicht ignorieren, aber allein schon die Hammer-Artwork macht Lust, doch mal ein wenig drin rumzuklicken:

Ist man einmal dabei, hüpft man schnell von Link zu Link und findet Lesestoff für Tage. Da gibt es Webseiten wie

infidels-deutschland.de
volksbetrugpunktnet
wasistwahr.net
amtsgericht-bielefeld.verbrecherorganisationen.de
www.kriminalstaat.de
einprozent.de
chemikalien.wordpress.com

Die dabei auftauchenden Erkenntnisse, Aufrufe und Fragen machen staunen:

Trümmerfrauen gab es nicht!
Wer kann Frau Hinterkeuser eine Wohnung anbieten, die nicht chemisch belastet ist ?
Silvester – ein Gedenktag für einen längst verstorbenen Papst
Mitmachen gegen Genversifften Dreck
Wir sind nicht nur das Volk, wir sind auch Chef und haben das Sagen!
Der arisch-jüdische Teufelspakt
Leichenteile per Post versenden!

Tatsächlich kann man aus der Vielfalt der Themen auch die Facetten des Wahns heraus lesen, spürt in leeren Blogs, in sich kreiselnd verlinkenden Templates und in schier endlosen Link/Stichwort-Listen das pathologische Moment, den Mangel an Medikamenten und die totale Isolierung in der totalen Öffentlichkeit des Internets. Menschen, die nichts mehr glauben, glauben wirklich jeden Scheiß.

Oder wie der olle Doc Acula sagen würde: Komedy Gold!

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3
Januar 2016

Schnickschnack-Zuwachs: Amazon Fire TV Stick (2. Nachtrag)

Vorab ein kurzes Update in Sachen Amazon Fire Tablet. Tatsächlich hat sich der preisgünstige Flachmann als idealer Jackentaschen-Allrounder und Spaßgerät heraus gestellt. Dank der Installation des Google Playstore kann ich auf das komplette App-Angebot zurück greifen, auch wenn weiterhin Amazon Underground die perfekte Quelle für kostenlose hochwertige Spiele ist. Man höre und staune: Gerade meine geliebten Hidden Object-Games lassen sich auch auf 7 Zoll ziemlich klasse zocken:

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Ich weiß, dass ich die Tatsache gepriesen habe, dass man ein 49 Euro-Tablet ruhig auch schäbig rumwerfen darf, aber mit zunehmender Zuneigung kam dann doch der Drang, mein Fire Tablet etwas pfleglicher zu behandeln. Und so schaffte ich mir ein cooles graues Case an:

moko

Nächstes Upgrade: 64gb SD-Karte. Es ist ein wenig knifflig, das Tablet dazu zu bringen, so viele Apps und Daten wie möglich vom begrenzten internen Speicher auf die Karte zu verlagern, aber es geht. Seither ist mein Flachmann vollgestopft mit wirklich allem, was mich in den nächsten zehn Jahren interessieren könnte: Filme, Serien, Hörbücher, Musik, Fotos, Games und Tools. Außerdem trage ich ein Großteil meines Recherchematerials für Reportagen mit mir herum. Das hilft vor Ort.

Ich mache mir besonders gerne den Spaß, komplette Playlists genehmer YouTube-Kanäle zu laden und auf die Speicherkarte zu packen. Auch an der Bushaltestelle ist allemal Zeit für einen Trailer from Hell:

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Was ich nicht mag, sind verschmierte Touchscreens. Und weil auch das Amazon Fire Tablet in dieser Beziehung anfällig ist, habe ich nun noch eine blendfreie und schockresistente Klebefolie gekauft. Vorteile: Keine Fingerabdrücke mehr, besserer Schutz für das Display, kaum noch Reflektionen. Nachteile: minimaler Leuchtkraftverlust und ein leicht irisierender Effekt bei größeren einfarbigen Flächen. Außerdem ist es ein ziemlicher Hammer, dass die angeblich speziell für das Fire Tablet hergestellte Folie keine Aussparung für die Frontkamera hat. Da muss man zum Skalpell greifen, wenn Selfies nicht wie durch eine Milchglassscheibe geschossen aussehen sollen.

Damit ist mein Billig-Tablet also mit einem coolen Cover versehen, hat fett Speicher und ein geschütztes, mattes Display. Alles zusammen für immer noch unter 80 Euro. Oder wie man in den 90ern sagte: korrekt.

Weil der Spaß mit dem Fire Tablet nicht ausschließlich, aber durchaus auch mit der Amazon Prime-Biosphäre zusammen hängt, dachte ich vor Weihnachten darüber nach, der LvA ein Geschenk zu machen, die zwar gerne streamt, als Bildschirm den Fernseher aber immer noch dem Laptop vorzieht. Den Amazon TV-Stick nahm ich oberflächlich als preiswerte Möglichkeit wahr, z.B. Serien wie "The Affair" zeitnah in groß und an der Wand zu schauen. Unser LG 42SL9000-Fernseher ist zwar immer noch in Ordnung, aber als aktueller Smart TV ist er nicht ausgelegt.

Als das Online-Versandhaus den Preis dann kurz vor Heiligabend auch noch auf wieder mal fast obszöne 29 Euro senkte, war der Klick auf den Bestellbutton keine weitere Überlegung wert - und tatsächlich kombinierte sich das Glück, als am 23.12. unser Internet-Anschluss repariert wurde und der Paketbote am 24.12. den Stick brachte.

Karma!

Der Inhalt der kleinen Box ist so simpel wie gefällig:

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Dazu noch Kabel und USB-Charger. Installation mal wieder deppensicher: Einstecken, WLAN-Verbindung herstellen, fettich. Ich hatte gedacht, zumindest meine Prime-Daten eingeben zu müssen, aber selbst die hatte Jeff Bezos persönlich anhand meines Bestellkontos wohl schon in den Stick programmiert. Datenrechtlich vielleicht ein wenig hakelig, aber komfortabel.

Die Fernbedienung ist vorbildlich: start/stopp, vorwärts/rückwärts, ein Schritt zurück, Homescreen und Optionen, dazu ein Steuerring. Damit lassen sich sowohl das Interface als auch das Angebot des Sticks extrem smooth navigieren. Erfreulich auch: Der WLAN-Empfang ist besser, als ich erwartet hatte. In unserem "zweiten Wohnzimmer", wo Handys und das Macbook Air meiner LvA bereits Empfangsschwierigkeiten haben, ist das Streaming butterweich und ungestört.

Beim Amazon Fire TV Stick gilt natürlich noch viel mehr als bei dem Tablet: Wer kein Prime-Kunde ist, kann sich den eigentlich schenken und sollte vielleicht auf plattform-unabhängige Alternativen zurück greifen. Wer allerdings die 49 oder 69 Euro pro Jahr berappt und die Angebote auf dem Rechner bereits nutzt, der kann sich über einen Mangel an Content wahrlich nicht beklagen. Die Amazon-Biosphäre mag nicht in den einzelnen Disziplinen Platzhirsch sein, aber es ist die Kombination, die sie für Gelegenheitsuser so reizvoll macht.

Was mich wirklich überrascht hat, auch weil ich mich vorher nicht sonderlich informiert hatte, ist das Angebot über Spielfilme und Serien hinaus. In dem kleinen Stick steckt viel mehr, als man annehmen möchte.

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Zunächst einmal muss man sich bewusst machen, dass man auf den Stick - wie auf ein Android-Tablet oder Smartphone - haufenweise Apps aufspielen kann. Damit lassen sich die Content-Quellen innerhalb von Minuten massiv erweitern. Die Mediatheken der deutschen Sender sind ebenso schnell installiert wie Netflix und YouTube. Nun kann die LvA die "Lindenstraße" samt vieler Specials auf dem großen Fernseher gucken, wann immer sie möchte - und ich kann meine YouTube-Abos ebenfalls ohne Notebook oder Tablet genießen.

Auch Amazon selbst beeindruckt mittlerweile mit diversen exklusiven Produktionen wie "Man in the High Castle" und der zweiten und dritten Staffel von "Ripper Street". In vielen Fällen hat man die Möglichkeit, zwischen englischer und deutscher Fassung zu wechseln.

Wer bereit ist, sich auf pay-per-view einzulassen, kann auch sehr früh sehr attraktive Specials genießen - so hätten wir gestern Abend auch problemlos "Sherlock: The abominable bride" streamen können, gerade mal einen Tag nach der BBC-Ausstrahlung.

Rein subjektiv ist das Streaming-Bild auf unserem Full HD-Fernseher knackig, scharf und kontrastreich. Echten Cineasten würden sicher Mängel entdecken, aber die würden sich ja auch keinen Amazon TV Stick kaufen.

Der Fire Stick ist aber nicht nur Fernsehen der nächsten Generation, er ersetzt z.B. auch die heimische Stereoanlage. Es wurde viel kritisiert, dass Prime Music gerade mal eine Million Musikstücke parat hält und damit weit hinter anderen Anbietern zurück bleibt. Ich bin selber kein Musik-Sammler und für mich als Casual Listener reicht die Möglichkeit, meine eigenen CDs über die Amazon Cloud abzuspielen und vor allem die kuratierten Genre-Playlists  zu nutzen, allemal aus. So lief zum Besuch meiner Eltern an Silvester bei uns den ganzen Abend "Light Jazz" im Hintergrund.

Nun war der Stick ein Geschenk für die LvA und die liebt den Sender Klassik Radio. Den kann man zwar nicht einzeln als Provider ansteuern, aber eine App wie TuneIn Radio erlaubt den Zugriff auf mehr als 100.000 Sender aus aller Welt, inklusive aller Streams von Klassik Radio. Damit ist der Fire Stick die eigene Sammlung UND der Zugriff auf eine große Bibliothek an Musik UND ein Radio mit einer unüberschaubaren Menge an Sendern (was übrigens Hörspiele mit einschließt). Das ist mehr, als ich je hören wollen würde - wahre Musik-Aficionados sehen das vielleicht anders.

Neben dem konkreten Content kann man sich den Fernseher auch noch gemütlich pimpen - vielleicht mit einem Kaminfeuer zum Klassik Radio?

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Der Stick merkt sich die Vorlieben seines Besitzers, man kann Watchlists anlegen und durch die Verbindung zum Amazon-Benutzerkonto liegen die Empfehlungen oft gar nicht so weit daneben. Dadurch ist die "user experience" mit dem Stick sehr angenehm und überschaubar. Klar, sie soll Kunden locken, denen der Umstieg vom vorgekauten Programmfernsehen zum selbstbestimmten Bouquet bisher zu kompliziert schien.

Schon das alles wäre für mich ausreichend gewesen, um die gerade mal 29 Euro Anschaffungskosten zu rechtfertigen. Aber der Stick kann noch mehr. Mir war schon klar, dass es eine Abteilung "Spiele" geben würde, weil diese Option Kinder hibbelig macht und einigen Erwachsenen vielleicht einredet, damit ließe sich eine Spielekonsole überflüssig machen. So gibt es die potentere Fire TV-Box auch als Bundle mit einem Controller für gerade mal 125 Euro. Obwohl mich mein Fire Tablet mit seiner durchaus soliden Performance in Sachen Gaming überrascht hatte, ging ich davon aus, dass ein Stick zum Streaming von TV-Sendungen kaum die Power für halbwegs flüssige Casual Games jenseits von Angry Birds haben würde.

Ich habe mich geirrt.

Zugegeben, ich bin noch nicht sehr weit, was meine Tests angeht, aber ich kann schon mal sagen, dass sich Table Top Racing nicht nur absolut flüssig spielt, sondern selbst mit der kleinen Fernbedienung Spaß macht:

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Wird der Amazon Fire TV Stick damit zur Konkurrenz der XBox One? Natürlich nicht. Aber er ist ein launiger Gesellschafter für Casual Gamer, wie ich einer bin. Und die gesamte Hardware kostet weniger als ein einziges Spiel für die großen Konsolen. 29 Euro sind im besten Sinne ein Impulskauf-Preis.

Ich bin sicher, dass sich in den Menüs und Stores des Sticks in den nächsten Wochen noch viele weitere interessante Angebote finden lassen.

Ein wenig schwer tue ich mich mit dem einzigen wirklichen Kritikpunkt, weil ich vermute, dass es sich dabei um ein singuläres Problem entweder meiner Hardware oder meiner Verbindung handelt: immer mal wieder gibt es einen weißen "Britzel-Blitz" auf dem Bildschirm, begleitet von einem leisen Knistern. Nicht stark störend, aber nichts, was man haben will. Ich werde den Stick noch an anderen Fernsehern und anderen HDMI-Ports testen, um das genauer zu prüfen - vielleicht muss ich den Stick dann auch umtauschen. Als generelles Argument gegen den Kauf taugt es jedenfalls nicht.

Und was ist nun das Fazit nach drei Tagen Amazon Fire TV Stick?

Natürlich ist der Fire Stick genau wie das Fire Tablet letztlich dafür konzipiert, mit preiswerter Hardware den Kunden zum Konsum kostenpflichtiger Software zu verführen. Pay per View, In App-Käufe, Streaming-Abos - die Möglichkeiten sind mannigfaltig. ABER: Der mündige User ist diesen Angeboten nicht ausgeliefert. ALLES, was ich mit den beiden Geräten bisher gemacht und hier beschrieben habe, war (abgesehen natürlich von der Amazon Prime-Mitgliedschaft) kostenlos. Filme, Musik, Hörbücher, Ebooks, Apps, Spiele. Wer gerne stöbert und nicht immer auf der Suche nach bestimmten Spielen und bestimmten Serien und bestimmten Alben ist, dem geht bei Amazon niemals der Nachschub aus.

So wie das Tablet ein umfangreiches Entertainment-Center für die Jackentasche ist, macht der Stick aus dem passiven Fernseher ein interaktives Multimedia-Center für die ganze Familie. Beide Geräte trennen den Genuss von Filmen, Musik und Spielen vom Computer, binden sich unauffälliger in den Haushalt ein.

Braucht man das? Muss man das haben? Die Antwort lautet natürlich nein. Was braucht man schon? Alles, was das Tablet und der Stick können, kann mein Macbook Air auch. Man bekommt keine neuen Angebote, sondern nur neue Umfelder für die Angebote, neue Spielplätze. Es geht nicht um Content, sondern um Komfort.

Wer eine spielerische Natur besitzt und sich gerne ein wenig vom TV/Radio-Alltag entfernen möchte, ohne gleich Pay-Pakete zu abonnieren, der kann mit den Amazon-Geräten einen Haufen platzsparenden Spaß haben. Vor allem gilt: Wer sowieso Prime-Kunde ist, der hat durch die Services einen derartig hohen Mehrwert, dass die Anschaffung der wirklich spottbilligen Hardware eigentlich naheliegend ist.

Fire Tablet und Fire Stick haben mich zusammen gerade mal 78 Euro gekostet. Ich würde sagen, dass es vom Preis/Leistungsverhältnis her die beste Elektronik ist, die jemals Eingang in meinen Haushalt gefunden hat.

NACHTRAG: Weil ich wegen der weißen Blitzer im Bild auf Fehlersuche gehen wollte, habe ich den Amazon Stick an den anderen Fernseher von Loewe im Wohnzimmer geklemmt. Dort geht, was am LG nicht ging - der Stick kann direkt in den HDMI-Port. Beim LG gab es bei direktem Anschluss kein Signal, man musste eine HDMI-Verlängerung dazwischen schalten. Der einzige USB-Port des alten Loewe kann zwar keine Daten abspielen, reicht aber allemal, um den Android Stick mit Strom zu versorgen - die Steckdose ist nun auch hinfällig. Ergebnis der technischen Entschlackung: Der Stick liefert ein kristallklares HD-Bild ohne jegliche Störungen und dank der Nähe zum Router ist die Verbindung absolut smooth.

Damit ist der Stick für 29 Euro endgültig die ideale Methode, auch ältere Fernseher zu Smart TVs und Entertainment-Centern umzurüsten - sofern man Amazon Prime-Kunde ist.

2. NACHTRAG: Es wird immer besser - wenn man auf seinem Amazon Fire Tablet den ES Explorer installiert hat, erkennt dieser im Netz auch den Fire Stick. Man kann Daten und Apps damit ganz leicht auf den TV-Stick übertragen, obwohl das vom System nicht vorgesehen ist. Das eröffnet schon wieder GANZ neue Möglichkeiten...

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31
Dezember 2015

Rutscht gut raus, kommt gut rein

So, 2015 haben wir gleich geschafft, 2016 ist in diesem Moment nur Versprechen oder Drohung (je nach Sichtweise). Was ich schreiben könnte, würde seltsam redundant klingen, denn es wiederholt sich jedes Jahr und bei jedem Menschen in Variationen: viel hat sich verändert, viel ist vergangen, viel wurde geschafft. Same procedure as every year.

Feuerwerk 2013 auf 2014 in Neufarn beim Stangl -wirt

(c) 2014 Johannes Geyer

Ich hoffe derweil, dass wir uns gewogen bleiben und auch 2016 (wenn der zehnte Geburtstag dieses Blogs zur Feier ansteht) viele rhetorische Säbel zu Wortgefechten ziehen.

Auf geht's!

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