20
August 2014

Fantasy Filmfest 2014: Ideen gesucht!

All systems go!

Nächste Woche ist es wieder so weit: Berlin, Berlin, ich fahre nach Berlin! Seit 20 Jahren ist das Fantasy Filmfest ein fester Bestandteil meines sozialen Kalenders, zum nunmehr achten Mal schreibe ich darüber für diesen Blog.

Den PDF-Tagesplaner für Berlin findet ihr hier.

Es hat sich einiges verändert: Nur noch zweimal am Tag laufen Filme parallel. Das erlaubt Dauerkartenbesitzern wie mir, noch mehr Filme für das gleiche Geld anzuschauen. Andererseits verlängert es das Festival auf eigentlich unzulässige 11 Tage, das treibt die Kosten für Hotel und Verpflegung nach oben. Ich rechne mit Gesamtkosten von knapp 800 Euro. Würde ich noch in München leben – ich hätte Berlin dieses Jahr abgesagt.

Aber wenn schon Nerd, denn schon Nerd. Einmal im Jahr muss man sich was gönnen. Und sich wieder wie 17 fühlen.

Die Mischung ist erfreulich eklektisch, auch wenn eine überdurchschnittliche Dominanz der USA/Kanada/England/Irland-Fraktion diesmal nicht zu bestreiten ist:

Am meisten freue ich mich auf “The strange colour of our body’s tears” (sensationelles Poster!), gute Laune verspricht der “Wolfcop”, und “These final hours” füttert meine Vorliebe für den Weltuntergang.

Die Organisation meines Zeitplans ist ein akademisches Puzzle, das ich jedes Jahr gerne löse. Manche Filme gibt es bereits im Ausland zu bestellen, andere habe ich bei Screenings oder auf Messen gesehen. Die meisten Terminkonflikte lassen sich durch geschickte Ausnutzung der Wiederholungen umgehen. Ein wirkliches Dilemma sehe ich nur am 2.9., wenn “Time Lapse” und “Out of the Dark” gegeneinander laufen. Das wird eine schwere Entscheidung.

Ich habe den gesamten gestrigen Abend bis spät in die Nacht damit verbracht, alle Daten, Inhaltsangaben, Poster und Trailer für meine Reviews zu sammeln und zu ordnen. Das hat den Vorteil, dass ich dann in Berlin nur noch die Kritik einfließen lassen muss.

Nun brauche ich aber wieder mal euren Rat, bzw. eure Meinung: In den letzten Jahren habe ich mit immer neuen Review-Formen experimentiert. 2009 waren die pantomimischen Urteile sehr populär, 2010 habe ich mich an Video-Reviews versucht. Das sollte mir die Arbeit erleichtern, war aber ungleich aufwändiger als gedacht. Es hat auch den Nachteil, dass man keinen Text hat, den man für Suchmaschinen indexieren kann. Es gab über die Jahre verschiedene Bewertungssysteme von Gizmos und Gremlins über Ampeln bis zu Belas.

Ich bin momentan etwas ratlos, wie ich das 2014 handhaben soll: Reine Text-Reviews mit Sternchenwertung? Cartoons? Videos? Vines? Bomben & Bier? Vielleicht habt ihr ja eine Idee – denkt bei euren Vorschlägen aber bitte daran, dass sie sich auch zwischen zwei Filmen in einem vollbesetzten Kino um Mitternacht umsetzen lassen müssen.

Sollte ich die Idee eines Lesers tatsächlich umsetzen, winken diverse Bestandteile des alljährlichen FFF-Bags als Dankeschön (Tasse, T-Shirt, Tasche, whatever). Also? Hmmm? Na?

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19
August 2014

Good night, old friend: “Leonard Maltin’s Movie Guide” (1969-2015)

Maltin2015Viele von euch werden gar nicht mehr wissen, wie es war, ein Filmfan zu sein, bevor es das Internet gab. Als Wikipedia und IMDB noch nicht die jahrelange Schmökerei in schlecht recherchierten Sekundärwerken ersetzten, die man zerfleddert neben dem Bett liegen hatte. Als Filmkonsum noch nicht “alles und sofort” hieß, sondern “schau mal in die TV-Zeitschrift”.

Wollte man damals eine brauchbar kuratierte Filmsammlung haben und die kostbare Lebenszeit nicht an cineastischen Abfall verschwenden (oder genau das), dann musste man sich auf kompetente Erklärbären auf gedrucktem Papier verlassen. Schon in meinem “Dark Palace”-Fanzine der späten 80er empfahl ich für Genre-Filme den “Psychotronic Video Guide” und für den gesamten Rest “Leonard Maltin’s TV Movies and Video Guide“. Da konnte man übersichtlich nachlesen, was in der Glotze verpassenswert war.

Maltins Buch nannte ich liebevoll “das Brikett”, denn trotz des Taschenbuchformats war es über 1000 Seiten dick und so winzig bedruckt, dass ich zur Lektüre meine Brille brauchte. Von Maltin habe ich die wunderbare Einschätzung “Die Hälfte der Besetzung sieht besoffen aus – und die andere Hälfte sieht aus, als wäre sie es auch gerne”. Maltin kommentierte das Musical “Isn’t it romantic?” mit einem pragmatischen “no”. Maltin besprach nicht nur Blockbuster und Klassiker – als eines der wenigen Sekundärwerke waren ihm auch TV-Filme nicht zu mickerig für fünf oder sechs Zeilen.

Als ich in den frühen 90ern beim GONG arbeitete, war Maltin mein ebenso unverzichtbarer Begleiter wie später bei ProSieben. Es war jedes Jahr ein Kirschblütenfest, wenn die neue Ausgabe rein kam, weil ich mich dann erstmal ein paar Tage lang in die neusten Reviews einlesen konnte. Erfreulicherweise war das Buch so günstig, dass man sich jedes Jahr ein Update leisten konnte. Der Maltin war mein iPhone.

Leonard Maltin selbst wurde durch sein Buch zum Kult – u.a. hatte er Auftritte in “Gremlins 2″ und “Mystery Science Theatre 3000″.

Das Buch hat sich verändert über die Jahre. Es ärgerte mich, dass irgendwann obskure Filme rausfielen, um Platz für “relevantere” Streifen zu machen. Mitte der 90er waren die Kurzkritiken für eine Weile in Microsofts “Cinemania” eingepflegt. Um die Jahrtausendwende habe ich eine Version gekauft, der die Datenbank auf einer Diskette beilag. Als es gar nicht mehr ging, wurde Maltins Standardwerk in zwei Bände aufgeteilt – fairerweise aber nicht alphabetisch, sondern historisch: “Classics” und “The Modern Era”. TV-Filme wurden immer mehr rausgenommen. 2009 erschiene eine App zum Buch, die neulich aber erstmal eingestellt wurde.

Am 2. September erscheint in den USA die neuste Edition des mittlerweile verkürzt benamsten “Maltin’s Movie Guide” (der übrigens von einer Horde Zuträgern geschrieben wird und nicht nur von Maltin selbst). Fast 1700 Seiten für immer noch günstige 18 Dollar.

Es wird die letzte Ausgabe sein. Nach fast 50 Jahren endet die Ära des vielleicht nicht wichtigsten oder besten, aber selbstverständlichsten Filmnachschlagewerks der Welt.

Wer schuld ist? Das Internet natürlich. Wer kauft ein Buch mit Kurzkritiken, wenn er per Google 50 Langkritiken zur besseren Übersicht querlesen kann? Wer greift zum Bücherschrank, wenn er sowieso schon vor dem Rechner sitzt? Was sich heute Filmfan nennt, hat keinen Respekt mehr vor der geradezu deutschen Pedanterie, mit der Maltin versucht hat, ALLES in einen Band zu packen.

Da Schlimmste aber ist: Ich bin selber “einer von denen”. Meinen letzten Maltin habe ich 2003 gekauft. Er steht fast ungelesen im Schrank.

Sei’s drum – den 2015er besorge ich mir. Als glorreichen Abschluss.

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18
August 2014

B-Film Banksters 2014: Komm, wir geh’n ins Kino!

kinoMeine Vorliebe zum Trashfilm ist weithin bekannt, meine persönliche Affinität zum B-Film Basterds-Festival auch. Wenn Doc Acula ruft, komme ich gerne und lasse mich als attraktiv angegrauten Veteranen der Szene feiern. Ähem…

Nun war das Basterds-Festival dieses Jahr im Mai schon ein höchst launiger Event. Ich tendiere dazu, so etwas nicht durch Wiederholung zu verwässern. Andererseits ist es angebracht, die frohe Botschaft der Badmovies in so viele Kinosäle wie möglich zu tragen. Es ist Doc Acula (unter Mithilfe des schweigenden Wortvogel-Lesers Reini) gelungen, beide Aspekte unter einen Hut zu bringen: Unter dem Namen “B-Movie Banksters” gibt es einen Ableger des Nürnberger Originals, der ein größtenteils frisches Programm zeigt – an diesem Wochenende:

22.08.
18.00 GOAL OF THE DEAD
20.00 VIDEOABEND (Überraschungsfilm)
22.00 BASKET CASE + DIE WILDKATZEN VON ST. PAULI
24.00 LEGION DER VAMPIRE

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23.08.
14.00 EXCISION + Kurzfilm
16.00 ZEDER + NON BUSSARE ALLA PORTA DEL DIAVOLO
18.00 THE ROOM
20.15 VIDEOABEND (Überraschungsfilm)
22.00 ROBOTER DER STERNE
24.00 DER HEILIGE BERG

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24.08.
12.00 DJANGO NUDO UND DIE LÜSTERNEN MÄDCHEN VON PORNO HILL
14.00 NAZI SKY
16.00 THE RIFFS (35 mm)
18.00 VOYAGE OF THE ROCK ALIENS

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“In der Bronx ist das Leben weniger wert als ein müder Joint – da geht der Tod mit ‘ner mächtig großen Harke durch” – epic!

Eine Woche drauf beginnt in Berlin das Fantasy Film Fest. Da werde ich in 10 Tagen mindestens 40 Genrefilme anschauen. Und trotzdem: Das hier macht mich wuschig, da will ich dabei sein! Vielleicht Freitag für den Überraschungsfilm? Oder Samstag, um Jodorowskys Meisterwerk “Der heilige Berg” doch endlich mal im Kino zu sehen? Vielleicht Sonntag, einfach weil man “Django nudo” nicht oft genug genießen kann?

Wen die Filme selbst nicht reizen (wer kann das schon sein?), der sollte sich zumindest die vorgeschalteten Trailershows nicht entgehen lassen. Thematisch sortierte Trashperlen, sorgsam kuratiert und in garantiert empörend schlechter Bildqualität.

Und so geht mein Ruf an alle, die im Mai nicht dabei sein konnten oder die noch nicht die Schnauze voll haben: Auf nach Frankfurt! Friede den DVD-Playern, Krieg den Projektoren! Völker, höret die Signale! Hasta la revolucion cinematico siempre! Wer zweimal mit Tommy Wiseau pennt, gehört nie mehr zum Establishment! Unter den Plakaten, der Muff von 100 Jahren! Be there or be square!

Austragungsort ist das Filmtheater Valentin, Bolongarostraße 105.

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17
August 2014

Ein später Nachmittag mit Pauly

Ich neige nicht zu Sentimentalitäten, träume als jemand, der Landromantik verkauft, selbst wenig von Landromantik und dem “Häuschen im Grünen”. Ich bin ein urbaner Mensch, der Lärm vor dem nächtlichen Fenster hasst, aber Leben vor dem nächtlichen Fenster braucht. Ich will von Kultur umgeben sein wie andere Menschen von Natur – ob ich sie tatsächlich nutze, ist dabei zweitrangig. Die schiere Möglichkeit zur Zerstreuung in vielerlei Gassen reicht oft, die konkrete Zerstreuung unnötig zu machen. Solange die Stadt da draußen auf mich wartet, ist alles gut. Oder um es mit den Peppers zu sagen:

I drive on her streets ’cause she’s my companion 
I walk through her hills ’cause she knows who I am 
She sees my good deeds and she kisses the windy 
Well, I never worry, now that is a lie 

Das heißt aber nicht, dass ich dem Charme des ländlichen Idylls gänzlich abgeneigt bin. Gerade in den neuen Bundesländern, wo Grund und Gebäude noch günstig und gestaltbar sind, finden sich mitunter Lebensentwürfe, die mich – wenn ich müde und von der Stadt ausgelaugt bin – mit einer bisher unbekannten Sehnsucht erfüllen. Einer Sehnsucht nach Selbstbestimmung und einer überschaubaren Sphäre, von weniger Abhängigkeiten, weniger Verwaltung, weniger Pflichten. Dann wünsche ich mir sanftere, verlässlichere Rhythmen, ein Leben nach Sonnenaufgang und Sonnenwende, mit Aussaat und Ernte.

Ich war die ganze Woche in Dresden, habe es als Basis für fünf Reportagen in fünf Tagen genutzt, die mich und meinen Fotografen nach Finsterwalde führten, nach Bergen und nach Bautzen, nach Sebnitz und nach Pirna.  Ich habe die gigantische Fördermaschine F60 bewundert, bin mit dem Kahn durch die Spreewald-Kanäle geschippert, habe sorbischen Heimatgeschichten gelauscht und eine so prachtvolle wie lebensgefährliche Heidelandschaft entdeckt:

2014-08-11 16.52.05-2Vor allem aber habe ich Pauly getroffen, dessen Frauchen sich im Schatten einer alten, längst aufgegebenen Fabrik ein Paradies eingerichtet hat:

2014-08-12 19.10.01

Wir sind nur hingefahren, um ein sekundärrelevantes Fotos für unsere “Meine Heimat”-Rubrik zu schießen. Zwei Freundinnen beim Plausch im Garten, irgendwo auf Seite 5 oder 6 der Reportage, maximal eine Viertelseite. Mehr Stimmung als Story. Und so sind wir auch in relativ durchwachsener Laune, als wir in den kleinen Ort einfahren. Es war ein sehr langer Tag, zwei Speicherkarten sind voll mit schönen Fotos, wirklich brauchen werden wir diesen Schnappschuss nicht. Das Motiv rechtfertigt eigentlich die Strecke nicht.

Es ist der zweite Blick, der uns verzaubert. Ein verwunschener Garten mit vielen kleinen Ecken, in denen alte Stühle zum Niederlassen einladen, in dem Düfte prächtiger Blüten die Nase kitzeln und das Summen der Insekten das Hintergrundrauschen des Berufsverkehrs einer Innenstadt ersetzt. Eine Oase in der Provinz, einst für Taschengeld verwahrlost gekauft und dann über Jahre mit Liebe hergerichtet. Die grau gewordene Fassade des Hauses schützt und versteckt ein warmes und wohnliches Heim.

Aus den zehn Minuten, die ich hier maximal investieren will, wird schnell eine halbe Stunde, bevor auch nur ein einziges Bild in der Kamera ist. Die Besitzern führt uns herum, während leise Opernmusik durch die Beete wabert. Sie hat frisches Bauernbrot für uns bereit gestellt, einen guten Rotwein, hartgekochte Eier und Schinken. Eine abgelesene Kopie eines Dean Koontz-Romans liegt daneben. Wie von selbst gibt uns die Pflicht eine Pause und drängt uns in die bequemen Stühle. Wir wollen um 20.00 Uhr eigentlich wieder in Dresden sein, dann sind wir 12 Stunden “on tour” gewesen. Aber was spricht eigentlich gegen 20.30 Uhr oder 21.00 Uhr? In diesem Augenblick nichts mehr.

Binnen weniger Minuten werde ich ganz zen, die hinter und vor mir liegenden Reportagen verschwimmen in einem entspannten Nebel, der Rotwein macht die Beine schwer. Auf die Frage, ob mir der Garten gefalle, antworte ich: “Ich würde gerne drei Wochen hier sitzen bleiben”. Es ist kein Kompliment, es ist die Wahrheit.

Katzen tauchen auf. Nicht die Sorte Rassekatze, die wir selber halten – wildwüste Mischlinge mit robusten Körpern in verschiedensten Farben, die von einander respektvoll Abstand halten und sich auch uns Besuchern nicht an die Schienbeine schmeißen. Die Dame des Hauses erklärt uns, dass sie die Angewohnheit hat, Streuner durchzufüttern – und sich das bei den Streunern herumgesprochen hat. Aktuell hat sie fünf “feste” Untermieter, weitere fünf schauen regelmäßig vorbei, um Futter und Streicheleinheiten abzuholen.

Und dann kommt Pauly. Er war die erste Katze, die Haus und Grund zur Heimat erklärte. 14 Jahre ist er alt, etwas pummelig, aber nicht unsportlich:

PaulyBeim lässigen Spaziergang über den geradezu englisch gepflegten Rasen hebt er den Kopf, als er uns bemerkt. Gäste sind spannend. Er kommt näher. Ich stehe aus dem Stuhl auf, gehe vor ihm auf die Knie. Er riecht an meiner Hand, reibt sein Köpfchen daran. Sein Fell ist weich und gut gepflegt. Ein schöner Kater.

Ich rufe meinen Fotografen: “Sieh mal zu, dass du den mit aufs Bild bekommst”. Mein Fotograf verdreht die Augen: Er teilt meine geradezu kindliche Affinität für die Tiere nicht. Katzen sind zudem notorisch kamerascheu, lassen sich ungern als Statisten für inszenierte Aufnahmen missbrauchen. Wenn man möchte, dass sie in das Objektiv schauen, ist ihre Reaktion meistens: “My popo – let me show it to you.”

Pauly ist da anders. Man merkt, dass er die Nähe der Gäste mag, dass er sie spannend findet. Während die anderen Katzen uns aus dem Weg gehen, sitzt er auf einem kleinen Mauervorsprung und lässt unsere Vorbereitungen auf sich wirken. Als der Scheinwerfer einsatzbereit ist und das Licht “sitzt”, nehme ich den Kater auf das Zeichen des Fotografen unter den Arm und stelle ihn neben die beiden Frauen, die wir fotografieren wollen. Er maunzt kurz, seine Besitzerin beugt sich zu ihm herab, füttert ihn mit einem kleinen Stück Schinken. Alles in Ordnung. Pauly zuckt nur kurz, als er das erste Mal die Kamera klicken hört.

In den Pausen zwischen den Aufnahmen sitze ich neben dem Kater auf der Wiese, streichle ihn, damit er uns gewogen bleibt. Das ist eigentlich unnötig, denn Pauly fühlt sich sichtlich wohl. Nur einmal geht er kurz am anderen Ende des Gartens etwas Frischwasser schlabbern, auf dem Weg dahin kreuzt eine fuchsrote Katzendame seinen Weg. Man schnuppert sich gegenseitig am Hinterteil, man kennt sich, geht weiter.

Der gleiche Widerwillen, mit dem ich die Fahrt in dieses abgelegene Dorf angetreten habe, meldet sich in dem Augenblick, als ich es verlassen soll. Ich würde gerne bleiben. Beim Bauernbrot, beim Rotwein, bei der Opernmusik – und bei Pauly. Wie sagte Loriot doch so schön? “Ich möchte einfach nur sitzen.”

Zum Abschied kraule ich Pauly hinter den Ohren, er hebt zufrieden den Kopf. Fast ist es, als würden seine trüben Augen mich ansehen. Aber nur fast. Stattdessen schnuppert er in meine Richtung, als wolle er sich meinen Geruch einprägen. Ich wende mich an seine Besitzerin für die Frage, deren Antwort ich längst kenne: “Seine Augen – der ist…?”

“Blind”, sagt sie freundlich und ohne Bedauern. “Schon immer.”

Eine Moment lang denke ich darüber nach, wie leicht man Dinge für unverzichtbar hält, nur weil man sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen kann. Pauly ist blind. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlt. Und an diesem Nachmittag in der ostdeutschen Provinz beneide ich ihn.

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10
August 2014

Jesus made me review this: “Heaven is for real, but God’s dead, so I’m Suing the Devil

Ich bin wieder die ganze Woche unterwegs, ein Reportage-Marathon von Basislager Dresden steht an. Auf der Busreise nach Nürnberg (wo mich mein Fotograf aufpickte und ich noch einen netten Burger mit Doc Acula speiste) konnte ich endlich den letzten Film meines lange gefürchteten christlichen Triple Feature anschauen. Die drei eher willkürlich ausgewählten Beispiele für “faith films” entpuppten sich als genau die eklektische Mischung, die ich mir erhofft hatte.

Glaubt mir, diese Reviews wollt und solltet ihr lesen.

God’s (not) Dead

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Kevin “Hercules” Sorbo und Dean “Superman” Cain in einem Christenfilm? Das fängt ja gut an. “God’s (not) Dead” ist die Geschichte des braven Josh, der es mit dem zynischen Professor Radisson aufnimmt, der seine Studenten gleich in der ersten Unterrichtseinheit des Semesters nötigen möchte, “Gott ist tot” auf ein Blatt Papier zu schreiben. Doch Josh weigert sich und fordert Radisson zu einer öffentlichen Debatte über das Thema auf. Und Radisson bekommt es noch anderswo im persönlichen Umfeld mit diesen nervigen Betbrüdern, bzw. Betschwestern zu tun…

“God’s (not) Dead” ist die mieseste Form von Christenfilm, weil er sich in Dramaturgie und Struktur keiner Dreckigkeit zu schade ist, um eine angeblich ehrenvolle Botschaft zu überbringen. Wer hier Atheist ist, ist auch ein desillusionierter Menschenhasser, dem irgendwann mal die Mama an Krebs weggestorben ist. Keine Moral, kein Anstand, keine Chance gegen das wahre Wort Gottes. Christen hingegen sind allesamt bescheiden und nur um das Wohl der Mitmenschen besorgt, sehen sich aber von der säkularen urbanen Ich-Gesellschaft fortwährend verfolgt und verlacht. Am Ende hilft nur beten – nicht aber dem geläuterten Atheisten, der wird zur Strafe überfahren. Was durchaus stimmig wäre – in einer Satire. Die “God’s (not) Dead” nicht ist.

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Die Ekligkeit des Films kommt auf leisen Pfoten: Gedreht wie ein mittelprächtiger TV-Film vom Fox Family Channel und entsprechend besetzt, wirkt GnD zuerst sehr unscheinbar. Radisson hat Charme, Josh ist scheu, es scheint mehr um eine legitime philosophische Meinungsverschiedenheit zu gehen. Aber die Art, wie der Film Radisson nach und nach als korruptes und manipulatives Arschloch entlarvt und seine Argumente immer abstruser macht, um Josh zum Sieger zu erklären, ist selbst zutiefst korrupt und manipulativ. So gesehen entspricht GnD ziemlich genau dem Eindruck, den ich von den meisten eifrigen Verteidigern der Frömmelei habe.

Natürlich ist auch die Botschaft des Films, die sich nach vorne besorgt und aufrichtig gibt, ein Kuckucksei. Josh geht es nicht darum, “God’s Dead” zu widerlegen – er verlangt nicht weniger als das gegenteilige Bekenntnis “God’s not Dead”. Der ursprüngliche Anspruch, eine Berechtigung BEIDER Meinungen zu erkämpfen, wird schnell fallen gelassen. Und es besteht kein Zweifel, dass “Gott” in diesem Fall nur der Gott des amerikanisch geprägten Christentums sein kann. Schließlich verdrischt und verstößt der einzige Moslem im Film seine Tochter, als sie das Christentum für sich entdeckt. Und der skrupellose chinesische Geschäftsmann macht seinen Sohn rund, als dieser sich mit der Bibel beschäftigen will. Die ohne den richtigen Gott sind halt alle genauso scheiße wie die ganz ohne.

Ein billiges Stück christlicher Propaganda, entstanden mit Schaum vor dem Mund aus dem frömmelnden Hass, den es anzuprangern sucht.

Letztlich lässt sich der Film (auch in seiner atheistenfeindlichen Attitüde) prima auf diesen glorreichen Chick Tract Comic zurückführen. Etwas eleganter, etwas weniger hysterisch, aber genau so doof und durchschaubar.

Heaven is for real

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Der unglücklich benamste Todd Burpo (das ist der Fluch einer wahren Begebenheit, ich sag’s euch) ist Prediger im amerikanischen Heartland, Pfeiler der Gemeinschaft, fürsorglicher Vater und liebender Ehemann. Das Geld ist knapp, aber man hilft sich unter Nachbarn, wie es sich gehört. Schlimm wird es, als Todds Sohn Colton bei einer Blinddarmoperation fast ums Leben kommt. Danach häufen sich die Schulden der Familie und der Junge erzählt plötzlich, er habe den Himmel gesehen und MC Jesus persönlich getroffen. Was sich wie kindliche Phantasie anhört, enthält seltsamerweise Informationen, die der Junge eigentlich nicht wissen kann – und Todd beginnt sich zu fragen, ob die Kurzreise seines Sohnes ins Himmelreich nicht vielleicht eine Botschaft für die Menschheit sein soll…

“Heaven is for real” ist das genaue Gegenteil von “God’s (not) Dead”. Er sucht nicht die Konfrontation mit dem Atheismus, suhlt sich nicht in einer behaupteten Überlegenheit christlichen Dogmas (was sicher auch daran liegt, dass er tatsächlich auf einer angeblich wahren Geschichte basiert, die einen Weltbestseller nach sich zog). Es geht nicht um die Abgrenzung von “richtig” und “falsch”, sondern um die Kraft, die dem wahren Glauben innewohnt. Der Film ist nicht zynisch, sondern besessen von einer allumfassenden sentimentalen Wärme, wie es sie nur im Heartland gibt. Er ist eine Hymne auf das “echte” Amerika, von der nach meinen Erfahrungen nur die Republikaner-Wähler aus dem Bible Belt träumen.

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Um diese simple, vielleicht hohle, aber nichtsdestotrotz aufrichtige Botschaft zu vermitteln, fährt “Heaven is for real” ziemlich auf. Es ist kein Christen-Kino, das Hollywood zu knacken versucht – es IST Hollywood. Mit Greg Kinnear. Kelly Reilly und Thomas Haden Church hat man solide Schauspiel-Prominenz an Bord, mit Dean Semler einen Kameramann der echten A-Klasse (“Mad Max 2″, “Waterworld”, “2012″ und zuletzt “Maleficent”), Regisseur Wallace hat immerhin mit Mel Gibson in “Wir waren Helden” und Leonardo di Caprio in “Der Mann mit der eisernen Maske” gearbeitet. Und die Rechnung ist für Sony aufgegangen: 100 Millionen Dollar hat der Film weltweit eingespielt – mehr als “RoboCop”, “Ender’s Game” und “Muppets: Most Wanted”.

Und soll ich euch was sagen? Mich wundert’s nicht. “Heaven is for real” ist zwar sentimentales, aber nichtsdestotrotz anrührendes Familienkino der heimeligen Sorte, das an den richtigen Stellen die richtigen Knöpfe zu drücken weiß. Call me Shirley and fuck me sideways: ein oder zwei mal hatte ich Pipi in den Augen. Echt jetzt.

Es ist schlicht schön, mal wieder einen Film ohne Hintergedanken, ohne Tricks und Finten zu sehen, der nicht der Welt die Maske herunter reißen will, sondern daran glaubt, dass wir alle nett zueinander sein sollten.

Natürlich ist nicht alles eitel Glorienschein – die konkrete Darstellung des “Himmels” erinnert an die albernen Heilewelt-Zeichnungen in Wachturm-Heftchen und Jesus ist offensichtlich der lange verschollene Bruder von Sänger Kenny Loggins:

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Weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, gibt es außerdem kein wirklich packendes Finale. Es verläuft sich ein wenig.

Gut, im Zweifelsfall würde ich immer noch “Feld der Träume” als den besseren Heartland/Folge deinem Glauben/Jenseits-Film empfehlen. Aber wenn man was für den garantiert kindertauglichen Familien-Kinoabend sucht, über dessen Botschaft man hinterher gemeinsam diskutieren kann, ist man mit “Heaven is for real” wirklich gut bedient.

Ich empfehle diesen Christenfilm – und kann es selbst kaum fassen. Das braucht ein sarkastisches, fieses und verkommenes Gegenstück, und zwar in Form von

Suing the Devil

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Dem australischen Jurastudenten Luke ist einiges schief gelaufen und in einer Mischung aus suizidalem Selbsthass und weinerlichem Weltschmerz entschließt er sich zum letzten Schritt: Er verklagt den Teufel auf 8 Trillionen Dollar wegen “Schuld an allem, was scheiße ist”. Die Richterin, offensichtlich eher dem Amüsement als dem Strafrecht verpflichtet, lässt die Klage zu – besonders, als der Teufel tatsächlich auftaucht, um sich mit einer Sackladung schmieriger Anwälte gegen die Behauptung zu verteidigen, er sei irgendwie verantwortlich für die leidigen Fehlentscheidungen der aufrecht gehenden Affen, denen Gott schließlich einen freien Willen geschenkt hat.

Ladies and Gentlemen – wie haben den nächsten “The Room” gefunden! “Suing the Devil” ist gleichzeitig so deppert und so großartig, so grob gehackt und so fein gestrickt, dass man das Zelluloid küssen möchte, auf dem er gedreht wurde. Hier ist alles falsch – und am Ende alles richtig.

Vom tatsächlichen Ablauf einer Gerichtsverhandlung scheint Filmemacher Chey nur eine sehr rudimentäre Ahnung zu haben – vermutlich hat er mal eine halbe Folge “Ally McBeal” gesehen. Wie Luke auf die Summe von 8 Trillionen kommt? Unwichtig. Woher der Teufel das Geld haben sollte? Kleinkram. Warum Luke bei jeder Finte des Teufels empört tut, als habe er ja nicht damit rechnen können, dass der Herr der Lügen mit gezinkten Karten spielt? Details.

Darüber hinaus nährt sich der Unterhaltungswert von “Suing the Devil”, der wirklich “off the charts” ist, aus vier Komponenten.

Hauptdarsteller Bart Bronson. Ich kann nur für ihn hoffen, dass der Name ein Pseudonym ist und die Frisur eine Perücke, um nicht mit dem Film in Verbindung gebracht werden zu können. Er ist wirklich spektakulär schlecht, (über)spielt selbst einfachste Sätze in die Farce hinein, wirkt abwechselnd rotznäsig-überlegen und weinerlich-paranoid. Ich kann mich an keinen Film erinnern, in dem ich den Held mehr zum kotzen fand als hier. Er kämpft für die Menschheit gegen Satan persönlich – und doch möchte man ihn ständig schlagen.

Die Gerichtsfilm-Dramaturgie – oder besser gesagt: Die totale Abwesenheit einer solchen. Gerichtsfilme leben davon, dass Verteidiger Zeugen in die Zange nehmen, der Staatsanwalt überraschend neue Beweise hervor zaubert, die Geschworenen hin- und hergerissen sind. “Suing the Devil” macht sich die Mühe nicht. Jede Runde Verhör ist ein banales Fragespiel zum Thema “Der Teufel – Arschloch oder totales Arschloch?” oder “Der Mensch – verantwortlich, aber nicht schuld?”. Ich habe Grundschüler substantieller diskutieren hören und wer nun gerade Oberwasser hat, muss durch zusätzliche Dialoge außerhalb des Gerichtssaals erklärt werden. Das i-Tüpfelchen ist dabei die offensichtliche Überzeugung des Drehbuches, hier die ganz großen Menschheitsfragen abzuhandeln. Der Abstand zwischen Anspruch und Ergebnis lässt einen aus dem Kichern nicht mehr rauskommen.

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Der B-Cast. McDowell hat sichtlich Spaß daran, der Szenerie ein Ohr abzukauen. Er geht “all in”, auch wenn ich überzeugt bin, dass der alte Saubär aus dem Stand bessere Dialoge hätte improvisieren können, als das Skript ihm in den Mund legt. Nur aus Gründen der internationalen Vermarktbarkeit hat man zudem Corbin Bernsen und (ausgerechnet!) Tom Sizemore einen halben Tag lang vor eine Greenscreen gesetzt, damit sie das Geschehen im Gericht aus der Sicht einer TV-Show kommentieren. Und ich will verdammt sein, wenn ihre müde gelallten Dialoge nicht tatsächlich improvisiert sind. Da sie keinerlei Relevanz für die Handlung besitzen, macht es keinen Unterschied.

Die Botschaft. “Suing the Devil” ist eigentlich eine prima Werbung für den Teufel, denn letztlich versagt Luke völlig beim Versuch, den vom Teufel angesprochenen Grundkonflikt aufzuklären: “Wenn der Mensch freien Willen besitzt, warum sollte dann der Teufel für seine Entscheidungen verantwortlich sein?”. Es ist eine Frage, die der Film aufwirft – für die er aber keine Antwort hat. Das ganze Ziel des Films ist es, Satan zu diskreditieren. Und es misslingt auf breiter Front.

Während “Heaven is for real” legitimes Unterhaltungskino ist, präsentiert sich “Suing the Devil” als cineastischer Bordellbesuch in einer schlechten Nachbarschaft, ein Koks gewordener Witz, zu dem die Beteiligten die Pointe vergessen haben. Wenn Himmel und Hölle Film werden können, haben wir sie hier gefunden. Und wenn es einen Gott gibt, wird “Suing the Devil” beim nächsten B-Film Basterds Festival frenetisch gefeiert werden.

Gesamtfazit: Der christliche Film ist mittlerweile ein potentes Genre, das erstaunlich unterschiedliche Zielgruppen bedient und in verschiedenen Gestalten auftritt. Durch Zufall habe ich drei sehr extreme, sehr eigenwillige Exemplare ausgewählt, die für sich eigene Grenzen definieren. “God’s (not) Dead” ist dabei eigentlich unguckbar, während “Heaven is for real” durchaus aufzeigt, mit was für einer Dramaturgie man die christliche Botschaft verkünden kann, ohne sie penetrant zu verkaufen. Und “Suing the Devil”? Der beste Beweis, dass man Komedy Gold manchmal dort findet, wo man es am wenigsten erwartet.

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9
August 2014

Lost in Time (12): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Ich habe im Rahmen dieser Reihe schon über Anthologie-Serien geschrieben und auch der heutige Beitrag wird nicht der letzte sein. Die folgenden Shows habe ich zusammen gelegt, weil sie wieder mal gut zueinander passen – freistehende Science Fiction-Episoden mit bekannten Gaststars und gerade mal ein Jahr Abstand bei der Ausstrahlung.

Für den Fall, dass ihr es noch nicht mitbekommen habt: Im Normalfall sind die Titel der Serien zu den entsprechenden Wikipedia-Einträgen verlinkt.

Perversions of Science

Ich weiß nicht mehr viel aus der Zeit, aber ich weiß noch, dass 1998 am Sunset Boulevard ein gigantisches Plakat mit dem Auge im Ei hing – so wurde ich erstmals gewahr, dass die Produzenten von “Tales from the Crypt” einen Ableger ihrer gerade in die Zielgerade gegangenen Horror-Anthologie auf die Beine gestellt hatten. Genau genommen ist “Perversions of Science” der zweite Versuch: Im Rahmen der “Tales” hatte es 1991 bereits einen Test-Spinoff gegeben, eine Kriegs-Anthologie namens “Two fisted tales” mit einer beeindruckenden Besetzung (Kirk Douglas, Brad Pitt und Dan Aykroyd). Aber ehrlich: Wer will eine Kriegs-Anthologie mit Twist-Geschichten sehen?

Nun sollten es also die Perversions of Science richten und ganz dem Titel gerecht deutlich urbaner, moderner und transgressiver zur Sache gehen. Weil mittlerweile die Ära von Internet, CGI und Cyberspace angebrochen war, schuf man einen sexy Roboter als “Host” und verlegte sich auf düstere Science Fiction-Geschichten aus den “Weird Science”-Comics von EC. pos

Wie beim Vorgänger ließ man sich vor und hinter der Kamera nicht lumpen: William Shatner nahm ebenso auf dem Regiestuhl Platz wie Walter Hill, Tobe Hooper und Russel Mulcahy. Es spielten u.a. Jeffrey Combs, Heather Langenkamp, Jeff Fahey, David Warner, Ron Perlman, Sean Astin, Wil Wheaton und Chris Sarandon mit.

Gerade mal 10 Folgen à 30 Minuten schaffte die Serie, bevor sie von HBO eingestellt wurde. Es gab wohl mal einen japanischen DVD-Release, aber der ist heute ein echtes Sammlerstück. In Deutschland lief die Serie nach meinen Informationen nie.

Woran’s lag? Ich denke, der Titel ist schon ein Abtörner. Das klingt nach Fetisch und Darkroom, nicht nach spaßiger SF. Hinzu kommt, dass die meisten Episoden wirklich auf billige Gimmicks hin inszeniert waren, was einfach nicht ausreichend Fleisch bietet. Ein gutes Beispiel dafür ist die Episode “The Exile”, die unter dem Strich nichts weiter ist als eine 25minütige Vorbereitung auf eine eher dümmliche-dünne Pointe:

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Für eine SF-Anthologieserie sollte man schon mehr im Köcher haben als für zynische Gruselgeschichten. Das Genre verlangt mehr – und “Perversions of Science” konnte nicht liefern.

Zumindest, was das inhaltliche Fundament angeht, mühte sich unser zweiter Kandidat deutlich mehr.

Welcome to Paradox

Von “Welcome to Paradox” bekam ich seinerzeit auf einer Filmmesse ein ziemlich cooles Presseheft in die Hand gedrückt. Das lief allerdings noch unter dem Titel “Betaville”. Die grundlegende Idee der Serie ist bestechend: Bekannte SF-Kurzgeschichten ebenso bekannter Autoren (Alan Dean Foster, A.E. van Vogt, James Tiptree jr., Donald E. Westlake) wurden so angepasst, dass sie alle in der futuristischen Stadt Betaville spielen. Das gibt der Serie einen deutlich stärkeren Zusammenhalt als andere Anthologien, in denen in jeder Folge alles neu etabliert werden muss.

Zwar konnte sich die kostengünstige kanadische Produktion, die zu den ersten selbst produzierten Serien des jungen SciFi-Channels gehörte, keine so teuren Regisseure und Stars leisten wie “Perversions of Science”, aber es reichte immerhin für Ice-T, Mayim Bialik, Henry Rollins und Alice Krige.

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Ihr ahnt, was jetzt kommt: nach 13 Folgen war Schluss.

Bei “Welcome to Paradox” sehe ich die Probleme etwas anders gelagert als bei “Perversions of Science”: Die Serie mühte sich deutlich mehr, inhaltlich anspruchsvolle Geschichten zu präsentieren, hatte aber einfach nicht das notwendige Budget. Die CGI, mit der profane kanadische Straßen und Häuser zu einer futuristischen Kulisse umgestylt wurden, sieht aus wie 1. Generation Amiga, blasse Farben und austauschbare Räumlichkeiten erinnern an die 70er Jahre. Grau und braun sind die dominanten Eindrücke, die auch von der oft lethargischen Regie kaum wett gemacht werden.

Wer will, kann sich das anhand der Pilotepisode “Our Lady of the Machine” mal ansehen:

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Von der blonden Darstellerin “Brandy Ledford” finden google-gestärkte Teenager übrigens schnell kompromittierendes Material – sie war unter den Namen “Jisel” und “Brandy Sanders” in den 90ern ein gefragtes Porno-Model. Aber das nur am Rande.

Wie dem auch sei: “Welcome to Paradox” mag das konzeptionelle Herz auf dem rechten Fleck gehabt haben, aber in der Ausführung war die Serie nie mehr als truschig.

Gestört hat mich der Doppelflop der SF-Anthologien damals nicht allzu sehr, denn schon seit 1995 lief mit schöner Regelmäßigkeit “Outer Limits” – und trotz manch schwacher Folge machte diese Serie fast alles richtig, was man als SF-Anthologieserie richtig machen kann. Und das 154 Folgen lang.

Wer sich übrigens weitaus umfangreicher über das Thema Genre-Anthologie-Serien informieren möchte, als ich hier bieten kann, dem lege ich diesen hervorragenden Überblick von Horrornews.net ans Herz.

Morgen gibt’s Pech und Schwefel.

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8
August 2014

Facebook Futter

Weil ich es selber ein bisschen doof finde, dass viele meiner kürzeren Meinungen und Entdeckungen bei Facebook die Mehrheit meiner Leser (vermutlich) nicht erreichen, bastel ich euch mal ein paar Sammeltassen.


How the mighty have fallen: Kelsey Grammers neue Sitcom “Partners” ist schmerzhaft unkomisch. Nicht ganz so erbärmlich wie “Hank”, nicht ansatzweise so vielversprechend wie “Back to you”, an keiner Stelle so anspruchsvoll wie “Boss” – und qualitativ Universen entfernt von “Frasier”. Das einzige, was Grammer an diesem blassen Rückfall in die frühen 90er gereizt haben kann, ist das Geschäftsmodell des Senders FX, der mit der 90/10-Konstruktion schon Charlie Sheen (“Anger Management”) und George Lopez (“Saint George”) ködern konnte. Für den Sender und die Darsteller mag das lukrativ sein – die Zeche zahlt der Zuschauer. Wenigstens scheint die 90/10-Konstruktion schon wieder ein Auslaufmodell zu sein.


Flachbild my ass – ein Fernseher muss ein Statement sein. SO sieht Home Cinema aus!

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Natürlich sollte man einem Promo-Video eines Konzerns nicht alles glauben, aber das hier klingt klasse und sollte eigentlich verpflichtend werden:

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Ich hätte da noch eine weitere Idee: Größere Supermärkte könnten kleine Cafés/Bistros einrichten, in denen nur die ablaufenden Produkte verarbeitet und angeboten werden.


Boah, gehen mir manche Leute auf den Sack – eben wird ein offensichtlicher Spam geteilt, der über einen angeblichen 500 Euro-Gutschein von Amazon natürlich direkt zu einem Trojaner führt (gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keine 500 Euro ein, schalten Sie netterweise Ihren Virenschutz aus). Kommentatoren weisen die Autorin, die ihren Account dafür missbrauchen lässt, sofort darauf hin, verlinken zu einem erklärenden Mimikama-Artikel – und sie sagt IMMER NOCH, es könnte doch echt sein, Amazon habe ihr schon öfters was geschenkt. Und ihre Firewall habe sich auch nicht beschwert.

Geldgeil, dumm UND beratungsresistent – die steht bestimmt auch in regem Email-Kontakt mit nigerianischen Bankern.


Ich hatte fälschlicherweise gedacht, “Guardians of the Galaxy” wäre der Actionkracher des Sommers:

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Es sieht klasse aus, keine Frage – Hut ab mal wieder vor Tobias Richter und allen anderen, die sich hierfür den Arsch aufgerissen haben:

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Als altem Stinkstiefel sei mir aber die Kritik erlaubt, dass hier auch die üblichen Defizite von TV-Star Tek evident sind: endlose Monologe/Dialoge in gestelztem Oberlehrer-Sprech, die sich erheblich zu wichtig und bierernst nehmen. Die einzelnen Figuren hätten deutlicher unterscheidbare Persönlichkeiten verdient. Mag natürlich sein, dass es gar nicht beabsichtigt ist – aber ich bezweifle, dass “Axanar” einen Appeal über das Trek-Fandom hinaus hat. Und das finde zumindest ich schade.
Die 21minütige Langfassung ist bei Kickstarter - geht hin und spendet.


Hinter der Verkleidung unserer Terrasse, zwischen der Regenrinne und den Abluftrohren des Thai-Restaurants, gibt es einen kleinen Mauervorsprung, von dem aus katze die Tauben sehen kann, die manchmal auf dem Dach gegenüber sitzen:

catsDie LvA hat sich übrigens angewöhnt, diese unwirtliche Ecke Buenos Aires zu nennen.


Letzte Woche Polohemd im Kaufhaus gekauft. Beim ersten Spaziergang Loch an der Achselhöhle festgestellt. Kein Problem, habe ja noch Quittung. Die Liebste meint: “Ich wasche das lieber erstmal, das riecht ja sonst, wenn du es zurück gibst”. Als ich Zeit habe, ist das Polo noch leicht klamm. Ich gebe es der Verkäuferin mit der Erklärung, dass ich es wegen des Lochs umtauschen will – sie soll sich wegen der Feuchtigkeit nicht wundern, käme halt frühlingsfrisch aus der Wäsche. Sie stutzt. Da muss sie den Chef fragen. Der meint: Neee, gewaschen nehmen wir das nicht zurück. Ich frage, ob schweißig riechend demnach besser gewesen wäre? “Aber das ist ja noch feucht!”. Ich halte wieder dagegen: “Ich kann es eine halbe Stunde vor der Tür auf die Parkbank legen, dann ist es trocken – macht DAS dann echt den Unterschied?”. Endlich nehmen sie das Polo zurück. Ich merke mir: nächstes Mal pfeffere ich ihnen das Teil dreckig und verschwitzt auf den Tresen. Wegen Originalzustand.

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7
August 2014

Lost in Time (11): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Heute tauchen wir mal wieder brettfett in die Science Fiction und so mancher von euch wird sich wundern, wenn ich sage, dass es diesmal um eine der teuersten Weltraumserien der 90er geht, die ihr TROTZDEM nicht kennt.

Willkommen zu

Mercy Point

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Mit dieser Serie wollte UPN wirklich die Sau rauslassen – teurer als “Star Trek: Voyager”, mit einem hochkarätigen Cast und fotorealistischen Spezialeffekten, wie sie erst wieder von “Enterprise” und “Battlestar Galactica” einige Jahre später erreicht wurden.

Ich kann mir nur grob vorstellen, wie dick die Eier des Produzenten gewesen sein müssen, als er breit grinsend das Konzept beim Sender pitchte. Es klingt so einfach, so naheliegend, so brillant und gleichzeitig spannend:

“E.R. in space!”

Ein Genre-Mix. Eine Krankenstation im Weltraum, bei der es nicht nur um Menschen geht, sondern um Aliens, deren Anatomie und Krankheiten den Ärzten teilweise völlig unbekannt sind. Wo die Sprachbarriere nicht mexikanisch, sondern klingonisch ist.

Und genau das wurde es dann auch:

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“Mercy Point” war einer der Hoffnungsträger der TV-Saison, wurde massiv beworben, hatte Produzenten von “Remington Steele”, “MacGuyver” und “Gilmore Girls” an Bord – und floppte brutal mit nur sieben ausgestrahlten Episoden.

In Deutschland lief die Serie wohl kurioserweise zuerst auf TV Berlin. Auf DVD gibt es sie gar nicht offiziell.

Ich will es mir nicht zu einfach machen – “eine saublöde Idee” greift als Erklärung zu kurz. Schließlich war “E.R.” eine der erfolgreichsten Serien der 90er und UPN brachte ein science fiction-affines Publikum mit. Auch die Drehbücher und die Spezialeffekte von “Mercy Point” können überzeugen. Es ist ja nicht so, dass Genre-Mixes grundsätzlich nicht funktionieren können.

Aber vielleicht setzt man sich manchmal zwischen alle Stühle, wenn man zwei Zielgruppen erreichen will, von denen die eine die andere negiert. Vielleicht war die Idee, parasitenverseuchte Aliens zu sehen, den “E.R.”-Zuschauern zu albern – und vielleicht wollten Trekker keine “disease of the week”-Plots.

Jahre später pitchte mir eine Freundin mal einen ähnlichen Mix: “Traumschiff Enterprise”. Damit war nicht die Bully-Verarsche gemeint, sondern die Idee, ein Enterprise-ähnliches Schiff zum Mittelpunkt von abgeschlossenen Einzelepisoden mit immer neuer Besetzung zu machen. Ein galaktisches Kreuzfahrtschiff, Love Boat in Space – wie wir das ja auch in “Fifth Element” und dem beschämend schlechten deutschen SF-Flop “Die Sturzflieger” gesehen haben.

Kennt man sich in der Branche ein wenig aus, klingt das im ersten Moment ziemlich plausibel: Man kann eine große Bandbreite an Geschichten erzählen, der wechselnde Cast hält die Kosten klein, das Traumschiff hat eine so große Tradition wie Trek und jung und alt werden gleichermaßen angesprochen.

Im zweiten Moment muss einem klar werden, was für ein Unfug das ist. Die Strickjacken- und Bundfalten-Fraktion vom “Traumschiff” wird schon bei der Erwähnung des Raumschiffs wegschalten und die SF-Nerds lassen sich mit wechselnden Liebesgeschichten sicher auch nicht ködern. Manchmal wächst was nicht zusammen, weil es nicht zusammen gehört. Man würde ja auch die BRAVO und die Apotheken-Umschau nicht zusammen legen, nur weil beide eine große Leserschaft haben.

Und so mag “Mercy Point” zwar ein bemühter, aber letztlich von vorne herein zum Scheitern verurteilter Versuch gewesen sein. Ich gebe aber zu, dass ich die Serie gerne noch mal sehen würde.

Morgen wird’s pervers. Und paradox.

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3
August 2014

Lost in Time (10): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Ich hatte ja neulich schon erklärt, dass die 90er die Hoch-Zeit der Syndication-Serien war. “Babylon 5″ und “Hercules”, “Baywatch” und “Deep Space Nine” – in 22er-Packs wurden Serien produziert und dann an die einzelnen lokalen Stationen verhökert. Ein lukratives Geschäft, wenn es klappte, ganz besonders dann, wenn man es auf mehr als 100 Folgen brachte. Das galt nämlich als magische Grenze, ab der eine Serie nicht mehr nur zur wöchentlichen Ausstrahlung, sondern auch zur täglichen Wiederholung geeignet war. Den Weg in die Dauerschleife zu finden, war der goldene Gral.

Das Problem der Syndication war die Vorfinanzierung – in den meisten Fällen konnten Presales die Produktion der ersten Staffel nicht komplett decken, darum mussten die Produzenten eigenes Geld zuschießen und auf lukrative Deals zur zweiten Staffel hoffen. Trotzdem wollten selbst etablierte Erfolgsproduzenten, die bei den Networks gut beschäftigt waren, ein Stück vom Kuchen haben – eben weil sie über die Erstausstrahlung hinaus die Verwertungsrechte behalten konnten und diese nicht an das beauftragende Network abgeben mussten.

“Renegade” hatte ich ja schon erwähnt – das war ein erfolgreicher Versuch von Stephen J. Cannell, sich ein Stück vom Syndication-Kuchen abzuschneiden. Es sollte nicht sein einziger bleiben. John Woo versuchte es von Kanada aus mit “Once a thief”. Und selbst Network-Legende Aaron Spelling, der mehr Fernsehserien über einen längeren Zeitraum produziert hat als jeder andere, wollte mal einen Zeh in das Syndication-Wasser stecken. 1994, als bei der Syndication alle Dämme brachen, brachte er zwei Serien auf den noch jungen Markt – “Heaven help us” und “Robin’s Hoods”. Beide solide produziert und gut besetzt, aber zu blass, um ohne die Promo-Power eines Networks wirklich durchzustarten.

Zwei Jahre später war Cannell wieder dran, diesmal mit

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twoIn Deutschland bekannt als “Gejagt – Das zweite Gesicht”. Das Setup ist wieder denkbar simpel: Der brave Gus stellt fest, dass er einen bösen Zwillingsbruder names Booth hat, der seine Verbrechen so begeht, dass nur Gus als Täter in Betracht kommt. Gus taucht unter und hat nun zwei sich oft in die Quere kommenden Ziele – nicht geschnappt werden und Booth als Killer entlarven.

Genau genommen ist das natürlich nur eine weitere “Renegade”-Variation des alten Themas “Unschuldiger auf der Flucht”, und es ist leicht zu sehen, was Cannell daran reizte: Das Flucht-Motiv erlaubt ständige preiswerte Außendrehs in und um Vancouver, es müssen keine teuren Sets im Studio gebaut werden, die grundlegenden Investitionen sind überschaubar.

Ob das Zwillings-Motiv “Two” jetzt spannender macht als “Renegade”, sei dahin gestellt. Ich persönlich fand die Twists, die “Nowhere Man” (eine Serie, die ebenfalls in diese Reihe gepasst hätte) aus dem Thema zog, deutlich überzeugender. Ob der Täter ein Zwilling ist oder nicht, hat letztlich minderen Belang – es reicht, dass man Gus für den Mörder hält.

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Obwohl “Two” darüber hinaus gut produziert war und durchaus Überraschungen in Sachen Regie (Anthony Hickox!) und Drehbuch (Tim Minear!) mitbrachte, schaffte es die Serie nicht über die Staffel hinaus. Ich würde unterstellen, dass das am “übergreifenden Mystery” lag. Syndication-Serien wurden traditionell zu den unmöglichsten Zeiten ausgestrahlt, Folgen wurden gerne durcheinander gebracht oder weg gelassen – da galt die goldene Regeln, auf in sich geschlossene Episoden zu setzen.

Eine besondere Erwähnung ist allerdings Hauptdarsteller Michael Easton wert, der in den 90ern lange Zeit als nächster Serien-Superstar gehandelt wurde (wie Robert Urich und Nathan Fillion vor und nach ihm). Der Grund ist leicht erkennbar: Easton ist der TV-Keanu. Er sieht Reeves nicht nur ähnlich, sondern hat auch dessen Stil und Manierismen perfekt kopiert. Und so wurde er erst durch “VR.5″, dann “Two”, dann “Total Recall 2070″ und ein halbes Dutzend weitere Serien gereicht. Zum Fernsehstar hat es am Ende doch nicht gereicht, aber bis heute ist Easton lukrativ im Geschäft – als Soap-Darsteller.

In Deutschland lief “Two” auf ProSieben – und hat auch heute noch seine flammenden Verteidiger, wie man hier nachlesen kann (Kommentare von BUGS).

Morgen gibt’s Schweinebacken im Weltall!

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1
August 2014

Lost in Time (9): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Kindred: The Embraced

zz16 Auch heute gönne ich mir eine Serie, die fleißige Leser meiner “SF TV Guides” bereits kennen. Es ist aber durchaus spannend, sie aus großer zeitlicher Entfernung noch einmal zu begutachten.

Die freie Adaption des Rollenspiels “Vampire: The Masquerade” startete 1996 mit ziemlichen hohen Erwartungen, einer profilierten Produktionsfirma (Spelling) und einem sexy Cast. Mark Frankel hatte sich in der unterhaltsamen, aber leider geflotten Agentenserie “Fortune Hunter” bewiesen, Stacy Haiduk war der aparte Rotschopf aus “Superboy”, Kelly Rutherford kannte man aus der Kultserie “The Adventures of Brisco County jr.” (mit Bruce Campbell), und C. Thomas Howell war in den 80er ein waschechter Kinostar gewesen.

Nach nur acht Folgen wurde die Serie eingestellt.

Ich bin rückblickend überzeugt, dass “Kindred” seiner Zeit voraus war – oder hinterher hinkte, ganz wie man es sehen will. Die klassische Seifenoper, von der “Kindred” eine ungewöhnliche Variation war, hatte in den 90ern nichts zu melden. “Dallas”, “Denver” und “Falcon Crest” waren längst Geschichte und das Publikum genoss gerade einen neuen, anspruchsvolleren Erzählstil wie bei “ER” und “New York Cops”. Seifigere Elemente waren die Domäne jünger zielender Serien wie “Beverly Hills 90210″ und “Melrose Place”. Versuche, die Soap Opera mit “Titans” und “Savannah” neu zu beleben, scheiterten. Es war einfach nicht das richtige Jahrzehnt.

Außerdem waren Vampire zu dem Zeitpunkt, als “Kindred” auf Sendung ging, nicht gerade beliebt. Die einzige nennenswerte Vampirserie dieser Jahre war die billig herunter gekurbelte kanadische Krimiserie “Nick Knight”. Ein anderes “bissiges” Melodrama, “Dark Shadows”, war 1991 bereits gescheitert, es galt die These, dass sich die banal-nachvollziehbaren Mechanismen der Seifenoper einfach nicht tauglich mit phantastischen Elementen unter einen Hut bringen ließen.

Zu guter Letzt mag es keine brillante Idee gewesen sein, “Kindred” im April zu starten – einer Zeit, in der die meisten anderen Serien schon in die Zielgerade ihrer Saison gehen. Gerade angesichts der düsteren Thematik und der vielen Nachtaufnahmen wäre ein Herbststart vermutlich hilfreich gewesen.

Andere Gründe können es kaum gewesen sein, denn die Serie erlaubte sich inhaltlich wenige Schnitzer – es war tatsächlich eine aufwändige Seifenoper mit dem richtigen Gespür für Horror und Pathos:

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Wäre “Kindred” fünf Jahre später gestartet, vielleicht wäre alles anders gekommen. Ein Jahr nach der Absetzung der Serie (und dem Tod des Hauptdarstellers bei einem Motorradunfall) debütierte “Buffy” – und löste einen bis heute anhaltenden Genreboom aus, der mittlerweile auch diverse Vampirserien in seinem Fahrwasser mitgeschleppt hat (“Angel”, “True Blood”, “Vampire Diaries”). Besonders die “Vampire Diaries”-Ablegerserie “The Originals” wirkt manchmal wie ein Aufguss von “Embraced”.

Schaut man sich die alten Folgen heute noch einmal auf DVD an, wirken sie (abgesehen vom typischen, etwas ausgewaschenen Look ihrer Zeit) absolut frisch und spannend.

Ein klarer Fall von dumm gelaufen.

Morgen sehen wir doppelt – whoa!

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1
August 2014

Kino-Kritik: “Guardians of the Galaxy”

55906_GOTG_Hauptplakat_A4_RZ_300_m.jpg_cmykUSA 2014. Regie: James Gunn. Darsteller: Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Vin Diesel (Stimmme), Bradley Cooper (Stimme), Karen Gillan, Michael Rooker, Lee Pace, Benicio del Toro, John C. Reilly, Glenn Close u.a.

Offizielle Synopsis: Der Pilot und intergalaktische Vagabund Peter Quill, als „Star-Lord“ bekannt und immer auf der Suche nach kostbaren Relikten, gerät durch einen dummen Zufall zwischen die Fronten eines (welt-) allumfassenden Konfliktes. Bei seinem letzten Beutezug stiehlt er ohne es zu ahnen eine mysteriöse Super-Waffe, auf die offensichtlich das ganze Universum scharf ist, und macht sich damit nicht nur zum neuen Lieblingsfeind des gewieften Schurken Ronan. Denn wer immer diese Waffe besitzt, ist in der Lage, den gesamten Kosmos zu unterwerfen. Auf seiner wilden Flucht verbündet sich Quill notgedrungen mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen Außenseiter: dem waffenschwingenden Waschbären Rocket, dem intelligenten Baummenschen Groot, der ebenso rätselhaften wie tödlichen Gamora und dem raffinierten Drax the Destroyer. Unter dem Namen GUARDIANS OF THE GALAXY zieht diese ziemlich spezielle Heldentruppe gemeinsam in den Kampf um das Schicksal des gesamten Universums. Irgendjemand muss den Job ja erledigen!

Kritik: Es zeigt, wie lange und komplett ich aus der Comic-Szene raus bin, dass ich nach der Bekanntgabe, das nächste Marvel-Großprojekt werde “Guardians of the Galaxy”, mit einem entschiedenen “Guardians wer?” antwortete. Auch wenn ich Superhelden- und Science Fiction-Fan bin, hatte ich mit Superhelden-Science Fiction immer relativ wenig am Hut (abgesehen von “Green Lantern” und der “Legion der Superhelden”, aber das gehört nicht hierher). Die ganzen Kirby-Comics, in denen es um galaktische Gottheiten und Universenfresser ging, fand ich gerade ob ihrer pompösen, meist nur behaupteten Superlativitäten sehr schnarchig. Darum schien es mir so riskant wie überraschend, dass Marvel die ganz fette Kohle an eine Franchise raus schmeißen wollte, die vermutlich selbst auf der ComiCon in San Diego vor drei Jahren kaum die Hälfte der Besucher beim Namen gekannt hätte.

Nun ja, wir kennen den Rest – mit dem Trailer und “Hooked on a feeling” kam die Begeisterung und ich freundete mich sogar damit an, dass ausgerechnet der depperte Andy aus “Parks and Recreation” der nächste große Actionheld werden sollte.

Manchmal muss man auch einfach Glück haben: In Speyer gibt es keine Pressevorführungen. Als die Mail mit der Einladung kam, stand mir eine Woche Reportagearbeit in München bevor – mit einem Tag Auszeit am Donnerstag. Ich öffnete zittrig die Email und murmelte “Bei Ctulhu, lass die Presse am Donnerstag, den 24.7 stattfinden!”. Und siehe da, es war Donnerstag, der 24.7. Das hatte ich mir aber auch verdient.

Okay, wie isser denn nun? Wirklich der neue Maßstab für Comic-Adaptionen, als der er in den USA gefeiert wird? Die ganze große Party für Leute, denen die aktuelle Weltraum-SF zu bierernst ist? Goldstandard mit 99 Prozent “must see” bei Rotten Tomatoes?

Die guten Nachrichten zuerst, denn davon gibt es genug. Ja, “Guardians of the Galaxy” lohnt die ganz große Tüte Popcorn, aber keine Cola, damit man mittendrin nicht aufs Klo muss. Zwei Stunden, die gerne fünf sein dürften, weil sie sich wie eine anfühlen. Eine wirklich schräge Truppe ballert sich mit wirklich schrillen Sprüchen durch ein quietschbuntes Universum, das wie eine einzige Star Wars Cantina wirkt. Dazu ein paar schöne Sommer-Popsongs der 60er und 70er. Gute Laune garantiert.

“Guardians of the Galaxy” reiht sich perfekt in die Top-Liga der Marvel-Verfilmungen wie “Iron Man” und “The Avengers” ein, weil er tatsächlich hält, was Poster und Trailer versprechen. Es gibt keine Abstriche, keine Kompromisse, keine Zugeständnisse. 170 Millionen Dollar Budget – jeder Cent auf der Leinwand. Sit back, relax and enjoy the ride.

Wie bei Marvel mittlerweile üblich, bekommen alle Figuren ihren “moment to shine”, haben ausreichend Backstory, um für den Zuschauer verständlich zu sein – und gerade genug emotionale Tiefe, um uns andocken zu lassen. In “Guardians” sind die Helden keine blassen muskelbepackten Klischees, denen wir beim Genozid zusehen – es sind unsere Kumpel, die sich – permanent hoffnungslos unterlegen – für uns in die Bresche werfen. Chris Pratt ist sensationell, Rocket und Groot jetzt schon Kult, und Dave Bautista ist so ziemlich der erste Wrestler, dessen Performance ohne entschuldigende Fußnote funktioniert. Underdogs FTW!

Soweit, so spektakulär. Ich spreche an dieser Stelle schon mal eine bedingungslos und reuefreie Besuchspflicht für die nächstgelegene Großleinwand aus. Denn alles, was jetzt kommt, sind Niggeligkeiten, die den Unterhaltungswert des Films in keiner Weise schmälern und die mir nur die Chronistenpflicht abringt.

Ich kann nicht mit Zoe Saldana. Die hat so gar nichts. Karen Gillan übrigens auch nicht. Glenn Close spielt eine dieser überhypten, aber letztlich irrelevanten Nebenrollen, die man auch mit jeder anderen Schauspielerin ihres Alters hätte besetzen können. Damit sind gerade die Frauenrollen bei “Guardians of the Galaxy” das schwächste Glied der Kette.

Auch die Bösewichte und ihr Plan haben außer wagnerischem Weltuntergangsgefasel nichts zu bieten. Infinity Gauntlet hin oder her – am Ende geht es wieder mal um ein paar Artefakte, die irgendwie vollfette Macht versprechen. Das ist genau die Sorte von leerem Deus ex Machina, wegen der ich Kirby-SF-Comics immer gemieden habe. Und nach dem Tesseract und diversen anderen McGuffins bin ich solchen Platzhalter-Elementen auch wirklich ein wenig überdrüssig.

Wirklich vorwerfen kann man den “Guardians” allerdings nur, dass er sich den Unterhaltungswert mit einem Mangel an Tiefe erkauft. Den Figuren fehlt die Gravitas, die Ikonographie – Starlord ist eben nicht Captain America und Drax nicht Hulk. Die bringen nicht das Gewicht und die Epik ihrer erdgebundenen Kollegen mit, deren Historie wir schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. Als Spektakel und als Drama bleibt “Guardians of the Galaxy” immer ein Leichtgewicht, er bricht niemals die launige Oberflächlichkeit. Er reißt mit, ohne einen so bleibenden Eindruck zu hinterlassen wie “Iron Man” oder “Avengers”.

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Aber wie gesagt: Niggeligkeiten. Unwichtig. Schwamm drüber.

Fazit: Der ganz fette Weltraum-Actionkracher für die ganze Familie, Comic-Unterhaltung im besten Sinne und der meiste Spaß, den man in diesem Sommer haben kann, ohne die Hose runterzulassen.

P.S.: Es gibt wohl eine “post credits sequence”, aber die war zur Pressevorführung noch nicht fertig. Kann ich also nichts drüber sagen.

Bonus: 38 Seiten deutsches Presseheft? Don’t mind if I do.

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29
Juli 2014

Science Fiction Triple Feature: “Appleseed Alpha”, “Survivor” & “The Machine”

Ich muss gestehen, dass Double und Triple Feature einen massiven Vorteil gegenüber Einzelkritiken haben: Sie ermöglichen einen Kontext, einen Vergleich, einen Kontrast. Sucht man thematisch oder technisch verwandte Filme aus, kann man erheblich mehr “Fleisch” aus der Besprechung ziehen.

Heute schreibe ich über drei Science Fiction-Filme, die sich zwar das Genre teilen, ansonsten aber scheinbar durch Welten getrennt sind. Es treffen Low Budget und CGI aufeinander, Monster und Roboter, fremde Welten und die nahe Zukunft. Die ganze Bandbreite der SF eben. Und doch gibt es auch Ähnlichkeiten über das Label hinaus: Alle drei Filme präsentieren starke weibliche Hauptfiguren, wo normalerweise männliche Stereotypen herrschen. Zweimal wird mit sehr geringem Budget gearbeitet, zweimal liegt das Augenmerk primär auf der Action. Ambitioniert sind sie alle – mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Appleseed Alpha

Appleseed AlphaJapan 2014. Regie: Shinji Aramaki

Offizielle Synopsis: Die beiden Söldner Deunan und ihr Cyborg-Partner Briareos kämpfen in einer Nachkriegsgesellschaft ums Überleben. Sie werden auf eine Mission in die Außenbezirke ihrer kriegszerstörten Stadt geschickt, wo sie Iris und Olson, zwei Einwohnern der utopischen Stadt Olympus, begegnen, die den Schlüssel zur Rettung der Welt in der Hand zu halten scheinen. Doch der skrupellose Talos sowie der durchtriebene, selbsternannte Machthaber Two Horns haben andere Pläne. Deunan und Briareos müssen ihre neuen Freunde schützen, um der Menschheit ihre letzte Hoffnung zu bewahren.

Kritik: Wie meine Leser wissen, bin ich weder Fan noch Experte in Sachen Anime (das wurde mir auch bei meinem Verriss von “Death Note” vorgehalten). Da ich aber der Meinung bin, dass Filme für sich genommen bewertet werden können, schreckt mich das nicht. Zumal ich in Sachen “Appleseed” zumindest den Originalfilm von 1988 und die schnittige Neuauflage von 2004 gesehen habe. Ich bin beeindruckt, wie die Franchise zwar thematisch auf der Stelle tritt, aber immer an der vordersten Front der technischen Entwicklung steht – von traditioneller Cell-Animation über Pseudo-Cell im 3D-Environment  bis zur fotorealistischen Darstellung in der neusten Version.

Inhaltlich werden natürlich wieder keine Bäume ausgerissen – das Universum von “Appleseed” ist vage und inkonsequent, wirkliche Systeme, aus denen dramaturgischer Saft gezogen werden könnte, existieren nicht. Es ist im Grunde die ewig gleiche Buddy Cop-Geschichte von der taffen Soldatin/Polizistin/Söldnerin, die mit ihrem Partner durch die Gegend zieht und Bösewichte dutzendfach niedermäht – während sie darüber sinniert, inwieweit ihr Kollege noch Mensch ist.  Ein bisschen “RoboCop”, ein bisschen “Ghost in the Shell”, ein bisschen “Lethal Weapon”.

Aber mannometer, fotorealistische CGI “has come a long way, baby”, besonders wenn man sie mit steifbeinigen Versuchen wie dem “Final Fantasy”-Film vergleicht. Es mag immer noch nicht “echt” aussehen (ob das gewollt wäre, sei dahingestellt), aber die Details und die schiere Üppigkeit der Szenerie nötigen Respekt ab:

Darüber hinaus ist “Appleseed Alpha” zwar inhaltlich karg, aber flüssig und sehr dynamisch inszeniert. Die permanenten Actionsequenzen habem echten Schauwert, ohne zum sinnlosen Feuerwerk zu verkommen. Die Balance von Tempo, Plot und Cast stimmt.

Das Problem, das ich z.B. mit Aramakis “Starship Troopers Invasion” hatte, findet sich hier nicht mehr: Die Figuren wirken lebendig, unterscheidbar, bewegen sich authentisch und funktionieren als Charaktere nicht weniger als in einem “echten” Spielfilm. Besonders der sarkastische Gangsterboss “Two Horns” ist bemerkenswert gut umgesetzt.

Man kann die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, ein Manga fast schon gewaltsam auf Fotorealismus zu trimmen. Persönlich fand ich die 2004er-Variante gelungener, weil sie zwar die Dynamik und Räumlichkeit von CGI mitbringt, in der Darstellung der Figuren aber weite auf den Comic-Look setzt. Ein “best of both worlds”-Prinzip, das ich hier ein wenig vermisse. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass “Appleseed Alpha” für Fans der Franchise und alle Liebhaber von CGI-Action ein echtes Highlight darstellt.

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Fazit: Hochklassig animierter und (zumindest in der englischen Version) sauber synchronisierter Anime-SF-Kracher für Egoshooter-Freunde und Anhänger der These, dass für einen guten Film auch mal ganze Häuserblöcke eingeebnet gehören.

Survivor

SurvivorUSA 2014. Regie: John Lyde. Darsteller: Kevin Sorbo, Danielle Chuchran, Nicola Posener, James C. Morris, Blake Webb

Offizielle Synopsis: Jahrzehnte sind vergangen, seit das Raumschiff die unbewohnbar gewordene Erde verlassen hat. Endlich stößt die Crew auf einen erdähnlichen Planeten, der eine neue Heimat werden könnte. Ein kleiner Spähtrupp soll die Oberfläche erkunden. Doch der Transporter zerschellt in einem Meteoritenschauer. Die Überlebenden werden von Aliens verschleppt, die sie als Mahlzeit betrachten. Nur Kate kann sich befreien. Ganz auf sich allein gestellt will sie ihre Kameraden vor den blutrünstigen Kreaturen retten. Auf die humanoiden Krieger, die ebenfalls auf dem Planeten leben, kann sie nicht zählen. Sie sind jedem feindlich gesonnen, der nicht zu ihrem Stamm gehört. Da trifft Kate auf Rogan, einen Krieger auf der Suche nach seiner entführten Tochter…

Kritik: Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Scheibe mit wenig Erwartungen eingelegt habe. Ex-Hercules Kevin Sorbo spielt mittlerweile in viel vergessenswerter C-Ware mit und das Packaging sah nach einem Low Budget-Indie-Reißer irgendwo zwischen “Hunter Prey” und Asylums “Princess of Mars” aus. Ein paar Leute in der “Alien”-Wüste, ein bisschen CGI, eine Handvoll Feuergefechte – aus und Deckel drauf.

“Survivor” ist tatsächlich inhaltlich schwach konstruiert, die Backstory ist zu umfangreich für die dürftige “Gestrandet”-Geschichte, die Dialoge sind banal und so manche heroische Szene ist dann doch so albern, dass man kichern muss. Das Skript traut sich nicht, Kate tatsächlich zu isolieren, sondern bombardiert sie auf dem angeblich so einsamen Planeten permanent mit Konfrontationen. Daneben reißt der Kontakt zu ihrem Captain nie ab, was zusätzlich Spannung raus nimmt. Am Ende fällt den Autoren kein Dreh ein, die ganze Chose zu einem akzeptablen Ende zu bringen. Selten versickerte eine Dramaturgie zum Nachspann hin derart im Sand.

Und wenn ich euch nun noch sage, dass “Survivor” inhaltlich ein Mockbuster von “After Earth” ist, inszeniert mit dem Catering-Budget einer Episode “ALF”, dann dürften die meisten von euch schon abwinken.

Böser Fehler.

“Survivor” mag aus den genannten Gründen kein großer SF-Film sein, aber was ihm an inhaltlicher Potenz fehlt, macht er mit Ambitionen und Einsatz wieder wett. Ich habe selten eine Low Budget-Produktion gesehen, bei der alle Beteiligten so entschlossen wirken, ihr Bestes zu geben und nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu schielen.

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Unfassbare 41.000 Dollar betrug das Budget angeblich nur. Dafür bekommen wir tonnenweise CGI, Weltraumaction, kristallklare Bilder einer fantastischen Wüstenlandschaft, knackig inszenierte Kampfszenen, Monster, Aliens, Explosionen – und eine Heldin, die wirklich als Vorbild taugt und ihren Appeal nicht aus Duschszenen zieht.

Tatsächlich ist Danielle Chuchran Dreh- und Angelpunkt des Films, übernimmt fast alle Stunts selbst und verschluckt sich nicht an den zähen Dialogen, die man ihr in den Mund legt. Ihr Einsatz und ihr Talent tragen “Survivor” immer dann, wenn dem Skript wieder mal nichts mehr einfällt als noch eine Verfolgungsjagd. Sie springt, kämpft, sprintet, klettert, reitet, schießt und schwimmt, als gelte es einen Zehnkampf bei der Olympiade zu gewinnen. Hut ab.

Ich sag’s gerne noch mal, bevor ihr den Trailer schaut – 41.000 Dollar:

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Mehr Entertainment pro investiertem Dollar geht nicht.

Klar machen der schicke Look, die flüssige Inszenierung und die angenehm klischeefreie Hauptfigur das blasse Skript nicht wett und auch nicht das enttäuschende Non-Ende, aber “Survivor” begeistert mit einem Enthusiasmus, den ich lange nicht mehr bei einer solchen Micro-Produktion gesehen habe. Er ist “the real deal” und sollte Pflichtprogramm für alle Nachwuchsfilmer sein, die immer meinen, mit ein paar Tausend Euro für den Erstling könnte man nur Spacken im Wald meucheln lassen.

Es geht so viel mehr.

“Survivor” sollte man demnach nicht gucken, weil es ein hervorragender SF-Film ist, sondern weil die Mühen der Macher Solidarität verdienen. Die Wahrscheinlichkeit, dass John Lyde dann irgendwann mal einen richtig großen Knaller abliefert, ist nämlich weitaus größer als bei Uwe Boll, Paul W.S. Anderson oder Michael Bay.

Fazit: Inhaltlich soft und kein Fettnäpfchen auslassend, beeindruckt dieser Low Budget-Abenteuerfilm mit weiblichem Touch eher durch die Ambitionen der Macher, die aus ganz wenig ganz viel rausholen.

The Machine

HD DVD TemplateEngland 2013. Regie: Caradog W. James. Darsteller: Caity Lotz, Toby Stephens, Sam Hazeldine, Denis Lawson, Lee Nicholas Harris

Offizielle Synopsis: Die nahe Zukunft: England und China befinden sich im Kalten Krieg, ein geheimes Wettrüsten ist in vollem Gange. Ingenieur Vincent steht kurz davor, für das britische Militär einen humanoiden, voll funktions- und lernfähigen Roboter zu erschaffen. Unterstützt wird er dabei von der jungen Wissenschaftlerin Ava, die allerdings vor Vollendung des Projekts ermordet wird. Kurzerhand speist Vincent die Scans von Avas Gehirnströmungen in die Maschine, um eine künstliche Intelligenz zu kreieren. Das unglaubliche Experiment gelingt: Wie aus dem Nichts erschafft Vincent eine Maschine, die ein eigenes Gewissen zu haben scheint und unzerstörbar ist. Doch seinen Vorgesetzten ist eine selbstständig denkende Maschine zu gefährlich…

Kritik: “The Machine” kommt mit viel Vorschusslorbeeren nach dem Motto “Der bessere Universal Soldier”, was aber primär daran liegt, dass Regisseur James seinen Film nicht als Action-Blockbuster anlegt, sondern als räumlich reduziertes SF-Drama. Wie in “Universal Soldier” und “RoboCop” und “Appleseed” und “Ghost in the Shell” und “Blade Runner” und “Almost Human” und “AI” und “I, Robot” und “Transcendence” geht es um die grundsätzlichen Fragen: Was macht den Menschen aus? Ist es der Geist in der Maschine oder bedarf es der unverbrüchlichen Einheit von Körper und Bewusstsein? Ab wann werden aus simulierten Gefühlen echte Gefühle – und was sind überhaupt “echte” Gefühle? Ist eine Maschine, die auf Menschlichkeit programmiert ist, nicht ungleich menschlicher als der Mensch, der seine Menschlichkeit durch Grausamkeit, Egoismus und Zynismus verrät? Kann die Maschine für ihr Verhalten Verantwortung übernehmen? Wenn die Maschine den Menschen überragt, hat sie dann nicht das Recht zu herrschen?

Machine1An diesen Fragen ist “The Machine” deutlich mehr interessiert als an aufwändigen Actionszenen mit der Supersoldatin, die hier gebaut wird. Während man die kontrastierenden Standpunkte in einem US-Film vermutlich sauber auf den Protagonisten und den Antagonisten verteilt hätte, vermeidet Regisseur James allzu plakative Positionen – die Themen stehen mehr im Raum, als dass sie konkret diskutiert werden. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich viele der Konflikte und Widersprüche zu erarbeiten.

Zur Seite stehen ihm dabei mit Caity Lotz und Toby Stephens zwei exzellente Darsteller, die das Innenleben ihrer Figuren spannend ambivalent halten. Vincent hat hehre Motive, ist zu deren Durchsetzung aber fast völlig frei jeglicher Moral. Die Maschinen-Ava dagegen ist unschuldig an ihrer Existenz – aber gefährlich in ihren Möglichkeiten, die weit über das Programm hinaus gehen.

“The Machine” wandelt dabei souverän in den Schnittmengen von SF, Thriller und Horror, ist erzählerisch so komprimiert, dass trotz des begrenzten Casts und der oberflächlich eintönigen Location nie Langeweile aufkommt. Das Budget von knapp einer Million Pfund wurde effektiv investiert, das steht fest. Einige der FX sind nicht weniger als berauschend und erzeugen Bilder, die wir so noch nie gesehen haben. An verschiedenen Stellen war ich ratlos, ob es sich um CGI oder um praktische Effekte handelt. Das verwischt teilweise die Frage, ob Avas Konstruktion Körper oder Karosserie ist, noch mehr. Und es sieht mächtig cool aus.

Leider teilt “The Machine” das “third act problem” vieler Filme, die den interessanten Fragen keine interessante Antwort folgen lassen. Das Ende möchte gerne ominös und bedrohlich sein, ist dafür aber zu unkonkret. Und ich bin es ein bisschen leid, dass immer mehr Filme statt “The End” auch eine Zeile “Was nun? Niemand weiß es so genau…” tragen könnten.

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Fazit: Ein intensiver und druckvoller Thriller zum Thema Menschmaschine, dem im letzten Drittel die Luft ausgeht und der zwar sattsam bekannte Fragen interessant neu stellt, sich dann aber um die Antworten drückt.

P.S.: Das nächste “Triple” steht schon fest - fangt schon mal zu beten an…

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28
Juli 2014

heute im Hyperland

Das Hyperland-Blog, für das ich gut und gerne geschrieben habe, ist in seiner bisherigen Form eingestellt worden. Besser gesagt: Es wurde als eigene Entität geschlossen und ins heute-Blog des ZDF eingefaltet. Das finde ich schade, weil ich gerne für die Leute und das Label gearbeitet habe. Das finde ich toll, weil es auch was hat, für das Blog des ZDF zu schreibseln.

Heute mein erster Artikel auf dem heute-Blog erschienen – es geht um eine virtuelle Friedensbewegung ins Sachen Israel/Hamas-Konflikt. Erstaunlich, wie viele Leute das auf Facebook kommentieren.

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28
Juli 2014

Lost in Time (8): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Welcome to the show, everybody – we got a great program for you tonight. Our guests are some hilariously unfunny dudes in a crappy rocketship – AND the family friendly alien NOT called ALF!

Die 90er waren das Jahrzehnt, in dem die Digitaleffekte Einzug in der Sitcom hielten. Waren nennenswerte CGI-Szenen in den 80ern noch unbezahlbar gewesen, konnte man nun mit dem Computer Sachen auf den Bildschirm zaubern, die “Bezaubernde Jeannie” alt aussehen ließen. Und doofe Puppen wie in “ALF” und “Scorch” brauchte man dafür auch nicht mehr. Hurra?

Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie scheiße die rudimentären Effekte der populären 90er-Sitcoms waren. Während man sich bei “ernsten” Serien aus dem Bereich Science Fiction und Fantasy mühte, halbwegs glaubwürdig zu bleiben, waren die Tricks in Sachen Comedy teilweise bewusst schlecht – alles für den Lacher.

Ich will nicht alles über einen Kamm scheren – “The secret world of Alex Mack” zeigte sehr gut, dass man sich auch für wöchentlich 20 Minuten durchaus Mühe geben kann – und Hexe “Sabrina” setzte erfolgreich auf sympathische Gimmicks von der Festplatte.

Aber dann gab es da noch die

Homeboys in Outer Space

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Hier haben wir es mit der ungesunden Verquickung der beiden Mega-Sitcom-Trends der 90er zu tun: Fantasy UND “urban style”. Wobei “urban” auch 1996 schon “schwarz” hieß, was aber keiner so richtig sagen wollte.

Am überraschendsten an “Homeboys in Outer Space” ist, dass keiner der Beteiligen vor oder hinter der Kamera Wayans hieß, schließlich dominierte der Wayans-Clan in den 90ern das Genre der “urban” (ihr wisst schon) comedy. Während die Sketch-Show “In Living Color” noch ganz unterhaltsam war (und uns Jim Carrey schenkte), waren die meisten Sitcoms aus der Gag-Fabrik so spießig wie Bill Cosby und so lustig wie “Millennium“. Genau genommen waren die Wayans die von der weißen Mittelschicht sanktionierte Neger-Comedy wie heute Tyler Perry.

Aber ich schweife ab – vermutlich auch, weil ich über “Homeboys in Outer Space” so wenig wie möglich schreiben möchte. Brutal unkomisch wäre eine Untertreibung – und die “hiphop attitude” wirkt heute so authentisch wie die Streetcred von Vanilla Ice. Schlecht gemacht und schlecht gealtert – keine gute Mischung.

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Müsste ich etwas Gnädiges finden, ich würde vielleicht auf die erstaunliche Liste von Gaststars verweisen: James Doohan und George Takei, Natasha Henstridge und Shannon Tweed, Burt Ward und John Astin – und Anthony Hopkins. I shit you not. Da saßen wohl ein paar Nerds im Besetzungsbüro.

Es sei noch angemerkt, dass HBIOS NICHT auf den urban angelegten Kleinsendern UPN oder WB lief, sondern ausgerechnet auf dem stinkstoffeligen, schneeweißen CBS. Tja, anno 1996 dachte man halt noch, “urban comedy” wäre “das nächste große Ding”. Im Fall von HBIOS war man nach 21 Folgen schlauer.

Meego

Meego_castEin Jahr nach “Homeboys in Outer Space” ging eine weiter Sitcom mit SF-Aufhänger auf Sendung, wenn auch in einem erheblich konventionelleren Rahmen. Auf dem gleichen Sender am gleichen Abend. Im Grunde genommen ist “Meego” nichts anderes als der Versuch, “ALF” für die 90er upzudaten – mit einem menschlich aussehenden Alien, das aber über tolle Kräfte verfügt. Das Fundament legte sicherlich die großartige Slapstick-Sitcom “Hinterm Mond gleich links”.

Hauptdarsteller dieser neuen Serie war Bronson Pinchot, dessen zahme Sitcom “Ein Grieche erobert Chicago” (bei uns auf ProSieben) ihn in 150 Folgen zum Star gemacht hatte. 1993 war damit Schluss gewesen und Pinchot fiel 1995 primär durch eine wahnwitzige Performance in der unterirdischen Stephen King-Adaption “Langoliers” auf (Link klicken, gucken, sehr lustig). Aus der Karriere jenseits der Sitcom wurde also nichts, darum schneiderte man ihm ein neues Vehikel auf den schlaksigen Leib.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass man den Schauspielern aus verdienten Sitcoms neue Serien anbietet, um die Zuschauer zum Bildschirm zu ködern. So bekamen fast alle Darsteller aus “Cheers”, “Friends” und “Seinfeld” eigene Piloten, diverse Schauspieler aus “Eine schrecklich nette Familie” und “Wer ist hier der Boss?” auch. Klingt zwingend, funktioniert aber eher selten. Erinnert sich wer an “Jessie”, “The George Wendt Show”, “Pearl”, “Bob Patterson”? Eben.

Für “Meego” wurde 1997 massiv Promo betrieben, man erwartete nicht weniger als den “breakout hit of the season”. Schließlich war Pinchot der Star von “Ein Grieche erobert Chicago” gewesen und das familienfreundliche Konzept der Serie war darauf ausgerichtet, ein Maximum der Zielgruppe anzusprechen und ein Minimum zu verprellen.

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Und daran scheiterte es dann auch auch. Abgesehen von den teilweise erbärmlichen Spezialeffekten krankt “Meego” primär an seiner ekligen Zuckrigkeit, der zur Schau gestellten Treehugger-Message, dass wir uns doch gern haben und einander verstehen sollten. Für meinen Teil stimme ich sogar zu: Diese Serie kann mich mal gern haben. Ernsthaft.

Das US-Publikum stimmte mir zu, ließ “Meego” auf einem lachhaften 111. Platz in den Einschaltquoten versauern – und CBS zog nach sechs von 13 Folgen den Stecker. Soweit ich weiß, lief die Serie auf deutsch nur in Österreich. Klappe zu, Alien tot (hoffentlich).

Pinchots Karriere hat sich von dem Flop nicht mehr erholt – nicht geschadet hat das Debakel allerdings der süßen Michelle Trachtenberg, die ein paar Jahre später erfolgreich bei “Buffy” einstieg.

Morgen holen wir die Plastik-Fangzähne raus.

P.S.: Darf ich mal einwerfen, dass die Ursprungsidee war, zu jeder Serie nur ein oder zwei Absätze zu schreiben?! Das artet aus, da verfalle ich wieder in den neunmalklugen “SF TV-Guide“-Modus und erkläre Gott und die Welt. Das kostet Zeit und Nerven – wenn es nur nicht so elend viel Spaß machen würde…

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27
Juli 2014

BILDER dir deine Meinung!

Ich habe diese Woche Miniponys gestreichelt, Lederhosen gewaschen und den Königssee berudert. Heimatbasis war dabei München, was mir ermöglichte, meine vor kurzem verlassene Stammstadt mal wieder per Fahrrad zu durchstreunen. Ich war bei meinem alten Friseur, meinem alten Inder, meinem alten Haus – und habe “Monty Python live” im Kino gesehen (charmant, auch wenn der “live”-Aspekt keinen wirklichen Mehrwert bringt – schaut euch die TV-Aufzeichnung an).

Hier ein paar Eindrücke, die ich von dieser Woche mitgebracht habe…

In der Nähe vom Isartorplatz hat ein Laden für Schnickschnack aufgemacht, dessen Namen ich ausdrücklich begrüße:

Gamer

Das weiß der Gamernerd gleich, was Sache ist.

Der “Leierkasten” ist der sicher bekannteste Puff Bayerns. Hier trieb sich in den 90ern so manche Münchner Filmgröße zu “Besprechungen” herum. Als Vorbeifahrender amüsierte man sich primär über die grässlich gemalte Frauenfigur auf der Fassade und den Animierspruch “Du kommst als Fremder und gehst als Freund”.

Der “Leierkasten” wurde nun aufwändig renoviert. die im schlechten Airbrush-Stil gehaltene Fassadenfrau ist überpinselt. Den Werbespruch hat man beibehalten sogar noch um den Zusatz “Wir garantieren:” erweitert:

leierkastenWie genau diese “Garantie” zu verstehen ist, hat sich mir nicht erschlossen. Ich finde es aber entzückend, dass man knallfett vor den Eingang eine hübsche Briefkasten/EC-Automaten-Kombi gestellt hat, die der wahren Natur der käuflichen Liebe deutlich näher ist: “Du kommst als Fremder und gehst pleite.”

Gleich um die Ecke treffen zwei ehemalige Kapitäne der Fußball-Nationalmannschaft aufeinander:

Werbung

Vermutlich lese ich deutlich mehr in die Sache rein, als drin steckt, aber ist es nicht bezeichnend, dass sich Lahm für die Gesundheit des Nachwuchses stark macht, während Loddar aussieht, als habe er mal wieder eine Nacht lang umsonst vor der Damentoilette des P1 rumgelungert und die frohe Botschaft verkündet “Schmeißt euer Geld beim Glücksspiel raus!”?

Perfekter hätte nur noch das Triple sein können – statt weg.de in der Mitte ab-in-den-urlaub.de mit einem feist grinsenden Michael Ballack, der verkündet: “Ich bin dann mal weg!”

Erlaubt mir, eine Sekunde lang pubertär zu sein. Es ist nämlich gleich um die Ecke von

Fickenhofen

wo man die Westernstadt Pullman City findet. Aber nur echte Cartwrights erkennen den Humor im absolut authentischen, nur einen Steinwurf entfernten Wegweiser:

Hopsing

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