22
Mai 2016

bento und der Trashfilm: Hingerotzt und rausgehauen

Ich war jetzt fast zwei Wochen lang auf dem Kontinent unterwegs, habe Süditalien bereist und Salzburg, bin im Dreibundesländereck gestiefelt, habe Kleinflugzeuge bestiegen und in Klöstern übernachtet (ohne vom Blitz erschlagen zu werden). Deswegen war hier auch weitgehend Funkstille.

Jetzt dachte ich: Gehste die Sache dieser Tage mal entspannt an, schreibst ein paar kürzere Kritiken zu neuen Serien und alten Filmen, vielleicht ein Meinungsstück zur politischen Lage oder was mit Katzen.

Und dann bringt bento ein Listicle mit "Trasfilmen". Und ich so:

bento

Geschrieben wurde dieser vermeintlich augenzwinkernde Blick auf das unterbelichtete Genrekino von zwei Damen, sie sich Mediasteak nennen und sich ganz bento-typisch mit unsäglicher Hipster-Arroganz beschreiben:

"Mit ihrem Röntgenstrahl-Blick für hochqualitative Inhalte scannen die Bloggerinnen die vernebelte Fernsehwelt, um ihre Television eines perfekten Unterhaltungsprogramms zu realisieren."

Ich kenne sie nicht - und kann sie trotzdem nicht leiden.

Gehen wir die Sache mal wieder strikt chronologisch an...

Peinliche Dialoge, schlechte Special-Effects, viel zu viel Kunstblut und ein irrer Plot, der an der Zurechnungsfähigkeit des Regisseurs zweifeln lässt: Es lebe der Trashfilm!

Tja, nur leider sind weder die Dialoge, noch die Effekte oder der Plot Kennzeichen des Trashfilms, ein Begriff, über dessen genaue Definition sich trefflich streiten lässt - was EIGENTLICH Thema eines guten Artikels sein könnte/sollte, für den sich Mediasteak aber offensichtlich nicht die cineastischen Finger schmutzig machen wollte. Christian Kessler z.B. mag den Begriff gar nicht, weil er ihn für unangemessen abwertend hält. Ich selbst verwende ihn gerne, weil ich ihn auch mit Entertainment gleichsetze und für unbelasteter als "Kult" halte.

Aber was ist Trash denn nun? In meinen Augen gibt es zwei Ansätze, aus denen Trash geboren wird. Entweder gebiert ihn eine bizarre Diskrepanz zwischen Anspruch und Ergebnis, eine Fallhöhe wie in den "Roadrunner"-Cartoons, wenn Großes versucht und Kleines geliefert wird. Darunter fällt z.B. "Samurai Cop", ein "Lethal Weapon"-Klon, der in seiner debilen Inkompetenz fast mehr Unterhaltungswert mitbringt als das Original:

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Der zweite Maßstab für Trash kann, muss aber nicht die präsentierte Weltsicht sein. Manchmal ist die Message eines Regisseurs so verschroben, so am Publikum vorbei entwickelt, dass das Ergebnis wie ein Diamant aus Scheiße funkelt. Kein Wunder, dass hierbei "The Room" her halten muss, gerade weil er jenseits der Vision von Tommy Wiseau nichts mitbringt, was in irgendeiner Form unterhaltsam sein dürfte:

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Es ist auch wichtig, was Trash NICHT ist: self-aware, also sich der eigenen Scheißigkeit bewußt, sie vielleicht sogar provozierend. Trash ist keine Parodie, hat kein Augenzwinkern, keine Kumpanei mit dem Publikum. Trash unterhält eine spezifische Form von Filmfan, während sie den Rest des Publikums verstört, verärgert oder meistens einfach nur langweilt. Ein Film, dem die Mehrheit nicht mit "Warum guckst du dir so einen Scheiß an?" begegnet, ist kein Trash.

Muss Trash immer Low Budget sein? Nein, aber es hilft, weil ein Mangel an Ressourcen fast zwangsläufig zu der oben genannten Diskrepanz zwischen Anspruch und Ergebnis führt. Die meisten groß budgetierten Filme, die leichtfertig zu Trash erklärt werden ("Wild Wild West", "Van Helsing") sind schlicht misslungen. Die werden nicht in 20 Jahren als unverstandene Meisterwerke des Müllkinos gefeiert.

Das zur Einleitung. Weiter im bento-Text.

Doch Trash muss nicht immer gleich Müll bedeuten.

Doch. Genau das muss es bedeuten. Weil Trash Müll heißt. Weil Splatterfilme Schmodder brauchen und Western mindestens ein Pferd. Zu unterstellen, Trash müsse kein Müll sein, entspricht der Unterstellung, nicht jedes Musical brauche Musik und nicht jede Pommes Ketchup.

Wir haben unsere liebsten Trashfilme rausgesucht, die so schlecht sind, dass sie teilweise schon schon wieder gut sind, pardon: Kultstatus haben. Prügelnde Busenweiber, Hardcore-Stoner und fliegende Haie – das ist unsere Top 10.

Da haben wir es - das Ekelwort "Kult". Ich kenne kaum einen leereren Begriff, von Werbung und Marketing auf den PR-Strich geschickt, von Ignoranten für jeden Rotz missbraucht. Thomas Müller hat Kultstatus, "Full House" auch, Playmobil sowieso. Get. The. Fuck. Out. Of. My. Face.

Und nein - prima Trashfilme sind nicht die, die so schlecht sind, dass sie fast schon wieder gut sind. Der Begriff "so bad it's good" bedeutet nämlich: so schlecht, dass sie gut sind. Nicht "schon wieder". Es findet keine Transformation statt. Der Film bleibt schlecht - und das ist auch gut so. Wer "gute schlechte Filme" sucht, hat nicht verstanden, worum es geht. Und das scheint mit hier sehr augenscheinlich der Fall zu sein.

1. "Sharknado"

Haie. Tornados. Haie und Tornados. Eigentlich muss man nicht viel mehr sagen. Und auch die Story ist schnell zusammengefasst: Mehrere gefährliche Tornados fegen über eine Stadt hinweg und lassen Haie aus dem aufgewühlten Meer über der Küste niederregnen. Ein heldenhafter Superdaddy, der anfangs nur seine Kinder beschützen will, entscheidet sich dazu, die Tornados zu zerstören und kämpft mit allen Mitteln – anfangs noch mit einer Brechstange, später mit einer Kettensäge – gegen die blutrünstigen Wasserbewohner.

Dieser Film ist so richtig positiv schlecht. Übrigens auch nicht zu empfehlen: "Sharknado 2", "Sharknado 3" und "Sharknado 4".

Kein Wunder, dass "Sharknado" auf dem ersten Platz steht. Weil der Film das genaue Gegenteil von Trash ist und nur von tumben Idioten dafür gehalten wird. "Sharknado" ist Non-Trash, weil er genau das liefert, was er verspricht, weil er an keiner Stelle mehr sein will als drittklassiger Schrott. Er entspricht keiner fairen Definition des Begriffes, sondern amüsiert ein Mainstream-Publikum, das keinen echten Trashfilm mit dem Arsch anschauen würde.

Was "Der Film ist so richtig positiv schlecht" bedeuten soll, erschließt sich mir nicht und die Aussage "Übrigens auch nicht zu empfehlen:..." ist voll daneben, weil es doch angeblich um Filme geht, die sich eben DOCH lohnen. Aber genau das ist das Problem mit der Mediasteak-Liste: Keine Ahnung vom Trashfilm und kein wirkliches Interesse, beim Leser Verständnis zu wecken. "Hi hi - guck mal, wie toll scheiße" meint nämlich in Wirklichkeit "natürlich immer noch scheiße".

Platz 1 des Listicles und das Urteil lautet schon: Hoecker, Sie sind raus!

2. "Kifferwahn"

Ein Film, das ursprünglich auf einem kirchlichen Anti-Cannabis-Film basiert? Klingt nach einer vielversprechenden Grundlage für einen der absurdesten Musicalfilme aller Zeiten: Mary Lane und Jimmy Harper leben den Traum der perfekten ersten Beziehung – ganz so wie Shakespeares Romeo und Julia (das Ende haben sie allerdings nicht gelesen). Bis Jimmy den Dealer Jack kennenlernt und sich schon nach dem ersten Zug am Joint in einen irren Junkie verwandelt. Und auch Mary kann dem Kifferwahn anscheinend nicht entkommen: Schnell macht das böse Marihuana aus dem unschuldigen Mädchen eine sexbesessene Domina...

Songs mit Ohrwurmpotenzial und eine vollkommen abgedrehte Story machen "Kifferwahn" sogar irgendwie sehenswert!

Ach du wieso was nun ehrlich? Zuerst einmal ist der Original-Film "Reefer Madness" eine perfekte Trashgranate, weil er beide Definitionen bedient: Er scheitert an seinem Anspruch UND präsentiert eine seltsam versch(r)obene Weltsicht, die beim Publikum für rege Heiterkeit sorgt. Den hätte ich in diesem Listicle unkritisiert stehen lassen.

Aber das hier ist die Musical-PARODIE von "Reefer Madness", ein hervorragend gespieltes und mit knackiger Musik versetztes Kleinod, das zudem den Charme einer gewissen Kristen Bell noch vor "Veronica Mars" zu nutzen wusste:

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NICHTS an "Kifferwahn" ist Trash. Und wenn das Ziel dieser Liste ist, die Filme zu finden, die "fast schon wieder gut sind", wieso wundern sich die Mediasteak-Damen, der Streifen wäre "sogar irgendwie sehenswert"? Isn't that the fucking point of all this?

3. "Super - Shut Up, Crime"

Ein bisschen Splatter, ein bisschen Irrsinn, ein bisschen Kevin Bacon – und fertig ist die perfekte Anti-Superhelden-Trash-Komödie. In dem Independent-Film "Super - Shut Up, Crime" entscheidet sich Frank Superheld zu werden. Und das ganz ohne Superkräfte.

In Franks eintönigem Leben gab es genau zwei Höhepunkte: die Hochzeit mit der schönen Sarah (Liv Tyler) und als er einen Dieb bei den Bullen verpfiff. Als ihn Sarah für einen Drogendealer (Kevin Bacon) verlässt, verliert Frank die Kontrolle über sein Langweiler-Leben. Er schlüpft in einen roten Ganzkörperanzug, schnappt sich eine Rohrzange und beschließt, mit Hilfe der Comic-Verkäuferin Libby das Böse zu bekämpfen und seine Frau zu retten.

"Super - Shut Up, Crime" ist kein Hollywood-Blockbuster, aber der viel bessere "Kickass"!

Der bessere "Kickass"? Geht's noch? Das ist so aus der Nase (oder sonstwo her) gezogen, dass nicht mal das Gegenteil stimmt. Haben die Autorinnen auch nur einen der Film gesehen? "Super" ist ein hochklassiges Comedy-Drama, das nebenbei auch noch über die Natur des Heldentums meditiert.

Die Tatsache, dass "Super" für Mediasteak besser als irgendein anderer Film sein muss, ist ein ziemlich guter Hinweis auf das, was hier schief läuft - trotz gegenteiliger Beteuerungen suchen die Damen nämlich nicht nach Trashfilmen, die sie sowieso nicht verstehen würden, sondern nach tatsächlichen kleinen Perlen in der Jauchegrube des Kinos.

4. "Manta Manta"

Ziemlich trashig geht es auch in deutschen Auto-Filmen der Neunziger Jahre zu, man denke an "Superstau" oder "Go Trabi Go". Unser liebstes Exemplar aus diesem ehrwürdigen Genre ist mit Abstand "Manta, Manta"! Gedreht 1991, spiegelt dieses Meisterwerk der Filmkunst das Lebensgefühl der Spezies Manta-Fahrer und ihrer dazugehörigen Uschis wider.

Fast schon liebevoll zeigt der Film Bertie (Til Schweiger), Klausi (Michael Kessler) & Co., wie sie mit ihrem getunten Sportvehikel durch die Straßen prollen. Bis zum Schluss schauen wir den Mannis mit ihren Mantaletten, Fuchsschwänzen und Vokuhilas gerne beim ein oder anderen Fehltritt zu. Denn wissen wir nicht alle, dass die wahren Idioten Porsche fahren?

Hier bin ich gespalten. Ja, "Manta Manta" hat vieles, was ihn rückblickend wie Trash UND wie Kult aussehen lässt. Betrachtet man den Film aber im Kontext seiner Zeit, war er weder/noch. Der Film bot dem damaligen Dumpfbacken-Publikum genau das, was es sehen wollte - und ist in seiner Darstellung der Manta-Szene auch ziemlich deckungsgleich mit den damals kursierenden Witzen. Es gibt keine Diskrepanz, keine Defizite. Die Trashigkeit von "Manta Manta" liegt nicht im Film, sondern im Thema.

5. "Zombiber"

Dieser Film bedient sich des altbewährten Horror-Trash-Szenarios der süßen Girl-Clique (ziemlich oft im Bikini), die einen Ausflug in eine abgelegene Gegend macht, um in der Natur ein geruhsames Wochenende zu genießen.

Überraschenderweise werden die jungen Party-People aber nicht von mysteriösen Kreaturen oder Kettensägen schwingenden Massenmördern gejagt. Nein, die Angreifer sind klein, haarig und ziemlich bissig. Es sind Zombie-Biber. Kein Film, den man ernst nehmen sollte, aber allemal was für einen witzigen Abend mit Freunden auf der Couch.

Siehe "Sharknado". Trash kann nicht als Trash produziert werden.

"Kein Film, den man ernst nehmen sollte"? Der Film heißt "ZOMBIBER", zur Hölle. Dreck bestellt, Dreck geliefert.

6. "Kung Fury"

Silikonbrüstige Wikingerinnen, aggressive Laser-Dinos und Hitler als Meister des Kung-Fu: "Kung Fury" ist sicherlich der verrückteste und beste Kung-Fu-Film, den wir je gesehen haben.

Was ist daran dann Trash? Und wenn DAS hier der "verrückteste und beste" Kung-Fu-Film ist, den die Mediasteak-Autorinnen je gesehen haben, sollten sie dringend noch ein paar Jahre im Kino-Kindergarten absitzen.

Die per Crowdfunding finanzierte Trash-Komödie, die vor einem Jahr Premiere auf YouTube feierte, ist eine "spektakuläre Action-Comedy mit Wurzeln in Achtziger-Jahre-Cop-Streifen."

Kung Fury, der Supercop mit tiefer Terminator-Stimme und krassen Kampfkunst-Skills, hat nur eine Mission: Den Kung Führer (Hitler) ausschalten. Da wir uns aber im Jahr 1985 in Miami befinden, muss der Actionheld zurück in die Vergangenheit. Eine abgefahrene Zeitreise beginnt. Garniert mit übertriebenen Gags und knalligen Achtziger-Jahre-Spezialeffekten ist "Kung Fury" ein 30-minütiges Festmahl für alle Trashfilm-Fans!

Nein, er ist eine nostalgische Hommage an den Trashfilm. Aber nachdem die Autorinnen schon Trash nicht von seiner Parodie unterscheiden können, darf so ein Lapsus nicht wundern.

7. "Harold & Kumar"

Der Film handelt von einer Nacht, in der die beiden Kiffer Harold und Kumar auf eine Reise gehen, an die sie niemals erinnern werden. Mit mehreren Bong-Köpfen intus wollen die ungleichen Freunde zum Fast-Food-Restaurant "White Castle" (wo es amerikanischen Quellen zufolge die widerlichsten Burger ever gibt) und sich dort ausgiebig vollstopfen.

Auf dem Weg dahin begegnen die beiden aber allerhand Hindernisse: zwei College-Girls mit Flatulenz, einem beißwütigen Waschbären, dem bibeltreuen Randy (genannt "Freakshow") und einem kleptomanischen Neil Patrick Harris auf Ecstasy. Nach ein paar Stunden im Gefängnis und einem Ritt auf einem bekifften Gepard fliegen Harold und Kumar mit dem Gleitschirm endlich in ihr Paradies: White Castle.

So viel Trash hat selbst ein Stoner-Movie selten gesehen!

Fucking hell! "Harold & Kumar" ist eine wunderbare Stoner-Komödie. Ich wiederhole mich, aber: NICHTS daran ist Trash. Selbst im Subgenre der Stoner-Komödien gehört der Film in die Oberklasse, neben "Half baked" und "Viel Rauch um nichts".

Echt jetzt, ich trete den Mediasteak-Schnepfen die Wohnungstür ein, fessle sie ans Sofa und lasse sie alle "Evil Bong"-Filme erleiden:

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8. "Die Satansweiber von Tittfield"

Dieser Film (im Original "Faster, Pussycat! Kill! Kill!“) von Russ Meyer ist eine Hommage an die selbstbestimmte, gefährliche und aufständische Frau. In den Sechzigern, als der Film entstand, war es keine Selbstverständlichkeit, Frauen so selbstbewusst und dominierend darzustellen: Drei Stripperinnen brechen aus ihrer männerdominierten Welt aus und übernehmen das Zepter. Sie prügeln, morden und preschen in schnellen Autos durch die Wüste.

Neben der exzessiven Gewalt sind prallgefüllte Dekolletés omnipräsent. "Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ ist kultiger Trash, der dem emanzipierten Frauencharakter ein Denkmal setzt.

Und schon wieder das Wort "Kult" und nicht die geringste Ahnung, an welcher Stelle dieser großartige Film, der den Mediasteaks augenscheinlich sehr gefallen hat, Trash sein soll. Man kann ANDEREN Filmen vorwerfen, durch die konkrete kreative Vision von Russ Meyer ins Trashige abzudriften, aber hier gilt das definitiv nicht.

Um es kurz zu halten, zitiere ich mal die Wikipedia:

"Im Jahr 1972 war Meyer mit fünf seiner Filme Teilnehmer der Kasseler Documenta 5 in der Abteilung Filmschau: Russ Meyer-Retrospektive. 1983 gab es eine Retrospektive von Russ-Meyer-Produktionen in der Pariser Cinémathèque française. Drei seiner Filme wurden in die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen."

Noch zwei Filme. Torsten, du schaffst das!

9. "Angriff der Killertomaten"

Tomaten – ein Nachtschattengewächs, das es nicht einfach hat. Wir machen aus ihnen Ketchup, ziehen ihnen die Haut ab und schneiden ihnen ins Fleisch. In "Angriff der Killertomaten", dem "schlechtesten Film aller Zeiten", geht das unterdrückte Gemüse nun auf einen blutrünstigen Rachefeldzug und macht Jagd auf Menschen. Mehr Trash geht nicht! Oder doch?

Seufz... es ist eine PARODIE auf schlechte Horrorfilme! Ich gebe zwar zu, dass sich auch Parodien im Schleppnetz der Trash-Definition verfangen können, aber in diesem Fall ist das nicht der Fall, weil die zelebrierten Defizite gewollt gedrehte Langnasen in Richtung "Invasion der..."-Filme sind.

In der Fortsetzung "Die Rückkehr der Killertomaten" (1988) hatte sogar George Clooney sein Schauspiel-Debüt. Wird ja immer besser.

Wundert es irgend jemanden, dass die Mediasteaks-Damen sogar entweder zu dumm oder zu faul zur IMDB-Recherche sind? Selbst ohne Internet-Krücke KANN man wissen, dass Clooney bereits seit Jahren im Geschäft war, als er die Rolle in "Return of the Killer Tomatoes" übernahm, dass er längst Dutzende Haupt- und Nebenrollen gespielt hatte. Aber wie wir ja schon festgestellt haben, gilt Recherche bei den bento-Autoren als spießiger Oldschool-Journalismus.

Soviel zu den Bloggerinnen mit dem "Röntgenstrahl-Blick".

10. Hänsel & Gretel Hexenjäger

"Hänsel & Gretel verliefen sich im Wald, es war so finster und auch so bitterkalt. Sie kamen an ein Häuschen von Pfefferkuchen fein..." dann pusteten sie der Hexe, die in der Hütte wohnte, den Kopf weg und widmeten ihr restliches Leben der Hexenjagd.

Fiese Hexen, jede Menge Rumgeballere und literweise Kunstblut. Willkommen beim trashigsten Märchen aller Zeiten.

Okay, zumindest das sprengt mir nicht den Blutdruckmesser, weil es zwar falsch ist, aber wenigstens NUR falsch und nicht ärgerlich falsch. "Hänsel & Gretel Hexenjäger" ist einer dieser Hollywood-Blindgänger, von denen die Traumfabrik jedes Jahr ein halbes Dutzend raus haut: bunt, teuer, langweilig, leb- und erfolglos, getrieben nicht von einer kreativen Vision, sondern vom Marketing. Die Beispiele sind Legion: "Wild Wild West", "Van Helsing", "The Sorcerer's Apprentice", "The Last Witch Hunter", "Gods of Egypt", "Prince of Persia", etc.

Flops, ja - aber Trash? Meine Antwort könnt ihr erahnen.

Es gehört eine Menge dazu, den Begriff Trash nicht nur derart komplett misszudeuten, sondern dazu dann auch noch zehn so unterschiedliche und auf ihre Art faszinierende Filme dieser Fehleinschätzung unterzuordnen. Man könnte natürlich kontern, dass die Damen Trash eben anders definieren und deshalb meiner Definition auch nicht gerecht werden. Darf doch wohl jeder seine eigene Meinung zu haben, n'est-ce pas?

Abgesehen davon, dass der Wert einer Meinung sich durchaus an der dahinter stehenden Expertise misst, werden die Autorinnen ja nicht mal ihrer eigenen Definition gerecht. Die hier vorgestellten Filme passen in KEINE gemeinsame Schublade, es wird Kommerzschund mit Billigheulern und potentem Independent-Kino in einen Topf geworfen, im wahrsten Sinne des Wortes ohne Sinn und Verstand.

bento, ich wollte es gut sein lassen. Ich wollte nach dem Prinzip verfahren "Lasst mich in Ruhe, dann lasse ich euch in Ruhe". Aber mit diesem Trashfilm-Listicle habt ihr auf mein Territorium gepinkelt. All bets are off. Ich kann jetzt nicht mehr garantieren, dass ich eure Sex-Kolumnist(inn)en nicht doch noch zum Scham-Schafott schleifen werde...

P.S.: In diesem Fall sind die Kommentatoren dem Niveau des Artikels entsprechend - einer empfiehlt als Trash die "Evil Dead"-Filme und ein anderer kann "Blacula" nicht mal richtig schreiben.

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16
Mai 2016

The Best of the Worst of the Worst: Basterd-Ratings

Ich war zwar gestern nicht mehr dabei, habe mir aber von Doc Acula die Ergebnisse des Zuschauervotings schicken lassen. Es gab Noten von 1 bis 5 zu vergeben, wobei 5 Bestnote war/ist. Ein allgemein verständliches Schulnotensystem war dem Herrn Nowak wohl nicht allgemein verständlich genug.

Chronologisch sieht die Wertung so aus:

  • Puma-Man 3,53
  • Fantasy Mission Force 4,05
  • The Pirate Movie 4,00
  • Samtpfötchen 2,85
  • Die Engel von St. Pauli 3,40
  • Champions of Justice 2,96
  • Oblivion 3,54
  • Die BMX-Bande 3,40
  • Riffs II 3,11
  • Die Autonummer 3,35
  • Ich spüre deine Haut 3,26
  • Zachariah 3,56
  • Revenge of the Alligator Ladies 2,56

Souveräner Sieger ist demnach der debile "Fantasy Mission Force", fast gleichauf folgt der drollige "Pirate Movie". Ende der Fahnenstange: Jess Francos letztes filmisches Hurra "Revenge of the Alligator Ladies". Mich persönlich freut, dass der Charles Band-Film "Oblivion" im oberen Drittel schwimmt, Kopf an Kopf mit "Zachariah" und dem "Puma Man".

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15
Mai 2016

Back to the Basterds: Trash-Wochenende 2016 (2)

So, Tag 3 ist auch gleichzeitig mein Abgesang, denn der erste Hochzeitstag verpflichtet mich zur Heimreise. Ob es eine Schande ist, die Vorführung des letzten Jess Franco-Films zu verpassen, sei dahin gestellt...

ChampionsOfJusticePosterVeranstalter Doc Acula ist bekanntermaßen ein Fan von massigen Männern, die sich verschwitzt betatschen und umher rollen. Kein Wunder, dass in "Die Engel von St. Pauli" bereits gerungen wurde und mit "Champions of Justice" dann sogar ein vollblütiger Vertreter des Luchadores-Kinos auf dem Programm stand. Maskierte Mexikaner im Kampf gegen einen verrückten (wobei - eher korrupten) Wissenschaftler und seine bösen Wichte. Kennt man das Genre etwas genauer, weiß man, was zu erwarten ist - kindertaugliche Rangeleien, unverbrüchliche Freundschaft zwischen den Fleischklopsen und alle fünf Minuten Rangelei für die gute Sache. Das klingt nach verdammt viel Entertainment, ist aber schlussendlich doch sehr lang und weilig. Trash darf vor allem eines nicht - brav sein. Und das Luchadores-Kino ist halt sehr brav. Einen gewissen Genuss kann man aus lokaltypischen Kuriositäten ziehen und dem Soundtrack, der zwischen Lounge-Jazz und hysterischen Drum-Soli oszilliert.

Dieser Ausschnitt ist erschreckend repräsentativ:

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oblivionKindertauglich ging es dann auch weiter - mit einer Charles Band-Produktion, was mich befähigte, selber ein paar Worte zur Einleitung zu sprechen. Auch "Oblivion" (aka "Alien Desperados") bringt oberflächlich alles mit, was so ein Festival braucht - ein Western auf einem fernen Planeten mit Stop Motion, Aliens, George Takei dauer-besoffen, einer peitschenschwingenden Domina und sackweise Insider-Gags.

Leider scheitert "Oblivion" (der zeitgleich mit seiner etwas besseren Fortsetzung gedreht wurde) primär daran, dass er nicht scheitert. Er ist genau die Sorte harmloser Genre-Unterhaltung, die in der Video-Ära Anfang der 90er populär war. Keiner der Beteiligten blamiert sich, es war ausreichend Geld da, und ein paar der Gags sind sogar milde witzig. Letztlich ist der einzige wirkliche Fehlgriff die deutsche Chinesen-Synchlo von Geolge Takei, die veldammt lassistisch klingt.

Ein Festival wie dieses braucht Filme, die entweder an ihrem Anspruch spektakulär scheitern oder in ihrer Weltsicht so weit am Publikum vorbei zielen, dass sie erheiterte Fassungslosigkeit auslösen. Das ist bei völlig stimmigen Kommerzfilmen wie "Oblivion" einfach nicht der Fall.

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BMX Bandits QuadUnd beim nächsten Film genau genommen auch nicht. Adleraugen können "BMX Bandits" immer mal wieder im Vormittagsprogramm der kleineren deutschen TV-Sender finden und die Tatsache, dass hier Genre-Allesfilmer Brian Trenchard-Smith das Megaphon führte, sollte zu keinen Hoffnungen verleiten, es gäbe schrabbelige Schmierigkeiten zu sehen.

"BMX Bandits" ist ein Jugendkrimi im TKKG-Stil, der sich an den 80er-Boom der BMX-Räder aufhängt, mit viel Augenzwinkern und Action eine banale Geschichte (es geht um geklaute Funkgeräte) flott über die Runden bringt. Das ist bunt, nett, und erstaunlich wenig gealtert. Aber ist es ein Film, der auf das Festival gehört? Schließlich fehlt hier der Wahnwitz von "Turbo Kid" oder die schiere Blödsinnigkeit von "Voyage of the Rock Aliens".

Genau genommen hat "BMX Bandits" cinemahistorisch nur ein Pfund, mit dem er wuchern kann - die weibliche Hauptrolle spielt eine 16jährige Nicole Kidman. Und tatsächlich ist die spätere Hollywood-Diva und Stilikone auch in jungen Jahren sehenswert. Sie mag schlaksig sein und ungeschminkt, die Zähne schief und die Haare wuschelig - aber das Charisma ist unbestreitbar schon vorhanden.

Sehr drollig, dass die Kidman im Trailer gar nicht zu sehen ist - man wusste ja nicht, was man sich da angeheuert hatte:

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Riffs_IIDas Abendprogramm eröffnete "Riffs II - Flucht aus der Bronx", die Fortsetzung der durchaus respektablen "Warriors"/"Klapperschlange"-Variation "The Riffs". Wieder muss der stumpfgesichtige Zottelkopf Trash mit seinen wenig sympathischen Kumpanen die paar Ruinen verteidigen, die von der Bronx übrig sind. Mächtig politisch aufgeladen, kann die "The Riffs"-Reihe (deren dritter Teil nur dem Namen nach dazu gehört) mit ein paar eigenen Ideen und solidem Location-Shooting in New York überzeugen. Bei Teil 2 ist das Budget allerdings schon sehr mager, die Ordnungsmacht besteht aus den immer gleichen sechs Knallchargen in silbernen Overalls und Motorradhelmen und genau EINEM entsprechend hergerichteten Lieferwagen. Die Besetzung ist ein Best of des italienischen Epigonen-Kinos, nur Henry Silva dürfte auch den weniger bewanderten Zuschauern Interesse abverlangen.

So ist "The Riffs 2" auch nur eine schwache Cover-Version des Originals, verplempert die Laufzeit mit den immer gleichen Shootouts und Stunts und kann am Ende auch nicht sagen, ob die Sieger nun irgendwas gewonnen haben. Im Vergleich zu anderen Trittbrettproduktionen der Ära ist er - wie "The last Jaws" - damit allerdings immer noch im oberen Mittelfeld.

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Auto-Nummer_(1972)

Bestimmte Genres gehören bei den B-Film Basterds einfach zum guten Ton. Der Italo-Ripoff, der deutsche Kolportage-Reißer und das schmierige Bumskino der Übergangsphase der 60er auf die 70er zum Beispiel. Letzteres übernahm diesmal "Die Auto-Nummer - Sex auf Rädern", eine lose Sammlung Rammelgeschichten rund um 2-, 4- und Mehrräder. Man trifft sich, man begattet sich, man schifft sich im Hafen der Ehe ein.

Es gibt vieles zu entdecken - Alt-Playboy Rolf Eden spielt einen radikal linken Biker-Priester, die Damen sind sehr hübsch anzusehen, der Regisseur bekam 16 Jahre später einen Oscar für "Babette's Fest", Episödchen spielen in München, Paris und London.

Wer allerdings auf scharfes Gehopse aus ist, wird gleich auf zwei Ebenen enttäuscht. "Die Auto-Nummer" ist auch für ihre Zeit rechtschaffen züchtig, der Matratzensport verhalten. Vor allem aber: Der Film ist durch und durch gutmütig, ja sympathisch. Hier ist Sex nicht gieriges Gegrabbel geiler Geschlechtsgenossen, sondern fröhliches Zusammenkommen herzensguter Frühlingserwachter. Keine junge Dame wird bedrängt, Kopulation ist gesund, um an Ende wird geheiratet. Die Schmierigkeit des deutschen Bahnhofs-Kinos geht dieser Produktion vollkommen ab, was natürlich erwähnens- und lobenswert ist, in der Retrospektive aber wenig Fleisch für ein Trash-Festival-Publikum hergibt.

Von dem gibt es leider keinen Trailer.

So, nun noch schnell zum traditionellen Frühstück mit der Truppe und dann wieder ab gen Heimat.

Nächstes Jahr wieder!

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14
Mai 2016

Back to the Basterds: Trash-Wochenende 2016

Auch heute mache ich es aus Zeitmangel knapp und knackig, denn der Magen rumort, die Dusche wartet und der nächste Film ist keine zwei Stunden entfernt. Nach Wanderungen in Südtirol und Salzburg, mehreren tausend Kilometern auf dem Tacho und zu vielen Unwägbarkeiten geht nicht nur die Woche, sondern langsam auch meine Energie zu Ende...

Ich bin also wieder bei B-Film Basterds-Festival, das ich bisher nur 2015 wegen Heirat ausfallen lassen musste. Eine erfreuliche Menge an Veteranen, auch vom Fantasy Filmfest, ist heuer wieder dabei. Ich fläze mich wie üblich in der Mitte der ersten Reihe neben dem Moderator, der sich meinen Spott ebenso gefallen lassen muss wie das Geschehen auf der Leinwand. Generell sind die ersten zwei Reihen ziemlich maulaktiv, was angesichts des gebotenen Zelluloids zur allgemeinen Erheiterung beiträgt. A good time is had by all.

Zu den Filmen der ersten zwei Tage.

puma man

Den Einstieg macht der italienische "Klassiker" "Puma-Man" von Alberto De Martino, der eigentlich immer in einem Atemzug mit "Supersonic Man" von J.P. Simon genannt wird und den Donald Pleasence für den schlechtesten Film seiner an schlechten Filmen wahrlich nicht mangelnden Karriere hielt.

In der Tat ist "Puma Man" (was echte Geeks "Pjuma Man" aussprechen) objektiv gesehen ein cineastischer Verkehrsunfall mit vielen Verletzten. Die Story um Aliens, eine Hypno-Maske und den Gürtel des Puma-Gottes ist mit abstrus noch milde beschrieben, die Spezialeffekte hinken locker 20 Jahre hinterher und die Hauptfigur ist eine so unsäglich feige Pussy, dass man ihm ständig was aufs Maul geben möchte. Besonders viel Tempo hat der Streifen auch nicht, dafür aber eine ausgesucht schrottige Synchro. Man hält sich optisch an Sydne Rome fest, die um der Kindertauglichkeit willen allerdings zu viel anbehält.

Ihr ahnt es: Genau so sehen perfekte Festival-Filme aus. Das Vergnügen wurde mir nur dadurch geschmälert, dass ich "Puma Man" in meinem Leben ungefähr 10 mal gesehen habe - inklusive der amüsanten Mystery Science Theater 3000-Fassung:

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fantasy mission forceDanach ging es nahtlos mit "Fantasy Mission Force" weiter, einem Action-Comedy-Spektakel asiatischer Provenienz, über das selbst in Trash-Kreisen nur ehrfürchtig geflüstert wird. Splatter, Nazis, Slapstick, Karate - die volle Packung ausgelassenen Blödsinns, angereichert mit jeder Menge Pyrotechnik und einem Schnitt aus der Moulinex.

Ich gebe zu, die völlige Absenz eines Plots und das wirre Agieren der asiatischen Knallchargen verhindert mein völliges Abtauchen in den Wahnsinn, aber es lässt sich mit Fug und Recht sagen, dass "Fantasy Mission Force" eine Feuertaufe für echte Trash-Fans ist. Da muss man dann halt durch.

Wie sehr der Film international verhackstückt wurde, sieht man auch daran, dass diverse Szenen aus dem internationalen Trailer in unserer Version nicht zu finden waren:

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Pirate_MovieTag 2 begann mit einem kinderfreundlichen Nachmittagsprogramm - dachten wir. "The Pirate Movie" ist oberflächlich eine als Kostümmusical verkleidete Teenager-Romanze der frühen 80er, die in Cast und Tonalität auf das Publikum von "Die blaue Lagune", "Grease" und "Kleine Biester" schielt.

Tatsächlich ist "Pirate Movie" gelebter Irrsinn, die schwulste Hetero-Komödie aller Zeiten, eine Gratwanderung zwischen Benny Hill und John Waters, ständig die Mauer zwischen Akteuren und Publikum brechend. Hier ist Massenvergewaltigung eine rasend komische Sache, die Heldin tritt ihrem Geliebten in die Eier und fragt ihn, ob er eigentlich schwul sei - und dann tauchen Inspector Clouseau und Indiana Jones auf, während zu den Laserschwerter gegriffen wird. Und das alles auf dem Niveau eines schwachbrüstigen TV-Films.

Denkt man am Anfang noch, der Film sei ein völlig missratenes Stück Sommerkino auf Kindergarten-Niveau, dämmert es dem versierteren Zuschauer in der zweiten Hälfte, dass es sich vielmehr um eine Parodie auf missratene Stücke Sommerkino auf Kindergarten-Niveau handelt. Der Film ist auf eine irritierende Weise selbstbewusst scheiße - auch wenn die Meta-Ebene ihn noch lange nicht erträglich macht.

Einziger ECHTER Pluspunkt ist Kristy McNichol, in die wir in den frühen 80ern alle verknallt waren, die sich wirklich rein hängt und deren Infragestellung der sexuellen Normen in "Pirate Movie" angesichts ihrer eigenen geschlechtlichen Präferenzen heute geradezu hellsichtig wirkt.

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"The Pirate Movie" war zwar bunt, lustig und ließ das Publikum angemessen verdattert zurück, aber nun brauchte es wieder Exotik und vor allem Gewalt der hausgemachten Handkanten-Sorte. Da musst das "Samtpfötchen" ran, ein bizarr plotfreier Haudrauf-Film aus der untersten Schublade, in der ein selten tumber Held mit seiner Freundin irgendwann im zweiten Drittel mit Gangstern über Kreuz liegt, die Diamanten in einer Bonbon-Dose suchen.

Es wird eigentlich permanent geprügelt, ernst nimmt das keiner, der Bösewicht hat ein tennisballgroßes Geschwür am Hals und die deutsche Synchro holt mehr raus, als drin ist. Die vorliegende Kopie war in Monocolor, nach Jahren auf dem Bahnhofsklo herrschte grelles Pink vor.

Anderthalb Stunden lang so:

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Skandalös genug, dass mit "Die Engel von St. Pauli" erst jetzt der deutsche Kolportage-Reißer dran war, der auf dem Festival gewöhnlich fester Bestandteil ist. Action-Garant Jürgen Roland hetzt die Luden in seinem Stamm-Kiez erst aufeinander, dann auf einen Nuttenkiller. Großartig besetzt u.a. mit einem souveränen Horst Frank und vielen bekannten Gesichtern in Nebenrollen, von erstaunlich geschmeidiger Kameraarbeit und einem exzellenten Blick für das Milieu getragen, erreicht "Die Engel von St. Pauli" zwar nie den Trash-Wert von "Mädchen mit Gewalt" oder die bunte Bandbreite von "Perrak", aber er ist nichtsdestodoch ein beeindruckender Beweis dafür, dass es hierzulande einst hochkarätige Sleaze-Thriller gab, auf denen man hätte aufbauen können, wenn die Sackratten des Neuen Deutschen Films das gesamte Genre nicht hochnäsig zur Unkultur erklärt und ausgetrocknet hätten.

Wie bezaubernd - ein englischsprachiger Trailer:

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Danach war Kessler-Time - der allseits beliebte Chronist des abseitigen Kinos unterhielt den Saal zum dritten Mal mit launigen Anekdoten und ausgesucht beschämenden Filmausschnitten von italienischen Sex-Utopien und indonesischen Terminator-Trittbrettfahrern. Nichts, was die wirklich harten Geeks nicht schon kennen würden, aber man muss ja auch mal den Nachwuchs heran ziehen und auch wenn man nichts lernt, verbringt man doch einen Abend im Kreise guter Freunde und schlechter Filme. Ein herzhaften "bravo!" von mir dafür.

Kessler hatte natürlich Exemplare seines neuen Buches "Der Schmelzmann in der Leichenmühle" dabei, die er freundlich und umfangreich signierte. Bestellen kann man das Werk hier, auch wenn echte Fans das Werk mit Widmung und aus der Hand des Meisters wollen.

sharkDamit neigte sich der zweite Tag dem Ende entgegen und Veranstalter Doc Acula hatte erfolgreich dicht gehalten, was es als Überraschungsfilm zu sehen gab: "The last Jaws", einen uninspirierten, aber sehr kompetenten Italo-Ripoff von Spielbergs Hai-Saga, der vor allem deswegen berühmt-berüchtigt wurde, weil Universal gegen seinen Release erfolgreich klagte und der Film zumindest auf dem englischsprachigen Markt über 20 Jahre lang kaum zu bekommen war. Bei den Basterds gab es die deutsche Variante in einer Uncut-Version zu sehen, was einige Untertitel später wieder eingefügter Szene bedingte.

Betrachtet man "The last Jaws" unbelastet von den rechtlichen Problemen, ist es ein für italienische Verhältnisse erstaunlich solides Produkt mit starken Schauspielern (Vic Morrow, James Franciscus), viel Aufwand und weitgehend überzeugender Stunt-Arbeit. Die Hai-Szenen sind mit viel Stock Footage aufgefüllt, aber ja - die Italiener haben auch Modell-Haie gebaut, die teilweise mit Spielbergs "Bruce" mithalten können. Die Spannungskurve sitzt, der Soundtrack ist klasse - da blamiert sich niemand. Fast schon zu gut, um in Nürnberg zu laufen.

Ich übergebe mal an den geschätzten Brandon für eine Video-Kritik:

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So wurde es 2 Uhr morgens und das Publikum müde, der Doc schickte uns für die Nacht heim und hampelte noch ein wenig rum:

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Darum bin ich gerne hier.

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13
Mai 2016

Kino-Kritik: X-Men: Apocalypse

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USA 2016. Regie: Bryan Singer: Darsteller: Michael Fassbender, James McAvoy, Jennifer Lawrence, Oscar Isaac, Sophie Turner, Olivia Munn, Rose Byrne, Nicholas Hoult, etc.

Offizielle Synopsis: Seit Anbeginn der Menschheit wurde er als Gott verehrt: Apocalypse, der erste und mächtigste Mutant überhaupt, vereint die Kräfte vieler verschiedener Mutanten und ist dadurch unsterblich und unbesiegbar. Nachdem Apocalypse nach tausenden von Jahren erwacht, ist er desillusioniert von der Entwicklung der Welt und rekrutiert ein Team von mächtigen Mutanten - unter ihnen der entmutigte Magneto - um die Menschheit zu reinigen, eine neue Weltordnung zu erschaffen und über alles zu herrschen. Als das Schicksal der Erde in der Schwebe ist, muss Raven/Mystique mit Hilfe von Prof. X ein Team junger Mutanten anführen, um ihren größten Erzfeind aufzuhalten und die Auslöschung der Menschheit zu verhindern...

Kritik: Ich muss das hier jetzt SEHR schnell schreiben, weil ich noch im Hotel hocke und in einer halben Stunde der nächste Film des B-Movie Basterds-Festivals startet. Man sehe mir Rechtschreibfehler und eine generelle Konfusion deshalb nach.

"X-Men: Apocalypse" ist nach "Batman vs. Superman" und "Captain America: Civil War" die dritte Superhelden-Kino-Mega-Franchise des Sommers und damit ganz schön unter Druck. Allerdings hat Fox es geschafft, nach einer soliden Trilogie noch mal den Neustart für eine weitere Trilogie zu schaffen, die sich von der Konkurrenz durch den Fokus auf die Figuren und ihre Beziehungen absetzt. Dem Geist der "graphic novels" sind "First Class" und "Days of Futures Past" seit jeher näher gewesen als die Avengers.

Und tatsächlich: Immer noch geht es weniger um einen sich im Hintergrund entwickelnden Storybogen, sondern um das fast schon soapige Gerangel mittlerweile fast zwei Dutzender Figuren, die eher beiläufig in eine große Gefahr verwickelt werden, die so generisch wie sonstwas ist: Irgendwer will irgendwas, um damit ultimative Macht zu erhalten. Big whoop.

Nach dem starken Start mit "First Class" und der überlegenen Fortsetzung "Days of Futures Past" verstolpert sich Bryan Singer diesmal allerdings gehörig. Das verwundert umso mehr, weil er sich bei Sachen verstolpert, die mittlerweile so zur Routine gehören, dass er sie blind beherrschen sollte.

Die Action verlässt sich erheblich zu sehr auf CGI, die noch dazu manchmal erschreckend zweitklassig an die "The Mummy"-Filme erinnert. Die Partikeleffekte fallen unter "geht gerade so", viele Kämpfe entwickeln keinen Impact, weil wir zu offensichtlich computeranimierten Püppchen zuschauen. Gerade "Captain America" hat bewiesen, dass Superheldenfilme (noch) massiv von echter Stuntwork profitieren.

Es gibt einfach zu viele Figuren - weil nicht nur ein paar neue (eher mühsam) eingeführt werden müssen, sondern weil fast alle bekannten Mutanten noch einmal in neuen Versionen etabliert werden: Cyclops, Nightcrawler, Jean Grey. Und dann müssen wir auch noch in Sachen Magneto und Xavier up to date gebracht werden. Das frisst erheblich zuviel Laufzeit und führt zu weiteren Problemen.

"X-Men: Apocalypse" fehlt der Held, die Hauptfigur. Mystique hat ebenso wie Xavier zu wenig Screentime, Magneto steht auf der falschen Seite, Wolverine hat ein erschreckend unnötiges und albernes Cameo, das ich als Studio sofort wieder gestrichen hätte. Es ist ein Team-Film im schlechtesten Sinne, der über weite Strecken wirkt, als hätte man nur Geld für die B-Besetzung gehabt.

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Das Casting ist auch nicht ganz solide, denn der neue Nightcrawler mit der Emo-Frisur nervt nach zehn Minuten und mit Scott Summers bin ich nicht warm geworden. Ich sehe auch einfach optisch nicht, dass aus Sophie Turner mal Famke Janssen werden könnte.

Besonders ärgerlich ist dabei Psylocke, denn Olivia Munn darf nur zwei, drei Szenen lang in einem peinlichen Pinup-Kostüm Bein zeigen, bevor sie wieder folgenlos aus der Handlung verschwindet. Und DIE ist groß auf jedem Plakat zu sehen?!

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Ja, klar war die Showcase-Szene von Quicksilver im letzten Film ein Fan Favorite. Ihr Äquivalent hier ist auch richtig geil und ein Highlight des Films. Aber sie frisst wieder nur Laufzeit, ohne die Story voran zu treiben, wirkt wie ein "das müssen wir jetzt aber" statt wie ein "das ist notwendig".

Und schließlich: Knackige Comic-Dialoge kann Autor Simon Kinberg leider gar nicht. Das sind alles nur Klischee-Phrasen, hohles Pathos ohne Humor und Eleganz. Da hätte es noch mal dringend eines Rewrites bedurft.

So schleppt sich "X-Men: Apocalypse" trotz aller Action und den breitwandigen Effekten eher mühsam durch die ersten zwei Drittel, um dann in einem der generischsten Showdowns zu enden, die ich seit langem gesehen habe.

Worüber auf jeden Fall allerdings noch zu reden sein wird, ist die Frage der Zivilopfer im aktuellen Superheldenfilm, die besonders durch "Batman vs. Superman" und "Captain America: Civil War" aufgekommen ist. "X-Men: Apocalypse" gibt sich größte Mühe, genau diese kontroversen Kollateralschäden zu vermeiden - und wirkt dadurch seltsam autistisch. Die Mutanten drehen sich nur um sich selbst, eine Art Zivilbevölkerung scheint in ihrem Universum nicht zu existieren und damit auch nicht in Massen zu sterben. Der gesamte Showdown spielt in einem seltsam unwirklich Trümmer-Kairo, das (auch wegen der angesprochen mauen CGI) wie ein aufwändiges Beat 'Em Up-Level aussieht und an keiner Stelle eine Verbindung zu realen Welt suggeriert. Es könnte auch ein anderer Planet sein. Für meinen Teil kann ich nur sagen, dass mir die Avengers-Zerstörungsorgien mit all ihren moralischen Fragwürdigkeiten lieber sind.

Und so enttäuschend das alles klingt - gute Unterhaltung ist der Film dennoch. Er liefert viel fürs Geld, schleppt die Franchise in ein neues Jahrzehnt, entwickelt die Charaktere weiter, hat immer mal wieder anrührende Momente, lebt auch vom Charisma u.a. von McAvoy und Fassbender. Ich bevorzuge auch die vielfältigen Mutantenkräfte gegenüber den primär prügelsüchtigen Avengers.

Das Problem ist weniger, dass "X-Men: Apocalypse" nicht gut ist - er hätte nur als achter Film der Franchise deutlich besser und selbstsicherer sein müssen. Das hier wirkt wie ein Erstling, der seine Spur noch nicht gefunden hat.

Fazit: Ein für den achten Film der Mutanten-Franchise mit erstaunliches Nachlässigkeiten und Kinderkrankheiten angefüllter, fahriger Hybrid aus Graphic Novel und Blockbuster-Abenteuer, der weder den X-Men noch der Messlatte von "Captain America: Civil War" wirklich gerecht wird. Nicht schlecht, aber angesichts des betriebenen Aufwands seltsam unbefriedigend.

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P.S.: "Ost-Berlin 1983" ist mal wieder ein Totalausfall und ich habe mittlerweile das Gefühl, dass die aktuelle Autorengeneration keine Ahnung vom Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland hat.

P.P.S.: Es gibt eine relativ maue Post Credits-Sequenz, also sitzen bleiben.

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29
April 2016

Watching (10): Remake, Remix, Rip-Off

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Disclaimer: Der Verleih hat auf Facebook um Reviews gebeten, um den kurzfristig angesetzten Kinostart dieser Doku zu promoten. Ich habe einen Online-Screener bekommen für das Versprechen, eine Kritik zu schreiben.

Ich bin kein Experte, was Türksploitation angeht, aber ich war doch schon in dem Thema "drin", als man sich "Turkish Star Wars" noch nicht auf YouTube anschauen oder sich die Nerd-Expertise bei bezaubernden Programmen wie "Deja View" holen konnte:

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Ich habe in den 90ern an Kassetten-Tauschringen teilgenommen, für Filmsammler in New York alte B-Western auf Kabel1 mitgeschnitten, um dafür Tapes mit "Turkish Exorcist" oder "Indian Superman" geschickt zu bekommen. In meinem Bücherregal steht das faktenreiche, aber größtenteils auf türkisch verfasste Standardwerk "Fantastik türk sinemasi". Und ich habe immer, IMMER gedacht, dass zu dem Thema endlich mal eine ordentliche Dokumentation produziert gehört.

Hier ist sie. Aus Deutschland. Ein "Kleines Fernsehspiel" vom ZDF.

Das soll sich als Segen UND als Fluch erweisen.

"Remake Remix Rip-Off" ist keine "geführte" Dokumentation, kein Sprecher erläutert Zusammenhänge oder führt in das Thema ein. Stattdessen lässt Cem Kaya über 50 Veteranen und Experten des türkischen Kinos sprechen, puzzelt ihre Antworten zu einer Chronik, ergänzt sie mit alten Nachrichten-Clips und vielen Filmausschnitten. Die Narrative formt sich selbst, wenn auch mitunter etwas stotternd, weshalb es für Uneingeweihte und Türknoobs von Vorteil ist, die Einführung des Verleihs zu lesen:

Die Türkei war in den 60er und 70er Jahren eine der größten Filmproduzenten der Welt. Da das Fernsehen erst Mitte der 70er Jahre Einzug in türkische Wohnzimmer hielt, war Kino neben Radio das einzige und günstigste Massenmedium. In den großen Open Air Kinos des Landes wurden mehrere Filme hintereinander gezeigt und es herrschte Picknick Atmosphäre.

Die türkische Filmindustrie "Yeşilçam" indes war sowohl finanziell als auch strukturell instabil. Es gab keine Filmschulen im Land, kaum Labore, der Erwerb von Filmnegativen war mit Importquoten belegt, das Equipment veraltet, die Arbeitsbedingungen halsbrecherisch, gar tödlich. Ferner waren die einheimischen Produktionen der Konkurrenz von amerikanischen und europäischen Filmen ausgesetzt, deren Hochglanz-Bilder Yeşilçam schlicht nicht produzieren konnte.

Mit einer Handvoll Drehbuchautoren und Regisseuren, die einer starren Zensurbehörde ausgeliefert waren jedoch einen hungrigen heimischen Markt bedienen mussten, versuchte Yeşilçam, strikt den Gesetzen des Profits folgend, der immensen Nachfrage durch immergleiche Formeln gerecht zu werden. Die Geschichte vom armen Jungen und dem reichen Mädchen, von den Brüdern, die bei der Geburt getrennt wurden oder dem Landei in der Großstadt waren Standardrepertoires im Baukastensystem der Drehbuchautoren. Bald gingen ihnen die Stoffe aus, aber man wusste sich zu helfen.

Begünstigt durch laxe Urheberrechtsgesetze - produzierte Yeşilçam Remakes von europäischen, amerikanischen und indischen Filmen, benutzte ihre Soundtracks und sogar Filmfootage, wie Special Effects Szenen, die es selbst nicht herstellen konnte. Somit waren die Filmemacher Yeşilçams Vorreiter in Sachen Patchworking und Sampling.

Selbstverständlich wurden Plots und Figuren vermischt, neu interpretiert und dem Geschmack des heimischen Publikums angepasst. Die technischen Unzulänglichkeiten wurden wettgemacht durch exzessiven körperlichen Einsatz vor und hinter der Kamera. Viele Yeşilçam Filme besitzen eine unbändige Energie. Denn wo Luke Skywalker ein Mal zuschlägt, schlägt Action Star Cüneyt Arkın hundert Mal zu und wir glauben ihm, daß er es ernst meint.

In seinem 100 jährigen Bestehen produzierte das türkische Kino über 7000 Filme. Neben einer vergleichsweise kleinen Anzahl an Autorenfilmen und Komödien, war die Massenproduktion bestimmt durch einheimische Superhelden, pseudohistorische Sandalenfilme, Melodramen ägyptischer Machart, Polizei Flics nach italienischem Rezept, anatolische Western, Erotik Komödien bis hin zu Hardcore Pornos.

So entstanden zum Teil bizarre Versionen von Superman, Zorro, Tarzan, Drakula, James Bond, Flash Gordon, Rambo, E.T und Star Wars aber auch Adaptationen von Filmen wie William Friedkin's "The Exorcist", Sam Peckinpah's "The Strawdogs" und Billy Wilder's "Some Like It Hot", das selbst ein Remake ist.

In einer Epoche die global wie lokal gekennzeichnet war vom Kalten Krieg, den Studentenbewegungen, Militärputschen und einer starren Zensur, versuchten einige Filmemacher den Spagat zwischen kommerziellen Yeşilçam Produktionen und ihren eigenen Visionen. Nur wenigen Regisseuren wie Metin Erksan oder dem Action Star und späteren Autorenfilmer Yılmaz Güney gelang der Durchbruch, und sie zahlten einen hohen Preis dafür. Yılmaz Güney starb mit 47 Jahren im französischen Exil an Krebs, das während seiner langjährigen Gefängnisaufenthalte ausgebrochen und nicht behandelt worden war.

Mit dem Einzug des Fernsehens Mitte der 70er Jahre und der kompromisslos neoliberalen Ausrichtung der türkischen Wirtschaftspolitik nach dem Militärputsch von 1980, begann der Niedergang Yeşilçams. Bald wurden die Kinos beherrscht von amerikanischen Blockbustern. Das türkische Kino suchte sein Heil in Sex Filmen und Arabesk Melodramen, in denen viel gesungen wurde. Kinos, die türkische Filme zeigten, schlossen eins nach dem anderen. Den traurigen Höhepunkt dieser Entwicklung erlebte das Land im Jahr 2013, als Wochen vor dem Ausbruch der Gezi Proteste der älteste Kinosaal des Landes, das 1924 erbaute Emek, ein Wahrzeichen des türkischen Kinos, trotz heftiger Proteste abgerissen wurde, um Platz für ein Einkaufszentrum zu machen.

Dieser ruinöse Umgang mit dem kulturellen Erbe des Landes zerstörte auch eine große Anzahl an türkischen Filmen. Tausende Negative fielen Bränden zum Opfer, etliche sozialkritische Filme wurden während des Militärregimes beschlagnahmt und vernichtet. Filme von Autoren wie Yılmaz Güney dürfen bis heute im Staatsfernsehen nicht ausgestrahlt werden. Die wenigen Universitätsarchive können den geretteten Bestand nur mit Mühe pflegen.

Cem Kaya, der mit Yeşilçam Filmen aus den türkischen Videotheken in Deutschland aufwuchs, zeichnet in seinem Dokumentarfilm die Kopierpraxis der türkischen Filmemacher von den Anfängen des türkischen Kinos bis hin zu den heutigen Fernsehserien nach. Denn der Fernsehserienmarkt in der Türkei ist selbstverständlich einer der größten der Welt.

In Istanbul sprach der Filmemacher mit Regie-Altmeistern, Produzenten, Schauspielern, Kinobetreibern und Filmwissenschaftlern, über die turbulente Kinogeschichte des Landes. Die Arbeiten an seinem Kompilationsfilm erstreckten sich über sieben Jahre, in denen tausende Filme gesichtet und etwa hundert Interviews geführt wurden.

Damit habt ihr eine Ahnung, WAS hier erzählt wird. Aber der Charme von "Remake Remix Rip-Off" liegt in der Art, WIE es erzählt wird - und von WEM. Da zeigt Regisseur Kunt Tulgar stolz die Soundtrack-Sammlung von Hollywood-Blockbustern, aus denen er seine Filmmusiken "entliehen" hat, Türkfilm-Legende Cüneyt Arkın erzählt, dass die Rollen seiner Filme aneinander gelegt zweimal um die Erde reichen, und Effekttechniker Selahattin Geçgel nagelt Seifenstücke an Tischbeine, um einen "feuchten Kamera-Dolly" zu bauen.

Sie alle schwärmen in Erinnerungen an das schäbige, krude und verlachte türkische Exploitation-Kino, übertreiben schamlos, blasen sich auf, und wissen doch genau, dass sie augenzwinkernd billige Abklatsche anpreisen wie auch heute noch die "original Armani-Jeans" in den Einkaufspassagen von Antalya. Es waren anspruchslose Filme für ein anspruchsloses Publikum, produziert noch weit unter dem Niveau des amerikanischen und resteuropäischen C-Films. Und "Remake Remix Rip-Off" versucht an keiner Stelle, den Produktionen mehr Gewicht abzuringen, als sie mitbringen. Hier wird keine akademische Analyse oder Neuninterpretation versucht, wie sie momentan z.B. beim Œuvre von Jess Franco modern ist.

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Das ist sehr unterhaltsam, sehr bunt, und gerade durch die gut gewählten Clips und teilweise pfiffigen inszenatorischen Einfälle extrem kurzweilig (so gibt es eine Art "Türk-Klischee-Supercut"). Man taucht in eine Filmkultur ein, in der Trash und billiges Melodram keine ungeliebten Stiefkinder des "echten" Kinos waren, sondern Sinn und Zweck der Veranstaltung.

Aber "Remake Remix Rip-Off" will nicht nur zeigen, was man als Badmovie-Fan sehen möchte - sondern auch, was man als Badmovie-Fan wissen sollte. Und so geht es gerade in der zweiten Hälfte verstärkt in die Politik, es geht um Putsch und Zensur, um die Ausbeutung der Mitarbeiter, um die Übertragung der unmenschlichen Arbeitsbedingungen in das aktuelle türkische Fernsehen hinein. Das ist dann teilweise nicht mehr lustig, da muss man sich als Zuschauer auch unter die Oberfläche trauen.

So ist "Remake Remix Rip-Off" am Ende kein launiges Schaulaufen des türkischen Trashkinos, sondern eine beeindruckend komplexe Übersicht über die gesamte Trashkino-Kultur (auch wenn der massive Erotik-Boom in den 70ern zu einer Randnotiz reduziert wird). Und es ist das Portrait einer Generation von Filmen und ihren Machern, die aussterben. So wie die Beteiligten sterben, lassen sich auch viele der Negative ihrer Werke nicht mehr auffinden.

Dem Plakat und dem Titel nach hatte ich gehofft, mehr Action zu sehen, längere Ausschnitte, genauere Einordnungen der Comic-Wurzeln vieler Produktionen. Dafür ist weiterhin "Deja view" (s.o.) die bessere Adresse. "Remake Remix Rip-Off" ist langsamer, aber lehrreicher. Das mag dem Anspruch des produzierenden Senders geschuldet sein, ist aber kein Manko: Bildungsfernsehen at its best.

Besonders erfreulich: Die Dokumentation läuft ab 5.5.2016 auch in einigen deutschen Kinos - vielleicht die beste Art, dem türkischen Trash-Kino Respekt zu zollen. Und hinterher lecker Döner essen gehen...

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26
April 2016

Schirachs Terror-Dilemma: Mein Standpunkt

Okay, ich mache das in einem eigenen Beitrag, damit es nicht in den Kommentaren versumpft.

Wenn ich es richtig sehe, sind meine Leser mehrheitlich der Meinung, dass der Pilot moralisch richtig gehandelt hat, aber verurteilt werden muss, weil Moral und Gesetz eben nicht deckungsgleich sind. Allerdings soll beim Strafmaß berücksichtigt werden, dass nicht der Pilot, sondern der Terrorist der Verbrecher ist und es ziemlich sicher ist, dass der Pilot mehrere zehntausend Menschen gerettet hat. Wie hätte die Öffentlichkeit wohl reagiert, wenn es zur totalen Katastrophe gekommen wäre - wissend, dass der Pilot die Maschine jederzeit hätte aufhalten können?!

Letztlich sehe ich es ähnlich. Moralisch ist die Tat des Piloten in meinen Augen nicht zu beanstanden und ich würde mir wünschen, ich hätte in einer solchen Situation den vergleichbaren Mut. Das ist eine einsame Entscheidung, außerhalb von Gesetz und Gesellschaft, vor die man hoffentlich nie gestellt wird. Es lässt sich leicht argumentieren "ja, aber das Flugzeug hätte ja auch noch abdrehen können, vielleicht hätte man den Terroristen überwältigen können" - aber für den Piloten in der Luft sind das eben keine Denkspiele und angesichts der 70.000 Menschen im Stadion muss die Frage "was, wenn genau das passiert, was angekündigt wurde?" absolute Priorität haben.

Aber es gibt eben auch noch die rechtliche Seite - unser System kann nicht funktionieren, wenn Menschen sich selbst für "über dem Gesetz" erklären und dafür womöglich noch einen Klaps auf die Schulter bekommen. Wir haben diese Hoheit abgegeben und wenn wir uns das Recht nehmen, gegen das Gesetz zu handeln, geben wir dem Gesetz impliziert das Recht, uns dafür entsprechend zu bestrafen.

Ich glaube, dass der Pilot nicht nur wusste, dass er 164 Menschen tötet und vermutlich/hoffentlich 70.000 rettet - er musste auch wissen, dass er sein eigenes Leben damit in der bisherigen Form beendet. Er nahm sich aus der Gesellschaft und ihren Gesetzen heraus, um eine Herrschaft über Leben und Tod zu haben. Das tat er gänzlich ohne Affekt, mangelnde Zurechnungsfähigkeit oder Gefahr für das eigene Leben. Und die Entscheidung, 164 Menschen zu töten, kann für uns nur erträglich werden, wenn die entsprechende Person damit auch ihren eigenen Anspruch auf Teilhabe am System aufgibt.

Ich meine deshalb, dass der Pilot wegen 164fachen Mordes verurteilt werden muss - und dass er es verstehen sollte. Weil die Verurteilung auch eine Hürde baut, verhindert, dass künftig jeder Depp "nach seinem besten Gewissen" handelt. Vor die Entscheidung, gegen die erklärten Werte und Ziele der Gesellschaft zu handeln, muss die Aufgabe der eigenen Teilhabe an der Gesellschaft stehen, die Gewissheit, den Rest des Lebens weg gesperrt zu werden.

Ich würde dem Piloten die Hand schütteln - bevor ich seine Zellentür abschließe.

Das ist allerdings keine Meinung, die ich für allgemeingültig richtig halte - es ist letztlich nur eine sehr persönliche Einschätzung, die für sich genommen keine andere Ansicht für falsch erklärt.

Interessanterweise scheinen die Theaterzuschauer tendenziell anders zu urteilen als wir hier. In fast allen Vorstellungen dominiert die Mehrheitsmeinung "unschuldig". Ich finde es großartig, dass man diese Ergebnisse sogar detailliert auf einer Webseite nachschlagen kann.

Ich möchte nichts in die Tatsache hinein interpretieren, dass ausgerechnet und nur in Dresden mehrheitlich auf "schuldig" plädiert wurde.

Thanks for playing.

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24
April 2016

Terror: Das von Schirach-Dilemma

Die LvA und ich waren gestern erstmals im Theater Baden-Baden, haben uns eine Loge gegönnt und "Terror" von Ferdindand von Schirach gesehen. Launig komprimiert könnte man das Stück über einen versuchten Terroranschlag in Deutschland als Mischung aus "A few good men" und "Wie würden Sie entscheiden?" beschreiben. Gut gespielt, wenn auch sehr spartanisch inszeniert, äußerst kurzweilig.

Die Schuldfrage, die den Kern des Stücks bildet, möchte ich gerne an euch weitergeben.

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Folgendes Szenario: Eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord wird auf dem Flug von Berlin nach München entführt. Der Entführer kündigt an, die Maschine in die vollbesetzte Allianz-Arena stürzen zu lassen, in der gerade ein Länderspiel stattfindet. Zwei Kampfjets der Bundeswehr sind schnell einsatzbereit, aber der Abschussbefehl wird nicht gegeben - auch, weil das Verfassungsgericht im Jahr zuvor festgestellt hat, dass Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufgerechnet werden dürfen. Trotzdem drückt der eine Pilot den Knopf, das Passagierflugzeug kracht in einen Kartoffelacker, alle Insassen sterben.

Nun steht der Pilot vor Gericht. Die Fakten sind klar und unbestritten - er hat ohne Befehl und gegen das Urteil des Verfassungsgerichts gehandelt. Nicht weniger offensichtlich: Er handelte in der Gewissheit, damit 70.000 Menschenleben zu retten, in dem er 164 opfert, die sowieso zehn Minuten später tot gewesen wären.

Kann man, darf man den Mann verurteilen? Muss man ihn gar verurteilen? Gibt es den "übergesetzlichen Ausnahmefall", wie es ein ehemaliger Verteidigungsminister mal formulierte, muss gerade ein Soldat nicht im Zweifelsfall auch seinem Gewissen folgen können? Darf man nicht abwiegen oder wiegen die 70.000 doch deutlich schwerer als die 164?

Eine Variation des Trolley-Problems, keine Frage, das wird auch im Stück selber angesprochen.

Vor und nach der Aufführung konnten die Zuschauer abstimmen, wie sie entscheiden würden - die Urteilsverkündung entspricht dann auch der Mehrheitsmeinung. Ich fand es sehr interessant, dass sich durch die im Stück gebrachten Argumente die Meinung der Zuschauer kaum messbar änderte (33/67 zu 34/66, wenn ich mich recht erinnere).

Ich habe eine klare Meinung dazu, möchte diese aber - um die Diskussion nicht zu verzerren - erst Mitte der Woche in den Kommentaren posten.

Mich würde euer Urteil interessieren - Freispruch oder Verurteilung wegen 164fachen Mordes? Schuldig oder unschuldig?

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23
April 2016

Kleine Kino-Kuriosität zum Wochenende

Die LvA und ich waren über den Valentinstag ja wieder in London. Dort gehen wir am Wochenende immer gerne zur Double Shot Coffee Company, ein kleines, gemütliches Café in der Nähe des Covent Garden. Manchmal hängen dort Plakate lokaler Veranstaltungen aus oder es liegen Flyer herum, die mich selten wirklich interessieren.

Diesmal aber war der hier plakatiert, mit drauf gekritzelten Screening-Terminen:

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Ein britischer Werwolf-Western, von dem ich noch nichts gehört hatte? Spannend. Bin ich für. Muss ich recherchieren.

Wie es aussieht, ist "Blood Moon" 2014 schon beim Fright Fest-Festival gelaufen und hat ein paar durchaus solide Kritiken eingefahren. Man fragt sich, warum der nicht auf dem Fantasy Filmfest gelaufen ist, zumal der Vertrieb Uncork'd Entertainment schon diverse Produktionen dort erfolgreich platziert hat.

Der Trailer ist allerdings eher mau, eine "Dog Soldiers"-Variation im Wilden Westen mit erbärmlich abgelutschten Dialogen aus der Grusel-Ramschkiste und kaum erzählerischem Fokus:

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Wer den jetzt trotzdem noch sehen will - bei Amazon zahlt man aktuell etwas über 30 Eur0 für den Import.

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20
April 2016

Kino Kritik: Captain America - Civil War

nullUSA 2016. Regie: Anthony Russo, Joe Russo. Darsteller: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Anthony Mackie, Daniel Brühl, Chadwick Boseman, Sebastian Stan, Paul Rudd, Frank Grillo, Jeremy Renner, Willam Hurt, Don Cheadle, Elizbeth Olsen, Paul Bettany, Emily VanCamp, Martin Freeman, Marisa Tomei, Tom Holland u.a.

Offizielle Synopsis: Unter Führung von Captain Steve Rogers ist das neue Team der Avengers weiterhin für den Erhalt des Friedens im Einsatz, als sie in einen internationalen Vorfall verwickelt werden, der erhebliche Kollateralschäden verursacht. Daraufhin werden Forderungen nach einem neuen Führungsgremium lauter, das bestimmt, wann die Dienste der Avengers wirklich angefordert werden. Das aus dem politischen Druck entstehende Kräfteringen treibt das Team langsam auseinander - gerade als ein neuer, ruchloser Feind sich erhebt.

Kritik: Manche Filme machen es einem einfach, z.B. "Batman vs. Superman". Die sind so schwankend, so brüchig, so widersprüchlich, dass man haufenweise Material für ein Review zusammen bekommt, solange man in der Lage ist, die Gedanken zu ordnen.

Manche Filme machen es einem schwer, z.B. "Captain America: Civil War", aka "Avenger 2 1/2: Hasenjagd". Die sind so perfekt, so stimmig, so mitreißend, so auf den Punkt, dass jede Analyse in Allgemeinplätze abrutscht.

Das hier ist das ganz große Brett. Als Film, als Teil der Franchise, als Höhepunkt des Genres. Er macht nicht nur alles so richtig, wie ich gehofft hatte - er macht es richtiger, als ich mir erhoffen konnte. Die bekannten Darsteller schlüpfen in ihre Rollen wie in gut eingetragene Schuhe, haben uns von der ersten Minute an auf ihrer Seite - und dann sehen wir zu, wie "unser" Team zerbricht, wie sich unter Cap bzw. Iron Man zwei Fraktionen bilden, die beide legitimiert sind und doch nicht koexistieren können. Und diese Fraktionen brauchen keinen Antagonisten - sie brauchen lediglich einen Katalysator, der zur Katastrophe führt.

Das ist perfektes Kino, weil es unerwartet ist, aber komplett folgerichtig. Die Konflikte in "Civil War" sind nicht herbei geredet, sondern in den Figuren und den Plots der letzen 10 Filme gesät. Auch wenn ich mit Superlativen vorsichtig bin: Es hat in der Filmgeschichte noch keine Franchise gegeben, die so sorgsam durchgeplant und damit in der Summe gehaltvoller als ihre Einzelteile ist. Weder Star Wars, noch Star Trek, noch James Bond.

Es wird dauern, bis man genau erkennt, wie enorm die Leistung des MCU ist, wie qualitativ hochwertig das Gesamtkonzept aus Einzelfilmen, Teamups, TV-Serien, etc. Wir sind noch zu nahe dran, um das gesamte Bild zu sehen. Aber hier wächst Großes.

Wie schon in anderen Marvel-Filmen trennt "Civil War" das Herz von anderen strunzdummen Sommer-Blockbustern. Es geht um etwas, der Film hat ein Thema. Jede Figur setzt sich mit ihrer Verantwortung auseinander - sei es für ihr Volk, für die kleinen Leute, für die eigenen Taten oder die der besten Freunde. Manchmal - wie im Fall von Bucky - geht es um mehr: Wenn er nicht unter Kontrolle hat, was er tut, ist er dann nicht trotzdem schuldig, WEIL er es tut? Es ist eine Frage, an der die Avenger zerbrechen und noch mehr - die Freundschaft von Tony und Steve.

Die Fortentwicklung der Figuren, die Weiterführung der übergreifenden Plots - all das ist eingebettet in spektakuläre Actionsequenzen, die den Zuschauer in fünfzehnminütigem Abstand mit immer neuen Highlights torpedieren. Hart dran, schnell geschnitten, aber selten chaotisch oder unübersichtlich, profitiert "Civil War" auch hier von der Erfahrung der Regisseure wie der Effektleute: Weil alles geht und nichts unmöglich ist, kann man sich voll darauf konzentrieren, die Verfolgungsjagden und Fights nicht nur technisch überzeugend, sondern vor allem einfallsreich und überraschend zu gestalten.

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Weil "Civil War" auf einen übermächtigen Antagonisten verzichtet, ist der Schlusskampf auch eher ein intimer, persönlicher - die Treffer gehen ins Herz, nicht in den Bauch. Das große Showpiece hingegen ist die groß propagierte Schlacht "Avengers vs. Avengers" im zweiten Drittel des Film - auf einem deutschen Flughafen! Und hier wird wirklich alles rausgeholt, man ist mittendrin und voll dabei, weil die Fights nicht nur technisch perfekt umgesetzt sind, sondern tonnenweise großartige Charaktermomente erleben:

"We are still friends, right?"

"Depends on how hard you're gonna hit me."

Mag der Kampf um New York in "Avengers" auch an Epik nicht zu toppen sein, hier spielt sich der beste "superhero vs. superhero"-Fight aller Zeiten ab. One for the ages. The one to beat.

Ach ja: Mit erschütternder Leichtigkeit führt "Civil War" dann noch ein paar neue Helden ein - tonal perfekt und augenblicklich überzeugend. Spider-Man, Black Panther und Ant Man fallen so perfekt in die Dramaturgie, als hätten man ihnen schon immer einen Platz im Avengers-Universum frei gehalten - was ja wohl auch der Fall ist.

Und wer hätte gedacht, dass Tante May jemals ein so bezaubernder Feger sein könnte? Marisa Tomei FTW!

Müsste ich Fehler finden - ich würde sie bestenfalls Schwächen nennen. Mittlerweile wird gar nicht mehr thematisiert, wie die Avengers teilweise von einer Seite der Erdkugel zur anderen kommen, ohne Jetlag oder Zeitverlust. Obwohl die Action hart und hämmernd ist, drückt man sich wieder um hässlichen Konsequenzen - so hätte zumindest ein minderer Avengers hier einen sehr augenscheinlich angedachten Tod sterben dürfen und auch die Folgen des Main Event "Captain America vs. Iron Man" sind letztlich enttäuschend beschränkt. Das Ende ist dadurch so bar jeglicher emotionaler Spitzen, dass man überrascht ist, wenn der Nachspann kommt - das war's schon? Mit etwas mehr Traute hätte man die Zuschauer emotional erschütterter aus dem Kino schicken können.

Aber das sind Schwächen, die in der Totalität des Entertainments, das "Civil War" bietet, untergehen. Der Film ist pure Unterhaltung, trifft Herz, Kopf und Bauch gleichermaßen. Es lässt sich sogar splitten - wer "nur" eine Comic-Saga sehen will, wird ebenso zufrieden sein wie jemand, der "nur" Kracher-Action sucht oder die Freundin, die "nur" Humor und tolle Typen braucht. "Civil War" ist "all in one", ohne dabei Kompromisse zu machen. Kino "all you can eat" ohne Reue und Völlegefühl.

Kommen wir nun zu dem Teil des Reviews, der im besten Fall für Diskussionen und im schlechtesten Fall für Ärger sorgen wird: Wie schon "Star Wars: Force Awakens" im Vergleich zu den Episoden I-III macht "Civil War" den DC-Konkurrenten "Batman vs. Superman" nachträglich schlechter - und dabei platt wie eine Flunder. Weil er zeigt, wie wenig potentes Drama permanente Dunkelheit braucht, wie mühelos man große Charaktermomente mit krachender Action verbinden kann. Rackert sich "Batman vs. Superman" schon an drei Superhelden ab, ohne ihnen wirklich gerecht zu werden, schafft "Civil War" eine Party mit einem Dutzend Kostümträger, die alle ihre passenden Sprüche und szenischen Highlights bekommen. Vieles, was man bei DC vor vier Wochen noch als notwendig für die Entwicklung der Franchise oder eigenwillige stilistische Entscheidung rechtfertigen wollte, entlarvt sich im direkten Vergleich als schiere Hilflosigkeit. Bei den Darstellern, der Inszenierung, den Effekten und dem emotionalen Ergebnis - "Civil War" ist in jeder Beziehung der bessere Film. Mit Abstand. Weitem.

Klar, es werden die Kommentare kommen "MUSS man das denn unbedingt vergleichen - kann man nicht BEIDES gut finden?". Nein, man MUSS nicht. Aber es fällt schwer, hinterher BEIDES gut zu finden. Weil es zwei Filme aus dem gleichen Genre sind, die die größten Champions ihrer jeweiligen Comic-Universen mit vergleichbaren Vorgaben in den Kampf schicken. Und weil einer dabei spektakulär scheitert und der andere nicht mal ins Schwitzen kommt.

Für deutsche Zuschauer gibt es (besonders in der Originalfassung) ein paar drollige Lacher, da diverse Szenen in Berlin spielen (angeblich auch in Leipzig, was aber nicht zu erkennen war). Da räumen deutsche Polizisten in Bukarest auf, eine Airline heißt Blauflug, amerikanische Darsteller radebrechen sich das Teutonische ab, etc. Authentizität in den Details war mal wieder nicht vorrangig.

Thema Post Credits Sequenz: Ich dachte, es gäbe nur eine, aber das war wohl nur bei den Pressescreenings so. Aus sicherer Quelle weiß ich mittlerweile, dass es ganz hintendran NOCH EINE gibt. Also sitzen bleiben, so schwer es der Blase fällt!

Als Bonus hier noch Fun Facts, ein knappes Vorab-Presseheft, und eine Übersicht der Figuren.

YouTube Preview Image

Fazit: Ein perfekter Sommer-Action-Blockbuster, eine geniale Zusammenführung verschiedenster Plots der bisherigen Filme und der Beweis, dass man auch einem ganzen Dutzend Superhelden gerecht werden kann, wenn man die Laufzeit fettfrei nutzt. Die erste wirklich hohe
Messlatte für den Sommer 2016.

P.S.: Als echter Rebell bin ich gestern übrigens so ins Kino gegangen:

press Kopie

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18
April 2016

Presse-Fail: Die kleine WELT gegen die große Galaxis

Ich habe früher gerne gegen die BILD geschossen. Irgendwann wurde mir das zu einfach und seitdem die keine Browser mit Adblocker mehr durchlassen, schaue ich nicht mal aus mildem Interesse mehr auf deren Webseite. Aber es ist leider so, dass auch "Qualitätsmedien", die gerne als Beispiel für die Unverzichtbarkeit einer professionellen Papierpresse genannt werden, mitunter krasse Aussetzer produzieren. Einige erinnern sich vielleicht noch an den Versuch der ZEIT, den Flop von "Cloud Atlas" Raubkopierern in die Schuhe zu schieben - oder an die halbgaren Breitseiten des SPIEGEL gegen ALDI. Vom SPIEGEL-Kindergarten bento mag ich gar nicht reden.

Heute ist die WELT dran, Springers Hausmarke in Sachen seriöser Journalismus. Dazu muss ich sagen, dass ich das Blatt generell nicht schlecht finde und niemanden, der sich am Flughafen ein Freiexemplar unter den Arm klemmt, schräg anschaue.

Heute hat sich die WELT aber deutlich mit einem Artikel verhoben, dessen Stoßrichtung scheinbar schon feststand, bevor man diese auf Plausibilität abgeklopft hatte. Als hätte klar sein müssen, dass die Ausgangsthese faktisch nicht zu halten ist, drohte - so möchte ich entschuldigend unterstellen - der Druckschluss und es gab kein Zurück. Alternative: Der Autor glaubt das, was er da schreibt - und das möchte ich nicht glauben.

Gehen wir es in bewährter Manier meiner bisherigen Polemiken Zeile für Zeile chronologisch durch.

Dürfen wir dich Versager nennen, Star Wars?

Knaller Einstieg, keine Frage. Eine der erfolgreichsten und langlebigsten Franchises neben Star Trek und James Bond zum potenziellen Versager erklären, da muss der Autor wirklich ganz große Geschütze in der Hinterhand haben.

Nun ist es sicher: Die Sternenkrieger haben das Ziel "erfolgreichster Film aller Zeiten" klar verfehlt. Es gibt auch einen Schuldigen, der sich von dem Hype nicht hat anstecken lassen: China.

Okay, zuerst einmal - wer hat dieses Ziel ausgegeben? Disney ist nicht ernstlich mit dem Ziel angetreten, den erfolgreichsten Film aller Zeiten zu produzieren. Weil das nicht planbar ist und immer auch viel Zeitgeist dazu gehört. Der neue Star Wars-Film ist der Reboot einer erfolgreichen, aber etwas in Ungnade gefallenen Franchise, ein Risiko mit vielen unberechenbaren Variablen. Man muss wahrlich kein Experte sein, um zu wissen, dass die Prognose bestenfalls lauten konnte: Es muss die Milliarde geknackt werden. Weil das mittlerweile die Messlatte für Mega-Franchises ist. Momentan sieht es danach aus, als würde "Batman v. Superman" nach einem starken Start daran scheitern und bei knapp 900 Millionen hängen bleiben. Immer noch kein Taschengeld.

"Star Wars: The Force Awakens" ist der erfolgreichste Film auf dem amerikanischen Markt - aller Zeiten. Er hat als einer von drei Filmen weltweit mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt. Die Rubriken, in denen er bei Boxofficemojo auf dem ersten Platz steht, sind zahlreich:

"Star Wars: The Force Awakens" ist nach jedem erdenklichen Maßstab nicht nur ein Erfolg - er ist ein Mega-Hit.

Warum ist Autor Rodek also der Meinung, der Film habe das (anscheinend nur von ihm ausgerufene) Ziel nicht erreicht, müsse sich womöglich Versager nennen lassen?

Vielleicht erinnern sich noch Mitleidende an den letzten Dezember, als man hart auf die Probe gestellt wurde. Beim Weihnachtseinkauf im Elektronikmarkt fuchtelten Verkleidete mit Laserschwertern herum. Der Hamburger Verkehrsverbund kündigte auf einer Anzeigetafel an, die U1 fahre "über Obi-Wansbek ab Vaderdorf weiter nach C-3POhlstedt (3 Minuten warten Du musst)". Ganz zu schweigen von Bekannten, die allen Ernstes fragten, ob das Luke Skywalkers Prothesenhand sei, die im Trailer nach R2-D2 greife.

Ahhh, da haben wir es ja auch schon. Der Autor hat's nicht so mit Geeks, fühlt sich im öffentlichen Raum vom Hype belästigt und kann so gar nicht verstehen, dass Fans z.B. in Trailern nach Querverweisen der umfangreichen Mythologie suchen.

Aber es wird schlimmer - Rodek musste nicht nur die Existenz von "Star Wars" ertragen, sondern auch noch dessen Erfolg, der Leute wie ihn zu einer grummeligen Minderheit degradiert.

Und dann diese Rekordmeldungen. Nie so viele Eintrittskarten vorbestellt. Bestes Startwochenende an der Ostküste. An der Westküste auch. Strahlende Kinobesitzer in Wanne-Eickel und Tatooine. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis der erfolgreichste Film aller Zeiten – James Camerons "Avatar" – entthront würde.

Nein. Natürlich gab es Berechnungen, ob "Star Wars" den bisherigen Top-Film "Avatar" würde ablösen können. Selbst die mutigsten Branchen-Experten hielten das allerdings für zumindest unwahrscheinlich. Und wenn es um Dollars und Cents geht, müsste man fairerweise auch die Inflation raus rechnen, was zu ganz anderen Ergebnissen führen würde. Nach aktuellem Stand wäre der erfolgreichste Film aller Zeiten nämlich nicht "Avatar", auch nicht "Titanic", sondern "Vom Winde verweht". Und auf Platz 3 stünde immer noch "Star Wars" - das Original von 1977.

Ist aber wumpe, weil hier ein Strohmann abgebrannt wird - Rodek freut sich diebisch über das Nichterreichen eines Ziels, das niemand ernsthaft aufgestellt hat.

Dann wurde es stiller an der Rekordfront, und nun steht fest: "Star Wars: das Erwachen der Macht" hat das Ziel weit verfehlt, meilenweit. Nicht einmal zum zweiterfolgreichsten hat es gereicht.

Ich wiederhole mich da gerne: "Star Wars: Force Awakens" gehört zum exklusiven Trio der Filme, die über zwei Milliarden eingespielt haben. Mit TV/DVD-Verwertung und Merchandising wird der Streifen mittelfristig vermutlich alleine schon wieder das einbringen, was Disney seinerzeit an Lucas gezahlt hat (4,5 Milliarden Dollar). Und er hat perfekt den Boden bereitet für die Ableger-Franchise-Filme, die mit "Rogue One" starten.

Was aber noch wichtiger ist: Der Film ist nicht nur ein Boxoffice-Monster, sondern auch durchaus gut gelitten bei Fans und Kritikern, was man z.B. von "Batman vs. Superman" oder den "Transformers"-Filmen nicht sagen kann:

  • 81 Prozent auf Meta-Critic
  • 92 Prozent auf Rotten Tomatoes
  • 8,2/10 bei der IMDB

Ziel meilenweit verfehlt? Ein Versager? Da hat wirklich niemand in der WELT-Redaktion eingegriffen und gesagt "Mensch Hanns-Georg, das kannste doch nicht schreiben, das ist doch barer Unfug"?

Das erfüllt all jene, die sich am liebsten auf den Todesstern gewünscht hätten, um der Dauerbekriegung zu entkommen, mit klammheimlicher Freude. Der Hype, der ihnen so auf die Nerven ging, hat sein ultimatives Ziel nicht erreicht.

Und da haben wir es nochmal - Star Wars geht Rodek auf die Eier und deshalb muss er etwas finden, um es in den Staub zu treten. Und in seinem religiösen Eifer fällt ihm nicht mal auf, wie peinlich es ist, wenn das einzige Argument "erfolgreich ja - aber nicht der erfolgreichste!" lautet.

Die 2,1 Milliarden Dollar, die die Sternenkrieger in Disneys Kassen spülten, hätte man zwar auch gern auf dem Konto, aber "Titanic" nahm eben 2,2 Milliarden ein und "Avatar" 2,8.

Ätschi bätsch!

Rodek gehört vermutlich zu den Menschen, die ihren Kindern, wenn sie eine 1 im Diktat nach Hause bringen, zuerst einmal fragen "hat ein anderes Kind eine 1+ bekommen?". Und ich habe das dumpfe Gefühl, bei Disney fühlt sich angesichts von 2 Milliarden niemand als Versager.

In der "ewigen" Besucherbestenliste für Deutschland (die jedoch nur 50 Jahre zurückreicht) belegt "Star Wars" mit neun Millionen Zuschauern gerade Platz 22, knapp vor "Otto – der Film", aber hinter "Ziemlich beste Freunde".

Das ist richtig. Der erfolgreichste Film aller Zeiten hierzulande ist immer noch "Das Dschungelbuch". Übrigens von Disney. Und "Avatar" hatte hierzulande weniger Besucher als "Der Schuh des Manitu". Vielleicht sollte man die Deutschen da besser nicht als Maßstab nehmen...

So. Das gehörte mal gesagt, von wegen Wiederherstellung der Relationen.

Gebt mir eine Sekunde, um fertig zu kichern.

...

So. Bin wieder da.

Abgesehen davon, dass Rodek hier keinerlei Relation wiederherstellt, hätte die Formulierung als "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!" vielleicht einen Tacken knackiger geklungen. Warum und warum ausgerechnet von ihm? Keine Ahnung,

Und von wegen des ehrfürchtigen Tones der Fan-Boy-Bewunderung, mit der in den Medien fast nur noch über dieses "kulturelle Phänomen" gesprochen wird. Und es lohnt sich, genauer hinzusehen, bis wohin dieses "Phänomen" gedrungen ist und wo sich sternenkriegsfreie Enklaven gehalten haben.

Zweimal "Und" am Satzanfang. Stilistisch unschön. Passiert mir auch oft. Redigiere ich dann meistens wieder raus. Zum Inhalt: Star Wars IST ein kulturelles Phänomen, und das seit fast 40 Jahren. Man muss das nicht mögen, es steht einem gestandenen Filmkritiker aber auch nicht zu, es wider besseren Wissens zu bestreiten. Auch Herr Rodek kann sich die Welt nicht machen, widde widde wie sie ihm gefällt.

Wo sind sternenkriegsfreie Enklaven?

Der Filmschreiberling der WELT versucht sich nun recht energisch an Augenwischerei, denn er fängt damit an, Filme aufzuzählen, die alle wohl irgendwie erfolgreicher als "Star Wars: Force Awakens" gewesen sein sollen. Was er dabei bequem unterschlägt, werde ich nachtragen.

In Indien etwa, wo Hollywoodfilme gerade zehn Prozent der Kinobesuche ausmachen (in Deutschland sind es 70) und das lieber weiter seine eigenen Mythen und Stars pflegt; "Dilwale", die neue Romantikkomödie des klassischen Liebespaars Shah Rukh Khan und Kajol, übertraf Luke und Leia.

Nun ja: Luke und Leia sind nur Nebenfiguren in "Star Wars: Force Awakens" und haben zusammen genommen vielleicht zehn Minuten Screentime. Aber ich gehe mittlerweile sowieso davon aus, dass Rodek den Film nicht gesehen hat.

Was "Dalwali" angeht: Ja, der mag im direkten Vergleich in Indien erfolgreicher gewesen sein (Rodek gibt ja zu, dass es sich bei dem Subkontinent um einen extremen Nischenmarkt handelt). Insgesamt hat "Dalwali" allerdings auch nur umgerechnet 59 Millionen Dollar eingespielt, das passt in die 2,1 Milliarden von "Star Wars" lockere 35 mal rein.

Oder in Korea, wo das Bergsteigerdrama "The Himalayas" ein unüberwindliches Hindernis für "Star Wars" darstellte.

"The Himalayas" kommt in den Top50 der erfolgreichsten koreanischen Filme gar nicht vor. Mit 7,5 Millionen verkauften Tickets lief er in Korea schlechter als "Star Wars" hierzulande.

Oder in Japan, wo "Yo-Kai 2", ein Anime über böse Geister, die Siths in die Flucht schlug.

Von den zehn erfolgreichsten Filmen in Japan sind fünf aus Hollywood. "Yo-Kai 2", eine "flavor of the month"-Adaption, wird nicht mal in Asien Wellen machen.

Und ehrlich? Nach Luke und Leia bemüht Rodek nun auch statt der First Order die Sith? Will der einfach nur Star Wars-Geeks mit seiner zur Schau getragenen Ignoranz provozieren?

Japan ist der drittgrößte Kinomarkt der Welt, aber Hollywood richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf den zweitgrößten, der in ein, zwei Jahren sogar den amerikanischen überholen dürfte: auf China.

Eine steile These. Da der chinesische Markt nur sehr begrenzte Möglichkeiten hat, global zu expandieren, sehe ich Hollywood auch dann ungefährdet, wenn China regional seine Produktionen massiv hochfährt - und damit auch breit wie langfristig erfolgreich ist.

Momentan lese ich aber immer wieder solche Geschichten.

Das lebte lange Zeit in seliger Ignoranz des "Star Wars"-Universums, das sich in einer weit, weit entfernten Galaxie auszudehnen begann, tief im Westen. Als der junge Harrison Ford erstmals die Schwerter kreuzte, war Mao gerade gestorben.

STOPP! Harrison Ford hat in Star Wars nie ein Schwert geschwungen (Laser oder sonstwie). Rodek ist ganz offensichtlich so einer:

geek

Als zwei Jahrzehnte später die Klonkrieger aufmarschierten, war China ein Kinoentwicklungsland, heute werden dort 15 neue Kinos pro Tag (!) eröffnet.

Die Zahl ist so erstaunlich, dass Rodek ein Ausrufezeichen dahinter macht - statt sie einfach mal zu hinterfragen. Ich hab's getan: Mitnichten werden in China 15 neue Kinos pro Tag eröffnet. Es kommen 15 Leinwände hinzu. Das kann ein Megaplex mit 30 Leinwänden sein, was dann schon zwei komplette Tagessätze an Neugründungen abdeckt, aber auch die Erweiterung eines bestehenden Kinos. Dass Leinwände nicht gleich Kinos sind - sollte ein Filmkritiker das nicht wissen, bzw. verstehen?

Noch vor zehn Jahren, als LucasArts das Online-Rollenspiel "Star Wars Galaxies" auf den Markt warf, wurde um China ein Bogen geschlagen, genauso wie vor fünf Jahren mit dessen Nachfolger "Star Wars: The Old Republic".

Nun machte LucasArts um China keinen Bogen - das Problem war vielmehr die rigide Internet-Zensur in dem Land, das Rodek augenscheinlich für eine kulturelle Oase hält, das aber de facto immer noch die größte Diktatur der Welt darstellt. Man muss halt abwägen: Einerseits kann man auf dem Platz des Himmlischen Friedens zusammen geschossen werden - andererseits muss man nicht "Star Wars Galaxies" spielen. Win some, lose some.

Für die "Erwachende Macht" hatte sich Disney in China wirklich Mühe gegeben. Beim Shanghai-Festival wurden alle sechs alten Filme hintereinander gezeigt. Zur Shanghai-Premiere gaben sich Regisseur und Stars die Ehre. Lebensgroße Sturmtruppler-Skulpturen standen in der Luxus-Shopping-Meile Shanghais. Lu Han, Chinas Antwort auf Justin Bieber, tanzte in einem Musikvideo in Jedi-Roben und sang davon, wie er "die Macht spüren" könne.

Auch wenn Rodek es kaum glauben mag - das sind die üblichen Marketingmaßnahmen für Mega-Budget-Filme. Die greifen mal mehr, mal weniger. Und angesichts von 125 Millionen Dollar Einspielergebnis in China kann man wahrlich nicht von einer "sternenkriegsfreien Enklave" reden.

Doch die Macht der Macht erwies sich als begrenzt. Am Ende lag "Star Wars" nur auf Rang sieben amerikanischer Filmerfolge in China, hinter zwei "Transformern", "Avatar", "Jurassic World", den "Avengers" und "Fast & Furious 7", der fast dreimal so viel einspielte.

Da es Rodek ja um die hehre Filmkultur geht, tue ich mich schwer, seine diebische Freude über die Dominanz von "Transformers" und "Fast & Furious" in China zu teilen. Da ist mir "Star Wars" als globaler Händeschlag allemal lieber. Aber ich kann dem Filmschöngeist der WELT zumindest erklären, woran es (vermutlich) liegt: action travels - humor doesn't. Alte Regel im Business. Nicht jeder versteht komplexe Mythologien, nicht jeder versteht kulturell geprägte Scherze - aber jeder versteht Explosionen, schnelle Autos und Roboter.

In den sozialen Netzwerken erntete der Film gemischte Kommentare. Auf Weibo (einer Facebook-/Twitter-Mixtur) schrieb ein Blogger: "Wenn einem Science-Fiction-Film die Vorstellungskraft fehlt, was ist dann der Unterschied zu einer Seifenoper? (vorzüglicher Punkt, der Redakteur) Die Geschichte stand ganz im Dienst der Fans der ursprünglichen Trilogie und verließ sich völlig auf Effekthascherei. Am lächerlichsten ist, dass die ganze Macht der Galaxie einer Familie gehören soll." Auf Douban (einer Mischung aus MySpace und IMDB) bekannte ein Zuschauer seine Verwirrung: "Ich habe die Geschichte gar nicht recht begriffen … Die erste Hälfte hat mich schwindlig gemacht."

Ach so - ZWEI ungenannte chinesische Filmfans sind demnach Zeugnis der "gemischten Kommentare". Bewerten wir die Politik der Kanzlerin künftig auch nach der Kommentarspalte bei SPIEGEL online? Fakt ist: Alle kumulierten Kritiken weisen auf eine extrem hohe Begeisterung für "Star Wars: Force Awakens" hin, bei der Presse wie bei den Fans. Die Zahlen von Meta-Critic, Rotten Tomatoes und der IMDB (s.o.) sprechen für sich.

Vor allem: Kein Film erreicht 2 Milliarden, wenn er den Zuschauern nicht gefallen hat - dafür braucht es extrem positive Mundpropaganda und exzessives "repeat viewing". Aber ist doch schön, wenn sich zwei Chinesen finden, die Rodeks Ablehnung teilen.

"Eine brutal ehrliche Sicht auf den Film, ungetrübt von der rosa Brille der Nostalgie, welche die meisten im Westen aufhaben."

Echt jetzt? In die eigene Kultur scheißen, nur weil man einen verfickten Blockbuster nicht leiden kann? Und Herr Rodek steht natürlich über so ekliger Nostalgie, verbündet sich mutig mit den Chinesen, die ja so überhaupt keine nostalgische Ader haben? Hier könnte ich angesichts der geballten Arroganz und Ignoranz das erste Mal so richtig kotzen.

Die Generation, die Chinas Kinoboom treibt, war noch nicht geboren, als die Episoden 1 bis 6 herauskamen.

Im Gegensatz zu den Teenagern im Rest der Welt, die alle vor 1977 geboren wurden.

Sie hat einen klaren Blick auf die Botschaften des Films. "Ein demokratisches Parlament scheint chaotisch zu sein, während das Imperium eines Diktators stabil zu sein scheint", schreibt ein Douban-Nutzer. "Das ist es wert, darüber nachzudenken."

Das ist es, in der Tat, denn "Star Wars" erscheint hier wie die Illustration des Mantras der chinesischen Führung, freie Wirtschaft sei gut, aber nur in einer "kontrollierten" Demokratie. "Die Republik ist unfähig, das Militär und das Parlament zu kontrollieren, also bricht sie zusammen", interpretiert ein anderer. "Was kann eine Demokratie schon tun? Sie hängt trotzdem von der Macht der Waffen ab!" Einer der Gründe, warum "Star Wars Galaxies" in China nicht herauskam, war die Möglichkeit für die Spieler, eigene Inhalte zu kreieren. Chinas Regierung erlaubt nur neue Inhalte innerhalb zuvor von den Entwicklern definierter Grenzen.

Das ist falsch und wäre auch falsch, wenn es richtig wäre. Da Rodek den Film offensichtlich nicht gesehen hat, ist ihm auch entgangen, dass die Bösen mit der Superwaffe am Ende VERLIEREN. Und selbst wenn "Star Wars: Force Awakens" von einer "might makes right"-Ideologie durchdrungen wäre, müsste er damit der chinesischen Mentalität eigentlich entgegen kommen, was den von Rodek behaupteten Misserfolg umso unerklärlicher macht.

Hollywood steht vor dem Problem, amerikanisch bleiben zu wollen und global werden zu müssen. Noch bis in die Achtzigerjahre war dies simpel: Die USA waren klar der größte Kinomarkt der Erde, und der wurde zielgerecht bedient, mit englischsprachigen Stars, amerikanischem Traum und auf dem Westzentrismus gegründeten Geschichten. In den Neunzigern begann sich die Balance zu verschieben, die ersten Filme nahmen im "Rest der Welt" mehr ein als in Nordamerika. Heute ist das bei Blockbustern die Regel, wobei "Fast & Furious 7" das umgekehrte Extrem verkörpert, 77 Prozent im Ausland, nur noch 23 Prozent in den USA. "Star Wars" liegt ungefähr bei 50:50.

Clever argumentiert, dafür aber wenigstens hinterhältig und unredlich. Ja, prozentual verschiebt sich das Verhältnis - weil Hollywood IMMER MEHR verdient, weil sich nach dem Ostblock in den 90ern auch der asiatische Markt dem amerikanischen Kino massiv öffnet. Mit dem Fokus auf dem amerikanischen Markt wären Einspielergebnisse jenseits einer Milliarde gar nicht möglich, die Verschiebung der Verhältnisse ist das beste, was den US-Studios passieren kann. Und die damit verbundene Reduzierung des heimischen Anteils ist eben kein Verlust, weil sie realen Steigerungen der Einnahmen gegenüber steht.

Einfache Rechnung:

Vor 20 Jahren hat ein Blockbuster 200 Millionen eingespielt, davon 150 in den USA und 50 international. Also kamen 75 Prozent des Geldes aus Amerika, 25 aus dem Rest der Welt.

Heute spielt ein Film vielleicht nur 50 Prozent daheim ein - ein Rückgang von satten 25 Prozent! Aber da der Film insgesamt 300 Millionen einspielt, sind 50 Prozent davon jetzt ebenfalls 150 Millionen.

Wer allen Ernstes behauptet - bei drei Filmen, die weltweit mehr als 2 Milliarden Dollar eingespielt haben -, Hollywood habe den Schuss nicht gehört, muss seine Berufsbezeichnung endgültig in ironische Anführungsstriche setzen.

Weil mittlerweile eh alles wurscht ist, vergleicht Rodek nun fleißig Äpfel und Birnen - vermutlich auch der Richtigstellung der Relationen wegen.

Die US-Filmindustrie hat das Problem mit der jahrzehntelang bewährten Kleinen-Finger-Taktik zu bewältigen versucht. Man drehte Monumentalfilme wie "Quo Vadis" mit Robert Taylor in Roms Cinecittà, und italienische Stars durften in Nebenrollen mitspielen.

Das machte man, weil die Filme bestimmter Genres in Italien billiger zu drehen waren - es hatte nichts mit dem Versuch zu tun, auf dem globalen Markt besser positioniert zu sein.

Man ging für "The Last Samurai" nach Japan und stellte Tom Cruise ein paar Einheimische zur Seite.

Hier wird Rodeks Argumentation leider von der Tatsache torpediert, dass der Film in Japan zu den erfolgreichsten aller Zeiten gehört (aktuell Platz 11), was belegt, dass die Strategie augenscheinlich aufgegangen ist.

Man beehrte mit den "Inglourious Basterds" Berlin und gab Deutschen Minutenauftritte; allerdings entführte Christoph Waltz unerwartet den gesamten Film.

Deutsche "Minutenauftritte"? Eine erstaunliche Aussage bei einem Film, der seinen Bösewicht deutsch-österreichisch besetzt und diesem mit der besten Rolle auch noch seinen ersten Oscar beschert.

Unverdrossen wendet Hollywood die alten Rezepte an. Zhang Jingchu, in China ein Star, bekam im neusten "Mission Impossible" eine Nebenrolle mit zwei Zeilen Dialog. "Iron Man 3" verlängerte die Fassung für China um vier Minuten mit chinesischen Schauspielern.

Das wirkt in der Tat manchmal krude, neulich auch erst wieder in "The Martian". Aber es ist nun mal nicht einfach, in uramerikanische Filme und uramerikanische Genres eine chinesische Facette einzubauen. Immerhin versuchen es die Amerikaner wenigstens - ich habe bis heute noch keinen deutschen Film gesehen, der (erfolgreich oder nicht) ins Reich der Mitte schielt.

Chinas größte Namen – Chow Yun-Fat, Zhang Ziyi, Jet Li, Gong Li, John Woo – stellten sich eine Weile als exotische Farbtupfer zur Verfügung.

"stellten sich eine Weile als exotische Farbtupfer zur Verfügung" - ein hübscher, in diesem Fall notwendiger Euphemismus, weil Rodek natürlich nicht offen sagen kann, dass er damit "gingen nach Hollywood" meint. Und dass die meisten der Genannten deswegen gingen, weil nach dem Rückfall Hongkongs an China unter der restriktiven Kulturpolitik der KP kaum filmische Freiheiten zu finden waren.

Gerade als deutscher Filmkritiker hier die Parallelen zum Dritten Reich nicht zu sehen (oder nicht sehen zu wollen), finde ich schändlich.

Vielleicht ist es das, was mich subkutan an dem Artikel so anwidert - für eine extrem banale emotionale Verletzung (Star Wars nervt ihn) feiert Rodek die Chinesen als Kulturbewahrer, vor dem sich das Banausenvolk der Amerikaner mal schön in acht nehmen soll.

Inzwischen sind sie alle mehr oder minder zurück zu Hause, selbst Jackie Chan ist wieder ein einheimischen Produktionen zu sehen.

Ja, und das ist auch nicht besonders schön zu sehen, wie sich der alternde Actionstar dem Regime andient. Zumal es eine Binsenweisheit ist, dass viele kreative Kräfte zurück fließen, wenn Despoten einer zart blühenden Filmindustrie etwas mehr Leine lassen. Daraus lässt sich null ableiten, was die Zukunft Hollywoods oder das herbei geschriebene "Versagen" von "Star Wars" angeht.

"Chinas Anspruch auf Weltmachtstellung erstreckt sich nicht nur auf eigene Atombomben und Raumschiffe, sondern zunehmend auch auf die Kultur. "

Normal und richtig. Hat niemand was gegen, auch nicht Hollywood.

"Exemplarisch ist "Kung Fu Panda", eine chinesische Legende, die Hollywood vor zehn Jahren mit Beschlag belegte, weil China sich damals noch mit der Position als kultureller Dienstleister begnügte; heute würde das nicht mehr passieren."

Au. Weia. Zuerst einmal ist "Kung Fu Panda" keine chinesische Legende, sondern eine Erfindung des Dreamworks-Managers Michael Lachance. So "echt chinesisch" wie Glückskekse. Und warum "würde das heute nicht mehr passieren"? Haben Länder jetzt ein kulturelles Monopol auf die eigene Geschichte? Filme über Deutschland nur noch von Deutschen?

Und wieso vergisst Rodek hier bequemerweise "Mulan" von den (schau an) Star Wars-Machern Disney, der tatsächlich auf einer chinesischen Legende basiert? Vielleicht, weil der Release von Mulan seinerzeit von den chinesischen Behörden in den Flop-Status gegängelt wurde und damit das genaue Gegenteil dessen belegt, was Rodek hier behauptet?

Wir sind inmitten eines neuen Kampfs der Zivilisationen, in dem Hollywood seine kulturelle Oberhoheit nicht abgeben und China genau diese nicht mehr akzeptieren will. Und "Star Wars" ist der symbolträchtigste Ausdruck dieser Hegemonie.

Hollywood hat keine kulturelle Oberhoheit über China, China wird sich schwer tun, jenseits der eigenen Region irgendeine Form der kulturellen Hoheit zu etablieren - den von Rodek hilflos postulierten Zivilisationskampf gibt es nicht, nur eine erwartbare Verschiebung der Marktanteile auf dem chinesischen Markt zugunsten der erstarkenden heimischen Industrie. Und die Tatsache, dass "Star Wars: Force Awakens" keine chinesischen Boxoffice-Rekorde gebrochen hat, beweist die eh schon falsche These auch nicht.

Ehrlich, WELT? Über diesen kruden, wirr zusammen gestoppelten Kram ist keiner mit dem Rotstift noch mal drüber? Ich habe selten einen Artikel gelesen, der aus einer derartig weinerlichen Mücke (mich nervt Star Wars!) einen derartig wackeligen Elefanten (Ende der amerikanischen Kulturhoheit!) baut.

Nun ist Autor Rodek nicht irgendwer, wie sein Profil verrät:

  • 1995, Filmredakteur, "Die Welt"
  • Jury-Mitglied Cannes, Gerd-Ruge-Preis, Helmut-Käutner-Preis, Around the World in 14 Films etc.
  • Herausgeber "Showbusiness-Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts"
  • TV-Gastgeber "Ein Abend mit..." auf TNT Films
  • 2008-2012 Vorstandssprecher des Verbands der Deutschen Filmkritik

Das macht es noch schlimmer. Vielleicht erklären Stichworte wie "Cannes-Jury" und "Gerd-Ruge-Preis" das Problem allerdings auch.

Und die Antwort auf die im Titel des Artikels gestellte Frage lautet natürlich:

Nein. Hau ab.

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17
April 2016

Abandoned: Das Wortvogel Superhero Universe

Es zahlt sich aus, dass ich alle meine alten Unterlagen in der Cloud gespeichert habe - nicht nur Kontoauszüge, sondern auch meine Mails seit 1995, die Anhänge, meine Konzepte, Faxe, Recherche-Materialien. Dadurch finde ich immer wieder mal kuriosen Kram, der durchaus noch Funktion hat. So behauptete Schauspieler Matthias Hues kürzlich, er arbeite aktuell an einem Sequel zum Lundgren-Kracher "I come in peace", in dem er den (am Schluss getöteten) Alien-Bösewicht spielte. Ich konnte nachweisen, dass Hues dieses Konzept schon seit satten 19 Jahren herum schleppt - weil ich es selber 1997 per Fax für ProSieben abgesagt hatte. Und das Fax habe ich noch.

Ebenfalls aufgetaucht: Ein 32seitiges Booklet über Herkunft und Chancen des B-Movies im aktuellen Markt, geschrieben und hübsch bebildert um 2000. Vielleicht arbeite ich das auch noch mal für euch auf.

Neulich kam mir durch einen sehr weit gefassten Suchbegriff das Fragment eines Konzepts in die Finger, das mich so visionär wie berühmt gemacht hätte - wenn ich es denn jemals konsequent verfolgt hätte. Aber wie so oft: Im Film-Business müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen und wenn die Partner nicht mal verstehen, warum man eine Idee verfolgt, dann kann man sie auch gleich wieder eintüten.

Darum gibt es heute auch neben dem MCU (Marvel Cinematic Universe) und dem DCEU (DC Extended Universe) leider kein WSU (Wortvogel Superhero Universe).

Es ist schon 13 Jahre her. Damals hatte ich gerade angefangen, mit der Produktionsfirma UFO an "Apokalypse Eis" zu arbeiten. Natürlich war das eine B-Movie-Klitsche, die billige Genre-Klopper produzierte, aber ich sah immer das Potenzial für mehr, für besser, für mutiger.

Mochte die CGI von UFO auch nicht mit Weta oder Digital Domain mithalten können, zeichnete sie sich doch dadurch aus, so ziemlich alles auf den Bildschirm zu bringen, was man für krachende Action benötigt: Monster, Explosionen, Hardware. Um das zu verdeutlichen, zeige ich euch erstmal ein paar Trailer.

Epoch:

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Interceptor Force:

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Falcon Down:

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Storm:

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Das war für die Zeit um 2000 herum ziemlich beeindruckend und UFO hatte damals auch Zugriff auf Schauspieler, die diese Bezeichnung noch verdienen: Martin Sheen, Ryan O'Neal, Luke Perry, Brian Thompson, Dale Midkiff, William Shatner, Billy Zane, etc.

Heute dreht UFO leider nur noch in Bulgarien und sowohl Cast als auch Effekte sind mit den Budgets deutlich bescheidener geworden:

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Aber wie gesagt: Um 2000 herum befand sich die Firma im Aufwind und der Umzug nach Bulgarien war eigentlich dafür gedacht, Projekte noch konsequenter durchzuplanen, um noch unabhängiger zu werden. Man wollte nicht nur noch auf Zuruf des Syfy-Channels Einweg-Heuler in den Markt pumpen, man wollte Franchises schaffen, eventuell sogar im Serienbereich aktiv werden.

doom PatrolUnd ich hatte die Idee dazu: Ein eigenes Universum an Superhelden-B-Movies. So eine Art Mini-Marvel mit eigenen Helden und Filmen, die verzahnt werden können, Teamups und Crossover erlauben. Wie es schon Charles Band mit Mandroid, Dr. Mordrid und dem Unsichtbaren Benjamin Knight versucht hatte - hier war seinerzeit das Teamup "Doom Patrol" geplant, aber nie umgesetzt worden.

Ich bin ehrlich gesagt heute noch baff, dass keine B-Movie-Klitsche auf diese Idee gekommen ist. Superhelden sind Big Business, inhärent franchise-tauglich und vom Aufwand her auch nicht schwieriger umzusetzen als "Gatordroid vs. Crococopter" oder "Global Solar Asteroid Disaster".

2003 war die Idee zudem relativ frisch - Spider-Man, X-Men und Blade hatten an den Kinokassen abgeräumt, das goldene Zeitalter war angebrochen, aber der Markt war noch nicht übersättigt und zwangsläufig auf dreistellige Millionenbudgets aus. Ich sah eine Nische für ein generisches Helden-Universum, das sich an den Vorbildern orientierte, ohne gleich drittklassiges Ripoff zu sein.

Mir war klar, dass es nicht leicht sein würde, meinen Arbeitgeber Tandem und UFO von der Idee zu überzeugen. Tandem, weil die Firma die Filme in Deutschland finanzieren lassen musste, wo man Superhelden-Streifen zwar gerne einkaufte, sich ob der kulturellen Unterschiede aber ungern an eigenen Versuchen die Finger verbrennen wollte. UFO, weil die beiden Besitzer der Firma nach eigener Aussage kein Potenzial in Superheldenfilmen sahen.

Aus genau dem Grund entwarf ich als Intro ein actionlastiges, leicht in Bulgarien zu drehendes Gruppen-Abenteuer mit Helden, die sich sehr deutlich an Batman, Superman, Iron Man etc. orientierten. Ich wollte vertraute Bilder und Charaktere schaffen, auch weil B-Movies nicht von Innovation leben. Es sollte generisch sein, leicht umsetzbar. Kein Risiko.

Bei der Story wollte ich allerdings mit Pathos und Popanz ausgleichen, was an Piepen fehlte. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass die großartige DC-Miniserie "Kingdom Come" mir viel Inspiration lieferte, insbesondere beim zentralen Konflikt des alten, ausgestiegenen Helden gegen seinen jungen, aggressiven Nachfolger.

Hier ein erster Überblick über die (noch sehr flachen) Charaktere und der Prolog des Films "Power Guard" (Arbeitstitel) - bei den Besetzungs-Ideen hatte ich schon das geplante bescheidene Budget von maximal 5 Millionen Euro pro Film im Kopf. Die Zeichnung habe ich eben mal fix mit HeroMachine erstellt, damit ihr auch was zu gucken habt:


Power Guard

American Icon

Protagonists:

Icon – think Howie Long or Sven-Ole Thorsen
Real name: John Taylor. Age: 45 Powers: Super strength and super senses. Can fly.

Stealth – think Antonio Sabato jr.
Real name: Marc Spencer. Age: 33. Powers: None. Exo-Suit gives him above human speed and strength. Uses a variety of gadgets and vehicles manufactured by the r&d department of SpenceTech.

Comet (formerly Soviet Star) – think Ralf Moeller
Real name: Alexej Pribludin. Age: 90 (looks 40). Powers: Ages only five months per year. His body is pretty much indestructible. Emits intense heat and bursts of fire when enraged. Can fly.

Gimmick – think Alyssa Milano
Real name: Sarah Shaw. Age: 17. Powers: Can teleport within a limited range.

Mirage – think Portia de Rossi or Alicia Witt
Real name: Unknown. Age: Unknown, but records show that she has been around as long as history has been recorded. Looks late 20’s. Powers: Magic. Creates illusions, changes shape, projects emotions into the weak of mind. Limited telekinesis and telepathy. Full extent of abilities unknown.

Antagonist:

American Icon – think Casper van Dien
Real name: Unknown. Age: 30. Powers: Superhuman strength and speed to rival the original Icon.


Opening credits

Underneath credits: Old newsreel footage, beginning with the late 50’s. Not only setting up the background of our main hero, but seemingly unrelated items that will come back later. More and more, the news clips focus on the career of a young American super hero - Icon.

Cuban missile crisis, president announcing development of experimental weapons, Sputnik, summer of love, train crash mysteriously avoided, P.O.W.’s rescued by mystery man, Icon saves victims of flash flood, Icon battles the Chinese super hero Warlord, Reagan is elected, Falkland crisis, fall of the Soviet Union, Icon disappears. The clips end around 1990, with the world preparing for the Gulf War, and a CNN correspondent asking

“At the dawn of a massive military confrontation, the world asks – where are the heroes? Where is Icon?”

End credits.

Super: “Present day”

A war zone in Eastern Europe. An international refugee camp under fire. A tall and broad-shouldered doctor desperately trying to save the lives of the wounded while grenades explode all around him. It's MASH 2005.

A young assistant enters the tent, excitedly telling him:

“I just heard a rumor that the Americans have sent their champion – Icon!”

The doctor raises an eyebrow. Cheers erupt from the outside.

Outside: Icon has arrived! He lands softly in the middle of the camp – holding an enemy tank in every hand as if they were toys. Strange – from the news footage we’ve seen, he should be at least 45, but he looks more like well-scrubbed 25. He is wearing a cool leather uniform/costume with a stylized American flag over the chest.

Icon rips open the tanks, and pulls out the enemy soldiers – casually breaking their necks. He doesn’t realize how much this shocks the people, and he proudly proclaims:

“Don’t worry, I’ve come to clean up the mess. Within three days, this war will be over! Trust the American Icon!”

He flies away. The doctor inspects the dead soldiers. Grim-faced, he looks in the direction that Icon left.

Cut to the remains of a midsize town, reduced to rubble by years of bombardment. American Icon saunters down the streets, teasing the remaining rebels:

“Come out, come out, wherever you are!”

A bullet from a sniper hits him – and just bounces off. He flies up to the rooftop, and a bloodcurdling scream is the only indication of what he does to his attacker.

We see another man stepping out into the middle of the street – it’s the doctor (how’d he get here so fast?). He starts to argue with American Icon, telling him that he is no better than the men that started this war. Icon remains arrogant and pompous, claiming he is the end to wars everywhere – the bringer of order. The doctor throws a sniper rifle at his feet – it was manufactured in the USA:

“We build them, sell them, and then send in our hero to save the day – it’s the American way.”

Icon gets angry, but is distracted by some rebels trying to flee. The doctor makes it clear that he won’t let Icon kill any more people. The near-sociopathic super hero laughs, then breathes fire – engulfing the doctor in flames!

When the smoke subsides, the doctor is still standing – with most his clothes burnt off! Icon is a little distraught:

“What are you – mutant, experiment, alien?”

The doctor gets up close to the US champion:

“I am the one who will stop you.”

With a mad shriek, Icon takes a swing at the doctor. His punch could probably level a building – but the strange doctor with the torn clothes captures Icon’s fist in mid-air! He starts to squeeze – and Icon starts to squirm. With his free hand, the doctor rips the stylized flag from Icon’s costume/uniform:

“You shouldn’t wear that – you're not what it stands for.”

Radical change of scenery to: Washington. White House. Oval office. The president and a couple of advisors from the military, political, and science departments. The pres wants to know how their “project” is going when they are interrupted by security:

“Airspace over the White House has been compromised!"

Everyone hustles to leave for the underground bunker, when a loud *thud* is heard from outside (the viewer can actually see a figure falling from the sky outside the office window). They race to the window – the body of a badly bruised American Icon is lying on the front lawn.


Ich gestehe - zu mehr bin ich nie gekommen. Nachdem es gar kein positives Backing für die Idee gab und ich mit diversen anderen konkreten Projekten beschäftigt war, kam "Power Guard" in irgendeinen Reste-Ordner auf der Festplatte und schimmelte bis letzte Woche vor sich hin.

Mir ist selber klar, dass sich das nicht wie ein großer Wurf liest. Ich habe das ja auch nur an einem gelangweilten Vormittag rausgehauen. Aber die IDEE dahinter ist in meinen Augen immer noch valide, es gibt mehr als genug Raum auf dem Markt für ein "kleines" Superhelden-Universum nicht fürs Kino und auch nicht fürs Fernsehen, sondern für den Streaming- und Scheiben-Markt. Dass kaum jemand auf den Zug des erfolgreichsten Subgenres der letzten 40 Jahre aufspringt, macht mich fassungslos. UFO? Asylum? Nu Image? Anybody?

Und es ist doppelt kurios, dass dieses Universum in meinem Kopf vom Look & Feel ziemlich genau so ausgesehen hätte:

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Oder so:

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Mit besseren Drehbüchern natürlich - von mir.

Wie seht ihr das? Reicht euch die Schwemme von Marvel- und DC-Adaptionen, besteht überhaupt noch Bedarf an "neuen" Helden? Kann man ein neues Universum etablieren, ohne gleich auf Parodie oder Comedy setzen zu müssen? Oder hat der Dewi nur wieder einen Hirnfurz?

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15
April 2016

Watching (9): Dice

Cringe Comedy ist sicherlich eine der substantiellsten Entwicklungen der letzten 20 TV-Jahre. Das Rezept: pseudo-dokumentarische Produktion, unsympathische Charaktere, eskalierende Peinlichkeiten. Oft genug spielen die Darsteller fiktionalisierte Versionen von sich selbst. Im Idealfall kommen Serien wie "The Office" und "Curb your enthusiasm" dabei raus, im Zweifelsfall aber auch Fehlschläge wie "Fat Actress" und jetzt "Dice":

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Die überschaubaren Abenteuer des Rüpelkomikers Andrew Dice Clay, dessen Opus Magnum "Ford Fairlane" ich immer noch verehre, taugen einfach nicht zur satirischen Überhöhung. Er ist ein abgebranntes Arschloch im wahren Leben - und in der Serie eben auch. Das erfüllt den "cringe"-Teil des Genres perfekt, beim "comedy"-Teil hakt es massiv.

Irgendwo zwischen Tony Soprano und Larry David angesiedelt, ohne die Brutalität des Einen oder den Intellekt des Anderen, ist Clay nur ein schwaches Abbild seiner Bühnen-Persona und "Dice" leidet an seinem eigenen Thema: Der Saft ist raus. Es ist einfach nicht komisch.

Ich erinnere mich lieber weiter so an ihn:

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14
April 2016

Chronik eines angekündigten Scheintodes

Ich glaube, ich brauche eine Auszeit. Liegt nicht an euch, liegt an mir. Ehrlich.

In den letzten Monaten habe ich zunehmend das Gefühl bekommen, nicht mehr Herr meiner sozialen Sphäre zu sein, sondern ihr Untertan. Ich komme nicht mehr dazu, all die spannenden Dinge zu schreiben, die ich eigentlich schreiben will, all die netten Menschen zu besuchen, die ich eigentlich besuchen will, all die häuslichen Arbeiten zu erledigen, die ich eigentlich erledigen will. Filme, Bücher, Zeitschriften, alles liegt herum, wartet auf mich, während ich mit den Augen auf dem Schirm entnervt "ja, gleich" murmele.

Das Problem ist nicht meine Netz-Präsenz, sondern ein spezifischer Teil davon, ein Ausschnitt, der sich so weit in mein Leben gedrängt hat, dass er den Blick auf alles andere verstellt.

Mein Blog wird im August 10 Jahre alt. Ich habe mehr als 3000 Beiträge verfasst, die mehr als 70.000 mal kommentiert wurden. Daneben bin ich auf Facebook sehr aktiv und habe eine ungute Faszination für YouTube-Videos entwickelt (meistens Reviews, Essays, Listicles, Kurz-Dokus). Diese drei Facetten schlucken geschätzt 90 Prozent der Zeit, die ich im und mit dem Internet verbringe.

Nicht Email, nicht Recherche, nicht Nachrichten: Blog, Facebook und YouTube sind die Zeitfresser. Nein - Lebensfresser. Was kreatives Outlet sein sollte und lange war, ist mittlerweile in seiner Flüchtigkeit, seiner Banalität kein angemessener Gegenwert zum geforderten Einsatz.

Ich will nicht bestreiten, dass es Spaß macht. Spaß, Selbstdarstellung und Ablenkung sind die primären Triebkräfte. Aber die endlosen Diskussionen, die sarkastischen Kommentare, die sorgsam gedrechselten Meinungen in vier, fünf Sätzen - das ist immer weniger tatsächlicher Diskurs, immer mehr automatisierter, aalglatter, zynischer Smalltalk nach zwei Bier zuviel auf einer schlechten Party. Ich bin müde, eigentlich will ich nach Hause - aber dem arroganten Volltrottel dahinten verpasse ich noch mal eine.

Und das ist nur eine Seite der Medaille. Ich habe mich in den letzten Wochen zu fragen begonnen, was ungetan und ungesagt und unerreicht bleibt in den Stunden, die ich auf Facebook und bei YouTube verbringe. Wie viele Romane und Drehbücher stehen nicht in meinem Regal, weil ich Zeit und Fokus anderweitig verschleudert habe? Habe ich meine Kreativität zu billig verschenkt, mein Talent brach liegen lassen?

Vielleicht nein. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht hätte ich auch ohne Facebook, YouTube und mein Blog seit sieben Jahren keinen Roman mehr geschrieben. Vielleicht liegt es mehr an der Beziehung zur LvA, an einem generellen, altersbedingten Nachlassen der kreativen Säfte. Oder daran, dass ich fest angestellt als Redakteur und Autor arbeite, was alle journalistischen Impulse bedient. Vielleicht ist der Hunger weg.

Aber ich mag das nicht glauben. Um es mit "Rocky Balboa" zu sagen: "Da ist noch Sprit im Tank". Mehr noch: Manchmal denke ich, ich habe in den letzten 25 Jahren gar nicht ernsthaft angefangen. I can feel St. Elmo's Fire burning in me - still.

So ist der Plan gereift: Ich werde nicht das Netz aufgeben, aber dem sozialen Netz den Wortvogel entziehen. Nicht den Stecker aus dem Router ziehen, aber das "Vorübergehend geschlossen"-Schild an mein Blog und meinen YouTube-Account hängen, auf Facebook eine Pause einlegen. Ich weiß nicht, für wie lange. Vielleicht drei Monate, vielleicht sechs, womöglich zwölf? Hängt ja auch davon ab, was es bringt. Wie ich auf den Entzug reagiere.

Keine Sorge: Das passiert nicht heute, nicht morgen. Aktuell steht das Social Media-Sabbatical in der "to do"-Liste unter "im Laufe des Jahres". Ich werde es vorbereiten und mir sorgsam überlegen, was mein Methadon sein kann. Das Leben noch mal richtig durchorganisieren? Einen Roman schreiben? Bei Produktionsfirmen mal wieder Filmideen shoppen gehen? Es mit einem Ebook versuchen? Deutschlandreise? Lesereise? Fitnessstudio? Zu mir zurück oder aus mir heraus?

Wer mich kennt, er-kennt das Problem - was immer ich tue, ich werde euch davon erzählen wollen. Es ist das Paradox des Autors ohne Equilibrium: Wer zuviel erlebt, kommt nicht dazu, darüber zu schreiben - und wer zuviel schreibt, kommt nicht mehr dazu, etwas zu erleben. Ich habe in den letzten zwei, drei Jahren zuviel geschrieben und zu wenig gelebt - wenn exakte Balance auch nicht möglich ist, möchte ich das Verhältnis doch zumindest wieder umkehren.

Könnt ihr das nachvollziehen? Ist es euch letztlich egal? Ist der Dewi eine Pussy? Habe ich wegen des maulenden Katers nur letzte Nacht nicht ausreichend geschlafen?

"Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts:
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir die irdische Verstrickung lösten,
Das zwingt uns stillzustehn."

(Hamlet)

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