27
April 2015

Begeisterung unerwünscht

k1Ich hatte gar nicht vor, darüber zu schreiben. Besser gesagt: Ich wollte ganz anders darüber schreiben, wenn überhaupt. Aber dieser Artikel, auf den BILDblog heute verwiesen hat, motiviert mich, das Thema “fotografieren im öffentlichen Raum” doch mal mit einer ganz persönlichen Anekdote anzugehen.

Wie ihr wisst, bin ich bei meiner Arbeit für die “Liebes Land” permanent mit dem Thema Bildrechte konfrontiert. Wer bei uns vor die Linse kommt, muss einen Vertrag unterschreiben, mit dem er sich einverstanden erklärt, dass wir die Bilder auch verwenden. Sicherheit für beide Seiten – niemand muss mitmachen, aber es kann auch hinterher niemand behaupten, er hätte das gar nicht gewollt. Einen Stapel “Model Releases” und einen Kuli habe ich deshalb immer dabei, zusammen mit der Bemerkung “Unterschreiben Sie hier – dann kommt nächste Woche die Waschmaschine”.

Es gibt Ausnahmen: Wenn die Gesichter von Personen nicht zu erkennen sind (Wanderer, die in der Ferne mit dem Rücken zur Kamera gehen) oder wenn es sich um eine Person Öffentlichen Interesses handelt. Das kann z.B. eine Weinkönigin sein. Da braucht es keinen Release.

Gebäude, Straßen, etc. dürfen wir fotografieren. Zumindest, solange wir uns nicht auf privatem Grund bewegen. Sofern möglich, holen wir trotzdem die Genehmigung ein. Unsere Höflichkeit wird praktisch immer mit Zustimmung honoriert.

Ich bin mit dem Thema also vertraut. Um so mehr wundert es mich, dass ich ausgerechnet wegen dreier Handy-Fotos für dieses Blog kräftig Stress bekam.

Vor 10 Tagen war ich für ein Wochenende im Grand Hotel Heiligendamm. Presse-Termin. Luxus. Strand. Geil. Egal. Beim Rückflug von Hamburg nach Baden Baden habe ich noch etwas Zeit am Flughafen, was mir sehr recht ist – findet man dort doch den besten Zeitschriftenladen der Republik (siehe Bild oben). Eigentlich nicht mal ein Laden, sondern eine nach außen offene Fläche von Regalen.

Was dieses Geschäft von vielen anderen in Hauptbahnhöfen und Flughäfen unterscheidet? Ganz einfach – die sind grandios gut sortiert:

k2Ich kenne keinen Händler, der GEO, GEO Epoche, SPIEGEL Geschichte und andere Sonderbände so lange und so komplett vorrätig hält. Wer sich als Flugreisender nicht mit den üblichen Gratis-Ausgaben von WELT kompakt und Focus Money über Wasser halten will, ist hier genau richtig.

Nicht weniger gut sortiert (im wahrsten Sinne des Wortes) ist man in Sachen ausländische Presse und Comics:

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Und so komme ich auf die Idee, euch diesen tollen Laden mal vorzustellen. Falls ihr in der Gegend seit. Ich zücke mein Handy und mache die drei hier vorgestellten Fotos.

Gerade als ich die Sektion “ausländische Presse” fotografieren will, höre ich eine scharfe, unversöhnliche Stimme: “Was machen Sie da?”

Ich drehe mich um. Eine Dame hinter dem Kassentresen schaut mich böse an. Weil sich ihre Frage eigentlich selbst beantwortet, wartet sie nicht auf eine Reaktion von mir: “Sie dürfen hier drin keine Fotos machen!”

Abgesehen davon, dass ich gerne höflich angesprochen und nicht ganz so gerne angepampt werde. Abgesehen davon, dass es sich um eine offene Verkaufsfläche handelt, die kein “hier drin” besitzt. Abgesehen davon, dass ich die Fotos von der Verkehrsfläche des Flughafens aus mache, über die niemand außer Mitarbeitern des Flughafen-Betreibers Hoheit besitzt. Abgesehen davon, dass ich nicht im Weg stehe und darauf achte, auf den Bildern keine Personen abzulichten.

Abgesehen davon möchte ich gerne wissen, woher sie diese Vorschrift hat. Darum frage ich durchaus höflich: “Wo steht das?”. Ich setze darauf, dass viele Menschen unachtsam mit Waffen drohen, die sie nicht in ihrem Arsenal haben. Und tatsächlich ist sie mit ihrer Weisheit jetzt schon am Ende, denn sie stammelt: “Das ist nicht erlaubt.”

Das ist eine Wiederholung, keine Erklärung. Um keine Eskalation zu betreiben, bleibe ich freundlich, wo ich einfach hämisch lachen könnte: “Können Sie mir sagen, woher Sie die Information haben, dass das verboten ist?”. Kann sie erwartungsgemäß nicht, aber sie hat einen Tipp: “Rufen Sie doch in unserer Zentrale an. Die sitzen in…”

Ich unterbreche sie freundlich, aber bestimmt: “Ich werde ganz bestimmt nicht Ihre Zentrale anrufen, um heraus zu finden, ob Sie mir irgend etwas verbieten dürfen. Sie stellen die Forderung, dann sollten Sie sie auch belegen können.”

Längst möchte ich gehen – das ist mir zu dumm und ich verliere gerade jede Lust, den Laden mit lobenden Worten meinen Lesern zu empfehlen. Andererseits bin ich neugierig, wie das hier weiter läuft. Die Kassiererin versucht es nun mit einem ganz neuen Ansatz: “Löschen Sie die Bilder auf Ihrem Handy.”

Aber hallo! Das empfinde ich als Provokation. Der Kollege, der gleich neben ihr steht, wendet ich ab. Er will mit der Sache sichtlich nichts zu tun haben.

Ich seufze, trete noch etwas näher an den Tresen, stütze meine beiden Hände auf die Glasplatte und sehe der Dame sehr bewusst in die Augen: “Ich werde die Fotos natürlich nicht löschen. Und nun?”

Sie ist weit, weit aus ihrer Komfortzone, am sprichwörtlichen Fenster, aus dem sie sich gelehnt hat, hängt sie nur noch an einem glücklichen Schnürsenkel. Unter ihr der Abgrund eines Streitgesprächs, das sie nicht mehr gewinnen kann: “Unsere Zentrale in…”

“Ist mir egal. Möchten Sie Ihre Zentrale anrufen?”

Sie hätte vermutlich lieber einen Telefon-Joker. Oder wenigstens eine romulanische Tarnvorrichtung. Sie befindet sich in der unangenehmen Situation, etwas verlangt zu haben, was sie weder verlangen noch durchsetzen kann. Sie ist im klassischen Sinne des Wortes ohnmächtig und weiß nicht mehr, was sie noch sagen soll.

“Und nun?” wiederhole ich mich. Sie dreht sich weg und knurrt in einer völligen Verdrehung der Ereignisse “Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe”.

Ich tue ihr den Gefallen. Mein Flieger wartet.

Ein winziger Teil von mir hätte die Konfrontation (und diesen Beitrag) spannender gefunden, wenn die Frau tatsächlich so eine Art Hausordnung aus dem Tresen hätte ziehen können, in der Aufnahmen der Ladenfläche untersagt werden. Dann hätte ich was gelernt. So bleibt nur der unschöne Konflikt ohne Resolution, ohne Gewinner. Negative Energie.

Bevor sich jemand über meine Unverschämtheit beschwert: Hätte die Frau mich freundlich angesprochen, hätte sie “Wir möchten nicht” statt “Sie dürfen nicht” gesagt, hätte sie mich gebeten statt angeschnauzt, ich hätte die Bilder gelöscht und die Begegnung schnell vergessen. Aber ich bin der Wald, in den hineingerufen wurde.

Nun kann der Laden nix dafür, dass eine Mitarbeiterin ihre Kenntnisse und Kompetenzen überschätzt. Darum lege ich ihn euch trotzdem ans Herz, wenn ihr im Hamburger Flughafen auf der Suche nach Printprodukten seid. Und wenn ihr statt Star-Magazinen Streit sucht, holt einfach euer Handy raus.

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22
April 2015

Kino Kritik: “Avengers: Age of Ultron” (spoilerfrei)

66531_Avengers_2_HP_03SUSA 2015. Regie: Joss Whedon. Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Chris Evans, Scarlett Johansson, Aaron Taylor-Johnson, Jeremy Renner, Cobie Smulders, Samuel Jackson, Elizabeth Olsen, Mark Ruffalo, Don Cheadle, Thomas Kretschmann u.a.

Offizielle Synopsis: Es ist einige Zeit vergangen, seit die Avengers New York gegen den Angriff einer außerirdischen Armee verteidigt haben. Jeder ist seitdem seinen eigenen Weg gegangen und manch einer hatte sein ganz persönliches Abenteuer zu bestehen. Als Milliardär Tony Stark ein stillgelegtes Friedensprogramm reaktiviert, gerät die Situation plötzlich außer Kontrolle und das Schicksal der Erde steht auf dem Spiel. Gemeinsam müssen sich die Avengers Iron Man, Thor, Hulk, Captain America, Black Widow und Hawkeye gegen den scheinbar übermächtigen Ultron stellen, der wild entschlossen ist, die gesamte Menschheit auszulöschen. Um seine Pläne zu vereiteln, müssen die Avengers unberechenbare Allianzen eingehen und in eine Schlacht von globalen Ausmaßen ziehen.

VORAB: Natürlich ist der Begriff “spoilerfrei” relativ, weil man den Film nicht besprechen kann, ohne auf die Handlung und die Charaktere einzugehen. Aber ich verrate nichts, was nicht schon im Trailer zu sehen ist oder auf den Covern der internationalen Filmzeitschriften.

Kritik: Das nur vorab – die obige Inhaltsangabe des Verleihs ist nicht nur typisch vage, sondern untypisch irreführend: Die Avengers sind mitnichten nach den Ereignissen des ersten Film ihrer Wege gegangen, denn der gesamte Prolog ist ein Teameinsatz, der den erwarteten Hydra/Strucker-Plot in 15 Minuten abhakt und die neuen Figuren rasant einführt. Wirklich globale Schlachten werden es dann auch nicht – statt Manhattan ist diesmal eine Metropole im ehemaligen Ostblock der primäre Schauplatz des Geschehens.

Ich bin mit Vorbehalten ins Kino gegangen, zugegeben – zwar hat das Marvel-Universum mich bisher nur sehr selten enttäuscht, aber nach dem Mega-Hattrick mit “Avengers“, “Captain America: Winter Soldier” und “Guardians of the Galaxy” war ich unsicher, ob das Studio sich nicht in eine Sackgasse manövriert hat. Kreativ ist mittlerweile fast alles möglich – zumal die finanziellen Mittel genau so unbegrenzt sind wie die technischen. Aber lässt sich Drama beliebig steigern, steht das Remmidemmi nicht schon längst auf 11, gerade angesichts des begrenzten Spielraums des Marvel-Universums, in dem es immer um das Schicksal mindestens der Erde geht und keiner der Protagonisten sterben darf? Wann ist die Schraube überdreht, wann wird das Spektakel zum nicht mehr steigerungsfähigen Superlativ?

Not today.

“Avengers: Age of Ultron” behält alle Qualitäten des Vorgängers, paart unterhaltsame Interaktion klar definierter Figuren mit groß angelegter, perfekt inszenierter Action und vielen, vielen “the comics come to life”-Momenten. Der Seiltanz zwischen emotional plausibler Realität und Comic-Bombast – niemand beherrscht ihn so perfekt wie das Team Marvel/Whedon.

Kann die technische Perfektion von “The Avengers” auch nicht übertroffen werden, so entwickelt das Studio zumindest die Franchise auf allen Ebenen konsequent und plausibel weiter. Statt wie in der “origin story” die Entstehung des Teams zu erzählen, konzentriert sich Whedon diesmal auf die wechselnden Dynamiken der Charaktere – und findet Platz für ein paar ungewöhnliche Wendungen, von denen Black Widow und der Hulk sicher die schönsten Momente abstauben. Ein Highlight ist die “Avengers-Party” – wenn es je einen Event gab, bei dem ich gerne auf der Gästeliste stünde, wäre es wohl dieser. Über die privaten Probleme anderer Figuren kann man sicher diskutieren (Hawkeyes’ kitschiges Familienleben scheint mir ebenso mühsam in die Story fabuliert wie Captain Americas angedeutete Geldprobleme), aber das streut keinen Sand in das Getriebe des Films, der 140 Minuten lang zwar immer wieder Luft holt, aber niemals still steht.

Auch inhaltlich schreitet das Marvelverse voran, baut die nächsten zwei, drei Steinchen für das große Finale um das “infinity gauntlet”. Und nicht nur das: Um die Franchise frisch zu halten, werden die Avengers zum Ende hin neu gemischt, einige Figuren scheiden (zumindest vorläufig) aus und andere werden ins Lineup aufgenommen. Das sorgt jetzt schon dafür, dass Teil 3 auf jeden Fall ein paar andere Nasen auf dem Plakat haben wird.

Vision, Scarlet Witch, Quicksilver  – es ist beneidenswert, wie scheinbar mühelos und perfekt Marvel neue Figuren etabliert, ohne sich zu verstolpern. Der Cast sollte mittlerweile für 20 weitere Ableger reichen.

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Kommen wir nach den Charakteren und der Franchise zum eigentlichen Plot, der ja in vielen Marvel-Filmen kaum mehr als eine Wäscheleine zum Aufhängen der Effekte und der Actionszenen ist: Zwar fehlt Loki, aber es gelingt James Spader mit erfreulicher Souveränität, der reinen (und ständig wechselnden) CGI-Gestalt von Ultron einen so megalomanen wie irren Touch zu geben. Dieser Bösewicht ist nicht bloß ein Superhirn vom Schlage Brainiacs, sondern ein unberechenbarer Psychopath mit haufenweise Prozessorpower.

Es geht natürlich wieder um das Schicksal der Welt, aber diesmal kommt die Gefahr quasi “von innen” – und ist letztlich auch die Verantwortung der Avengers selbst. Das gibt einen neuen Fokus und macht den Kampf erheblich persönlicher. Die Vernichtung des Bösewichts ist nicht weniger wichtig als der Schutz der Zivilbevölkerung – und aus der Unmöglichkeit, immer beides gleichzeitig bedienen zu können, zieht “Age of Ultron” eine beträchtliche Suspense. So ist der halbstündige Showdown zwar auch “nur” wieder eine groß angelegte Zerstörungsorgie, aber mit genügend Brüchen im Blickwinkel, um nicht als Abklatsch durchzufallen.

Zuerst habe ich mich ein wenig daran gestoßen, dass diesmal “no name city” für den Showdown her halten muss, aber wenn man drüber nachdenkt, ist das nur konsequent: Die Avengers müssen auch für die Namenlosen da sein, für die Menschen in Ländern, die nicht schon “top of the line” sind und von einer starken Regierung und einer starken Armee geschützt werden. Menschenleben sind nicht vom Pass abhängig oder der Verfügbarkeit erkennbarer Wahrzeichen zur filmisch ansprechenden Zerstörung. In “Age of Ultron” kämpfen die ganz Großen für die ganz Kleinen, die ganz Starken für die ganz Schwachen.

Ich würde allenfalls vielleicht monieren, dass Scarlet Witch und ihre Fähigkeiten etwas blass bleiben – tatsächliche Magie wirkt im Marvel-Universum etwas deplatziert, was besonders angesichts der geplanten “Dr. Strange”-Verfilmung spannend werden dürfte. So sind auch die von Scarlet Witch induzierten Alpträume der Helden seltsam holperig erzählt und folgenlos. Aber das wäre nur von Belang, wenn es dem Storytelling abträglich wäre, und ich vermelde mit Freuden: “Age of Ultron” ist wieder mal die perfekte “movie machine” ohne jegliche Defekte.

Es war hier und da schon zu lesen, dass der neue Marvel-Megafilm es bei der Action ein wenig übertreibe, in fast Transformers-artige Schnellschnitt-Hysterie abdrifte, was der Übersichtlichkeit schade. Das kann ich nur bedingt nachvollziehen. Ja, Whedon geht diesmal näher ran, die Kämpfe sind turbulenter, aber das scheint mir gewollt – das Chaos droht die Avenger zu überrollen, es wird ein Gefühl von Verzweiflung und Vollgas erzeugt. Teilweise stehen unsere Helden gegen die Übermacht wie im Hexenkessel von Stalingrad – der durchchoreographierte, aus der Luft immer überschaubare Kampf gegen die Aliens in New York wirkte dagegen wie ein spannendes, aber letztlich immer kontrollierbares Vorspiel.

Tja, und so ist es nun. Ich hätte euch gerne eine enthusiastischere Kritik präsentiert, eine mit mehr Fanboy-Herzblut, aber der fast fehlerlose “track record” von Marvel in den letzten zehn Jahren erlaubt nur die Erkenntnis, dass es wieder mal ein echter Kracher geworden ist. Best value for money. More entertainment than you deserve. Das ist keine wirkliche Überraschung – und das ist das größte Lob, das ich aussprechen kann.

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Fazit: Im Spektakel gleichauf mit dem Vorgänger, dafür bei den Charakteren und beim Storytelling eine sympathische Fortsetzung mit vielen kleinen Szenen, die das Fanherz jenseits der Action erfreuen. Marvel legt die Messlatte für den Kinosommer mal wieder verdammt hoch.

P.S.: Sage keiner, die Geeks längen mir nicht am Herzen: Das Presseheft bekommt ihr hier, die “Fun Facts” des Verleihers hier und die ausführlichen Charakter-Bios hier.

P.P.S.: Kurze post credits-Sequenz schon nach den wichtigsten Nennungen – sitzen bleiben ist angesagt, aber nicht ganz bis zum Schluss nötig.

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18
April 2015

Inhaltsangaben zum Abschalten (redux)

Ich habe mir hier und hier bereits Gedanken über Inhaltsangaben gemacht, die weniger über den Film aussagen als über die prätentiöse Großmäuligkeit der Macher. Da geht es gar nicht darum, einem potenziellen Zuschauer die Story zu vermitteln, sondern nur darum, ihm die eigene Brillanz und die unübertreffliche Schwere des Projekts zu verdeutlichen.

Schauen wir uns zum Beispiel mal “Fractured” an, einen Thriller, der nach dem Plakat und der Besetzung mit Jake Busey und Eric Roberts bestenfalls im C-Bereich angesiedelt sein dürfte und zuerst einmal den Eindruck eines aus den 90ern geflüchteten Billig-Reißers macht. Aber mitnichten:

fract“”May Oster, played by Athena Lebessis, is a beautiful, pensive, somber woman in her mid twenties; a beautiful woman that discovers her boyfriend’s bloody scarf in her apartment following a black-out episode. This unearthed white scarf covered in crimson drives May to attempt suicide. May is taken to a psychiatric ward under the care and influence of Dr. Ballard, a fifty-eight year old psychiatrist/acclaimed author, played by Eric Roberts. May is immediately thrown into seclusion. Detective James Harding, played by Jake Busey, appears to question May about a horrific murder. This questioning thrusts May into narrating an in-depth story about an unnamed woman’s involvement with unsavory characters leading to multiple murders. Will May regain her sanity, restore her normal life and unravel the mystery of her true love? Only time will tell.”

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll – bei der hilflosen Dopplung der “beautiful women” gleich zum Einstieg? Bei der poetisch gemeinten, aber leider sehr holperigen Formulierung “white scarf covered in crimson”? Bei der unbeantworteten Frage, warum May einen Blackout hatte, warum sie wegen eines blutigen Schals Selbstmord begehen will, warum sie deshalb in einer Gummizelle landet? Man könnte auch die Frage stellen, warum zur Hölle der Autor meinte, daraus dann eine von May im Voiceover erzählte zweite Erzählebene bauen zu müssen. Und am Ende geht es natürlich dann doch wieder (wenn auch hier etwas unerwartet und unpassend) um “her true love”…

Grundgütiger.

actNicht viel besser ist die Selbstbeschreibung des Films “Actress”:

“When Brandy decides to reclaim her life as an actor, the domestic world she’s carefully created crumbles around her. Actress is both a present tense portrait of a dying relationship and an exploration of a complicated woman, performing the role of herself as she faces the desires that exist outside of her home.”

I call Bullshit. Allerdings muss man einschränkend anmerken, dass “Actress” eine Dokumentation ist und dem Vernehmen nach gar nicht schlecht sein soll. Es ist nur diese selbstbesoffene Beschreibung, die mich nervt. Filme sollten Analyse der Kritik überlassen und sie nicht vorkauen.

Oder ist der Wortvogel da mal wieder zu streng?

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14
April 2015

Fernsehen ist das neue Kino – andererseits…

“X-Files” war acht Jahre lang der Maßstab für TV-Mystery:

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“X-Files” war zweimal ein Totalausfall im Kino:

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“21 Jump Street” war eine trendy Krimiserie der 90er:

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“21 Jump Street” ist nun eine Reihe erfolgreicher Kinofilme:

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“A-Team” war eine glorreiche TV-Serie in den 80ern:

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“A-Team” steht nun für einen missratenen Action-Blockbuster:

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“Bewitched” war in den 60er und 70ern eine beliebte Sitcom:

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Für Will Farrell und Nicole Kidman war “Bewitched” ein Kinoflop:

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“Dark Shadows” war die einzige Grusel Soap Opera im US-TV:

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“Dark Shadows” war nicht der einzige Kino-Flop von Tim Burton:

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“Firefly” konnte im Fernsehen nur die Kult-Crowd begeistern:

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“Firefly: Serenity” konnte auch im Kino nur die Kult-Crowd begeistern:

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It’s not the medium – it’s the message…

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13
April 2015

Fernsehen ist das neue Kino – bzw. das alte

Im letzten Jahrtausend war “12 Monkeys” ein großartiger Kinofilm:

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Mittlerweile ist “12 Monkeys” eine maue Fernsehserie:

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Anno 1998 war “Blade” ein cooler Vampirfilm:

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Vor sieben Jahren wurde daraus eine uncoole TV-Serie:

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1996 war “Fargo” ein geiler Film:

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2015 ist “Fargo” eine geile Serie:

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Vor zehn Jahren war “Daredevil” ein schlechter Kinofilm:

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Nun ist “Daredevil” eine großartige Fernsehserie:

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2008 war “Terminator: Salvation” bestenfalls ein mäßiger Kinofilm:

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2009 war “Terminator: The Sarah Connor Chronicles” eine der besten Fernsehserien des Jahres:

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In den 90ern war “Scream” eine Reihe ironischer Horrorfilme:

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Jetzt ist auch “Scream” eine Fernsehserie – für MTV:

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Strange days, indeed…

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12
April 2015

Weekend of Heroes 3: “Justice League: Throne of Atlantis”

jus1Justice League: Throne of Atlantis

Jahrtausende haben die Bewohner von Atlantis die Menschen der Oberfläche gemieden. Doch Orm, Sohn von Herrscherin Atlanna, will mehr als nur Kontakt – er sucht den Konflikt, den Krieg gar. Mit Black Manta sät er Zwietracht zwischen Meeres- und Landbewohnern. Bald sieht Atlanna die einzige Chance in der Suche nach einem Vermittler – Arthur Curry, der noch nicht weiß, dass er als Halbling geboren wurde, um Aquaman zu werden. Schon bald kommt es zum ersten Zusammenstoß mit der Justice League, die gerade erst versucht, als Team zu funktionieren…

Damit wir das aus dem Weg haben: Ja, ich finde das Cover auch albern. Dieses Pinup/Alex Ross-Motiv hat nichts dem Look des tatsächlichen “direct to DVD”-Releases zu tun. Und seit wann sieht Aquaman aus wie ein blonder Tom Cruise?

Als Quasi-Fortsetzung von “Justice League: War” kann “Throne of Atlantis” allerdings überzeugen.

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11
April 2015

Weekend of Heroes 2: “Powers”

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10 Folgen für das Playstation Network – genau. Eine Superheldenserie basierend auf einer großartigen Comicserie, gedreht für die Besitzer einer Videospiel-Konsole. Gibt es eigentlich noch irgendwen, der sich nicht an der Produktion von Fiction versucht? Kann es noch lange dauern, bis Payback oder McDonald’s exklusiven Serien-Content anbieten? Seriously, folks…

Man muss vielleicht gleich einschränkend sagen, dass für “Powers” der Weg vom preisgekrönten Heftchen zur Realverfilmung ungewöhnlich lang und steinig war. Eigentlich sollte die Serie von Sony Pictures für den F/X-Kanal produziert werden. Ein Pilot mit Jason Patric, Lucy Punch und Charles S. Dutton wurde 2011 gedreht – und kam beim Sender miserabel an. Ein neuer Showrunner wurde gebucht und diverse Reshoots und Neubesetzungen sollten es richten. Katee Sackhoff mühte sich redlich, aber erfolglos, die Rolle der Deena Pilgrim zu angeln:

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Aber auch die Neuausrichtung überzeugte F/X nicht und der Pilot wanderte unausgestrahlt in die Archive. Als sich kein anderer großer Abnehmer fand, entschied sich Sony, die Serie auf eigene Faust für das eigene Playstation-Network zu produzieren. Wegen der Rechte, die F/X am ursprünglichen Piloten hielt, fing man wieder bei Null an und suchte sich einen komplett neuen Cast.

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11
April 2015

Weekend of Heroes 1: “Daredevil”

Zwei Herzen schlagen, ach, immer noch in meiner Brust. Ich hatte ja neulich schon geschrieben, dass die Flut an Superhelden-Filmen und Serien für mich ein Überangebot darstellt, das zu Übersättigung führt. Manche nennen das positiv “mehr Auswahl”, das kann ich auch verstehen. Vielleicht bin ich empfindlich, weil es mich schlicht ärgert, dass ich nicht mehr alles konsumieren kann, was ich konsumieren möchte. Zuletzt war ich 1997 in der Situation, dass ich mit meinem wöchentlichen Serienpensum kaum nachkam. Aktuell fällt bei mir der Durchschnitt raus, “kann man schon gucken” reicht nicht mehr. Ich filtere sehr stark das Wenige, für das ich Zeit habe. Nächste Woche z.B. nehme ich mir die Zeit für den Trip nach Frankfurt, um das Pressescreening von “Avengers 2″ zu besuchen – mein einziges in diesem Jahr bisher.

Wie zur Vorbereitung – und weil es gerade passt – habe ich gestern mal ein paar aktuelle Superheldenverfilmungen für die kleine Mattscheibe eingeworfen. Wenn Versuch kluch macht, macht Vergleich vielleicht reich?

Zuerst war der Plan, alle drei Verfilmungen in einem Triple abzufeiern. Aber dann wurde mir klar, dass das nichts bringt, weil die Kommentare sich überschneiden und mehrere Diskussionen durcheinander gehen können. Also veröffentliche ich an diesem Wochenende drei Reviews, die ihr dann auch separat besprechen könnt. Und weil ich weiß, was euch am meisten kitzelt, beginnen wir mit…

dare1Daredevil

13 Folgen von Netflix. Alle an einem Tag veröffentlicht. Weltweit ist an diesem Wochenende “Daredevil-Bingewatching” angesagt. Wer sich erstmal den Background der Figur anlesen möchte, findet hier eine gute Übersicht.

Den Kinofilm mit Ben Affleck haben wir alle noch gut in schlechter Erinnerung, den klammere ich an dieser Stelle mal aus. Aber selbst abgesehen davon ist Netflix’ “Daredevil” nicht der erste Versuch, den Dämon (so der eigentlich passendere klassisch-deutsche Titel der Figur, der mittlerweile kaum noch Verwendung findet) auf die Mattscheibe zu bringen. Nicht mal der zweite. Es ist der dritte. Walk with me down memory lane…

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10
April 2015

Wann gibt’s den Wortvogel 2.0?

Gestern kommt ein neues Update-Paket für mein Macbook Air rein – das Betriebssystem wird auf den aktuellen Stand gebracht und das neue “Photos“-Programm installiert. Über 2 Gigabyte muss ich dafür aus dem Netz ziehen.

Als ich am Abend meinen Fernseher einschalte, begrüßt mich Kabel Deutschland mit der Nachricht, es gäbe ein Update für meinen Receiver. Die Installation und die danach notwendige Aktualisierung der Programmdaten verschiebt meine Abendunterhaltung um 20 Minuten nach hinten.

Zwei Stunden später stecke ich mein Telefon an die Steckdose, schaue kurz auf das Display – Android möchte gerne 12 Apps aktualisieren. Der separate Amazon Appstore zwei.

Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie sehr es nervt, dass immer mehr Geräte in meinem Umfeld sich immer öfter aktualisieren wollen, als seien sie permanente “works in progress”. Dass in Zukunft vermutlich auch Armbanduhren und Glühbirnen permanente Wartung verlangen.

Aber ich musste über was anderes nachdenken. Es gibt keine Updates für Menschen. Zumindest keine automatischen.

Wann habe ich das letzte Mal neue Fähigkeiten erhalten, einen neuen Look, eine flottere Arbeitsgeschwindigkeit? Wäre das nicht toll, wenn man zur Nachtruhe ein “personal update” starten könnte und man am nächsten Morgen ohne Pickel, mit einem besseren Haarschnitt und gerade Zähnen aufwachte? Wenn man plötzlich fließend französisch spräche oder Ski fahren könnte? Wenn man einen neuen Wagen in der Garage hätte?

Wem das zu radikal ist, der könnte ja auch nur ein Update der Themes und der UI wählen – neue Kleidung, etwas mehr Charme in der Rhetorik, ein schickeres Sofa im Wohnzimmer. Und wenn es einem wider Erwarten nicht gefällt, kann man wieder downgraden auf die alte Version. Allerdings mag dann die Kompatibilität hapern, wenn die Freunde plötzlich sagen: “Alter, fährst du immer noch auf 05/2014? Was geht denn bei dir?”

Wenn ich mal abstürze, heißt es nicht “Du brauchst vielleicht einen Patch”, sondern “Du musst echt lernen, dich zu benehmen”. Eine automatische Rechtschreibprüfung kann ich mir auch nicht aufspielen.

Stars haben es da besser – die kriegen ihre Villen “in einem Rutsch” eingerichtet, die haben persönliche Chefköche und Trainer, die ihnen die gewünschten Life-Upgrades nicht problemlos, aber doch stressfreier einrichten. Abstürze bringen ihnen keinen Ärger, sondern Schlagzeilen.

Wenn ich eine neue Fähigkeit haben will, muss ich sie erlernen. Neue Kleidung muss ich kaufen. Will ich schneller und besser werden, muss ich Sport treiben und mich gesund ernähren. Eine neue Wandfarbe für mein Arbeitszimmer wähle ich nicht im Untermenü “Hintergründe”, sondern im Bauhaus.

Ich bin eben kein Sim. Im Gegensatz zu einem PC-Betriebssystem sind mein Bios und mein Kernel uralt, die gesamte aktuelle Optik basiert immer noch auf einem veralteten System von 1968. Was sich da an Datenmüll angesammelt hat, möchte ich gar nicht wissen. Defragmentieren geht nicht, einmal drüber formatieren und neu installieren auch nicht.

Im Gegensatz zur digitalen Welt sind Updates in der analogen Welt eine ziemlich mühselige Sache.

Ich tröste mich, dass ich damit eigentlich meinem guten alten C64 ähnlich bin – der bekam in seiner ganzen Lebenszeit auch keine Updates, weil sein Betriebssystem fest installiert war und die Hardware nicht ausgetauscht werden konnte. Man konnte ihm nicht immer mehr abverlangen und sagen “Brauchste halt ‘ne größere Festplatte oder eine bessere Grafikkarte”. What you see is what you get. Die Programmierer lernten, aus den Vorgaben immer mehr rauszuholen, die Software passte sich dem Gerät an und nicht umgekehrt. Die Spiele und Dienstprogramme (so nannte man das damals!) wurden immer besser, obwohl der “Brotkasten” sich nicht veränderte.

Ich glaube, damit kann ich leben. Ich brauche keine Updates. Die Welt wird besser, weil sie sich mir anpasst – und nicht umgekehrt. Ich bleibe bei meiner lahmen Betriebsgeschwindigkeit, dem veralteten Interface, der überholten Systemsprache und den immer langsameren Bootvorgängen am Morgen.

Wenn eines Tages gar nichts mehr geht, wenn auch kein “haben Sie es mit ein- und ausschalten versucht?” mehr hilft – dann kann die Welt sich gerne einen neuen Wortvogel anschaffen. Der kann sicher mehr, ist schneller, flexibler, schöner und stärker – aber ich hoffe, dass so mancher abends davor sitzt und denkt: “Ich vermisse den alten Wortvogel. Der war nicht perfekt, klar, aber der hatte was.”

Dann bin ich posthum retro-chic.

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9
April 2015

FSK 16: Leseprobe – Stilfrage – Schweinkram

Ich bin auf Facebook einer Gruppe zum Thema Heftromane beigetreten. Da gibt es wunderbare Cover und Leseproben alter Schundschmöker zu bewundern und in manchen Fällen preisen die Autoren selbst die eBook-Versionen ihrer “Klassiker” an. Dazu gehört auch Walter Appel, den so ziemlich jeder eifrige Heftchenleser meiner Generation als Westernautor “Earl Warren” kennt. Oder als Horrorerzähler “Frank de Lorca”. Oder als “Zamorra”-Schreiber “Robert Lamont”. Er hat so ziemlich jedes Genre drauf und eine Karriere hinter sich, um die ich ihn beneidet hätte, wäre ich 20 Jahre früher geboren worden.

Appel postet “Leseproben” auf Facebook – und zur heutigen fühle ich mich berufen, etwas Textkritik zu betreiben. Da die Grenzen zur Pornographie in diesem “Lust-Western” mitunter klar überschritten werden, lege ich das Werk zum gegebenen Zeitpunkt hinter einen Break.


Leseprobe Jack Slade 772 – Adas Leibwächter – erscheint jetzt.

20827_965516656822444_3782725903580031167_nErklärung: Der Revolvermann Joe wurde als Leibwächter der heißblütigen Verlegerstochter Ada Preston engagiert. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, den Wilden Westen zu bereisen und eine Artikelserie darüber zu schreiben. Sie sucht die Gefahr – und den Sex, Joe hat alle Hände – und nicht nur die – um sie zu schützen, und nicht nur das.

In Salt Lake City nun, bei den Mormonen, wird ihnen ein Doppelzimmer verwehrt. Doch Joe will oder muss zu der heißen Ada.

Text:

»Kein Doppelzimmer für Miss Preston. Sie muss allein schlafen, in Keuschheit und Frömmigkeit. Wagen Sie es nicht, keiner soll wagen, sich in der Nacht zu ihr schleichen zu wollen und mit ihr der Wollust zu pflegen. Im Buch Mormon steht geschrieben…«

»Geschenkt«, sagte Joe. »Wir haben es schon kapiert. Dann werden die Hotelgänge wohl des Nachts überwacht?«

»Das Auge des Herrn ist überall.«

Joe hatte bei der Ankunft gesehen, dass an der Außenwand des Hotels ein Sims verlief. Der befand sich im dritten Stock. Der Texaner richtete es so ein, dass sie alle ihre Zimmer im dritten Stock erhielten. Er wusste weshalb. Es zog ihn zur scharfen Ada, auch wenn er dabei eine waghalsige Kletterpartie auf sich nehmen musste und seinen Hals riskierte.

Er stieg also aus dem Fenster, eine Weile nachdem sie zu Abend gegessen hatten. Ada war schon in ihrem Zimmer. Es passte den beiden, dass sie diesmal kein Doppelzimmer und keine Suite mit Brian DeForbes zusammen hatte. Joe ging barfuß, so hatte er ein besseres Gefühl auf dem schmalen Sims. Der Wind pfiff um ihn herum, und er sah die Lichter von Salt Lake City, auf den mit Gaslaternen erleuchteten Straßen Fuhrwerke und sehr wenige Reiter, dafür eine Menge Fußgänger.

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24
März 2015

Wasserstandsmeldung des Wortvogels

Erst Kurzurlaub in Dublin, nun Reportagemarathon in und um München – man kommt zu nix. Wenigstens habe ich heute ein Angebot bekommen, das ich stressfrei ablehnen konnte:

angebotErwartungsgemäß habe ich mir deshalb meine guten Carnaby Boots durchwässert, was einen trockenen Fleck hinterließ, der erstaunlich an Texas erinnert:

Texas

Zum Wochenende hin schreibe ich wieder ein paar Texte für euch, versprochen. Bis dahin seid mit dieser Anekdote vertröstet:

Ich kam heute Abend sehr müde, durchfroren und gestresst im Hotel an. Hunger hatte ich auch. Also dachte ich mir: Wenn schon in München, dann doch gleich in mein Lieblingsrestaurant Sangam in Schwabing. Nach satten sechs Runden um den Block erinnerte ich mich daran, die Parkplatzsituation in der Münchner Innenstadt wie die Pest zu hassen. Um den Ärger zu verstärken, schaute ich erst dann zum Lokal – und stellte fest, dass das Sangam dicht gemacht hat!

Kaum bin ich ein Jahr weg, schon sind die pleite?!

Die Webseite der Betreiberfamilie erklärt es so:

“Das SANGAM Restaurant musste am 31. Januar seine Pforten schließen, da uns entgegen früherer Zusagen der Pachtvertrag leider nicht verlängert wurde. Wir aber sagen DANKE für die langjährige Treue unsere Gäste in Schwabing.”

Mit dem letzten Satz meinen die mich, keine Frage. Also weiter in Richtung Odeonsplatz, Richtung Schwesterlokal Sangeet.

Auch geschlossen.

Man kann die bayerische Metropole nicht mal 12 Monate aus den Augen lassen, schon geht da alles drunter und drüber…

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17
März 2015

Das deutsche Horror-Fandom bläst zum Angriff!

Es ist schön, dass sich manche Dinge nie ändern. Schon in den 80ern war sehr offensichtlich, dass man mit den Fans bestimmter Filme nicht reden kann – weil die auf jede Kritik an ihren Heiligtümern aggro reagieren. Da treffen sich Nerd und Neigung in seltener Eintracht, hilflos wird mit verbalen Bierdosen geworfen und “deine Mudda!” gegrölt.

Aus dem Grund wundert es mich auch nicht wirklich, dass die Beteiligten von “German Angst” und ihre Claqueure meinen Verriss von zwei Dritteln des Werkes eher unsouverän aufnehmen:

papeBundestag, RTL, Gymnasium – die holen wirklich die ganz dicken Kanonen raus. Beim “Pape-Hasser” überschätzt Andreas Pape seine Strahlwirkung allerdings ganz gewaltig. Im Gegensatz zu ihm kann ich Mensch und Werk auseinander halten.

Sollte ich angesichts dieser dumpfen Wut meine Meinung zum Film nochmal überdenken? Nö. Zumal eigentlich alle, mit denen ich nach dem Film gesprochen habe, so ziemlich einer Meinung waren. Meiner. Allenfalls die Buttgereit-Episode wurde hier und da etwas wohlwollender gesehen.

Wahrlich, das deutsche Fandom ist mal wieder genau so, wie es ständig behauptet, eben nicht zu sein. QED.

Nachtrag: Zumindest Kosakowski scheint Peilung zu haben – auch wenn danach wieder ein Buttgereit-Fan mit Penis-Fixierung zu Wort kommt:

kosa

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16
März 2015

Fantasy Filmfest Nights 2015: Die Reviews (2)

poster_marshlandMarshland

Spanien 2014. Regie: Alberto Rodriguez. Darsteller: Raul Arévalo, Javier Gutierrez, Antonio de la Torre, Nerea Barros u.a.

Story: Zwei Polizisten sollen das Verschwinden zweier Schwestern in der spanischen Provinz des Jahres 1980 aufklären. Bald gibt die weite Sumpflandschaft die Leichen frei und es geht um Mord. Um mehrere Morde. Und schließlich um die Frage, wie weit eine Gemeinschaft zu gehen bereit ist, um vergangene Sünden und nie bestrafte Täter zu schützen. Dabei verläuft der Graben nicht nur zwischen den Dörflern und der Polizei, sondern auch zwischen den Beamten selbst…

Kritik: Man kann “Marshland” für einen entsetzlich mäandernden Krimi halten, der seine zu komplizierte Geschichte zu spannungslos und mit trüben Bildern erzählt, in dem durchschwitzte Polyesterhemden und schlechte Haarschnitte regieren und geraucht und gesoffen wird, als gälte es Rekorde zu brechen. Zähes Männerkino, wie es auch aus Chile oder Mexiko kommen könnte. Man läge nicht mal wirklich falsch damit.

Hat man allerdings rudimentäre Ahnung von den historischen Zusammenhängen, dann wird schnell klar, dass “Marshland” unterschwellig vibriert, dass jede Szene aufgeladen ist mit schmerzhafter Geschichte und gerade bei uns Deutschen die entsprechenden Knöpfe drücken kann. Hier wird eine Mordserie erzählt, die weit zurück greift in einen über Jahrzehnte tumb hingenommenen Unrechtsstaat, der immer noch lautstarke Verteidiger hat und dessen schmierigste Vertreter weiterhin an den Schnittstellen der Macht sitzen. Wo aus folternden “Sicherheitskräften” brave Polizisten werden und aus Diktatoren Demokraten, als müsse dafür nur das Hemd gewechselt werden, als habe das System nicht unter der Erde noch seine Wurzeln erhalten.

Sound familiar?

“Marshland” schafft es, mit einer großen Bandbreite von klar gezeichneten Figuren die Spannungsverhältnisse in der noch wackeligen Demokrat über den Kriminalfall zu erzählen, ohne in simples Schwarzweiß zu verfallen. Hier tun gute Menschen Böses, und böse Menschen Gutes. Das alles ist in großartig-deprimierenden Bildern eingefangen, in denen sogar die Häuser und Autos zu schwitzen scheinen und die ewig präsenten Staub- und Matschflecken bis in die Seelen reichen.

Sicher kein leichter Film, keiner, der sich dem Publikum anbiedert oder es mit einfachen Erklärungen bei der Stange hält. Aber ein schöner Beweis, dass anspruchsvolle Krimikost auch außerhalb Skandinaviens und Großbritanniens serviert wird.

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Fazit: Langsamer, drückender Krimi vor der Kulisse des nach dem Tode Francos neu demokratisierten Spaniens. Ein Film, der von seinem Zeitkolorit und seinen gut beobachteten Figuren lebt, die sich mit einer gänzlich neuen Kultur arrangieren müssen.

springSpring

USA 2015. Regie: Justin Benson, Aaron Moorhead. Darsteller: Lou Taylor Pucci, Nadia Hilker, Francensco Carnelutti, Nick Nevern, Jeremy Gardner u.a.

Story: Evan hat seine krebskranke Mutter verloren, seinen Job auch, und ein dumpfer Schläger will ihm die Fresse polieren. Auf den Rat einer Freundin hin kauft er sich spontan ein Flugticket nach Europa, um Kopf und Gemüt auszulüften. Er landet schließlich im malerischen Italien, wo er sich prompt in die so hübsche wie eigenwillige Louise verliebt. Was er nicht ahnt: Louise ist ein Jahrhunderte altes Monstrum, das in jeder Generation geschwängert werden muss, um sich aus den Stammzellen des Fötus zu regenerieren. Doch auch für Louise ist die Liebesgeschichte nicht das, was sie erwartet hat…

Kritik: Durch einen kurzen Vorabplausch mit Onkel Filmi ging ich diesen Film eher negativ belastet an – die Macher sind wohl aus der Indie/Mumblecore-Ecke, für die ich wenig Leidenschaft hege. Darum dauerte es auch eine Weile, bis ich die improvisiert wirkende Kameraarbeit und die unaufdringlichen Dialoge als Stilmittel und nicht als Unfähigkeit identifizieren konnte. Ab da ging’s dann geradewegs bergauf.

90 Prozent der Laufzeit ist “Spring” eine Urlaubs-Liebesgeschichte zweier junger Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet. Das erinnert an die “Before”-Trilogie von Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke, und natürlich ist das “exotische” Europa der Katalysator.

Benson und Moorhead verstehen es dabei hervorragend, das aneinander Herantasten der beiden Protagonisten glaubwürdig zu inszenieren, Evans Faszination, Louises’ Distanz. Da findet sich kein Kitsch, kein Melodrama. Hier finden sich zwei, die erst ihre Rezeptoren öffnen müssen. Nähe zulassen, wenn man das Klischee bedienen möchte.

Die Atmosphäre Apuliens verstärkt die traum-hafte Qualität des Sommermärchens, in die eher beiläufig nach einer Stunde der Horror von Louises’ immer unkontrollierbareren Verwandlungen einbricht. Aber auch dann dreht “Spring” nicht in die Genrestandards, hält sich weiter an der Liebesgeschichte fest, die sich von der lovecraftschen Unbeschreiblichkeit nicht zerstören lassen möchte. Das Monster in Louise – es könnte auch ein gewalttätiger Exfreund sein, eine Drogenabhängigkeit, eine tödliche Krankheit. Es ist nicht wirklich Fokus, sondern nur das Hemmnis, das die Liebenden überwinden müssen.

Die bewusst dokumentarische begleitende Kamera ergänzt sich hervorragend mit den wenigen, aber exzellent umgesetzten Spezialeffekten, die bei größerer Käsigkeit den Zuschauer leicht aus der Filmwirklichkeit hätten reißen können.

Als besonderen Pluspunkt muss man zudem die deutsche Nadia Hilker nennen, die nach Auftritten in “Soko” und “Alarm für Cobra 11″ als Louise ein ganz starkes internationales Debüt hinlegt. Sinnlich und scharfsinnig, schlagfertig und sehnsüchtig – das könnte (sollte!) der Beginn einer beeindruckenden Karriere sein.

Gut, insgesamt könnte “Spring” Kürzungen von 10 bis 20 Minuten in den ersten beiden Akten vertragen und das Finale ist zwar folgerichtig, aber auch etwas unspektakulär – das tut der Frische und der Vitalität der Liebesgeschichte jedoch keinen Abbruch.

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Fazit: Eine dialoglastige Independent Love Story, in der die Tatsache, dass es nicht nur um „boy meets girl“, sondern auch um „boy meets monster“ geht, eher nebensächlich bleibt. Das grundsympathische und gut gespielte Stück verdient ein Publikum weit über das Horrorfilm-Genre hinaus.

wyrmwood-posterWyrmwood: Road of the Dead

Australien 2014. Regie: Kiah Roache-Turner. Darsteller: Jay Gallagher, Bianca Bradley, Leon Burchill, Keith Agius, Catherine Terracine u.a.

Story: Die Zombie-Apokalypse kommt schnell, gnadenlos und unerwartet. Mechaniker Barry muss sogar seine Frau und seine Tochter erschießen, bevor er sich auf den Weg macht, um wenigstens seine Schwester Brooke zu retten, die sich allerdings schon in den Fängen eines außerordentlich madden scientists befindet. Doch man kann ja auch mal Glück im Unglück haben und als Barry im gepanzerten Wagen seine Schwester befreien kann, hat diese durch ungefragt an ihr durchgeführte Experimente ein paar Fähigkeiten, die sich beim Kampf gegen die Zombies als durchaus nützlich erweisen.

Kritik: Kann die Zombiewelle ENDLICH mal wieder abebben? Haben wir neben Dutzenden von B-Movies, Blockbustern wie “World War Z”, den diversen “Resident Evil”-Sequels UND TV-Serien wie “Z Nation” und “The Walking Dead” nicht ENDLICH mal genug schlurfende Untote gesehen? Wie wär’s mal wieder mit Dämonen, Vampiren oder meinetwegen auch Mumien?

“Wyrmwood” ist weniger ein Film, mehr ein verfilmtes Armutszeugnis. Eine Handlung gibt es nicht: Die Seuche bricht aus, Barry will seine Schwester retten. Nicht mal der Weg von diesem mageren A zu diesem mageren B ist möglich – letztlich stoßen die beiden durch puren Zufall aufeinander. Es gibt auch keine “character arcs”, niemand entwickelt sich oder lernt dazu. “Wyrmwood” führt lediglich ca. 10 Figuren ein, von denen am Schluss nur noch zwei übrig bleiben. Der Rest ist großkalibriges Zerplatzen von Zombieschädeln.

Es ist völlig egal, ob die Action halbwegs flüssig inszeniert ist oder ob Bianca Bradley im durchgeschwitzten BH gut aussieht – “Wyrmwood” ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der nicht mal ein Basisgerüst mitbringt und allen Ernstes glaubt, 100 Minuten könne man auch mit schierer Freude am Schmodder totschlagen. Und dem ist halt nicht so.

So gehalt- und stilvoll wie australisches Dosenbier.

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Fazit: Zombie-Splatteraction ohne nennenswerte Story oder Charakterentwicklung, die zwar flüssig inszeniert ist und zwei oder drei nette Ideen mitbringt, der aber auch spätestens in der zweiten Hälfte die Puste ausgeht und die den Rest der Laufzeit mit Schießereien und Zombie-Zähnefletschen rumbringt.

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16
März 2015

Fantasy Filmfest Nights 2015: Die Reviews (1)

Cub-poster1Cub

Belgien 2014. Regie: Jonas Govaerts. Darsteller: Gill Eeckelaert, Maurice Lujiten, Stef Aerts, Titus de Voogdt u.a.

Story: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern – so stellt sich ein Pfadfinder-Ausflug nur in Donald Duck-Comics dar. In der Realität von „Cubs“ ist der Mikrokosmos der Ferien-Waldläufer seitens der Kids wie der Aufseher geprägt von Animositäten, Bösartigkeiten und keimender Geilheit. Die zur Gänsehauterzeugung erzählte Wildkind-Lagerfeuerstory macht die Sache nicht besser, zumal das ferale wie brutale Wildkind Kai tatsächlich existiert und sich über diverse Untaten mit dem unsicheren Sam „anfreundet“. Der Bodycount eskaliert und bald sind Zwei- und Vierbeiner auf der Flucht durch einen mit geradezu albern aufwändigen Fallen gespickten nächtlichen Wald. Nicht einer für alle – jeder für sich lautet nun die Devise…

Kritik: „Cubs“ ist der ideale Einstieg in die Fantasy Filmfest Nights – nicht, weil er bahnbrechend gut ist, sondern weil er perfekt repräsentiert, wofür das Festival steht: Kleine Filme aus Ländern, die man vielleicht sonst nicht auf dem Schirm hat, untertitelt und manchmal etwas sperrig, aber voller Überraschungen und frischen Gesichtern.

„Automata“, der im Anschluss kam, wird nie das Problem haben, dass man ihn in der DVD-Abteilung des Drogeriemarktes übersieht: Aus Amerika, Science Fiction, mit Killerrobotern UND Antonio Banderas. Aber „Cubs“ schafft es vermutlich nicht mal bis in die DVD-Regale und wird bestenfalls mit ein oder zwei Exemplaren ganz unten auf dem Wühltisch liegen. Und genau darum ist es wichtig, dass das Fantasy Filmfest solche Streifen zeigt, die Macher fördert und das Genre jenseits des Mainstream am Leben erhält.

Dass „Cubs“ darüber hinaus eine ziemlich sehenswerte Killercomedy ist, kann als erfreulicher Bonus gewertet werden. Die Idee, statt der üblichen geilen Teenager einfach mal einen Trupp Pfadfinder in den Wald zu schicken, ist ziemlich clever, gerade weil die Spiegelung der typischen Charaktere in die Pubertät (der Dicke, der Mitläufer, das Großmaul) entlarvt, wie unreif und eindimensional diese Figuren gewöhnlich sind. Die psychische wie physische Bedrohung Minderjähriger hat zudem deutlich mehr Potenz als das willkürliche Abschlachten von College-Absolventen, die wir sowieso nicht leiden können. So, wie Sam eine Art verkleinerter Held ist, ist Kai sein pubertierender Gegenpart. I was a (barely) teenage leatherface.

Dabei ruht sich „Cubs“ nicht auf dem Gimmick aus, Protagonist und Antagonist zehn Jahre jünger als üblich zu präsentieren – Regisseur Govaerts macht auch richtig was aus dieser Prämisse. Immer wieder wird deutlich, dass Kai auch charakterlich das Spiegelbild von Sam ist, seine wütende pubertierende Seite, die es entweder anzunehmen oder zu überwinden gilt. Die schrecklichen Ereignisse sind eine Reifeprüfung, die Sam den Rest seines Lebens prägen wird. Bis zum Schluss ist damit nicht nur unklar, wer überlebt – sondern auch als was…

Hinzu kommen ein paar hübsch absurde Szenen, diverse solide Splattereffekte und eine gefällige Kameraarbeit, die gut damit zurecht kommt, dass „Cubs“ fast ausschließlich nachts im stockfinsteren Wald steht. Und im Cast sind es ebenfalls die Darsteller von Sam und Kai, die überzeugen können – nicht zu amateurhaft, aber auch nicht zu hyperprofessionell haftet ihrem Spiel eine Authentizität an, die man sich bei den meisten Splatterfilmen vergeblich wünscht.

Ach joh, manchmal hapert es ein wenig an der Logik, diverse Nebenfiguren dienen nur der Streckung der Laufzeit und man kann die Verbindung von Aktion und Reaktion mitunter für brüchig halten, aber das stört nur, wenn man den Film mit überkritischem Studienratsblick seziert. Und das sollte man sich bei einem Crowdpleaser wie „Cubs“ verkneifen.

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Fazit: Fähnlein Fieselschweif meets „The Hills have Eyes“ als kleine, fiese Splattergroteske, die zwar nicht in jeder Szene logisch oder inszenatorisch überzeugt, aber als Beispiel für gelungenen Euro-Horror allemal erneut die Frage aufwirft, warum wir Deutschen so etwas nicht zustande bringen.

Speaking of which…

angstGerman Angst

Deutschland 2015. Regie: Jörg Buttgereit, Michael Kosakowski, Andreas Marschall. Darsteller: Lola Gave, Anderas Pape, Annika Strauss, Axel Holst, Matthan Harris, Daniel Faust, Denis Lyons, Milton Welch, Katja Bienert u.a.

Story: Drei Geschichten aus Berlin. In Buttgereits „Final Girl“ wird die blutige Rache eine Mädchens an einem (vermutlichen) Peiniger mit einem Schulaufsatz über die Kastration von Meerschweinchen begleitet. Michael Kosakowskis „Make a wish“ illustriert die brutale Folter eines taubstummen Pärchens durch Neonazi-Schläger – und widmet sich der Frage, ob Opfer- und Täterrollen jemals austauschbar sein können. Andreas Marschalls Mini-Spielfilm „Alraune“, der den großen Teil der Laufzeit beansprucht, erzählt von einem frustrierten Fotografen, der im nächtlichen Exzesse/Extase-Berlin einen Club findet, der scheinbar totale Erfüllung verspricht.

Kritik: Ich habe Buttgereit zuletzt 1991 oder so gesehen, als er beim „Howl Weekend of Fear“ seinen Streifen „Nekromantik 2“ vorstellte (was dank der Unfähigkeit des Projektors, die Tonspur abzutasten, deutlich daneben ging). Meinen damaligen Eindruck, dass hier ein Szene-Nerd nur deshalb, weil er keinen dumpfen Proll-Splatter dreht, fälschlich in die Kunst/Kult(ur)-Schublade gesteckt wurde, hat sich in den folgenden Jahren bestätigt: Buttgereit schreibt Theaterstücke und Hörspiele, in denen er sein Nerdtum ausleben kann, was aber immer irgendwie meta oder ironisch gemeint ist.

Und so beweist “Final Girl” dann auch, dass das “Ende” der “Karriere” des “Regisseurs” Jörg Buttgereit vor mehr als 20 Jahren kein Verlust war. Die technischen Mittel haben sich (minimal) verbessert, die erzählerischen Werkzeuge sind immer noch pubertär und grobschlächtig: Ha ha, Pimmel! Kastrationsangst, kennt man ja! Die Frau als Opfer wird zum Täter, der Mann ist schmierig, die Welt gemein. Das soll wohl irgendein Statement sein, nur welches, das bleibt buttgereitesk im Dunkeln. Auch die Gleichsetzung mit den Meerschweinchen ist nur im ersten Moment charmant, letztlich aber inhaltsleer. Die spröde inszenierte und mäßig nachvertonte Episode macht immer wieder den Mund auf, ohne was zu sagen.

Wenigstens ist Buttgereit Buttgereit – augenblicklich identifizierbar und damit für die Zielgruppe der Buttgereit-Kultisten auch empfehlenswert. Was man von Kosakowskis “Make a wish” allerdings nicht sagen kann. Ein paar Nazi-Hooligans (oder Skins oder Punks, wer weiß das schon?) foltern ein taubstummes polnisches Pärchen. Voll der Kommentar, weißte, weil Weltkrieg Zwo und so. Nur leider sind die gewaltgeilen Schläger ungefähr so realistisch wie die Bewohner von Tromaville und man muss dem Macher unterstellen, dass er weder die Mechanismen von Aggression noch die Chiffren der Szene verstanden hat. Diese unsägliche Suhlerei in Gewalt bei gleichzeitiger Oberlehrerhaftigkeit erinnert an das Projekt einer Film-AG zum Tag gegen Rassismus an einem mittelgroßen Gymnasium.

Rausreißen muss es Andreas Marschall, der einst Buttgereits Filmplakate pinselte und seit “Masks” als deutsche Giallo-Hoffnung gilt (wenn man so etwas für möglich und/oder erstrebenswert hält). Konsequenterweise macht sich Marschall frei von den Restriktionen des Episodenfilms und liefert einen Mini-Spielfilm ab, der als Einzelstück auf Scheibe sicher eine größere Chance auf Anerkennung hätte als auf dem Dreirad mit den zwei erzählerisch gehandicappten Miniaturen der Herren Buttgereit und Kosakowski.

“Alraune” ist ein Fiebertraum zwischen Wave-Film und Giallo, spielt mit den Obsessionen von Jess Franco und dem Urbösen Lovecrafts. Ein Blick in die Seele wird zum Abstieg in die Hölle. Nichts ist neu, aber es ist verwegen erzählt und mit großer Souveränität inszeniert. Auch darstellerisch wird ausnahmsweise mal keine Wassersuppe gereicht. Im Gegensatz zu den anderen Episoden brüllt nicht jede Szene das Klagelied des nicht vorhandenen Budgets, sondern schwelgt in Farben, Bewegung, malerisch zerfallenden Locations und schwitzenden Körpern.

Wenn ich Kosakowski (der den Film auch produziert und finanziert hat) einen Rat geben dürfte, würde er lauten: “Alraune” als singulären Film vermarkten (lang genug ist er) und “Final Girl” und “Make a wish” als Boni auf die DVD packen. Es macht einfach keinen Sinn, den Zuschauern zuerst mit zwei hilflosen Amateurfilmchen die Laune zu verderben, bevor sie zum Filet kommen. Das hat Marschalls intensives Erzählstück nicht verdient.

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Fazit: Kann man sich die Episode von Buttgereit als „typisch Buttgereit“ noch schönreden, ist Michael Kosakowskis hanebüchenes Gewaltcomic von allen guten Geistern verlassen. Highlight ist Andreas Marschalls fiebriger Giallo-Traum, der ihn nach „Masks“ erneut als großes deutsches Talent empfiehlt, das für höhere Budgets entdeckt gehört.

A-girl-walks-home-posterA Girl walks home alone at Night

USA 2014. Regie: Ana Lily Amirpour. Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Mozhan Marnò, Dominic Rains, Marshall Manesh u.a.

Story: Arash ist jung, ehrlich und bemüht, aber im Teheran des Jahres 2014 hat er wenig Chancen auf eine menschenwürdige Existenz – das Mädchen seiner Träume spielt außerhalb seiner Liga, sein Vater ist heroinabhängig und ein Zuhälter nimmt ihm den geliebten Wagen. Doch in der Nacht taucht das Mädchen auf, ein melancholischer Vampir wie aus einem Traum von Coco Chanel. Sie wird die reinigende Kraft in der bösen Stadt, Arashs Anker und Ausweg, auch wenn das einige Opfer fordern wird…

Kritik: “A girl” (ich kürze den so ab) zeigt exemplarisch, wie interessant es sein kann, wenn man (wie ich) ohne jegliche Vorkenntnisse ins Kino geht und den Film komplett “at face value” nehmen muss. Es zahlt sich aus, weil es ein Erlebnis ohne Altlasten ist, ein faire Chance auch für Filmemacher oder Genres, die man vielleicht ablehnt.

Aus der Sicht des “Unwissenden” ist “A girl” ein bezaubernd poetischer Film in kontraststarkem Schwarzweiß, auf der Suche nach Schönheit in einer hässlichen Welt, zugleich dem italienischen Neorealismus verwandt und der harschen Nachtgier eines Coffin Joe. Der Junge, dessen Unschuld an der gemeinen Wirklichkeit aufgerieben wird, findet ausgerechnet in der Blutsaugerin seine Madonna, seine Erlösung aus dem Mikrokosmos von vier, vielleicht fünf Figuren, die einander das Leben unerträglich machen.

Langsam, schleichend, betörend, ein Film wie eine blutige Feder.

Das. Ist. Kunst.

Und wenn es keine Kunst ist, dann ist es zumindest verdammt kunstvolles Avantgarde-Kino, wie man es auf dem Fantasy Filmfest sucht und zu wenig findet. Das iranische Genrekino als aufregend neue Stimme im “world cinema”, wer hätte es gedacht?

Doch diese Sicht hält nur so lange, bis man den Wikipedia-Eintrag zum Film liest und feststellt, dass er u.a. von Elijah Wood produziert wurde, die Regisseurin in Los Angeles lebt, der Film in Kalifornien gedreht wurde und der heroinsüchtige Vater vom Limousinenfahrer aus “How I met your Mother” gespielt wird.

Die Authentizität von “A girl” ist komplett behauptet, die Bildsprache und Erzählweise nicht der iranischen Filmkultur entsprungen, sondern als Substitut für eine solche erfunden. Der Film hat kein Fundament, stellt kein Erbe und keine Weiterentwicklung dar. Es handelt sich um einen am Reissbrett entwickelten Versuch, gerade die Eigenständigkeit des “world cinema” zum Bestandteil der Hollywood-Maschine zu machen. Das alles inkludierende System erzählt sogar seine Exklusion. Wie eine Diktatur, die ihre eigene Revolution anzettelt, weil sie das nicht dem Pack überlassen mag.

Ich möchte wieder zur Unwissenheit zurück. Ich will nicht wissen, dass der Frodo Beutlin aus “Open Windows” dahinter steckt, dass “Death” von den White Lies gar kein übersehenes Pop-Kleinod der 80er ist, dass die Ölfelder nicht südlich von Teheran, sondern nördlich von Santa Barbara stehen oder dass Hauptdarsteller Arash Marandi mal im “Großstadtrevier” mitgespielt hat. Ich will, dass “A girl” wieder die Ausnahme ist und nicht nur die clever verpackte Regel.

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Fazit: Ein Film, dessen Bewertung nur anhand der Einstellung des Zuschauers getroffen werden kann: Akzeptiert man den Ursprung des Films in Hollywoods Hipster Horrorcommunity, ist er ein wunderschönes, elegisches, neorealistisches Vampirmärchen. Erwartet man vom „world cinema“ kulturelle Authentizität, muss man den Streifen zwangsläufig als „fake wie Sau“ einstufen.

Andererseits…

the-lazarus-effect_1424378817The Lazarus Effect

USA 2015. Regie: David Gelb. Darsteller: Mark Duplass, Olivia Wilde, Donald Glover, Jennifer Floys, Ray Wise u.a.

Story: Ein Team von Wissenschaftlern arbeitet an einem Serum, dass die Gehirntätigkeit im Falle des Todes strecken soll, um Wiederbelegung zu ermöglichen. Die Testergebnisse sind spektakulär: Ein längst verstorbener Hund ist auf einmal wieder lebendig und sein Grauer Star is vollständig geheilt. Als ein Pharmakonzern sich die Formeln unter den Nagel reißt, kommt es zu einer folgenschweren Verkettung unglücklicher Umstände, an deren Ende ein Menschenversucht steht…

Kritik: Viele Zuschauer waren der Meinung, “Lazarus Effect” sei zwar nicht der große Bringer gewesen, zu vorhersehbar und in Klischees suhlend, aber die gelackte Produktion, die guten Darsteller und die flotte Inszenierung höben den Streifen dennoch gerade so über das Mittelmaß.

I beg to differ.

“Lazarus Effect” ist Hollywood at its worst, gerade nach dem fordernden und belohnenden “A girl” ein Schlag mit dem nassen Handtuch ins Gesicht. Hier ist wirklich gar nichts frisch, die Charaktere so abgenudelt wie die Dialoge, jede Szene lässt sich auf bekannte und bessere Vorbilder zurück führen. Es ist ein Fließbandfilm, der zynisch darauf setzt, dass sein bisschen CGI-Splatter, das Casting von Olivia Wilde und die solide Poster-Artwork schon reichen werden, Publikum zu ködern.

Es hat auch gereicht. Der Film hatte in den USA einen Kinostart und hat am ersten Wochenende das Dreifache seines (geringen) Budgets eingespielt. Ein Erfolg.

Soll ich gratulieren? Nein. Weil ich genau diese Sorte von blind durchgekliniertem Genrestandard nicht mehr ertragen kann. Wer sich die erzählerischen Eier abschneidet, um ja nichts falsch zu machen, macht eben auch nichts richtig. Ein bisschen “Flatliners”, ein bisschen “Lucy”, ein bisschen “Carrie”, angereichert mit den Schocks aus der J-Horror-Kiste und preiswert runtergekurbelt in einem gesichtslosen Laborkomplex. Das kann man als “ausreichend” benoten, ist aber eine Mathe-Arbeit, wo ein Aufsatz stehen sollte.

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Fazit: DVD-B-Ware, die sich bei Dutzenden anderer Science Thriller bedient, in der zweiten Hälfte in okkulten Hokuspokus abdriftet und ohne den deutlich unterforderten Cast als Genre-Fastfood schnell gesehen und schnell verdaut wäre. Von Allesdrehern für Allesseher.

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14
März 2015

We’ll be back after a short break

Sodele, nach zwei Tagen “auf Reportage” (Tirschenreuth und Seligenstadt) fahre ich nun direkt weiter in Richtung Kölner Dom. Die Fantasy Filmfest Nights rufen. Drei Filme habe ich bereits gesehen und besprochen, die lasse ich dementsprechend aus:

Automata, The Guest und Tusk.

Damit ihr euch zwischenzeitlich nicht langweilt, hat Dia Westerteichter satte 3 Stunden “Evil Ed on Video 2″ für euch digitalisiert und hochgeladen. Proxy wie ZenMate braucht ihr immer noch, dafür ist die Bildqualität diesmal deutlich erträglicher. Ein wirklich spannendes Relikt für alle, die sich für die Horror-Szene der späten 80er interessieren. Und ganz am am Schluss gibt der Wortvogel noch mal den Volldeppen in einem aufwändig produzierten Werbespot für sein Fanzine “Dark Palace“:

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Durch das Evil Ed-Video führt übrigens Stephan Lenzen, ein ungewöhnlich talentierter Fanfilmer der späten 80er, dem ich immer eine größere kommerzielle Karriere gewünscht hätte. Seine Streifen “Living Room” und “Cut Character” waren frischer, aufwändiger und einfallsreicher als alles, was “die Szene” seither zustande gebracht hat.

Dia Westerteicher präsentiert auf YouTube auch Lenzens Frühwerk “Zander”, einen experimentellen Psycho-Horrorfilm mit Musik von Chris Hülsbeck, den ich euch absolut ans Herz legen möchte:

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Das sollte euch beschäftigt halten, bis ich wieder da bin.

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