24
September 2016

Wortvogels Wochenspiegel (2)

Ich denke: Dass dieses Essay von mir nach mehr als zwei Jahren immer aktueller wird. Dass Brangelina mir wurscht sind. Dass es zu früh für Stollen im Supermarkt ist. Dass Terry Jones das nicht verdient hat. Dass es geil ist, dass man von Baden-Baden aus für 43 Euro zu prima Zeiten nach London und zurück fliegen kann. Dass ich in Basel mal im Rhein schwimmen gehen will. Dass ich hoffe, dass die Welt 2017 ihren gesunden Menschenverstand wiederfindet - aber zweifle. Dass diese Zeit die Zeit meines Vaters in den 70ern war - als Taxifahrer:

Ich fühle: Entspannung. Dinge passieren, Dinge werden erledigt. Der Ballast verringert sich, der Druck lässt nach.

Ich lese: "John Carter and the Gods of Hollywood" - ein kurz nach dem Flop des Kinofilms kostenlos erhältliches Buch über das Leben von Edgar Rice Burroughs, die Entstehung der Barsoom-Bücher und die vielfältigen Versuche, diese zu verfilmen. Am Ende der unterhaltsamen Lektüre steht die sympathische wie nerdige Aufrechnung, warum sich eine Fortsetzung trotz des gescheiterten Erstlings lohnen würde. Wunschdenken - aber nichtsdestotrotz ein spannendes Buch und ein gutes Plädoyer, dass John Carter nicht auf ewig im Schatten von Tarzan stehen darf.

Ich schaue:

ARQ: Eine Kuriosität - ein sehr preiswertes Science Fiction-Kammerspiel, das nicht primär auf Drama, sondern auf Action setzt. So eine Art „Groundhog Day“ trifft „Die hard“, in dem ein Militär-Wissenschaftler in einer nicht näher beschriebenen (aber augenscheinlich beschissenen) Zukunft immer und immer wieder den gleichen Angriff einer Terroristengruppe abwehren muss, der durch seine Energiemaschine in eine Zeitschleife gelegt wurde. Der Fokus auf Schießereien, Schlägereien und „mexican standoffs“ tut dem Film allerdings nicht gut, weil ihm inhaltlich der Saft ausgeht und viele der Twists eher der Logik des Actionfilms als de Logik der Science Fiction geschuldet sind. Kann man gucken, kann man aber auch auslassen.

ISRA 88: Zwei Astronauten fliegen mit einem hyperschnellen Raumschiff (aber dennoch in endlosen Jahren) auf den Rand des Universums zu, um zu schauen, was dahinter liegt. Noch ein Kammerspiel, diesmal beschränkt auf einen zynischen Hipster-Wissenschaftler und einen Miltär-Bozo (mit erfreulichem Stoizismus gespielt von Casper van Dien). Man wird das Gefühl nicht los, dass der unsäglich dröge Abklatsch von John Carpenters Erstling „Dark Star“ im Nachhinein noch mal achronologisch umgeschnitten wurde, um durch schiere Verwirrung ein wenig Interesse beim Zuschauer zu wecken. Es funktioniert nicht. Auch mit der Milde, die ich preiswerter SF gegenüber an den Tag lege: Ein Blindgänger.

Beta Test: Das passiert selten, aber es passiert; Ich habe den Film nach einer halben Stunde abgebrochen. Abgesehen davon, dass wir die „Videospiel in der Realität“-Nummer dieses Jahr schon mehrfach hatten (siehe „Andron“, „Level up“ und „Call up“), wird hier zugunsten billiger Action wirklich auf jeden Anflug von Logik geschissen, es fehlt jedes Verständnis für die Mechanismen der Gamer-Kultur und letztlich hat „Gamer“ das vor sechs Jahren nicht viel plausibler, aber erheblich unterhaltsamer dargeboten. Ein Retortenfilm, der seine per Marktforschung identifizierte Zielgruppe nicht versteht oder bedient, sondern nur nervt.

The Last Heist: Nach dem sehr spassigen „Don’t kill it“ wollte ich dringlich auch mal die zweite aktuelle Produktion von Mike Mendez sehen, auch wenn er das phantastische Genre dabei zu Gunsten des Heist-Films verlässt: Eine Gruppe skrupelloser Gangster überfällt eine in Schließung befindliche Bank. Dabei hat nicht nur praktisch jede beteiligte Person (inklusive der Polizisten) Zweit- und Dritt-Motive, es befindet sich als letzter Kunde auch noch ein gesuchter Serienkiller im Tresorraum - gespielt von Henry Rollins. Das klingt leider besser, als es im Ergebnis ist - hier wird inhaltlich zu wenig gestemmt und mit zu wenig Geld umgesetzt, nur die relativ dynamische Regie von Mendez rettet diese DVD-Wühltisch-Randnotiz vor der totalen Langeweile.

Ich höre: Meatloaf - Braver than we are: Waren schon die letzten Platten und Konzerte ein Armutszeugnis, knallt „Braver than we are“ endgültig den Sargdeckel über einer der potentesten Rock-Kooperationen der letzten 40 Jahre zu. Sowohl Meatloaf als auch Jim Steinman sollten sich was schämen. Steinman, weil er wieder mal nur altes Material recycelt - hat der in den letzten 25 IRGENDWAS Neues geschrieben? Und Meatloaf, weil man nicht mehr singen sollte, wenn man nicht mal unter idealen Studiobedingungen mehr singen kann. Die Cover von „More“ und „Loving you’s a dirty job“ mögen schön pumpend produziert sein, auf die Vocals kann man nur noch mit Mitleid reagieren. It hurts (only when I listen):

Ich empfehleDiesen Blog, der - wie auch ich schon - auf die Suche nach Betrügereien im eBook-Business geht.

Ich erinnere: An diese Begegnung mit dem Nachbarn aus dem hässlichen Haus auf der anderen Straßenseite.

Ich preise: Diesen Einblick in die Herstellung einer Uhr für 2,2 Millionen Euro. Pottenhässlich, aber echte Mechanik-Pornographie.

Ich lerne:

Podcasts schätzen. Auf meinem iPhone kann man die ja prima abonnieren. Ideal für längere Autofahrten. Hörspiele, Hoaxilla, History - ich habe sicher erst die Spitze vom Eisberg gehört.

Mac OS Sierra nutzen. Ärgerlich - einige durchaus im Gebrauch befindliche Tools sind nicht mehr kompatibel, von manchen wird es auch keine Updates geben (z.B. Speed Download). Das behindert den Workflow, aber es stoppt ihn nicht. Ansonsten wieder alles smooth wie üblich bei Apple, man braucht auch kein komplett neues Environment zu lernen.

Ich wiege: 102 Kilo. Immerhin.

Die Katzen:

cats

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16
September 2016

Wortvogels Wochenspiegel (1)

Ich denke: Bautzen sollte sich schämen. Die freie Markt der Fernbusse bröselt zu schnell. Auch ein Sieg Hillary Clintons bei der Präsidentschaftswahl wird nichts daran ändern, dass nicht nur das politische System, sondern auch der gesellschaftliche Entwurf der USA fundamental zerbrochen ist.

Ich fühle: Unruhe. Die massive Reduktion meiner üblichen Online-Aktivitäten schlägt erwartungsgemäß nicht augenblicklich in massiven kreativen Output um. Das sorgt für mentale Durchhänger und Leerstellen.

Ich lese: "Harry Alan Towers: The Transnational Career of a Cinematic Contrarian" - eine zu teure, extrem trockene und akademische Analyse des Towers'schen Geschäftsmodells. Keine leichte Lektüre, aber man kann sehr viel über internationale Filmproduktionen und den oft inhärenten Rassismus und Chauvinismus der Branche lernen. Ein paar Informationen bezüglich "Sumuru" und "High Explosive" sind allerdings nicht korrekt, das muss ich dem Autor noch mitteilen.

Ich schaue: „Hard Target 2“ - ein mit erstaunlichem Aufwand an Locations und Stunts von Sequel-Meister Roel Reiné inszeniertes Double (kein Remake, keine Fortsetzung) von John Woo's US-Debüt, diesmal mit Scott Adkins statt Jean Claude van Damme. Leider kann aller Eifer der Beteiligten das strunzdumme, banale und eierlose Skript nicht wettmachen. Das ist "Cannon lite", ähnlich wie Adkins "Ninja". Wenn Adkins den Durchbruch als Actionstar in die Oberliga noch schaffen will, wird es Zeit - nach mittlerweile zehn Jahren solider Mittelklasse tickt die biologische Uhr. Immerhin ist "Hard Target 2" besser als "Kindergarten Cop 2" vom gleichen Label, aber was heißt das schon? Lieber noch mal die "Undisputed"-Sequels gucken. So geht's.

Ich schaffe: Eine beschauliche Weihnachtsgeschichte mit Schnee und Christbaumkugeln - bei 30 Grad unter strahlend blauem Himmel. Und an die 20 Ideen für Kurzgeschichten habe ich gesammelt, die primär zur Erprobung verschiedener Schreibstile und Genres dienen sollen.

Ich empfehle: Bernhard Torschs Textanalyse eines ZEIT-Artikels über den IKEA-Katalog, die von mir hätte sein können.

Ich erinnere: Wortvogel-Retrospektive - dieser Beitrag über die aktuelle Klatschpresse hat 2008 beträchtlichen Wirbel verursacht.

Ich preise: Die Dokumentation "Out of the Ashes: Captain Power and the Soldiers of the Future" - eigentlich ein spielfilmlanges DVD-Extra vom Box Set zur kultigen SF-Actionserie der 80er. Könnte bald von YouTube gelöscht werden:

Und hier noch ein Shoutout an Dietmar - Gratulation!

ds

Ich esse: Eisbecher "thai style" im Goldzünglein in Karlsruhe - leider ist das Ecklädchen nicht sehr einladend, die durchweg weiblichen Aushilfen (von den durchweg männlichen Gründern des Geschäfts keine Spur) tun sich sehr schwer, das Eis kompakt und appetitlich zu rollen. Konzeptionell interessant, massive Probleme in der Umsetzung. Und nein, auch für ein "kostenloses Extratopping" bekommt ihr kein Like auf Facebook von mir.

Ich wiege: 103 Kilo. Seufz.

Die Katzen:

Kreisel

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6
September 2016

Zwischenruf: Dässwisch

Ich halte mein Haus sauber, darum muss Udo ran:

Marc Vorlanders ""Death Wish: Another Beginning""
(doppelte Vorzeichen gewollt)

Kommentare bitte drüben abgeben. Seid fleißig, bleibt höflich.

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1
September 2016

Heute ist nicht alle Tage...

Es kribbelt im Bauch. Das hätte ich nicht gedacht. Heute ist der Tag, an dem ich in mein Online-Sabbatical gehe. Das heißt konkret: Keine dauernde Präsenz beim Wortvogel, keine Abende bei YouTube mehr, Abwesenheit bei Facebook.

Im Gegenzug: Diät, Sport, Privatleben, Urlaub - und endlich mal wieder Schreiben nicht für das Journalistenherz, sondern für die Autorenseele. Besonders Fiction. Das habe ich zu lange vernachlässigt, da will was raus.

Ich werde nicht GANZ verschwinden - eine Hütte im Wald ohne fließend Wasser ist nicht meine Vorstellung vom Paradies. Einmal die Woche (vermutlich zum Montag) poste ich hier einen kleinen Steckbrief, der stichwortartig vermeldet, was ich in den letzten sieben Tagen gelesen, gedacht, gesehen und gemacht habe.

Sollte es im Dezember wieder ein Wochenende der Fantasy Filmfest White Nights geben, findet ihr hier natürlich zeitnah die Reviews. Es würde mich auch wundern, wenn ich am Abend der Wahl in den USA nicht doch einen Kommentar veröffentlichen würde - bevorzugt, um die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu (be)grüßen.

Darüber hinaus ist hier jetzt erstmal...

testbild

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30
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Nach(t)gedanken & Statistik

So habe ich nach 10 Tagen FFF 2016 ausgesehen:

Motel

Im Vergleich zu einigen Vorjahren ist das noch erstaunlich sozial kompatibel.

Ich sammle hier einfach noch mal ein paar lose Gedanken zum Thema...

Zuerst einmal bedanke ich mich bei Leser und Kommentator Flippah, der quasi spontan für Doc Acula eingesprungen ist. Er hat ebenfalls alle 51 Filme durchgehalten, das verdient meinen Respekt. Ich danke auch allen anderen netten Besuchern, die den Fehler gemacht haben, sich mit mir auf Diskussionen einzulassen.

Danke auch an die Veranstalter, besonders an Matthias und Friederike. Friederike nahm meinen Vorschlag an, nicht jeden Film mit einer generischen Variante von "Also mir hat er sehr gefallen" einzuleiten und hat "Greasy Strangler" fair und offen als "Nicht mein Ding" angekündigt. Matthias hat mich zum Screening von "Don't kill it" auf die Bühne geholt, damit ich ein paar Worte zu Mendez und Lundgren sage. Im Gegenzug habe ich zweimal den Popcorn-Eimer gehalten und nach den Screenings die Stimmkarten für den "Fresh Blood Award" eingesammelt. Ich musste dem Reiz widerstehen, jeder Frau, die "We are the Flesh" eine 1 oder 2 gab, faux-empört "pfuiiii!!!!" hinterher zu zischen.

Ach ja, der "Fresh Blood Award". Ich bin mit dem Abstimmungsergebnis in Nürnberg etwas unzufrieden, weil "Priests" und "Under the Shadow" nur sehr beschränkt in meine persönliche Top Ten gehören, aber der Sieg von "They call me Jeeg Robot" hat mich damit versöhnt. Ich bin mal gespannt, wie die anderen Städte abstimmen.

Meine persönlichen Top 5 dieses mal, ohne Ranking:

Swiss Army Man
We are the Flesh
They call me Jeeg Robot
Toro
Train to Busan

Wer fünf mehr Tipps für die Heimsichtung braucht:

The Girl with all the Gifts
My Big Night
Don't kill it
Desierto
Deep in the Wood

Meine persönlichen Flop 5:

Shelley
Cell
Follow 
Greasy Strangler 
I had a bloody good time at House Harker

Es gibt einen seltsamen Disconnect: Obwohl die Ampelwertungen etwas anderes sagen, habe ich dieses Jahr als vergleichsweise schwach empfunden. Eine genauere Analyse verrät den Grund: Es gab zwar wieder richtig viele grüne Ampeln, nämlich 25 - aber das Mittelfeld war mit gerade mal 11 Filmen unterbesetzt und satte 15 rote Ampeln haben die Laune versaut. Damit gab es nicht weniger gute Filme als in deutlich besseren Jahrgängen - nur viel mehr schlechte.

graph

Top-Jahrgang bleibt 2010 mit nur zwei roten Ampeln. Das ist allerdings nicht vergleichbar, weil damals noch Filme parallel liefen und die sorgfältige Vorauswahl vermutlich schon viele Gurken aus der Bilanz genommen hat.

Sämtliche Kritiken sind auch diesmal mit Wertungen und Statistik bei der großen FFF-Masterliste verlinkt.

Dass nicht ein einziger deutscher Film irgendwie qualitativ oder thematisch in Programm passte, spricht Bände über das aktuelle Genrekino hierzulande. Kurz zusammen gefasst: Es gibt keins.

Ich habe übrigens meine Meinung zur Filmauswahl der Festivalveranstalter teilweise revidiert. Ja, es ist immer noch schön, dass das FFF nicht mit Direct2DVD-Sequels und TV-Filmen zugemüllt wird. Aber die Tatsache, dass hier fast ausschließlich Filme aus dem internationalen Festival-Wanderzirkus durchgeschleust werden, führt zu einer gewissen verzerrten Wahrnehmung - was auf dem FFF läuft, gibt (anders als früher, habe ich das Gefühl) keine repräsentatives Bild des/der Genres ab. Zu viele Filme wurden offensichtlich mit vielen Steuergeldern und Fördertöpfen speziell für den Zweck gedreht, vor ausgesuchtem Publikum zu laufen und nicht in regulären Kinoauswertungen ihr Budget wieder einspielen zu müssen. Das ist teilweise schon sehr mühsame Nabelschau (Shelley, Follow, Here alone) und die Freiheit von kommerziellen Zwängen führt eben oft nicht zu kreativen Höchstleistungen, sondern auch zu erzählerischer Faulheit und Prätention.

Darum würde es mir durchaus gefallen, wenn die Veranstalter künftig wieder etwas mehr mit den etablierten Verleihern arbeiten würden, um das Programm einen Tacken aufzuhübschen. Es gab 2016 Tage, da kam ich nach fünf Depri-Filmen wirklich entmutigt aus dem Saal. Ist es zuviel verlangt, dass wenigstens zwei von fünf Filmen am Tag krachendes, buntes Entertainment bieten sollten? Die Mischung macht's.

Und von der Mischung kommen wir gleich auch mal zu den Genres. Ich habe ja nix gegen Außenseiter und positive Überraschungen, aber angesichts solcher Filme wie "To steal from a thief" und "My big night" kann man das "Fantasy" im Titel des Festivals auch gleich streichen. Früher wurden die Eckpfeiler Fantasy, Horror und Science Fiction noch durch Action und Asia ergänzt - mittlerweile scheint es keinerlei Maßstäbe mehr zu geben außer die Verfügbarkeit. Auch hier meine Bitte: Etwas mehr an das Publikum denken, das Karten für ein FANTASY Filmfest gekauft hat.

Nichts destotrotz war es wieder eine gelungene und prima organisierte Veranstaltung, zu der dich auch 2017 gerne wieder anreisen möchte.

Zum Abschluss gab es auch noch eine gute Nachricht: Im Winter gibt es aller Voraussicht nach erneut ein White Nights-Wochenende. In bin dafür - und dabei. Vielleicht mal wieder in Berlin.

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30
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Carnage Park

Carnage Park

Carnage-Park-Poster-2USA 2016. Regie: Mickey Keating. Darsteller: Ashley Bell, Pat Healy, Darby Stanchfield, Larry Fessenden, James Landry Hébert, Michael Villar, Alan Ruck

Offizielle Synopsis: Haben Sie gerade eine Bank ausgeraubt, eine wehrhafte Geisel im Kofferraum – Ihr Komplize hat einen Bauchschuss erlitten und die Bullen sind Ihnen auf den Fersen? Dann flüchten Sie doch in den Carnage Park, das Vergnügungsareal voller Attraktionen. Wir garantieren Ihnen den Nervenkitzel Ihres Lebens – oder besser gesagt: Ihres Todes. Hier nimmt Sie unser bestens ausgebildeter Maniac noch persönlich ins Fadenkreuz seines zertifizierten Scharfschützengewehrs. Ladehemmung ausgeschlossen!

Kritik: Okay, mit diesem Nachzügler-Review beenden wir die Leistungsschau des Genrekinos bekannt als Fantasy Filmfest. Ich werde sicher noch ein paar generelle Nach(t)gedanken zusammen fassen, aber was die Kritiken angeht, ist hier das Ende der Fahnenstange.  51 Filme, 51 Reviews. Perfect score.

Ich gebe zu, dass ich mich von dem guten Trailer habe verleiten lassen, auf meiner Masterliste vorab schon die grüne Ampel zu vergeben und meine abschließende Statistik dergestalt zu berechnen. Leider habe ich nicht damit gerechnet, dass "Carnage Park" eben doch nicht der hochoktane Thrillride ist, den ich angesichts des involvierten Talents erwartet hatte.

Das primäre Problem ist sicherlich, dass hier angeblich eine wahre Geschichte nacherzählt wird - auch wenn eine grobe Googelsuche das nicht verifizieren konnte. Wahre Geschichten und wahre Charaktere haben die Angewohnheit, sich selten an kinotaugliche 3 Akt-Strukturen zu halten und lassen sich auch nicht beliebig zu Gunsten der gewünschten dramaturgischen Entwicklung hinbiegen. So ist Viviane Fontaine nicht mehr als irgendeine Frau, die durch eine Verkettung unglücklicher Umstände auf dem Gelände eines durchgeknallten Waffenfetischisten landet, der sie daraufhin zum Freiwild erklärt. Es gibt keine Beziehung zwischen beiden, keine Backstory. Sie repräsentieren auch keine kontrastierenden Weltbilder, aus denen man einen Subtext lesen könnte - in "Desierto" standen die beiden Hauptfiguren ja sehr klar für ihre beiden Heimatländer, verkörperten einen Klassen- und Verteilungskampf.

carnage park

Viviane hat auch - außer zu überleben - kein Ziel vor Augen. Sie flüchtet ziemlich planlos, die einzelnen Spannungsszenen sind eher episodisch eingestreut und von wechselnder Effizienz. Das steigert sich nicht ausreichen, im Gegenteil - diverse Flashbacks nehmen immer wieder das Tempo raus.

Vor allem aber hat mich der technische Schnickschnack geärgert. Auch hier ist es wieder angebracht, den Vergleich zu "Desierto" zu ziehen, der extrem straight inszeniert ist und auf Schaueffekte komplett verzichtet. Er vertraut seiner Story, seinen Figuren und seiner Regie. "Carnage Park" vertraut primär auf die Editing-Software und die Bibliothek mit den Soundeffekten. Was hier an Filtern, Schnitten und Audio-Nachbearbeitung aufgefahren wird, ist aufdringlich und reißerisch, der tatsächlichen Spannung und dem Stil der 70er-Thriller massiv abträglich. Ich verstehe, dass man den Look trocken und ausgebleicht halten wollte - aber muss deswegen alles nach Sepia-Pampe aussehen?

So hangelt man sich an den Performances von Healy, Bell und Ruck durch einen inhaltlich grobschlächtigen, unnötig aufpolierten Exploiter, der nie seine Qualitäten ausspielt oder sein Potenzial ausschöpft. Das geht gerade noch als "Midnight Movie" durch, für den Solokonsum daheim wäre das eine rote Ampel.

gelbFazit: Eine Low Budget-Hommage an die schwitzigen Drive In-Roadmovies der 70er, die ihre sehr dünne Story und die mangelnd definierten Charakter trotz der Mühen aller Beteiligten nur mühsam mit tonnenweise Schnitt- und Soundgimmicks über die Laufzeit bringt.

Philipp meint: Getragen von einer ausnehmend starken Hauptperson scheint hier das "based on a true story" die Geschichte nicht behindert zu haben.

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Scare Campaign

Scare Campaign

Scare-Campaign-Movie-PosterAustralien 2016. Regie: Cameron Cairnes, Colin Cairnes. Darsteller: Meegan Warner, Ian Meadows, Olivia DeJonge, Josh Quong Tart, Patrick Harvey, Cassandra Magrath, Steve Mouzakis, John Brumpton

Offizielle Synopsis: Ausgangspunkt ist das fiktive TV-Format „Scare Campaign”, das in der bereits 5. Staffel Ahnungslose erschreckt und vor versteckter Kamera vorführt. Zuletzt wäre bei einem fiesen Streich in der Pathologie beinahe eine Darstellerin gestorben, weshalb Redakteurin Emma eigentlich aus dem Geschäft aussteigen will. Aber ihr gegen Moral und Gewissen immuner Chef Marcus hält sie auf Kurs und die Produzentin fordert sogar noch mehr Drastik. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Die Internetshow „Masked Freaks”, eine Art VIDEODROME mit Slipknot-Maniacs, die ihre Mordinstrumente direkt an die Kameras geschnallt haben, läuft „Scare Campaign” längst die Quote ab.

Kritik: Ich bin durchaus der Meinung, dass aktuelle Trends im Horrorfilm Anlass zur Medienkritik geben, meinetwegen auch im Kontext eines Horrorfilms selbst. Dass der klassische Gruselfilm den zynischen Schlachtplatten weichen muss(te), ist zwar etwas plakativ und sicher nicht pauschal richtig, aber man kann (gerade auch nach Diskussionen, die ich hier auf dem Festival geführt habe) durchaus mal fragen, ob die neue Generation von Zuschauern nicht auf "thrills" statt "chills" aus ist, ob hier ein Fandom von gewaltgeilen, emotional betäubten Gaffern heran wächst, die Filme nach Schmerzgrenzen und Gewaltleveln werten (wobei ich zu einer Generation gehöre, von der man das vor 30 Jahren auch schon behauptet hat).

Es ist allerdings problematisch, wenn man diese Fragen im Kontext eines gewaltgeilen und voyeuristischen Splatterfilms stellt, also den Bock zum Gärtner macht und das Objekt der Kritik zur Kritik am Objekt erklärt.

"Scare Campaign" gibt vor, die Wachablösung vom effektiven Schocker zum inhaltslosen, aber gewaltgeilen YouTube-Clip zu kritisieren. Dummerweise ist schon die als moralisch sauber proklamierte TV-Show "Scare Campaign" eine zynische Sauerei, wenn im Prolog ein unbedarfter Wachmann derart verängstigt wird, dass er sich in die Hose pisst und zur Waffe greift. Ehrlich jetzt - DAS sollen die "guten Horrorfilme" sein, die nun vom bösen Internet bedroht werden?

Der Versuch, die TV-Show für den neuen Markt etwas härter zu gestalten, ist damit auch keine Aufgabe höherer Ambitionen, sondern nur ein weiterer Abstieg in die Scheiße. Und so sehr sich die Macher des Films auch bemühen - man muss schon sehr unbedarft sein, um die schockierenden Twists der nächsten Stunde nicht von weitem kommen zu sehen. Die Inszenatoren finden sich als teil der Inszenierung wieder, jede Ebene der Realität ist eine neue Ebene der Show.

scare campaign

Abgesehen davon, dass "Scare Campaign" sehr vorhersehbar ist, ist er auch noch sehr hohl. Die "Medienkritik" beschränkt sich auf "TV-Bosse hecheln immer nur den Quoten hinterher" - was Unfug ist, da die TV-Show ja gut läuft und der Erfolg von "Maskes Freaks" im Netz darauf keinen Einfluss hat.

Überhaupt, die "Masked Freaks" - dieses Konzept ist in einem Maße schlecht durchdacht, dass ich den Autoren eine Backpfeife verpassen möchte. Das Publikum glaubt (so wird unterstellt), die brutalen Clips seien einfach nur phänomenal gut gestellt. Wenn das reicht, um 15 Millionen zahlende Kunden zu bekommen - warum sollte man echte Morde begehen und filmen? Was für einen Sinn hätte es, ein widerliches aber legales Geschäftsmodell durch dutzendfache Massaker zu gefährden? Und wie heuert man Teenager an, um solche Morde zu begehen?

Das ist konzeptionell null durchdacht und kann deswegen auch kein logisches Ende finden. Wie so oft, brechen die Macher deshalb mitten in der Handlung ab und winken mit der Aussicht auf eine Fortsetzung, was mich auch ankotzt.

"Scare Campaign" hält sich für kritisch, feiert aber, was er kritisiert - und ist letztlich so unausgegoren und selbstverliebt wie die "Purge"- und "Saw"-Reihen.

Vielleicht bin ich aber auch nur zu alt für diese Sorte Unsinn.

rotFazit: So wie "Beyond the Gates" spezifisch die Filmfans der 80er anspricht, ist "Scare Company" ein Grusler für die YouTube-Generation und damit für mich vielleicht schon verloren. Ich erkenne und respektiere eine gewisse technische Finesse, kann mit dem hanebüchenen Plot in diesem zynischen Kontext allerdings nichts anfangen.

Philipp meint: Gut gespielt, schert sich aber nicht um logische Verankerung in der Welt. Da das aber bei Splatter eher üblich ist, kann ich es hier akzeptieren.

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: My Big Night

My Big Night

my-big-night-posterSpanien 2015. Regie: Álex de la Iglesia. Darsteller: Mario Casas, Pepón Nieto, Hugo Silva, Carmen Machi, Santiago Segura, Carlos Areces, Raphael, Jaime Ordóñez, Terele Pávez, Carolina Bang, Enrique Villén

Offizielle Synopsis: Beim Dreh des Silvesterspecials eines spanischen Fernsehsenders geht so ziemlich alles Denkbare schief. Wenn gleich in den ersten Minuten ein Zuschauer von einem Kamerakran erschlagen wird, ist es wohl ratsam, sich besser anzuschnallen. Da ist zum Beispiel der alternde Schlagerstar Raphael, der seinen blutjungen Konkurrenten Adanne am liebsten um die Ecke bringen würde. Der wiederum kann seine Hosen einfach nicht anbehalten und gerät dadurch in das Erpressungskomplott eines Groupies, während Raphaels Sohn Yuri derart unter seinem jähzornigen Vater leidet, dass er seine eigene Verschwörung plant, um den Tyrannen loszuwerden. Und dann gibt es im Studio noch zwei überforderte Moderatoren, die sich gemeinsam mit der Crew so einiges ausdenken müssen, um dieses Monstrum namens Fernsehen unter Kontrolle zu bekommen.

Kritik: Álex de la Iglesia ist - wie Mike Mendez - ein zuverlässiger Lieferant echter Crowdpleaser, zuletzt mit dem hilariösen "Witching & Bitching". Sein Einfallsreichtum sprengt alle Maßstäbe, seine Fähigkeit, kontrolliertes Chaos auf die Leinwand zu bringen, ist ohnegleichen - und "My big night" das perfekte Beispiel dafür.

Dieser Film sollte nach keinem Maßstab für das Fantasy Filmfest geeignet sein – er besitzt keinerlei phantastische Gimmicks, ist nicht brutal, hat keine traditionellen Actionszenen oder Crime-Elemente. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als das "behind the scenes"-Durcheinander bei einer geschmacklos-kitschigen Silvester-Show, die der Logistik wegen schon im Oktober aufgezeichnet wird und bei der die Beteiligten das Studio eine Woche lang nicht verlassen dürfen, weil draußen gewalttätige Demonstranten das Gelände belagern.

In Deutschland würde sich so ein Film um Dieter Thomas Heck und Michelle Hunziker drehen, um Udo Jürgens und Andreas Gabalier.

my big night

Was "My big night" so sensationell und für das FFF tauglich macht, ist das atemberaubende Tempo und die gleichzeitige Kontrolle, mit der de la Iglesia alle Handlungsstränge im Griff behält, kombiniert, ergänzt und entwickelt. Die Dutzenden von Figuren bilden einen so hysterischen wie funktionierenden Mikrokosmos aus Liebe und Verrat, Sieg und Niederlage. Selbst für Leben und Tod sind nur Sekunden Zeit, dann müssen die Kameras wieder laufen. Alles auf Anfang!

Dass "My big night" zudem noch brüllend komisch, sexy und medienkritisch ist, verwundert dann auch nicht mehr. Álex de la Iglesia hat auch diesmal keine Mühe, das alles unter einen Hut zu bringen. So einen gibt es nicht in Deutschland, wie FFF-Moderator Matthias korrekt anmerkte. Und gäbe es ihn, würde man ihn nicht solche Filme drehen lassen. Und würde man ihn solche Filme drehen lassen, würde sie niemand anschauen.

Bonuspunkt für Mario Casas, der als strunzdumme und dauergeile Ein Mann Boygroup zeigt, dass er nicht nur harte Action kann.

gruenFazit: Komödie, Romanze, Krimi, Chaos - mehr Film geht nicht. Wer sich bei "My big night" nicht prächtig unterhält, ist ein japanischer Abteilungsleiter mit einem kleinen Mäusepimmel ( (c) Walter Moers).

Philipp meint: Totales Chaos - der Film. Geniale Verwebung diverser Handlungsfäden, brüllend komisch und spannend zugleich.

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Train to Busan

Train to Busan

train to busan posterSüdkorea 2016. Regie: Yeon Sang-Ho. Darsteller: Gong Yoo, Ma Dong-Seok, Jung Yu-Mi, Choi Woo-Sik, An So-Hee, Kim Eui-Sung, Kim Su-An

Offizielle Synopsis: Seok-woo hat seiner Tochter Su-an versprochen, an ihrem Geburtstag ihre Mutter in der Küstenstadt Busan besuchen zu dürfen. Nur widerwillig besteigt er mit Su-an den pfeilschnellen KTX 406 und hofft, dass der Hochgeschwindigkeitszug ihn bis spätestens Mittag wieder zurück in die Hauptstadt bringt. Unglücklicherweise hat sich der Hauptbahnhof von Seoul über Nacht im Untergrund in eine Brutstätte blutdurstiger Zombies verwandelt und gerade als der Zug abfährt, bahnen sich die Untoten einen Weg nach oben. Unbemerkt schafft ein infiziertes Mädchen in letzter Sekunde den Aufsprung auf den Waggon und stellt damit die Weichen auf tödliches Chaos. Zuerst bemerken die Reisenden nichts von ihrem Pech, bis sich die Infektion blitzschnell ausbreitet und eine rasende Welle geifernder Zombies durch die Abteile jagt. Während die Insassen von KTX 406 verzweifelt um ihr Leben kämpfen, stellt sich schnell heraus aus welchem Holz die im Zug entstandene Schicksalsgemeinschaft geschnitzt ist. Im Angesicht des Todes zeigen die Passagiere ihr wahres Gesicht und Moral scheint für manche nur ein Hindernis, wenn es darum geht, die Endstation lebend zu erreichen. Wie weit muss Seok-woo gehen, um seine Tochter zu beschützen?

Kritik: DAS nenne ich mal den korrekten Abschlussfilm nach 10 Tagen und 51 Vorführungen und einer bevorstehenden mehrstündigen Heimfahrt durch die Nacht! War das Prequel "Seoul Station" noch generisch und langweilig, wird hier massiv auf 11 gedreht.

Das heißt nicht, dass "Train to Busan" das Genre neu erfindet. Ähnlich wie "Priests" nimmt er erstmal das, was man aus US-Zombiefilmen zur Genüge kennt und versetzt es nach Korea. Die ersten ominösen Radiomeldungen, ein paar Krankenwagen jagen durch die nächtliche Stadt, ein Hochhaus steht in Flammen. Fondsmanager Seok-woo begleitet seine Tochter eigentlich nur widerwillig zum Zug, die Geschäfte gehen vor.

Und dann bricht die Hölle los. Und sie tut es schnell. Und schmerzhaft. Wenn man anderswo gerne bildlich von "Wellen von Zombies" spricht, trifft das hier tatsächlich zu. Die Untoten vermehren sich rasend, stürmen die Straßen und Gebäude, wirken teilweise wie rauschende Massen, die sich aus Fenstern und durch platzende Türen ergießen. Die Gefahr ist derart präsent und total, dass unseren Protagonisten für den Rest der beträchtlichen Laufzeit keine Wahl bleibt: Rennt um euer Leben. Und nicht vielen wird es gelingen...

Der Zug als primäres Setting ist dabei ein genialer Schachzug, denn er zwingt die Überlebenden und die Zombies aufeinander, macht Flucht sinnlos und jedes Versteck temporär. Jeden Augenblick ist klar, dass die Menschen keine Chance haben, dass ihre Zahl sich von Minuten zu Minute verringert - sie können nur hoffen, Busan zu erreichen, bevor der Counter auf 0 steht.

train to busan

Dabei nutzt "Train to Busan" jede winzige Atempause, jeden gebrüllten und geschluchzten Dialog dazu, seine diversen Figuren plausibel zu etablieren und weiter zu entwickeln. Es gibt Helden und Feiglinge, die alten Freunde und die jungen Liebenden, das prototypische alte Arschloch und die unvermeidliche Hochschwangere. Sie alle sind mehr als nur Zombiefutter - sie sind Menschen, deren Schicksal uns am Herzen liegt und deren Tod in einigen Fällen wirklich für Beklemmungen sorgt.

Das ist vielleicht auch die größte Leistung von "Train to Busan": Dass er neben der opulenten Action und der atemlosen Dramaturgie noch Zeit und Talent hat, uns für seine Figuren zu interessieren.

Ein Rocker vor dem Herrn. Wie kann der von den gleichen Leuten sein, die "Seoul Station" verbrochen haben?!

gruenFazit: Ein druckvoll und emotional mitreißend inszenierter Zombie-Actionthriller, der wirklich alles aus dem Setting und den Figuren heraus holt. Im Genre ein absolutes Highlight, mindestens so gut wie (wenn nicht besser als) "The Girl with all the Gifts".

Philipp meint: Nach den Animations-Heulbojen "King of Pigs" und "Seoul Station" zeigt der Regisseur, dass er Realfilme durchaus kann. Auch hier fließen Tränen, aber statt Apathie gibt es zupackende Personen mit charakterlicher Entwicklung. Geht doch! Geht sogar richtig, richtig gut!

P.S.: Mit dem Abschlussfilm sind wir noch nicht durch - morgen liefere ich noch "Carnage Park" nach, den ich wegen persönlicher Verpflichtungen verschieben musste.

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Beyond the Gates

Beyond the Gates

beyond the gates posterUSA 2016. Regie: Jackson Stewart. Darsteller: Graham Skipper, Chase Williamson, Brea Grant, Barbara Crampton, Pierson Ryan, Henry LeBlanc

Offizielle Synopsis: Ein halbes Jahr nach dem rätselhaften Verschwinden seines Vaters kehrt Gordon zurück in seine Heimatstadt. Hier soll er seinem jüngeren Bruder, dem Tunichtgut John, dabei helfen, den Nachlass des Verschollenen zu verwalten. Die entsprechende Hinterlassenschaft besteht hauptsächlich aus einer verstaubten Videothek, in der entgegen jeglicher technischer Weiterentwicklung, immer noch Tausende von uralten Videokassetten ihr Dasein fristen. Bald stoßen die Brüder im Büro ihres Vaters auf ein mysteriöses Brettspiel. Als sie die dazugehörige VHS in den Recorder schieben, erwartet sie auf dem Band die geheimnisvolle Evelyn, die erklärt, dass die beiden ihren Vater nur retten können, wenn sie sich auf die Suche nach Schlüsseln begeben, die das Tor in eine andere Welt öffnen. Gordon und John bleibt keine Wahl: Widerstrebend begeben sie sich auf eine Reise, die direkt in die Hölle führt.

Kritik: Ach Gottchen, wie niedlich - ein Film, extra für Geeks wie mich. Das fängt schon beim Herzklopfen an, wenn die Hauptdarsteller durch die gigantische Videothek streifen, mit Hunderten von Regalmetern teilweise handbeschrifteter Kassetten, viele davon im Betamax-Standard. Dazu der Titel des Film und die Titelmusik, die an Fulci erinnern. Der Versuch, ein simples Gartentor mit ein bisschen Kunstnebel und ein paar blauen und roten Lampen zu einem Zugang zur Hölle zu erklären (hinter dem deutlich sichtbar ein Fahrrad steht). Barbara Crampton aus "Re-Animator" und "Castle Freak" als Videospiel-Hostess der Hölle, von der alle Beteiligten tapfer behaupten, sie sähe "totally hot" aus. Und dann diese entzückenden, handgemachten Splatterszenen, auf die stolz draufgehalten wird wie weiland bei "Tanz der Teufel".

beyond the gates

Das ist grundsympathisch, keine Frage. Man fühlt sich an den "echten" Low Budget-Film der 80er erinnert, an Fred Olen Ray und Don Dohler.

Die Kehrseite der Medaille ist: Wer nicht nostalgisch dem Schrottschrecker der 80er nachhängt, ist hier total falsch. Die Story ist banane und macht an keiner Stelle Sinn, die Darsteller sind bestenfalls okay und das düster daher behauptete Tor zur Hölle ist eben doch nur der Keller eines Vorstadthauses (vermutlich von Freunden oder Verwandten der Macher). Echte Suspense, eine propere Entwicklung der Figuren oder eine innere Logik sucht man hier vergebens. "Beyond the Gates" ist nicht nur formell, sondern auch erzählerisch ein Rückgriff auf ein Jahrzehnt, in dem Dramaturgie oft noch mit der Axt erzwungen wurde. Wer das nicht kennt und daran nicht gewöhnt ist, der wird in Jackson Stewarts Film nur krudes Gerümpel sehen.

gelbFazit: Ein Liebesbrief an den Low Budget-Horror und die Geeks der 80er, der für die heutige Generation erheblich zu grobschlächtig und simpel sein dürfte, der Generation 45+ aber sicher das Herz aufgehen lässt.

Philipp meint: Niedliche Geschichte, die ihre innere Logik weitgehend durchhält und aus wenig Budget einiges macht.

P.S.: Kurios übrigens, dass Miss Crampton sich als Executive Producerin wieder eine eigene, unnötige Post Credits-Sequence gönnt...

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Priests

Priests

Priests_posterSüdkorea/Italien 2015. Regie: Jang Jae-Hyun. Darsteller: Kim Yun-Seok, Gang Dong-Won, Park So-Dam, Kim Eui-Sung, Son Jong-Hak, Nam Il-Woo, Lee Ho-Jae

Offizielle Synopsis: Sechs Monate ist es her, dass sich die kleine Young-shin aus dem Fenster und ins Koma gestürzt hat. Vater Kim, ihr Priester, ist der felsenfesten Überzeugung, dass ein Dämon von seinem Schützling Besitz ergriffen hat. Der Seouler Erzdiözese ist der unorthodoxe Kim nicht erst seit diesem Vorfall ein Dorn im Auge. Sie stellt ihm den jungen Diakon Choi zur Seite – auch zum Spitzeln. Choi ist begeistert, bis er erfährt, dass alle früheren Assistenten Kims dem Wahnsinn anheim gefallen sind. Schon bald macht auch Choi die Begegnung mit den Herrschern der finsteren Welt. Sie führen ihn tief an den Rand des Verstandes und zu einem nie überwältigten Kindheitstrauma zurück.

Kritik: Manche Leser könnten mir nach der geballten Lektüre der Reviews Heuchelei vorwerfen, weil ich teils widersprüchliche Thesen inbrünstig vertrete. Ist es besser, wenn ein Film an seinen Ambitionen scheitert, als wenn er keine hat? Reicht es, sattsam bekannte Erzählmuster lediglich kompetent aneinander zu reihen? Ist es der Mainstream oder ist es der Außenseiterfilm, der das Genre voran bringt? Das scheint je nach Kritik zu wechseln. Und das stimmt auch. Weil letzten Endes einzig das Bauchgefühl zählt - und das kann mein Urteil auch bei sehr gleich gelagerten Filmen verschieden ausfallen lassen.

"Priests" ist ein Streifen, den ich - rein objektiv betrachtet - gut finden müsste. Er versetzt die klassische Exorzisten-Mär in ein frisches Umfeld, bringt neue Details ein, überzeugt mit guten Darstellern, effektiv inszenierten Schockszenen und einem überraschenden Actionanteil. Außerdem kommt ein süßes Ferkel drin vor.

Aber es reicht nicht. Ich kam unzufrieden (und übermüdet, aber daran lag es nicht) aus dem Kino. Und es dauerte eine Weile, bis ich den Finger drauf legen konnte, wieso.

priests

Zuerst einmal baut "Priests" einen größeren Film, als er letztlich zu liefern bereit ist. Die erste Stunde wird an Verwicklungen im Vatikan verschwendet, an frühere Exorzisten, an eine Geisterglocke, an politisches Gerangel im katholischen Bistum von Seoul - doch all' diese Dan Brown'schen Elemente haben mit dem eigentlich Plot nichts zu tun, der wirklich nur einen banalen Exorzismus im Stile von "the power of Christ compels you!" darstellt.

Was hingegen nicht ordentlich gebaut wird, ist die Figur des besessenen Mädchens, das erst ins Spiel kommt, als es bereits in den Klauen des Dämons steckt. Zu ihr, deren Schicksal das Leben vieler Menschen kosten wird, haben wir praktisch keinerlei Beziehung, sie ist uns schnurz. Genau diese Fokusänderung zu Friedkins "Exorzist" schadet dem emotionalen Mehrwert.

Angesichts dieser Tatsachen kann sich der Film zu Ende hin nicht steigern, weil die Vorarbeit sich nicht auszahlt und die Figuren den kümmerlichen Rest nicht tragen. Es wird nur schneller und lauter, nicht spannender.

Respekt allerdings für die finale Fahrt durch die Stadt, die wirklich klasse ausgedacht und umgesetzt ist. Die allein zieht den Film in die gelbe Ampel.

gelbFazit: Eine durchaus schicke und actionreiche Variante von "Der Exorzist" mit einem dynamischen Finale, die aber dem Subgenre nicht Neues hinzufügt und die bekannten Klischees mit zu viel unnötiger und unbediener Backstory auffüllt, statt zeitig in die Puschen zu kommen.

Philipp meint: Bietet ein bisschen nettes Lokalkolorit, vergisst aber leider die früh angedeuteten innerkirchlichen Intrigen. Mit etwas Abstand merklich schlechter als im Ersteindruck.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Another Evil

Another Evil

another evil posterUSA 2016. Regie: Carson D. Mell. Darsteller: Steve Zissis, Mark Proksch, Jennifer Irwin, Dax Flame, Steve Little, Dan Bakkedahl

Offizielle Synopsis: Maler Dan, der mit simplen schwarzen Kreisen Erfolg hat, entdeckt Geister in seinem Ferienhaus. Er engagiert ein Medium, das wie Al Bundy im Muscle Shirt aussieht und beim Dosenbier verkündet: Ja, die Hütte wird heimgesucht. Aber nur von freundlichen Geistern, im Prinzip ganz harmlose Seelen – lernt damit zu leben! Da holen sich Dan und Familie dann doch lieber eine zweite Meinung. Der ebenfalls schräge Os diagnostiziert ETD – evil totally determined – und rät dazu, die gemeingefährlichen Dämonen zu vernichten. Und zwar möglichst brutal. Das Problem: Os hat mehr Probleme mit der Realität und den Menschen als alle Geister, die sich in Dans Haus herum treiben - und er ist potenziell auch gefährlicher...

Kritik: Ihr habt es bei mir schon öfters gelesen - die meisten richtig guten Filme lassen verschiedene Lesarten zu, sind mehr als nur eine Abfolge von eskalierenden Gruselereignissen. Da kann ein Zombie für das Ende einer Ehe stehen, ein Poltergeist für die Abnabelung des Teenagers von der Familie. Manche Filme lassen das als Subtext mitlaufen, andere stellen es in den Vordergrund.

Auch "Another Evil" erzählte letztlich zwei Geschichten in einer. Ja, das Haus von Dan ist definitiv von Geistern verseucht und ja - Os ist durchaus in der Lage, etwas dagegen zu tun. Auf dieser Ebene wird ein klassischer Poltergeist-Plot erzählt mit allen üblichen Klischees: Die erste Sichtung, die erste Attacken, die ersten Erfolge, die verfrühte Freude, der Gegenangriff, das Finale.

Aber viel wichtiger und wuchtiger ist die Geschichte von Os und Dan, denn hier liegt der emotionale Kern: Dan will eigentlich nur seine Ruhe, leistet Os aus Skepsis und Pflichtbewusstsein Gesellschaft. Der Geisterjäger - durch Alkoholismus und Ehekrise am Anschlag - will mehr: er will Ansprache, Sympathie, Freundschaft, Liebe sogar. Er projiziert seine Wunschvorstellung eines "best buddy" in den damit völlig überforderten Dan - und als sich nach anfänglich erfolgreich erbettelten Sympathiebekundungen nicht die gewünschte Gegenseitigkeit einstellt, wird er zunehmend aggressiv, wirr, realitätsfremd. Seine Entschlossenheit, die Geister zu stellen, ist in Wirklichkeit ein Kampf um Dan, den er nicht gewinnen kann.

another evil

Diese Geschichte erzählt Regisseur Mell preiswert, ohne große Schaueffekte oder einen mühsam herbei gefilmten "Look". "Another Evil" ist Low Budget-Kino, bei dem das Konzept trägt, was das Budget nicht leisten kann. Und das gelingt auch ganz hervorragend. Der zunehmend eskalierende Konflikt zwischen Dan und Os ist nicht nur folgerichtig, sondern auch gut beobachtet. Hier lohnt es sich wirklich, auf die Details in den Performances zu achten. Sie verraten sehr viel über das Innenleben der Figuren.

So ist der Film trotz tatsächlicher okkulter Präsenz mehr Psychothriller als Geisterheuler, mehr "Mann gegen Mann" als "Mann gegen Spuk". Und das macht ihn außergewöhnlich und spannend, auch wenn man dafür in der ersten Stunde durchaus Sitzfleisch mitbringen muss.

gruenFazit: Was als preiswerter Geisterfilm anfängt und dann in schräge Komödie umschlägt, endet in einem Zweikampf ungleicher Protagonisten, der auch etwas über die Einsamkeit der Männlichkeit im 21. Jahrhundert aussagt. Nicht schnell, nicht schick, aber mit vielen interessanten Ideen gepolstert.

Philipp meint: Schöne Idee. Man hätte den Film ein kleines bisschen straffen können. Aber auch so durchaus gelungen.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Similars

The Similars

similars posterMexiko 2015. Regie: Isaac Ezban. Darsteller: Gustavo Sánchez Parra, Cassandra Ciangherotti, Humberto Busto, Fernando Becerril, Carmen Beato, Santiago Torres

Offizielle Synopsis: Der Wartesaal des Grauens! Tagelanger Dauerregen hat den Verkehr lahm gelegt. Minenarbeiter Ulisses und eine hochschwangere Frau sitzen in einem gottverlassenen Busbahnhof am Arsch von Mexiko fest. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Radio, durch das beunruhigende Berichte über ein brutales Studentenmassaker (!) und das für Experten unerklärliche Wetterphänomen dringen. Da tauchen weitere Reisende auf: eine vor sich hin brabbelnde Schamanin, ein höchst aggressiver Medizinstudent und eine Frau mit einem kranken Kind. Alle wollen nur endlich weg von hier. Als urplötzlich verstörende Gesichtsmutationen ausbrechen, wächst die Panik unter den Eingeschlossenen. Ist es ein Virus? Stecken Außerirdische dahinter? Oder sind die Wartenden womöglich Testobjekte eines geheimen Regierungsprogramms?

Kritik: Oberflächlich ist "The Similars" genau die Sorte Film, wegen derer ich (auch) zum Fantasy Filmfest fahre. Aus einem Land mit aktuell begrenztem Horror-Output, schön schräg, sich den billigen Klischees des Genres verweigernd - und damit die perfekte Ergänzung zu sympathischen, aber sehr kommerziellen Krachern wie "Don't kill it".

Leider war mir nach fünf Minuten klar, dass praktisch alles, was "The Similars" interessant macht, dreist geklaut ist: Der irreal wirkende Schauplatz, die schwarzweiße Kamera, die sonore Erzählerstimme, die seltsam artifiziell wirkenden Figuren. Das ist nicht dem kreativen Geist von Isaac Ezban entsprungen, sondern dem von Rod Serling.

"The Similars" ist letztlich ein mexikanisches, spielfilmlanges "Twilight Zone"-Remake, ästhetisch, visuell und erzählerisch an die ursprüngliche Serie aus den 60ern angelehnt. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass Ezban sich hier an einer Homage versucht.

similars

Nun gibt es Schlimmeres, als eine der besten und genreprägendsten Serien zu kopieren, zumal Ezban durchaus die Mittel und das Talent hat, sich dabei nicht zu verstolpern. Aber es gibt einen Grund, warum die "Twilight Zone" meistens eine halbe Stunde, manchmal eine Stunde lang waren: Es sind keine auserzählten Geschichten, sondern Schnappschüsse von Kurzgeschichten, erzählte Snacks mit Pointe. Sie sind weder gedacht noch geeignet, auf Spielfilmlänge gestreckt zu werden, weil weder ihre Charaktere noch ihre Handlungsbögen darauf ausgelegt sind. Aus dem Grund enthielt ja auch das Spielfilm-Remake 1983 von Spielberg (u.a.) seinerzeit vier kürzere Geschichten.

Und genau deshalb ist "The Similars" sehr zäh - das anfängliche Interesse an den Geschehnissen im Busbahnhof nimmt mit der Erkenntnis ab, dass es vermutlich keine klare Erklärung geben wird. Und ohne einen klaren Protagonisten hält sich auch die Empathie mit den Figuren in Grenzen.

Eine Bewertung ist deshalb schwierig: Wer nicht - wie ich - ein großer Fan der "Twilight Zone" ist und sich über den dreisten Abklatsch ärgert, der mag "The Similars" deutlich frischer finden und frecher. Aber Filme existieren eben nicht im luftleeren Raum.

gelbFazit: Ein surreales Gruselstück mit viel Auge für Optik, das primär damit hadert, dass es als dreiste, aber unausgesprochene Kopie klassischer Twilight Zone-Motive (besonders der Episoden "It's a good life" "Five characters in search of an exit") nicht ausreichend Saft und Story für die Laufzeit mitbringt.

Philipp meint: Zu The Similars kann ich irgendwie nichts mehr schreiben, nachdem ich weiß, dass es so stark inspiriert wurde, ohne die Originale gesehen zu haben.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Don't kill it

Don’t kill it

dont kill it posterUSA 2016. Regie: Mike Mendez. Darsteller: Dolph Lundgren, Kristina Klebe, Aaron McPherson, Billy Slaughter, Michael Aaron Milligan

Offizielle Synopsis: Ein Provinznest in Mississippi, nicht weit weg vom Arsch der Welt. Hilflos steht die örtliche Polizei einer rätselhaften Mordserie gegenüber, die wie aus dem Nichts über das Kaff hereinbricht und bereits neun Opfer in einer Woche gefordert hat. Als die FBI-Agentin Evelyn Pierce eintrifft, um die blutigen Geschehnisse zu untersuchen, sieht sie sich mit einem Verbrechen konfrontiert, das scheinbar in kein Muster passt. Auf die Hilfe der überforderten Einheimischen kann sie sich schon gar nicht verlassen. Auftritt Jebediah Woodley. Der hünenhafte Blonde stellt sich als Dämonenjäger vor und auch wenn ihm Evelyn zunächst kein Wort glaubt, findet sie sich bald an Woodleys Seite im Kampf gegen ein übernatürliches Monster wieder, das keine Grenzen kennt. Denn der uralte Dämon hat die Fähigkeit munter von Körper zu Körper zu springen und beileibe nicht die Absicht, sich einfangen zu lassen. So gerät die Jagd auf die Bestie für das ungleiche Duo zu einer Achterbahnfahrt des Schreckens. Die Anzahl der Besessenen und kurz darauf Eliminierten droht unübersichtlich zu werden und ein Regen aus Blut und Körperteilen prasselt auf die verschlafene Kleinstadt hernieder.

Kritik: Was für eine hübsche Geste auf der Zielgeraden des Festivals - die Veranstalter baten mich, auf der Bühne ein paar Worte zu Mike Mendez und seiner FFF-Historie zu sagen. Und wo eine Bühne ist, lässt der Wortvogel sich nicht lange bitten. Ich stellte mich also als Mike Mendez vor (was mir nicht geglaubt wurde - vielleicht war der niederrheinische Akzent schuld) und plauderte ein wenig über den Spaß am Monstermassaker, über die Grandiosität von "Big Ass Spider!", aber auch "Lavalantula" und natürlich "Gravedancers". Hey, der Mann hat seine Karriere bei Charles Band und seinem "Bimbo Movie Bash" begonnen!

Und jetzt das - ein Dämonenhorrorfilm mit Dolph Lundgren. Dolph. Fucking. Lundgren. Weihnachten und Ostern an einem Tag quasi.

Die Kopie war noch so frisch, dass zwar nicht gerade die Entwicklungsemulsion vom Zelluloid tropfte, aber einige Effekte waren noch nicht fertig. So müssen in den nächsten Wochen noch ein paar Augen schwarz eingefärbt werden, ein paar Zugseile raus retuschiert werden. Die finale Farbkorrektur fehlte auch.

dont kill it

Ich bin erfreut, vermelden zu dürfen: Mendez liefert mal wieder. Mit etwas mehr Dunkelheit und Knochenhärte als in seinen letzten beiden Filmen erzählt er von der Odyssee des knarzigen Jebediah Woodley, der als "tall dark stranger" in die Stadt kommt, um sie vom Bösen zu befreien. Und schon da bricht Mendez mit den Konventionen des Genres und erfüllt, was ich seit Jahren fordere: Das Horrorkino braucht mehr Helden, mehr proaktive Protagonisten, die vor dem Bösen nicht fliehen, sondern es suchen und vernichten. Leute wie Ash in "Tanz der Teufel" oder Pater Vassey in "Bram Stoker's Shadowbuilder" oder Jack Crow in "Vampires".

Jebediah Woodley ist so einer - und er ist perfekt. Gekleidet wie ein Schamanen-Cowboy, gelingt ihm gleich in den ersten fünf Minuten die heilige Dreifaltigkeit des pubertären Genrefilms: er säuft, er prügelt, er bumst. Durchaus anzunehmen, dass Lundgren schon nach der Lektüre von Seite 2 des Drehbuchs seinen Agenten angerufen und gesagt hat: "Bin dabei!"

Wenn das so war, dann hat er ein paar Seiten weiter die Stelle verpasst, an der er einen hysterisch komischen Monolog halten muss, der ihm vermutlich mehr Text beschert als sämtliche seiner Filme in den 80er und 90er Jahren zusammen genommen. Selten hat sich Dolph so sehr auf die Schippe genommen - und ist sich dabei doch so treu geblieben.

Der Rest des Films läuft - wie eigentlich immer bei Mendez - strikt in den Grenzen des Genres, allerdings getragen von einem hohen Tempo, viel Einfallsreichtum und einem Sinn für das Absurde. "Don't kill it" nimmt sich nie völlig ernst - aber immer ernst genug.

Wie auch bei den bisherigen Mendez-Filmen gilt: Mehr Spaß kann man beim Festival kaum haben, ohne die Hand in die Hose zu stecken. Are you Dolph enough for this movie?

gruenFazit: Ein perfekte Balance aus preiswerter Dämonenaction und sarkastischer Horrorkomödie mit einem gut aufgelegten Lundgren, dessen Jebediah Woodley gefälligst zum neuen Horror Hero aufsteigen und in Fortsetzungen weiter gefeiert werden muss.

Philipp meint: Deutlich ernster als "Big Ass Spider" und "Lavalantula", aber zwischendurch auch brüllend komisch. Grandios.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Ones below

The Ones below

ones_below posterEngland 2015. Regie: David Farr. Darsteller: Clémence Poésy, David Morrissey, Stephen Campbell Moore, Laura Birn, Deborah Findlay

Offizielle Synopsis: Kate und Jack erwarten ihr erstes Kind. Als neue Nachbarn ins leerstehende Erdgeschoss ihres Londoner Townhouses ziehen, scheint zunächst alles gut. Schnell erfährt Kate, dass die frisch zugezogene Theresa ebenfalls schwanger ist und die beiden werdenden Mütter haben gleich ein Gesprächsthema. Während sich Kate jedoch sorglos auf ihr Baby freut und nicht viel Wirbel um ihren Zustand macht, dreht sich Theresas Leben um nichts anderes mehr.

Kritik: Erinnert ihr euch, dass ich im Kontext von "Antibirth" vor ein paar Tagen schon mal über die Eigenheiten des Frauenhorrorfilms gesprochen habe, in dem die Angst der Protagonisten von einer Gefahr aus der eigenen Sphäre befeuert wird? "The ones below" ist ein noch perfekteres Beispiel für dieses Genre - und heuer der dritte Film, in dem der "Horror Schwangerschaft" bedient wird.

Wer sich für das Prinzip des Frauenhorrorfilms interessiert, stößt hier wirklich auf den Jackpot, denn fast alle grundlegenden Fragen, die in diesem Komplex auftreten, sind vertreten: Was, wenn mit meiner Schwangerschaft etwas nicht stimmt? Was, wenn ich meinem Mann nicht mehr vertrauen kann? Was, wenn die Nachbarn gegen mich sind? Was, wenn ich den Verstand verliere?

ones below

David Farr ist Profi genug, alle diese Elemente in eine einzige, straffe Handlung zu packen, ohne seinen Film zu überladen. Er hält sich auch bis zum (unglücklichen, da unnötig konkreten) Epilog die Möglichkeit offen, dass das "Paar von unten" überhaupt nicht bösartig hinter Kate her ist - sämtliche Erlebnisse könnten problemlos auch das Ergebnis von Kates paranoider Erschöpfung sein. An manchen Stellen erscheint das sogar wahrscheinlich.

Auf diese Weise können unserer Protagonistin die Daumenschrauben angezogen werden, ohne dass sie eine Chance auf Flucht oder Hilfe hätte. Denn wie in jedem guten "ich gegen den Psychopathen"-Film ist das Hauptproblem nicht die Einschaltung der Behörden - es ist die Frage, wer der Heldin glauben würde.

Das alles wird - ohne besondere Gewalt oder Effekte - hochgradig spannend erzählt, getragen von vier ausgesuchten zentralen Performances der Darsteller. Besonders David Morissey glänzt mal wieder als Alphamännchen mit unglaublicher Präsenz.

Natürlich erfindet "The ones below" den urbanen Nervenkitzler nicht neu, alle seine Elemente sind sattsam bekannt. Aber so komprimiert, so elegant verzahnt und so konsequent erzählt haben wir sie bisher selten gesehen.

gruenFazit: Einer dieser eleganten urbanen Yuppie-Thriller, die in den 80er und 90er Jahren sehr populär waren. Exzellent konstruiert und gespielt, aber letztlich auch sehr glatt und in seinem Drang, eine konkrete Auflösung anzubieten, etwas über das Ziel hinaus.

Philipp meint: Gut inszenierter Psychothriller, der leider der Versuchung nicht widersteht, seine eigene Geschichte komplett aufzulösen.

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