2
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (31): These final hours

these final hoursAustralien 2014. Regie: Zak Hilditch. Darsteller: Angourie Rice, Nathan Phillips, Daniel Henshall, David Field, David Partridge, Jessica de Gouw, Kathryn Beck, Korum Ellis, Lynette Curran

Offizielle Synopsis: Einer der zweifelhaften Vorteile des Weltuntergangs durch einen Meteoriteneinschlag ist, dass einem vor dem Aufprall genug Zeit bleibt, um Pläne für die letzten Stunden zu schmieden. James möchte den großen Knall möglichst zugedröhnt beim finalen großen Rave der Menschheit erleben und lässt dafür seine heulende Freundin allein zurück.

Als er auf dem Weg dorthin allerdings ein kleines Mädchen namens Rose vor zwei Widerlingen rettet, hat er plötzlich eine Beifahrerin im Auto, die er vor der Party noch loswerden muss. Gemeinsam fahren die beiden durch die brennende Hitze der australischen Vorstadtwüste, während von der anderen Seite des Planeten bereits die todbringende Feuerwand auf sie zurast. Rose ist auf der Suche nach ihrem Vater und James auf der Suche nach jemandem, der ihn von seiner Verantwortung befreit. Doch mit umso mehr Wahnsinn und Narzissmus das unfreiwillige Paar angesichts des tickenden Countdowns auf ihrem Trip konfrontiert wird, desto mehr wird James klar, dass er sich entscheiden muss, was ihm im Auge des Todes wirklich wichtig ist.

Kritik: Ich mag „kleine“ Apocalypse-Streifen, die den Niedergang der Menschheit bescheiden, aber doch umfassend bebildern. Es gefällt mir, wenn Regisseure mit begrenzten Mitteln die ganz große Leinwand bepinseln. In dieser Hinsicht finde ich „Carriers“ oder „The Last Days“ beeindruckender als Emmerichs „2012“ oder „Deep Impact“. Weil sie zeigen, dass es nur wenige Details braucht, um den Zuschauer glauben zu lassen. Ein ausgebrannter Wagen hier, ein Hitzeflimmern dort, leere Straßen übersät von Zeitungen, Rauschen im Fernseher, den niemand mehr abstellt.

Ich mag auch Filme, denen es nicht mehr darum geht, wie sich die Apocalypse noch aufhalten lässt. Diesen ewige Wettlauf mit der Zeit und der Technik, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, finde ich ungleich unspannender als die simple Erkenntnis, dass Stunde X vor der Tür steht – und wir alle nun unseren Frieden damit machen müssen. Was würdet IHR tun?

Aus diesem Grund hatte „These final hours“ ein leichtes Spiel mit mir, denn er bedient genau diese Narrative. James ist ein Taugenichts, der in seinem Leben nicht viel zustande gebracht hat. Mit der Familie verkracht, gerne auf Drogen, die langjährige Freundin mit einer anderen betrogen, die nun auch noch schwanger ist – zehn Stunden vor dem unaufhaltsamen Untergang. James willl sich nach eigenen Worten nur zuknallen und nix mehr merken – auf der großen letzten, von Sex und Drogen geprägten Party seines Kumpels Freddy. Aber die Fahrt dorthin wird für ihn ein Weg zu sich selbst, eine Rückbesinnung auf den besten Mann, den er sein kann, der er aber nie war. Als nichts mehr zählt, findet er das, was wirklich zählt.

Zak Hilditch erzählt diese charakterliche Wiedergeburt ohne Happy End und doch irgendwie mit Happy End straff, als episodisches Roadmovie in einer zerbrechenden Welt. Wir sehen die vielen, zumeist verzweifelten Versuche, mit den letzten Stunden umzugehen, die Verzweiflung, den Wahnsinn. Und wir sehen das Ende der Welt – umgesetzt in einer erstaunlich potenten CGI-Feuerwalze, die schön und schrecklich zugleich ist.

Getragen wird „These final hours“ zudem von ein paar beendruckenden Performances, insbesondere von der kleinen Angourie Rice und Nathan Phillips, dem ich nach fünf Minuten verziehen habe, dass er ein wenig wie Don Swayze aussieht.

Vielleicht nicht der Film, wegen dem der FFF-Splatterfan zum Festival anreist – aber genau das, was ICH hier gerne sehe. Und wieder ein Film, bei dem ich mich frage, warum so etwas hierzulande nicht möglich ist. In „These final hours“ läuft alles auf einen Kommentar über die „human condition“ hinaus – im vergleichbaren deutschen Pendant „Hell“ beschäftigt man sich zum Ende der Zivilisation nur noch mit Kannibalen-Bauern.

hochFazit: Ein bescheiden produzierter, aber inszenatorisch absolut überzeugender Film vom Ende der Welt und dem Anfang der Hoffnung. Sehr emotional, sehr berührend und allemal auch für die Freundin tauglich, die hinter garantiert fragen wird: „Würdest du für mich auch zurückkommen?“. Antwortet einfach „Ich würde dich gar nicht erst verlassen.“

YouTube Preview Image

 

Trackback-URL kein Kommentar
1
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (31): Open Windows

open windowsFrankreich/Spanien/USA 2014. Regie: Nacho Vigalondo. Darsteller: Elijah Wood, Sasha Grey, Neil Maskell, Adam Quintero

Offizielle Synopsis: Nick hat sich auf ein Date mit der launischen Schauspielerin Jill gefreut, das er bei einer Online-Verlosung gewonnen hatte. Doch die Diva sagt kurzerhand grundlos ab. Da hackt sich der mysteriöse Chord – angeblich ihr Manager – in Nicks Rechner ein und macht dem Fan ein seltsames Angebot: “Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du Jill auch gegen ihren Willen sehen können – über ihre Webcam.” Dem kann der gekränkte Nick nicht widerstehen, und lässt sich auf das undurchdringliche Spiel ein, bei dem er schnell schmerzlich zu verlieren droht.

Kritik: Ich lese ja bekanntlich die Programmtexte nicht und schaue mir auch keine Trailer an, damit ich die Filme vom FFF “frisch” zu sehen bekomme. Darum hatte ich auch keine Ahnung, was mich bei “Open Windows” erwartet. Elijah Wood? Punkt Abzug, den kann ich nicht leiden. Ex-Pornostar Sasha Grey? Zwei Pluspunkte. Gekauft.

“Open Windows” ist zuerst einmal ein Konzeptfilm, der vollständig über das Geschehen auf einem Laptop-Bildschirm erzählt wird. Wir sehen nur, was sich in den diversen Fenstern abspielt – da allerdings einige Webcams zugeschaltet sind, ist das durchaus ausreichend. Oft genug ist die eigenwillige Perspektive sogar irrelevant – was die Webcams zeigen, könnte auch eine normale Kameraeinstellung sein.

Am Anfang haben wir noch das Gefühl, die mysteriöse Stimme, die Nick nach und nach die Kontrolle über Jills Hardware und dann über ihr Leben gibt, könnte uns in einen sleazigen Torture Porn führen. Nick bekommt Macht über die Frau, die er aus der Ferne bewundert – und beginnt langsam, sie sadistisch auszuleben.

Aber das ist nicht der Weg, den “Open Windows” geht. Sehr schnell zeigt sich, dass Nick nur Handlanger von Chord ist, dessen Ziele im Dunkeln bleiben. Es gelingt dem jungen Mann, sich eine zweite Kommunikationsebene mit einer französischen Hackergruppe aufzubauen, die ihn für einen der besten Cybersoldaten der Welt hält. Langsam beginnt Nick, die totale Überwachung gegen den mysteriösen Erpresser einzusetzen.

Das könnte ein bierernster, böser Thriller über die 1000 Augen der modernen Mediengesellschaft sein, in der wirklich alles kontrolliert werden kann: Überwachungskameras, Handys, Verkehrsampeln, Polizeifunk. Aber Pustekuchen: “Open Windows” ist schon nach zehn Minuten so abgedreht, dass jede Glaubwürdigkeit aus dem Fenster fliegt. Die Fähigkeit Chords, wirklich alles zu überwachen und alles vorherzusehen, kennt keine Grenzen und überschreitet fast augenblicklich die Grenze zum Absurden. Jedes noch so komplizierte System ist mit zwei, drei Tastenkombinationen weltweit auszuhebeln, auf Nicks Laptop stapeln sich irgendwann Echtzeit-Informationen, dass die NSA feuchte Augen vor Begeisterung bekäme.

Das Verständnis, das die Macher für moderne Überwachungstechnik haben, entspricht ungefähr dem von Daniel Düsentrieb. Die Software hat was von Yps (mit Gimmick!) und ihre Möglichkeiten machen den “CSI”-Serien alle Ehre. Wenn man den Computer nicht versteht, kann man ihm umso schamloser huldigen.

“Open Windows” wird im Laufe des zweiten Akts immer lauter, schneller, abstruser und unlogischer. Aber dahinter steckt keine Inkompetenz, sondern Konzept – der Film rast förmlich von einem Twist in den nächsten und nimmt bewusst in Kauf, dass der Zuschauer den Quatsch zwar erkennt, vor lauter Entertainment aber nicht dazu kommt, sich darüber an den Kopf zu fassen. Das Finale ist mit “an den Haaren herbei gezogen” nicht ansatzweise adäquat beschrieben – aber man hat zuviel Spaß, um sich davon in die Suppe spucken zu lassen.

Elijah Wood ist dabei erwartungsgemäß solide, und Sasha Grey ist schlicht sensationell. Sie ist nicht nur eine sehr gute Schauspielerin – auch ihre Vergangenheit als Pornostar schimmert immer noch durch. Sie ist es gewohnt, Macht über Männer zu haben, was selbst in den Szenen, in denen sie das Opfer ist, subtil durchscheint.

Ähnlichkeiten mit “The Voices” sind übrigens nicht zu übersehen – “Open Windows” spielt in Austin/Texas, wurde aber praktisch komplett mit spanischer Crew in und um Madrid gedreht.

hochFazit: Alberner Cyberthriller trifft “Saw” – plus Sasha Greys Brüste. Wem das nicht reicht, der kann sich von einer flotten Inszenierung, vielen Wendungen und einer hanebüchenen Darstellung von High Tech begeistern lassen, die den Kopf platzen lässt.

YouTube Preview Image

 

P.S.: Wer den Prolog gesehen hat, wird mir zustimmen – ich will “Dark Skies” sehen!

Trackback-URL 2 Kommentare
1
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (30): Go Goa Gone

Go Goa GoneIndien 2013. Regie: Krishna Dk, Raj Nidimoru. Darsteller: Saif Ali Khan, Kunal Khemu, Vir Das, Anand Tiwari, Puja Gupta

Offizielle Synopsis: Freundin weg. Job weg. Geld haben sie sowieso noch nie gehabt. In dieser ausweglosen Situation gibt es für die Kiffer-Kumpel Hardik und Luv nur eines: Paaaarrrrrtttttyyyyy!!!!! Am besten auf einer abgeschiedenen Tropeninsel mit vielen süßen Babes, bunten Pillen, der Russenmafia – und Zombies. Wir haben es ja schon immer gewusst: Techno + Drogen = Hirntote. Jetzt kommen auch noch Untote dazu.

Kritik: “Erkan & Stefan gegen die Untoten” – ungefähr das haben sich die Inder als Maßstab genommen, um gänzlich untypisch für die lokale Filmindustrie mal einen Fun-Gruselfilm ohne jeglichen Liebeskitsch zu drehen. Dem Vernehmen nach war der Streifen 2013 in Indien ein absoluter Renner im Kino. Ich rechne das aber eher mal der Tatsache an, dass “Go Goa Gone” Neuland ist und viele Besucher nicht nur wegen des Genres, sondern auch wegen der fast schon provokanten Preisung von Hasch, Alkohol und Spontansex gelockt hat. Wobei Spontansex sich natürlich in Ankündigungen und Nacherzählungen erschöpft – tatsächlich zu sehen gibt es nix.

Subtrahiert man die Tatsache, dass es sich um einen für Indien sehr ungewöhnlichen Film handelt, stolpert man schnell darüber, dass “Go Goa Gone” für den Rest der Welt eine Ansammlung sattsam bekannter Klischees darstellt. Freunde reisen zum Rave, eine Zombie-Epidemie bricht aus, den Rest der Laufzeit verbringt man kreischend und rennend. Die Regisseure haben dem Muster absolut nichts hinzu zu fügen.

Die Zombie sind von der langsam schlurfenden Sorte, das bisschen CGI-Splatter fast schon kindergartentauglich und der Bodycount bei den Protagonisten pendelt sich bei 0 ein – man will ja niemandem den Spaß verderben. Horror lite.

Ist “Go Goa Gone” dann wenigstens lustig? Sagen wir mal so – er hält sich wacker auf halber Strecke zwischen “Shaun of the Dead” und “Blubberella”. Ich musste nur einmal wirklich grinsen, als einer unserer Helden sich fragt, wo die Zombies herkommen, und sein Kumpel im Brustton der Überzeugung ausruft “Globalisierung!”.

mitteFazit: “Die drei Stooges” treffen “House of the Dead” in einem knallbunten, albernen, aber letztlich doch sehr soften Grundkurs in Sachen Bollywood-Zombiefilm. Echter Horror bleibt uns erspart, aber auch die typischen Gesangs- und Tanzszenen.

YouTube Preview Image

P.S.: Drollig ist, dass der Fokus auf das Kiffen der Protagonisten bedingt, dass vor Filmstart in vier verschiedenen Clips vor den Gefahren des Rauchens gewarnt werden muss. Da verstehen die vom Subkontinent keinen Spass!

Trackback-URL kein Kommentar
1
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (28): Nurse 3D

Nurse 3DUSA 2013. Regie: Douglas Aarniokoski. Darsteller: Paz de la Huerta, Katrina Bowden, Corbin Bleu, Kathleen Turner, Judd Nelson, Boris Kodjoe

Offizielle Synopsis: Sie ist eine Krankenschwester mit besonderer Mission. Tagsüber ist sie zum Wohle der Menschheit unterwegs, doch nachts als Serienkillerin. Ihre Motivation? Irgendwas mit untreuen Ehemännern, die bestraft werden müssen. Am meisten dürfen sich Schwester Abby und Schwester Danni bekriegen. Die hatten nämlich Sex miteinander und das führt am Arbeitsplatz bekanntlich zu Konflikten. Also holt Abby die Knochensäge raus und spritzt die Reizwäsche rot. Danni hat ihre liebe Mühe, ihr Umfeld von Abbys tödlichen Neurosen zu überzeugen.

Kritik: Dieses Plakat, der Titel, 3D, Paz de la Huerta, Katrina Bowden – “Nurse 3D” ist ein einziges schwülstiges Versprechen, ein Zelluloid gewordenes Milo Manara-Comic, das Blut und Sex enthusiastisch zu verbinden gelobt.

Weil dahinter aber der Macher des spektakulär vergeigten “Highlander: Endgame” steckt und nur wenige Regisseure es verstehen, den schmalen Grad zwischen Tease und Terror zu wandeln, ging ich mit entsprechenden Vorbehalten in den Kinosaal.

Und siehe da – “Nurse 3D” ist wie “Wolfcop” genau das, was er sein will – und was er sein will, ist verdammt wenig. Katrina Bowden in Unterwäsche und kurzem Schwesternkittel, CGI-Splatter, ein paar Skalpelle, die auf die Kamera zufliegen (3D!) – der Rest ist Paz de la Huerta nackt. Und man sollte nicht glauben, wie schnell das langweilig wird.

Paz de la Huerta ist Existenzberechtigung und Sinnkrise des Film, sie lockt den Zuschauer ins Kino – und treibt ihn auch wieder hinaus. Das üppige Ex-Model zieht sich so verlässlich und nebensächlich aus, dass “Nurse 3D” auch den Titel “Full Frontal Nudity – The Movie” hätte tragen können. Es gibt kaum eine respektable Schauspielerin, die für einen billigen Horrorfilm mit derartiger Nonchalance den Kittel hätte fallen lassen (Katrina Bowden vermeidet sogar den kleinsten Nipple Slip).

Aber de la Huerta sieht hier entsetzlich aus, die Augen leer und von Ringen umgeben, die Haut ungesund orange, der Mund im permanenten “duck face” eingefroren, die Frisur einer monströsen Perücke ähnelnd. Obwohl sie in New York geboren und aufgewachsen ist, hat sie einen schweren, lallenden Akzent – und ich werde das Gefühl nicht los, dass ihre Off-Stimme nachsynchronisiert wurde.

Die Frau wirkt permanent völlig breit – und das ist kein schöner Anblick. Nackt hin oder her, ihre Verführungskünste wirken aufgesetzt und unehrlich, ohne Spielfreude oder Spaß an der Kontrolle. Sie hat den Sexappeal einer osteuropäischen Prostituierten, die sich jeden Abend mit einer Spritze auf die Schicht vorbereitet.

Weil der Film darüber hinaus nur sattsam bekannte Thriller-Klischees mehr schlecht als recht abspult, beschränkt sich der Reiz auf die Midnight Crowd, die auch bei “Zombie Hunter” oder “Wolfcop” begeistert mitjohlt.

Vor 20 Jahren hätte Julie Strain die “Schwester Abby” gespielt – und alles wäre gut gewesen.

runterFazit: Comic-Trash, weder gut geschrieben noch gut inszeniert, der primär pubertierende Krankenschwestern-Fetisch-Inhaber und chronische Paz de la Huerta-Masturbanten begeistern dürfte, auch wenn die neurotische Nudistin hier eine bestenfalls komatöse Performance abliefert.

YouTube Preview Image

P.S.: Complex hat das de la Huerta-Problem auch schön auf den Punkt gebracht:

de la Huerta delivers all of her unabashedly tongue-in-cheek dialogue (mostly heard in voiceover narration) as if she’s reading off sloppily written cue cards while strung out on Valium. Abby Russell is a human slow-motion machine.”

Trackback-URL kein Kommentar
1
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (29): The November Man

the november manUSA 2014. Regie: Roger Donaldson. Darsteller: Pierce Brosnan, Luke Bracey, Olga Kurylenko, Eliza Taylor, Will Patton, Patrick Kennedy

Offizielle Synopsis: Peter Devereaux ist zurück für eine letzte Mission. Der einstige Vorzeige-Agent der CIA mit dem Decknamen “November Man” ist der schmutzigen Arbeit als Spion eigentlich längst überdrüssig. Zu viele Menschen hat er kaltblütig abknallen, zu viele Rekruten zu eiskalten Killern trainieren müssen und zu viele Unschuldige sterben sehen. Ein Zyniker ist er mit der Zeit geworden, einer, der noch nie jemandem vertraute, und mit den Jahren gelernt hat, dass er damit auch bestens beraten ist. Doch nun steht viel auf dem Spiel. Man munkelt, ein Maulwurf in der Agency würde zwischen den Fronten intrigieren und den anstehenden Korruptionsprozess gegen ein hohes Tier im Staatsdienst gefährden. Devereaux soll die junge Alice beschützen. Die engagierte Sozialarbeiterin, die minderjährigen Mädchen zum Ausstieg aus der Sexsklaverei verhilft, markiert zur Zeit die einzige Spur zu der vermissten Kronzeugin Mira Filipova in besagtem Justizskandal. Als Gegenspieler sieht sich der November Man ausgerechnet dem völlig skrupellosen Agenten David Mason gegenüber, der als Devereaux’ persönlicher Protégé alle Tricks vom alten Haudegen gelernt hat. Eine wilde Jagd mit undurchsichtigem Ziel beginnt, in der alle Beteiligten ihre ganz persönliche Agenda verfolgen …

Kritik: Ich will gar nicht groß auf die Inszenierung und die technischen Details von „November Man“ eingehen. Es ist ein grundsolider Agentenfilm von Roger Donaldson mit Pierce Brosnan, da ist die Expertise selbstverständlich.

Spannender finde ich die Interpretationsmöglichkeiten und die Frage, für was der Film steht und stehen könnte.

Da ist zuerst einmal Brosnan selbst, der zehn Jahre nach seinem letzten Bond-Film das tut, was Bond-Schauspieler gerne vermeiden: er spielt noch mal einen Superagenten. Das erlaubt einen interessanten Vergleich: Connery war 52, als er in „Sag niemals nie“ einen als deutlich zu alt geltenden Bond spielte. Moore wirkte aufgeschwemt und unbeweglich, als er die Rolle mit 57 abgab. Brosnan war während der Dreharbeiten von „November Man“ schon 60 – und wirkt so fit, als könne er die britische Krone auch noch weitere zehn Jahre verteidigen, ohne in Schweiß auszubrechen. Der Mann ist in einem Maße fit und attraktiv, dass es unheimlich ist – und „November Man“ ist ausreichend Grund, die Verjüngung der Franchise durch Daniel Craig zu verfluchen, gerade weil es interessant gewesen wäre, wie man Bond mit seinem Alter hätte konfrontieren können.

Damit kommen wir zum zweiten Ansatz: Man kann „November Man“ problemlos zum Bond-Abschlussfilm umdenken. Ein paar Namen austauschen, MI5 statt CIA, schon passt der Plot zur Franchise und zu einem Agenten, der sich eigentlich zurückgezogen hat und noch einmal in das dreckige Spiel der Geheimdienste hinein gezogen wird. Dabei hilft, dass mit Olga Kurylenko sogar ein echtes Bond-Girl and Brosnans Seite kämpft.

„November Man“ wäre damit ein hervorragender introspektiver, „kleiner“ Bond-Film, der sich (wie auch „Living Daylights“) mehr auf die komplexen Mechanismen der Geheimdienste konzentrert als auf spektakuläre Action-Setpieces, der mehr auf Spannung als auf Speed setzt. Die Tatsache, dass er nicht das Budget von Bond/Bourne/Missiom Impossible hat, ist dabei sogar ein Vorteil. Es geht nicht mehr um die wolkige Bedrohung der freien Welt, sondern um das hässliche Kleinklein in den verlorenen Gegenden der zivilisierten Welt.

Und dann lässt sich noch einer draufsetzen: Es gibt unter Bond-Fans ja die These, „James Bond“ sei nicht der Name einer Person, sondern eine Marke, der Code für den aktuell besten Agenten seiner Majestät. Das erklärt vergleichsweise elegant, warum Bond seit den 60ern dabei ist und immer wieder ein neues Gesicht hat. Tritt ein „James Bond“ ab, wird der Name einem Nachfolger vermacht. In der Komödienversion von „Casino Royal“ in den 60ern gab es ja auch gleich ein halbes Dutzend „James Bonds“.

So lässt sich auch „November Man“ lesen. Mason ist der junge Hotshot-Agent, der von Deveraux/Bond persönlich ausgebildet wird, zuerst aber als ungeeignet abgelehnt wird. Im Laufe von Deveraux’ Reaktivierung kann er sich bewähren und wird am Schluss als neuer Superagent dessen Nachfolge antreten. Im Rahmen meiner Theorie wird dann aus Mason der neue 007.

Abegsehen von der Tatsache, dass „November Man“ für sich genommen ein guter, harter und sehr unterhaltsamer Agententhriller ist, machen ihn diese Denkmodelle noch mal auf einer Meta-Ebene interessant, finde ich.

hochFazit: Eine solide Rückkehr in die Welt der Geheimdienste für Brosnan, der zeigt, dass er immer noch die Intensität und die Körperlichkeit für Actionrollen hat.

YouTube Preview Image
Trackback-URL 3 Kommentare
1
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (27): What we do in the Shadows

what we do in the shadowsNeuseeland/USA 2014. Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi. Darsteller: Jemaine Clement, Taika Waititi, Jonny Brugh, Cori Gonzalez-Macuer, Stu Ruthrford

Offizielle Synopsis: Es war für Viago zwar noch nie besonders leicht, ein Vampir zu sein, aber in den letzten drei Jahrhunderten hat er sich mit den unangenehmsten Nebenwirkungen einigermaßen arrangiert. Im Augenblick jedoch würde er lieber herzhaft in eine Knoblauchknolle beißen, als den Buhmann für seine WG-Kumpels Deacon, Vlad und Petyr zu spielen, von denen keiner in den letzten fünf Jahren auch nur einen einzigen blutigen Abendbrotteller abgespült hat. Im Gegenteil: In der Küche türmt sich das Geschirr, im Flur hängen Spinnweben, im Keller liegt noch ein Haufen alter Knochen – da ist es Zeit für ein paar ernste Worte auf der abendlichen Mitbewohner-Versammlung. Nur Petyr darf sich drücken, weil er mit seinen 8.000 Jahren halt doch schon ein bisschen gebrechlich ist …

Kritik: Eine Fake-Vampirdoku – hatten wir das vor zwei, drei Jahren nicht schon mal? Irgendwas aus Belgien? Ich erinnere mich nur vage, weil ich es selber nicht gesehen habe. Wie dem auch sei: „What we do in the Shadows“ ist ein launiges Stück Pseudo-Dokumentarismus über über vier Vampire, die in Wellington in einer WG leben und auf Grund ihrer Altersunterschiede (die von 90 bis 8000 Jahren reichen) so manchen freundschaftlichen Zwist aushalten müssen. So hat einer seit fünf Jahren die blutigen Kelche nicht gespült, der andere hat die Hypnose verlernt – und der uralte Nosferatu ist nur noch ein alter Stinker, mit dem keine Party zu machen ist. Mit dem jungen Nick kommt etwas frisches Blut in die Clique und am Ende freundet man sich sogar mit dem örtlichen Rudel Werwölfe an – auch wenn die stinken und sich gegenseitig am Hintern schnüffeln.

SO ist es richtig! „What we do in the shadows“ ist genau die Form von introspektiver Genrekomödie, die ich mir erhofft hatte. Nicht der billige Klamauk von „Wolfcop“, sondern eine grundsympathische „Vampire sind auch nur Menschen“-Erzählung, die Absurdität und Slapstick mit einem Sinn für das Groteske paart. Vampire sind nämlich nicht auch nur Menschen – sind sind vor allem faule Gewohnheitstiere, vom ewigen Leben unsäglich gelangweilt und ohne wirklich solides Einkommen.

Die Liebe zum Detail begeistert – alte Fotos, Requisiten, Wortspiele, Verweise auf die verschiedensten Vampirmythen. Die Darsteller lieben ihre Figuren, geben ihnen Leben und Sympathie trotz des komplett hirnrissigen Umfelds. Und wenn dann mal ein Opfer blutigst aufgefressen werden muss – na ja, es läuft halt nicht immer perfekt. Sie meinen es ja nicth so.

Als bunte und volle Packung Entertainment kann man „What we do in the shadows“ in einem Rutsch weggucken, ohne sich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Der Film verträgt sicher auch zwei oder drei Sichtungen. Klar hätte man darüber hinaus noch etwas mehr Augenmerk auf einen „echten“ Plot legen können und die Einbindung des Dokumentar-Teams ist eher halbgar. Aber wie sage ich immer? Niggeligkeiten.

hochFazit: Bezaubernd sympathische und spielfreudige „Vampir-Doku“ von einer Hälfte der „Flight of the Conchords“. Mehr Biss als „Twilight“, mehr Blut als „True Blood“, mehr Lacher als „Bloodrayne 3“.

YouTube Preview Image
Trackback-URL kein Kommentar
1
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (26): The Babadook

The BabadookAustralien 2014. Regie: Jennifer Kent. Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman, Daniel Henshall, Hayley McElhinney, Barbara West, Ben Winspear

Offizielle Synopsis: Mister Babadook ist die Schreckensgestalt aus einem Kinderbuch, das der kleine Sam seiner Mutter Amelia zum Vorlesen gibt. Er trägt einen schwarzen Umhang, einen verbeulten Zylinder und hat Hände wie Murnaus NOSFERATU, fast sieht er aus, als wäre er aus Edward Goreys Werken entwichen. Amelia klappt das Buch entsetzt zu. Doch wenn Babadook erst mal da ist, lässt er sich nicht mehr vertreiben. So steht es geschrieben.

Kritik: Wie „Honeymoon“ sich des Horrors als Metapher bedient, die zerbrechende Beziehung zweier frisch Vermählter zu zeigen, so ist in „Babadook“ die okkulte Bedrohung auch nur ein Platzhalter für das drohende Auseinanderbrechen von Mutter und Sohn. Amelia ist als Witwe und allein erziehende Mutter vollig überfordert, aus der Affenliebe zu ihrem Sohn Sam wird langsam Frustration, dann Wut, schließlich sogar Hass. Kein Wunder: Sam bräuchte eine Mutter mit viel Kraft – und hat eine, deren Reserven aufgebraucht sind. Schnell entwickelt sich ein Teufelskreis: Je mehr Sam um Aufmerksamkeit bettelt, desto unerträglicher wird er für Amelia. Sie will nur noch Ruhe, Ruhe, Ruhe – und sei es durch Kindsmord.

Es fällt vielleicht auf, dass ich in dieser kleinen Zusammenfassung des Themas von „Babadook“ die titelgebende Horrorfigur nicht erwähnt habe. Das liegt daran, dass der Babadaook letztlich eine untergeordnete Rolle spielt. Würde man den Film um zehn Minuten kürzen, könnte er rausfliegen – und nichts wäre verloren. Denn die Stärke von Jennifer Kents Psychodrama liegt nicht im Paranormalen, sondern in der schwer erträglichen, weil leicht nachvollziehbaren Folgerichtigkeit, mit der Amelia in den Wahnsinn abzurutschen droht. Was ihr passiert, ist so vorhersehbar wie unvermeidlich. Das Schicksal hat ihr eine Schlinge um den Hals gedreht und zieht langsam zu…

In seinem Rückgriff auf psychologischen Terror erinnert „The Babadook“ an Polanski, „Der Mieter“ und „Rosemary’s Baby“. Unser größter Feind sind wir selbst und unsere Einbildung ist Werkzeug und Folterwerkzeug zugleich. Der Babadook ist hierbei nur eine Externalisierung, vielleicht konkret, vielleicht aber auch nur eine Wahnvorstellung. Wie in „Oculus“ BRAUCHT Amelia eine personifizierte externe Gefahr, um sich nicht selbst als Gefahr wahrzunehmen. Er rechtfertigt ihr Verhalten, das schon lange nicht mehr zu rechtfertigen ist. Der Babadook ist in dieser Interpretation nur eine Kanalisierung ihres steigenden Drangs zu Selbst- und Kindermord.

Liest man „Babadook“ traditioneller, ist die Figur nicht weniger hochspannend: Getragen von düsteren Kinderreimen und anscheinend einer expressionistischen Fantasie wie „Caligari“ entsprungen, kombiniert er Elemente von Nosferatu und Freddy Krueger, von Lon Chaneys „London after Midnight“ und Tim Burtons faszinierend-fürchterlichen Stop Motion-Figuren. Seine Stärke liegt nicht in dem, was er dir antun wird – sondern in der Gräuletat, die er dir vorhersagt und die du selbst begehen wirst.

Persönlich hätte es mir gefallen, wenn man den Babadook doch etwas aktiver gemacht hätte, wenn man ihm eine klare Herkunft, eine klare Motivation und einen klaren Modus Operandi gegeben hätte. In seiner Unberechenbarkeit ist er zwar umso furchtbarer, aber es verhindert halt auch, dass Amelia sich aktive Strategien ausdenken kann, um gegen ihn vorzugehen – und sei es nur, vergangenes Unrecht (und damit die Ursache für das Auftauchen des Babadook) zu tilgen. So bleibt ihr am Ende nur der Widerstand ihrer Rest-Mutterliebe, um das Biest in seine Schranken zu weisen. Und was dann mit dem Babadook passiert, kann auch wieder psychologisch oder paranormal interpretiert werden.

Ob der Film nun mehr Babadook vertragen hätte oder nicht – „The Babadook“ ist davon abgesehen ein „echter“ Horrorfilm, der verstört und verängstigt, den Zuschauer fast unerträglich unter Druck setzt. Die Urängste, die er bedient, sind extrem potent und so manches Mal hatte ich den Drang, das Kino zu verlassen – um das (emotional) grausame Geschehen auf der Leinwand nicht mehr mit ansehen zu müssen. Zu „verdanken“ ist das neben der exzellenten Regie und der makellosen Kameraarbeit vor allem Essie Daivs, die als Amelia locker die beste Performance des Festivals gibt (und ja, ich weiß, was ich zu „Starry eyes“ gesagt habe). Sie ist verlebt, verzweifelt, verloren – und nach und nach auch verrückt. Wie tief die Schauspielerin in sich reingreifen musste, um das herauszuholen, mag ich gar nicht wissen.

hochFazit: Oldschool-Psychohorror, der ganz tief in die Eingeweide geht und sich als einzige winzige Kritik gefallen lassen muss, dass er die tolle titelgebende Figur nicht genug in die Handlung einbindet und damit etwas verschenkt.

YouTube Preview Image
Trackback-URL kein Kommentar
31
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (25): Wolfcop

wolfcopKanada 2014. Regie: Lowell Dean. Darsteller: Leo Fafard, Amy Matysio, Jonathan Cherry, Sarah Lind, Aidan Devine

Offizielle Synopsis: Lou Garou ist sicherlich nicht der korrekteste Polizist unter der Sonne: Selbst nach den Maßstäben seines miefigen Heimatnests Woodhaven ist seine Leck-mich-am-Arsch-Attitüde mindestens so gewöhnungsbedürftig wie sein Hang zu hochprozentigen Problemlösern. Als ob das nicht genug wäre, stolpert der verpeilte Gesetzeshüter eines Abends auch noch mitten in ein satanisches Ritual – mit schwerwiegenden Folgen für zukünftige Vollmondnächte: Lou wird zum Werwolf! Gut, dass sein bester Kumpel Willie ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, denn ab sofort muss der sonst eher arbeitsunwillige Cop tatsächlich Recht und Gesetz mit Nachdruck in die eigenen haarigen Pfoten nehmen, um Woodhaven vor kriminellem Abschaum und einer okkulten Apokalypse zu bewahren. Wenn nur die obligatorische Transformation nicht immer so verdammt unangenehm wäre…

Kritik: Es ist immer gefährlich, wenn Filme im Vorfeld als “garantierte Crowdpleaser” gehandelt werden – weil “garantiert” auch immer “kleinster gemeinsamer Nenner” und “berechenbar” bedeutet. Außerdem sind die besten Crowdpleaser die, die überraschend kommen (siehe “Julia X”).

“Wolfcop” klingt auch einfach zu lecker – ein fauler Cop wird zum Werwolf und räumt unter einem Haufen Satanisten auf.

Dummerweise hat sich die Kreativität der Beteiligten mit dem tollen Poster und der grandiosen Tagline erschöpft – “Wolfcop” ist letztlich ein “one trick pony”, ein gespielter Witz, dessen Lacher schal und offensichtlich bleiben. Weil über den Gimmick hinaus nichts passiert, was von nennenswertem Interesse wäre.

Lou Garou ist als Figur total langweilig, auch als Werwolf bekommt er nicht nennenswert Charakter. Der Plot um das Shoot & Drink-Festival ist unlogisch und irrelevant, Details wie die Bürgermeisterwahl dienen augenscheinlich nur zum Laufzeit schinden Wie das halt so ist, wenn man eine prima Idee für einen Fake-Trailer einfach nur aufbläst, statt sie auszuarbeiten.

Auch technisch kann “Wolfcop” keine Miezekatze hinter dem Ofen hervor locken: So sympathisch oldschool das Makeup zuerst auch sein mag, so billig wirkt es auch. Die überschminkten Lippen und die auffällig falschen Zähne lassen den Verdacht aufkommen, dass die Macher wohl bei einer Komödie keine Pflicht zur Sorgfalt sahen.

Vor allem aber: “Wolfcop” will zu dringend ein Comic-Film sein, ein Crowdpleaser mit Kultstatus. Er ist in seiner Anbiederung an das Fanpublikum peinlich und unehrlich. Vergleicht man ihn mit “An American Werewolf in London”, wird sehr schnell klar, dass hier ein Didi Hallervorden gegen die Monty Pythons des Lykanthropenkinos antritt – und abstinkt.

mitteFazit: Eine mäßig launige, aber sehr substanzfreie Werwolf-Komödie, die als Sketch besser funktioniert hätte und der man wünschen darf, dass sie in der angekündigten Fortsetzung etwas mehr Biss entwickelt (pun intended).

YouTube Preview Image
Trackback-URL 5 Kommentare
31
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (24): Starred up

STARRED-UPGB 2013. Regie: David Mackenzie. Darsteller: Jack O’Connell, Ben Mendelsohn, Rupert Friend

Offizielle Synopsis: Erst 19 Jahre ist Eric Love und so unkontrollierbar aggressiv, dass ihn die Justiz als hoffnungslosen Fall abhakt und kurzerhand vom Jugendknast in den Erwachsenenvollzug verlegt. Seines zarten Alters ungeachtet ist Eric bestens präpariert für diese feindliche Umgebung. Gewalt ist seine Muttersprache, sein Körper seine Waffe. Seine ausgeprägte Angriffslust macht weder vor Mitinsassen noch Wärtern halt. Die Konfrontation mit seinem entfremdeten Vater, dem hartgesottenen Neville, der im gleichen Zellenblock lebenslang einsitzt, lässt den Jungen wie das berüchtigte Tier im Käfig nur noch wilder aufbegehren. Der Gefängnistherapeut Oliver versucht indes zu Eric durchzudringen und mit seiner Anger-Management-Gruppe den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Doch gewisse Fraktionen in der Gefängnishierarchie setzen alles daran, dass Eric auf dem Weg der Besserung scheitert …

Kritik: Noch so ein Film, der die Definition des Begriffes FANTASY Filmfest ad absurdum führt. Ich habe es schon mal gesagt und sage es noch mal: Es KANN doch nicht sein, dass es unmöglich ist, das Programm mit „echten“ Genrefilmen zu füllen. Was wäre denn mal mit Uwe Bolls „Seed 2“ gewesen? „Atomic Eden“ von Nico Sentner? Oder – ganz experimentell – auch mal eine Doku aus dem Bereich, z.B. „Jodorowsky’s DUNE“, was über die Cannon-Jungs? Spräche etwas dagegen, Charles Bands Webserie „Trophy Heads“ exklusiv nach Deutschland zu holen (die gesammelten Teile haben genau Spielfilmlänge)?

Doppelt ärgerlich ist, dass „Starred up“ nicht mal ein trashiger Action-Knastfilm à la „Undisputed“ ist oder wenigstens eine schwarze Komödie wie „Bronson“. Es handelt sich bei Mackenzies Film um ein brutales, aber aufrechtes und um Redlichkeit bemühtes Gefängnisdrama, dem die sozialen Mechanismen in einer von gescheiterten Männern geprägten Rudelkultur am Herzen liegen. Und das gelingt ihm auch richtig gut.

„Starred up“ schafft einige erstaunliche dramaturgische Leistungen: Er bringt uns Eric näher, einen rassistischen, unkontrollierbaren und unbelehrbaren Schläger – ohne die Figur dabei zu verraten oder zu relativeren. Er zeigt die Möglichkeiten, im Scheitern der Resozialisation im Ganzen doch Erfolge im Kleinen zu sehen und anzuerkennen. Er handelt von Männern, die sich wenig besser als Tiere verhalten – und findet die Menschen in ihnen.

Mackenzie hält dabei ein hohes Tempo, die diversen Schlägereien sind absolut gnadenlos und für einen Film über eingesperrte Männer bleibt “Starred up” ungemein beweglich und dynamisch. Was Kamera, Regie und Cast hier leisten, kann gar nicht hoch genug bewertet werden.

hochFazit: Ein schmerzhaftes, schonungsloses und brutales Knastdrama mit erstaunlich großem Unterhaltungswert, das einen intimen und stimmigen Einblick in die Hölle moderner Hochsicherheitsgefängnisse bietet. Zwar kein echter FFF-Film, aber ein herausragend guter.

YouTube Preview Image
Trackback-URL 1 Kommentar
31
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (23): It follows

It followsUSA 2014. Regie: Regie: David Robert Michell. Darsteller: Maika Monroe, Olivia Luccardi, Christopher Hohman, Daniel Zovatto, Debbie Williams u.a.

Offizielle Synopsis: Das nette Mädchen von nebenan – Jay – geht mit dem Kerl, in den sie verknallt ist, ins Kino und danach mit ihm ins Bett. Und erlebt blankes Entsetzen: Denn der Junge gibt ihr durch die Entjungferung einen Fluch weiter, der sie daraufhin unaufhaltbar und untötbar verfolgt. Und zwar wirklich verfolgt. Es soll nur einen Weg geben, das namenlose Grauen wieder loszuwerden. Doch diesen Preis ist Jay nicht bereit zu zahlen …

Kritik: Das ist einer der Filme, die nach der Vorführung wirklich Diskussionen auslösten – weil wir uns nicht einig waren, was genau hier respektvoll nachgeahmt wird. John meinte, “It follows” sei eine Hommage an die Slasher à la “Freitag der 13.”, der das “Sex haben und sterben” zu “Sex haben oder sterben” umdreht. Das ist durchaus nachvollziehbar, aber in meinen Augen nur die halbe Wahrheit. Ein Typ vor der Tür lamentierte lautstark, hier werde ein Neo-Carpenter versucht. Das sehe ich zwar in der elektronischen Musik angedeutet, halte es aber letztlich auch nicht für die korrekte Antwort.

Ich selbst sehe in “It follows” eine Art Seelenverwandten vom ersten “A nightmare on Elm Street”. Eine Gruppe Teenager wird mit einer übernatürlichen Macht konfrontiert, die ihr ans Leben will. An die Eltern können sie sich nicht wenden, in der Gruppe versuchen sie daher, die Mechanismen der Gefahr selbst heraus zu finden und eine Gegenstrategie zu entwickeln. Das “du darfst nicht schlafen” wird bei “It follows” zu einem “du darfst nie lange an einem Ort bleiben”.

Betont wird die Verwandtschaft mit Cravens Klassiker darüber hinaus durch eine dezente, nie explizite Verortung des Geschehens in den 80ern, die durchaus ambivalent gesehen werden kann (so scheint eine der Figuren eine Art Spielzeug-eBook-Reader zu benutzen).

Auch in den Charakteren zeigt sich der Rückgriff auf die “Nightmare”-Filme: Es ist vollständig entwickelte Personen ohne billige Klischees. Gerade nach “Rufus” und “All Cheerleaders die” ist man froh, glaubwürdige Teenager zu sehen, deren Schicksal einen tatsächlich schert.

Im Versuch, ein neues “big bad” zu definieren, aus dem eine Horror-Reihe entwickelt werden kann, ist “It follows” durchaus erfolgreich. Die Gefahr ist angenehm vage und unberechenbar, es ist diesmal kein kruder Killer mit zynischen Sprüchen. Es wird allerdings notwendig sein, spätestens in den Fortsetzung die Natur des “It” noch genauer zu erklären.

Da es sich um einen Low Budget-Film handelt, sollte man nicht den Fehler machen, einen zu hohen Maßstab an die Inszenierung zu haben. Das ist spannend, straff und solide, ohne wirklich Bäume auszureißen. Im letzten Drittel kommt es zu mehreren Brüchen, die darauf schließen lassen, dass Mitchell am Endprodukt noch mal feilen wollte.

SPOILER: Als Jay zu den Spacken ins Boot steigt, wird impliziert, dass sie “It” weitergeben wird. Es gibt einen Schnitt und dieser Plot wird nicht mehr verfolgt. Und als “It” verletzt im Pool blutet, vergessen die Teenager anscheinend ihren Plan, es per Stromschlag zu töten – warum? Und wenn “It” so langsam ist, dass man vor ihm weglaufen kann – müsste eine simple Australienreise dem Opfer nicht mindestens fünf Jahre Ruhe erkaufen?

Aber das sind Niggeligkeiten in einem sympathischen Oldschool-Film, der in der Nostalgie der 80er badet, ohne zur billigen Kopie zu verkommen.

Einen fetten Minuspunkt verdient allerdings das hundsmiese Poster, dass wirklich die komplett falschen Assoziationen weckt.

hochFazit: Ein grundsympathischer Versuch, mittels eines “Nightmare on Elm Street”-Klons eine neue Horror-Franchise zu entwickeln. Abgesehen von ein paar Patzern im Storytelling gute Unterhaltung für Freunde des okkulten 80er-Slashers.

Leider kein Trailer, nur ein Promovideo:

YouTube Preview Image

P.S.: Man hört es ja immer wieder, aber Detroit sieht wirklich wie das letzte Loch aus. Ich möchte da gerne mal hin.

Trackback-URL 1 Kommentar
30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (22): Jamie Marks is dead

Jamie-Marks-Is-DeadUSA 2014. Regie: Carter Smith. Darsteller: Cameron Monaghan, Noah Silver, Morgan Saylor, Liv Tyler, Judy Greer

Offizielle Synopsis: Im Mittelpunkt steht der sensible Adam, Star des Lauf-Teams seiner Schule, der eine Faszination für den ermordeten, an der Highschool unentwegt von Bullys traktierten Jamie entwickelt und sich mit dem Mädchen anfreundet, das die Leiche gefunden hat. Als ihnen der Geist von Jamie Marks zu erscheinen beginnt, nimmt die Geschichte eine völlig ungeahnte Richtung. Denn Jamie möchte nicht in die Welt der Toten, er würde lieber bei Adam bleiben, den er auf mehr als nur freundschaftliche Art verehrt. Und auch andere Geisterscheinungen tauchen in Adams Blickfeld auf – mit ungeahnten Konsequenzen.

Kritik: Man sollte beim FFF nie denken “schlimmer geht’s nimmer”, weil das Karma dieses Festivals eine diebische Freude daraus zieht, genau das zu widerlegen. Dachte ich bisher, “Rufus” sei in Sachen kanadischer Freudlosigkeit und Trübsinn nicht zu überbieten, musste ich mich kaum 24 Stunden später eines Besseren belehren lassen. Und das nur, weil John mich enthusiastisch in den Saal quatschte, während ich eigentlich im anderen Kino “Rover” sehen wollte. Danke, John.

“Jamie Marks is dead”. Das stimmt. Und mit ihm ist augenscheinlich auch jedes Leben aus dem Film gefahren. Was hier in Sachen rumstehen, schweigen und bedröppelt in die Gegend starren durchexerziert wird, das schlägt dem Fass locker den Boden um die Ohren. Und wenn ein Dialog mal wieder im Sande verläuft, bleibt die Kamera einfach noch eine Minute lang dabei. Man kann nicht zuviel Footage drehen, wenn man eine dreistellige Minutenlaufzeit erreichen will. Den Rest füllt man mit komplett irrelevanten Subplots wie dem Autounfall von Liv Tyler, die erschreckenderweise schon Rollen der “abgewrackten Mutter” übernimmt.

Warum Jamie nicht ins Totenreich kann? Warum er als Geist Kleidung von Adam tragen kann? Weiß keiner, muss wohl auch einer wissen. Ist ja nicht so, dass es auf irgendwas hinaus laufen würde.

Das einzige Entertainment, das ich aus dem Film ziehen konnte, lag darin, mit John über die ganze Laufzeit abstruse Theories zum Geschehen auf der Leinwand zu entwickeln. So könnte “Jamie Marks is dead” zum Beispiel ursprünglich Fan Fiction einer 13jährigen, mit Medikamenten ruhig gestellten Harry Potter-Leserin gewesen sein. Fakt ist: Jamie sieht erstaunlich nach Harry Potter aus – inklusive Brille. Adam ist rothaarig – wie Ron. Und Gracie hat lange wilde Haare – wie Hermione. Nimmt man diese These als gegeben an, haben wir es hier mit einem Film zu tun, in dem ein Harry Potter-Zombie versucht, Ron Weasley aufzureißen, der sich aber lieber von Hermione einen blasen lässt, während Harry zuguckt.

Kennt ihr das, wenn ein Tropfen Wasser an der Fensterscheibe hinunter läuft und einen Streifen hinterlässt? Und der Tropfen durch den Wasserverlust an der Scheibe immer kleiner wird, bis sein Gewicht nicht mehr ausreicht, um die Haftkraft der Scheibe zu überwinden, wodurch er langsamer und langsamer wird? Kennt ihr den Moment, da man sich fragt, ob sich der Tropfen jetzt überhaupt noch bewegt oder vielleicht schon Stillstand erreicht hat? Dieser Moment ist “Jamie Marks is dead”. 100 Minuten lang.

runterFazit: Noch dröger, noch depressiver und noch unsicherer mit homoerotischen Teenager-Fantasien spielend als “Rufus”. Der Titel ist übrigens einer der 135 Begriffe, die kanadische Ureinwohner für “Langeweile” kennen.

YouTube Preview Image
Trackback-URL 3 Kommentare
30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (21): On the Edge

lev staerktDänemark/Schweden 2014. Regie: Christian E. Christiansen. Darsteller: Cyron Melville, Jakob Oftebro, Danica Curcic, Joakim Ingversen

Offizielle Synopsis: Martin und Nikolaj leben für ihre Autos. Tagsüber tauschen sie Öl und Bremsen in einer Werkstatt, nachts fahren sie illegale Rennen in den Straßen von Kopenhagen. Als sie eine Corvette stehlen und Martin damit versehentlich eine Passantin tötet, sehen sie sich plötzlich mit den Konsequenzen ihres rasanten Lebensstils konfrontiert.

Kritik: Ich habe ja wahrlich nicht erst einmal und nicht erst in diesem Jahr darüber geschrieben, dass man bei manchen Filmen ehrlich fragen muss, was die auf dem FFF zu suchen haben. Sind die “Children of the Corn”-Sequels alle? Hat Eli Roth Urlaub genommen? Kommen die Japaner nicht mit den obskuren Geisterfilmen nach – oder die Chinesen mit hurrapatriotischen Kostümepen?

“On the Edge” ist kein dänischer “Fast & Furious”, sondern eher das, was herauskäme, wenn actionconcept, die Produktionsfirma von “Cobra 11″, sich an einem Melodram versuchen würde. Glatte Soapgesichter, die tiefe Erschütterung primär durch einen Dreitagebart transportieren, leben das aus, was die Drehbuchautoren wohl für “Grand Theft Kopenhagen” halten: Saufen, pimpern, langweilige Autos tunen. Ein Unfall mit Todesfolge wird zu Reifeprüfung, der die Clique sprengt.

Das hat eine fast schon anrührende Ernsthaftigkeit, vermittelt seine Botschaft mit sozialdemokratischer Empathie. Wie ein Streetworker legt die Dramaturgie den Portagonisten ständig den Arm um die Schulter: “Hey Alter, hast Scheiße gebaut. Kenn ich. Passiert jedem mal. Aber da musst du zu stehen. Musst Verantwortung übernehmen”. Am Ende kriegt der Brave das Mädchen und der Böse das Wassergrab. Solche (Lehr)Filme gab es in Deutschland in den 70ern zuhauf.

Ich will nicht ZU gemein sein: Die Inszenierung ist okay, die Darsteller mühen sich redlich und die Gruppendynamik ist tatsächlich relativ glaubwürdig. Aber wer zum FFF kommt, weil er Explosionen sehen will, appe Köppe und gezückte Fangzähne, der wird bei diesem Problemfilm nur dezent ins Popcorn gähnen.

runterFazit: Ein weinerliches Drama über eine zerbrechende Freundschaft, eingerahmt von zwei auf TV-Niveau kompetent gefilmten Verfolgungsjagden. Das gehört vielleicht ins Abendprogramm von SAT.1, nicht aber auf das Fantasy Filmfest.

YouTube Preview Image
Trackback-URL kein Kommentar
30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (20): Wrong Cops

wrong copsUSA/Frankreich/Russland 2013. Regie: Quentin Dupieux. Darsteller: Mark Burnham, Steve Little, Ray Wise, Marilyn Manson, Eric Roberts u.a.

Offizielle Synopsis: “Sie stehen unter Mordverdacht? Na, dann wünschen wir ihnen noch einen schönen Tag!” Nein, um potentielle Verbrecher können sich die Männer und Frauen vom Revier nun wirklich nicht kümmern. Dafür sind sie viel zu sehr mit Drogendeals, Erpressung und Nötigung beschäftigt. Oder damit, Marilyn Manson mit Techno zu foltern. Hin und wieder wird auch jemand erschossen – oder auch nicht. Hauptsache, irgendein Sender im Autoradio spielt Electro und ein gewisses Schwulenmagazin bleibt unentdeckt…

Kritik: Zuerst einmal sei angemerkt, dass die Inhaltsangabe bei Wikipedia komplett auf die falsche Fährte führt – absichtlich, wie ich vermute:

“In the not very distant future, where crime has been completely eradicated, a group of crooked cops look to dispose of a body that one of them accidentally shot.”

Dass “Wrong Cops” in der Zukunft spielt, wird ebenso wenig bedient wie die Behauptung, die Cops schlössen sich zusammen. In Wahrheit sind sie perverse, korrupte und egoistische Arschlöcher, die ihre Kollegen mit der gleichen Emotionslosigkeit wie einen Parksünder über den Haufen schießen würden.

Lassen wir die Katze gleich aus dem Sack: Unter dem Strich ist “Wrong Cops” eine spielfilmlange Folge von “Reno 911!” – ohne die Zensurvorschriften von Comedy Central. Zynischer ja, auch etwas brutaler, aber letztlich den gleichen Mechanismen folgend.

Damit ist Dupieux’ neuer Film erstaunlich Mainstream und Widerhaken-frei. Mit “Rubber” und “Wrong” war er ja zum Kultfilmer aufgestiegen, da überrascht diese eher eierlose Anbiederung an den breiten Comedy-Geschmack schon etwas. Zumal Dupieux kaum unter dem Druck der Geldgeber gestanden haben kann, denn mit dem verwaschenen SD-Look sieht “Wrong Cops” genau so billig und eigentlich Kino-untauglich aus wie die beiden Vorgänger.

Hinzu kommt die unübersehbare Eitelkeit von Dupieux: Flat Eric, Rubber, Wrong – wirklich alles wird hier in Cameos noch mal referenziert, ohne Grund, nur als banales “schaut mal!”. Gleiches gilt für das belanglose Marilyn Manson-Cameo, das nur zustande kam, weil der Musiker unbedingt mal was mit Dupieux machen wollte. Nun hat er. Gratulation.

mitteFazit: Ein zynisches Potpourri aus Running Gags und Sketch-Vignetten, das in Sachen schräger Subversivität nicht mit “Rubber” und “Wrong” mithalten kann. “Reno 911!” hat das vielleicht etwas harmloser, oft genug aber deutlich komischer gemacht.

YouTube Preview Image
Trackback-URL kein Kommentar
30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (19): The Mule

The MuleAustralien 2014. Regie: Angus Sampson, Tony Mahony. Darsteller: Hugo Weaving, Angus Sampson, Leigh Whannell, Ewen Leslie, Georff Morrell

Offizielle Synopsis: Wir befinden uns im Jahre 1983 n. Chr. Ganz Australien ist von seinem Segelteam beim America’s Cup gebannt … Ganz Australien? Nein! Zwei unbeugsame Cops bewachen die Toilette eines Melbourner Flughafenhotelzimmers. Und das kam so: Ray Jenkins ist ein grundguter Kerl, aber auch ein unscheinbares Licht mit Geldproblemen. Das macht ihn zum idealen Schmuggler für den lokalen Unterweltbaron: Ab nach Thailand mit ihm und ein Kilo Heroin rein in ihn, mundgerecht portioniert in 20 Kondome. Doch Ray verpatzt es bei der Wiedereinreise. Er macht von seinem Recht Gebrauch, nicht geröntgt zu werden. Kurzerhand verfrachtet ihn der lange (D)arm des Gesetzes in besagtes Hotelzimmer. Hier darf Ray ohne Anklage festhalten werden – sieben Tage. Die Natur nimmt schon irgendwann ihren Lauf.

Kritik: Wenn man mit einem Genrefilm (im weitesten Sinne) reüssieren will, kann man das auf zwei Arten machen: Man hängt sich an die bewährten Trends und hofft, an ihnen im Mainstream mitschwimmen zu können. Noch ein Killer im Keller, noch ein Werwolf im Wald, noch ein Schlitzer im Schulheim. Oder man entwickelt eine Geschichte, die so unfassbar schräg ist, dass die Zuschauer reingehen, nur um nachvollziehen zu können, was das soll.

Willkommen bei “The Mule” – nicht zu verwechseln mit dem langweiligen gleichnamigen Karriereabsturz von Sharon Stone.

Im ersten Moment vermutet man, der Film würde die Kammerspiel-Route nehmen, sieben Tage in einem Raum mit zwei Kontrahenten (Verbrecher und Bulle). Katz und Maus. Psychologische Finten. Wechselndes auf und ab. Naheliegend.

Dem ist aber nicht. Die Macher haben verstanden, dass Ray als filmischer Mittelpunkt nur sehr bedingt taugt. Seine fast schon autistische Art und die Notwendigkeit, ihn eine Woche lang mit Magenkrämpfen im Bett liegen zu lassen, reduziert seine Präsenz. Stattdessen bauen Sampson und Mahony das Gerüst um ihn herum aus – die Ereignisse, die sich in diesen sieben Tagen in und um das Hotelzimmer herum abspielen. Die angeblich rechtschaffene Anwältin, die zynischen Cops, die nervösen Gangster, die leidende Familie – die Welt um Ray herum geht weiter und dreht sich doch nur um ihn. Er ist die Sonne, die – obwohl selber statisch – den Planeten Leben schenkt, Antrieb. Er ist das Gravitationsfeld.

Erst im letzten Akt wird klar, dass Ray weitaus mehr mitbekommen hat, als man ihm zumuten wollte – dass er Pläne improvisieren und dabei sehr schlau sein kann.

Das ist alles ist in wunderbar-schaurigem Zeitkolorit der frühen 80er umgesetzt, es regieren Polyester-Anzüge, schlechte Haarschnitte und Schnauzbärte. Polizisten sind hier noch Bullen, die Anwältinnen obszön nachstellen dürfen und letztlich zählen nicht Schuld und Sühne – sondern der America’s Cup, den die Australier gerade gewinnen.

Bis in die Details ist “The Mule” gut beobachtet, mit stimmigen Charakteren besetzt und verblüffenden Wendungen ausgestattet. Zwar dauert es zu Anfang des zweiten Akts ein wenig zu lange, bis alle Figuren ihre notwendigen Positionen eingenommen haben, aber dann wird es wirklich unterhaltsam. Und eklig. Denn es sei gewarnt: Wer bei Fäkalszenen seine Schmerzgrenze hat, sollte auf den Kinobesuch verzichten.

hochFazit: Ein zu lange um seinen stoischen, festgesetzten Protagonisten herum gebautes Tauziehen, das gegen Ende überraschend viele Handlungsstränge zusammen führt und in ein paar Szenen die Ekelgrenzen des Publikums austestet. Außenseiter-Highlight!

Kein Trailer – aber ein Interview mit den Machern:

YouTube Preview Image
Trackback-URL 1 Kommentar
30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (18): Rufus

RufusKanada 2013. Regie: Dave Schultz. Darsteller: Rory J. Saper, Merritt Patterson, Richard Harmon, Kim Coates, David James Elliot

Offizielle Synopsis: Als der junge Loner Rufus im Provinznest Conrad strandet, nimmt sich der engagierte Kleinstadt-Sheriff seiner an und quartiert den wortkargen Halbwüchsigen mit dem struppigen Haar kurzerhand bei sich zu Hause ein. Doch Rufus gibt Rätsel auf. Nichts lässt sich über seine Vergangenheit erfahren. Nachbarstochter Tracy ist von dem scheuen Outsider, der mühelos aus Baumwipfeln springt, sich bei Gefahr unversehens in eine rasende Furie verwandeln kann und stets mit knurrendem Magen herumläuft, fasziniert. Aber auch sie muss sich bald die Frage stellen: Wer oder was ist Rufus eigentlich?

Kritik: Ein Schnarcher, das ist Rufus! Seid gewarnt!

Ich habe nichts gegen kanadische Filme, auch wenn gerne mal unterstellt wird, die seien wie amerikanische Filme, nur mit schlechterem Wetter und auf Valium. Das ist natürlich nur halb war – dass man in Amerika schlecht die Tropen faken kann, ist klar (auch wenn Uwe Boll sich von solchen Details nicht abschrecken lässt). Hier ist alles ein wenig weniger laut, weniger extrem, weniger bunt als südlich der Grenze. Aber genau das eignet sich für meditative Thriller, spannende Charakterstudien – von denen “Rufus” definitiv keine ist. Stattdessen bringt er den FFF-Zuschauer näher an “Twilight”, als dieser vermutlich jemals sein wollte.

Den nachfolgenden Absatz muss man sich im atemlosen Vicky Pollard-Duktus vorstellen:

Rufus ist voll mysteriös. Weil, der redet nicht gerne und steht auch mal auf Bäumen rum, um in die Ferne zu schauen. Klar, dass sich die scharfe Schlampe von der anderen Straßenseite sofort für ihn nackig macht. Aber der Dorf-Jock haut Rufus, weil er selber voll homo ist. Und dann geht ihm ein Trucker an die Hose. Hätte er nicht machen sollen, weil Rufus beißt. Tut ihm aber hinterher total leid. Wenn ich’s dir doch sage!

“Rufus” ist eine Quälerei. Wie schon “Beneath” ist es ein Film ohne Kern, ohne wirkliche Handlung. Rufus taucht auf, alle sind von ihm fasziniert, er brütet vor sich hin, Erwachsene verstehen Teenager nicht und am Ende ist irgendwie alles gut. Weil Rufus eigentlich ein Netter ist, werden ihm auch diverse brutale Morde verziehen.

Als hätte eine depressive 14jährige ein Skript für Justin Bieber geschrieben.

“Rufus” ist erbärmlich “self-aware”, zu sehr erpicht darauf, die Welt genau so zu zimmern, wie es notwendig ist, um Rufus als Figur sympathisch erscheinen zu lassen. Leute reden hier nicht miteinander – sie tauschen dramatische Statements aus, Klischees aus dem Volkshochschulkurs für Filmdramaturgie. “Brokeback Mountain” hat uns das Zitat “I wish I knew how to quit you” geschenkt – “Rufus” versucht, in jeder Zeile etwas Vergleichbares zu schaffen. Wenn pubertierende Highschooler “Tod eines Handlungsreisenden” aufführen, dürfte das ähnlich glaubwürdig sein.

Es schmerzt, verdiente Darsteller wie Kim Coates und David James Elliot zu sehen, die gewusst haben müssen, was für eine melodramatische Pampe das ist. Oder die talentierte Merritt Patterson. Die Besetzung stimmt, die technische Expertise ist da – aber das elend bleierne Skript zwingt so ziemlich jeden Zuschauer in den Schlaf.

Oder wie Pain und sein Kumpel, die Obertunte Splatter, vielleicht sagen würden: “Extreme langeweiling!”

runterFazit: 109 Minuten Drögnis in der kanadischen Provinz mit einem bisexuellen Emo-Werwolf/Analphabeten. Schwülstiges Genrekino für pubertierende Mädchen und verwirrte Jungs, die Haare über den Augen für ein Zeichen emotionaler Tiefe halten.

YouTube Preview Image
Trackback-URL 2 Kommentare