28
Februar 2015

10 Alben der 80er, 10 Alben meines Lebens

In der RP ist gerade ein lesenswerter Artikel zu lesen, der ein wenig mit dem Gerücht aufräumt, die 80er seien musikalisch ein dürftiges Jahrzehnt gewesen. Das ist natürlich Unfug. Für Menschen meines Alters waren die 80er prägend – die Filme, die Ideen, und damit natürlich auch die Musik.

Man konnte noch mit Punk in die 80er gehen oder dem Bombast von Barclay James Harvest, aber auch schon als New Romantic. Als Teenager gab es die heilige Dreifaltigkeit aus Poppern, Punks und Teds, auch wenn gerne übersehen wird, das 90 Prozent der Kids keiner dieser Gruppen wirklich zugehörig waren (in den späten 60ern waren ja auch nicht alle Hippies). Metalheads waren eher Außenseiter, kamen in den 80ern dann aber deutlich stärker. Mit der Neuen Deutschen Welle kam die neue deutsche Befindlichkeit, wir wollten Spaß und gaben Gas, waren gegen Volkszählung und für Jute statt Plastik.

Vor allem aber waren die 80er Pop, was leicht mit mangelnder Tiefe verwechselt wird. Es gab eine erstaunliche, vielleicht nie mehr so globale und spielfreudige Bandbreite kommerzieller Musik, von Dada bis Mini-Musical, von Zimbabwe bis Australien. Jeder machte sein Ding, ob man nun die neue Scheibe von Nena kaufte oder den Talking Heads.

Das hier sind zehn Alben, die vielleicht nicht besten waren, die ich je gehört habe, oder die mutigsten – aber sicher die prägendsten. Sie drehten sich auf dem Plattenteller, bis die Nadel unten durchkam.

(Klick auf Titel und Interpret führt zu Wikipedia)

Black – Comedy (1988)

Colin Vearncombes zweites Album nach “Wonderful Life” war deutlich stärker als der Erstling, mit einer guten Mischung aus Melancholie und Uptempo. Leider war es kein großer Erfolg und ein mäßiges drittes Album sorgte dafür, dass Black auf ewig für “Wonderful Life” stehen wird – ein Song, den ich seit dem Wechsel in die 90er nicht mehr hören kann.

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Vearncombe ist immer noch unterwegs und hat optisch durch das Alter gewonnen:

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Joe Jackson – Body and Soul (1984)

Musik für lange, einsame Nächte in der Großstadt – oder das, was ich mit 16 dafür hielt. Ich durfte ja nicht so lange raus. Jedes Stück eine kleine Perle, weigert sich “Body and Soul” wie Joe Jacksons anderes Meisterwerk “Night and Day”, zu einem Album zu verschmelzen. Neben bezaubernd traurigen Balladen enthält die Scheibe zwar kein weiteres “Steppin’ out”, aber Knaller wie das hier:

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Paul Young – No parlez (1983)

Mit diesem Album verbinde ich die CD, denn diese hatte im Gegensatz zur LP einen Bonus-Track und satte fünf Maxi-Versionen drauf. Man wollte halt das neue Medium CD pushen. Großartige Stimme, absolut Teenieparty-tauglich, und auf ewig mit typischen 80er Videos wie diesem verbunden:

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Fun Boy Three – Waiting (1983)

Einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner musikalischen Sozialisation habe ich meinem Bruder zu verdanken. Er stand auf Punk und Reggae, hatte irgendwann diese Platte im Schrank. Ich fand sie hypnotisch, verstörend – und entdeckte durch sie Terry Hall, einen der begnadetsten Songschreiber und Sänger Englands.

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Und hier der Meister noch mal solo:

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Cutting Crew – Broadcast (1986)

Ein Album, dass ich mit erster Liebe verbinde und mit Partys, mit MTV und “Formel Eins”. Gitarrenpop der ganz polierten Sorte, jeder Song ein Treffer.

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Richard Marx – Repeat Offender (1989)

Easy Listening-Poprock aus den USA, ein “guilty pleasure” und ein Kind seiner Zeit. Vielleicht auch, weil “Right here waiting” damals für mich eine sehr private Bedeutung hatte. Sein bestes Stück fand man allerdings auf Marx’ nächster Scheibe:

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Billy Joel – Storm Front (1989)

Billy Joel war für die Jungs meiner Generation kein Begriff. Das war ein amerikanischer Poprocker der 70er, der zwar ein paar Radioklassiker geschrieben hatte – aber wer von uns hörte damals schon Radioklassiker? Umso erstaunlicher, dass er 1989 sein bestes Album veröffentlichen sollte, vollgepackt mit großartigen Songs.


Billy Joel – I Go To Extremes von jpdc11

Spandau Ballet – True (1983)

In den 80er waren die Mädchen “Spans” oder “Duranis” (später auch “Brosettes”). Da teilte sich die Spreu vom Weizen. Ich fand Duran Duran immer mutiger und einfallsreicher, aber auf meinem Plattenteller drehte sich deutlich häufiger der Output von Spandau Ballet. Genau genommen finde ich den Nachfolger “Parade” besser als “True “- aber hier drauf befinden sich “True” und “Gold”, und da gibt es einfach keine zwei Meinungen zu.

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Sade – Diamond Life (1984)

Diese Besprechung aus dem Musik-Express von 1984 sagt es immer noch besser, als ich es je könnte:

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Sade – Your Love is King von aakira009

Ultravox – Quartet (1982)

Die besten Singles von Ultravox aus der Midge Ure-Ära sind nicht auf “Quartet”, weder “Vienna” noch “Dancing with tears in my eyes” oder das ungewöhnlich muntere “Love’s great adventure”. Aber mit “Reap the wild wind”, “Visions in blue”, “We came to dance” und natürlich “Hymn” ist es das rundeste, durchweg hörbarste Album der Band. Und Midge Ure ist auf ewig eine coole Sau:

Das ist die Musik, die mich durch die 80er und durch meine Jugend gebracht hat – und die mich (for better or for worse) geprägt hat. Ich bereue nichts.

Die 80er waren gut – mit den 90ern zog die Pest in der Popmusik ein.

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27
Februar 2015

Die “Funk Uhr” gibt den Serienexperten

FU 1Die “Funk Uhr” ist ein echtes Urviech auf dem Marke der vollpreisigen TV-Zeitschriften, die gibt es schon seit mehr als 60 Jahren – wie auch “Gong” und “Bild & Funk” weist der Name darauf hin, dass dieses Blatt kein Kind von Farbfernsehen und Internet ist.

In der neuen Ausgabe wirbt die Zeitschrift mit einem großen und noch dazu exklusiven “Serien-Report” auf satten fünf Seiten. Kaum zu erwarten, dass man damit einen exklusiven Set-Report von “Sherlock” meint oder ein Interview mit den Machern der “12 Monkeys”-Serie. Schauen wir uns die Sache doch mal an.

Das mit den fünf Seiten ist schon mal nicht gelogen:

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Auffällig ist, dass es sich hierbei genau genommen nicht um EINEN Report handelt – die Hauptgeschichte ist relativ knapp, das Thema wird in verschiedene Bereiche aufgeteilt, teils in Kästen, teils auf eigenen Seiten. Da werden die TV-Trends aus den USA ebenso abgehandelt wie neue deutsche Serien und der Hang der öffentlich-rechtlichen Sender zu spielfilmlangen Reihen. Besonderes Interesse der TV-Junkies dürfte eine Seite über deutsche Kopien von englischen und amerikanischen Serien erregen, bei denen der Autor korrekt zwischen offiziellen Adaptionen und dreisten Abklatschen unterscheidet.

Nicht minder lesenswert: Ein eigener Text zu der Lieblosigkeit, mit der deutsche Sender selbst Erfolgsserien behandeln – hier geht der Griff in die Geschichte bis “Raumpatrouille” und “Sesamstraße” zurück.

Mit Kritik an den Sendern wird zwar nicht gespart, aber dank einer flotten Schreibe artet dieses faktendichte “Special” auch nicht in infantiles “deutsches Fernsehen ist sowieso scheiße”-Bashing aus.

Erstaunlich – ich finde an dem großen Serien-Report eigentlich nichts zu kritisieren. Der ist gut geschrieben, informativ und von erfreulicher Bandbreite. Woran könnte das bloß liegen?! Ach so, klar, da steht’s ja:

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25
Februar 2015

Digitale Lesereise

Ich bin noch ganz hibbelig vom Erfolg des Bücherbazars am Wochenende. 46 von 50 Büchern sind weg, 20 Päckchen bringe ich heute zur Post. Ich verdiene nichts dran, aber der Gedanke, dass die Bücher neue glückliche Besitzer finden, freut mich außerordentlich. Da ist es nur ein Bonus, dass meine Leser am Ende sogar Geschmack beweisen und der unverkaufte Rest aus Twilight, Guido Knopp und Diana Gabaldon besteht. Respekt!

Ein neuer Batzen Bücher steht vermutlich ab Sonntag wieder zum Verkauf. Es sind erneut ein paar echte Schätzchen dabei.

Mir ist allerdings aufgefallen, dass ich meine Leselisten vernachlässigt habe, obwohl mein Evernote-Archiv aus der Richtung mittlerweile fast 500 Einträge umfasst. Und darum gibt es heute ein paar digitale Delikatessen gegen den kleinen Lesehunger – chronologisch rückwärts von neu nach alt.

Ich werde übrigens künftig versuchen, auf eine solide Mischung aus englischen und deutschen Beiträgen zu achten – und die englischen zu markieren, damit weniger anglophile Leser sich den Klick sparen können.

52 Shades of Grey (englisch): Alle Welt redet von “50 Shades of Grey” – ich nicht. Für mich punktet in diesem Fall eher Asylum, deren Mockbuster “Bound” nicht mit der langweiligen Dakota Johnson aufwartet, sondern mit dem “Buffy”-Leckerchen Charisma Carpenter. Und ob man es glaubt oder nicht: Es gibt auch eine christlichen Mockbuster zum Thema - The Dissolve hat sich beide Abklatsche mal angesehen und ist zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

Taschengeld-Kino (englisch): Ein Film, der viel kostet, muss viel einspielen. Ein Film, der wenig kostet, muss wenig einspielen. Ein Film, der fast gar nichts kostet, muss fast gar nichts einspielen? Leider falsch, wie das Beispiel des Microbudget-Dramas “Layover” beweist. Auf Slashfilm erzählt der Produzent, dass auch in Zeiten von Streaming-Portalen und VOD 6000 Dollar eine ziemliche Hürde sein können.

Keine Macht den Drögen: Größenwahn ist eine Tugend, mit der ich spiele, ohne sie ernsthaft zu verinnerlichen. Allerdings lesen sich Teile dieses sehr guten Artikels aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, als wären sie von meinem eigenen Essay zum Thema “Entkriminalisierung harter Drogen” inspiriert worden.

Bored of the Rings (englisch): Ich habe neulich ja schon geschrieben, dass man als Nerd in den 80ern schlechte Filme besser fand, weil es keine Alternativen gab. Bei Unshaved Mouse dient diese These als Aufhänger für eine erneute, kritische Betrachtung von Ralph Bakshi’s Trickfilm-Umsetzung von “Lord of the Rings”, die in den 70ern zwar an den Kinokassen gefloppt war, aber immer wieder von Fans unangemessen gelobt wurde.

Fat is the new salad (englisch): Cholesterin, Kalorien, Kohlehydrate, Fett, Zucker – was genau die Mechanismen von Gewichtszu- und Abnahme angeht, gibt es immer neue Theorien und immer neue Trends. Aktuell scheint Fett wieder in Mode zu kommen, es gibt sogar eine Bewegung, die Kaffee mit einer großen Portion Butter zum idealen Frühstück erklärt hat. Dieser Artikel auf Vox erklärt sehr schön, warum das zu wirken scheint – und warum das die Sache nicht besser macht.

Für immer Verstummtfilme (englisch): Ich habe mal gelesen, dass 95 Prozent aller Stummfilme unrettbar verloren sind – vielfach war es einfach so, dass man Anfang der 30er dachte, dass nach Einführung des Tonfilms niemand mehr Stummfilme würde sehen wollen. Etwas genauer setzt sich die wunderbare Seite Silentology mit der Frage auseinander, warum Stummfilme verloren gehen.

Facebook lügt (englisch): Zuviel Zeit bei Facebook geht drauf, Leuten zu erklären, warum die schockierenden und empörenden “Nachrichten”, die sie teilen, Bullshit sind. Natürlich könnte das soziale Netzwerk mit simplen Algorithmen die Verbreitung von Unfug zumindest drastisch einschränken – aber “Wahrheit” ist kein Teil des Geschäftsmodells, wie ein Artikel auf Slate sehr schön erklärt.

Netzbeschiss: Dass viele Kritiken im Netz Fakes sind, ist keine neue Erkenntnis. Datum hat aber mal ein sehr konkretes Beispiel nachrecherchiert, wie Firmen Marketingagenturen anheuern, die wiederum Heimarbeiter bezahlen, Produkte, Dienstleistungen und politische Entscheidungen zu loben. Eine Reportage aus Österreich, die wohl problemlos auf Deutschland übertragen werden kann.

Bullshit Babe (englisch): Food Babe Hani Vari ist mein neues erklärtes Feindbild – und damit stehe ich nicht allein, wie dieser Bericht auf NPR belegt. Aber so sehr ich die “Food-Aktivistin für ein gesünderes Leben” für die Jenny McCarthy der Futterphobiker halte, so wichtig finde ich trotzdem, wofür sie steht: Etiketten lesen, nachfragen, aufklären und selbst die großen Lebensmittel-Konzerne zwingen, notfalls Alternativen einzuführen.

Burger für alle!: Kommen wir nun zu etwas Leckerem. Wer auch mal aus dem Haus geht, der hat’s gemerkt – teure Burger-Läden sind in, wo man für den Whopper statt 3 auch mal 8 Euro zahlt. Ich selbst probiere diese Lokalitäten gerne aus (und empfehle in Berlin Burger de Ville). Aber es ist nicht der einzige Food Trend, der Deutschland in den letzten Jahren überrollt hat – und dann einen leisen Tod gestorben ist. Jetzt hat sich an eine Übersicht gewagt.

Farce Filmförderung: Mit der Seite bereitsgetestet.de ist der Wortvogel freundschaftlich verbunden. Darum freut es mich umso mehr, auf einen exzellent recherchierten Artikel zur deutschen Förderungspraxis hinweisen zu dürfen, der schlau und gleichzeitig wütend macht. Wer nach der Lektüre nicht der Meinung ist, dass das ganze System von Grund auf reformiert gehört, der hat es nicht verstanden.

Der Mittelstand in Gefahr (englisch): Der Trend ist auch für mäßig interessierte Filmfans unübersehbar – das Angebot an neuen Filmen teilt sich immer mehr in Big Budget und Low Budget auf, die einst breite Masse der solide finanzierten B-Movies stirbt aus. Wo Horrorfilme früher 2 bis 5 Millionen Dollar kosteten und ihr Geld international auch wieder einspielten, gilt heute ein siebenstelliger Betrag schon als unkalkulierbares Risiko. Das gefährtet auch den größten Markt für diese Filme, den AFM, wie der Hollywood Reporter berichtet.

Be afraid, be very afraid (englisch): Ich gehöre zu den Autoren, die manchmal nur ein Bild brauchen, um eine ganze gruselige Geschichte zu konstruieren. EarthPorm hat gleich 20 davon zusammen getragen. Wer also Inspiration für einen Roman oder einen Alptraum braucht, ist hier genau richtig.

Freiheit, die ich meine (englisch): Verlassen wir zum Abschluss mal die digitale Welt und beschäftigen uns einem Verständnis von Eigenständigkeit, das heute fast komplett verloren gegangen ist. Christopher Thomas Knight hat fast 30 Jahre als Einsiedler im Wald, von der Natur und von kleinen Diebstählen gelebt. Nun ist er in die Zivilisation zurück gekehrt. Unfreiwillig. GQ hat ein großartiges, mitfühlendes Porträt eines Mannes produziert, der Empathie sehr schwer macht.

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22
Februar 2015

Bücherbazar, erster Versuch

Ich hatte es schon angekündigt – heute geht es los. Obwohl ich konzeptionell immer noch etwas überfordert bin, wie das laufen soll.

Hier ist eine Galerie mit 50 28 19 17 12 6 Büchern:

100 Jahre

Bild 1 von 6

Buch zur TV-Reihe, Hardcover. 3 Euro.

Wenn ihr eins haben wollt: In den Kommentaren vermelden und dann bezahlen. 2 Euro für Taschenbücher und Kleinformate, 3 Euro für Großformate und Hardcover. Wer nicht über Paypal zahlen kann oder will, hat Pech gehabt – ich lasse mir allerdings alternative Lösungen vorschlagen, solange sie keinen zusätzlichen Aufwand für mich bedeuten. Porto und Verpackung gehen auf mich, Rückgaberecht gibt’s keins, Beschwerden sind für die Tonne – ich bin schließlich nicht Amazon.

Die Adresse bei Paypal lautet

torsten.dewi@gmail.com

Meine Bücher, die nicht nur ideell oder intellektuell noch richtig was wert sind, findet ihr hier.

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21
Februar 2015

Das Konzept Wochenende

Ich wollte gerade einen Kommentar zu einem Facebook-Beitrag von Daniel S. schreiben – aber nach einem halben Satz plingte eine kleine Glühbirne über meinem ungewaschenen Kopf und ein Engelschor schmetterte zum Leidwesen meiner Katzen: “BLOGIDEEEEEEE!!!”

Keine Ahnung, ob das hier für einen richtigen Artikel reicht, aber ich versuche es einfach mal ad hoc, ohne das zu planen.

Wochenende also. Daniel S. freut sich. Wochenende. Endlich Ruhe, endlich keine Arbeit. 48 Stunden Freiheit.

Aber ist das wirklich so? Oder ist das wirklich NOCH so? Oder nur bei mir?

Für mich hat sich das Wochenende in den letzten 30 Jahren massiv verändert. Gewicht und Definition sind mutiert, auch das Verhältnis zu den Werktagen ist nicht mehr das, was es 1990 war.

Es hat natürlich viel damit zu tun, dass ich 15 Jahre lang Freiberufler war und auch heute noch nicht im Büro sitzen muss, um zu arbeiten. Das allein verringert den gefühlten Bruch zwischen Werktagen und Wochenende. Ich sitze eigentlich immer mit dem Macbook auf dem Sofa.

Eine konkrete Arbeitsstruktur habe ich nicht – es kann also sei, dass ich mal einen ganzen Werktag verschlumpfe, aber den Sonntag damit verbringe, eine Reportage zu schreiben. Weil ich ein kreatives Sensibelchen bin, das dann am besten schreibt, “wenn mir danach ist”.

Damit verschwimmen Wochenenden und Werktage, weil die Arbeit und der Aufenthaltsort nicht die definierenden Faktoren sind. Primär “bemerke” ich das Wochenende daran, dass es für zwei Tage keine beruflichen Anrufe gibt, dass ich mir keine Sorgen machen muss, ob jemand Deadlines abfragt. Was ich am Wochenende arbeite, empfinde ich als deutlich weniger fremdgesteuert. Es ist Bonus-Arbeitszeit, die ich einsetzen kann, um die kommende Woche zu entlasten oder Nachlässigkeiten der vergangenen Woche aufzuholen. Oder ich lasse es bleiben.

Die Kehrseite der “außer Betrieb”-Zeit des Wochenendes ist natürlich, dass sie auch für alle anderen Menschen gilt. Hätte ich am Wochenende endlich mal die Zeit, Behörden anzurufen oder privater Organisation zu frönen, so scheitert manche Erledigung an der Tatsache, dass ich niemanden erreichen kann.

Zweiter Problemfaktor: Ladenschluss. Am Wochenende fällt mir gerne ein, was ich mal wieder kochen könnte. Meistens 10 Sekunden, bevor mir einfällt, dass die Läden zu haben und die frischen Zucchini von der Tankstelle vermutlich nicht meinen Ansprüchen genügen.

Bis in die 90er war das zugegebenermaßen noch schlimmer. Da machten die Geschäfte Samstag Mittag zu und die Bankfilialen waren sowieso geschlossen. Heute kann ich am Samstag bis 22.00 Uhr hier in Speyer beim Rewe einkaufen gehen und Bankgeschäfte mache ich seit 2003 ausschließlich online. Das ist praktisch und bequem – aber schon wieder eine Auflösung der Unterscheidung von Werktag und Sonntag.

Auch mein Medienkonsum richtet sich nicht nach linearen Vorgaben. Welche Filme und Serien ich schaue, entscheide ich aus dem Moment. Sonntag ist für mich nicht “Tatort”, Werktag ist für mich nicht “Gute Zeiten Schlechte Zeiten”.

Der Samstag war für mich traditionell nie ein Tag der Entspannung. Schon zu Zeiten fester Anstellung nutzte ich ihn, um gegen jede Vernunft einkaufen zu gehen und die Wohnung zu putzen. Es brauchte eine regelrechte Deprogrammierung, um mich dazu zu bringen, lieber am Mittwoch oder Donnerstag einzukaufen. Der Samstag hatte damals noch so was Hektisches im Sinne von “Hast du auch ja alles beisammen, bevor heute Mittag das ganze Land die Schotten dicht macht?!”

Heute sehe ich den Samstag entspannter. Die Läden haben lange auf, putzen muss ich nicht mehr selber und den Katzen ist es auch egal. Außer der Duftmarke “Wieder eine Woche geschafft” hat er für mich keine nennenswerte Bedeutung.

Es ist also nur der Sonntag mit seinen begrenzten Ladenschlusszeiten, der für mich das Wochenende definiert. Und den finde ich nicht mal so angenehm. Weil er irgendwie tot ist, weil ich Entspannung als den Verzicht auf Aktion sehe und nicht das mangelnde Angebot an Aktion. Und weil er irgendwie doch schon davon versaut wird, dass ihm der Montag folgt. Wie soll man dabei entspannen?

Demzufolge wäre eine völlige Aufgabe des Wochenendes im Sinne von Ladenschluss denkbar und eventuell erstrebenswert. Alles kann, nichts muss. Aber das ist auch keine Lösung. Weil der Mensch – unabhängig von der Frage, was er damit macht – eine Taktung braucht. Ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Ich bin überzeugt, dass es dem Wohlbefinden nicht zuträglich wäre, wenn wir die kalendarischen Rhythmen einfach aufgeben würden, wenn es jenseits der Jahreszeiten nur noch einen Tages-Counter gäbe.

Stellt es euch mal vor: Keine Wochentage, kein Wochenende, keine Monate, keine Jahreszahlen. Wir befinden uns lediglich am Tag 735.475 nach Christus (oder nach irgendeinem anderen beliebigen Startpunkt). Gestern war 735.474, morgen ist 735.476. Meine Mutter ist demnach alt, weil sie vor 730.000 geboren wurde. Keine Epochen mehr, keine Jahrzehnte, keine Jahrhunderte – alles löst sich in einfachen ganzen Zahlen auf. Wir arbeiten nicht mehr auf das Wochenende hin, sondern im täglichen Trott auf die Rente mit 23.000 (Tagen). Es gäbe keinen zu feiernden Geburtstag mehr, weil der einen wiederkehrenden Jahreswechsel als Grundlage bräuchte. Überhaupt keine Jahrestage mehr, keine Feiertage, kein Weihnachten, kein Silvester.

Es klingt logisch, vernünftig, einfach – und doch leer und mechanisch. So eklig, dass es nicht mal Spaß macht, darüber nachzudenken. Und das meine ich, wenn ich sage, dass Menschen Rhythmen brauchen, die ihnen ein Gefühl von Leistung geben. Die Woche geschafft, das Jahr ist rum, schon wieder Weihnachten. Ein Zyklus schafft Vertrauen, weil er durch die Wiederkehr die Tage und Monate vertraut macht. Die Bindung historischer Ereignisse an wiederkehrende Daten bindet uns an diese Ereignisse. Sie erzeugt Geschichte, die wir festhalten können, derer wir gedenken.

Über die Logik der aktuellen Einteilung können wir aber durchaus diskutieren. Warum sieben Tage? Warum 12 Monate? Wäre es nicht z.B. deutlich vernünftiger, eine Zehn-Tage-Woche mit vier Tagen Wochenende einzuführen? Oder einen freien Tag alle drei Tage? Wären zehn Monate mit konstant 36 Tagen nicht vernünftiger als 12 mit Längen von 28 bis 31?

Ich merke schon, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste, das Thema Wochenende rückt zugunsten esoterischer Gedankenspiele in weite Ferne – dabei wollte ich auf Facebook bloß das hier kommentieren:

“Lumm, Lumm, Lumm,
Daniel hüpft herum
Lumm, Lumm, Lumm,
Wochenendium…”

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20
Februar 2015

Durch die USA mit Jason Statham: “Safe” & “Parker” & “Wild Card”

1. Station: New York!

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USA 2013. Regie: Boaz Yakin. Darsteller: Jason Statham, Chris Sarandon, Robert Burke, James Hong u.a.

Offizielle Synopsis: Mei ist kein gewöhnliches chinesisches Mädchen. Das begnadete Mathematik-Wunderkind wurde von Han Jiao, dem Oberhaupt einer kriminellen Triaden-Vereinigung, nach Amerika entführt und dort aufgrund ihrer außergewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten mit einem komplizierten, streng geheimen Code betraut. Unwiderruflich gerät sie dadurch auch ins Visier der russischen Mafia. Denn der Code ist für einen prall gefüllten Safe bestimmt, den die gefährliche Untergrundorganisation für sich beansprucht. Nachdem Mei nur knapp einer erneuten Entführung entkommt, trifft sie bei ihrer Irrfahrt durch New York auf den verzweifelten Kampfsportler und Ex-Cop Luke Wright, dessen Frau ebenfalls Opfer der russischen Mafia geworden ist. Intuitiv nimmt der sich des Mädchens an, um es zu beschützen. Mit der geheimen Zahlenkombination im Kopf und kampferprobtem Adrenalin in den Adern beginnt für beide ein erbarmungsloser Kampf im amerikanischen Großstadtdschungel…

Kritik: Es ist schön, einen solide finanzierten Actionfilm zu sehen, der nicht in Osteuropa oder irgendwo in der Wüste von New Mexico oder im thailändischen Regenwald spielt, sondern in New York. Und zwar nicht in dem Fake-New York der Nu Boyana-Studios in Bulgarien, sondern im Big Apple selbst. Das ist teuer, das braucht Commitment, das ist eine Aussage.

Ich finde es auch erfreulich, dass Boaz Yakin, der sich in vielen Genres zu Hause fühlt, mal wieder auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Dem Mann verdanken wir immerhin das Drehbuch zu Lundgrens Sternstunde “Punisher” UND “Dirty Dancing 2″!

Der Einstieg ist allerdings etwas holperig: Yakin erzählt drei, vier Segmente chronologisch durcheinander und dichtet Statham eine wirklich banane Vorgeschichte an, um die Figur gebrochener und isolierter zu zeigen, als nötig ist. Glücklicherweise wird der Versuch, mit “Safe” den Genrefilm zu dekonstruieren, mit dem Ende des ersten Akts wieder fallen gelassen.

Danach zeigt Yakin, dass er weiß, was Statham und seine Fans wollen – und er liefert. Der Film setzt seine Ziele und Motivationen zügig und bleibt dann immer “on the move”. Was sich entwickelt, was gesagt werden muss – alles in Bewegung. Schlägereien, Schießereien und Verfolgungsjagden geben sich die Klinke in die Hand.

Nicht nur deshalb wirkt “Safe”, als sei das Skript 1985 für Cannon geschrieben worden. Politiker korrupt, das ganze NYPD korrupt, kriminelle Großgeschäfte von Chinesen und Russen – hier wird das New York von Clint Eastwood und Charles Bronson bedient, nicht das gelackte Kommerz-New York des neuen Jahrtausends, in dem gerade 12 Tage ohne Mord vergangen sind. “Safe” schafft keine 12 Minuten ohne gewaltsamen Exitus. Sogar der Cast scheint aus der Zeit gefallen: Chris Sarandon? James Hong? Robert Burke?

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Ebenso altbacken wie das Setting ist auch der Aufhänger – die chinesische Mafia braucht ein kleines Mädchen mit super Zahlengedächtnis? Echt jetzt? Machen wir uns nichts vor: Aus Mei könnte man alle nötigen Informationen jeder Zeit heraus foltern. Wird ja auch oft genug angedroht. Es wäre heutzutage erheblich einfacher, die Informationen verschlüsselt zu speichern, den Zugangscode auf mehrere Leute zu verteilen.

Statham selbst ist nicht gerade ein Bonus. Er kann die Action, er passt in den Film – aber genau deshalb verschwindet er auch in ihm. Seine Figur hat weder Ecken noch Kanten, bringt keine Motivation mit, kämpft sich stoisch durch die austauschbaren Bösewichte, um ein Mädchen zu schützen, zu dem er keine erkennbare Beziehung besitzt. Da fehlt die Eleganz des “Transporter” oder der Irrwitz von “Crank”. Man spürt Stathams Drang, sich nicht auf das Niveau von Lundgren und van Damme zu begeben, lieber seriös wie Eastwood zu werden – aber die Seriosität von “Safe” ist zu poliert und risikolos.

So bleibt bei aller Professionalität der Inszenierung immer das laue Gefühl zurück, “Safe” wäre 1985 als “Dirty Harry”-Sequel abgelehnt worden und hätte irgendwo Staub angesetzt, bis Statham drüber stolperte.

Fazit: Hochprofessioneller, aber etwas zu kantenfreier Statham-Actioner im Stile der 80er, der mit aufwändigen Locations-Shoots und Stars in Nebenrollen glänzt, aber Statham zu wenig abverlangt.

2. Station: Palm Beach, Florida!

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USA 2014. Regie: Taylor Hackford. Darsteller: Jason Statham, Jennifer Lopez, Michael Chiklis, Bobby Cannavale, Patti LuPone, Emma Booth, Nick Nolte, Daniel Bernhardt u.a.

Offizielle Synopsis: Parker ist ein professioneller Dieb und, wenn nötig, auch ein Killer. Der Vater seiner Freundin verschafft ihm einen neuen “Job” mitsamt neuen Partnern. Doch nach dem Überfall wird Parker von diesen vermeintlichen Partnern nicht nur um seinen Anteil erleichtert, sondern auch fast getötet. Parker, ein Mann mit Prinzipien, schwört Rache. Er folgt seinen Killern, die einen millionenschweren Coup planen, nach Palm Beach. Im Mekka der Reichen gibt sich Parker als vermögender Texaner aus, der eine Villa kaufen will. Dabei hilft ihm die verschuldete und gelangweilte Immobilienmaklerin Leslie Rodgers, die seinem Schwindel schnell auf die Spur kommt und ganz eigene Interessen an Parker hat …

Kritik: Ach… der Titel “Parker”, das Plakat, die Besetzung – das weckt Sehnsucht nach einem nihilistischen Gangsterdrama im Stil von “Get Carter” oder “Point Blank”, nach Helden aus Groschenromanen und einer Welt ohne Ideale.

Tatsächlich wirkt “Parker” eher wie eine Doppelfolge der Serie “Burn Notice” und nutzt die fast lego-eske Luxuskulisse von Palm Beach für einen Film, der sich zwischen Caper- und Rachedrama nicht entscheiden kann.

Statham spielt Statham, wie immer. Dreitageglatze, Dreitagebart, den Gesichtsausdruck leichter Magenkrämpfe, die Stimme einer Handvoll Kies im Rachen. So reduziert und überlegen, dass er aus jeder Menge heraus sticht wie Bozo, der Clown. Wie üblich ist seine eigene Kriminalität zweitrangig und irgendwie durch die “Gangsterehre” gedeckt, während der Versuch, ihn zu bescheißen, gottgerechten Mord und Totschlag nach sich zieht. It’s the Statham way.

Weiche Knie angesichts seiner aus allen Poren strömenden Männlichkeit muss diesmal Jennifer Lopez kriegen, die ebenfalls ein total korrupter Charakter ist – was mit der Gemeinheit ihrer Bürokollegen gerechtfertigt wird. Es ist wirklich erstaunlich, wie nonchalant das Skript die Welt in “gute” und “böse” Verbrecher unterteilt.

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Fragwürdig ist dabei die erhoffte Beziehung Statham/Lopez – da Statham als glücklich vergeben dargestellt wird, ist jede Chemie hinfällig und der Versuch von La Hintern, den stoischen Stetson-Träger aufzureißen, hat von vorne herein etwas peinlich Verzweifeltes. Es mag ja dem Klischee widersprechen, die beiden Hauptfiguren letztlich nicht miteinander in die Kiste springen zu lassen – aber warum baut man sie dann erst als Paar auf? Und wieso impliziert man ein Dreieck mit dem von Bobby Cannavale gespielten Cop, das genau deshalb nicht funktionieren kann?

Und so lässt Regie-Veteran Taylor Hackford (“Ein Offizier und Gentleman”, “Im Auftrag des Teufels”) seinen Helden alle Gegenwehr brechen, die Verräter über die Klinge springen und am Ende – wie so oft – schwer durch den Wolf gedreht, aber zufrieden mit sich und der Welt von dannen ziehen. Fast so, als hätte die Gerechtigkeit gesiegt und nicht der Gangster mit dem besten Durchhaltevermögen.

Einzig nennenswert ist der Fight Statham vs. Bernhardt – dammit, wenn Scott Adkins der Ben Affleck des Martial Arts-Films ist, sollte Bernhardt (“Bloodspoort 2″) endlich als George Clooney des Kloppergenres wieder Hauptrollen bekommen. Der war schon in “Wick” eine echte Schau.

Fazit: Hochprofessioneller, aber etwas zu kantenfreier Statham-Actioner im Stile der 80er, der mit aufwändigen Locations-Shoots und Stars in Nebenrollen glänzt, aber Statham zu wenig abverlangt.

P.S.: Wow, Nick Nolte verdient sich die Miete nun als wrackiger Nebendarsteller. How the mighty have fallen.

3. Station: Las Vegas!

wild-card-poster-debutWild Card

USA 2015. Regie: Simon West. Darsteller: Jason Statham, Michael Angarano, Dominik Garcia-Lorido, Milo Ventimiglia, Hope Davis, Stanley Tucci

Offizielle Synopsis: Nick Wild hat es satt: Seit Jahren schlägt sich der ehemalige Söldner als Detektiv und Gelegenheitsbodyguard im Zockerparadies Las Vegas durch, obwohl er doch am liebsten sofort nach Korsika auswandern würde. Dafür fehlt allerdings das nötige Kleingeld. Als ihn eines Tages seine Ex-Flamme Holly übel zugerichtet um Hilfe anfleht, wird er schneller als ihm lieb ist in ein schmutziges Spiel mit dem einflussreichen Danny DeMarco hineingezogen. Die Männer DeMarcos im Nacken, stürzt sich Nick Wild tief in die Abgründe von Las Vegas und entfesselt eine gefährliche, alte Leidenschaft.

Kritik: Was sich in “Safe” andeutete, bestätigt sich in “Wild Card” – Jason Statham hat kein Interesse, sich bei Lundgren, Adkins oder Seagal unterzuhaken. Er will seinen Charakter zur Marke machen und damit im Mainstream punkten. Trotz seiner Martial Arts-Fähigkeiten setzt er immer mehr auf die reine Präsenz, die es völlig egal macht, ob er im Film Wright, Parker oder Wild heißt – er ist immer Statham. So wie Eastwood immer Eastwood ist, Bronson immer Bronson war, und James Caan immer James Caan.

Das Problem dabei: Stathams stoische Art erinnert of an Lundgrens und Seagals patentiertes Non-Acting, wirkt eher als Maske denn als gut gemeißelte Skulptur. War ich in den ersten Jahren noch von seinem potenten Charisma begeistert, frage ich mich mittlerweile, ob er nicht nuancenreicher spielen will – oder tatsächlich nicht kann? Ist er womöglich der männliche Megan Fox – exzellent in einem streng limitierten Rahmen?

Auch “Wild Card”, eine fast deckungsgleiche Neuverfilmung des Burt Reynolds-Films “Heat”, müht sich gar nicht erst, Statham einen neuen Charakter zu schneidern: Unrasiert, knallhart, schweigsam, aber mit einer weichen Schale, rechnet er mit all denen ab, die es verdienen – die Tatsache, dass er dabei selber zum Mörder wird, kann hinreichend ignoriert werden. Er praktiziert “frontier justice”, die von normaler Verbrechensbekämpfung unberührt bleibt.

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Das führt mitunter zu komischen, absurden Situationen. Holly hätte deMarco problemlos wegen Körperverletzung und Vergewaltigung anzeigen können – in Vegas-Hotels ist jedes Pissoir videoüberwacht. Und aus genau dem Grund ist auch Wilds Racheaktion dumm: deMarco hätte ihn sofort wegen des Verstümmelung seiner Handlanger einknasten lassen können. Aber in der Welt von “Wild Card” existiert keine Polizei, kein Gesetz – man macht sowas unter sich aus.

Immerhin macht Actionprofi Simon West (“Con Air”, “Tomb Raider”) das Beste aus der Glitzerwelt von Vegas (obwohl kaum in Vegas gedreht wurde), erzählt die relativ dünne Geschichte flüssig und lässt Fightlegende Corey Yuen dafür sorgen, dass die wenigen Kampfszenen flüssig-brutale Knackigkeit besitzen. Da schaut man gerne hin, davon hätte man sich mehr gewünscht. Brian de Palma, der den Stoff eigentlich verfilmen sollte (Statham in einem de Palma-Film – crazy times, indeed!), wird nicht vermisst.

Fazit: Hochprofessioneller, aber etwas zu kantenfreier Statham-Actioner im Stile der 80er, der mit aufwändigen Locations-Shoots und Stars in Nebenrollen glänzt, aber Statham zu wenig abverlangt.

3 Filme, 1 Statham

Ihr habt’s vermutlich gemerkt: Es ist kein Edit-Fehler, dass ich allen drei Filmen die exakt gleiche Bewertung gegeben habe.

Ich muss leider konstatieren, dass mir Statham-Filme nichts mehr geben. Zu Zeiten von “Crank” und “Transporter” war ich ein echter Fan, aber das gewaltsame Bemühen Stathams, sich im Mainstream einzurichten, nervt. Seine Filme sind aufwändig, aber vorhersehbar, edel, aber aseptisch. Der besondere Touch fehlt, sprichwörtlich und manchmal auch tatsächlich der Kick. Die Filme sind nicht schlecht, dafür ist das Budget zu hoch und die Crew zu professionell. Sie sind aber furchtbar blah.

Statham will nicht mehr unten mit den Schmuddelkindern spielen, obwohl er noch längst nicht oben angekommen ist (wie auch die unbefriedigenden Einspielergebnisse aller drei Filme belegen). “Safe”, “Parker”, “Wild Card” – alles primär Statham-Showcases nach dem immer gleichen Strickmuster. Die Locations wechseln, aber nicht die Abläufe. Harter Kerl spielt nach eigenen Regeln, wird aufs Kreuz gelegt, gerne auch verprügelt und angeschossen, baut eine Bindung zu einem schwachen Charakter auf (Frau/Kind/Weichei), räumt gnadenlos unter den Gangstern ab, humpelt in den Sonnenuntergang.

Das kann man einmal schauen, zweimal, dreimal. Aber irgendwann wünscht man sich, das Mädchen in “Safe” wäre ein Alien, “Parker” hätte einen bösen Zwilling oder “Wild Card” handele von einem Casino in Vegas, das illegale Kampfturniere veranstaltet. So’n Scheiß halt, über den man sich bei B-Movies freut, wie Statham sie augenscheinlich nicht drehen mag.

Ich sag’s ungern, aber die Präsenz von Jennifer Lopez, Nick Nolte, Stanley Tucci und Chris Sarandon ist für Statham keine Aufwertung – es ist für die Stars eine Abwertung.

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19
Februar 2015

Kleines Update zum Ausweis-App-Debakel

Ich geb’s ja zu – in lauen Stunden lese ich gerne mal in meinen alten Beiträgen. Immerhin gibt es den Wortvogel seit fast neun Jahren, da kann ich mich an vieles nicht erinnern und so manche Pointe ist nach fünf Jahren wieder lustig.

Eben stieß ich durch einen Klick auf den Zufall-Button auf diese Geschichte. Ein echtes Herzschmerz-Drama über den Versuch, mit der App zum neuen Personalausweis IRGENDWAS Produktives anzustellen. Das scheiterte nicht nur an der instabilen Software und der unglaublich beschissenen Nutzerführung, sondern auch daran, dass es die Ausweis-App ein Jahr nach Einführung der Online-Funktion immer noch nicht für den Mac gab.

Ich zitiere mich mal selbst:

Windows. Ubuntu. Debian. Mac-Download? Kein Mac-Download. Kann doch eigentlich nicht sein. Ich finde eine andere offizielle Seite, die sich mit “Ausweis App Installation Mac” anpreist. Dort findet sich ein erstaunlicher Absatz, der mit diesen Worten beginnt:

“Ausweis App Installation unter Mac: Sicher ist schon jetzt, dass es für Mac OS X die Ausweis App geben wird. Eine Installation kann standardmäßig über einen Installationsassistenten erfolgen. Diesen muss man mittels eines Doppelklicks öffnen.”

Unfassbar – die beschreiben seelenruhig die Installation einer Software, DIE ES NICHT GIBT! Seit 2010 gibt es die Online-Funktion, im Sommer 2011 gibt es IMMER NOCH keine Mac-Version!

Folgte man damals dem Link zur Download-Seite, fand man folgenden Hinweis:

“Die AusweisApp-Version für Mac OS wird zum Sommerende erwartet.”

Wie gesagt: Das war 2011.

Eben kam ich auf die Idee, mal nachzuschauen, wie es mit der OS-App aussieht. Das könnte wichtig werden, weil mein Macbook Air keine Windows-Partition mehr hat, auf die ich ausweichen könnte.

Ich finde auf der Webseite folgenden Hinweis:

“Ausweis App Installation unter Mac: Sicher ist schon jetzt, dass es für Mac OS X die Ausweis App geben wird. Eine Installation kann standardmäßig über einen Installationsassistenten erfolgen. Diesen muss man mittels eines Doppelklicks öffnen.”

Und beim Download-Link steht nun:

“Die AusweisApp-Version für Mac OS wird zum Sommerende erwartet.”

Un-fucking-believable!

Da hat sich in VIER JAHREN nichts getan, nach fünf Jahren gibt es immer noch keine Mac-Software zur Benutzung der Ausweis-App. Man hat sich nicht mal die Mühe gemacht, die Webseite zu aktualisieren (ist ja schön, dass “kommt im Sommer” jedes Jahr aufs Neue wahr sein könnte).

Und wie zur langen Nase der Verarsche gibt es einen Eintrag im eID-Blog, dass seit Mai 2014 die Software für den Mac eben doch verfügbar sei – einen Link zu dieser hat man aber anscheinend vergessen. Kein Wunder, denn auch der Text stammt offenbar von einem Minderbegabten:

“Seit heute dem (23.05.2014) steht die offizielle AusweisApp des Bundes als Version 1.13 die Mac-OS-Betriebssysteme (10.6 bis 10.9) zum Download bereit.”

Es wäre ein Klischee, wenn es nicht wahr wäre: Die pumpen Millionen Steuergelder in die glorreiche Ausweis-Online-Funktionalität, ohne die geringste Ahnung zu haben, was das eigentlich bringen soll – oder ob die dahinter stehende Infrastruktur stemmbar ist. Und dann lassen sie das einen leisen Tod sterben.

Steuerverschwendung, Bürgerüberwachung, Bürokratie-Irrsinn: Das wäre doch mal eine lohnenswerte Sache, gegen die alle PEGIDA-Spacken einig auf die Straße gehen könnte. Sie können sich ja in PUGIDA (Patriotische User Gegen die Idiotie der Ausweis-App) umbenennen.

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16
Februar 2015

Das Ende des Nerdtums

Ich hatte vorgestern einen schönen Abend auf der Party von Giallo-Fan Reini in Frankfurt. Es war auch die ganze Posse des Berliner Filmfests da und Doc Acula obendrein. Als ich kam, war gerade die Diskussion “Was wäre, wenn die deutsche Filmindustrie in den 50ern einen Horror-Boom à la Hammer erlebt hätte?”-Diskussion im Gange. Später kam die Frage auf, wie ein deutscher “King Kong” von Fritz Lang wohl ausgesehen hätte. Good times.

Aber auch im Gespräch mit weniger filmaffinen Gästen wurde mir mal wieder klar, dass die Nische der Nerds mittlerweile ein Superbowl-Stadion ist, das jeden rein lässt und keine Stigmata mehr auf den Unterarm stempelt. Und das finde ich schade.

Lasst mich ein wenig ausführen.

Vor einigen Jahren habe ich darüber geschrieben, dass man als Horrorfan in den 80ern ein echter Außenseiter war. Als Videospieler auch. Nerd war damals ein Schimpf- und kein Modewort. Man suchte sich Gleichgesinnte, mit denen man sich in siffigen Buden treffen und Raubkopien spielen oder ansehen konnte. Die meisten Filme waren scheiße, aber das war Teil des Deals – es reichte schon, im dümmsten Slasher auch nur einen bemerkenswerten Aspekt zu finden, um ihm Respekt zu zollen. Und sei es eine freizügige Duschszene.

Man war eine verschworene Gemeinschaft, las fotokopierte Fanzines mit zweistelligen Auflagen, träumte davon, mal selber zur Videokamera zu greifen, während die Eltern hofften, das sei alles nur eine Phase und würde sich rauswachsen.

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Wir sind nicht rausgewachsen. Der Rest der Menschheit ist reingewachsen. Nerdtum ist Big Business. Jede Kino-Saison platzt mittlerweile vor Horror-, SF- und Fantasy-Epen, Superhelden regieren das Boxoffice, selbst kleinere Horrorfilme wie “Saw”, “Final Destination” und “Paranormal Activity” bekommen mehrere Sequels und starten auf mehreren tausend Leinwänden. Da braucht man auch nicht mehr heimlich reinzugehen – die Freundin kommt mit. Die möchte sich auch mal gruseln. Und trägt dabei die trendy Nerd-Plastikbrille und ein T-Shirt mit Leatherface drauf.

Horrorfan sein – das hat keinen Makel mehr, Splattereffekte keinen Schock. Der Mainstream hat die Angst geschluckt, kommerzialisiert und poliert ausgespuckt. Was früher ein Spaziergang durch eine dunkle Gasse in einer schlechten Gegend in einer verregneten Nacht war, ist nun eine Achterbahnfahrt mit großem Gekreische. Wo Superheldenfilme einst holperige pubertäre Fluchtphantasien waren, sind sie nun sorgfältig austarierte Mega-Spektakel für die ganze Familie.

Versteht mich nicht falsch – die Filme sind auf breiter Front besser geworden. B-Movies haben eine Qualität, die wir uns in den 80ern von A-Movies nicht erträumt hätten. Schnitt, Kamera, Effekte – all das hat sich massiv weiter entwickelt. Ein Fantasy Filmfest verlangt 2015 deutlich weniger Leidensfähigkeit und Sitzfleisch als 1995.

Der Preis ist die kommerzielle Berechenbarkeit, der Mangel an unerwarteter Wut und erzählerischer Kraft. Es geht nicht mehr um Tabubruch und Trüffelsucherei. Wenn ich einen etwas krummen Vergleich bemühen darf: Bei “C & A” mag die gesamte Ware durchgehend solide Qualität zu einem günstigen Preis bieten, aber es ist der Vintage-Shop, in dem man unter ausgewetzten und potthässlichen Klamotten diesen coolen Herrenmantel aus den 40ern findet und das Original-T-Shirt von der Stones-Tour 1978.

Die Maschine hat die Monster gefressen und gezähmt.

Horror-Videos als Jugendverderber und Gewaltförderer? Heimlich, still und leise abgehakt. Glaubt nicht mal mehr die CSU. Wenn sogar die Bayern hochoffiziell Kannibalenbauern in die Kinos schicken. Es ist weithin akzeptiert, dass die teilweise hoch potente Wirkung von Schocks und Schrecken eben doch auf den Kinosaal beschränkt bleibt.

Und Videospiele? Spielt jeder. Wer nicht “World of Warcraft” zockt, hat eben “Angry Birds” auf dem Handy. Oder vergnügt sich bei Facebook mit der “Candy Crush Saga”. Es braucht nicht mal mehr Konsolen dafür. Als Werbung, als Wettbewerb, als Ablenkung – wir werden überall ange- und um- und ge- und verspielt. Wir alle sind Player.

nerd girl

Auch hier gilt: Ich widersetze mich nicht der Erkenntnis, dass vieles besser geworden ist, seit Spiele nicht mehr von Freaks im Jugendzimmer programmiert werden, sondern von festangestellten Teams. Die Präzision, das Spektakel, die Lernkurve – all das ist heute deutlich besser austariert als früher, man scheitert meistens an der eigenen Unfähigkeit, nicht mehr an miserabler Steuerung oder schlechter Kollisionsabfrage der Sprites. Spiele sind in viel größerem Maße ein Gemeinschaftserlebnis statt tumbes Hocken vor der Mattscheibe mit den Joystick in der Hand.

Ist der Weg zurück eine Option? Leider nein. Nostalgie ist genau so vom Mainstream vereinnahmt worden wie der Eskapismus. An jedem Kiosk findet man Retro-Magazine, über die Videospiel-Redakteure der Jugend muss man sich nicht in Foren austauschen – die schreiben Bücher über ihre glorreichen Jahre. Wir leben in einem Zeitalter, in dem 900 alte Spielautomaten nur einen Mausklick entfernt sind. Das Zombie-Magazin verkauft monatlich im hohen vierstelligen Bereich. Trägt der Typ neben dir im Kino ein ausgeblichenes T-Shirt seiner Jugend oder nur ein Retro-Shirt aus dem Online-Versand? Schwer zu sagen. Letztlich auch egal?

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Wenn ich mit den Jungs zusammen sitze, so wie vorgestern Abend, dann zwiespaltet es schon manchmal in mir. Klar, wir sind Nerds, Altnerds sogar. Aber wieso? Was machen wir, was die ganzen Pseudo- und Softnerds nicht machen? Was qualifiziert uns noch, hebt uns ab? Nur die größere Menge an DVDs im Regal? Die meisten Filme, über die wir gesprochen haben, sind keine Geheimtipps, die bekommt man in jeder Drogerie auf dem Wühltisch. Oder man streamt sie von Netflix und Amazon. Wir haben kein Geheimwissen mehr, die IMDB hat uns das Expertentum versaut.

Ist Trash die Rettung, die Abwendung vom Mainstream und Hinwendung zum immer noch beschissenen und obskuren Regalfüller? Leider nein. Selbst der Trash ist kommerzialisiert und berechenbar. War Trash früher per Definition das glorreiche Scheitern der Ambition, die unterhaltsame Schere von Anspruch und Können, so ist er heute nur noch ein Geschäftsmodell. Firmen wie Asylum “passiert” Trash nicht aus Versehen oder bedauerlicherweise, er ist Methode. Um wieder ein krummes Bild zu bedienen: Ich habe keinen Spaß daran, wenn mir jemand zuruft “Schau mal her – voll lustig!”, dann absichtlich auf die Bananenschale tritt und sich zu Boden wirft. Aber so funktioniert Asylum.

Aus diesem Grund halte ich auch “Sharknado” nicht für Trash. Er will Trash sein, und das ist Verrat am Prinzip. Und wie “kult” kann ein Film sein, über den BILD, FAZ und Focus ausführlich berichten?

Versteht mich nicht falsch: Ich will mir keine extremen Erfahrungen suchen, um das Label “Nerd” wieder zu reklamieren. Ich will weder “Human Centipede 2” sehen noch “Fantom Kiler” oder “Morituris“, um mir den Mitgliedsausweis im Nerdclub zu verdienen. Es ging mir nie um Exzesse, um Tabubruch oder Fetisch. Ich wollte einfach ein Genre-Fan sein – und damit ein bisschen was besonderes.

Nerd – das war mal ein Abgrenzungsmerkmal. Das war deren Mauer gegen uns und unser Schild gegen sie. Für sie war der Begriff Beleidigung, für uns Orden. Man hat uns den Orden genommen, in Plastik millionenfach nachgepresst und an jeder Straßenecke verschenkt. Weil jeder ihn trägt, muss man heute sehr genau hinschauen, ob es Spielzeug ist – oder ein Original.

Ich möchte heute nicht mehr 15 und ein Nerd sein. Wie langweilig.

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15
Februar 2015

Das wird jetzt ein wenig wehtun…

Der Exodus hat begonnen:

bookhillDer erste Berg aus meinem Arbeitszimmer – an den Dachboden darf ich gar nicht denken…

 

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14
Februar 2015

Ordnung vs. Chaos: Zahlenmagie

Heute habe ich mal wieder meine Akten durchforstet. Es ist faszinierend – wenn man entschlossen ist, jede weitere Entschlackung positiv zu sehen, wird es eine vergnügliche Herausforderung. So habe ich bei allen meinen Autorenverträgen (mittlerweile zwei dicke Ordner) das Kleingedruckte und die Anhänge entfernt. Schon ist es nur noch ein Ordner.

Aber die Fähigkeit, das Volumen zu reduzieren, hat Grenzen. Besonders schlimm wird das bei den nächsten großen Aufgaben: Zeitschriften, Bücher und DVDs. Da sind nämlich keine “unnötig” oder “abgelaufen” oder “redundant”. Ich kann 20 Jahrgänge “Titanic” ebenso wenig einscannen wie den Prachtschuber “The complete Calvin & Hobbes”.

Ähnlich sieht es mit alten Briefen oder Fotos aus – die kann man zwar digitalisieren, aber die Originale haben ja durchaus einen Wert “an und für sich”. Was unterliegt dem Schutz berechtigter Nostalgie, was muss als Ballast weichen?

Ich habe dazu in den letzten Wochen eine Theorie entwickelt, die es mir ermöglichen könnte, die Sache radikal anders anzugehen. Eine Theorie, die vielleicht schon in Selbsthilfe-Büchern zum Thema postuliert wurde, was mir aber entgangen ist, weil ich solche Bücher nicht lese. Die ich euch erklären und mit euch diskutieren will.

Inspiriert haben mich zu dieser Technik die vielen Filmszenen, in denen Flüchtlinge und Auswanderer mit nur einem Koffer reisen. In dem sieht man dann gerne ein gutes gestärktes Hemd, ein Foto von der Familie oder der Geliebten, eine Bibel, einen alten Baseball und das Rasierzeug.

Was wäre, wenn ich nur einen Koffer hätte – zugegebenermaßen aber einen recht großen? Oder wenn mein Besitz in toto in einen 3,5 Tonner passen müsste?

Die Theorie lautet demnach: Man reduziert seinen Besitz nicht auf das notwendige Maß, weil das “notwendige Maß” ein undefinierter und vielleicht undefinierbarer Begriff ist, der von der Sentimentalität in Geiselhaft genommen wird, wann immer man sich ans Regal stellt, um auszusortieren.

Stattdessen definiert man vorab das erwünschte, notwendige, am Ende zu erreichende Ziel. Man orientiert sich nicht an dem, was man hat, sondern an dem, was man haben will.

Etwa so:

  • 500 Bücher
  • 100 DVDs
  • 100 Familienfotos

Man stellt sich also nicht an den Schrank und sortiert erstmal die DVDs aus, die man entsorgen kann – man sucht die DVDs, auf die man nicht verzichten will. Da die erlaubte Menge streng begrenzt ist, führt das automatisch zu einer sehr kritischen Beurteilung und einer Art “Death match” der einzelnen Scheiben. Workprint-Steelbox von “Punisher” oder doch lieber Box-Set von “Buck Rogers”? “Kalkofes Mattscheibe” oder “Nonstop Nonsens”? “Sin Reaper” oder “Sharknado”?

Bei 100 ist Schluss – der Kampf wird hart.

Bei Büchern kommen natürlich erstmal die ins Töpfchen, die ich ein Dutzend mal gelesen habe. Oder? Lese ich die vielleicht genau deshalb nie wieder? Wäre es nicht besser, wenn ich mich auf Bücher konzentriere, die zu meinem Leben etwas beitragen können, gerade weil ich sie noch nicht gelesen habe? Welches “Standardwerk” muss ich wirklich haben, was ist längst durchs Internet überflüssig geworden? Brauche ich von einem Freund, der pro Jahr ein Buch schreibt, von jedem ein signiertes Exemplar? Reicht nicht eins pro Autorenkollege, um Solidarität zu signalisieren?

500 ist die Grenze – keine Gnade.

Mit den Familienfotos ist es nicht anders. Ich habe meine Oma geliebt – aber zum Gedenken an sie brauche ich eigentlich nur ein Foto. Es reicht, wenn ich vom Setbesuch von “Ice Planet” ein paar anständige Scans mache – der Rest der Bilder kann in den Schredder.

100 heißt die magische Zahl – auch wenn es weh tut.

Die relativ willkürliche Festlegung auf ein Endziel zwingt zur Konzentration auf das ganz persönliche “Best of”, auf die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschmack und der eigenen Geschichte. Am Ende bleibt nur übrig, was mich definiert, repräsentiert – in einer genau überschaubaren Menge.

Es wird weh tun, alles “100+” oder “500+” dann zu entsorgen. Immer wieder wird man denken, dass so ein tolles Buch oder so ein toller Film bleiben könnte, wenn man die willkürliche Grenze auf 120 oder 550 festgelegt hätte. Könnte man ja auch nachträglich noch. Aber das ist eine Falle, in die man nicht tappen darf.

Trotzdem glaube ich, dass dieser “top to bottom approach” leichter und vernünftiger ist als der “bottom to top” approach, bei dem man mit dem Bodensatz anfängt und in der schnöden Masse wühlt, was weg kann.

Die Zahlen oben sind übrigens noch Stellvertreter, bzw. Platzhalter – ich habe mich noch nicht festgelegt, wie viele Bücher und DVDs ich mir am Ende zugestehe. Ich habe auch noch nicht endgültig entschieden, ob ich Familienfotos nach diesem Maßstab sortiere. Die nehmen sowieso nur eine Schuhkiste voll Platz weg, vielleicht wäre das übertrieben.

Die Zeitschriften lassen sich nach dieser Technik gar nicht sortieren – weil hier komplette Sammlungen im Regal stehen, die nur so Sinn ergeben. Entweder sortiere ich einen Titel komplett aus oder gar nicht.

Man kann diese Methode auch bei Kleidung prima einsetzen. Legt man klar fest, dass man als erwachsener Mann nicht mehr als 14 Unterhosen, 8 Hosen, 12 Hemden, 3 Pullover, 10 Paar Socken, 2 Anzüge und 5 Jacken für verschiedene Witterungsverhältnisse braucht, räumt sich der Schrank viel leichter auf. Kommt ein Hemd dazu, muss ein altes weg.

So ein Ansatz bedeutet “tough love”. Es wird Tränen geben. Aber wenn man in 20 Jahren derart viel Kram angesammelt hat, wird es irgendwann zur Notwehr. Traditionelle Formen der Eigentumsfilterung greifen da nicht mehr. Und ich finde den Gedanken reizvoll, ein Mann mit genau 500 Büchern zu sein.

Wie seht ihr das? Interessante Theorie oder Krücke für Entscheidungskrüppel? Kann man, darf man seine Hobbys und seine Sammlungen mit einer willkürlichen Obergrenze kastrieren oder wäre das wie “Zwei Engel für Charlie”?

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13
Februar 2015

Hör mal, der Hörsaal: Wortvogel bei der “Lateline”

Gestern Abend wurde ich mal wieder interviewt – warum eigentlich immer nur Radio, ich finde mich auch ganz furchtbar fernsehtauglich! Die Jugendwellen des ARD-Hörfunks mit der “Lateline” wollten über “Dinge, die in den Medien nerven” sprechen. Kein sehr präzises Thema, vielleicht kam die Diskussion deshalb auch nicht richtig in Schwung.

Groß angekündigt habe ich die Veranstaltung nicht, weil ich wusste, dass es einen MP3-Podcast geben würde, über den ich euch meinen Teil zugänglich machen kann. Und hier ist er auch schon – 23 Minuten Hypothesen und Hirnriss ungefiltert aus der Birne durch die Kauleiste in den Äther:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

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12
Februar 2015

Reisen & Reportagen: Die Unentbehrlichen

Meiner Masterliste zufolge habe ich im Jahr 2014 über 50 Reportagen für die “Liebes Land” gemacht. Ich verwende das unschöne Hilfsverb “machen”, weil “schreiben” es nicht trifft. Viele der Reportagen sind noch nicht geschrieben, sondern “auf Halde”. Es sind Vorproduktionen. Das ist wichtig, denn wenn ich mit meinem Fotografen z.B. im Schnee einen Hundeschlitten-Kurs besuche, ist es für das aktuelle Heft längst zu spät – wir arbeiten bereits an der Ausgabe, die dem Frühling huldigt. Liegen pralle Kürbisse auf dem Feld, ist die Oktober-Nummer schon in der Druckerei. Bei allen Themen, die an einen Monat oder eine Jahreszeit gebunden sind, wird also vorproduziert. Das ist auch kein Problem – solange niemand aus der Produktion zwischenzeitlich wegstirbt, die Ehen nicht zerbrechen oder der Betrieb pleite geht.

Milchbäuerin

(Copyright Liebes Land 2014. Fotos: Peter Raider)

Ich hatte vor ein paar Monaten den Fall, dass ich eine junge Frau fragte, ob die bezaubernde Vierjährige ihr einziges Kind sei. Strahlend antwortete sie “Noch!” und streichelte sich dabei über den Bauch. Sie hatte gerade in dieser Woche vom Arzt erfahren, dass Kind 2 unterwegs war. In der Reportage, die erst ein Jahr später ins Heft gelangte, schrieb ich dann natürlich von ihren zwei Kindern, auch wenn das nicht ganz korrekt ist.

Weil mein Fotograf gerne eine Wagenladung Ausrüstung mit dabei hat, habe ich es mir mittlerweile abgewöhnt, zu Reportagen zu fliegen. Wir nehmen einen Wagen – gerne vom Verlag, oft genug aber auch von Sixt oder Hertz. Das bedeutet mitunter sieben, acht Stunden Fahrt, teilweise von München nach Rügen und am nächsten Tag wieder zurück. Dabei muss man sich gut verstehen, muss Gesprächsthemen haben und ausreichend Sitzfleisch.

Kastanien

(Copyright Liebes Land 2014. Foto: Stephanie Schweigert)

Auf dem Weg ins Erzgebirge kamen wir neulich darauf zu sprechen, wie sich Reportagen verändert haben, seit ich dabei bin. Immerhin reise ich seit 25 Jahren für Verlage durch die Republik. Und ja – 1990 war das eine ganz andere Hausnummer als 2015.

Keine Frage: Eine aufwändige Reportage mit Bild, Text und Recherche ist heutzutage erheblich einfacher und schneller zu stemmen als damals. Die Gründe dafür sind technischer Natur und lassen sich in vier Worte fassen: Navi, Handy, Digitalkamera und Wikipedia.

Fangen wir mit dem Navi an. Es ist deshalb so unersetzlich, weil es naturgemäß in Gegenden geht, in denen wir nie zuvor gewesen sind (an dieser Stelle bitte das “Star Trek”-Titelthema summen). Es geht in die Provinz, aufs Land – und oft genug haben unsere Reportagepartner sich abseits der Gemeinschaft ihr eigenes Reich erschaffen. Da würden auch Straßenatlas oder schriftliche Wegbeschreibung nur mangelhaft weiterhelfen.

Das Navi erlaubt uns, die Ziele fast blind anzusteuern, manchmal mehrere Reportagen “in Reihe” zu produzieren, ohne den Stress der Reiseplanung. Das kommt uns besonders bei den “Meine Heimat”-Strecken zugute, bei denen wir manchmal acht Locations an einem Tag bedienen. Ohne ein Navi mit aktuellem Kartenmaterial wären wir da verloren.

Natürlich kommt es vor, dass wir trotzdem mal hängen bleiben – in Sebnitz z.B. war die Durchfahrt des Ortes wegen einer Großbaustelle gesperrt, der Zugang zum “Haus der Kunstblume” unbefahrbar. Da fragt man sich dann doch wieder durch und besticht ein paar Bauarbeiter, die Sperrung zu öffnen, weil sich das Equipment nur schwer über 500 Meter schleppen lässt.

Trotzdem macht das Navi die Reportagen geräuschloser und stressfreier. Hätte man mir davon 1990 erzählt – ich hätte drum gebettelt.

Das Handy ist dem Navi in seiner Notwendigkeit verwandt. Eine perfekt geplante Reportage ohne Zwischenfälle braucht eigentlich kein Handy. Aber es gibt keine perfekt geplante Reportage ohne Zwischenfälle. Irgendwas geht immer schief – jemand ist nicht zu Hause, wir stecken im Stau, schlechtes Wetter bedingt eine Planänderung. Flexibilität ist oberstes Gebot – und das Handy ihr Werkzeug.

Auch hier sind die “Meine Heimat”-Strecken der Goldstandard: An einem Tag müssen oft ein Dutzend Personen auf fünf Minuten genau an einem Dutzend Orte auf uns warten. Das kann man nicht verlangen, das muss man vorsichtig koordinieren. Und wenn bei der ersten Location schon überzogen wird, müssen ad hoc alle weiteren Mitspieler neu instruiert werden. Das ist auch der Grund, warum ich auf dem Handy immer meine Masterliste mit allen Adressen, Telefonnummern und Ansprechpartnern bereit halte.

Es gibt Situationen, da geht vor Ort gar nichts mehr, da ist die Location scheiße oder der Reportagepartner unleidig, da regnet es in Strömen, wenn wir auf der Wiese Torten fotografieren wollen. Das Handy ist dann die “lifeline” zur Chefredaktion, der ich Vorschläge machen kann, was nun zu tun ist – die aber die letzte Entscheidung selber treffen muss.

Larven

(Copyright Liebes Land 2014. Foto: Johannes Geyer)

Vor Ort schlägt die Stunde der Digitalkamera. Bis weit ins neue Jahrtausend haben Fotografen noch auf analogen Film gesetzt. Das bedeutete, dass man in der Menge der Fotos beschränkt war, wenig experimentieren konnte, mit Licht und Stimmung erheblich vorsichtiger arbeiten musste. Wo früher 100 bis 150 Bilder gemacht wurden, entstehen heute locker 400 bis 600 am Tag. Sind die notwendigerweise besser? Ich würde sagen ja, aber selbst wenn man diese Ansicht nicht teilt, hat man bei mehr Bildern einfach auch mehr Auswahl. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person auf dem Bild gerade beim Druck auf den Auslöser die Augen zu hatte, minimiert sich – auch weil man das Bild sofort auf dem Display prüfen kann. Trotz der höheren Ausbeute verringert sich die Menge des Ausschusses.

Digitalkameras erlauben mir als Redakteur vor Ort, genauer zu verstehen, was der Fotograf einfängt – und gegebenenfalls Wünsche und Kritik zu äußern. Thema und Umsetzung können einander besser angepasst werden. Es gibt durchaus Fälle, da sagt der Mann am Auslöser, dass sich ein Motiv in der von mir gewünschten Weise nicht ablichten lässt. Früher hätte ich das hinnehmen müssen. Heute kann ich insistieren “Mach’ bitte die Aufnahme – zu meiner Beruhigung”. Und manchmal geht es doch.

Krippen

(Copyright Liebes Land 2014. Foto: Johannes Geyer)

Auch die Kamera meines Handys kommt zum Einsatz: Mit ihr fotografiere ich Orts- und Hinweisschilder, Texttafeln, Prospekte und Inschriften. Alles, was ich inhaltlich brauchen kann, aber nicht im Bild verwenden werde. Die Kamera ist der Zeuge mit dem perfekten fotografischen Gedächtnis.

Der große Vorteil von Digitalaufnahmen liegt auch in der Postproduktion. Früher hatte ich keine Ahnung, ob die Bilder was geworden sind, bis ich drei oder vier Tage später per Kurier Negative oder Dia-Sätze auf den Schreibtisch bekam, die ich mir mühsam mit einer Lupe am Leuchttisch ansehen musste.

Heute sehe ich die Bilder das erste Mal auf dem Display während der Produktion (bei vielen Fotografen mittlerweile auch auf dem Tablet, das mit der Kamera per Wlan oder Bluetooth verbunden ist). Oft kann ich abends im Hotelzimmer, wenn wir mehrere Tage unterwegs sind, schon einen Blick auf die unbearbeitete Masse der Fotos werfen. Dann weiß ich, was Sache ist. Zwei Tage später liegen die Vorschauen (also eine sortierte, aber in der Bildgröße reduzierte Auswahl) in der Dropbox. Damit kann ich das Layout planen und vom Grafiker erstellen lassen. Im Hintergrund werden währenddessen die Feindaten auf den Server des Verlages geladen oder per DVD geschickt.

Während früher zwischen Reportage und Layout locker eine Woche lag, kann ich heutzutage einen Artikel auch mal in 48 Stunden von der Location bis zum Lektorat prügeln.

Diese Vorgehensweise bedeutet aber nicht nur, dass ich bessere Bilder in größerer Auswahl schneller in die Produktion der Strecke schieben kann – es bedeutet auch, dass ich völlig unabhängig arbeiten kann. Die Bilder lassen sich von der Wohnung in Speyer genau so gut sichten wie im Hotel in Berlin während des Fantasy Filmfest. Meine Arbeit ist immer da, wo ich bin (bzw. mein Macbook). Der Verzicht auf physische Varianten macht frei.

Einödhof

(Copyright Liebes Land 2014. Foto: Bodo Mertoglu)

Und schließlich Wikipedia. Da schreien einige gleich “Ha! Recherchefaulheit!”. Dem ist mitnichten so. Natürlich ist Wikipedia eine großartige Sammlung an Daten und Fakten, die man dringend braucht, wenn man heute über Kopfweiden, morgen über Schäferhunde und übermorgen über den Schinderhannes schreibt. Aber das ist gar nicht der primäre Vorteil. Früher hatten die Verlage ja auch Archive und irgendwo im Viertel gab es immer eine Stadtbücherei.

Die Wikipedia nimmt mir dort Arbeit ab, wo ich sie nicht mal benutze – unterwegs. Klingt komisch, ist aber so. Weil: Ich reise nicht mehr durch das Land, um Fakten und Daten zu sammeln. Ich brauche nur Menschen, ihre Lebensweise, ihre Eigenheiten, ihre Marotten und Zitate. Das ist der Fokus meiner Reportagen – den ganzen faktischen Rest kann ich in der Wikipedia nachschlagen. Das macht vor Ort den Kopf frei. Wann immer ein Reportagepartner zu einem “Gegründet wurde die Stadt…” ansetzt, winke ich freundlich ab und sage: “Schlage ich nach, kein Problem. Erzählen Sie mir doch lieber etwas von sich”. Aus dem hektischen Niederkritzeln von Details wird freundliche Plauderei, der Eindruck wird wichtiger als Jahreszahlen und Materialien.

Strohutmacher

(Copyright Liebes Land 2014. Foto: Johannes Geyer)

So sind Navi, Handy, Digitalkamera und Wikipedia im Laufe der letzten zehn Jahre schleichend zu unentbehrlichen Werkzeugen geworden, die in Kombination jede Reportage für Laien vielleicht unvorstellbar vereinfachen.

Natürlich hat die Sache eine Schattenseite. Alles hat eine Schattenseite. In diesem Fall lautet die Schattenseite: Früher konnte man an einem Tag keine aufwändige Reportage von acht Seiten inklusive An- und Abreise stemmen – und darum hat das auch niemand verlangt. Die Redaktion räumte für solche Touren mehr Zeit ein, vom Autor wurde nicht erwartet, dass er 30 bis 40 Seiten im Monat liefert, sondern nur acht oder zehn. Die Freiräume und zeitlichen Puffer, die durch die modernen Werkzeuge geschaffen werden, frisst der Redaktionsalltag auf. Man hat am Ende nicht mehr Zeit, sondern mehr Aufgaben. Die eingangs erwähnten 50 Reportagen in einem Jahr wären 1995 schlicht nicht möglich gewesen.

Auch am Ende der Produktionsstrecke geben sich Engel und Teufel der Modernisierung die Hand: Klar ist es geil, dass ich Layout-Vorschläge machen kann und dann eine InDesign-Datei bekomme, die ich wortgenau vollschreiben kann. Dadurch wird der Text EXAKT so, wie ich ihn haben will, nichts wird gekürzt, nichts wird eingeschoben. Ich sehe auf den ersten Blick, ob meine Reportage an den richtigen Stellen neben den richtigen Fotos steht, ich kann für die Korrektheit der Bildunterschriften bürgen und meine Autorenzeile prüfen. Das spart Aufwand und Arbeit – nur: früher was das ja auch nicht MEIN Aufwand und MEINE Arbeit. Das machte der Setzer. Der ist mittlerweile wegrationalisiert.

So hat alles seine guten und schlechten Facetten. Trotzdem möchte ich unter dem Strich nicht mehr nach der “alten Methode” arbeiten. Weil die moderne Technik eben doch nicht nur beschleunigt, sondern auch beruhigt. Sie gibt mir mehr Kontrolle, mehr Entscheidungshoheit – und die Zeit, vor Ort mit den Leuten noch ein Stück Kuchen zu essen, statt die Zutaten von Marmeladengläsern abschreiben zu müssen.

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10
Februar 2015

Die nackten Fakten über Akten

Auch wenn familiäre Verpflichtungen mich bisher abgehalten haben, den Wortvogel-Flohmarkt zu eröffnen, so bin ich doch nicht faul gewesen, was die Entschlackung meines Teils des Haushalts angeht. Das hatte auch ganz praktikable Gründe: Wegen einer kompletten Umfinanzierung meines Immobilien-Parks musste ich eine geradezu irrwitzige Menge an Plänen, Formularen, Fotos, Nachweisen, Auszügen und Berechnungen beibringen, was den Wunsch verstärkte, so etwas künftig mit weniger Stress griffbereit zu haben. Analog wie digital.

Das Fundament hatte ich über Jahre, in denen ich meine Akten wieder und wieder sortiert habe, bereits gelegt – alles, was mein Leben und meine Interdependenzen mit Behörden, Banken und Versicherungen protokolliert, findet sich in fünf robusten Ordnern:

Akten

Dazu gibt es noch zwei Ordner mit Unterlagen auf dem Dachboden, die ich zwar nicht mehr brauche, aber auch nicht wegwerfen möchte – alte Verträge, Arbeitsnachweise, Briefwechsel mit der Polizei und Kaufbelege von Artwork.

Die Ordner sind zwar eine prima Sache, wurden mittlerweile aber etwas schwer und unhandlich. Also sortierte ich alles aus, was Anschreiben, Kleingedrucktes und Infobrief war. Der Rest wurde neu sortiert und ordentlich eingescannt als “Schattenordner” auf die Festplatte gebannt.

Das war mir aber immer noch nicht genug. Ich rief alle Versicherungen und Banken an, um nachzufragen, WAS ich von den ganzen Überschussbelegen und Versicherungsschein-Nachträgen überhaupt für Steuer und Notfall bereit halten müsse. Die Antwort war erfreulich: Original-Abschluss und immer nur den aktuellsten Auszug, hieß es.

Nochmal locker 200 Seiten wurden damit zu Altpapier verurteilt.

Insgesamt habe ich heute Vormittag meinen Aktenstand um ca. 1000 Seiten und damit um zwei Drittel verschlankt, ohne ihn in seiner Aussagekraft oder Funktionsfähigkeit einzuschränken.

Allerdings kann man solche Papierstapel nicht einfach in die Altpapier-Tonne werfen. Da steht ja wirklich alles drin, von Kontonummern über die Eckdaten meiner Lebensversicherung bis zu Steuerbescheiden und Geheimnummern meiner Kreditkarten.

Wäre unser Kamin aktuell funktionstüchtig, hätte ich das Zeug verfeuert. Ging aber nicht. Der Schredder eines Bekannten, ein erfreulich semi-professionelles Gerät mit großem Hunger bei kleiner Lautstärke, häckselte das verräterische Schriftgut schnell und gründlich. Ich weiß zwar, wie Physik funktioniert und dass Schnipsel mehr Volumen haben als Stapel, aber es hat mich schon überrascht, dass die eine große Schublade Altpapier am Ende sechs große Säcke Zellulose-Lametta ergab:

Papier

Meine Order sind nun wieder rank und schlank, die enthaltenen Papiere weitgehend gescannt, Recht und Ordnung wieder hergestellt. Es nimmt tatsächlich den Druck und macht auch ein wenig stolz. Ich merke immer wieder, dass Unordnung mitnichten Arbeit spart. Je größer das Chaos, desto größer die Arbeit – und wenn man ein praktikables System zur Ablage besitzt, zahlt sich das schnell aus. Ich wünschte, ich hätte das in den 90ern schon verinnerlicht – ich hätte Tausende traditioneller D-Marken gespart.

Vor allem aber: Jetzt kann mir keiner was nachweisen. MWAHAHAAAA!!!

Einmal hat sich bei der Häckselei der Schredder verschluckt – und was ich aus den Zähnen zog, ist ein schönes Beispiel dafür, dass man Schreiben der Bank nicht ungelesen abheften sollte:

cc

Eine Kreditkarte. Nie gesehen. Nie genutzt. 2012 erst abgelaufen.

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9
Februar 2015

Cineastische Vorstrafen: Abkürzung als Umweg

Zu den Sachen, für dich Facebook liebe, gehört die Tatsache, dass es Menschen wieder in mein Blickfeld schiebt, die ich lange vergessen oder verschollen wähnte. Das kann ein ehemaliger Crush sein, ein Klassenkamerad, oder einfach ein Kumpel aus Zeiten, als Kumpel zu haben furchtbar wichtig war.

Im Fall von Olaf (für’s Protokoll: Kumpel, kein Crush) ist das doppelt erfreulich, weil er quasi als Facebook-Gastgeschenk etwas mitbrachte – den Link zum ersten Film, an dem ich je beteiligt war.

Genau genommen ist es nicht der erste Film. Schon als ich 14 war, wollte ich mit ein paar Freunden “John Sinclair” verfilmen. Wir drehten auf Super 8 auch ein paar Monster-Testaufnahmen (Ghouls mit Schampoo über dem Gesicht für Schleimigkeit, Mumien mit per Uhu geklebten Hautfalten). Und ein oder zwei Jahre später startete ich mit Klassenkameraden den Versuch, im Rahmen eines Schulprojekts den SF-Actionthriller “Mission ASZERA” zu drehen. Auf Schwarzweiß-Video. Ich glaube, zwei Drehtage haben wir geschafft.

In der Kollegschule gab es dann Ende der 80er eine Film-AG, geleitet vom Regisseur Jürgen Kuhfuß. Von ihm habe ich wirklich viel gelernt, was Dramaturgie angeht, Filmsprache, erzählerische Notwendigkeiten. Manchmal verbrachten wir zwei Stunden damit, Filme wie “Wolfen” zu schauen und den Schnitt zu analysieren. Dann machten wir uns daran, gemeinsam eigene Kurzfilme zu entwickeln, zu drehen und zu schneiden.

Nun muss man einschränkend sagen, dass jeder in der AG mitmachen konnte. Man hatte sich also nicht “freiwillig” als Team gefunden. Und weil es eine an die Gesamtschule angeschlossene Kollegschule war, musste jeder das gleiche Recht haben, seine Ideen durchzusetzen. Das ist zwar demokratisch, dem kreativen Prozess aber nicht gerade förderlich.

Irgendwie einigten wir uns darauf, eine “urban legend” zu verfilmen. Auf 16 Millimeter, schwarzweiß, nachvertont. Meine primäre Aufgabe bestand darin, ein paar Ideen für Schnitt und Dramaturgie zu liefern, die dann in Storyboards umgesetzt wurden. Die Generation von iMovie und YouTube wird es sich kaum vorstellen können, aber geschnitten wurde “Abk.” (wir fanden es rasend cool, das Wort “Abkürzung” selbst abzukürzen) an einem echten Schneidetisch mit Klingen und Tesafilm. Was heute am Notebook eine halbe Stunde dauern würde, beanspruchte damals Nachmittage.

Olaf lieferte seinerzeit den Soundtrack – er hat auch mehr Details:

Dieser Kurzfilm wurde zwischen 1987 und 1988 von der Filmgruppe des “Lernort Studio” der Kollegschule Kikweg (heute Lore-Lorentz-Schule) in Düsseldorf konzipiert und realisiert. Gedreht wurde er mit einer älteren 16mm Arriflex Handkamera in schwarz/weiß und ohne Ton – Die Nachvertonung erfolgte erst später nach dem Bildschnitt.

Die am Film beteiligten Schüler erhielten VHS-Kopien. Ich habe meine Videokassette 2004 digitalisiert und dabei gleich noch einen alten Fehler korrigiert, da Bild und Ton gegen Ende des Films deutlich asynchron waren.

Die Geschichte, die erzählt wird, basiert etwas abgewandelt auf folgender “urban legend”: Jemand fährt nachts durch eine einsame Gegend und sieht den leblosen Körper eines Kindes auf der Straße liegen. Als er aussteigt, um zu helfen, sieht er, dass es nur eine Puppe ist. Ihm wird die Sache unheimlich und er läuft zum Auto zurück, schlägt die Fahrertür zu und braust davon… Als er später aussteigt, bemerkt er Blutspuren an der Autotür und findet vier abgeschlagene Finger in seinem Fahrzeug.

“Abk.” ist keine große Filmkunst, aber wer ein wenig genauer hinschaut, wird erkennen, dass wir damals mit sehr viel Leidenschaft und vollem Einsatz bei der Sache waren. Der Film wurde lediglich einmal öffentlich aufgeführt -1988 in der Düsseldorfer Zentralbibliothek. am Bertha-von-Suttner-Platz.

Und nun ohne weiteres Rumgerede – mein erster Abspann-Credit:

YouTube Preview Image

Keine große Kunst, ich weiß – aber was ist schon Kunst?

Wir begannen danach noch einen Werwolf/Comedy-Kurzfilm, aber ich meine mich zu erinnern, dass der nie fertig gestellt wurde.

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7
Februar 2015

Kurz nachgehakt

Ich will nur sicherstellen, dass niemand unglücklich bleibt – 23 der 24 Geschenke aus dem Wortvogle-Adventskalender sollten ihre Besitzer erreicht haben (die DVD mit meinem Booklet ist ja noch nicht raus). Überprüfen kann ich das allerdings nur sehr schwer.

Darum, wie man bei uns so sagt: Noch irgendwer ohne Fahrschein?

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