29
April 2016

Watching (10): Remake, Remix, Rip-Off

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Disclaimer: Der Verleih hat auf Facebook um Reviews gebeten, um den kurzfristig angesetzten Kinostart dieser Doku zu promoten. Ich habe einen Online-Screener bekommen für das Versprechen, eine Kritik zu schreiben.

Ich bin kein Experte, was Türksploitation angeht, aber ich war doch schon in dem Thema "drin", als man sich "Turkish Star Wars" noch nicht auf YouTube anschauen oder sich die Nerd-Expertise bei bezaubernden Programmen wie "Deja View" holen konnte:

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Ich habe in den 90ern an Kassetten-Tauschringen teilgenommen, für Filmsammler in New York alte B-Western auf Kabel1 mitgeschnitten, um dafür Tapes mit "Turkish Exorcist" oder "Indian Superman" geschickt zu bekommen. In meinem Bücherregal steht das faktenreiche, aber größtenteils auf türkisch verfasste Standardwerk "Fantastik türk sinemasi". Und ich habe immer, IMMER gedacht, dass zu dem Thema endlich mal eine ordentliche Dokumentation produziert gehört.

Hier ist sie. Aus Deutschland. Ein "Kleines Fernsehspiel" vom ZDF.

Das soll sich als Segen UND als Fluch erweisen.

"Remake Remix Rip-Off" ist keine "geführte" Dokumentation, kein Sprecher erläutert Zusammenhänge oder führt in das Thema ein. Stattdessen lässt Cem Kaya über 50 Veteranen und Experten des türkischen Kinos sprechen, puzzelt ihre Antworten zu einer Chronik, ergänzt sie mit alten Nachrichten-Clips und vielen Filmausschnitten. Die Narrative formt sich selbst, wenn auch mitunter etwas stotternd, weshalb es für Uneingeweihte und Türknoobs von Vorteil ist, die Einführung des Verleihs zu lesen:

Die Türkei war in den 60er und 70er Jahren eine der größten Filmproduzenten der Welt. Da das Fernsehen erst Mitte der 70er Jahre Einzug in türkische Wohnzimmer hielt, war Kino neben Radio das einzige und günstigste Massenmedium. In den großen Open Air Kinos des Landes wurden mehrere Filme hintereinander gezeigt und es herrschte Picknick Atmosphäre.

Die türkische Filmindustrie "Yeşilçam" indes war sowohl finanziell als auch strukturell instabil. Es gab keine Filmschulen im Land, kaum Labore, der Erwerb von Filmnegativen war mit Importquoten belegt, das Equipment veraltet, die Arbeitsbedingungen halsbrecherisch, gar tödlich. Ferner waren die einheimischen Produktionen der Konkurrenz von amerikanischen und europäischen Filmen ausgesetzt, deren Hochglanz-Bilder Yeşilçam schlicht nicht produzieren konnte.

Mit einer Handvoll Drehbuchautoren und Regisseuren, die einer starren Zensurbehörde ausgeliefert waren jedoch einen hungrigen heimischen Markt bedienen mussten, versuchte Yeşilçam, strikt den Gesetzen des Profits folgend, der immensen Nachfrage durch immergleiche Formeln gerecht zu werden. Die Geschichte vom armen Jungen und dem reichen Mädchen, von den Brüdern, die bei der Geburt getrennt wurden oder dem Landei in der Großstadt waren Standardrepertoires im Baukastensystem der Drehbuchautoren. Bald gingen ihnen die Stoffe aus, aber man wusste sich zu helfen.

Begünstigt durch laxe Urheberrechtsgesetze - produzierte Yeşilçam Remakes von europäischen, amerikanischen und indischen Filmen, benutzte ihre Soundtracks und sogar Filmfootage, wie Special Effects Szenen, die es selbst nicht herstellen konnte. Somit waren die Filmemacher Yeşilçams Vorreiter in Sachen Patchworking und Sampling.

Selbstverständlich wurden Plots und Figuren vermischt, neu interpretiert und dem Geschmack des heimischen Publikums angepasst. Die technischen Unzulänglichkeiten wurden wettgemacht durch exzessiven körperlichen Einsatz vor und hinter der Kamera. Viele Yeşilçam Filme besitzen eine unbändige Energie. Denn wo Luke Skywalker ein Mal zuschlägt, schlägt Action Star Cüneyt Arkın hundert Mal zu und wir glauben ihm, daß er es ernst meint.

In seinem 100 jährigen Bestehen produzierte das türkische Kino über 7000 Filme. Neben einer vergleichsweise kleinen Anzahl an Autorenfilmen und Komödien, war die Massenproduktion bestimmt durch einheimische Superhelden, pseudohistorische Sandalenfilme, Melodramen ägyptischer Machart, Polizei Flics nach italienischem Rezept, anatolische Western, Erotik Komödien bis hin zu Hardcore Pornos.

So entstanden zum Teil bizarre Versionen von Superman, Zorro, Tarzan, Drakula, James Bond, Flash Gordon, Rambo, E.T und Star Wars aber auch Adaptationen von Filmen wie William Friedkin's "The Exorcist", Sam Peckinpah's "The Strawdogs" und Billy Wilder's "Some Like It Hot", das selbst ein Remake ist.

In einer Epoche die global wie lokal gekennzeichnet war vom Kalten Krieg, den Studentenbewegungen, Militärputschen und einer starren Zensur, versuchten einige Filmemacher den Spagat zwischen kommerziellen Yeşilçam Produktionen und ihren eigenen Visionen. Nur wenigen Regisseuren wie Metin Erksan oder dem Action Star und späteren Autorenfilmer Yılmaz Güney gelang der Durchbruch, und sie zahlten einen hohen Preis dafür. Yılmaz Güney starb mit 47 Jahren im französischen Exil an Krebs, das während seiner langjährigen Gefängnisaufenthalte ausgebrochen und nicht behandelt worden war.

Mit dem Einzug des Fernsehens Mitte der 70er Jahre und der kompromisslos neoliberalen Ausrichtung der türkischen Wirtschaftspolitik nach dem Militärputsch von 1980, begann der Niedergang Yeşilçams. Bald wurden die Kinos beherrscht von amerikanischen Blockbustern. Das türkische Kino suchte sein Heil in Sex Filmen und Arabesk Melodramen, in denen viel gesungen wurde. Kinos, die türkische Filme zeigten, schlossen eins nach dem anderen. Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung erlebte das Land im Jahr 2013, als Wochen vor dem Ausbruch der Gezi Proteste der älteste Kinosaal des Landes, das 1924 erbaute Emek, ein Wahrzeichen des türkischen Kinos, trotz heftiger Proteste abgerissen wurde, um Platz für ein Einkaufszentrum zu machen.

Dieser ruinöse Umgang mit dem kulturellen Erbe des Landes zerstörte auch eine große Anzahl an türkischen Filmen. Tausende Negative fielen Bränden zum Opfer, etliche sozialkritische Filme wurden während des Militärregimes beschlagnahmt und vernichtet. Filme von Autoren wie Yılmaz Güney dürfen bis heute im Staatsfernsehen nicht ausgestrahlt werden. Die wenigen Universitätsarchive können den geretteten Bestand nur mit Mühe pflegen.

Cem Kaya, der mit Yeşilçam Filmen aus den türkischen Videotheken in Deutschland aufwuchs, zeichnet in seinem Dokumentarfilm die Kopierpraxis der türkischen Filmemacher von den Anfängen des türkischen Kinos bis hin zu den heutigen Fernsehserien nach. Denn der Fernsehserienmarkt in der Türkei ist selbstverständlich einer der größten der Welt.

In Istanbul sprach der Filmemacher mit Regie-Altmeistern, Produzenten, Schauspielern, Kinobetreibern und Filmwissenschaftlern, über die turbulente Kinogeschichte des Landes. Die Arbeiten an seinem Kompilationsfilm erstreckten sich über sieben Jahre, in denen tausende Filme gesichtet und etwa hundert Interviews geführt wurden.

Damit habt ihr eine Ahnung, WAS hier erzählt wird. Aber der Charme von "Remake Remix Rip-Off" liegt in der Art, WIE es erzählt wird - und von WEM. Da zeigt Regisseur Kunt Tulgar stolz die Soundtrack-Sammlung von Hollywood-Blockbustern, aus denen er seine Filmmusiken "entliehen" hat, Türkfilm-Legende Cüneyt Arkın erzählt, dass die Rollen seiner Filme aneinander gelegt zweimal um die Erde reichen, und Effekttechniker Selahattin Geçgel nagelt Seifenstücke an Tischbeine, um einen "feuchten Kamera-Dolly" zu bauen.

Sie alle schwärmen in Erinnerungen an das schäbige, krude und verlachte türkische Exploitation-Kino, übertreiben schamlos, blasen sich auf, und wissen doch genau, dass sie augenzwinkernd billige Abklatsche anpreisen wie auch heute noch die "original Armani-Jeans" in den Einkaufspassagen von Antalya. Es waren anspruchslose Filme für ein anspruchsloses Publikum, produziert noch weit unter dem Niveau des amerikanischen und resteuropäischen C-Films. Und "Remake Remix Rip-Off" versucht an keiner Stelle, den Produktionen mehr Gewicht abzuringen, als sie mitbringen. Hier wird keine akademische Analyse oder Neuninterpretation versucht, wie sie momentan z.B. beim Œuvre von Jess Franco modern ist.

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Das ist sehr unterhaltsam, sehr bunt, und gerade durch die gut gewählten Clips und teilweise pfiffigen inszenatorischen Einfälle extrem kurzweilig (so gibt es eine Art "Türk-Klischee-Supercut"). Man taucht in eine Filmkultur ein, in der Trash und billiges Melodram keine ungeliebten Stiefkinder des "echten" Kinos waren, sondern Sinn und Zweck der Veranstaltung.

Aber "Remake Remix Rip-Off" will nicht nur zeigen, was man als Badmovie-Fan sehen möchte - sondern auch, was man als Badmovie-Fan wissen sollte. Und so geht es gerade in der zweiten Hälfte verstärkt in die Politik, es geht um Putsch und Zensur, um die Ausbeutung der Mitarbeiter, um die Übertragung der unmenschlichen Arbeitsbedingungen in das aktuelle türkische Fernsehen hinein. Das ist dann teilweise nicht mehr lustig, da muss man sich als Zuschauer auch unter die Oberfläche trauen.

So ist "Remake Remix Rip-Off" am Ende kein launiges Schaulaufen des türkischen Trashkinos, sondern eine beeindruckend komplexe Übersicht über die gesamte Trashkino-Kultur (auch wenn der massive Erotik-Boom in den 70ern zu einer Randnotiz reduziert wird). Und es ist das Portrait einer Generation von Filmen und ihren Machern, die aussterben. So wie die Beteiligten sterben, lassen sich auch viele der Negative ihrer Werke nicht mehr auffinden.

Dem Plakat und dem Titel nach hatte ich gehofft, mehr Action zu sehen, längere Ausschnitte, genauere Einordnungen der Comic-Wurzeln vieler Produktionen. Dafür ist weiterhin "Deja view" (s.o.) die bessere Adresse. "Remake Remix Rip-Off" ist langsamer, aber lehrreicher. Das mag dem Anspruch des produzierenden Senders geschuldet sein, ist aber kein Manko: Bildungsfernsehen at its best.

Besonders erfreulich: Die Dokumentation läuft ab 5.5.2016 auch in einigen deutschen Kinos - vielleicht die beste Art, dem türkischen Trash-Kino Respekt zu zollen. Und hinterher lecker Döner essen gehen...

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26
April 2016

Schirachs Terror-Dilemma: Mein Standpunkt

Okay, ich mache das in einem eigenen Beitrag, damit es nicht in den Kommentaren versumpft.

Wenn ich es richtig sehe, sind meine Leser mehrheitlich der Meinung, dass der Pilot moralisch richtig gehandelt hat, aber verurteilt werden muss, weil Moral und Gesetz eben nicht deckungsgleich sind. Allerdings soll beim Strafmaß berücksichtigt werden, dass nicht der Pilot, sondern der Terrorist der Verbrecher ist und es ziemlich sicher ist, dass der Pilot mehrere zehntausend Menschen gerettet hat. Wie hätte die Öffentlichkeit wohl reagiert, wenn es zur totalen Katastrophe gekommen wäre - wissend, dass der Pilot die Maschine jederzeit hätte aufhalten können?!

Letztlich sehe ich es ähnlich. Moralisch ist die Tat des Piloten in meinen Augen nicht zu beanstanden und ich würde mir wünschen, ich hätte in einer solchen Situation den vergleichbaren Mut. Das ist eine einsame Entscheidung, außerhalb von Gesetz und Gesellschaft, vor die man hoffentlich nie gestellt wird. Es lässt sich leicht argumentieren "ja, aber das Flugzeug hätte ja auch noch abdrehen können, vielleicht hätte man den Terroristen überwältigen können" - aber für den Piloten in der Luft sind das eben keine Denkspiele und angesichts der 70.000 Menschen im Stadion muss die Frage "was, wenn genau das passiert, was angekündigt wurde?" absolute Priorität haben.

Aber es gibt eben auch noch die rechtliche Seite - unser System kann nicht funktionieren, wenn Menschen sich selbst für "über dem Gesetz" erklären und dafür womöglich noch einen Klaps auf die Schulter bekommen. Wir haben diese Hoheit abgegeben und wenn wir uns das Recht nehmen, gegen das Gesetz zu handeln, geben wir dem Gesetz impliziert das Recht, uns dafür entsprechend zu bestrafen.

Ich glaube, dass der Pilot nicht nur wusste, dass er 164 Menschen tötet und vermutlich/hoffentlich 70.000 rettet - er musste auch wissen, dass er sein eigenes Leben damit in der bisherigen Form beendet. Er nahm sich aus der Gesellschaft und ihren Gesetzen heraus, um eine Herrschaft über Leben und Tod zu haben. Das tat er gänzlich ohne Affekt, mangelnde Zurechnungsfähigkeit oder Gefahr für das eigene Leben. Und die Entscheidung, 164 Menschen zu töten, kann für uns nur erträglich werden, wenn die entsprechende Person damit auch ihren eigenen Anspruch auf Teilhabe am System aufgibt.

Ich meine deshalb, dass der Pilot wegen 164fachen Mordes verurteilt werden muss - und dass er es verstehen sollte. Weil die Verurteilung auch eine Hürde baut, verhindert, dass künftig jeder Depp "nach seinem besten Gewissen" handelt. Vor die Entscheidung, gegen die erklärten Werte und Ziele der Gesellschaft zu handeln, muss die Aufgabe der eigenen Teilhabe an der Gesellschaft stehen, die Gewissheit, den Rest des Lebens weg gesperrt zu werden.

Ich würde dem Piloten die Hand schütteln - bevor ich seine Zellentür abschließe.

Das ist allerdings keine Meinung, die ich für allgemeingültig richtig halte - es ist letztlich nur eine sehr persönliche Einschätzung, die für sich genommen keine andere Ansicht für falsch erklärt.

Interessanterweise scheinen die Theaterzuschauer tendenziell anders zu urteilen als wir hier. In fast allen Vorstellungen dominiert die Mehrheitsmeinung "unschuldig". Ich finde es großartig, dass man diese Ergebnisse sogar detailliert auf einer Webseite nachschlagen kann.

Ich möchte nichts in die Tatsache hinein interpretieren, dass ausgerechnet und nur in Dresden mehrheitlich auf "schuldig" plädiert wurde.

Thanks for playing.

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24
April 2016

Terror: Das von Schirach-Dilemma

Die LvA und ich waren gestern erstmals im Theater Baden-Baden, haben uns eine Loge gegönnt und "Terror" von Ferdindand von Schirach gesehen. Launig komprimiert könnte man das Stück über einen versuchten Terroranschlag in Deutschland als Mischung aus "A few good men" und "Wie würden Sie entscheiden?" beschreiben. Gut gespielt, wenn auch sehr spartanisch inszeniert, äußerst kurzweilig.

Die Schuldfrage, die den Kern des Stücks bildet, möchte ich gerne an euch weitergeben.

scirach

Folgendes Szenario: Eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord wird auf dem Flug von Berlin nach München entführt. Der Entführer kündigt an, die Maschine in die vollbesetzte Allianz-Arena stürzen zu lassen, in der gerade ein Länderspiel stattfindet. Zwei Kampfjets der Bundeswehr sind schnell einsatzbereit, aber der Abschussbefehl wird nicht gegeben - auch, weil das Verfassungsgericht im Jahr zuvor festgestellt hat, dass Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufgerechnet werden dürfen. Trotzdem drückt der eine Pilot den Knopf, das Passagierflugzeug kracht in einen Kartoffelacker, alle Insassen sterben.

Nun steht der Pilot vor Gericht. Die Fakten sind klar und unbestritten - er hat ohne Befehl und gegen das Urteil des Verfassungsgerichts gehandelt. Nicht weniger offensichtlich: Er handelte in der Gewissheit, damit 70.000 Menschenleben zu retten, in dem er 164 opfert, die sowieso zehn Minuten später tot gewesen wären.

Kann man, darf man den Mann verurteilen? Muss man ihn gar verurteilen? Gibt es den "übergesetzlichen Ausnahmefall", wie es ein ehemaliger Verteidigungsminister mal formulierte, muss gerade ein Soldat nicht im Zweifelsfall auch seinem Gewissen folgen können? Darf man nicht abwiegen oder wiegen die 70.000 doch deutlich schwerer als die 164?

Eine Variation des Trolley-Problems, keine Frage, das wird auch im Stück selber angesprochen.

Vor und nach der Aufführung konnten die Zuschauer abstimmen, wie sie entscheiden würden - die Urteilsverkündung entspricht dann auch der Mehrheitsmeinung. Ich fand es sehr interessant, dass sich durch die im Stück gebrachten Argumente die Meinung der Zuschauer kaum messbar änderte (33/67 zu 34/66, wenn ich mich recht erinnere).

Ich habe eine klare Meinung dazu, möchte diese aber - um die Diskussion nicht zu verzerren - erst Mitte der Woche in den Kommentaren posten.

Mich würde euer Urteil interessieren - Freispruch oder Verurteilung wegen 164fachen Mordes? Schuldig oder unschuldig?

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23
April 2016

Kleine Kino-Kuriosität zum Wochenende

Die LvA und ich waren über den Valentinstag ja wieder in London. Dort gehen wir am Wochenende immer gerne zur Double Shot Coffee Company, ein kleines, gemütliches Café in der Nähe des Covent Garden. Manchmal hängen dort Plakate lokaler Veranstaltungen aus oder es liegen Flyer herum, die mich selten wirklich interessieren.

Diesmal aber war der hier plakatiert, mit drauf gekritzelten Screening-Terminen:

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Ein britischer Werwolf-Western, von dem ich noch nichts gehört hatte? Spannend. Bin ich für. Muss ich recherchieren.

Wie es aussieht, ist "Blood Moon" 2014 schon beim Fright Fest-Festival gelaufen und hat ein paar durchaus solide Kritiken eingefahren. Man fragt sich, warum der nicht auf dem Fantasy Filmfest gelaufen ist, zumal der Vertrieb Uncork'd Entertainment schon diverse Produktionen dort erfolgreich platziert hat.

Der Trailer ist allerdings eher mau, eine "Dog Soldiers"-Variation im Wilden Westen mit erbärmlich abgelutschten Dialogen aus der Grusel-Ramschkiste und kaum erzählerischem Fokus:

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Wer den jetzt trotzdem noch sehen will - bei Amazon zahlt man aktuell etwas über 30 Eur0 für den Import.

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20
April 2016

Kino Kritik: Captain America - Civil War

nullUSA 2016. Regie: Anthony Russo, Joe Russo. Darsteller: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Anthony Mackie, Daniel Brühl, Chadwick Boseman, Sebastian Stan, Paul Rudd, Frank Grillo, Jeremy Renner, Willam Hurt, Don Cheadle, Elizbeth Olsen, Paul Bettany, Emily VanCamp, Martin Freeman, Marisa Tomei, Tom Holland u.a.

Offizielle Synopsis: Unter Führung von Captain Steve Rogers ist das neue Team der Avengers weiterhin für den Erhalt des Friedens im Einsatz, als sie in einen internationalen Vorfall verwickelt werden, der erhebliche Kollateralschäden verursacht. Daraufhin werden Forderungen nach einem neuen Führungsgremium lauter, das bestimmt, wann die Dienste der Avengers wirklich angefordert werden. Das aus dem politischen Druck entstehende Kräfteringen treibt das Team langsam auseinander - gerade als ein neuer, ruchloser Feind sich erhebt.

Kritik: Manche Filme machen es einem einfach, z.B. "Batman vs. Superman". Die sind so schwankend, so brüchig, so widersprüchlich, dass man haufenweise Material für ein Review zusammen bekommt, solange man in der Lage ist, die Gedanken zu ordnen.

Manche Filme machen es einem schwer, z.B. "Captain America: Civil War", aka "Avenger 2 1/2: Hasenjagd". Die sind so perfekt, so stimmig, so mitreißend, so auf den Punkt, dass jede Analyse in Allgemeinplätze abrutscht.

Das hier ist das ganz große Brett. Als Film, als Teil der Franchise, als Höhepunkt des Genres. Er macht nicht nur alles so richtig, wie ich gehofft hatte - er macht es richtiger, als ich mir erhoffen konnte. Die bekannten Darsteller schlüpfen in ihre Rollen wie in gut eingetragene Schuhe, haben uns von der ersten Minute an auf ihrer Seite - und dann sehen wir zu, wie "unser" Team zerbricht, wie sich unter Cap bzw. Iron Man zwei Fraktionen bilden, die beide legitimiert sind und doch nicht koexistieren können. Und diese Fraktionen brauchen keinen Antagonisten - sie brauchen lediglich einen Katalysator, der zur Katastrophe führt.

Das ist perfektes Kino, weil es unerwartet ist, aber komplett folgerichtig. Die Konflikte in "Civil War" sind nicht herbei geredet, sondern in den Figuren und den Plots der letzen 10 Filme gesät. Auch wenn ich mit Superlativen vorsichtig bin: Es hat in der Filmgeschichte noch keine Franchise gegeben, die so sorgsam durchgeplant und damit in der Summe gehaltvoller als ihre Einzelteile ist. Weder Star Wars, noch Star Trek, noch James Bond.

Es wird dauern, bis man genau erkennt, wie enorm die Leistung des MCU ist, wie qualitativ hochwertig das Gesamtkonzept aus Einzelfilmen, Teamups, TV-Serien, etc. Wir sind noch zu nahe dran, um das gesamte Bild zu sehen. Aber hier wächst Großes.

Wie schon in anderen Marvel-Filmen trennt "Civil War" das Herz von anderen strunzdummen Sommer-Blockbustern. Es geht um etwas, der Film hat ein Thema. Jede Figur setzt sich mit ihrer Verantwortung auseinander - sei es für ihr Volk, für die kleinen Leute, für die eigenen Taten oder die der besten Freunde. Manchmal - wie im Fall von Bucky - geht es um mehr: Wenn er nicht unter Kontrolle hat, was er tut, ist er dann nicht trotzdem schuldig, WEIL er es tut? Es ist eine Frage, an der die Avenger zerbrechen und noch mehr - die Freundschaft von Tony und Steve.

Die Fortentwicklung der Figuren, die Weiterführung der übergreifenden Plots - all das ist eingebettet in spektakuläre Actionsequenzen, die den Zuschauer in fünfzehnminütigem Abstand mit immer neuen Highlights torpedieren. Hart dran, schnell geschnitten, aber selten chaotisch oder unübersichtlich, profitiert "Civil War" auch hier von der Erfahrung der Regisseure wie der Effektleute: Weil alles geht und nichts unmöglich ist, kann man sich voll darauf konzentrieren, die Verfolgungsjagden und Fights nicht nur technisch überzeugend, sondern vor allem einfallsreich und überraschend zu gestalten.

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Weil "Civil War" auf einen übermächtigen Antagonisten verzichtet, ist der Schlusskampf auch eher ein intimer, persönlicher - die Treffer gehen ins Herz, nicht in den Bauch. Das große Showpiece hingegen ist die groß propagierte Schlacht "Avengers vs. Avengers" im zweiten Drittel des Film - auf einem deutschen Flughafen! Und hier wird wirklich alles rausgeholt, man ist mittendrin und voll dabei, weil die Fights nicht nur technisch perfekt umgesetzt sind, sondern tonnenweise großartige Charaktermomente erleben:

"We are still friends, right?"

"Depends on how hard you're gonna hit me."

Mag der Kampf um New York in "Avengers" auch an Epik nicht zu toppen sein, hier spielt sich der beste "superhero vs. superhero"-Fight aller Zeiten ab. One for the ages. The one to beat.

Ach ja: Mit erschütternder Leichtigkeit führt "Civil War" dann noch ein paar neue Helden ein - tonal perfekt und augenblicklich überzeugend. Spider-Man, Black Panther und Ant Man fallen so perfekt in die Dramaturgie, als hätten man ihnen schon immer einen Platz im Avengers-Universum frei gehalten - was ja wohl auch der Fall ist.

Und wer hätte gedacht, dass Tante May jemals ein so bezaubernder Feger sein könnte? Marisa Tomei FTW!

Müsste ich Fehler finden - ich würde sie bestenfalls Schwächen nennen. Mittlerweile wird gar nicht mehr thematisiert, wie die Avengers teilweise von einer Seite der Erdkugel zur anderen kommen, ohne Jetlag oder Zeitverlust. Obwohl die Action hart und hämmernd ist, drückt man sich wieder um hässlichen Konsequenzen - so hätte zumindest ein minderer Avengers hier einen sehr augenscheinlich angedachten Tod sterben dürfen und auch die Folgen des Main Event "Captain America vs. Iron Man" sind letztlich enttäuschend beschränkt. Das Ende ist dadurch so bar jeglicher emotionaler Spitzen, dass man überrascht ist, wenn der Nachspann kommt - das war's schon? Mit etwas mehr Traute hätte man die Zuschauer emotional erschütterter aus dem Kino schicken können.

Aber das sind Schwächen, die in der Totalität des Entertainments, das "Civil War" bietet, untergehen. Der Film ist pure Unterhaltung, trifft Herz, Kopf und Bauch gleichermaßen. Es lässt sich sogar splitten - wer "nur" eine Comic-Saga sehen will, wird ebenso zufrieden sein wie jemand, der "nur" Kracher-Action sucht oder die Freundin, die "nur" Humor und tolle Typen braucht. "Civil War" ist "all in one", ohne dabei Kompromisse zu machen. Kino "all you can eat" ohne Reue und Völlegefühl.

Kommen wir nun zu dem Teil des Reviews, der im besten Fall für Diskussionen und im schlechtesten Fall für Ärger sorgen wird: Wie schon "Star Wars: Force Awakens" im Vergleich zu den Episoden I-III macht "Civil War" den DC-Konkurrenten "Batman vs. Superman" nachträglich schlechter - und dabei platt wie eine Flunder. Weil er zeigt, wie wenig potentes Drama permanente Dunkelheit braucht, wie mühelos man große Charaktermomente mit krachender Action verbinden kann. Rackert sich "Batman vs. Superman" schon an drei Superhelden ab, ohne ihnen wirklich gerecht zu werden, schafft "Civil War" eine Party mit einem Dutzend Kostümträger, die alle ihre passenden Sprüche und szenischen Highlights bekommen. Vieles, was man bei DC vor vier Wochen noch als notwendig für die Entwicklung der Franchise oder eigenwillige stilistische Entscheidung rechtfertigen wollte, entlarvt sich im direkten Vergleich als schiere Hilflosigkeit. Bei den Darstellern, der Inszenierung, den Effekten und dem emotionalen Ergebnis - "Civil War" ist in jeder Beziehung der bessere Film. Mit Abstand. Weitem.

Klar, es werden die Kommentare kommen "MUSS man das denn unbedingt vergleichen - kann man nicht BEIDES gut finden?". Nein, man MUSS nicht. Aber es fällt schwer, hinterher BEIDES gut zu finden. Weil es zwei Filme aus dem gleichen Genre sind, die die größten Champions ihrer jeweiligen Comic-Universen mit vergleichbaren Vorgaben in den Kampf schicken. Und weil einer dabei spektakulär scheitert und der andere nicht mal ins Schwitzen kommt.

Für deutsche Zuschauer gibt es (besonders in der Originalfassung) ein paar drollige Lacher, da diverse Szenen in Berlin spielen (angeblich auch in Leipzig, was aber nicht zu erkennen war). Da räumen deutsche Polizisten in Bukarest auf, eine Airline heißt Blauflug, amerikanische Darsteller radebrechen sich das Teutonische ab, etc. Authentizität in den Details war mal wieder nicht vorrangig.

Thema Post Credits Sequenz: Ich dachte, es gäbe nur eine, aber das war wohl nur bei den Pressescreenings so. Aus sicherer Quelle weiß ich mittlerweile, dass es ganz hintendran NOCH EINE gibt. Also sitzen bleiben, so schwer es der Blase fällt!

Als Bonus hier noch Fun Facts, ein knappes Vorab-Presseheft, und eine Übersicht der Figuren.

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Fazit: Ein perfekter Sommer-Action-Blockbuster, eine geniale Zusammenführung verschiedenster Plots der bisherigen Filme und der Beweis, dass man auch einem ganzen Dutzend Superhelden gerecht werden kann, wenn man die Laufzeit fettfrei nutzt. Die erste wirklich hohe
Messlatte für den Sommer 2016.

P.S.: Als echter Rebell bin ich gestern übrigens so ins Kino gegangen:

press Kopie

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18
April 2016

Presse-Fail: Die kleine WELT gegen die große Galaxis

Ich habe früher gerne gegen die BILD geschossen. Irgendwann wurde mir das zu einfach und seitdem die keine Browser mit Adblocker mehr durchlassen, schaue ich nicht mal aus mildem Interesse mehr auf deren Webseite. Aber es ist leider so, dass auch "Qualitätsmedien", die gerne als Beispiel für die Unverzichtbarkeit einer professionellen Papierpresse genannt werden, mitunter krasse Aussetzer produzieren. Einige erinnern sich vielleicht noch an den Versuch der ZEIT, den Flop von "Cloud Atlas" Raubkopierern in die Schuhe zu schieben - oder an die halbgaren Breitseiten des SPIEGEL gegen ALDI. Vom SPIEGEL-Kindergarten bento mag ich gar nicht reden.

Heute ist die WELT dran, Springers Hausmarke in Sachen seriöser Journalismus. Dazu muss ich sagen, dass ich das Blatt generell nicht schlecht finde und niemanden, der sich am Flughafen ein Freiexemplar unter den Arm klemmt, schräg anschaue.

Heute hat sich die WELT aber deutlich mit einem Artikel verhoben, dessen Stoßrichtung scheinbar schon feststand, bevor man diese auf Plausibilität abgeklopft hatte. Als hätte klar sein müssen, dass die Ausgangsthese faktisch nicht zu halten ist, drohte - so möchte ich entschuldigend unterstellen - der Druckschluss und es gab kein Zurück. Alternative: Der Autor glaubt das, was er da schreibt - und das möchte ich nicht glauben.

Gehen wir es in bewährter Manier meiner bisherigen Polemiken Zeile für Zeile chronologisch durch.

Dürfen wir dich Versager nennen, Star Wars?

Knaller Einstieg, keine Frage. Eine der erfolgreichsten und langlebigsten Franchises neben Star Trek und James Bond zum potenziellen Versager erklären, da muss der Autor wirklich ganz große Geschütze in der Hinterhand haben.

Nun ist es sicher: Die Sternenkrieger haben das Ziel "erfolgreichster Film aller Zeiten" klar verfehlt. Es gibt auch einen Schuldigen, der sich von dem Hype nicht hat anstecken lassen: China.

Okay, zuerst einmal - wer hat dieses Ziel ausgegeben? Disney ist nicht ernstlich mit dem Ziel angetreten, den erfolgreichsten Film aller Zeiten zu produzieren. Weil das nicht planbar ist und immer auch viel Zeitgeist dazu gehört. Der neue Star Wars-Film ist der Reboot einer erfolgreichen, aber etwas in Ungnade gefallenen Franchise, ein Risiko mit vielen unberechenbaren Variablen. Man muss wahrlich kein Experte sein, um zu wissen, dass die Prognose bestenfalls lauten konnte: Es muss die Milliarde geknackt werden. Weil das mittlerweile die Messlatte für Mega-Franchises ist. Momentan sieht es danach aus, als würde "Batman v. Superman" nach einem starken Start daran scheitern und bei knapp 900 Millionen hängen bleiben. Immer noch kein Taschengeld.

"Star Wars: The Force Awakens" ist der erfolgreichste Film auf dem amerikanischen Markt - aller Zeiten. Er hat als einer von drei Filmen weltweit mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt. Die Rubriken, in denen er bei Boxofficemojo auf dem ersten Platz steht, sind zahlreich:

"Star Wars: The Force Awakens" ist nach jedem erdenklichen Maßstab nicht nur ein Erfolg - er ist ein Mega-Hit.

Warum ist Autor Rodek also der Meinung, der Film habe das (anscheinend nur von ihm ausgerufene) Ziel nicht erreicht, müsse sich womöglich Versager nennen lassen?

Vielleicht erinnern sich noch Mitleidende an den letzten Dezember, als man hart auf die Probe gestellt wurde. Beim Weihnachtseinkauf im Elektronikmarkt fuchtelten Verkleidete mit Laserschwertern herum. Der Hamburger Verkehrsverbund kündigte auf einer Anzeigetafel an, die U1 fahre "über Obi-Wansbek ab Vaderdorf weiter nach C-3POhlstedt (3 Minuten warten Du musst)". Ganz zu schweigen von Bekannten, die allen Ernstes fragten, ob das Luke Skywalkers Prothesenhand sei, die im Trailer nach R2-D2 greife.

Ahhh, da haben wir es ja auch schon. Der Autor hat's nicht so mit Geeks, fühlt sich im öffentlichen Raum vom Hype belästigt und kann so gar nicht verstehen, dass Fans z.B. in Trailern nach Querverweisen der umfangreichen Mythologie suchen.

Aber es wird schlimmer - Rodek musste nicht nur die Existenz von "Star Wars" ertragen, sondern auch noch dessen Erfolg, der Leute wie ihn zu einer grummeligen Minderheit degradiert.

Und dann diese Rekordmeldungen. Nie so viele Eintrittskarten vorbestellt. Bestes Startwochenende an der Ostküste. An der Westküste auch. Strahlende Kinobesitzer in Wanne-Eickel und Tatooine. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis der erfolgreichste Film aller Zeiten – James Camerons "Avatar" – entthront würde.

Nein. Natürlich gab es Berechnungen, ob "Star Wars" den bisherigen Top-Film "Avatar" würde ablösen können. Selbst die mutigsten Branchen-Experten hielten das allerdings für zumindest unwahrscheinlich. Und wenn es um Dollars und Cents geht, müsste man fairerweise auch die Inflation raus rechnen, was zu ganz anderen Ergebnissen führen würde. Nach aktuellem Stand wäre der erfolgreichste Film aller Zeiten nämlich nicht "Avatar", auch nicht "Titanic", sondern "Vom Winde verweht". Und auf Platz 3 stünde immer noch "Star Wars" - das Original von 1977.

Ist aber wumpe, weil hier ein Strohmann abgebrannt wird - Rodek freut sich diebisch über das Nichterreichen eines Ziels, das niemand ernsthaft aufgestellt hat.

Dann wurde es stiller an der Rekordfront, und nun steht fest: "Star Wars: das Erwachen der Macht" hat das Ziel weit verfehlt, meilenweit. Nicht einmal zum zweiterfolgreichsten hat es gereicht.

Ich wiederhole mich da gerne: "Star Wars: Force Awakens" gehört zum exklusiven Trio der Filme, die über zwei Milliarden eingespielt haben. Mit TV/DVD-Verwertung und Merchandising wird der Streifen mittelfristig vermutlich alleine schon wieder das einbringen, was Disney seinerzeit an Lucas gezahlt hat (4,5 Milliarden Dollar). Und er hat perfekt den Boden bereitet für die Ableger-Franchise-Filme, die mit "Rogue One" starten.

Was aber noch wichtiger ist: Der Film ist nicht nur ein Boxoffice-Monster, sondern auch durchaus gut gelitten bei Fans und Kritikern, was man z.B. von "Batman vs. Superman" oder den "Transformers"-Filmen nicht sagen kann:

  • 81 Prozent auf Meta-Critic
  • 92 Prozent auf Rotten Tomatoes
  • 8,2/10 bei der IMDB

Ziel meilenweit verfehlt? Ein Versager? Da hat wirklich niemand in der WELT-Redaktion eingegriffen und gesagt "Mensch Hanns-Georg, das kannste doch nicht schreiben, das ist doch barer Unfug"?

Das erfüllt all jene, die sich am liebsten auf den Todesstern gewünscht hätten, um der Dauerbekriegung zu entkommen, mit klammheimlicher Freude. Der Hype, der ihnen so auf die Nerven ging, hat sein ultimatives Ziel nicht erreicht.

Und da haben wir es nochmal - Star Wars geht Rodek auf die Eier und deshalb muss er etwas finden, um es in den Staub zu treten. Und in seinem religiösen Eifer fällt ihm nicht mal auf, wie peinlich es ist, wenn das einzige Argument "erfolgreich ja - aber nicht der erfolgreichste!" lautet.

Die 2,1 Milliarden Dollar, die die Sternenkrieger in Disneys Kassen spülten, hätte man zwar auch gern auf dem Konto, aber "Titanic" nahm eben 2,2 Milliarden ein und "Avatar" 2,8.

Ätschi bätsch!

Rodek gehört vermutlich zu den Menschen, die ihren Kindern, wenn sie eine 1 im Diktat nach Hause bringen, zuerst einmal fragen "hat ein anderes Kind eine 1+ bekommen?". Und ich habe das dumpfe Gefühl, bei Disney fühlt sich angesichts von 2 Milliarden niemand als Versager.

In der "ewigen" Besucherbestenliste für Deutschland (die jedoch nur 50 Jahre zurückreicht) belegt "Star Wars" mit neun Millionen Zuschauern gerade Platz 22, knapp vor "Otto – der Film", aber hinter "Ziemlich beste Freunde".

Das ist richtig. Der erfolgreichste Film aller Zeiten hierzulande ist immer noch "Das Dschungelbuch". Übrigens von Disney. Und "Avatar" hatte hierzulande weniger Besucher als "Der Schuh des Manitu". Vielleicht sollte man die Deutschen da besser nicht als Maßstab nehmen...

So. Das gehörte mal gesagt, von wegen Wiederherstellung der Relationen.

Gebt mir eine Sekunde, um fertig zu kichern.

...

So. Bin wieder da.

Abgesehen davon, dass Rodek hier keinerlei Relation wiederherstellt, hätte die Formulierung als "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" vielleicht einen Tacken knackiger geklungen. Warum und warum ausgerechnet von ihm? Keine Ahnung,

Und von wegen des ehrfürchtigen Tones der Fan-Boy-Bewunderung, mit der in den Medien fast nur noch über dieses "kulturelle Phänomen" gesprochen wird. Und es lohnt sich, genauer hinzusehen, bis wohin dieses "Phänomen" gedrungen ist und wo sich sternenkriegsfreie Enklaven gehalten haben.

Zweimal "Und" am Satzanfang. Stilistisch unschön. Passiert mir auch oft. Redigiere ich dann meistens wieder raus. Zum Inhalt: Star Wars IST ein kulturelles Phänomen, und das seit fast 40 Jahren. Man muss das nicht mögen, es steht einem gestandenen Filmkritiker aber auch nicht zu, es wider besseren Wissens zu bestreiten. Auch Herr Rodek kann sich die Welt nicht machen, widde widde wie sie ihm gefällt.

Wo sind sternenkriegsfreie Enklaven?

Der Filmschreiberling der WELT versucht sich nun recht energisch an Augenwischerei, denn er fängt damit an, Filme aufzuzählen, die alle wohl irgendwie erfolgreicher als "Star Wars: Force Awakens" gewesen sein sollen. Was er dabei bequem unterschlägt, werde ich nachtragen.

In Indien etwa, wo Hollywoodfilme gerade zehn Prozent der Kinobesuche ausmachen (in Deutschland sind es 70) und das lieber weiter seine eigenen Mythen und Stars pflegt; "Dilwale", die neue Romantikkomödie des klassischen Liebespaars Shah Rukh Khan und Kajol, übertraf Luke und Leia.

Nun ja: Luke und Leia sind nur Nebenfiguren in "Star Wars: Force Awakens" und haben zusammen genommen vielleicht zehn Minuten Screentime. Aber ich gehe mittlerweile sowieso davon aus, dass Rodek den Film nicht gesehen hat.

Was "Dalwali" angeht: Ja, der mag im direkten Vergleich in Indien erfolgreicher gewesen sein (Rodek gibt ja zu, dass es sich bei dem Subkontinent um einen extremen Nischenmarkt handelt). Insgesamt hat "Dalwali" allerdings auch nur umgerechnet 59 Millionen Dollar eingespielt, das passt in die 2,1 Milliarden von "Star Wars" lockere 35 mal rein.

Oder in Korea, wo das Bergsteigerdrama "The Himalayas" ein unüberwindliches Hindernis für "Star Wars" darstellte.

"The Himalayas" kommt in den Top50 der erfolgreichsten koreanischen Filme gar nicht vor. Mit 7,5 Millionen verkauften Tickets lief er in Korea schlechter als "Star Wars" hierzulande.

Oder in Japan, wo "Yo-Kai 2", ein Anime über böse Geister, die Siths in die Flucht schlug.

Von den zehn erfolgreichsten Filmen in Japan sind fünf aus Hollywood. "Yo-Kai 2", eine "flavor of the month"-Adaption, wird nicht mal in Asien Wellen machen.

Und ehrlich? Nach Luke und Leia bemüht Rodek nun auch statt der First Order die Sith? Will der einfach nur Star Wars-Geeks mit seiner zur Schau getragenen Ignoranz provozieren?

Japan ist der drittgrößte Kinomarkt der Welt, aber Hollywood richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf den zweitgrößten, der in ein, zwei Jahren sogar den amerikanischen überholen dürfte: auf China.

Eine steile These. Da der chinesische Markt nur sehr begrenzte Möglichkeiten hat, global zu expandieren, sehe ich Hollywood auch dann ungefährdet, wenn China regional seine Produktionen massiv hochfährt - und damit auch breit wie langfristig erfolgreich ist.

Momentan lese ich aber immer wieder solche Geschichten.

Das lebte lange Zeit in seliger Ignoranz des "Star Wars"-Universums, das sich in einer weit, weit entfernten Galaxie auszudehnen begann, tief im Westen. Als der junge Harrison Ford erstmals die Schwerter kreuzte, war Mao gerade gestorben.

STOPP! Harrison Ford hat in Star Wars nie ein Schwert geschwungen (Laser oder sonstwie). Rodek ist ganz offensichtlich so einer:

geek

Als zwei Jahrzehnte später die Klonkrieger aufmarschierten, war China ein Kinoentwicklungsland, heute werden dort 15 neue Kinos pro Tag (!) eröffnet.

Die Zahl ist so erstaunlich, dass Rodek ein Ausrufezeichen dahinter macht - statt sie einfach mal zu hinterfragen. Ich hab's getan: Mitnichten werden in China 15 neue Kinos pro Tag eröffnet. Es kommen 15 Leinwände hinzu. Das kann ein Megaplex mit 30 Leinwänden sein, was dann schon zwei komplette Tagessätze an Neugründungen abdeckt, aber auch die Erweiterung eines bestehenden Kinos. Dass Leinwände nicht gleich Kinos sind - sollte ein Filmkritiker das nicht wissen, bzw. verstehen?

Noch vor zehn Jahren, als LucasArts das Online-Rollenspiel "Star Wars Galaxies" auf den Markt warf, wurde um China ein Bogen geschlagen, genauso wie vor fünf Jahren mit dessen Nachfolger "Star Wars: The Old Republic".

Nun machte LucasArts um China keinen Bogen - das Problem war vielmehr die rigide Internet-Zensur in dem Land, das Rodek augenscheinlich für eine kulturelle Oase hält, das aber de facto immer noch die größte Diktatur der Welt darstellt. Man muss halt abwägen: Einerseits kann man auf dem Platz des Himmlischen Friedens zusammen geschossen werden - andererseits muss man nicht "Star Wars Galaxies" spielen. Win some, lose some.

Für die "Erwachende Macht" hatte sich Disney in China wirklich Mühe gegeben. Beim Shanghai-Festival wurden alle sechs alten Filme hintereinander gezeigt. Zur Shanghai-Premiere gaben sich Regisseur und Stars die Ehre. Lebensgroße Sturmtruppler-Skulpturen standen in der Luxus-Shopping-Meile Shanghais. Lu Han, Chinas Antwort auf Justin Bieber, tanzte in einem Musikvideo in Jedi-Roben und sang davon, wie er "die Macht spüren" könne.

Auch wenn Rodek es kaum glauben mag - das sind die üblichen Marketingmaßnahmen für Mega-Budget-Filme. Die greifen mal mehr, mal weniger. Und angesichts von 125 Millionen Dollar Einspielergebnis in China kann man wahrlich nicht von einer "sternenkriegsfreien Enklave" reden.

Doch die Macht der Macht erwies sich als begrenzt. Am Ende lag "Star Wars" nur auf Rang sieben amerikanischer Filmerfolge in China, hinter zwei "Transformern", "Avatar", "Jurassic World", den "Avengers" und "Fast & Furious 7", der fast dreimal so viel einspielte.

Da es Rodek ja um die hehre Filmkultur geht, tue ich mich schwer, seine diebische Freude über die Dominanz von "Transformers" und "Fast & Furious" in China zu teilen. Da ist mir "Star Wars" als globaler Händeschlag allemal lieber. Aber ich kann dem Filmschöngeist der WELT zumindest erklären, woran es (vermutlich) liegt: action travels - humor doesn't. Alte Regel im Business. Nicht jeder versteht komplexe Mythologien, nicht jeder versteht kulturell geprägte Scherze - aber jeder versteht Explosionen, schnelle Autos und Roboter.

In den sozialen Netzwerken erntete der Film gemischte Kommentare. Auf Weibo (einer Facebook-/Twitter-Mixtur) schrieb ein Blogger: "Wenn einem Science-Fiction-Film die Vorstellungskraft fehlt, was ist dann der Unterschied zu einer Seifenoper? (vorzüglicher Punkt, der Redakteur) Die Geschichte stand ganz im Dienst der Fans der ursprünglichen Trilogie und verließ sich völlig auf Effekthascherei. Am lächerlichsten ist, dass die ganze Macht der Galaxie einer Familie gehören soll." Auf Douban (einer Mischung aus MySpace und IMDB) bekannte ein Zuschauer seine Verwirrung: "Ich habe die Geschichte gar nicht recht begriffen … Die erste Hälfte hat mich schwindlig gemacht."

Ach so - ZWEI ungenannte chinesische Filmfans sind demnach Zeugnis der "gemischten Kommentare". Bewerten wir die Politik der Kanzlerin künftig auch nach der Kommentarspalte bei SPIEGEL online? Fakt ist: Alle kumulierten Kritiken weisen auf eine extrem hohe Begeisterung für "Star Wars: Force Awakens" hin, bei der Presse wie bei den Fans. Die Zahlen von Meta-Critic, Rotten Tomatoes und der IMDB (s.o.) sprechen für sich.

Vor allem: Kein Film erreicht 2 Milliarden, wenn er den Zuschauern nicht gefallen hat - dafür braucht es extrem positive Mundpropaganda und exzessives "repeat viewing". Aber ist doch schön, wenn sich zwei Chinesen finden, die Rodeks Ablehnung teilen.

"Eine brutal ehrliche Sicht auf den Film, ungetrübt von der rosa Brille der Nostalgie, welche die meisten im Westen aufhaben."

Echt jetzt? In die eigene Kultur scheißen, nur weil man einen verfickten Blockbuster nicht leiden kann? Und Herr Rodek steht natürlich über so ekliger Nostalgie, verbündet sich mutig mit den Chinesen, die ja so überhaupt keine nostalgische Ader haben? Hier könnte ich angesichts der geballten Arroganz und Ignoranz das erste Mal so richtig kotzen.

Die Generation, die Chinas Kinoboom treibt, war noch nicht geboren, als die Episoden 1 bis 6 herauskamen.

Im Gegensatz zu den Teenagern im Rest der Welt, die alle vor 1977 geboren wurden.

Sie hat einen klaren Blick auf die Botschaften des Films. "Ein demokratisches Parlament scheint chaotisch zu sein, während das Imperium eines Diktators stabil zu sein scheint", schreibt ein Douban-Nutzer. "Das ist es wert, darüber nachzudenken."

Das ist es, in der Tat, denn "Star Wars" erscheint hier wie die Illustration des Mantras der chinesischen Führung, freie Wirtschaft sei gut, aber nur in einer "kontrollierten" Demokratie. "Die Republik ist unfähig, das Militär und das Parlament zu kontrollieren, also bricht sie zusammen", interpretiert ein anderer. "Was kann eine Demokratie schon tun? Sie hängt trotzdem von der Macht der Waffen ab!" Einer der Gründe, warum "Star Wars Galaxies" in China nicht herauskam, war die Möglichkeit für die Spieler, eigene Inhalte zu kreieren. Chinas Regierung erlaubt nur neue Inhalte innerhalb zuvor von den Entwicklern definierter Grenzen.

Das ist falsch und wäre auch falsch, wenn es richtig wäre. Da Rodek den Film offensichtlich nicht gesehen hat, ist ihm auch entgangen, dass die Bösen mit der Superwaffe am Ende VERLIEREN. Und selbst wenn "Star Wars: Force Awakens" von einer "might makes right"-Ideologie durchdrungen wäre, müsste er damit der chinesischen Mentalität eigentlich entgegen kommen, was den von Rodek behaupteten Misserfolg umso unerklärlicher macht.

Hollywood steht vor dem Problem, amerikanisch bleiben zu wollen und global werden zu müssen. Noch bis in die Achtzigerjahre war dies simpel: Die USA waren klar der größte Kinomarkt der Erde, und der wurde zielgerecht bedient, mit englischsprachigen Stars, amerikanischem Traum und auf dem Westzentrismus gegründeten Geschichten. In den Neunzigern begann sich die Balance zu verschieben, die ersten Filme nahmen im "Rest der Welt" mehr ein als in Nordamerika. Heute ist das bei Blockbustern die Regel, wobei "Fast & Furious 7" das umgekehrte Extrem verkörpert, 77 Prozent im Ausland, nur noch 23 Prozent in den USA. "Star Wars" liegt ungefähr bei 50:50.

Clever argumentiert, dafür aber wenigstens hinterhältig und unredlich. Ja, prozentual verschiebt sich das Verhältnis - weil Hollywood IMMER MEHR verdient, weil sich nach dem Ostblock in den 90ern auch der asiatische Markt dem amerikanischen Kino massiv öffnet. Mit dem Fokus auf dem amerikanischen Markt wären Einspielergebnisse jenseits einer Milliarde gar nicht möglich, die Verschiebung der Verhältnisse ist das beste, was den US-Studios passieren kann. Und die damit verbundene Reduzierung des heimischen Anteils ist eben kein Verlust, weil sie realen Steigerungen der Einnahmen gegenüber steht.

Einfache Rechnung:

Vor 20 Jahren hat ein Blockbuster 200 Millionen eingespielt, davon 150 in den USA und 50 international. Also kamen 75 Prozent des Geldes aus Amerika, 25 aus dem Rest der Welt.

Heute spielt ein Film vielleicht nur 50 Prozent daheim ein - ein Rückgang von satten 25 Prozent! Aber da der Film insgesamt 300 Millionen einspielt, sind 50 Prozent davon jetzt ebenfalls 150 Millionen.

Wer allen Ernstes behauptet - bei drei Filmen, die weltweit mehr als 2 Milliarden Dollar eingespielt haben -, Hollywood habe den Schuss nicht gehört, muss seine Berufsbezeichnung endgültig in ironische Anführungsstriche setzen.

Weil mittlerweile eh alles wurscht ist, vergleicht Rodek nun fleißig Äpfel und Birnen - vermutlich auch der Richtigstellung der Relationen wegen.

Die US-Filmindustrie hat das Problem mit der jahrzehntelang bewährten Kleinen-Finger-Taktik zu bewältigen versucht. Man drehte Monumentalfilme wie "Quo Vadis" mit Robert Taylor in Roms Cinecittà, und italienische Stars durften in Nebenrollen mitspielen.

Das machte man, weil die Filme bestimmter Genres in Italien billiger zu drehen waren - es hatte nichts mit dem Versuch zu tun, auf dem globalen Markt besser positioniert zu sein.

Man ging für "The Last Samurai" nach Japan und stellte Tom Cruise ein paar Einheimische zur Seite.

Hier wird Rodeks Argumentation leider von der Tatsache torpediert, dass der Film in Japan zu den erfolgreichsten aller Zeiten gehört (aktuell Platz 11), was belegt, dass die Strategie augenscheinlich aufgegangen ist.

Man beehrte mit den "Inglourious Basterds" Berlin und gab Deutschen Minutenauftritte; allerdings entführte Christoph Waltz unerwartet den gesamten Film.

Deutsche "Minutenauftritte"? Eine erstaunliche Aussage bei einem Film, der seinen Bösewicht deutsch-österreichisch besetzt und diesem mit der besten Rolle auch noch seinen ersten Oscar beschert.

Unverdrossen wendet Hollywood die alten Rezepte an. Zhang Jingchu, in China ein Star, bekam im neusten "Mission Impossible" eine Nebenrolle mit zwei Zeilen Dialog. "Iron Man 3" verlängerte die Fassung für China um vier Minuten mit chinesischen Schauspielern.

Das wirkt in der Tat manchmal krude, neulich auch erst wieder in "The Martian". Aber es ist nun mal nicht einfach, in uramerikanische Filme und uramerikanische Genres eine chinesische Facette einzubauen. Immerhin versuchen es die Amerikaner wenigstens - ich habe bis heute noch keinen deutschen Film gesehen, der (erfolgreich oder nicht) ins Reich der Mitte schielt.

Chinas größte Namen – Chow Yun-Fat, Zhang Ziyi, Jet Li, Gong Li, John Woo – stellten sich eine Weile als exotische Farbtupfer zur Verfügung.

"stellten sich eine Weile als exotische Farbtupfer zur Verfügung" - ein hübscher, in diesem Fall notwendiger Euphemismus, weil Rodek natürlich nicht offen sagen kann, dass er damit "gingen nach Hollywood" meint. Und dass die meisten der Genannten deswegen gingen, weil nach dem Rückfall Hongkongs an China unter der restriktiven Kulturpolitik der KP kaum filmische Freiheiten zu finden waren.

Gerade als deutscher Filmkritiker hier die Parallelen zum Dritten Reich nicht zu sehen (oder nicht sehen zu wollen), finde ich schändlich.

Vielleicht ist es das, was mich subkutan an dem Artikel so anwidert - für eine extrem banale emotionale Verletzung (Star Wars nervt ihn) feiert Rodek die Chinesen als Kulturbewahrer, vor dem sich das Banausenvolk der Amerikaner mal schön in acht nehmen soll.

Inzwischen sind sie alle mehr oder minder zurück zu Hause, selbst Jackie Chan ist wieder ein einheimischen Produktionen zu sehen.

Ja, und das ist auch nicht besonders schön zu sehen, wie sich der alternde Actionstar dem Regime andient. Zumal es eine Binsenweisheit ist, dass viele kreative Kräfte zurück fließen, wenn Despoten einer zart blühenden Filmindustrie etwas mehr Leine lassen. Daraus lässt sich null ableiten, was die Zukunft Hollywoods oder das herbei geschriebene "Versagen" von "Star Wars" angeht.

"Chinas Anspruch auf Weltmachtstellung erstreckt sich nicht nur auf eigene Atombomben und Raumschiffe, sondern zunehmend auch auf die Kultur. "

Normal und richtig. Hat niemand was gegen, auch nicht Hollywood.

"Exemplarisch ist "Kung Fu Panda", eine chinesische Legende, die Hollywood vor zehn Jahren mit Beschlag belegte, weil China sich damals noch mit der Position als kultureller Dienstleister begnügte; heute würde das nicht mehr passieren."

Au. Weia. Zuerst einmal ist "Kung Fu Panda" keine chinesische Legende, sondern eine Erfindung des Dreamworks-Managers Michael Lachance. So "echt chinesisch" wie Glückskekse. Und warum "würde das heute nicht mehr passieren"? Haben Länder jetzt ein kulturelles Monopol auf die eigene Geschichte? Filme über Deutschland nur noch von Deutschen?

Und wieso vergisst Rodek hier bequemerweise "Mulan" von den (schau an) Star Wars-Machern Disney, der tatsächlich auf einer chinesischen Legende basiert? Vielleicht, weil der Release von Mulan seinerzeit von den chinesischen Behörden in den Flop-Status gegängelt wurde und damit das genaue Gegenteil dessen belegt, was Rodek hier behauptet?

Wir sind inmitten eines neuen Kampfs der Zivilisationen, in dem Hollywood seine kulturelle Oberhoheit nicht abgeben und China genau diese nicht mehr akzeptieren will. Und "Star Wars" ist der symbolträchtigste Ausdruck dieser Hegemonie.

Hollywood hat keine kulturelle Oberhoheit über China, China wird sich schwer tun, jenseits der eigenen Region irgendeine Form der kulturellen Hoheit zu etablieren - den von Rodek hilflos postulierten Zivilisationskampf gibt es nicht, nur eine erwartbare Verschiebung der Marktanteile auf dem chinesischen Markt zugunsten der erstarkenden heimischen Industrie. Und die Tatsache, dass "Star Wars: Force Awakens" keine chinesischen Boxoffice-Rekorde gebrochen hat, beweist die eh schon falsche These auch nicht.

Ehrlich, WELT? Über diesen kruden, wirr zusammen gestoppelten Kram ist keiner mit dem Rotstift noch mal drüber? Ich habe selten einen Artikel gelesen, der aus einer derartig weinerlichen Mücke (mich nervt Star Wars!) einen derartig wackeligen Elefanten (Ende der amerikanischen Kulturhoheit!) baut.

Nun ist Autor Rodek nicht irgendwer, wie sein Profil verrät:

  • 1995, Filmredakteur, "Die Welt"
  • Jury-Mitglied Cannes, Gerd-Ruge-Preis, Helmut-Käutner-Preis, Around the World in 14 Films etc.
  • Herausgeber "Showbusiness-Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts"
  • TV-Gastgeber "Ein Abend mit..." auf TNT Films
  • 2008-2012 Vorstandssprecher des Verbands der Deutschen Filmkritik

Das macht es noch schlimmer. Vielleicht erklären Stichworte wie "Cannes-Jury" und "Gerd-Ruge-Preis" das Problem allerdings auch.

Und die Antwort auf die im Titel des Artikels gestellte Frage lautet natürlich:

Nein. Hau ab.

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17
April 2016

Abandoned: Das Wortvogel Superhero Universe

Es zahlt sich aus, dass ich alle meine alten Unterlagen in der Cloud gespeichert habe - nicht nur Kontoauszüge, sondern auch meine Mails seit 1995, die Anhänge, meine Konzepte, Faxe, Recherche-Materialien. Dadurch finde ich immer wieder mal kuriosen Kram, der durchaus noch Funktion hat. So behauptete Schauspieler Matthias Hues kürzlich, er arbeite aktuell an einem Sequel zum Lundgren-Kracher "I come in peace", in dem er den (am Schluss getöteten) Alien-Bösewicht spielte. Ich konnte nachweisen, dass Hues dieses Konzept schon seit satten 19 Jahren herum schleppt - weil ich es selber 1997 per Fax für ProSieben abgesagt hatte. Und das Fax habe ich noch.

Ebenfalls aufgetaucht: Ein 32seitiges Booklet über Herkunft und Chancen des B-Movies im aktuellen Markt, geschrieben und hübsch bebildert um 2000. Vielleicht arbeite ich das auch noch mal für euch auf.

Neulich kam mir durch einen sehr weit gefassten Suchbegriff das Fragment eines Konzepts in die Finger, das mich so visionär wie berühmt gemacht hätte - wenn ich es denn jemals konsequent verfolgt hätte. Aber wie so oft: Im Film-Business müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen und wenn die Partner nicht mal verstehen, warum man eine Idee verfolgt, dann kann man sie auch gleich wieder eintüten.

Darum gibt es heute auch neben dem MCU (Marvel Cinematic Universe) und dem DCEU (DC Extended Universe) leider kein WSU (Wortvogel Superhero Universe).

Es ist schon 13 Jahre her. Damals hatte ich gerade angefangen, mit der Produktionsfirma UFO an "Apokalypse Eis" zu arbeiten. Natürlich war das eine B-Movie-Klitsche, die billige Genre-Klopper produzierte, aber ich sah immer das Potenzial für mehr, für besser, für mutiger.

Mochte die CGI von UFO auch nicht mit Weta oder Digital Domain mithalten können, zeichnete sie sich doch dadurch aus, so ziemlich alles auf den Bildschirm zu bringen, was man für krachende Action benötigt: Monster, Explosionen, Hardware. Um das zu verdeutlichen, zeige ich euch erstmal ein paar Trailer.

Epoch:

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Interceptor Force:

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Falcon Down:

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Storm:

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Das war für die Zeit um 2000 herum ziemlich beeindruckend und UFO hatte damals auch Zugriff auf Schauspieler, die diese Bezeichnung noch verdienen: Martin Sheen, Ryan O'Neal, Luke Perry, Brian Thompson, Dale Midkiff, William Shatner, Billy Zane, etc.

Heute dreht UFO leider nur noch in Bulgarien und sowohl Cast als auch Effekte sind mit den Budgets deutlich bescheidener geworden:

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Aber wie gesagt: Um 2000 herum befand sich die Firma im Aufwind und der Umzug nach Bulgarien war eigentlich dafür gedacht, Projekte noch konsequenter durchzuplanen, um noch unabhängiger zu werden. Man wollte nicht nur noch auf Zuruf des Syfy-Channels Einweg-Heuler in den Markt pumpen, man wollte Franchises schaffen, eventuell sogar im Serienbereich aktiv werden.

doom PatrolUnd ich hatte die Idee dazu: Ein eigenes Universum an Superhelden-B-Movies. So eine Art Mini-Marvel mit eigenen Helden und Filmen, die verzahnt werden können, Teamups und Crossover erlauben. Wie es schon Charles Band mit Mandroid, Dr. Mordrid und dem Unsichtbaren Benjamin Knight versucht hatte - hier war seinerzeit das Teamup "Doom Patrol" geplant, aber nie umgesetzt worden.

Ich bin ehrlich gesagt heute noch baff, dass keine B-Movie-Klitsche auf diese Idee gekommen ist. Superhelden sind Big Business, inhärent franchise-tauglich und vom Aufwand her auch nicht schwieriger umzusetzen als "Gatordroid vs. Crococopter" oder "Global Solar Asteroid Disaster".

2003 war die Idee zudem relativ frisch - Spider-Man, X-Men und Blade hatten an den Kinokassen abgeräumt, das goldene Zeitalter war angebrochen, aber der Markt war noch nicht übersättigt und zwangsläufig auf dreistellige Millionenbudgets aus. Ich sah eine Nische für ein generisches Helden-Universum, das sich an den Vorbildern orientierte, ohne gleich drittklassiges Ripoff zu sein.

Mir war klar, dass es nicht leicht sein würde, meinen Arbeitgeber Tandem und UFO von der Idee zu überzeugen. Tandem, weil die Firma die Filme in Deutschland finanzieren lassen musste, wo man Superhelden-Streifen zwar gerne einkaufte, sich ob der kulturellen Unterschiede aber ungern an eigenen Versuchen die Finger verbrennen wollte. UFO, weil die beiden Besitzer der Firma nach eigener Aussage kein Potenzial in Superheldenfilmen sahen.

Aus genau dem Grund entwarf ich als Intro ein actionlastiges, leicht in Bulgarien zu drehendes Gruppen-Abenteuer mit Helden, die sich sehr deutlich an Batman, Superman, Iron Man etc. orientierten. Ich wollte vertraute Bilder und Charaktere schaffen, auch weil B-Movies nicht von Innovation leben. Es sollte generisch sein, leicht umsetzbar. Kein Risiko.

Bei der Story wollte ich allerdings mit Pathos und Popanz ausgleichen, was an Piepen fehlte. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass die großartige DC-Miniserie "Kingdom Come" mir viel Inspiration lieferte, insbesondere beim zentralen Konflikt des alten, ausgestiegenen Helden gegen seinen jungen, aggressiven Nachfolger.

Hier ein erster Überblick über die (noch sehr flachen) Charaktere und der Prolog des Films "Power Guard" (Arbeitstitel) - bei den Besetzungs-Ideen hatte ich schon das geplante bescheidene Budget von maximal 5 Millionen Euro pro Film im Kopf. Die Zeichnung habe ich eben mal fix mit HeroMachine erstellt, damit ihr auch was zu gucken habt:


Power Guard

American Icon

Protagonists:

Icon – think Howie Long or Sven-Ole Thorsen
Real name: John Taylor. Age: 45 Powers: Super strength and super senses. Can fly.

Stealth – think Antonio Sabato jr.
Real name: Marc Spencer. Age: 33. Powers: None. Exo-Suit gives him above human speed and strength. Uses a variety of gadgets and vehicles manufactured by the r&d department of SpenceTech.

Comet (formerly Soviet Star) – think Ralf Moeller
Real name: Alexej Pribludin. Age: 90 (looks 40). Powers: Ages only five months per year. His body is pretty much indestructible. Emits intense heat and bursts of fire when enraged. Can fly.

Gimmick – think Alyssa Milano
Real name: Sarah Shaw. Age: 17. Powers: Can teleport within a limited range.

Mirage – think Portia de Rossi or Alicia Witt
Real name: Unknown. Age: Unknown, but records show that she has been around as long as history has been recorded. Looks late 20’s. Powers: Magic. Creates illusions, changes shape, projects emotions into the weak of mind. Limited telekinesis and telepathy. Full extent of abilities unknown.

Antagonist:

American Icon – think Casper van Dien
Real name: Unknown. Age: 30. Powers: Superhuman strength and speed to rival the original Icon.


Opening credits

Underneath credits: Old newsreel footage, beginning with the late 50’s. Not only setting up the background of our main hero, but seemingly unrelated items that will come back later. More and more, the news clips focus on the career of a young American super hero - Icon.

Cuban missile crisis, president announcing development of experimental weapons, Sputnik, summer of love, train crash mysteriously avoided, P.O.W.’s rescued by mystery man, Icon saves victims of flash flood, Icon battles the Chinese super hero Warlord, Reagan is elected, Falkland crisis, fall of the Soviet Union, Icon disappears. The clips end around 1990, with the world preparing for the Gulf War, and a CNN correspondent asking

“At the dawn of a massive military confrontation, the world asks – where are the heroes? Where is Icon?”

End credits.

Super: “Present day”

A war zone in Eastern Europe. An international refugee camp under fire. A tall and broad-shouldered doctor desperately trying to save the lives of the wounded while grenades explode all around him. It's MASH 2005.

A young assistant enters the tent, excitedly telling him:

“I just heard a rumor that the Americans have sent their champion – Icon!”

The doctor raises an eyebrow. Cheers erupt from the outside.

Outside: Icon has arrived! He lands softly in the middle of the camp – holding an enemy tank in every hand as if they were toys. Strange – from the news footage we’ve seen, he should be at least 45, but he looks more like well-scrubbed 25. He is wearing a cool leather uniform/costume with a stylized American flag over the chest.

Icon rips open the tanks, and pulls out the enemy soldiers – casually breaking their necks. He doesn’t realize how much this shocks the people, and he proudly proclaims:

“Don’t worry, I’ve come to clean up the mess. Within three days, this war will be over! Trust the American Icon!”

He flies away. The doctor inspects the dead soldiers. Grim-faced, he looks in the direction that Icon left.

Cut to the remains of a midsize town, reduced to rubble by years of bombardment. American Icon saunters down the streets, teasing the remaining rebels:

“Come out, come out, wherever you are!”

A bullet from a sniper hits him – and just bounces off. He flies up to the rooftop, and a bloodcurdling scream is the only indication of what he does to his attacker.

We see another man stepping out into the middle of the street – it’s the doctor (how’d he get here so fast?). He starts to argue with American Icon, telling him that he is no better than the men that started this war. Icon remains arrogant and pompous, claiming he is the end to wars everywhere – the bringer of order. The doctor throws a sniper rifle at his feet – it was manufactured in the USA:

“We build them, sell them, and then send in our hero to save the day – it’s the American way.”

Icon gets angry, but is distracted by some rebels trying to flee. The doctor makes it clear that he won’t let Icon kill any more people. The near-sociopathic super hero laughs, then breathes fire – engulfing the doctor in flames!

When the smoke subsides, the doctor is still standing – with most his clothes burnt off! Icon is a little distraught:

“What are you – mutant, experiment, alien?”

The doctor gets up close to the US champion:

“I am the one who will stop you.”

With a mad shriek, Icon takes a swing at the doctor. His punch could probably level a building – but the strange doctor with the torn clothes captures Icon’s fist in mid-air! He starts to squeeze – and Icon starts to squirm. With his free hand, the doctor rips the stylized flag from Icon’s costume/uniform:

“You shouldn’t wear that – you're not what it stands for.”

Radical change of scenery to: Washington. White House. Oval office. The president and a couple of advisors from the military, political, and science departments. The pres wants to know how their “project” is going when they are interrupted by security:

“Airspace over the White House has been compromised!"

Everyone hustles to leave for the underground bunker, when a loud *thud* is heard from outside (the viewer can actually see a figure falling from the sky outside the office window). They race to the window – the body of a badly bruised American Icon is lying on the front lawn.


Ich gestehe - zu mehr bin ich nie gekommen. Nachdem es gar kein positives Backing für die Idee gab und ich mit diversen anderen konkreten Projekten beschäftigt war, kam "Power Guard" in irgendeinen Reste-Ordner auf der Festplatte und schimmelte bis letzte Woche vor sich hin.

Mir ist selber klar, dass sich das nicht wie ein großer Wurf liest. Ich habe das ja auch nur an einem gelangweilten Vormittag rausgehauen. Aber die IDEE dahinter ist in meinen Augen immer noch valide, es gibt mehr als genug Raum auf dem Markt für ein "kleines" Superhelden-Universum nicht fürs Kino und auch nicht fürs Fernsehen, sondern für den Streaming- und Scheiben-Markt. Dass kaum jemand auf den Zug des erfolgreichsten Subgenres der letzten 40 Jahre aufspringt, macht mich fassungslos. UFO? Asylum? Nu Image? Anybody?

Und es ist doppelt kurios, dass dieses Universum in meinem Kopf vom Look & Feel ziemlich genau so ausgesehen hätte:

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Oder so:

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Mit besseren Drehbüchern natürlich - von mir.

Wie seht ihr das? Reicht euch die Schwemme von Marvel- und DC-Adaptionen, besteht überhaupt noch Bedarf an "neuen" Helden? Kann man ein neues Universum etablieren, ohne gleich auf Parodie oder Comedy setzen zu müssen? Oder hat der Dewi nur wieder einen Hirnfurz?

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15
April 2016

Watching (9): Dice

Cringe Comedy ist sicherlich eine der substantiellsten Entwicklungen der letzten 20 TV-Jahre. Das Rezept: pseudo-dokumentarische Produktion, unsympathische Charaktere, eskalierende Peinlichkeiten. Oft genug spielen die Darsteller fiktionalisierte Versionen von sich selbst. Im Idealfall kommen Serien wie "The Office" und "Curb your enthusiasm" dabei raus, im Zweifelsfall aber auch Fehlschläge wie "Fat Actress" und jetzt "Dice":

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Die überschaubaren Abenteuer des Rüpelkomikers Andrew Dice Clay, dessen Opus Magnum "Ford Fairlane" ich immer noch verehre, taugen einfach nicht zur satirischen Überhöhung. Er ist ein abgebranntes Arschloch im wahren Leben - und in der Serie eben auch. Das erfüllt den "cringe"-Teil des Genres perfekt, beim "comedy"-Teil hakt es massiv.

Irgendwo zwischen Tony Soprano und Larry David angesiedelt, ohne die Brutalität des Einen oder den Intellekt des Anderen, ist Clay nur ein schwaches Abbild seiner Bühnen-Persona und "Dice" leidet an seinem eigenen Thema: Der Saft ist raus. Es ist einfach nicht komisch.

Ich erinnere mich lieber weiter so an ihn:

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14
April 2016

Chronik eines angekündigten Scheintodes

Ich glaube, ich brauche eine Auszeit. Liegt nicht an euch, liegt an mir. Ehrlich.

In den letzten Monaten habe ich zunehmend das Gefühl bekommen, nicht mehr Herr meiner sozialen Sphäre zu sein, sondern ihr Untertan. Ich komme nicht mehr dazu, all die spannenden Dinge zu schreiben, die ich eigentlich schreiben will, all die netten Menschen zu besuchen, die ich eigentlich besuchen will, all die häuslichen Arbeiten zu erledigen, die ich eigentlich erledigen will. Filme, Bücher, Zeitschriften, alles liegt herum, wartet auf mich, während ich mit den Augen auf dem Schirm entnervt "ja, gleich" murmele.

Das Problem ist nicht meine Netz-Präsenz, sondern ein spezifischer Teil davon, ein Ausschnitt, der sich so weit in mein Leben gedrängt hat, dass er den Blick auf alles andere verstellt.

Mein Blog wird im August 10 Jahre alt. Ich habe mehr als 3000 Beiträge verfasst, die mehr als 70.000 mal kommentiert wurden. Daneben bin ich auf Facebook sehr aktiv und habe eine ungute Faszination für YouTube-Videos entwickelt (meistens Reviews, Essays, Listicles, Kurz-Dokus). Diese drei Facetten schlucken geschätzt 90 Prozent der Zeit, die ich im und mit dem Internet verbringe.

Nicht Email, nicht Recherche, nicht Nachrichten: Blog, Facebook und YouTube sind die Zeitfresser. Nein - Lebensfresser. Was kreatives Outlet sein sollte und lange war, ist mittlerweile in seiner Flüchtigkeit, seiner Banalität kein angemessener Gegenwert zum geforderten Einsatz.

Ich will nicht bestreiten, dass es Spaß macht. Spaß, Selbstdarstellung und Ablenkung sind die primären Triebkräfte. Aber die endlosen Diskussionen, die sarkastischen Kommentare, die sorgsam gedrechselten Meinungen in vier, fünf Sätzen - das ist immer weniger tatsächlicher Diskurs, immer mehr automatisierter, aalglatter, zynischer Smalltalk nach zwei Bier zuviel auf einer schlechten Party. Ich bin müde, eigentlich will ich nach Hause - aber dem arroganten Volltrottel dahinten verpasse ich noch mal eine.

Und das ist nur eine Seite der Medaille. Ich habe mich in den letzten Wochen zu fragen begonnen, was ungetan und ungesagt und unerreicht bleibt in den Stunden, die ich auf Facebook und bei YouTube verbringe. Wie viele Romane und Drehbücher stehen nicht in meinem Regal, weil ich Zeit und Fokus anderweitig verschleudert habe? Habe ich meine Kreativität zu billig verschenkt, mein Talent brach liegen lassen?

Vielleicht nein. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht hätte ich auch ohne Facebook, YouTube und mein Blog seit sieben Jahren keinen Roman mehr geschrieben. Vielleicht liegt es mehr an der Beziehung zur LvA, an einem generellen, altersbedingten Nachlassen der kreativen Säfte. Oder daran, dass ich fest angestellt als Redakteur und Autor arbeite, was alle journalistischen Impulse bedient. Vielleicht ist der Hunger weg.

Aber ich mag das nicht glauben. Um es mit "Rocky Balboa" zu sagen: "Da ist noch Sprit im Tank". Mehr noch: Manchmal denke ich, ich habe in den letzten 25 Jahren gar nicht ernsthaft angefangen. I can feel St. Elmo's Fire burning in me - still.

So ist der Plan gereift: Ich werde nicht das Netz aufgeben, aber dem sozialen Netz den Wortvogel entziehen. Nicht den Stecker aus dem Router ziehen, aber das "Vorübergehend geschlossen"-Schild an mein Blog und meinen YouTube-Account hängen, auf Facebook eine Pause einlegen. Ich weiß nicht, für wie lange. Vielleicht drei Monate, vielleicht sechs, womöglich zwölf? Hängt ja auch davon ab, was es bringt. Wie ich auf den Entzug reagiere.

Keine Sorge: Das passiert nicht heute, nicht morgen. Aktuell steht das Social Media-Sabbatical in der "to do"-Liste unter "im Laufe des Jahres". Ich werde es vorbereiten und mir sorgsam überlegen, was mein Methadon sein kann. Das Leben noch mal richtig durchorganisieren? Einen Roman schreiben? Bei Produktionsfirmen mal wieder Filmideen shoppen gehen? Es mit einem Ebook versuchen? Deutschlandreise? Lesereise? Fitnessstudio? Zu mir zurück oder aus mir heraus?

Wer mich kennt, er-kennt das Problem - was immer ich tue, ich werde euch davon erzählen wollen. Es ist das Paradox des Autors ohne Equilibrium: Wer zuviel erlebt, kommt nicht dazu, darüber zu schreiben - und wer zuviel schreibt, kommt nicht mehr dazu, etwas zu erleben. Ich habe in den letzten zwei, drei Jahren zuviel geschrieben und zu wenig gelebt - wenn exakte Balance auch nicht möglich ist, möchte ich das Verhältnis doch zumindest wieder umkehren.

Könnt ihr das nachvollziehen? Ist es euch letztlich egal? Ist der Dewi eine Pussy? Habe ich wegen des maulenden Katers nur letzte Nacht nicht ausreichend geschlafen?

"Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts:
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir die irdische Verstrickung lösten,
Das zwingt uns stillzustehn."

(Hamlet)

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10
April 2016

Watching (8): Justice League vs. Teen Titans

Okay, davon habe ich mir von vorne herein nicht viel versprochen. Zuerst einmal bin ich weder ein Freund der Teen-Heldenteams noch der Story rund um Damian Wayne, den von Ra's al Ghul aufgezogenen und entsprechenden großkotzigen neuen "Robin". Und seien wir ehrlich - man muss die Ausgangslage schon arg hinbiegen, um ein Szenario zu entwerfen, in dem die Teen Titans auch nur den Hauch einer Chance gegen die Justice League hätte.

Hinzu kommt, dass Sam Liu Superhelden-Action nicht ganz so flüssig choreographiert wie DCAU-Stammregisseur Jay Oliva.

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Dennoch entpuppt sich "Justice League vs. Teen Titans" als recht kurzweilig, gerade als Gegenentwurf zum überblasenen "Batman vs. Superman". In den nur 79 zur Verfügung stehenden Minuten haben die Figuren halbwegs Raum, ohne dass die Story mit redundanten Schleifen gefüllt werden muss. Robin will sich nicht anpassen, wird zu den Titans geschickt, Dämonen tauchen auf, übernehmen die Justice League, die Teen Titans müssen Teamwork lernen, um die Konfrontation zu überleben. So einfach kann das sein.

Hinzu kommt, dass der Film erstaunlich erwachsen daher kommt - es gibt Dämonengemetzel, Knochenbrüche, sogar Blut zu sehen. Und bei der Verwandlung von Starfire haben sich die Animatoren ganz auf die "relevanten" Details konzentriert:

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Man merkt, dass das DCAU die etablierten Charaktere deutlich besser drauf hat als die immer noch zu rudimentäre Kino-Version. Besonders Flash hat diesmal zwei Gags, die mich schallend haben lachen lassen.

Ich sag's zudem nur ungern: So langsam gefällt mir Rotznase Damian, weil er (wie weiland Dr. House) zwar total unsozial ist, aber meistens Recht hat.

Also: Kein Highlight des DCAU, aber guter Durchschnitt. Ein Highlight dürfte der hier werden:

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9
April 2016

Frühjahrsputz im Wortvogelnest

Wieder mal umgezogen, wieder mal ausgemistet. Natürlich ist es sinnvoller, so etwas VORHER zu machen, aber wir haben in der neuen Wohnung mehr Platz und einen großen Keller, da sortiert es sich leichter.

Schlimm genug, dass Sachen auftauchen, die ich seit zwei Umzügen verloren wähnte. So sind die Artworks von Lonati doch nicht vom Umzugsunternehmen verschlampt worden (die zwei Quadratmeter große, auf Rahmen gezogene Weltkarte aber kurioserweise schon). Immer noch "missing in action" sind meine zwei externen Festplatten. Da ist viel drauf, was ich über Jahre gesammelt habe - ärgerlich.

Nun haben wir all das, was ganz raus konnte, entsorgt - beim Rest geht es um Entschlackung und das ist komplizierter. So haben wir extrem viel (teilweise antiken) Christbaumschmuck. Der soll nicht komplett weg, da muss jedes Stück einzeln begutachtet werden. Braucht Zeit und Geduld.

Eine gute Idee, um der weiteren Inventarisierung den Weg zu ebnen, liegt darin, alle Kisten im Keller noch mal ordentlich zu packen (einige kaputte Kartons können so aussortiert werden), zu nummerieren und die Inhalte zu fotografieren:

Keller 00019

Das ist zwar keine exakte Wissenschaft, aber so habe ich ein grundlegendes Gefühl dafür, was die Kisten enthalten - und kann mich von meinem Arbeitssessel aus auf die Suche machen. Das hat sich schon mehrfach bewährt. Außerdem weiß ich nun, dass wir noch knapp 30 Kisten Kram im Keller haben.

Einen ganz anderen Ansatz habe ich eben mit der alten Blechkiste verfolgt, die unsere gesammelten Anleitungen enthält. Ich war vor einigen Jahren froh genug, die Kiste eingerichtet zu haben - bis dahin waren Handbücher und Manuals immer wild in der Gegend umher geflogen. Aber auch geordnet sind sie mittlerweile Ballast - weil man so ziemlich jede Anleitung auch als PDF aus dem Netz ziehen und in einem Ordner "Anleitungen" in der Dropbox ablegen kann. Das gilt nicht nur für die neue Video-Anlage der Haustür, sondern auch für den alten Gameboy Advance SP oder den Mikrowellenherd, den ich vor 16 Jahren noch für Deutschmark gekauft habe. Viele davon werde ich nie brauchen, was es umso vernünftiger macht, sie in die digitale Ablage zu verschieben. Wieder ein paar Kilo Papier, die in den Container können:

raus

Die paar Seiten oder Diagramme, die man nicht online findet? Einfach scannen und dann wegwerfen.

Eine Warnung habe ich zu dem Thema allerdings: Es gibt diverse Fake-Webseiten da draußen, die den Download von Anleitungen versprechen, aber damit Installer (vermutlich auch Viren und Kosten) verbinden.

Ich bin froh, die Kiste leer zu haben - und Rufus auch:

catbox Kopie

Unser Problem ist seit jeher nicht der Mangel an Platz oder Staumöbeln, sondern an Motivation, diese ordnungsgemäß zu befüllen. Bei uns herrscht in Schubladen gerne Chaos, in Schränken blanke Anarchie. Das schafft Frust, weil wir auch immer wieder zusätzliche Regale angeschafft haben, weil zwar genug Möglichkeiten vorhanden, aber ungenutzt sind.

Da ist z.B. das schicke Apothekerschränkchen, das wir seit fünf Jahren haben und in dem immer nur ungeordneter Kleinkram rumlag - es dient mehr der Ablage von Schlüsseln, Post und Brieftaschen:

DSC03885

Ich war entschlossen, dieses Mal vernünftiger mit unserem Stauraum umzugehen. Statt also zu warten, bis die Schubladen wieder rappelvoll mit Kram sind, habe ich eine Liste der Dinge erstellt, die dort hinein sollen. Wegen des schnellen Zugriffs und der kleinen Schubladen eignet sich das Schränkchen besonders für Dinge, die man im Alltag immer mal wieder und dann recht fix braucht:

1) Basis-Werkzeug (Hammer, Zange, Schraubenzieher, Maßband)
2) Batterien, Batterientester, Dose für Altbatterien
3) Kleber, Tesa
4) Geschenkverpackung, Bändchen
5) Alte Schlüssel, Schlüsselanhänger, Schlösser
6) Kleingeld, Fremdwährungen
7) Katzenspielzeug, Bürsten, Medikamente, Papiere
8) Apotheken-Notset

Das war schnell eingerichtet und ist seitdem auch mehrfach extrem nützlich gewesen. So erspart das Basis-Werkzeugset in 80 Prozent der Fälle, den Werkzeugkasten vom Schrank hieven zu müssen.

Ähnlich werden wir nächste Woche auch mit der großen Kommode im Arbeitszimmer verfahren. Erst festlegen, was reinkommt, dann aufräumen.

Man kann das alles für entsetzlich banal halten, aber ich habe - gerade nach dem Chaos meines Single-Lebens - eine aufgeräumte Wohnung sehr zu schätzen gelernt. Es gibt mir die Souveränität über mein Leben zurück, bedeutet Kontrolle - und damit auch Ruhe. Ich weiß, was ich habe, und ich weiß, wo es ist.

Wenn ich nun noch die drei Brillen wieder finde, die ich vor gerade mal drei Monate neu habe anfertigen lassen...

Smarter aufräumen ist die Devise - das bin ich mir schuldig.

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5
April 2016

Fantasy Filmfest Nights 2016 (2): The Survivalist,
The Lobster, Green Room, Pandemic, Veteran

The Survivalist

survivalist-2015-1Großbritannien 2015. Regie: Stephen Fingleton. Darsteller: Mia Goth, Martin Mccann, Olwen Fouere

Offizielle Synopsis: Die Welt ist am Ende. Schwindende Ressourcen haben die Erdbevölkerung dezimiert, und die wenigen Überlebenden kämpfen auf sich allein gestellt um jeden neuen Tag. Irgendwo in Nordirland hat sich einer von ihnen ein ärmliches Refugium erschaffen. Tief im Wald versteckt haust der Einsiedler in einer Hütte und ernährt sich von dem, was ihm sein zerzaustes kleines Feld liefert. Die feindselige Außenwelt hält er sich entschlossen mit Gewehr und raffinierten Fallen vom Leibe. Doch eines Tages steht die ältere Kathryn mit ihrer Tochter Milja vor seiner Tür und bittet um Schutz. Damit beginnt ein nervenzerreißendes Katz-und-Maus-Spiel voller Misstrauen und Angst. Und obwohl sich in dieser mitleidlosen Welt jeder selbst der Nächste ist, müssen die drei bald feststellen, dass die Paranoia unter dem gemeinsamen Dach immer noch besser ist als das, was draußen auf sie lauert ...

Kritik: Wie knapp und doch nachvollziehbar man eine Dystopie bauen kann, zeigt der Vorspann von "The Survivalist" sehr schön: Wir sehen eine Kurve auf einer Zeitlinie - die Entwicklung der Erdbevölkerung. Irgendwann gesellt sich eine zweite Kurve dazu - die Erdölförderung. Beide Kurven explodieren förmlich, gehen fast senkrecht nach oben. Dann, kurz nach dem Beginn des zweiten Jahrtausends, bricht die Erdölkurve ein. Danach die Kurve der Bevölkerungsentwicklung. Sie sinkt fast auf null. Das Ende der Zivilisation, machtvoll illustriert mit zwei Strichen auf einer Grafik.

"The Survivalist" ist ist ein Minimal-Film, mit wenig Geld und primär drei Schauspielern im Wald gedreht. Es gibt keine großen Effekte, keine komplizierten Actionszenen, keinen Humor, keine direkten Genre-Elemente. Nach allen üblichen Maßstäben dürfte der Film nicht sehr spannend sein.

1 (4)Ist er aber. Weil er sehr präzise konstruiert ist, weil er jeder Figur spezifische, manchmal wechselnde Motivationen gibt, weil er die Notwendigkeit von Beziehungen und Gemeinschaften vor dem Hintergrund der Apokalypse stark verdichtet, bis sich die Suspense wie ein unhörbarer Brummton durch die gesamte Laufzeit zieht. Der Druck, unter dem die Figuren stehen, ihr Misstrauen - immer präsent, immer spürbar, ohne ausgesprochen zu werden.

Wenn man mit so reduziertem Aufwand und Cast arbeitet, ist man abhängig von der Besetzung, die authentisch und furchtlos agieren muss. Auch hier: keine Fehler. Obwohl die Figuren kaum miteinander sprechen, teilweise bis zum Autismus traumatisiert sind, dringt ihre Verzweiflung durch, ihre Gebrochenheit, weil die Apokalypse sie zu einem gänzlich unsozialen Verhalten zwingt, weil das menschliche Miteinander dem schieren Überlebensinstinkt geopfert werden muss.

Das kommt nicht augenblicklich in die Puschen, längere Strecken sind nur Beobachtung ohne Dialog, aber wer sich auf "The Survivalist" einlässt, wird mit einem drahtigen Thriller ganz ohne die üblichen Thriller-Zutaten belohnt.

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Fazit: Minimalistisches Survival-Drama, das von seiner permanenten Unruhe und subkutanen Spannung lebt und aus dem (lebens)notwendigen Egoismus der Figuren erstaunlich viel Handlung presst. Außerdem ein Film für Freunde von genitalen Großaufnahmen beiderlei Geschlechts. 7 von 10.


The Lobster

lobsterIrland, Großbritannien 2015. Regie: Yorgos Lanthimos. Darsteller: Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Olivia Colman, John C. Reilly

Offizielle Synopsis: Irgendwann in naher, recht unerfreulicher Zukunft: Das Leben als Single ist unakzeptabel. Nachdem ihn seine Frau verlassen hat, findet sich unser Protagonist David folgerichtig in einem abgetakelten Luxushotel wieder, in dem ihm 45 Tage gewährt werden, um unter den Gästen eine neue Partnerin zu finden. Gelingt dies nicht, droht die umgehende Verwandlung in ein Tier seiner Wahl und die anschließende Aussetzung im nahen Wald. Eigentlich hat sich David schon mit seinem Schicksal als zukünftiger Hummer abgefunden, doch draußen in der Wildnis leben die gesetzlosen Loner, deren Auffassung von Partnerschaft eine völlig andere ist. Zwar werden sie von den Hotelgästen kaltblütig gejagt und erschossen, aber als David sich plötzlich in ihrer Mitte wiederfindet, nimmt eine groteske Romanze ihren Lauf ...

Kritik: Kommen wir zur Kunst. "The Lobster" lief in Cannes, wie die Veranstalter betonten. Dass diese Besetzung sich auch nicht für ein sadistisches B-Movie mit Zombies und platzenden Köpfe hergibt, war ja auch irgendwie klar. Ich bin da immer vorsichtig, weil das Vorurteil, dass Kunst gerne ein Euphemismus für Langeweile oder zumindest für Undurchschaubarkeit (führt zu -> Langeweile) ist, ja nicht von nix kommt. Die Abwesenheit von Unterhaltungswerten ist NICHT notwendigerweise Anspruch, auch wenn viele Regisseure (und leider auch Festivaljurys) das gerne glauben möchten. Es ist nur die Kehrseite der Medaille, dass hohe Einspielergebnisse nichts über die Qualität eines Films aussagen.

1 (7)Aber ich schweife ab, und das wird der Sache nicht gerecht, weil "The Lobster" tatsächlich erfreulich konkret in seiner Dystopie ist. Wir verstehen, dass diese Zukunft an keiner Stelle realistisch sein soll, sondern dass sie für etwas steht - das Hotel ist die Welt der geordneten Beziehungen, der Wald ist die freie Wildbahn der Singles. Doch beide Strukturen täuschen, sind Käfige, die weder Liebesglück noch Freiheit versprechen, sondern diese gewaltsam zu erzwingen versuchen. So wie der gesellschaftliche Wert sich an der korrekt gewählten Partnerin misst, so sehr ist das Maß der persönlichen Freiheit der Verzicht auf Intimität, Liebe, Lust.

Das alles ist erstaunlich transparent konstruiert, jede der Figuren steht für eine Einstellung, für einen Typus Single. Da sind die Verzweifelten, die Erkalteten, die Entmachteten, die Lethargischen. Alle suchen nach der einen Eigenschaft, dem einen Merkmal an der anderen Person, an das sie andocken können. Die entlaufenen Singles werden verachtet, auch weil sie beneidet werden. Und wer am Ende nicht versorgt ist, wird auf den Stand eines Tieres zurück gestuft, ist des Mensch-Seins nicht mehr würdig.

Mich erstaunt, dass Colin Farrells Darstellung von vielen Kritikern heraus gehoben wird. Abgesehen von Plauze und Pornoschnäuzer spielt er nur erwartbar gut den lethargischen Neu-Single. Ashley Jensen, Rachel Weisz und Ben Whishaw haben mich deutlich mehr überzeugt.

Natürlich ist "The Lobster" nicht fehlerfrei. Er setzt die Trostlosigkeit der Beziehungssuche in angemessene trostlose Bilder um, was sicher nicht jeden FFF-Fan auf der Suche nach Action & Effekten begeistern dürfte. Und in der zweiten Hälfte verzettelt er sich dann auch, wenn die Universalität der Beziehungsallegorie zu Gunsten der persönlichen Entwicklung des Antagonisten aufgegeben wird. Der Wechsel in die Individualität zieht sich und verliert dann auch an Botschaft. Statt 120 Minuten wären vielleicht primär in der zweiten Hälfte gestraffte 100 oder 110 vernünftiger gewesen.

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Fazit: Groteske dystopische Allegorie über die Komplexität moderner Beziehungen in apathischer Zeit, über den Preis und die Lügen und den Zwang der Partnerschaft. Brillant beobachtet und teilweise erschütternd gespielt, aber gerade in der zweiten Hälfte auch sehr selbstverliebt und schließlich zu lang. 7 von 10.


Green Room

green-room-posterUSA 2015. Regie: Jeremy Saulnier. Darsteller: Imogen Poots, Anton Yelchin, Patrick Stewart, Alia Shawkat

Offizielle Synopsis: Sie nennen sich „The Ain‘t Rights“ und sind chronisch pleite. Als der jungen Punkband mal wieder ein Auftritt durch die Lappen geht, zieht ein befreundeter Journalist mittels familiärer Beziehungen einen neuen Gig an Land. Aber was Tiger, Sam, Pat und Reece im hintersten Winkel von Oregon erwartet, hatte keiner von ihnen kommen sehen. Zwar liefern die Musikfreaks ein glänzendes Livekonzert vor einer angetrunkenen Horde hinterwäldlerischer Neonazis ab, doch als sie von der Bühne geradewegs in einen barbarischen Mord stolpern, findet sich die hoffnungsfrohe Band urplötzlich von allen Seiten belagert im „Green Room“ wieder. Um die Nacht zu überleben, müssen sie bis an ihre Grenzen gehen – und darüber hinaus. Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Schmerz wird ihre Waffe. Blut wird fließen. Und am nächsten Morgen werden nur noch wenige übrig sein ...

Kritik: Es gehört zu den Genüssen des Filmfestivals, Regisseuren, Autoren und Darstellern beim Wachsen zu zu sehen. Wenn sie mit ihren Erstlingen kommen, dann größer budgetierte Folgewerke drehen und oft sogar in Hollywood landen. Über die Jahre habe ich den Aufstieg von Peter Jackson miterleben dürfen, Guillermo del Toro, Sam Raimi, Jeunet & Caro, Vince Natali.

Auch Jeremy Saulnier gehört in diese Liste. Vor zwei Jahren habe ich seinen Erstling "Blue Ruin" begeistert als Selbstjustiz-Thriller ganz ohne den gerechten Zorn der Selbstjustiz gefeiert. Es freut mich, dass Saulnier nun mit einem höher budgetierten und besser besetzten neuen Film nachlegen kann.

Zuerst einmal: "Green Room" rockt. Er ist hart, er ist schonungslos, er ist fettfrei geschrieben und inszeniert. In seinem Chaos, seiner Hysterie schafft er es, selbst bei den Nazi-Skins mit ein, zwei prägnanten Sätzen und Gesten plausible Charaktere zu bauen, Tiefen zu schaffen. Er lässt die beiden Gruppen aufeinander los wie Kampfhunde in der Arena, in der nur Darcy als "ringmaster" die Kontrolle besitzt.

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Harte Kost, starker Film. Aber ich wende mich mal ein bisschen von der Fanboy-Begeisterung ab, um zwei Punkte anzusprechen, die mir dann doch etwas aufgestoßen sind.

"Green Room" geht auf Nummer Sicher. Es ist ein Belagerungsdrama ohne Wenn und Aber, vor allem aber ohne neue Facetten für das Genre. Der Wechsel von Zombies oder Gangstern zu Nazi-Skins ändert nichts an den Abläufen, der Dramaturgie oder den Charakteren. Das ist letztlich nur die Kostümierung. Anders als "Blue Ruin" hat "Green Room" über seine Story hinaus nichts über sein Genre zu erzählen. Das finde ich schade, weil ich Saulnier mehr zutraue.

Und Patrick Stewart ist auch nicht die Offenbarung, die ich mir erhofft hatte. Natürlich ist er ein großartiger Schauspieler und es ist ein feuchter Fanboy-Traum, ihn als rassistisches Drecksarschloch zu erleben. Das Problem dabei: Er spielt Darcy nicht als rassistisches Drecksarschloch, sondern als gut gekleideten, kultivierten Edel-Kriminellen, der seine eigenen Handlanger nicht weniger verachtet als seine Opfer. Ich verstehe zwar, dass hier illustriert werden soll, dass Darcy sich perfekt im Mainstream versteckt, aber es nimmt Stewart die Möglichkeit, mal so richtig die Sau raus zu lassen. Mit etwas weniger Kontrolle, etwas weniger Zurückhaltung, ein paar verblichenen Tattoos und mehr physischer Präsenz hätte die Figur erheblich furchterregender sein können.

So ist "Green Room" für sich genommen exzellentes Entertainment, gerade nach einem eher intellektuellen Vergnügen wie "The Lobster". Aber Saulnier und Stewart, das hätte obendrein auch noch außergewöhnlich sein können, vielleicht sogar müssen.

Das ändert aber nichts daran, dass Saulniers Filme künftig bei mir auf der "must see"-Liste ganz weit oben stehen.

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Fazit: Beinhartes Belagerungsdrama, das bekannte Topoi des Genres mal nicht mit Zombies oder Mafiosi durchspielt, sondern mit Nazi-Skinheads. Von hohem Tempo, straffer Regie und starken Darstellern (aber erfreulich wenig Gröl-Mucke) virtuos getragen. 8 von 10.


Pandemic

Pandemic_poster_goldposter_com_1USA 2016. Regie: John Suits. Darsteller: Rachel Nichols, Missi Pyle, Alfie Allen, Mekhi Phifer, Paul Guilfoyle

Offizielle Synopsis: In einer Militärbasis am Rand von L.A. wird fieberhaft nach einem Stoff gesucht, das tödliche, die Weltbevölkerung dahinraffende Virus im letzten Moment doch noch einzudämmen. Da die Mutation in Phasen verläuft, sind Infizierte und Nichtinfi zierte nicht immer leicht zu unterscheiden. Dr. Lauren erhält die Mission, einem Notsignal nachzugehen und mitten in der zerstörten Metropole nach Überlebenden zu suchen. Drei Dinge sollen bei der Rettungsaktion für das Team oberste Priorität haben: das Leben Laurens als letzte Ärztin in der Basis, die hundertprozentige Gesundheit der Geretteten und das strikte Verbot, irgendwelche privaten Interessen bei der Operation zu verfolgen. Rein, raus, lautet die Devise. Wie fast unmöglich diese Aufgabe ist, zeigt sich allerdings schon beim Verlassen der geschützten Zone durch die mit Horden von Zombies infiltrierte Schleuse ...

Kritik: Manche Filme sind einfach zum kotzen. Wie schon "Taped" setzt "Pandemic" derart auf hektisches, subjektives Kameragewackel in niedriger Auflösung, dass mir nach fünf Minuten schwer übel war und ich bei den Actionszenen die Augen schließen musste. Es wäre zwar ein angemessener Kommentar zu gebotenen filmischen Qualität gewesen, aber ich wollte dem Kino nicht auf den Boden reihern. Soviel Rücksicht muss sein.

1 (5)Leider ist "Pandemic" (dessen generischer Titel Vorwarnung genug sein sollte) auf so ziemlich jeder Ebene ein Totalausfall und wirft nach "Raze" erneut die Frage auf, wie zur Hölle sich die durchaus arrivierte Rachel Nichols ("G.I. Joe", "Continuum") ihre Rollen aussucht. Das hier ist Sub-Syfy-Trash, dessen subjektive Kamera ausschließlich der Kostenminimierung dient, dessen CGI nach Smartphone-App aussieht und der wirklich an keiner Stelle versucht, mehr zu leisten als das Minimum, was von so einem Virus/Zombie-Dreck erwartet wird. Blanker Zynismus und damit ein schöner Gegenentwurf zum nicht teureren, aber deutlich ambitionierteren "What we become".

Was "Pandemic" auf meiner Respektskala noch mal ein paar Punkte nach unten setzt, ist die unsäglich nervige Mischung der Protagonisten: Hier hat wirklich jeder ausschließlich seine eigenen, egoistischen Ziele vor Augen, für die Rettung des Nachwuchses oder der Lebensgefährtin wird stressfrei über Leichen gegangen und irgendeine Logik sowohl im Verhalten der Menschen als auch im Verhalten der Zombies sucht man vergebens. Es ist der Meinung des Zuschauers nicht zuträglich, wenn man sich nach 10 Minuten wünscht, die Heldin möge endlich vom Zombie gefressen werden.

Dass angesichts der inhaltlichen und technischen Schlampereien auch die subjektive Kamera-Perspektive bestenfalls schlampig durchgezogen wird, sollte niemanden wundern.

Ich gebe selten 10 Punkte, ich gebe selten 1 Punkt. Im Idealfall ist immer Luft nach oben oder unten. Im Fall von "Pandemic" mache ich eine Ausnahme.

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Fazit: Würden nicht die unerträglichen Figuren, die schlechte CGI oder der tausend Mal gesehene Plot den Film versenken - die brechreizerregende Shaky Cam machte den Deckel drauf. Nur geeignet für diese schrabbeligen "20 Horrorfilme für 10 Euro"-Boxen und das entsprechende Klientel. 1 von 10.


Veteran

veteranSüdkorea 2015. Regie: Seung-wan Ryoo. Darsteller: Jung-min Hwang, Ah-in Yoo, Hae-jin Yu, Dal-su Oh, Man-sik Jeong

Offizielle Synopsis: Geld regiert die Welt. Mit Macht, Stellung und Einfl uss kommen die Großen mit jedem widerwärtigen Verbrechen davon. Doch einer hat von diesen Machenschaften die Nase gestrichen voll: Do-cheol Seo, einer der letzten aufrechten Cops in der Metropole Seoul. Er will aufräumen mit Bestechung, Erpressung, mundtot gemachter Presse und halbseidenen Deals hinter verschlossenen Türen! Als ein befreundeter Truckfahrer vermeintlich selbst verschuldet fast zu Tode kommt, hat Seo seine Nemesis gefunden: Tae-oh Jo, Sprössling eines milliardenschweren Familienimperiums. Seos persönliche Vendetta ohne Rücksicht auf Karriere und Familie wird weit mehr in den Abgrund reißen als nur den sadistischen Industriellensohn.

Kritik: Wer meine Reviews schon länger liest, der weiß, dass ich mit dem asiatischen Kino zwar nicht so warm werde wie viele meiner Kollegen und Kumpeln, aber ordentliche Asia-Action durchaus zu schätzen weiß: "Clash", "Like a dragon", "Ninja Terminator".

"Veteran", angeblich der erfolgreichste südkoreanische Film aller Zeiten (zumindest in Südkorea), fängt denn auch ganz vielversprechend an, mit den augenzwinkernden Action-Abenteuern einer Polizeieinheit, die offensichtlich bei Jackie Chan gelernt hat. Da lacht man auch gerne mal, wenn einem bösen Handlanger die Eier zerquetscht werden. It's Entertainment!

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Leider baut der Film danach deutlich ab, weil er mehr Krimi als Action-Farce sein und noch dazu asiatischen Emo-Kitsch bedienen will: Ein tapferer, aufrechter Trucker mit kleinem Sohn wird Opfer reicher Kapitalistenschweine, die Politik und Polizei in der Tasche haben. Aber ach, unser aufrechter Do-cheol Seo hatte dem kleinen Jungen doch versprochen, auf ihn und seinen Papa aufzupassen! Also schwört er sich, die Verantwortlichen dran zu kriegen.

Auch DAS ginge noch, wenn "Veteran" an diesem Punkt wenigstens konsequent auf die "Ein Cop sieht rot"-Schiene umsteigen würde. Aber weil Do-cheol Seo moralisch unantastbar ist, geht er die Sache ganz klassisch an, mit Verhören, Beweissicherung und investigativer Recherche. Es gibt viele Konfrontationen mit Anwälten, aufbauende Gespräche mit der Gattin und den Kollegen, permanente Verweise darauf, wie unendlich korrupt und skrupellos der Bösewicht ist.

So schleppt sich "Veteran" zu zäh vom furiosen Prolog zum nicht minder krachenden Finale, denn primär geht es ihm nicht um die Action, sondern um das Eincremen der koreanischen Kleinbürgerseele: Seht her, auch wenn die da oben alle Macht haben und total gemein zu euch sind, es gibt immer wieder einzelne Polizisten, die sich das nicht gefallen lassen!

Hinzu kommt, dass ich die Sprache im koreanischen Filme für entsetzlich halte - das klingt alles wie weinerliches, empörtes Geplärre von Touristen, denen man die Brieftasche geklaut hat. Mag Kulturchauvinismus sein, aber ich sag's halt, wie es ist.

Ich erkenne aber neidlos an, dass der koreanische Actionfilm ein hohes Niveau besitzt, was Actionszenen und Ausstattung angeht. Wer generell ein Faible für diese Sorte Film hat, wird sicher weniger kritisch sein als ich.

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Fazit: Fängt an wie ein Jackie Chan-Slapstick-Actioner, dreht dann in Jackie Chan-Crimedrama-Territorium und bedient letzten Endes primär den kindischen koreanischen Wunsch nach dem Supercop, der es den korrupten Kapitalisten mal so richtig zeigt. Teilweise witzig, teilweise furios, aber letztlich zu unfokussiert, um mitzureißen. 6 von 10.


Nach(t)gedanken

Da sieht man mal wieder, mit wieviel Vorsicht man die Punktewertungen genießen muß - mit 29 Gesamtpunkten liegt Tag 2 gerade mal zwei magere Punkte vor Tag 1. "Pandemic" hat den Durchschnitt versaut. Eigentlich war es nämlich ein deutlich besserer Tag, der die Diktatur des Mittelmaßes gebrochen hat. Endlich wieder Highlights, endlich wieder Filme mit Mut und Perspektive. Hätten die Veranstalter "High Rise" statt "Pandemic" als Hauptvorstellung am zweiten Tag gebracht, wäre es einer der besten Festival-Tage seit Vogelgedenken gewesen. Und Tag 1 hätte man dann endgültig auslassen können (da war Doc Acula unbeabsichtigt schlauer als ich).

Habe ich mich gestern über die geschlechtliche Auseinandersetzung mit Minderjährigen echauffiert, muss ich heute mal das Thema Tierquälerei, bzw. Tiertötung ansprechen. Das scheint mittlerweile Standard zu sein, kaum ein Film auf diesem Festival hat darauf verzichtet. Mal lustig, mal schockierend, mal furchtbar, mal notwendig - Fellträger haben keine hohe Lebenserwartung im modernen Genrefilm. Meistens trifft es Hunde, im naturalistischen Kontext gerne auch Kaninchen, allerdings sind auch Esel und Ziegen nicht tabu. Ich gehe mal davon, dass PETA das Festival in absehbarer Zeit nicht sponsorn wird.

Zusammen fassend muss man festhalten, dass die Veranstalter mit "The Witch" und ausgerechnet "Pandemic" zwei ihrer schwächsten Beiträge in die Primetime-Schiene gelegt haben - ein massiver Fehler, zumal mit "High Rise", "Green Room" und "Survivalist" deutlich potentere Kandidaten zur Verfügung standen. Besucht waren alle Veranstaltungen für Nürnberger Verhältnisse erstaunlich gut, man muss sich um die Zukunft des Festivals in der Hauptstadt der Bewegung keine Sorgen machen.

Mein Dank gilt wie immer Doc Acula, einem treuen Begleiter und kompetenten Ko-Kritiker, mit dem man sich Bonbons und Unsäglichkeiten der Leinwand teilen kann. Es sei der Fairness halber erwähnt, dass er "The Survivalist" ein oder zwei Punkte schlechter bewertet als ich, "Veteran" dafür deutlich besser.

Verkündet wurde übrigens auch, dass das große FFF dieses Jahr am 19. August startet. Sofern mich nicht der Blitz trifft, werde ich natürlich dabei sein. Seit 1990 weiß ich so wenigstens einmal im Jahr, wo ich hin gehöre. Aber wo ist das? Wieder Nürnberg, mit dem Doc im Pärchensitz? Oder wieder Berlin, im endlich fertig gestellten Motel One gegenüber des Kinos, sofern sich Gleichgesinnte finden? Aus nostalgischen Gründen nach München? Oder - ganz vogelwild - in Köln dem Filmi, dem Heino und dem Marcus die Laune verderben? Hhhmmm...

Nach dem Festival ist vor dem Festival!

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April 2016

Fantasy Filmfest Nights 2016 (1): What we become, Emilie, Moonwalkers, The Witch, High Rise

What we become

WhatWeBecomePosterDänemark 2015. Regie: Bo Mikkelsen. Darsteller: Mille Dinesen, Ole Dupont, Mikael Birkkjær, Troels Lyby, Marie Hammer Boda, Therese Damsgaard, Benjamin Engell

Offizielle Synopsis: Noch ist alles friedlich in der dänischen Vorstadtsiedlung Sorgenfri. Noch! Denn schon bald brechen Chaos und Wahnsinn über die Vorgärten herein, in Form eines rasend schnell um sich greifenden Virus, der vor nichts Halt macht. Nicht vor Nachbarn, nicht vor Freunden, nicht vor Familienmitgliedern. Die Staatsgewalt handelt sofort und riegelt die Häuser hermetisch ab. Drinnen sind die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. Draußen breitet sich die Seuche unaufhaltsam aus. Dafür sorgen die schlurfenden, kratzenden und vor allem beißenden Wirtsträger.

Kritik: Okay, kein schlechter Einstieg, gerade wenn man die FFF Nights als "kleinen Bruder" des FFF sieht und damit auch bei den Filmen die Erwartungen ein bisschen in Grenzen hält. "What we become" erzählt eine sehr bekannte Geschichte mit sehr bekannten Figuren und sehr bekannten Wendungen, die davon lebt, dass die Perspektive hier eine andere ist - die Menschen in Sorgenfri sind Vorstadtspießer, weder Verursacher der Epidemie noch an den Schaltstellen der Macht noch aus dem Material, aus dem Helden geschnitzt werden. Sie sind die, die wir in anderen Filmen immer erst zu sehen bekommen, wenn sie schon zombifiziert sind - Kanonenfutter und Hindernis für die eigentlichen Helden. Es ist ein Film über die Verlierer, die Ohnmächtigen und die Impotenten - und er gönnt uns keine Katharsis, dass diese auch mal über sich hinaus wachsen könnten.

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Die große Epidemie ist mit augenscheinlich wenig Geld in Szene gesetzt worden, was aber überraschend gut funktioniert: Ein paar Betonelemente verdeutlichen glaubwürdig, dass die Stadt abgeriegelt ist, ein zwei schwarze Planen illustrieren die "Verpackung" der Vorstadthäuser.

Auch in der Darstellung der Figuren findet Mikkelsen interessante Facetten im Klischee: Der Teenager, der mit der Pubertät auch seine Männlichkeit beweisen muss (u.a. mit dem hübschen Mädel aus dem Nachbarhaus), der Vater, dessen ewige Konfliktscheu zwangsläufig zur Katastrophe führt, die nur oberflächlich funktionierende Beziehung, die mit der Epidemie augenblicklich zerbricht - das alles wird nur angeschnitten, aber es verleiht "What we become" eine erfreuliche Substanz unter der omnipräsenten Oberfläche der Zombievirus-Genres.

Technisch und darstellerisch wird Hausmannskost geboten, was aber gerade deshalb in Ordnung ist, weil der Film im dänischen Suburbia spielt und sich nicht wirklich für "Hollywood acting" eignet. Gerade die Tatsache, dass Sorgenfri auch 30 Kilometer südlich von Düsseldorf oder 20 Kilometer westlich von Stuttgart liegen könnte, verleiht dem Geschehen eine für dieses Genre ungewöhnliche Nachvollziehbarkeit - und wirft mal wieder die Frage auf, warum der deutsche Regienachwuchs so etwas nicht gestemmt bekommt.

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Fazit: Dänisches Kleinstadt Virus/Zombie-Drama, das mit bescheidenem Mitteln und einem guten Auge für Charakterdetails die mangelnden Schauwerte wettmacht und zwar nicht das ganz große Rad dreht, aber mit Einsatz und Authentizität punktet. 6 von 10.


Emelie

Emelie-Theatrical-PosterUSA 2015. Regie: Michael Thelin. Darsteller: Sarah Bolger, Joshua Rush, Carly Adams, Thomas Bair, Elizabeth Jayne

Offizielle Synopsis: Einen guten Babysitter zu finden ist schwer, und noch schwerer ist er zu ersetzen. Die Thompsons wissen ein Lied davon zu singen. Fast wäre ihr gemeinsamer Abend ruiniert, als das Kindermädchen für ihre drei ziemlich anstrengenden Kids kurzfristig absagt. Da erscheint Anna als rettender Engel in letzter Sekunde und mit warmen Empfehlungen. Sie wirkt aufgeschlossen und scheint auf Anhieb mit Jacob, Sally und Christopher gut zurechtzukommen. Doch kaum sind die Eltern weg, bekommen die drei zu spüren, dass mit der jungen Frau etwas ganz und gar nicht stimmt!

Kritik: Schade, schade, schade. "Emelie" (Arbeitstitel: "Bad Sitter") fängt klasse an, baut ein interessantes Mystery auf: Wer entführt eine Babysitterin? Und wer macht sich dann große Mühe, diese durch eine Schwindlerin zu ersetzen? Zumal Emelie sehr schnell beginnt, mit den Kindern groteske Psycho-Spiele zu spielen, die elterliche Urängste bedienen. Sie manipuliert die drei Kinder geschickt, um Keile zwischen sie zu treiben und die Beziehung zu den Eltern zu hintertreiben. Besonderes Emelies Fähigkeit, die einsetzende Pubertät von Jacob zu nutzen, ist sehenswert und versprich latent perverses Thriller-Vergnügen.

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Und dann, nach ungefähr einer halben Stunde, bricht das Konstrukt komplett in sich zusammen. In einer schmerzhaft reingehämmerten Szene wird die Motivation von Emelie erklärt - und sie ist nicht nur langweilig, sondern auch hanebüchen. Es werden Löcher im Plot sichtbar, die Geschehnisse im Haus werfen immer mehr Fragen auf und immer wieder angedeutete Subplots (das Elternpaar scheint eine schwere Zeit hinter sich zu haben) werden nicht mehr bedient. Die raffinierten Psycho-Spielchen degenerieren zu Hysterie- und Gewaltausbrüchen, irgendwann wähnt man sich in der Slasher-Version von "Kevin - Allein zu Hause". Diverse Kontinuitäts-Probleme lassen zudem auch Post Production-Probleme schließen (der kleine Freund von Jacob verschwindet irgendwann und ist am Ende plötzlich verletzt in der Ambulanz - wieso?).

Da hilft es auch nicht, dass Sarah Bolger einen wirklich prima Psycho-Sitter abgibt und die Kinderdarsteller außerordentlich authentisch sind.

Gut angefangen, stark nachgelassen - schade, denn die erste halbe Stunde von "Emelie" hätte wirklich einen besseren zweiten und dritten Akt verdient.

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Fazit: Ein gutes erstes Drittel Psychothriller, nach dem der Film in Exposition und zunehmender Unlogik ersäuft, bis nur noch ein fader Abklatsch des Stepfather / The Guardian / Hand that rocks the Cradle-Subgenres übrig bleibt. 4 von 10.


Moonwalkers

moonwalkers-poster-high-resolutionGroßbritannien, Frankreich 2015. Regie: Antoine Bardou-Jacquet. Darsteller: Ron Perlman, Rupert Grint, Robert Sheehan, Stephen Campbell Moore, Kerry Shale

Offizielle Synopsis: Ein traumatisierter, gewalttätiger Vietnam-Veteran wird vom CIA mit einer heiklen Mission betraut. Er soll 1969 nach London reisen, um Stanley Kubrick zu rekrutieren. Der Regisseur ist gerade durch 2001: A SPACE ODYSSEY in aller Munde und soll nun für die Amis eine Mondlandung inszenieren, falls die echte Apollo-Mission scheitert. Durch eine Verwechslung geraten Perlman und sein prall gefüllter Geldkoffer allerdings an den erfolglosen Bandmanager Jonny und einen Haufen dysfunktionaler, dauerbreiter Hippies. Es hilft nix: die Apollo-Mission rückt dem Mond immer näher und die schrille Zweckgemeinschaft muss die filmische Fälschung irgendwie auf die Beine stellen …

Kritik: Jau, das klingt auf dem Papier sicher sehr witzig, kombiniert es doch die Verschwörungstheorien der Fake-Mondlandung mit der These, diese sei von Kubrick inszeniert worden. Mit FFF-Veteran Ron Perlman und Harry Potter-Kumpel Rupert Grint ist das auch sympathisch besetzt. Bei der Ausstattung haben sich die Macher des in Belgien gedrehten Films augenscheinlich viel Mühe gegeben. Das strotzt vor überzeichnetem Zeitkolorit der Swinging Sixties.

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Allerdings weiß der Film mit seiner drolligen Ausgangsidee nicht viel anzufangen, letztlich werden nur ein paar Sketche draus gebaut mit Pointen von schwankendem Humor. Es steigert sich nicht, die Figuren entwickeln sich nicht und die ungewöhnliche Partnerschaft von Grint und Perlman bleibt so oberflächlich wie unglaubwürdig - genau genommen legt sich der Film auch auf keinen Protagonisten fest. Während Grint in der ersten halben Stunde der Fokus, dreht sich Akt 2 fast komplett um Perlman. Das passt alles nicht zusammen, da ist nichts aus einem Guss - und mit 107 Minuten ist der Film für eine letztlich substanzlose Komödie dann auch wieder zu lang.

Wer es etwas genauer will - Mark Tinta hat den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen. Mehrfach.

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Fazit: Eine konzeptionell sympathische Farce, die sich mit zunehmender Laufzeit in nur vermeintlich witzige Details verzettelt, statt den Plot und die Charaktere zu entwickeln. Auch angesichts der Besetzung hätte mehr drin sein müssen. 5 von 10.


The Witch

the-witch-600x889USA, Großbritannien, Kanada 2015. Regie: Robert EggersDarsteller: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson

Offizielle Synopsis: Neuengland um 1630. Gerade erst ist der strenggläubige William mit Frau und fünf Kindern in der Neuen Welt angekommen, schon wird er mit seiner Familie aus der Kolonie-Gemeinde ausgestoßen. Mit bedrohlichem Knarren schließt sich das Tor hinter dem stolzen Fundamentalisten und lässt die sieben einsamen Seelen in die unerforschte Wildnis des neuen Kontinents ziehen. Am Rand eines dunklen Forsts findet die Familie einen Ort, um neu anzufangen, doch das Glück ist nicht von Dauer: Die Ernte verdirbt, das Vieh verhält sich seltsam und während eines harmlosen Spiels verschwindet Williams jüngstes Kind auf mysteriöse Weise. Mit der Suche nach dem Baby beginnt eine Reihe verstörender Vorfälle, in deren Verlauf der Wahnsinn schleichenden Einzug in die kleine Gemeinschaft hält. Gefangen in Isolation und Aberglauben entscheidet sich das Schicksal der Familie in einem wirbelnden Chaos aus Gewalt und Irrsinn ...

Kritik: Das ist eine Kritik, deren Ergebnis mir selber nicht gefällt. Ich möchte "The Witch" mögen. Weil es ein mutiger Independent-Film ist, der sein Heil nicht in billigen Schauwerten sucht. Weil er einer Reihe großartiger Schauspieler eine Reihe großartiger Performances abringt. Weil die Idee, ein karges Leben auch in kargen, braun-grauen Bildern zu illustrieren, richtig ist, ebenso wie die Idee, aus zeitgenössischen Berichten und Protokollen eine Chronik des Versagens einer Familie zu destillieren, vom Kampf gegen die externen Umstände bis zur Zerfleischung durch interne Konflikte.

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Aber es hakt. Es hakt, weil sich die Macher letztlich nicht wirklich entscheiden wollen, ob es sich nun lediglich um ein Drama über die bröckelnde Kraft der Frömmelei oder eben doch um ein Okkult-Melodram handeln soll. Über weite Laufzeiten sehen wir sechs Personen zu, die langsam beginnen, sich gegenseitig zu hassen und deren einziger Klebstoff - der Glaube - seine verbindende Kraft verliert. Die Hexe als Bedrohung ist letztlich nur ein Sinnbild für den Zweifel am gewählten Weg - und dann eben doch nicht, als impliziert (aber niemals auserzählt) wird, dass es die "Hexe im Wald" eben doch gibt.

Aus der Pendelbewegung zwischen den beiden Genres zieht "The Witch" keine Kraft, keinen Antrieb. Er mäandert vor sich hin, eskaliert seine Konflikte vorhersehbar und hat am Ende kein Ende, weshalb der Epilog so angetackert wird, als hätten die Geldgeber nach dem ersten Screening an die Macher gemailt "Da werden wohl ein paar Nachdrehs nötig sein - SO können wir den Zuschauer ja schlecht aus dem Kino lassen, oder?".

Schade eigentlich, denn ich mag Filme, die den Mut haben, nicht ironisch oder krachend oder bunt oder sexy sein zu wollen, die nach stiller Kraft streben. Aber auch für die gilt halt: Das Ergebnis zählt. Es muss funktionieren.

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Fazit: Ein starkes, aber auch karges und freudloses Drama über den Zerfall einer Puritaner-Familie in den frühen Tagen der Besiedlung Nordamerikas. Den Anspruch, die Folgen religiösen Wahns in Zeiten großer Armut anzuprangern, macht dann der unnötig konkrete und alberne Epilog zunichte. 4 von 10.


High-Rise

high-rise-posterGroßbritannien 2015. Regie: Ben Wheatley. Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy

Offizielle Synopsis: Hochgeschwindigkeitsaufzüge, Supermärkte, Fitness-Studios und sogar ein Schwimmbad: Diesen Hochhauskomplex müsste kein Mensch wieder verlassen – findet sich hier doch alles, was das Herz begehrt, auf effektiv gestaltetem, perfekt designtem Raum. Als Dr. Robert Laing in eines der Luxusapartments im 25. Stock zieht, ist er eigentlich auf der Suche nach einem Neuanfang und ein bisschen Anonymität. Doch als er in das gesellschaftliche Leben des High-Rise eintaucht, verändert sich sein Leben: Cocktailpartys, Squashduelle und sexuelle Gefälligkeiten stehen von nun an auf der Tagesordnung. Als der Spaß auszuschweifen beginnt, außer Kontrolle gerät und gar Todesopfer fordert, droht der Luxustempel in Anarchie zu verfallen. Was auf Laing bis dahin wirkte wie ein absurder Traum wird zum düsteren Albtraum.

Kritik: "High Rise" ist mal wieder ein schönes Beispiel, warum ich mich vorher nicht über die Filme informieren mag, die im Programm stehen. Zuerst einmal war mir nicht klar, dass ich die Adaption von Ballards legendärer 70er-Dystopie "High Rise" zu sehen bekommen würde - ich dachte, die Dreharbeiten seien noch gar nicht abgeschlossen. Und hätte ich es gewusst - meine Begeisterung hätte sich in Grenzen gehalten, bin ich doch seit Wheatleys "Kill List" und "A field in England" ein Gegner seines vagen, wirren, non-narrativen Stils.

"High Rise" sollte mal von Roeg verfilmt werden, dann von Cronenberg - zwei Regisseure, die ich für ungleich geeigneter gehalten hätte, die Geschichte vom Zerfall einer mondänen Hochhaus-Gesellschaft zu adaptieren.

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Aber Wheatley überrascht. Wie bei Zack Snyder und "Watchmen" haben sich hier Stoff und Erzähler perfekt gefunden, weil sich Wheatley dem Kaleidoskop von Ballards Roman nicht aufdrängen muss, es sich ihm nicht untertan machen muss. Seine fiebrige, zersplitterte Art des Filmemachens, die mich schon bei "A field in England" an das englische Kino der späten 60er erinnerte, entspricht Form und Inhalt von "High Rise", einem Kultroman aus genau dieser Ära.

Aus diesem Grund gelingt es Wheatley auch, den eigentlich kaum in zwei Stunden erzählbaren Roman in seiner gesamten Breite und Tiefe zu erfassen, weil er nicht versucht, ihn zu komprimieren - er lässt stattdessen aus, überspringt, verzichtet auf verbindende Szenen oder Übergänge zwischen den Figuren. Es ist ein Film wie auf Drogen, in dem man immer nur Bruchstücke wahrnimmt, aufblitzende Momente, die nicht zusammen zu passen scheinen, auf dem Boden verteilt aber doch ein stimmiges, wenn auch bizarres Bild ergeben.

Es hilft, dass Wheatley ausreichend Geld und hochkarätige Schauspieler zur Verfügung hat, um das retro-futuristische London in all seiner Beton-Grausamkeit darzustellen. Der Fokus auf Laing - auch wenn er letztlich ein impotenter Beobachter ist - erlaubt dem Zuschauer, an den Film anzudocken.

Trotzdem ist "High Rise" harte Kost und seine Dystopie seltsam unwirklich. Was in den 70ern als mögliches Warnung vor dem Wohlstandsknast eines solches Hochhauses dienlich war, hat sich längst überholt, die Konzepte gelten als un-lebbar, was natürlich auch die Kritik daran kastriert. Es bestätigt, was ich Wheatley schon immer unterstellt habe: Er ist ein Geist der 60er, 70er, sein Anspruch und sein Einsatz wären neben Roeg, Lester und Russell besser platziert gewesen als im neuen Jahrtausend.

Aber man muss auch bereit sein, kraftvolles Kino zu erkennen und zu loben, wenn es aus einer Ecke kommt, in der man danach nicht gesucht hat. Mit "High Rise" hat sich Ben Wheatley nach zwei Totalausfällen bei mir rehabilitiert. DAS ist exzellentes dystopisches Kino - sicher nicht für jeden, aber für mich.

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Fazit: Eine fragmentierte, retro-utopische Allegorie, die mit viel Starpower und ohne übliche Handlungsbögen den Zerfall der gesättigten Klassengesellschaft in einem kontrollierten, aber eben doch unberechenbaren Umfeld durchspielt. Als Dystopie überholt und aus der Zeit gefallen, als Film aber faszinierend und verstörend. 8 von 10.


Nach(t)gedanken

Der erste Tag war wieder mal gut gemischt, was Stil, Inhalt und Genres der Filme anging, allerdings war das Aufgebot auch über weite Strecken genau das, was es nicht sein sollte - Mittelmaß. Man kann sich prima über Drecksfilme aufregen oder für Highlights begeistern - Mittelmaß ist die Hölle, weil sie einen kalt und den Festivaltag sehr lang werden lässt. Es war eine kleine Rettung, dass "High Rise" sich in Richtung Mitternacht noch als Ausreißer profilieren konnte.

Die Veranstalter sollten den Programmablauf etwas besser koordinieren - "The Witch" war für die große Hauptabend-Vorstellung erheblich zu asketisch und unbefriedigend, da hätte "Moonwalkers" mehr Unterhaltung geboten und "High-Rise" mehr Starpower.

Vielleicht ist es eine Frage des Alters, aber mir ist ungut aufgefallen, dass drei der fünf Filme minderjährige Sexualität (in meinen Augen) unnötig ausschlachten. Sei es der Backfisch-Sex in "What we become", das Spiel mit den Hormonen in "Emilie" oder die inzestuöse Lust in "The Witch". Kann man machen, muss man aber nicht - und wäre mir ohne lieber.

Die Dame, die hier einige Filme für Rosebud ansagt, meinte übrigens, "The Witch" müsse als Independent-Film unterstützt werden, um ein Gegenwicht "zu diesem Blumhouse-Müll" zu bilden (was ich unterstütze). Ist natürlich nicht ganz so aufrecht in der Kritik, wenn man gleich danach zwei Trailer für Blumhouse-Filme zeigt...

Es gibt übrigens immer noch und immer wieder Spacken. Hinter mir saß bei "The Witch" ein Pärchen, das offensichtlich ins Kino gekommen war, um mal wieder ausgiebig zu plaudern. Ich musste mich schon bei den Trailern umdrehen und sagen: "Sorry, aber es gibt Leute, die das hier sehen möchten". Die Schelte hielt genau eine Minute, dann ging die Schnatterei weiter. Als der Hauptfilm anfing, habe ich mich noch mal umgedreht und gefragt: "Ist das jetzt noch blanke Unfähigkeit oder schon Unhöflichkeit?". Danach war wenigstens Ruhe. Aber es wäre schöner gewesen, wenn uns das alles erspart geblieben wäre.

Eine Viertelstunde später hörte ich allerdings schräg hinter mir eine nervige junge Dame permanent rumoren und gepresst kichern (wozu der Film keinen Anlass gab), was in der geflüsterten Aussage kulminierte "Ich komme gleich". Ich möchte inständig hoffen, dass sie das einer Freundin ins Handy geflüstert und nicht hormonell gemeint hat...

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2
April 2016

Gentlemen, start your engines:
Fantasy Filmfest Nights 2016

FFN16Es ist mal wieder soweit: 10 Filme, 2 Tage, 1 Wortvogel. Auch dieses Jahr bin ich in Nürnberg vor Ort, allerdings (ob der kurzen Vorlaufzeit) ohne Dauerkarte und am Samstag auch ohne Doc Acula. Der Tradition gemäß habe ich aktiv vermieden, etwas über die geplanten Filme zu erfahren, ich kenne keine Inhaltsangaben und keine Trailer. Frisch wie der junge Morgen und naiv wie die Unschuld vom Lande geht's in Kino.

Bei den letzten drei FFF-Veranstaltungen bekam ich zwischen den Filmen Katastrophenmeldungen über das Handy - ich glaube, das lasse ich dieses Jahr besser daheim.

Wer mich sieht, erkennt und sich genötigt fühlt, darf mich natürlich ansprechen. Ich beiße nicht, bzw. selten. Der Wortvogel will nur spielen.

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31
März 2016

Watching (7): Maigret stellt eine Falle

Es war eine ziemlicher Casting Coup, als ITV verkünden konnte, für neue Adaptionen der Maigret-Romane von Georges Simenon ausgerechnet "Mr. Bean" Rowan Atkinson engagiert zu haben. Der gummigesichtige, schlaksige Komiker, als Schauspieler gerne unterschätzt, hat so gar nichts von dem bulligen Pariser Polizisten, wie er bisher oft porträtiert wurde. Aber schon das erste PR-Bild zum ersten TV-Film "Maigret stellt eine Falle" machte deutlich, dass Atkinson bereit ist, sich der Figur zu unterwerfen:

maigret

"Maigret stellt eine Falle" ist der 48. Roman in der lang laufenden Reihe und stammt von 1955. Ähnlich wie Edgar Wallace war Simenon ein notorischer Vielschreiber und die Maigret-Geschichten sind klassische Krimis ohne große Überraschungen. Solide, aber nicht auf dem aktuellen Stand, was das psychologische Interesse an den Figuren angeht, der Konstruktion des Protagonisten oder den Anspruch an die Komplexität der Dramaturgie.

ITV hat sich offensichtlich entschlossen, die Stoffe nicht zu modernisieren, sondern sie bestmöglich zu illustrieren. Es sind in Leder gebundene Prachtbände mit Goldschnitt und Lesebändchen, eine verfilmte Sammleredition, die man in Filzpantoffeln und Morgenmantel genießen sollte.

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Rowan Atkinson ist großartig, sein Maigret schweigsam, in sich gekehrt, fast schon depressiv. Ihn treibt die Pflicht, nicht die Egomanie, nicht das Trauma. Die Pfeife - sein Markenzeichen - ist nicht nur eine Denkhilfe, sie ist auch sein Anker, eine Beschäftigung seiner Hände, wenn er hilflos auf den nächsten Mord warten muss.

Wie schon erwähnt, sind die Maigret-Geschichten nicht ansatzweise so komplex wie "Sherlock" oder "Luther", ihnen fehlt die psychologische Tiefe von "Singlehanded" oder der regionale Charme von "Death in Paradise". Deshalb war die Entscheidung, die eigentlich knappen Storys in Spielfilmlänge umzusetzen, vermutlich eher der Vermarktung und der größeren Zahl der Werbepausen geschuldet. Alles, was hier in 90 Minuten erzählt wird, hätte auch genau so entspannt in 60 erzählt werden können.

Und trotzdem kann man sich nicht losreißen, denn bei "Maigret" wird in Sachen Ausstattung, Locations, Kostümen und Requisiten in einem Maße aufgefahren, dass man sich an den Bildern besaufen kann. Da stimmt jedes Detail bis hin zu den Aschenbechern, den Werbeplakaten und Bilderrahmen.

Hier lohnt der HD-Fernseher, denn man möchte jede einzelne Aufnahme stoppen, studieren, ausdrucken und rahmen lassen. Und weil das so ist, lasse ich einfach mal die Bilder sprechen:

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.32.36 Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.34.57 Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.33.23 Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.32.50 Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.37.23 Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.35.29 Bildschirmfoto 2016-03-31 um 09.32.22

Ist es inhaltlich ein Kind des neuen "golden age of television"? Nein. Aber es ist technisch - auch dank glorreicher, kristallklarer Nachtaufnahmen - ein Musterbeispiel für die Überlegenheit des modernen Fernsehens, das zehn Jahre nach seinem angekündigten Tod eine neue Blütezeit erlebt. Nicht in Deutschland, natürlich, aber wenigstens anderswo.

Wer es bei Krimis also in jedem und im besten Sinne klassisch mag, ist bei "Maigret stellt eine Falle" genau richtig.

P.S.: Besonders interessant ist natürlich der direkte Vergleich mit der Fassung von 1992, die ebenfalls gelungen ist und von der kürzeren Laufzeit profitiert, aber natürlich nur mit den Mitteln ihrer Zeit arbeiten kann:

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