Dieses bezaubernde Bändchen könnt ihr euch bei Soulsaver runterladen, einer religiösen Webseite für junge Menschen, die für einen ollen Zyniker wie mich ein Bierkasten voll mit Phrasenbrause ist. Schaut euch dort mal um, es gibt viele spannende Sachen zu entdecken.
“33 Argumente für Gott” habe ich hauptsächlich deshalb eingetütet, weil ich das an den SPIEGEL angelehnte Design so drollig fand.
Nun wollen wir mal sehen, ob die Frömmler mich in 33 Runden argumentativ k.o. hauen können. Eigentlich sind es nur 28 – das Büchlein präsentiert an einigen Stellen Zitate mehr oder weniger berühmter Menschen, die für sich genommen als Argumente gelten sollen, aber als persönliche Meinungen kaum zur Diskussion taugen.
Wer will, kann sich mit dem PDF genauer in die Argumente der Gegenseite einlesen, die ich hier nur verkürzt wiedergeben kann. Damit baue ich auch dem Vorwurf vor, die Position der “Seelenretter” absichtlich verzerrt darzustellen.
1) “Diese Welt ergibt keinen Sinn ohne Gott”. Aha, die steigen mit einem Klassiker ein, zitieren sogar Hawking, dessen veraltete Aussagen sie sich wunschgemäß zurecht biegen.
Ich halte dagegen: Die Welt hat keinen Sinn, braucht keinen Sinn – und eine emotional empfundene Sehnsucht nach Sinn eignet sich nicht als Gottesbeweis.
2) “Die Evangelien sind historisch zuverlässig”. DAS traut man sich heute noch als “pro Gott”-Argument? Ich hoffe, die können das plausibel belegen. Natürlich nicht, denn dieses “Argument” reduziert sich auf eine intellektuell unredliche, aber fast schon wieder putzige Kreisargumentation:
“Doch bei genauerer Betrachtung ist gerade das ein Argument dafür, dass die Kirche diese Texte nicht verändert haben kann, denn sie hätte sie „harmonisiert.“ Niemand hat sie nachträglich ineinander überführt oder manipuliert, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen.”
Abgesehen davon, dass die Bibel sogar massiv harmonisiert wurde, ist die Aussage natürlich hanebüchen: wäre die Bibel nicht wahr, hätte man sicher weniger offensichtlich gelogen.
3) “Wissenschaft und Glaube schließen sich nicht aus”. Hier wird zum ersten Mal versucht, Wissenschaftler der letzten Jahrhunderte als gottgläubige Zeitgenossen heran zu ziehen, die der Bibel und der Kirche das Wort reden – bequem verschweigend, dass es bis in die Neuzeit hoch gefährlich für einen Wissenschaftler war, sich öffentlich von der Kirche abzuwenden. Nach aktuellen Studien glauben die meisten Naturwissenschaftler der westlichen Welt nicht an einen realen Gott oder auch nur an ein ordnendes Prinzip, dem man göttliche Eigenschaften zuweisen kann. Demnach schließen sich Wissenschaft und Glaube nicht aus – wohl aber Wissenschaft und Glaube, der sich über die Wissenschaft erhebt.
4) “Der Glaube heilt Bitterkeit”. Abgesehen von der Tatsache, dass ich mehr Menschen im Glauben habe verbittern sehen, findet sich hier ein besonders perfides Beispiel: Corrie ten Boom, die selber im KZ saß und dort Teile ihrer Familie verloren hat, vergab später einem der Wachmänner, der zum Christentum konvertiert war.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll: es wird klar gemacht, dass sie ihm nicht verziehen hätte, wäre er nicht konvertiert. Reue allein hilft nicht, es muss im richtigen “System” bereut werden. Und der Wachmann darf nun auf ein ewiges Leben im Himmelreich hoffen. Wo er sich wenigstens nicht mit Juden abgeben muss, die zwar im KZ verreckt sind, nach christlichem Glauben aber keinen Eingang in den Himmel finden.
Und die Sache mit der Vergebung gehört für mich zum ekelhaftesten Instrument des christlichen Glaubens: dass es egal ist, welche Scheiße man baut, so lange man noch rechtzeitig die Kurve bekommt. Ein sehr offensichtliches Konstrukt, um Mitglieder auch aus den niederträchtigsten Schichten rekrutieren zu können. Als bekennender Atheist glaube ich, dass es keine Vergebung gibt – wir werden IMMER an ALLEM gemessen, was wir JEMALS getan haben. Wir haben Verantwortung von Tag 1 und es mag manchmal schwer sein, diese Verantwortung für vergangene Schuld zu tragen, aber ich brauche keinen jüdischen Zombie, der sie mir abnimmt. Es ist meine Schuld – und es steht niemandem zu, mir Vergebung gegen Unterwerfung anzubieten.
5) “Gott allein ist fähig, aus dem Nichts zu erschaffen”. Ich kann mittlerweile ausreichend Vorkenntnisse bei euch unterstellen, um es auf die simple Formel herunter zu brechen: wer hat dann Gott erschaffen? Hat er sich selbst erschaffen? Wenn er nicht erschaffen wurde und doch ist, ist er dann nicht der Beweis, dass es Sein ohne Schöpfung gibt? Es ist eines der schwächsten Argumente der Kirche: der unsichtbare Superheld, der alles kann, weil wir ihn uns für die unerklärlichen Phänomene dieser Welt ausgedacht haben. Das macht ihn verständlich, vielleicht tröstlich, aber nicht wahr.
6) “Die Prophetien über Israel haben sich exakt erfüllt”. Hier wird Retrofitting betrieben, dass die Schwarte kracht. Die Bibel hat demnach die Entstehung des Staates Israel vorher gesagt – während ungleich wahrscheinlicher ist, dass die Entstehung des Staates Israel von den Vorgaben der Bibel inspiriert ist. Analog kann ich mein IKEA-Regal zur erfüllten Prophezeiung erklären, weil die Anleitung exakt vorher sagte, was ich bauen würde – und demnach göttlich inspiriert sein musste.
Zu diesem Punkt gibt es auch noch ein schönes Bonus-Gschmäckle:
“Gott stand und steht immer noch zu seinem Volk, daran wird sich nichts ändern, auch wenn viele Juden Jesus als Erlöser nicht erkannt haben.”
7) “Historiker halten die Auferstehung für möglich”. Wow. Da war ich erstmal baff. Eins der übernatürlichen Kernereignisse der Bibel wird von seriösen Wissenschaftlern für plausibel gehalten (wenn auch nicht bewiesen, wir wollen ja nicht übertreiben)? Leider nein, denn dieses “Argument für Gott” reduziert sich auf die Verwunderung darüber, dass die frustrierten Jünger kurz nach Jesu Beerdigung begeistert um die Häuser zogen, um sein Wort zu lehren:
“Am Kreuz waren sie erledigt, ausgepumpt und leer. Wenige Tage später waren sie Märtyrer und verfolgte Zeugen. Dazu reicht keine bloße Mythifizierung, das geschah auf der Grundlage von wahrhaftiger Auferstehung aus den Toten!”
8) “Die Bibel überdauerte jeden Angriff in der Geschichte”. Das ist richtig. Und schade. Aber kein “Argument für Gott”. Es gab auch vorher nie ein Buch, das so sehr in ein System von Strafe und Verdammung eingebunden war, das aus sich selbst heraus legitimiert sein wollte, das mit Gewalt und Zucht in jeder Generation Kindern gelehrt wurde, deren Geist noch nicht die Kapazität besaß, sich dagegen zu wehren. Wahrlich, dieses “Argument” ist kein Ruhmesblatt.
9) “Marc: Gott rettet von Gewalt und Droge“. Ich bin überrascht, dass es die Allzweckwaffe “Anecdotal Evidence” (bevorzugte Anwender: Esoteriker) nur einmal in die Top Ten geschafft hat. Ich freue mich für Marc, dass er von den Drogen und den linken Revolutionären losgekommen ist. Ehrlich. Aber was genau will uns seine Geschichte sagen? Dass Atheisten keine Chance haben, von Drogen loszukommen? Dass man im Drogenrausch so ziemlich alles zusammen halluziniert, die Visionen von Jesus aber natürlich echt sind? Dass die Unterwerfung unter eine Autorität der ideale Ersatz für eine andere ist? Oder dass Marc sich vielleicht mal mit seinem Erlöser über die Tatsache auseinander setzen sollte, dass er ihm beim jahrelangen Drogenmissbrauch untätig zugesehen hat?
10) “Trotz Vergasung seiner Familie – Thomas Graumann kann vergeben!”. Wem bei diesem “Argument” nicht die kalte Kotze hoch kommt, dem ist nicht zu helfen. Wieder eine der unappetitlichen Anekdoten von Juden, die nach dem Zweiten Weltkrieg den “richtigen” Glauben gefunden und dann ihren Peinigern vergeben haben. Ich mag nicht mal dagegen argumentieren, das ist mir zu schmierig.
11) “Selbst die Feinde von Jesus bezeugen übernatürliche Kräfte”. Nun kann man argumentieren, dass es nicht viel Beweiskraft hat, wenn sich ein paar abergläubische Schafhirten von einem durchtriebenen Wanderprediger haben blenden lassen. Aber soviel Mühe muss ich mir gar nicht machen, weil das Büchlein die Argumentation von Haus aus dünn klingen lässt:
“Aus Sicht von Historikern sind Berichte über einen Wundertäter stichhaltig, wenn nicht nur Freunde die Taten bezeugen, sondern auch Feinde.”
Das klingt, als wäre es eine wissenschaftliche Faustregel: Wundertäter sind historisch als “echt” einzustufen, wenn auch ihre zeitgenössischen Feinde sie für Wundertäter hielten. Als ob es auch nur EINEN Historiker gäbe, der so einen Dummfug ernsthaft behauptet.
12) “Der Atheismus ist keine Erfindung der Wissenschaft, sondern vielmehr der Philosophie“. Das ist richtig, führt aber auf die falsche Spur. Denn auch die Religion ist keine Erfindung der Wissenschaft, sondern der Philosophie. Und es ist der Atheismus, der im Gegensatz zur Religion mit der Wissenschaft vereinbar ist.
13) „Gott bewahrte meinen Mann vor dem Selbstmord“. Das ist schön für “Klaudia”. Gott bewahrte ihren Mann allerdings nicht vor wirtschaftlichem Ruin, Unfall, Koma, Depressionen, etc. Weil er da noch nicht im “Verein” war. Ich fände einen Gott besser, der die Menschen vor Leid bewahrt, auch wenn sie noch nicht soweit sind, sich zu ihm zu bekennen. Aber das ist wohl – trotz seiner unendlichen Güte – zuviel verlangt.
An dieser Stelle finden wir einen Cartoon, den ich schlicht nicht verstehe. Was will uns der Künstler hier sagen?

Ich hatte eigentlich vor, die unter die “Argumente” gemischten “Zitate” auszulassen, weil sie ja für sich genommen kaum Widerspruch zulassen und nicht dem Diskurs dienen sollen. Aber das hier – von einem “hochgebildeten Arzt und Chinamissionar” – fand ich drollig:
„Meine Herren, wenn Sie morgen mit der Bahn nach Hause fahren wollen, dann schlagen Sie den Fahrplan auf. Darin steht Ihr Zug, der zu einer bestimmten Zeit abfährt. Was machen Sie nun? Prüfen Sie nach, ob das einen historischen Kern hat? Fragen Sie nach, ob das literarische Zusätze eines Bahnoberinspektors sind? Fragen Sie nach, ob das für alle Zeiten so gilt? Gewiss nicht, meine Herren. Sie gehen doch zum Bahnhof. Sie finden Ihren Zug. Sie kommen ans Ziel. So mache ich es mit der Bibel. Ich nehme ihre Anweisungen und Verheißungen ernst und merke: So geht es, so kann man fahren. So kommt man ans Ziel.“
Wer so einen Vergleich als “Inspiration” zwischen Buchdeckel drucken lässt, disqualifiziert sich als Diskussionsteilnehmer. Weil wir tatsächlich wissen, dass es die Deutsche Bahn AG gibt. Weil wir zuschauen können, wie Fahrpläne erstellt werden. Weil die Bahn Züge nicht verspricht, sondern schickt. Weil wir den Fahrplan nicht nach Belieben interpretieren müssen. Weil nichts an der Bahn den Glauben an übernatürliche Mächte erfordert. Und weil die Bahncard – im Gegensatz zur Kirchensteuer – konkrete finanzielle Vorteile bringt.
14) “Christen haben Hoffnung über diese Welt hinaus“. Auch das: eine alte Leier. Vielleicht haben viele Menschen weniger Angst vor dem Tod, weil sie an das Himmelreich glauben. Allerdings gibt es vermutlich genau so viele, die den Tod genau deshalb fürchten, weil sie womöglich in der falschen Etage landen. Somit erlaubt der Glaube an den christlichen Gott nicht notwendigerweise eine positive Aussicht auf das Jenseits. Noch wichtiger aber: die Angst vor dem Tod ist natürlich und notwendig. Ich vertraue niemandem, der ernsthaft behauptet, sie im Glauben an Gott überwunden zu haben. Das ist krank. Und damit muss ich nicht mal die argumentative Keule heraus holen, dass das Wissen ob der eigenen Endlichkeit ein Ansporn sein sollte, im Diesseits gut und erfüllt zu leben.
15) “Gott hilft Mircos Eltern, dem Mörder ihres Sohnes zu vergeben”. Wieder diese Vergebungsnummer. Ich sähe (vermutlich) keinen Grund, dem Mörder meines Kindes zu vergeben. Meinen Frieden muss ich mit mir selber machen. Und wo dieser gerechte Gott war, als der Junge ermordet wurde, möchte ich lieber gar nicht wissen. Vermutlich in der Zigarettenpause.
16) “Die Handschriftenfunde der Bibel belegen ihre Glaubwürdigkeit”. Auch hier macht man sich nicht die Mühe, harte Fakten bei zu bringen. Es müssen krude Gedankensprünge reichen.
“Es ist schwer vorstellbar, wie die Kirche die Bibel verändert haben soll, wenn Handschriften vorliegen, die vor dem vierten Jahrhundert – als die Kirche entstand – verfasst wurden oder sogar kurz nach Jesu Tod entstanden sind.”
Es ist wieder die sich selbst stützende Prophezeiung: unsere Unterlagen bestätigen uns, dass sie wahr und vollständig sind. Ich könnte nach dem gleichen Muster auf eine Serviette schreiben: “Diese Serviette spricht die Wahrheit – und du schuldest mir 100 Euro”. Zur Kasse, bitte.
Und dann reklamiert man noch fix die historische Authentizität nach dem Motto “anderen Quellen glaubt man doch auch”:
“Cäsars „Gallische Kriege“ sind die einzige Schrift des 1. Jahrhunderts über diesen Krieg. Es gibt keine anderen Berichte. Ohne seine Schrift hätten Historiker keinerlei Aufzeichnungen dieser Kriege. Doch seine Originalschrift existiert gar nicht mehr. Trotzdem gelten diese Dokumente als Darstellung historischer Fakten.”
Nun sind aber sowohl Cäsars Existenz als auch die Gallischen Kriege vielfach belegt. Die historische Person Jesus, die als konkretes Vorbild der religiösen Figur angesehen werden kann, kommt dagegen außerhalb der Bibel nicht vor.
17) “Die Natur spricht für einen Schöpfer“. Nein. Alles in der Natur spricht gegen eine “Schöpfung”. Was ist, entwickelte sich aus dem Kleinsten. Es wurde nicht zu einem gesetzten Zeitpunkt irgendwann einmal piffpaffpuff in die Welt gesetzt.
18) “Hans und Sophie Scholl: Der Widerstand gegen Hitler entstand aus ihrem christlichen Glauben“. Mit diesem Punkt werde ich mich nicht auseinander setzen, weil schon die Einleitung so widerlich ist, dass ich ihm keine Zeile mehr als nötig widmen will:
“Im Widerstand gegen Hitler standen vor allem Christen. Diese Tatsache wird oft verschwiegen.”
And fuck you, too.
19) “Exakte Voraussagen über die Kreuzigung treffen ein“. Die Bibel wusste, was geschehen würde. Sagt die Bibel. Und in der Bibel steht, dass sie Recht behielt. Klingt stimmig.
Hiernach folgt wieder ein Comic – diesmal über die Erbsünde, die den besonders verachtenswerten Glauben ausdrückt, jedes Kind werde als Sünder geboren. Müsste ich mir ein Detail des christlichen Glaubens aussuchen, das für sich genommen schon ausreicht, diesen Verein abzulehnen – das wäre es. Ich überlasse es euch, das Comic im PDF zu “genießen”. Es kommt mir auf jeden Fall nicht auf diese Webseite.
20) “Jesus rettete mich von der Ausweglosigkeit”. Meine Leben war scheiße ohne Gott, jetzt bete ich täglich und alles ist super, bla bla bla…
21) “Glaube verändert Menschen zum Guten, Atheismus nicht“. Über dieses Argument musste ich tatsächlich nachdenken. Es klingt im ersten Augenblick stimmig:
“Argumente für Gott? Gibt es viele, nämlich Millionen von Menschen, die zum Guten hin verändert wurden. Welche Arbeit leistet der Atheismus an den Herzen der Menschen?”
Es gibt hier in der Tat keine simple Antwort. Am ehesten kann ich es so formulieren: jede Veränderung zum Guten, die Christen für sich reklamieren, ist dem Atheisten schon inne. Sein “gerechtes” Leben ist keine Wende, kein Vorgang, den man in der Kirche besingen kann. Atheismus, weil er nicht ist, sondern etwas nicht ist, ist denkbar unspektakulär. Und ich würde durchaus sagen, dass mich der Atheismus zu einem “besseren” (wenn man das werten will) Menschen gemacht hat. Ich sehe die Welt klarer, unterteile Menschen nicht in banalste Kategorien und nach Ritualen. Vor allem aber habe ich dem Atheismus einen inneren Frieden zu verdanken, den mir keine Religion geben kann.
Gratulation, wir haben hier das erste “Argument für Gott”, das ich zumindest diskussionswürdig finde.
22) “Scheinbare Widersprüche: Gott ist gerecht und gnädig“. Eine interessante Frage, in der Tat: wie könnte ein gnädiger Gott, der z.B. Hitler vergibt, auch ein gerechter Gott sein? Leider ist die Antwort wenig bemerkenswert:
“In einem Menschen ist Gott gerecht und gnädig, denn in seinem Sohn ist der Zugang zur Gnade geschaffen, bei ihm am Kreuz wird der Sünder begnadigt. In Ihm haben wir Gnade und Gerechtigkeit.”
Tja, die Dreifaltigkeit ist seit jeher so eine Art christliche Allzweckwaffe, das Äquivalent zur esoterischen Definition der Quantenphysik. Ist gleichzeitig alles und nichts, lässt sich beliebig heran ziehen, um jeden Humbug zu erklären.
23) ”Gott ist nicht verantwortlich für das Böse in der Welt”. Auch das gehört zu den Dingen, die mich vom Glauben (den ich nie ernsthaft hatte) haben abfallen lassen – diese Hörigkeit. Alles, was an Gutem in der Welt passiert, haben wir dem Herrgott zu verdanken. Auf die Knie und danket ihm! Alle Scheiße, die wir täglich erleben, ist “nicht mein Tisch, sorry, Kollege kommt gleich”.
“„Gott, warum lässt du das zu?“ Das ist meistens der Satz, der unsere Tageszeitungen ziert, wenn etwas Schreckliches passiert ist. Gott allerdings würde uns dieselbe Frage stellen: Mensch, warum lässt du soviel Leid zu?”
Ahhh, die bequeme “Der Mensch verursacht des Menschen Leid”-Argumentation. Die leider nicht greift, wenn es um behindert geborene Kinder geht. Um hunderttausend Unschuldige, die vom Tsunami weggespült wurden. Um Pest, Erdbeben, Vulkanausbrüche und Fehlgeburten. Wo ist da des Menschen Schuld? Und wo Gottes Verantwortung?
24) “Die Bibel ist in sich stimmig – trotz ihrer großen Autorenzahl“. Eine mutige Aussage, vor allem deshalb, weil sie auf breiter Front widerlegt wurde. Das scheinen die Autoren des Bändchens aber irgendwie nicht mitbekommen zu haben.
Ausnahmsweise verweise ich, um den Beitrag nicht noch weiter ausufern zu lassen, auf eine externe Liste mit Widersprüchen in der Bibel. Und diese Grafik zum gleichen Thema ist auch schön:
25) “Samuel Koch: „Sein Wille geschehe!“. Grundgütiger, wir sind bei “Wetten dass…?!” gelandet! Ich kann es nicht verstehen, aber ich respektiere, dass der bei dem Wettunfall verunglückte Samuel sich in den Glauben flüchtet. Sich einem Gott anzudienen, der genau dieses Unglück mit angesehen (nach striker Auslegung der Bibel: verursacht) hat, das will mir nicht in den Kopf. Aber Samuel Koch ist nicht Thema. Thema ist dieser Zynismus, der jedes noch so große Leid zum Mysterium erklärt:
“So bekommt Leid eine neue Perspektive, denn Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, doch weil Gott souverän ist, können wir wissen: Alles dient uns zum Besten. Auch unser Leid.”
Ich kann förmlich den Pfaffen sehen, der dem gelähmten Samuel auf die Schulter klopft und gütig sagt: “Freu dich doch drüber!”
26) “Zeugnisse außerbiblischer Quellen über Jesus”. Das Thema wurde hier schon lang und breit und fruchtlos diskutiert. Deshalb nur soviel: selbst ein historisch belegter Charakter namens Jesus wäre kein Gottesbeweis. Und jeder im Büchlein genannte Geschichtsschreiber stammte aus der Zeit NACH Christus.
27) “Der Mensch hat einen Sinn für Schönheit”. Ein perfektes Beispiel für die “God of the Gaps”-Argumentation, die den Herrgott in jede dunkle Spalte hinein schmuggeln will, die von der Wissenschaft noch nicht ausgeleuchtet wurde. Hier ist es also die Tatsache, dass wir Musik schön finden können, die wohl irgendwie Gott beweist:
Wenn wir Beethoven oder Bach hören, wenn wir die großen Symphonien des Lebens mit dem zugehörigen Sonnenuntergang betrachten, dann wird der größte Wissenschaftler ganz klein und auch er weiß in seinem Herzen um die Sinnhaftigkeit der Schöpfung. Doch ihre Herzen streiten gegen ihren Verstand.
Ich kann kein Gegenargument bringen, weil das kein Argument ist. “Wir finden Musik schön” ist eine Tatsache. Man kann prächtig sinnieren, warum das so ist. Es ist aber eines nicht: ein klares Indiz für die Existenz eines Gottes, oder gar des einen Gottes, den uns die Bibel vorschreibt.
28) “Die Pascal’sche Wette”. Ein Klassiker. Allerdings keiner, der einen auch nur halbgebildeten Atheisten aus der Ruhe bringt. Für alle Nachzügler und Einsteiger hier noch einmal die Annahme des Philosophen Blaise Pascal:
„Ihr sagt: Es gibt keinen Gott. Ich sage: Gott existiert. Es steht also unentschieden! Wenn ihr Recht habt, und es gibt wirklich keinen Gott, was wäre dann mit mir? Eigentlich nichts! Ich würde sterben, und alles wäre vorbei. Ich hätte hier vielleicht nicht alles ausgekostet, was man als unverzichtbar hinstellt. Aber ist das ein so großer Verlust? Wenn es Gott aber gibt, dann wäre alles, wirklich alles, für euch verloren! Ihr würdet sterben und müsstet dann vor Gott Rechenschaft ablegen. Oder glaubt ihr, dass sich Gott eure Ignoranz seiner Person gefallen lässt? Ihr habt dann zwar hier alles mitgenommen und trotzdem alles verloren!“
Ganz simpel gesagt: würde ich nur aus Angst, ich könnte irren, zum Christentum konvertieren, würde mich der “liebe” Gott zu Recht wegen Unaufrichtigkeit in der Hölle schmoren lassen. Er will schließlich echte Hingabe, keine rationale Abwägung. Demnach wäre nicht nur jeder Atheist verloren – sondern auch jeder Atheist, der sich auf der Basis von Pascals Modell bekehren lässt.
Ich habe dem noch einen ganz persönlichen Gedanken hinzu zu fügen, der aus meiner Jugend stammt, als ich offiziell “katholisch” war. Selbst damals habe ich mich dem Dogma der Bibel nicht unterworfen, weil ich überzeugt war, dass Pascal irrt: Gott hat uns als denkende Wesen erschaffen. Auch wenn wir uns seiner Schrift nicht vollends unterwerfen, wird er uns dereinst nach der Rechtschaffenheit unseres Charakters, nach unseren Taten richten. Und ich war schon mit 14 überzeugt, damit eine größere Chance auf die Eintrittskarte zum Himmel zu haben als die frömmelnden, unlustigen Hostienlutscher, die sich aus Angst vor Ihm und der eigenen Verantwortung sklavisch an die Bibel halten. Der Gott, den ich mir damals vorstellen konnte, will keine Ja-Sager – weil er uns nicht als Ja-Sager geschaffen hat.
Okay, damit bin ich durch. Eine intellektuelle Fingerübung, mehr nicht. Bis auf Punkt 21 alles bekannt, alles widerlegt, alles falsch, vieles zynisch und menschenverachtend. Aber das ist ja genau der Kern der Religion: ihre Unveränderbarkeit, die immanent und gewollt ist, verhindert jedes neue Argument, mit dem sie sich verteidigen könnte. Ihre absurde Position ist statisch – und sie bröckelt, weil sich alle anderen wissenschaftlichen und geistlichen Disziplinen weiter entwickeln. Ich würde ja jetzt “Gottseidank” sagen, aber dann heißt es wieder, der Dewi ist schnippisch.
“Wer glaubt, weiß noch mehr” – stimmt. Mehr Unfug.
Wir haben mit einem Buch angefangen, wir sollten mit einem Buch aufhören. Mein Bruder hat mir letztes Jahr Michael Schmidt-Salomons “Manifest des evolutionären Humanismus” geschenkt. Ich habe es verschlungen. Weil es sich nicht an einem Gegner abarbeitet, etwas zu widerlegen versucht, mühsam eine Gegenposition aufbaut. Es ist ein Buch, das Skeptizismus und Atheismus für sich nimmt und aus ihnen heraus das Bild eines freien, modernen und sozialen Menschen entwickelt – ausgehend von der Realität, die uns vielleicht oft nicht schmeckt, aber konkreter ist als die Wunschvorstellungen, an denen das Christentum genau so gescheitert ist wie der Kommunismus. Ich kann dieses Buch allen Lesern ans Herz legen, die mal ganz konkret wissen wollen, wie eine humane Gesellschaft aussehen könnte, die dem Menschen und seiner Natur gerecht wird. Awesome.
Hier findet ihr eine gute und knappe Zusammenfassung des Inhalts.
Neu kommentiert