24
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Follow

Follow

Follow-PosterUSA 2015. Regie: Owen Egerton. Darsteller: Haley Lu Richardson, Don Most, Noah Segan, Olivia Grace Applegate

Offizielle Synopsis: Als Bohemian Quinn eines Tages vor der Leiche seiner Freundin Viv erwacht, befindet sich in ihrem Kopf ein großes Loch und in seiner Hand eine Pistole. In Panik versucht er a) herauszufinden, was geschehen ist, b) die Leiche in der Badewanne verschwinden zu lassen und c) bloß nicht die Kontrolle zu verlieren. Als dann auch noch Thana, die ihn umschwärmende Kollegin aus der Szenekneipe aufkreuzt, schlägt er sie nieder und sperrt sie in den Keller.

Kritik: Es gibt grundsätzlich zwei Schulen von Filmemachern: Solche, deren Filme derart konkrete Ausformungen ihrer Persona sind, dass man sie augenblicklich als solche identifizieren kann. Hitchcock, Cronenberg, Lynch, Kubrick. Und es gibt Filmemacher, die komplett hinter ihren Filmen verschwinden, die sich als Handwerker im Dienst der Geschichte verstehen. Spielberg, Petersen, Columbus. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung, aber beide bedingen auch die Fähigkeit der Regisseure, ihre Ansprüche unter Kontrolle zu halten und das Versprechen an das Publikum zu erfüllen. Wer sich mit seinem Film auch selbst erzählen will, wer diese Nähe zulassen möchte, muss – so paradox das klingt – zuerst einmal Abstand zu sich selbst finden, muss sich von außen sehen, damit er erkennen kann, was andere sehen. Wer nur von der Eitelkeit getrieben ist, sich selbst dem Publikum zu schenken, fährt damit schnell böse vor die Wand.

„Follow“ ist ein ziemlich perfektes Beispiel für das Werk eines Filmemachers, der vor allem sich selbst huldigt, der Guru und Jünger zugleich ist – und der es bestimmt nicht gerne hört, wenn man ihn darauf hinweist, dass seine „religion of one“ ziemlicher Kappes ist.

Es reicht eigentlich völlig aus zu wissen, dass Owen Egerton hier das Drehbuch von Owen Egerton verfilmt – nach zwei Kurzgeschichten von Owen Egerton. Da haben sich drei gefunden, die sich gegenseitig ganz dufte finden.

follow

Warum diese Häme? Ist der Film so schlecht, so schlampig, so langweilig? Nein. Er ist so unsäglich eitel, er gibt in jeder Sekunde sehr offensichtlich damit an, dass Egerton hier ein paar alte Beziehungskisten aufarbeitet und diese in einen surrealen Kontext stellen möchte. Der Protagonist, von schönen Frauen geliebt und mit seiner Kunst hadernd, kann niemand als Egerton selbst sein. Unverstanden, brillant, getrieben. Wenn man ich doch nur Platz gäbe, nur mehr Verständnis hätte. Aber stattdessen: Karriere, Sex, Beziehung. Dass das zu Mord und Totschlag führt, ist doch nur verständlich, oder?

Und so mordet sich der Protagonist durch seinen Freundeskreis, schüttelt emotional die Faust gegen die Ungerechtigkeit des Seins und hofft, dass sich am Ende alles irgendwie in Wohlgefallen auflöst – und dass niemand die Leichenteile findet. Und weil das alles keinen roten Faden besitzt und nicht eskaliert, sondern nur entgleitet, schaut man als Zuschauer zunehmend entnervt zu und schielt auf die Uhr.

Warum der Film an Weihnachten spielt und mit einem Countdown auf Heiligabend hinarbeitet, bleibt auch völlig im Dunkeln. Vermutlich ein Überrest aus einer der Kurzgeschichten, den rauszustreichen oder zu erklären Egerton keine Lust hatte.

rotFazit: „Psycho“ als eitle schwarze Hipster-Komödie ohne wirkliche Substanz, bei der man das Gefühl nicht los wird, der Filmemacher hätte das Geld lieber in eine Beziehungstherapie stecken sollen.

Philipp meint: Was will mir dieser Film sagen? Dass ich auf meine innere Stimme hätte hören, ihn auslassen und früher ins Bett gehen sollen! Nicht dramatisch, nicht lustig, nicht skuril, nicht spannend. Nichts.

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24
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: War on Everyone

War on Everyone

woe2England 2016. Regie: John Michael McDonagh. Darsteller: Michael Peña, Alexander Skarsgård, Theo James, Tessa Thompson, Caleb Landry Jones, Paul Reiser, Stephanie Sigman, Malcolm Barrett

Offizielle Synopsis: Alexander Skarsgård sieht nicht zufällig dem jungen Clint Eastwood ähnlich, und auch nicht von ungefähr wird ihm ein Latino als Partner zugeteilt. Der zu allem Überfluss ebenso verdorben ist wie der blonde Skarsgård. Zu zweit lässt es sich noch viel besser Ethnien und Randgruppen aller Art beleidigen. Es ist eben ein Krieg gegen alle. Zu Beginn nimmt das Duo einen Pantomimen auf die Hörner ihrer noblen Karosse – nur um herauszufinden, ob er einen Ton von sich gibt:

Kritik: „War on everyone“ empfiehlt sich mit einem extrem launigen und stylischen Trailer als Crowdpleaser – und ist angeblich sogar der diesjährige Favorit des Festival-Veranstalters. Eine hochkarätige Besetzung verspricht zynische Cop-Comedy im Retrolook.

Und DAS, meine Puddings, ist der Grund, warum man nicht alles glauben sollte, was man hört. Auch und gerade im Kino ist Skepsis angesagt, denn jeder Verleiher will letzten Ende auch nur euer Geld, da unterscheidet er sich nicht von einer osteuropäischen Prostituierten.

Ich habe das dumpfe Gefühl, dass die Brillanz von „War on everyone“ mit der Idee begann, ein moralisch verkommenes Buddy Cop-Team in New Mexico von der Leine zu lassen – und dass die Idee damit auch endete. Man hat dann haufenweise einzelne Ideen, Gags und Charaktere in eine Schüssel geworfen und durchgerührt. Handlung? We don’t need no stinkin’ Handlung!

So ist „War on everyone“ ein ziemlich frustrierendes Erlebnis, weil man permanent den Eindruck hat, dass alle Bestandteile eines großartigen Kultfilms da sind: Skarsgard und Pena bringen sich wirklich ein, der Chevy Bel Air ist ein echter Traumwagen, Albuquerque ein bislang noch unterforderter Schauplatz. Man sieht ja auch im Trailer, dass einige der Sprüche für sich genommen funktionieren. Aber all das hängt in der Luft. Es fehlt ein unterliegendes Konstrukt, weil der Plot nicht nur banal ist, sondern auf fahrig erzählt wird: Die Cops kommen ein paar Gangstern auf die Schliche, die bei einem Überfall eine Million Dollar erbeutet haben. Sie beschließen, den Oberbösewicht zur Strecke zu bringen – nicht um der Gerechtigkeit willen, sondern weil sie das Geld selber einsacken wollen.

Das ergibt keinen Sinn. Die beiden Bullen, Arschlöcher die sie auch sein mögen, haben keinerlei Geldprobleme. Ihre Karriere und das Leben ihrer Liebsten wegen der Million zu riskieren, ist Quatsch. Es handelt sich auch nicht um eine persönliche Vendetta, weil sie (im Gegensatz zu uns) bis ins letzte Drittel gar nicht wissen, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Das Geld ist ein MacGuffin, der den Film am Laufen halten soll – was leider nicht funktioniert. Stattdessen werden permanent Umwege und Abkürzungen genommen, die teilweise und sehr begrenzt als humorige Einschübe funktionieren, aber öfter als selten auch schlicht im Sande verlaufen.

woe

Tonal ist der Film nicht weniger chaotisch – Humor wechselt sich brutalem Zynismus ab, der in der nächsten Szene in unpassende Sentimentalität mündet. Ich verstehe ja, dass man zeigen möchte, dass z.B. Jay hinter der harten Schale ein vereinsamter Außenseiter ist. Aber die plötzlichen Anflüge von Familiensehnsucht torpedieren die Plausibilität des Charakters, machen ihn weich, wo er cool sein müsste.

Ja, ich habe ein paar Mal grinsen müssen und der Film ist auch optisch schick anzuschauen. Dass ausgerechnet ein Abstecher nach Island eingelegt wird, sorgt für den sicherlich launigsten Moment. Aber wie schon erwähnt – es addiert sich an keiner Stelle zu einer zufrieden stellenden Handlung und für eine Nummernrevue hat es unter dem Strich zu wenig gute Gags und zu wenig mitreißende Action.

rotFazit: Ich will nicht ausschließen, dass man „War on everyone“ deutlich mehr abgewinnen kann, wenn man Shane Black für Gottes Geschenk an die Filmdramaturgie hält. Für mich ist der Film mit seinem Retro-Stil und der eierschaukelnd vorgetragenen Coolness der Protagonisten nur leere Pose.

Philipp meint: "War on Everyone" erinnert sehr an "The Nice Guys", ist aber deutlich schwächer. Kann sich nie entscheiden, ob es Komödie oder Thriller sein will und scheitert an diesem Spagat.

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24
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Desierto

Desierto

Desierto_posterMexiko/Frankreich 2015. Regie: Jonás Cuarón. Darsteller: Gael García Bernal, Jeffrey Dean Morgan, Alondra Hidalgo, Diego Cataño, Marco Pérez, Oscar Flores

Offizielle Synopsis: Eine Gruppe Mexikaner muss zu Fuß durch die Wüste in Richtung USA stapfen - bei 48 Grad. Ein Jäger beschließt, noch mal rauszufahren. Das Ergebnis: Eine gnadenlose Hetzjagd, die nur Verlierer produziert.

Kritik: Schau an – der Sohn des „Gravity“-Regisseurs gibt sich die Ehre. Und ähnlich wie Papa bevorzugt Jonás Cuarón die reduzierte Dramaturgie im asketischen Umfeld. „Desierto“ schert sich nicht um die Backstory seiner Figuren, um die größeren Zusammenhänge des Themas illegale Einwanderung. Im besten Stil des 70er Jahre Männerkinos sieht er die Wüste im Grenzgebiet als Arena, den Gringo als entseelten „great white hunter“ und die Mexikaner als Haken schlagende Hasen in einem besonders zynischen „most dangerous game“. Wir wissen von Minute 1 an, was passieren wird – und dass es am Ende nur um den „last man standing“ gehen kann. Das dominierende Geräusch des Films wird das Klacken des Gewehrs sein und das Pfeifen der großkalibrigen Projektile.

Gerade die sture Perfektion des Films, seine Konzentration auf das Wesentliche, sein hochkarätiges Handwerk machen eine ausführlichere Kritik fast unmöglich. Dass die Ödnis im amerikanischen Grenzland so gnadenlos wie glühend schön gezeigt wird, dass die Darsteller sich keine Fehler leisten, dass die Action sehr kompakt und schmerzhaft inszeniert ist – keine Überraschung und deshalb eigentlich keine Erwähnung wert.

desierto

Natürlich muss man diese Sorte Film mögen – wer für „McQuade - Der Wolf“, „Im Visier des Falken“ und „Duell“ nichts übrig, wird hier auch kein Entertainment finden. Ich selbst bin allerdings ziemlich begeistert, dass Hollywood immer noch ab und an diese fast autistisch fokussierten Filme raushaut.

Es ist dabei eine hübsche Fußnote, dass „Desierto“ eigentlich das perfekte Prequel zu „Kidnap Capital“ darstellt und die beiden Filme (mit der entsprechenden Übernahme eines Darstellers) als Double Feature einen stimmigen Langfilm ergeben würden.

gruenFazit: Ein harter, kompromissloser, natürlich auch symbolischer Zweikampf zwischen „Amerika“ und „Mexiko“ im lebensfeindlichen Grenzland, der in seiner erzählerischen Reduktion viel Platz für großartige Schauspieler und atemlose Spannung bietet.

Philipp meint: Wunderschöne Bilder, spannend erzählt und dabei sehr reduziert auf das, was für die Dramaturgie relevant ist.

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24
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Deep in the Wood

Deep in the Wood

deepItalien 2015. Regie: Stefano Lodovichi. Darsteller: Filippo Nigro, Camilla Filippi, Teo Achille Caprio, Giovanni Vettorazzo, Stefano Pietro Detassis, Maria Vittoria Barrella

Offizielle Synopsis: Ein Dorf in den italienischen Dolomiten. Während die Einwohner beim traditionellen Krampus-Fest als Teufel und Dämonen verkleidet unartige Kinder erschrecken, verschwindet der kleine Tommaso spurlos. Fünf Jahre später taucht ein unbekannter Junge auf. Er wirkt stark traumatisiert, verfügt über keinerlei Erinnerungen, aber die DNA-Ergebnisse stimmen überein: Es ist Tommaso. Vater Manuel kann sein Glück kaum fassen. Mutter Linda tut sich jedoch schwer, in diesem stillen, gefühlskalten Kind ihren Sohn wiederzuerkennen. Der Familienhund knurrt zornig in seiner Nähe und der gottesfürchtige Großvater ist überzeugt, der Teufel höchstpersönlich habe ihnen diesen Sonderling ins Haus geschickt.

Kritik: Lasst es mich offen sagen – der italienische Horrorfilm hat aktuell bei mir nicht gerade einen Stein im Brett. In den letzten Jahren sind die Spanier mit erheblich mehr beeindruckenden Filmen beim FFF aufgetreten, die Franzosen sowieso. Italien, einst das Land des fiebrigen, farbigen Giallos und der erfreulich kompromisslosen Zombie-Schlachtplatten ist zur horrorfilmischen Diaspora geworden. Wenn uns das weitere Machwerk vom Zuschnitt eines „Morituris“ erspart, sage ich mal: besser ist das.

Aus genau dem Grund bin ich auch nicht mit großen Erwartungen in „Deep in the Wood“ gegangen – zumal es kaum einen Titel geben kann, der generischer nach einfallslosem Splatter und Torture Porn stinkt.

Umso mehr freue ich mich, dass ich mit meinen Vorurteilen daneben gelegen habe.

Zuerst einmal ist „Deep in the Wood“ kein Horrorfilm, schon gar kein waldgebundener. Es ist eher ein düsteres Krimi-Drama skandinavischer Prägung. Dieser Eindruck wird auch durch den Schauplatz verstärkt, den wir bisher noch nicht oft im Genrekino gesehen habe: alles dreht sich um ein äußerlich modernes, im Blut seiner Bewohner aber noch immer abergläubisches und weltfremdes Alpendorf. Hier ist es sehr oft kalt, sehr lange dunkel, und für die Abneigung reicht es schon, wenn jemand „nicht von hier“ ist.

Deep in the woods

In diesem Kontext ist es nicht verwunderlich, dass sich um das Verschwinden des kleinen Tommi ein Mythos gebildet hat, der faktenresistent ist: Der „nicht von hier“ Vater ist der Mörder – und wenn nicht, dann war’s der Teufel selbst, der den Jungen geholt hat. Mit dieser Narrative können alle (nur nicht die Familie selbst) leben. Als Tommi wieder auftaucht, wird das allerdings in Frage gestellt – und das macht die Sache nur noch schlimmer...

Nun wäre das schon genug Plot für einen spannenden Krimi, der noch dazu mit exzellenten Darstellern aufwartet, die keine großen Dialoge brauchen, um Hass und Schmerz und Leere auszudrücken. Aber „Deep in the Wood“ hat deutlich mehr zu bieten, wenn sich im letzten Drittel heraus stellt, dass alles, was wir gesehen haben, ein stimmiges, aber völlig falsches Bild gebaut hat. Die Motivationen und Handlungen der Figuren, die klar in eine Richtung deuteten, gehören in einen viel größeren, viel hässlicheren Kontext. Und die Frage, was mit Tommi passiert ist, ist ungleich komplexer als erwartet...

Ich spoilere das jetzt mal: Tatsächliche okkulte Elemente hat „Deep in the Woods“ keine – aber dafür eines der best gebauten Crime Mystery-Drehbücher, die ich seit langem gesehen habe.

gruenFazit: Ein Alpen-Schwedenkrimi, in dem das Verschwinden eines kleinen Jungen die sozialen Strukturen eines kleines Dorfes in Frage stellt. Perfekt konstruiert und trotz seiner inneren Logik in seiner Konsequenz nicht vorhersehbar. Freunden des skandinavischen Depri-Dramas dringlich empfohlen.

Philipp meint: Jede Menge Schuld kommt in diesem Film zusammen, der ausgezeichnet komponiert ist und mich in seiner Geschichte und mit seinen Schauspielern total überzeugt.

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24
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Don't grow up

Don’t grow up

Dont Grow-Up-Poster-2Frankreich/Spanien 2015. Regie: Thierry Poiraud. Darsteller: Fergus Riordan, Madeleine Kelly, Mckell David, Darren Evans, Natifa Mai, Diego Méndez

Offizielle Synopsis: Keine Erwachsenen weit und breit, vor allem keine strengen Betreuer. May, Pearl, Bastian, Liam, Shawn und Thomas wissen ihre neu gewonnene Freiheit sinnvoll zu nutzen und erobern die von den Heimleitern konfiszierten Schnapsflaschen ganz schnell zurück. Vielleicht sollten sie sich doch lieber die Frage stellen, weshalb die gesamte Kanareninsel von keinem einzigen Volljährigen mehr bevölkert zu sein scheint. Die Antwort bricht von einer Sekunde auf die nächste über die Problemkids herein und der Kampf um den besten Fusel weicht dem ums nackte Überleben.

Kritik: Internationale Koproduktionen gehen manchmal seltsame Wege, um vom Start bis zum Ziel an möglichst vielen Finanzquellen saufen zu können. So spielt "Don't grow up" zwar auf einer britischen Insel, handelt von britischen Kids und ist mit britischen Darstellern besetzt - aber hinter der Kamera handelt es sich um eine spanisch-französische Koproduktion, die ausgerechnet auf Teneriffa gedreht wurde. Seltsam? Aber so steht es geschrieben...

Ich bin jetzt auch langsam für ein Moratorium auf Zombie/Outbreak-Filme und das einhergehende Ende der Welt. "Cell", "The Girl with all the Gifts", "Here alone", "Don't grow up" - und ich habe das Gefühl, damit sind wir auf diesem Festival noch nicht am Ende der Fahnenstange. Der Genrefilm scheint sich an zwei, drei Themen ungesund festgebissen zu haben.

Es gibt zu viele Zombiefilme. Das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille, die Betrachtung der Gesamtsituation. Darüber hinaus muss man jeden Film noch für sich werten - "Don't grow up" kann ja erstmal nichts für die Existenz der ganzen anderen Zombiefilme.

Und für sich betrachtet ist "Don't grow up" dann auch ein vielleicht nicht spektakulärer, aber sehr solider und ernsthafter Versuch, dem Thema noch ein paar neue Aspekte abzugewinnen.

Da ist erstmal der Fokus auf die Teenager - und zwar nicht auf Teenager aus dem unsäglichen US-Horrorfilm-Genpool, die von 30jährigen gespielt werden und denen man nach 10 Minuten den Leinwandtod an den Hals wünscht. Das hier sind RICHTIGE Teenager, deren Blickwinkel für die Dramaturgie durchaus wichtig ist. Sie sind keine Kinder mehr, aber auch nicht erwachsen. Sie geben sich hart, müssen aber noch lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ihre Selbstsicherheit ist Pose, ihr Selbstvertrauen brüchig. Der Ausbruch der Zombiepest hat ihnen die Menschen genommen, zu denen sie aufschauen könnten - von denen sie aber auch oft genug verraten wurden. Genau genommen ist die Apokalypse ihr Pubertätsbeschleuniger - was auch explizit ausformuliert wird, wenn Bastian und Pearl eine Art nukleare Familie bilden.

Dont grow up

Die Tatsache, dass hier Minderjährige im Fokus stehen, führt auch dazu, dass viele Standard-Plots nicht bedient werden müssen. Es geht nicht um die Erreichung eines übergeordneten Ziels, nicht um eine Heilmethode oder eine Bombe, die den Zombies den Garaus machen könnte. Hier sind keine Soldaten unterwegs, keine Wissenschaftler, keine Helden. Bestenfalls können die Kids hoffen, zu überleben - und eine eigene Form der Proto-Gesellschaft zu bilden. Das hat durchaus auch Elemente von "Der Herr der Fliegen".

Klar ergibt das letztlich nicht viel Handlung - zusammen gefasst schaffen die Kids kaum mehr als ein paar Kilometer, bis sie fast vollständig aufgerieben sind. Wie gesagt: dies ist kein Film der großen Ziele. Aber er lebt von der Intensität der Situation und vor allem von den hervorragenden schauspielerischen Leistungen seiner Darsteller, die wieder mal beweisen, dass der Nachwuchs im britischen Kino zu suchen ist.

"Don't grow up" wird zudem in beeindruckend Bilden und mit straffer Dramaturgie erzählt - Teneriffa hat Landschaften zu bieten, die nach der Subtraktion der Zivilisation schnell fremd wie ferne Planeten wirken.

So wenig ich noch einen weiteren Zombie/Outbreak-Film sehen wollte - so sehr bin ich doch froh, diesen hier gesehen zu haben.

gruenFazit: Kein neuer oder besonders spektakulärer Blick auf die Apokalypse, aber als mittelgroßes Zombiedrama mit ernsthaftem Ansatz und glaubwürdigen Figuren eine erfreuliche Brücke zwischen Mainstream-Kino wie "The Girl with all the Gifts" und Low Budget-Produktionen wie "Here alone".

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24
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Five after Midnight (5)

Ich habe mich heute mal länger mit anderen Dauerkartenbesitzern unterhalten und beim Vergleich unserer Geschmäcker ist mir aufgefallen, dass die Meinungen gerade zu den kontroversen Filmen oft auch direkt mit der Sozialisation zusammenhängen, also der Art, wie die Fans zum Horrorfilm gefunden haben. Und darüber habe ich mir mal ein paar Gedanken gemacht:

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23
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: I had a bloody good time at House Harker

I had a bloody good time at House Harker

house harker posterUSA 2016. Regie: Clayton Cogswell. Darsteller: Jacob Givens, Derek Haugen, Noel Carroll, Whitney Moore, Arlan Godthaab, Nathan Lorch

Offizielle Synopsis: Stammbaum verpflichtet! Zumindest lässt sich damit ordentlich Asche machen. Soweit der Gedanke von Gerry und Charlie, Nachkommen von Mina und Jonathan Harker. Bram Stoker zufolge haben diese einst Vampirfürst Dracula vernichtet. Doch das eigens auf die Familienhistorie ausgerichtete Selbstbeweihräucherungs-Theaterstück im baufälligen Hobbykeller macht den Stammhaltern weniger die Taschen voll als sie vielmehr zum Gespött der Kleinstadt. Also gaukeln Gerry und Charlie den Angriff eines vermeintlich echten Blutsaugers vor. Wer anders als die beiden Experten könnte in einem solchen Notfall schließlich die Bevölkerung retten?

Kritik: Es gibt so Tage, da braucht man zur Mitternacht ein wenig pubertären Unfug, weil man nach "Kidnap Capital", "Here alone", "Devil's Candy" und "Imperium" dringend die Laune verbessern muss. Das heutige Programm lief ja schon fast unter Depri Filmfestival 2016. Wo sind die Filme mit Biss? An solchen Tagen kommt so etwas wie "Suck" oder "Vamps" gerade recht.

Leider ist "House Harker" weder "Suck" noch "Vamps", sondern schlicht eine Frechheit - und für mich wieder einmal ein Beweis, dass die Fähigkeit, einen Film traditionell finanzieren zu können, eine Grundvoraussetzung sein sollte, ihn machen zu dürfen. Ihr ahnt es: Wir haben es hier mit einem Crowdfunding-Projekt zu tun, bei dem hoffnungsvolle Geeks weltweit ihr Taschengeld hergegeben haben, damit ein paar andere Geeks sich ihren Traum von Hollywood erfüllen können.

Nur läuft das meistens nicht so - und hier schon gar nicht.

"House Harker" ist auf jeder Ebene misslungen, seine Macher verheddern sich selbst bei den einfachsten Aufgaben und kommen beim Sprung von Fan zum Filmemacher nicht mal aus der Hocke hoch. Ich habe kein Problem damit, dass die Crowdfunder sich über die DVD freuen (und ihn in der IMDB auf lachhafte 8,8 hochwerten) - aber damit, dass ich Geld bezahlt habe, um mich im Kino davon langweilen zu lassen.

Hier schreiben Autoren, die den Horrorfilm nicht verstanden haben, für Darsteller, die nicht schauspielern können - und das wird inszeniert von einem Regisseur, der keine Ahnung von Dramaturgie hat. Ein "perfect storm" der Inkompetenz, der selbst Szenen vergeigt, die eigentlich Selbstläufer sein sollten.

Ich weiß durchaus, dass man so mager budgetierte Amateurproduktionen nicht so harsch angehen sollte - aber es bringt eben nichts, wenn man das, was man zeigen will, nicht zeigen kann. Hier ist alles schlampenbillig, man sieht die Statisten (Freunde und Verwandte, I'm sure) kichern und die Jahreszeiten im Verlauf einer Nacht wechseln.

house harker

Letzten Endes ist es egal, woran es liegt - an der Unerfahrenheit, an der Ignoranz, der Arroganz, den vielen Köchen? Als Zuschauer müsst ihr nur wissen: "House Harker" ist "toxic", aggressiv unkomisch und zumindest meiner Meinung nach auch nach diversen Bieren nicht erträglicher.

"I had a bloody good time at House Harker"? Leider nein.

Wenn ich etwas Positives finden müsste: Der Totalausfall bietet der netten Whitney Moore aus "Birdemic" endlich mal eine "richtige" Rolle - und in der Tat ist sie das einzige echte Talent in Sichtweite.

Nach dem hier und "Zombie Hunter" wäre ich dankbar, wenn die Macher des Festivals für Crowdfunding-Filme wenigstens eine minimale Qualitätskontrolle einführen würden. So etwas gehört auf YouTube, nicht ins Kino.

rotFazit: Ein mit Crowdfunding-Geldern finanzierter semi-professioneller Rohrkrepierer, dessen weitgehend minder talentierte Macher keine Ahnung von den Mechanismen sowohl des Humors als auch des Horrors haben - aber sehr offensichtlich und nervig davon überzeugt sind, hier das ganz große Kultrad zu drehen.

Philipp meint: Niveauloser Klamauk, bei dem kaum ein Gag sitzt. Wahrscheinlich nach ein paar Bier ganz brauchbar.

Der Film wäre ganz gut gewesen, wenn er sich strikter an das hier im Trailer präsentierte Konstrukt gehalten hätte:

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23
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Imperium

Imperium

imperium-poster-galleryUSA 2016. Regie: Daniel Ragussis. Darsteller: Daniel Radcliffe, Toni Collette, Burn Gorman, Nestor Carbonell, Seth Numrich, Sam Trammell, Chris Sullivan

Offizielle Synopsis: Nate Foster ist trotz seines jungen Alters ein gerissener FBI-Agent. Einer der besten, wie seine Chefin Angela behauptet. Doch sein neuer Auftrag entpuppt sich als höllisch gefährlicher Drahtseilakt. Kahlrasiert und mit irrem Funkeln in den Augen taucht der Jungspund in die Gefilde einer ultrarechten Neonazi-Organisation ab, um einen drohenden Anschlag mit einer schmutzigen Bombe zu verhindern. Allein unter tollwütigen Wölfen, bleibt Nate nichts anderes übrig, als mit dem Rudel zu heulen. Dabei gerät er bald in einen mörderischen Sog aus Gewalt und Verbrechen. Nur Angela kennt seine wahre Identität und versucht verzweifelt, ihren Schützling am Leben zu halten, bis sein Auftrag erfüllt ist.

Kritik: Ahhh, da kribbelt's. Nazis, Skinheads, Hooligans, Rassisten - eine um des Schockwerts in Mode gekommene Schurkenschablone, die uns einige wirklich bemerkenswerte Filme beschert hat: "Romper Stomper", "American History X", "Green Street Hooligans", und gerade dieses Jahr erst "Green Room". Der Trick dabei ist, uns Einblick in ein "verbotenes" Milieu zu geben, uns bei den Rechtsextremen durchs Schlüsselloch spähen zu lassen - die Erkenntnis eigentlich immer: Das sind auch Menschen. Verblendete, ungebildete, gewalttätige, ekelhafte Menschen. Aber Menschen.

Das ist nicht der Ansatz von "Imperium". Er möchte leider nicht mehr sein als ein schnittiger Agententhriller über einen gefährlichen Undercover-Einsatz, bei dem die Antagonisten letztlich austauschbar sind. Für diesen Ansatz ist es sogar notwendig, dass es keine Ambivalenzen gibt: Die Nazis entsprechen exakt den Klischees, die wir aus der Boulevardpresse kennen und teilen sich letztlich in simple Gruppen auf: Die intellektuellen Bürgerlichen, die sich in den Vorstädten bei freundlichen Grillpartys verstecken. Die tumben Skins, die primär saufen und prügeln wollen. Die Arier, die an eine höhere Mission ihrer Rasse glauben. Die Opportunisten, die im rechten Rand einen Markt sehen, den es abzugrasen gilt.

imperium

"Imperium" stellt diese Klischees einfach als Fakt hin. Es gibt keinerlei Auseinandersetzung mit der Frage, was diese Subkultur für viele Menschen so reizvoll macht, an welchen Stellen die eigene Biographie gebrochen sein muss, um das Heil in der hassenden Masse zu suchen.

Was noch schlimmer ist: Auch unser Held stellt sich nicht in Frage. Er taucht als Weichei in die Welt der Skins ein, ohne irgendwelche Schäden zu nehmen, ohne auch nur in die Nähe der eigenen Verführung zu kommen, ohne zwischen den Wahrheiten festzustecken. Die Nazis sind böse, er ist der gute FBI-Mann, der sie überführen wird. Und genau so kommt es dann auch.

"Imperium" ist technisch ein Farbfilm, inhaltlich aber schwarzweiß wie die Frühwestern von John Wayne. Er setzt sich mit nichts auseinander, stellt keine Fragen, ist weder an Lösungen noch an Antworten interessiert.

Und können wir auch noch mal über die Texte um Programmheft sprechen (siehe Inhalt oben)? Daran ist so viel falsch, dass es schon nicht mehr feierlich. Weder ist Nate ein "gerissener FBI-Agent", noch ist Angela seine Chefin. Und sie verbringt auch keine Minute Laufzeit damit, "ihren Schützling am Leben zu halten, bis sein Auftrag erfüllt ist". Schmarrn.

gelbFazit: Ein zu sehr am Mainstream orientierter Thriller, der es sich bei der Einteilung von Gut und Böse sehr einfach macht und seine Hauptfigur niemals in einen emotionalen Konflikt stürzt. Bequemes "Nazis sind scheiße"-Kino ohne Eier oder Erkenntnis. Da helfen auch die solide Regie und die wirklich exzellenten Darsteller nicht.

Philipp meint: Sehr glatt erzählt und bringt nicht wirklich etwas Neues. Dass es unter den Rechtsextremen auch kultivierte, intelligente Menschen gibt und diese besonders gefährlich sein können, sollte sich rumgesprochen haben.

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23
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Devil's Candy

The Devil’s Candy

Devils-Candy-Movie-PosterUSA 2015. Regie: Sean Byrne. Darsteller: Ethan Embry, Shiri Appleby, Pruitt Taylor Vince, Kiara Glasco

Offizielle Synopsis: Mit neuen Eigenheimen ist das ja so eine Sache. Kaum sind die Räumlichkeiten aufgeteilt und die Kisten ausgepackt, steht der Freak im Hausflur, der einst genau hier seine Familie massakrierte. Hier heißt der Übeltäter Ray Smilie, ist mit dem Teufel im Bunde und donnert nächtens schwermetallische Gitarrenriffs in Überlautstärke durch die Boxen. Die satanischen Mächte ergreifen schon bald den frisch eingezogenen Familienvater und Künstler Jesse Hellman. Zusehends manifestieren sich auf seinen Gemälden die abscheulichen Schreckenstaten Smilies. Und die sind erst der Anfang.

Kritik: Der Mitarbeiter der Festival-Veranstalter freute sich sichtlich, dieses Jahr (nach dem Erfolg von "Deathgasm" 2015) gleich zwei "Metal-Horrorfilme" präsentieren zu können. Man sieht offensichtliche Parallelen in den Zielgruppen - für mich kann ich zumindest konstatieren, dass sie da falsch liegen. Ich bevorzuge die Stücke von Brahms, bei denen die Nazis in "Imperium" entspannen.

Die Geschichte, die "Devil's Candy" erzählt, ist wahrlich nicht neu - muss sie ja auch nicht sein. Es wundert mich immer, wenn Schreiberlinge meinen, der Horror müsse sich ständig neu erfinden. Niemand erwartet das vom Western, vom Krimi, von der romantischen Komödie - aber der Horror, der darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, auf seinen erarbeiteten und erprobten Strukturen. Ihr mich auch.

Es ist also wieder einmal eine junge Familie, die in ein großes Haus umzieht, das eine böse Vergangenheit besitzt. In diesem Fall ist der okkulte Antagonist allerdings kein Geist, sondern ein fetter, verwirrter Mann, dem Stimmen befehlen, dem Teufel Kinder zu opfern.

An diesem schmalen roten Faden entwickelt der Film seine Geschichte und seine Figuren und ist dabei deutlich besser als "Abattoir", weil sich die Dramaturgie nicht der Oberfläche unterwirft. "Devil's Candy" ist nicht schick, um schick zu sein. Er interessiert sich für seine Figuren, die ich einzeln und als Familie plausibel finde, deren Verhalten ich nachvollziehen kann. Insbesondere die Affenliebe von Jesse und seiner bezaubernden Metal-Tochter Zooey ist von einer Herzenswärme durchdrungen, die uns in den Film zieht, die uns tatsächlich mitfiebern lässt - während mir das Schicksal der Protagonistin von "Abattoir" ja bekanntermaßen völlig schnurz war.

devils candy

"Devil's Candy" ist auch auffällig in seiner Spannungsregie. Es gibt diverse Sequenzen, bei denen man die Hände in die Armlehne krallt - nicht wegen der gezeigten Gewalt, sondern wegen der fiesen Suspense. Sean Byrne macht nicht Buh - Sean Byrne macht das Licht aus...

Ist es ein "Metal-Horrorfilm"? Nein. Metal ist auch hier nur Dekoration, die sich ohne Schmerzen aus dem Film subtrahieren ließe. Aber wem's gefällt, der darf sich ruhig am Lärm auf dem Soundtrack erfreuen. Ist "Devil's Candy" perfekt auserzählt? Nein. Diverse Elemente werden eingeführt, aber dann fallen gelassen (z.B. der ominöse Galerist, der Jesse Werke kaufen will). Der Bösewicht ist auch mangels okkulter Kräfte nicht ganz so überzeugend. Aber bei einem Film, dem es gelingt, sympathische Figuren ohne Sadismus durch einen traditionellen Gruselplot ohne Brutalität zu scheuchen, ist mir das auch völlig egal.

"Devil's Candy" funktioniert als Kino, nicht als Achterbahn. Respekt.

gruenFazit: Klassische Spukhaus/Besessenheits-Motive, die mit ein bisschen Hardrock zum Metal-Horror aufgeplustert werden. Die effektive Regie und die exzellenten Darsteller heben den Film trotz kleiner Schwächen über das Niveau leerer Hochglanzproduktionen wie "Abattoir". Ich fordere aber jetzt zur Abwechslung mal "Kuschelrock-Zombies".

Philipp meint: Sehr sympathische Darstellung der kleinen Familie. Insbesondere die Tochter ist klasse gespielt. Und der Gegner ist gerade durch seine Unbeholfenheit interessant. Im Rückblick besser als im Spontaneindruck.

Leider nur ein russischer Trailer:

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23
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Here alone

Here alone

here-alone-posterUSA 2016. Regie: Rod Blackhurst. Darsteller: Lucy Walters, Adam David Thompson, Gina Piersanti, Shane West

Offizielle Synopsis: Nachdem ein Virus unbekannten Ursprungs ihre Familie und einen Großteil der Bevölkerung in blutrünstige Bestien verwandelt hat, muss sich die im Überlebenstraining geübte Ann allein durch eine gefährliche Welt schlagen. In den Wäldern des amerikanischen Nordostens, die sie seit ihrer Jugend kennt, errichtet sie ihre bescheidene Bleibe in einem Zelt und lebt von dem, was die Natur und die wenigen Farmen im Umkreis ihr bieten – immer auf der Hut vor den hungrigen Untoten, die die Gegend durchstreifen. Eines Tages jedoch humpelt der verletzte Chris am Arm seiner Stieftochter in Anns Leben. Nur zögernd nimmt sie die beiden auf, und tatsächlich offenbaren sich schon bald Konflikte in der neuen Gemeinschaft.

Kritik: Der Survival-Horror, bei dem sich ein paar Charaktere in der Wildnis durchschlagen müssen (gerne verfolgt von wilden Tieren oder nicht minder wilden Untoten), ist fast genau so beliebt wie das eben beschriebene Genre des Folterfilms. Ich sehe dafür primär zwei Gründe: Die Eroberung der Wildnis, die Zähmung der und gleichzeitige Unterwerfung unter die "natürlich Ordnung" ist Teil des amerikanischen Mythos, des "free man". Der urbane Bürger sehnt sich immer noch nach der Freiheit nicht nur von Handy und Mikrowelle, sondern auch von Steuererklärung und Schwiegereltern. Zumindest im Kino möchte er glauben, dass ein wahrhaft selbstbestimmtes Leben möglich wäre.

Der zweite Grund ist pragmatischer: Diese Sorte Film ist extrem billig zu drehen. Keine Bauten, keinen nennenswerten Requisiten, keine Drehgenehmigungen und keine großen Spezialeffekte. Man kann wortwörtlich mit ein paar Kumpeln in den Wald gehen und loslegen. Und zu viele Möchtegern-Filmemacher tun das leider auch.

"Here alone" ist ein gutes Beispiel für diese ökonomische Form des Kinos. Letztlich sehen wir drei Menschen im Wald, der Aufwand beschränkt sich auf ein paar Camping-Utensilien und ein Auto. Gerade mal zwei Zombies bekommen wir in Nahaufnahme zu sehen, dazu ein paar herum rennende Statisten im Hintergrund. So, wie die Protagonisten mit dem Notwendigsten auskommen müssen, müssen es auch die Filmemacher.

here alone

Erfreulicherweise kann man aber konstatieren, dass hier nicht nur der Mangel an Ressourcen der Antrieb war - tatsächlich passt die Geschichte zum Aufwand. Es hätte nichts gebracht, mit mehr Geld mehr zu zeigen. Weil "Here alone" ein Kammerspiel ohne Kammer ist. Es geht um das, was wir brauchen, wenn alles zusammen bricht. Und das ist nicht nur Frischwasser und Vorräte, nicht nur Feuerholz und feste Schuhe. Es geht um menschliche Nähe, um eine soziale Struktur, die aus dem Überleben wieder ein Leben macht.

Das erzählt "Here alone" sehr schön, weil er auch die Bedürfnisse der weiblichen Protagonisten nachvollziehbar setzt: Ann hat sich eingerichtet, funktional wie emotional. Sie könnte vermutlich 20 Jahre im Wald leben, würde die Ankunft von Chris und Olivia ihr Selbstverständnis nicht ins Wanken bringen. Chris bricht ihre Schale auf, weckt eine Sehnsucht nach Nähe, die sie mit dem Tod ihrer Familie verloren glaubte. Olivia hingegen hat sich mit Chris als ihrem Beschützer perfekt eingerichtet, sieht sich in der logischen Nachfolge ihrer Mutter - auch sexuell. Es ist ihr pubertärer Frust, der sie in Ann die Konkurrentin sehen lässt und der zur Katastrophe führt.

Es ist euch vielleicht aufgefallen, dass bis hierher noch gar keine Rede von den Zombies war. Kein Wunder: Auch "Here alone" ist im Grunde kein Zombiefilm, die Untoten sind ein MacGuffin, ein beliebiger Auslöser für das dramaturgische Konstrukt. Genauso könnte der Film im Wilden Westen spielen und von Indianerangriffen handeln - oder in den Südstaaten und die Rednecks als Gefahr etablieren. Darin erinnert er an "The Quiet Hour", dessen Alien Invasion-Szenario auch nur Hintergrund ist.

Wer also einen "echten" Zombiefilm sucht, der ist hier falsch.

gelbFazit: Ein gut beobachtetes Dreipersonenstück, das sich allerdings erheblich zu viel Zeit lässt und die Zombies derart in den Hintergrund schiebt, dass sie letztlich irrelevant werden. Hätte noch grün verdient, wenn "The Survivalist" in diesem Jahr den gleichen Boden nicht schon deutlich besser beackert hätte.

Philipp meint: Über weite Strecken sehr langatmig erzählt, zieht aber immer wieder das Tempo an und wird dann richtig gut. Im Rückblick besser als im Spontaneindruck.

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23
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Kidnap Capital

Kidnap Capital

Kidnap Capital PosterKanada 2015. Regie: Felipe Rodriguez. Darsteller: Paulino Nunes, Johnathan Sousa, Michael Reventar, Pedro Miguel Arce, Michael A. Miranda, Juan Carlos Velis, Michelle Arvizu, Carlos Gonzalez-Vio, Lara Gilchrist, Joseph Pierre

Offizielle Synopsis: „Welcome to America! Nothing is free here.“ Das erleben der illegale Einwanderer Manolo und seine schwangere Frau, die einem besonders perfiden Geschäftsmodell zum Opfer fallen. In einen Keller verschleppt, ihrer Kleidung und Würde beraubt, sollen sie 5.600$ Lösegeld auftreiben. Gemeinsam mit weiteren illegal in die USA eingereisten Mexikanern sind sie auf engstem Raum der brutalen Willkür ihrer Entführer und deren Psychospielchen ausgeliefert und das inmitten einer idyllischen Vorstadtsiedlung.

Kritik: Das da oben ist kein Schreibfehler - "Kidnap Capital" ist tatsächlich ein kanadischer Film, auch wenn er ausschließlich in Arizona spielt und der Cast fast durchgehen mit Hispanics besetzt ist. Die Filmförderung geht manchmal seltsame Wege...

Man kann auch wieder die Diskussion anfangen, wie das Fantasy Filmfest den Begriff Fantasy definiert. Ist es eigentlich wirklich gesund, dass mittlerweile der filmische Dreizack Horror, Fantasy und SF nicht nur um die Aspekte Action und Comic, sondern auch um den Aspekt Gewalt erweitert wird? Versteht mich nicht falsch: Gewalt ist kein notwendiger, aber ein durchaus respektabler Bestandteil des Genrekinos. Die Phantastik ist kein Ponyhof. Aber wenn ein Film sich ausschließlich über die Gewalt für das Festival qualifizieren kann, ohne sonstige phantastische Elemente mitbringen zu müssen, macht mir das Sorgen. Und ja, ich habe mit einem Mitarbeiter von Rosebud gestern auch mal darüber gesprochen - fruchtlos: Letztlich wird auf jede Kritik mit "Wir fanden den gut und finden auch, dass der hier her passt" reagiert. Tiefer geht die "Diskussion" nicht.

Wenn man sich die (ich nehme jetzt mal einen belasteten Begriff) Gewaltfilme anschaut, die auf dem FFF laufen, dann fällt auf, dass ein Thema besonders "gerne" bedient wird: Entführung, Folter und Erniedrigung. Nicht im spielerischen, überzogenen Kontext wie bei den "Saw"-Filmen, sondern bewusst realistisch, hart an der und über die Schmerzgrenze hinaus. Frauen und Männer, von gesichtslosen Schändern eingepfercht, im eigenen Dreck sitzend und von permanenter Panik getrieben. Ich frage mich, ob die "Popularität" dieser Filme mehr über die Macher oder mehr über das Publikum sagt.

kidnap capital

Natürlich sind die Absichten der Regisseure und Autoren ehrbar, das versichern sie in Interviews allerorten. Man will Gewalt nicht zelebrieren, man will sie plakativ anprangern. Der Zuschauer steht ja auf der Seite des Opfers, wünscht sich Gerechtigkeit und Katharsis. Im Gegensatz zum Slasher sollen die Ekelhaftigkeiten nicht begeistern, sondern empören. Brutalität als sozialer Kommentar, als Werkzeug der Aufklärung.

I call Bullshit. Ich habe keine Antwort, warum Leute sich so etwas gerne anschauen, aber ich schlucke diese redlichen Ansprüche nicht. Ich vermute eher, dass mit der Darstellung von Gewalt ein ebenso banaler Affektreiz bedient wird wie mit der Darstellung von nackten Frauen. Jim Wynorski sagte ja mal "Brüste sind der billigste Spezialeffekt". Vielleicht gilt das genau so für die Faust in der Fresse...

Okay, ich muss vermutlich irgendwann mal zum Film kommen. "Kidnap Capital" mag auch keine schöne Erfahrung sein, aber ich kann den Machern zumindest keinen unverhohlenen Sadismus vorwerfen. Die Gewalt, so schwer erträglich sie auch sein mag, ist letztlich immer nur so explizit, wie die Dramaturgie es braucht. Die Macher haben augenscheinlich mehr Mühe auf die Entwicklung der Charaktere als auf die Entwicklung der Foltermethoden verwendet. Das muss man anerkennen.

Es ist auch klar, dass "Kidnap Capital" keine wilde Mär erzählt, sondern fiktional ein fast schon alltägliches Verbrechen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze aufarbeitet. Die illegalen Einwanderer sind hier Vieh, das beliebig ausgenutzt werden kann. Es ist durchaus richtig, sich das vor Augen zu halten.

Regisseur Rodriguez gelingt es, in der kleinen Gruppe sehr präzise Charaktere und soziale Hierarchien aufzubauen und dann auch wieder zu brechen. Besonders interessant sind dabei die Abstufungen: Die Entführer, so gnadenlos und allmächtig sie sich gegenüber den Mexikanern geben, sind letztlich auch nur kleine Nummern, nicht minder vom nächst höheren Level der Macht drangsaliert. Alles Marionetten für die "sauberen Herren" im Hintergrund, die sich selber nicht die Finger schmutzig machen wollen. Und die Frauen sind wieder einmal nicht nur Beiwerk, sondern durch ihre Akzeptanz des status quo die Förderer der Gewalt. Sie wollen nicht das Verbrechen, aber sie wollen seine Früchte.

So entwickelt sich "Kidnap Capital" folgerichtig, spannend und emotional packend. Er verkneift sich auch einfache Antworten, weil die Bestandteile der Gesellschaft, die das Problem wirklich anpacken, durch Abwesenheit glänzen (Politik und Polizei). Am Ende wird nichts erreicht, die Katharsis ist ein kurzer Moment ohne bleibenden Wert.

Ein guter Film, ein wichtiger. Aber eben auch ein Film, bei dem wir 80 Prozent der Laufzeit mit einem Dutzend dreckiger, halb nackter und panischer Männer in einem Kellerloch verbringen. Ich persönlich reise beim Fantasy Filmfest doch lieber in den Weltraum oder lasse mich von Geistern erschrecken.

gruenFazit: Knochenhartes Gewaltdrama über entführte illegale Einwanderer, das thematisch durchaus auch in der aktuellen europäischen Situation Spiegelungen findet. Aber letztlich auch ein Film, den man mehr aus sozialer Verantwortung als aus Spaß am Genre schaut. Fröhlich kommt hier keiner aus dem Kino.

Philipp meint: Düster, aber nicht überzeugend in seiner Darstellung des "Geschäftsmodells". Mir drängt sich der Eindruck auf, als hätten die Macher des Filmes ihr eigenes Thema nicht durchdrungen. Im Rückblick schlechter als im Spontaneindruck.

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23
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Five after Midnight (4)

Back in the saddle - heute gibt es Erinnerungen an die weniger bekannte Geek-Vergangenheit des Wortvogels und meine Meinung zum aktuellen Stand des Fantasy Filmfests nach 30 Jahren:

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22
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: To steal from a Thief

To steal from a Thief

to steal from a thief posterSpanien/Argentinien/Frankreich 2016. Regie: Daniel Calparsoro

Darsteller: Luis Tosar, Rodrigo de la Serna, Raúl Arévalo, José Coronado, Marian Álvarez, Patricia Vico

Offizielle Synopsis: Uruguayo, Gallego und ihre Jungs wagen den ganz großen Coup, kommen maskiert und mit schwerem Geschütz durch die Vordertür einer riesigen Bank in Valencia hereingestürmt. Für die Geiseln haben sie ebenfalls passendes Equipment parat. Und zwar Sprengstoffgürtel, die bei einer falschen Bewegung den ganzen Block wegreißen könnten. Schließlich müssen sie dem massiven Polizei- und Medienaufgebot, das sich bald vor der Bank sammelt, klarstellen, dass hier keine Amateure am Werk sind. Ein Unglück verhindert aber den reibungslosen Raub, ein neuer Fluchtplan muss her. Zur Rettung findet sich im Tresorraum etwas, das nicht nur Valencia, sondern ganz Spanien in Aufruhr versetzen könnte.

Kritik: Okay, der hier ist wieder grenzwertig, weil er keine SF ist, kein Horror, keine Fantasy, nicht mal ein Actionfilm oder ein Crime-Drama. "To steal from a thief " ist ein für FFF-Verhältnisse erstaunlich softer Caper-Film, der ganz ohne Tote und überzogene Brutalitäten auskommt und der (im Gegensatz z.B. zu "Neighbor") keine Sympathien für Bösewichte aufbauen muss - die Jungs sind einfach tatsächlich ganz nett. Trotzdem oder gerade deshalb darf man natürlich die Frage stellen, wie der ins Programm kommt...

Technisch werden keine großen Bäume ausgerissen, alles ist schnittig inszeniert, ohne auf besondere Highlights zu setzen. Hauptschauplatz ist die Bank, die Handlung oszilliert zwischen Schalterhalle und Tresorraum. Die üblichen Konflikte (externe wie interne) werden ausreichend früh gesetzt, bis zum Ende verschieben sich die Kraftverhältnisse immer wieder. Das ist alles gut und prima. Nicht mehr, aber auch nicht weniger,

to steal from a thief

Interessanter wird "To steal from a thief" in der zweiten Hälfte, wenn heraus kommt, dass der eigentliche Grund für den Überfall eine Festplatte in einem Schließfach ist, auf der ein Veteran der spanischen Innenpolitik die gesamte schmutzige Wäsche der politischen Kaste gespeichert hat - bis rauf zur Präsidentin. So locker man den Film bis zu diesem Punkt nehmen: nun wird es doch spannend, zumal die Macher ein sehr gutes Gespür für die Mechanismen von Korruption und Seilschaften haben. Wie schnell das Netzwerk der Machtelite angesichts der schieren Möglichkeit einer solchen Festplatte in Panik gerät, ist exzellent beobachtet. Und es wundert nicht, dass die Beteiligten bereit sind, wirklich ALLES zu tun, damit niemand die Daten in die Hände bekommt.

Üblicherweise schreibe an dieser Stelle, dass der Film damit in zwei Teile zerfällt. Aber er zerfällt nicht. Der Stimmungswechsel ist plausibel, die Tonart der erste Hälfte wird nicht verraten, "To steal from a thief" bleibt wie aus einem Guss. Respekt.

gruenFazit: Eine sympathische schwarze Komödie über einen Bankraub, die in der zweiten Hälfte in einen Politthriller wechselt und beide Genres erstaunlich gut bedient. Kein Highlight mit Must see-Empfehlung, aber eine schöne Abwechslung für Freunde von Caper-Filmen.

Philipp meint: Stilsicher, mit interessanten, überzeugenden Wendungen vom Bankraub zum Politthriller.

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22
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Terra Formars

Terra Formars

terra-formars-posterJapan 2016. Regie: Takashi Miike. Darsteller: Hideaki Itou, Emi Takei, Tomohisa Yamashita, Takayuki Yamada, Shun Oguri, Kane Kosugi, Rinko Kikuchi

Offizielle Synopsis: Wir schreiben das Jahr 2599. Fünfhundert Jahre ist es her seit im Rahmen eines Experiments Kakerlaken auf dem Mars ausgesetzt wurden, um den roten Planeten bewohnbar zu machen. Nun ist die Zeit gekommen, um sich ein Bild vom Ergebnis dieser langen Vorbereitung zu machen. Doch als das erste Erkundungsteam nicht zur Erde zurückkehrt, entsendet ein zwielichtiger Wissenschaftler die Mission BUG 2: eine Truppe aus Verlierern, Verbrechern und anderen entbehrlichen Gestalten. Kaum auf dem Mars angekommen, müssen die fünfzehn Underdogs feststellen, dass aus den harmlosen Krabblern im Laufe eines halben Jahrtausends monströse und ausgesprochen blutrünstige Kreaturen geworden sind, die Menschen in Windeseile in kleinste Teilchen zerlegen können. Ein ungleicher und gnadenloser Kampf um die Vorherrschaft auf dem Mars entbrennt.

Kritik: Oh Miike, was tust du mir an? Ich würde dich so gerne zu einem meiner "guilty pleasures" ernennen, weil du mich mit Filmen wie "Ace Attorney" und "Like a Dragon" begeisterst. Aber dann drehst du wieder Kappes wie "Sukiyaki Western Django" und "Terra Formars" und machst alles wieder kaputt. Damn you - damn you to hell!

Das ist natürlich arg vereinfacht ausgedrückt. Bei dem Output von Miike sind zwangsweise ein paar Rohrkrepierer zu erwarten und selbst die schlechtesten Miike-Filme sind meistens noch erheiternd crazy. Und darum freue ich mich darüber, dass "Terra Formars" zumindest in dieser Beziehung liefert. Er ist crazy. Wie eine Scheißhausratte.

Gehässigerweise fängt der Film verführerisch straight an - in einer "Blade Runner"-Zukunft werden auf der übervölkerten Erde Rekruten gesucht, die den terraformten Mars wieder von den Lebensformen bereinigen, die man einst zum Terraforming dort ausgesetzt hatte: Kakerlaken.

Das ist sauber getrickst, gut gespielt, führt eine Handvoll Charaktere ordentlich ein und lässt auf ein Weltraum-Actionabenteuer im "Captain Future"-Stil hoffen (die Kostüme könnte man auch problemlos für eine Adaption desselben recyceln). Miike auf dem Weg in dem Mainstream, eine Eintrittskarte nach Hollywood vielleicht?

Drauf geschissen. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Kakerlaken schnell mutiert sind - zu zwei Meter großen, muskelbepackten, keulenschwingenden Kakerlaken-Menschen. Und die wollen "ihren" Planeten nicht freiwillig hergeben. Wie gut, dass unsere Helden per Operation mit Insekten-DNA ausgestattet wurden und sich durch eine Droge in Käfer-Hybriden mit Superkräften verwandeln können. FIGHT!

terra formars

Es ist okay. Lest den letzten Absatz ruhig noch einmal. Ihr habt das nicht falsch verstanden. Kakerlaken-Bodybuilder und Käfer-Astronauten mit Superkräften. Doch doch.

Ab der Landung auf dem Mars dreht "Terra Formars" ab  - und auf. Der Film devolutioniert zu einer Ansammlung von CGI-Schlägereien im Stil von "Power Rangers", nur viel, viel brutaler. Man möchte um das verschenkte Potenzial des Konzept weinen, kommt aber vor Lachen nicht dazu. WHAT THE HELL???

Ich kann nicht behaupten, dass "Terra Formars" ein guter Film ist. Ich würde sogar bestreiten, dass die zweite Hälfte überhaupt ein Film ist. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass ich mich nicht amüsiert habe. Weniger über den Film, mehr über den offen zur Schau getragenen Wahnwitz der Macher.

Wenn man's genau betrachtet, ist "Terra Formars" konzeptionell eine Variation des "Suicide Squad"-Themas. Und ich bezweifle, dass "Suicide Squad" besser ist.

Fazit: Ein Film-Comic, das "Starship Troopers" und "Power Rangers" in einem Beat 'em up-Videospielszenario vereint und die Möglichkeit eines interessanten japanischen SF-Films zu Gunsten totaler Albernheit verschenkt. Miike darf das. Ich kann hier echt keine Ampel vergeben, das wäre zu spießig.

Philipp meint: Spannend, voller abgefahrener Ideen und bei aller Phantastik doch irgendwie "realistisch" genug, um zu überzeugen.

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22
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Abattoir

Abattoir

abattoir_poster_02USA 2016. Regie: Darren Lynn Bousman. Darsteller: Jessica Lowndes, Lin Shaye, Joe Anderson, Dayton Callie, Michael Paré

Offizielle Synopsis: Journalistin Julia packt das pure Entsetzen, als sie die Familie ihrer Schwester abgeschlachtet vorfindet – und damit fängt der Schrecken für sie erst an. Als sie wenige Tage später an den Tatort, das Kinderzimmer ihres Neffen, zurückkehrt, ist der Raum aus dem Haus herausgerissen. Julia beginnt zu recherchieren: Seit Jahrzehnten verschwinden Schauplätze grausiger Morde. Die Spur führt schließlich in eine geisterhafte Kleinstadt, die mit fester Hand von Prediger Crone geführt wird. Statt Antworten zu bekommen, werden der Reporterin nur die Türen vor der Nase zugeknallt. Das kollektive Schweigen der Gemeinde ist bedrückend.

Kritik: "Abattoir" hatte das Pech, dass er beim Festival permanent betrailert wurde und der Trailer tatsächlich alles verrät, was man zum Film wissen muss. Das bisschen, was der Film an Mystery aufbaut, wird in zweieinhalb Minuten fröhlich und frech zusammen gefasst. Genau genommen kann man sich danach den Kinobesuch schenken.

Was mich ebenfalls nicht mit Begeisterung in den Kinosessel plumpsen ließ, war die Tatsache, dass hier wieder mit einem "Von den Machern von Saw Teil umpfzig bis drölfzig" geworben wird. Das ist für mich eher ein Rausschmeißer. Aber nun hat Regisseur Bousman auch den durchaus beeindruckenden "Repo! The Genetic Opera" gedreht, da will ich keine Vorurteile hegen.

Kurioserweise ist "Abattoir" letztlich genau das, was bei diesen Vorgaben zu erwarten war. Es ist ein Horrorfilm der neuen Okkultwelle, die am laufenden Band Streifen wie "The Conjuring" in die Kinos spült und die teilweise recht klassische Gruselmechanismen mit modernster Technik aggressiv aufpumpt. Er ist für eine neue Generation von Fans, die alle drei Minuten einen Schreckmoment braucht und für die dröhnende Musik und laute Soundeffekte "Spannung" ankündigen müssen.

Schnitt, Effekte, Soundtrack - wirklich alles dient dem Zweck, Atmosphäre zu generieren, nicht die Story voran zu treiben. Die Form ist wichtiger als der Inhalt. Das erinnert nicht zufällig an James Wans "Dead Silence".

Unter der Haube ist Schmalhans Küchenmeister. Unsere Heldin ist zwar Reporterin, bekommt aber praktisch alle Hinweise in den Schoß gelegt. Worum es in dem kleinen Ort New English geht, wird von den Bewohnern relativ offenherzig ausgeplaudert. Der Bösewicht hat auch keinen sonderlich geheimen Masterplan. Das ist los, da musst du hin, das passiert dann - Ende. Dürftig ist da noch freundlich ausgedrückt.

abattoir

Dass man sich bei der Konstruktion des Plots keine nennenswerte Mühe gemacht hat, ist offensichtlich - das aktuelle Opfer ist zufällig die Schwester einer Crime-Journalistin, die zufällig aus New English stammt und deren Lover zufällig Cop ist. Man kann es sich auch sehr einfach machen.

Bei den Dialogen wird es nicht besser - hier fehlt jede Spielfreude, es werde nur die Notwendigkeiten transportiert, und das auch noch in den banalst möglichen Phrasen. Memorable Sätze? Nicht in diesem Film.

Die Darsteller... na ja, stellen dar. Sie sehen aus, wie Figuren in solchen Filmen aussehen, sie sagen Sachen, die Figuren in solchen Filmen sagen. Aber wie auch die gesamte artifizielle Atmosphäre des Film wirken sie seltsam unecht, eher wie Charaktere, die in Cutscenes von Videospielen auftreten. Nichts gegen Jessica Lowndes, sie müht sich redlich - aber die Entscheidung, sie wie Lois Lane in einer 40er Jahre-Verfilmung von "Superman" aufzudonnern, ist massiv unsinnig und störend. An keiner Stelle kann man Julia wirklich ernst nehmen. Sie leistet ja auch nichts.

Und so endet "Abattoir" als dünner Spukhausfilm ohne wirkliche Höhepunkte, der visuell gefällig seine Laufzeit rumbringt, aber niemals wirkliche Spannung oder auch nur Interesse für seine Figuren erzeugen kann. Kann man angesichts der schicken Verpackung (ein Begriff, der auch prima auf Jessica Lowndes passt) mit Horror-Noobs an einem verregneten Nachmittag weg gucken, aber wenn das hier ein Beispiel für die "new breed of horror" ist, dann werfe ich lieber noch mal die DVD von "Poltergeist" ein.

gelbFazit: Ein sehr flach konstruierter, aber wenigstens schön anzuschauender Oldschool-Geisterfilm, der besser wäre, wenn er seine Stimmung ganz nicht so aufdringlich durch Musik, Geräusche und billigen Bohoo aufzuwerten versuchte.

Dieser Trailer ist zu lang und verrät zu viel:

P.S.: Michael Paré konnte ich übrigens im ganzen Film nicht finden und die IMDB hat für ihn keinen Rollennamen. Vermutlich ein Geist...

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