23
April 2014

Das Wortvogel-Manifest: Wofür ich stehe (1)

Ich glaube, man sollte Stellung beziehen. Sich nicht nur links oder rechts verorten, nicht nur in einzelnen Gesprächen einzelne Standpunkte vertreten. In den letzten Monaten habe ich es als sehr therapeutisch empfunden, auch im Kontext von Facebook-Diskussionen meine eigenen politischen, moralischen und gesellschaftlichen Grundsätze zu präzisieren. Manchmal in Form knapper Leitsätze, manchmal in Form flapsig formulierter Kommentare wie diesem:

Nichts ist radikalisierten Minderheiten so zuwider wie eine zufriedene Mehrheit. In deren Augen ist eine zufriedene Mehrheit immer gleich eine tumbe, hirnlose, ignorante Masse von Schafen, die nicht das Licht sehen will. Dabei ist die Behäbigkeit der Mehrheit das beste Korrektiv gegen den suizidalen Richtungskrieg der Minderheiten. Der Kahn lässt sich eben nicht so schnell von ein paar Freischwimmern in Richtung Eisberg ziehen.”

Das brachte mich auf die Idee, mal – ungeordnet und ohne unterliegendes Gedankenkonstrukt – aufzuschreiben, wofür ich eigentlich stehe. Was ich tun würde, wenn ich nicht nur für mich, sondern für alle entscheiden dürfte.

Vieles ist sicher nicht machbar, so manches nur knapp angedacht, über die Finanzierung habe ich mir nur soweit Gedanken gemacht, dass ich die Ideen nicht für unfinanzierbar halte. Es gibt Gedanken, die werden sicher als politisch unkorrekt gegeißelt, andere als romantisierend beiseite gewischt. Meine Utopie widerspricht internationalen Verträgen, dem guten Geschmack und etablierten Weisheiten.

Das ist mir egal.

Weil ich einfach mal mit euch teilen wollte, was mir manchmal so in den Kopf kommt, wenn ich durch die Straßen laufe, Zeitung lese, Pizza esse. Gedankengänge, die mit “Eigentlich sollte man…” anfangen und mit “Wieso macht man das nicht eigentlich?” enden. Da kommt einiges zusammen.

Es gibt keine Unterteilung, keine Gewichtung. Manche Ideen werden euch banal und nebensächlich erscheinen, andere rütteln an den Grundfesten unserer Gesellschaft. So ist das halt mit Ideen.

Ich werde in den meisten Fällen keine Links zu weitergehenden Diskussionen meiner Ideen posten, weil mir die Reinheit der Ideen wichtig ist. Es geht um Denkanstösse, nicht um das, was in den Gremien klein-klein geredet wird. Ich bin sicher, dass jeder angesprochene Punkt auch seine Kehrseite hat, dass ich viele wichtige Argumente nicht bedacht habe. Darüber können wir dann diskutieren.

Zum Anfang eine Standortbestimmung: Ich stehe zu diesem Land, seinem Grundgesetz, der freiheitlich-demokratischen Ordnung und der sozialen Marktwirtschaft. Ich glaube, dass das System sich bewährt hat, dass die Gesellschaft auch in schwierigen Zeiten nicht zerbrochen ist, dass wir nie das Maximum erreicht, uns aber auch nie mit dem Minimum zufrieden gegeben haben.

Ich glaube, dass niemand weiß, wohin die Reise geht und dass darum so viele Wege wie möglich offen gehalten werden müssen. Das bedingt größtmögliche Freiheit in möglichst allen Belangen. Angst vor der Zukunft, das krampfhafte Beharren halte ich für ebenso unproduktiv wie die überhastete Aufgabe des Erreichten auf der Basis gerade angesagter ökonomischer Trendphilosophien.

Zu einer menschlichen Gesellschaft gehört auch die Verpflichtung, die Schwachen zu stärken, den Armen zu helfen, auf Minderheiten zu hören. Weil “der Markt” und “die Industrie” Empathie als Sinn und Zweck nicht kennen (müssen), ist eine Regulierung im Sinne des Allgemeinwohls nicht nur unumgänglich, sondern als andauernder Prozess unverzichtbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses. Weder die totale Kontrolle noch die totale Deregulierung der Märkte dürfen als Endziel definiert werden, nur eine auf das Wohl der Gesellschaft ausgerichtete Festlegung grundlegender Spielregeln.

Ich glaube, dass extrem rechte, extrem linke und meinetwegen auch extrem obene und extrem untene Philosophien grundsätzlich die menschliche Natur verkennen und geprägt sind von einem aus Selbsthass gespeisten Hass auf die wie auch immer definierte Mehrheit. Dass extremen Kräften das grundsätzliche Interesse am Wohlergehen der gesamten Gesellschaft fehlt.

Damit zu den konkreten Details – und ich fange mal ganz harmlos mit sozialen Themen und der Verpflichtung des Staates gegenüber der Gesellschaft an.

Die drei Faustregeln

Der Staat ist für die Menschen da. Die Industrie ist für die Menschen da. Der Markt ist für die Menschen da. Das Geld ist für die Menschen da. Kein System, kein Konstrukt, keine Struktur hat das Recht auf Selbstzweck, wenn an ihrem Ende nicht das Wohl der Menschen in ihr oder außerhalb winkt. Das gilt erst recht und besonders für den Staat, der als Gemeinschaft gegründet wurde, um ein geordnetes Zusammenleben zu ermöglichen, um seine Bürger zu schützen und die individuellen Freiheiten zu regulieren, damit sich die sozialen Freiheiten entfalten können. Leider habe ich manchmal das Gefühl, die Komplexität des Staates führt dazu, dass die grundlegenden Verpflichtungen des Systems gegenüber dem Subjekt aus den Augen verloren werden.

Weil Grundrechte nicht relativiert werden dürfen, möchte ich angesichts meiner Erfahrungen aus den 70ern, 80ern, 90ern (und den Hits von heute) folgende Faustregeln formulieren, deren Umsetzung Verpflichtung ist und die VOR Militärausgaben, Bündnisverpflichtungen, Industriesubventionen und Steuererleichterungen zu stellen sind:

1) Wer Vollzeit arbeitet, hat ein Anrecht darauf, von dem Lohn nicht nur seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, sondern auch einen Partner, und im Falle einer bescheidenen Lebensführung auch eine Familie ernähren zu können. Eine Entlohnung, die diesem Anspruch nicht genügt, ist rechtswidrig.

2) Wer den größten Teil seines Berufslebens größtenteils Vollzeit gearbeitet hat, hat ein Anrecht darauf, im Alter eine Rente zu beziehen, die einen nachhaltigen Lebensstandard ermöglicht. Eine Rente, die diesem Anspruch nicht genügt, ist rechtswidrig.

3) Wer im Alter pflegebedürftig wird, hat unabhängig von der familiären Situation das Recht auf eine staatliche, menschenwürdige Versorgung bis zum Tode. Es ist die Aufgabe des Staates, zeitig und umfangreich die entsprechenden Pflegestellen und Arbeitsplätze bereit zu stellen. Diese Pflege ist eine Bringschuld und muss vom Staat aktiv angeboten, nicht vom Bedürftigen eingefordert werden.

Kostenloser ÖPNV

Wer jetzt schon “ha – links!” schreit, wird sich im Laufe dieser Artikelreihe noch mehrfach verwundert den Kopf kratzen. Ich halte kostenlose Beförderung in städtischen Bussen und Bahnen für eine sehr offensichtliche und menschenfreundliche Idee, die administrativ nicht nur leicht umzusetzen ist, sondern auch den gesamten Betrieb verschlankt.

Man stelle sich vor: Keine Tickets mehr kaufen müssen, keine Kontrolleure mehr, keine Schwarzfahrer. ÖPNV wird nicht nur preiswerter als die Fahrt mit dem eigenen Wagen – er wird kostenlos. Die Städte werden massiv entlastet, es gibt weniger Verkehr, weniger Staus, weniger Umweltverschmutzung. Und sozial ist es auch noch: Besonders profitieren von der Umstellung auf den kostenlosen Nahverkehr die sozial Schwachen, die Familien, die Menschen ohne eigene Autos oder Motorräder. Da die Umstellung aus Steuergeldern bezahlt wird, zahlen alle für ein Angebot, das allen zur Verfügung steht – wer trotzdem lieber selber hinter dem Lenkrad sitzt, tut das auf eigene Kosten.

Ich würde angesichts der Umstellung das Angebot nicht einschränken, sondern konsequent ausbauen – Stammlinien, die rund um die Uhr bedient werden, konsequentere Bedienung auch ländlicher Gebiete, etc.

Wird das viel Geld kosten? Klar. Aber vergleichsweise wenig, wenn man sich andere Ausgaben im Haushalt anschaut. Und wenn der SPIEGEL mit der Frage “Rekord-Steuereinnahmen: Wohin mit all dem Geld?” aufmacht, hätte ich hier gleich eine mögliche Antwort.

Kostenlose Schulbücher und Schulverpflegung

Zu meine grundlegenden Prinzipien gehört, dass der Staat nicht permanent Geld für Sachen verlangen darf, die mit den Steuern eigentlich abgegolten sein sollten. Auch wenn ich selber keine Kinder habe, halte ich nicht nur Bildung als solche für eine zu garantierende Grundversorgung, sondern auch die angemessene Verpflegung der Schüler und die Versorgung mit den notwendigen Materialien.

Schulverpflegung ist gerade in einer Zeit wichtig, da viele sozial schwache Familien ihre Kinder zu schlecht versorgt in die Schule schicken und Mittelklasse-Familien es aus Behäbigkeit zulassen, dass ihre Kinder sich von kleinauf falsch ernähren. Es ist im Sinne der gesamten Gesellschaft, dass Kinder das Schulessen als Training und soziales Miteinander erleben. Dafür muss das Geld da sein.

Was die Versorgung mit Schulmaterialien angeht: Schulbücher sind Eigentum der Schule und werden an die Schüler verliehen. Das ist kostenlos. Bei der Ausleihe ist das Schulbuch in gutem Zustand – ist es bei der Rückgabe nicht in vergleichbar gutem Zustand (eine gewisse Abnutzung eingerechnet), wird es den Eltern in Rechnung gestellt. Das sorgt auch für eine gewisse Erziehung bei den Kindern.

Mittelfristig glaube ich, dass es sinnvoll ist, von staatlicher Seite aus einen Schulkanon zu entwickeln, der Schülern als Software auf einem schuleigenen Tablet zur Verfügung gestellt wird. Ich halte 10 Kilo im Tornister für überholt, es gibt keinen Grund, warum die Lehrmaterialien nicht auch online verfügbar sein sollten. Ein preiswertes “Schüler-Tablet” (quasi als Nachfolger der Schreibtafel) kann den Schüler im Idealfall über Jahre begleiten, sämtliche Daten in der Cloud sichern und so eine Demokratisierung des täglichen Unterrichts voran treiben.

Zur Finanzierung halte ich “privat public partnerships” für möglich, so lange die beitragenden Firmen sich klaren Regeln unterwerfen, in welchem Rahmen sie die Partnerschaft und das Sponsoring zur Eigenwerbung nutzen dürfen. So habe ich kein Problem damit, wenn McDonalds Schulessen bereit stellt – sofern es gesunde, auf die Bedürfnisse der Schüler abgestimmte Mahlzeiten sind. Auch dürften Apple oder Samsung die Schul-Tablets liefern, so lange sie sicherstellen, dass die darauf laufenden Programme und Inhalte auch auf anderen Systemen problemlos nutzbar sind.

Einschub: Ich halte die Schreibschrift (widerwillig) für überholt und glaube, dass es sinnvoller ist, den Schülern konsequent eine saubere und schnelle Blockschrift beizubringen.

Schulfach Lebenskunde

Ich halte das oft geforderte “Schulfach Medienkompetenz” für zu knapp gedacht. Was fehlt, ist ein Schulfach, in dem die Schüler grundlegende Funktionsweisen der Gesellschaft lernen, die sie außerhalb der Schulmauern erwartet. “Was ist eigentlich eine Steuererklärung?” gehört ebenso dazu wie “Wie funktioniert eine Waschmaschine?” und “Wie bindet man eine Krawatte?”. Mir ist klar, dass damit Erziehungsaufgaben übernommen werden, die normalerweise beim Elternhaus liegen – aber da hakt es eben zu oft.

Reduzierung der Kulturförderung, Förderung von Breitenkultur

Ich halte die Kulturförderung für eine Pervertierung des Kunstgedankens, ein sich selbst den Rücken tätschelnder, milliardenschwerer “circle jerk” aus Systemkünstlern, Fördertopfschmarotzern, eitlen Politikern und von der gesellschaftlichen Realität abgekoppelten “Medienmachern”, denen es primär darum geht, ihr fremdbezahltes Biotop zu erhalten. Es wird konsequent an den Menschen, für die angeblich Kunst geschaffen wird, vorbei produziert. Der Beweis ist leicht erbracht, wenn man sich an einem beliebigen Abend in einem beliebigen Staatstheater, einer Oper oder einem Konzertsaal das Publikum anschaut.

Ich habe kein Verständnis für Theater, die fast jeden Abend voll sind, aber dennoch jährlich Millionensubventionen verlangen – und bekommen. Die selbstverständliche Annahme, Bühnen seien ein Zuschussgeschäft, ist ein Produkt derer, die von den Zuschüssen bequem leben, ohne sich vom Publikum abhängig machen zu müssen.

Kunst muss sich dem Markt und damit dem Zuspruch des Publikums unterwerfen. Wenn sich kein zahlendes Publikum findet, ist es nicht Aufgabe des Staates, die Produktion zu subventionieren. Nur selbst finanziertes Theater ist freies Theater im Sinne einer freien Kunst. Ähnlich wie in den Kirchen hat der Staat in der Kunst nichts verloren.

Es gibt kein “Anrecht” auf kulturelle Einrichtungen. Eine Stadt kann so viele Bühnen unterhalten, wie sich über die Eintrittsgelder finanzieren lassen. Der Steuerzahler finanziert nicht die Abendunterhaltung der Oberschicht. Förderung von Kunst jenseits der Eintrittskarte ist Aufgabe von Mäzenen.

Der Zugang zum nationalen Kulturgut dagegen muss der breiten Masse erleichtert werden. Staatliche Museen müssen grundsätzlich eintrittsfrei sein oder zumindest eintrittsfreie Tage anbieten (siehe London).

Abschaffung der Buchpreisbindung

Die Buchpreisbindung ist, wie das Reinheitsgebot und der Meisterbrief, ein Relikt. Ein bequemes, ein auf den ersten Blick nützliches, aber ein Relikt. Zu seiner Verteidigung wird angeführt, es schütze die romantischen kleinen Buchläden vor den großen Ketten und ermögliche den Produzenten (Autoren wie Verlagen) überlebensfähige Margen.

Tatsächlich entzieht die Buchpreisbindung auf breiter Front die Literatur den Mechanismen des Marktes – genau so gut könnte man die Preise für Obst festlegen und damit rechtfertigen, kleine Obsthändler vor Supermärkten schützen zu wollen.

Die Buchpreisbindung übersieht auch, dass hier ein Produktsegment, nicht sein Inhalt geschützt wird. Nicht jedes Buch ist Literatur, so wie nicht jede TV-Serie Schmutz & Schund ist. Es gibt keinen Grund, warum die “Twilight”-Romane den selben Schutz vor Preisdumping genießen sollten wie die Werke von Doris Lessing.

Auch wenn ich selber dieser Oase im Meer des Preiskampfes sympathisierend gegenüber stehe, halte ich sie für überholt und fällig. Der Buchmarkt wird internationalisiert und digitalisiert, da ist die Buchpreisbindung ein Bremsklotz für ein Produkt, das keine künstliche Protektion braucht – ebenso wenig wie Bier.

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So, das sind die ersten Punkte, bei denen ich Stellung beziehen wollte. Äußert euch, lasst es bleiben, klärt mich auf, straft mich ab – aber tut es mit Respekt und Augenmaß.

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16
April 2014

Lost in Ost: Ein dunkler, einsamer Abend im Osterwieck

Ich bin entwurzelt in diesen Wochen, entfremdet und ruhelos. Nach 25 Jahren aus einer Großstadt in die Provinz gezogen, zwischen Kisten lebend, für meine Zeitschrift viel auf Reisen, Schränke durch Koffer ersetzt. Einpacken, auspacken, waschen.

Osterwieck. Wie bin ich nach Osterwieck gekommen? Eine Reportage. Jemand möchte uns seine Heimat vorstellen, den Harz. Von der Redaktion bin ich halbgar gebrieft: Nur wenige Kilometer bis zur früheren deutsch-deutschen Grenze, ehemals Hochburg sozialistischer Metallverarbeitung, beliebte Wandergegend. Den Brocken kenne ich als „Hexenberg“ aus einem John Sinclair-Roman. Clooney hat hier neulich „Monuments Men“ gedreht.

Ich bin oft genug im Osten gewesen, um nicht überrascht zu sein von der unterschiedlichen Definition des Begriffes Fachwerk-Dorf diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze. Wo in Bayern jeder Ort seine Tradition pflegt, Häuser schön verputzt und Balken sorgsam pflegt, zeigen sich in Sachsen-Anhalt die Folgen von wirtschaftlichem Aderlass und DDR-Mangelkultur. Viele der eigentlich wunderhübschen Häuschen im Stadtkern sind verlassen, einige so windschief, als könne jeder vorbei fahrende LKW sie zum Einsturz bringen. Das Kopfsteinpflaster ist keine bemühte Rückführung in ein traditionelles Stadtbild, sondern buckeliges Überbleibsel, das von unten Stoßdämpfer und Achsen unseres Mietwagens wütend tritt.

Die Präsenz der Vergangenheit ist nicht der Nostalgie geschuldet, sondern der Alternativlosigkeit.

Egal, ich weiß das. Ich war im Vogtland, im Erzgebirge, an der Ostsee, in der Uckermark – jetzt eben der Harz. Ist ja auch eine schöne Gegend, die Heinrich Heine treffend beschrieben hat:

„Auf die Berge will ich steigen, wo die dunklen Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, und die stolzen Wolken jagen!“

Die stolzen Wolken. Sie versauen uns fast den ersten Tag, denn sie bringen Eiseskälte und Hagelschauer, die eine sommerliche Reportage nicht gerade einfach machen. Ich muss im Hemd auf der Straße stehen und Wärme mimen. Es zieht mir in die Knochen, am späten Nachmittag falle ich angezogen ins Hotelbett, dämmere fröstelnd dem Abend entgegen.

Es ist dunkel, als ich wieder halbwegs klar im Kopf bin. Mein Körper knirscht und knarzt, als hätte ich nach einem Erdbeben drei Tage unter Schutt gelegen. Jeder Muskel, jedes Gelenk flüstert: „Liegenbleiben!“. Aber ich habe Hunger. Und Durst. Bis zum Frühstück am nächsten Morgen halte ich nicht durch. Abwechslung dank Internet ist auch nicht gegeben, DSL ist als Dienstleistung hier im tiefsten Harz noch keine Selbstverständlichkeit. 21.15 Uhr schwinge ich meine Beine aus dem Bett und bereue es, bis ich endlich wieder warme Socken und Schuhe an den Füßen habe.

Ich steige die knarrenden Treppen hinunter zur Rezeption. Wenig Licht, Stimmen von irgendwo her, eine altmodische Klingel auf dem Tresen. Im Dämmerzustand zwischen verkühltem Halbschlaf und Hunger komme ich mir vor wie Jack Nicholson, der durch das Overlook-Hotel streift auf der Suche nach den Geistern der Vergangenheit – ich finde sie in Form einer Aushilfe, die mir bestätigt, dass man hier im Hotel um diese Uhrzeit (21.15 Uhr) nicht mehr auf einen Happen Essen hoffen braucht. Woanders im Ort? Na ja, da ist eine Imbissbude auf dem Gewerbegelände zwischen ALDI und Edeka, die hat noch eine halbe Stunde auf. Ich seufze und mache mich auf den Weg.

Der Schritt aus dem Hotel heraus ist ein Schritt zurück in die Jahrhunderte. Straßenlaternen gibt es nur in homöopathischen Abständen und sie provozieren die Verwendung des putzigen Begriffes „Funzel“. Ihr Licht reicht gerade mal, um im Kegel ein Fahrrad anzuschließen. Nicht, dass es hier Fahrräder gäbe. Oder Motorräder. Oder Autos. Das löcherige Kopfsteinpflaster steht befreit von den Geißeln des modernen Individualverkehrs, lädt zum Schlendern in der Straßenmitte ein – auch, um eventuellen Stolperfallen in der Nähe der dunklen und schiefen Fachwerk-Hauswände zu entgehen.

Fenster, sonst in jeder Stadt zuverlässige Lichtspender und Blick in Leben und Stilgefühl fremder Leute, gähnen mich dunkel an. Eins von zwanzig vielleicht ist schwach erleuchtet, in jeder anderen Stadt würde ich Stromausfall vermuten. Nicht hier. In Osterwieck gehen die Stille und die lähmende Antriebslosigkeit des Tages nahtlos in ein bleiernes Wegducken zur Nacht über. Nicht nur die windschiefe mittelalterliche Architektur erinnert mich an alte Vampirfilme, in denen die Menschen zum Sonnenuntergang hastig die Fensterläden schließen und Knoblauch an die Haustür hängen. Ich habe mein Handy im Hotelzimmer gelassen. Wenn ich ich mich in den verwinkelten Gassen verlaufe, habe ich weder Telefon noch Navigation, um den Weg zu Hotel zurück zu finden.

Hunger. Müdigkeit. Kopfschmerzen. Irgendwo gluckert es, ein kleiner Kanal zieht sich durch die Altstadt und ich unterliege der irrigen Annahme, dass sich das Wasser an den Leibern der entsorgten Pesttoten bricht.

Eine Katze kreuzt meinen Weg. Sie bleibt kurz stehen, als wäre sie genau so überrascht wie ich, heute Abend nicht allein in der Innenstadt zu sein. Drei, vier Sekunden warten, abwägen – soll man sich zusammen tun, gemeinsam die untote Entvölkerung des Ortes beweinen? Sie schleicht davon. Das Versprechen eines warmen Ofens irgendwo ist stärker als die Solidarität mit einem Fremden.

Ich sehe – Licht. Nicht das Licht. Ein Licht. Zwei hell leuchtende Streifen links und rechts einer kastenförmigen Struktur von der Größe einer Mülltonne. Ein blauweißes, modernes Strahlen, wie ein freundliches Leuchtfeuer aus der Zukunft – oder wenigstens einer Kreisstadt. Ich gehe näher ran – was kann das sein? Ein EC-Automat, ein Getränkespender, eine Telefonzelle?

Es ist eine Aufladestation für Elektromobile. In einer Stadt, in der ich in so manchem Vorgarten noch Trabbis und Wartburgs habe stehen sehen. In der fließendes Wasser ein erheblich größeres Problem zu sein scheint als fließender Verkehr.

Weiter, immer weiter. Wo ist denn diese Imbissbude? Die Straße vor mir öffnet sich zu einem Kreisverkehr und dahinter, wie ein rund um die Uhr von gleißenden Laternen bestrahltes gelobtes Land – das Gewerbegebiet! Eins wie tausend andere: Parkplätze, Edeka, ALDI, Tedi, kik, Rossmann. Eine Ansammlung von Kaufkomfort, der den gewachsenen Innenstädten wie in Osterwieck das Leben aussaugt, der kleine Geschäfte in Zombies verwandelt mit leeren Schaufenster-Augen, die auf leeres Kopfsteinpflaster starren.

Zwischen Edeka und Rossmann finde ich die „Pizzaria“. Die Tische sind bereits hochgestellt, es wird feucht durchgewischt. 21.40 Uhr – bin ich schon zu spät? Der junge Mann hinter dem Tresen schüttelt entspannt den Kopf. Passt schon. Auch, wenn ich augenscheinlich der letzte Gast des Tages bin. Und der erste? Die verwirrend umfangreiche Speisekarte verspricht Fett, Kohlehydrate, Kalorien in Form von Dönern, Burgern und Pizzen. Ich bestelle eine kleine Pizza Salami „mit ein bisschen mehr Käse“. Eine Coladose nehme ich aus dem bereitstehenden Kühlschrank. Dann wende ich mich dem Fernseher zu, der über der Tür in der Ecke hängt. Irgendein türkischer Musikvideosender, der über Satellit zu schlecht empfangen wird, dass das Bild permanent zerbröselt, stockt und aufpixelt. Ich erkenne Eminem und Rihanna nicht, ich erahne sie. Die Musik dazu gibt mir nicht das Gefühl, etwas zu verpassen.

Nach knapp zehn Minuten bekomme ich die Pappschachtel gereicht, die Coladose stecke ich in die Jackentasche. 5,10 Euro. Ich will nicht gehen, es ist warm hier und hell, es gibt Geräusche. Aus Höflichkeit warte ich, bis ich draußen vor der Tür bin, bevor ich in den Karton schaue. „Ein bisschen mehr Käse“ hat der Imbiss-Typ offensichtlich als Aufforderung verstanden, den gesamten Restkäsebestand auf den Teigrohling zu schaufeln. Bei knapp 4 Zentimeter Dicke kann ich die Salami nicht ausmachen, es sieht eher aus wie ein dampfender Käsekuchen. Soll mir recht sein. Ich  habe ja Hunger.

Rückweg zum Hotel. Jetzt bloss nicht verlaufen. Weil ich schneller gehe als vorhin, höre ich meine Schritt noch lauter von den Fachwerk-Häuserwänden widerhallen, eine einzige Anklage meiner Lärmbelästigung dieses Ortes, der sich für 21.55 Uhr das Recht auf Totenstille gegeben hat. Mir fällt auf, dass ich kein Auto gesehen habe, seit ich aus dem Hotel getreten bin: Niemand ist mir entgegen gekommen, nur die Katze. Ich bin fast enttäuscht, dass sie mir nicht wieder den Weg kreuzt.

Ein Schaufenster. Eine Boutique, die tapfer gegen kik das Banner des eigenverantwortlichen Ladengeschäfts hoch hält. Zwischen den Schneiderpuppen ein Gesicht, ein Mann, der mich freundlich lächelnd anstarrt. Ich erschrecke, trete einen Schritt zur Seite, stolpere fast den Bürgersteig hinunter. Der Mann lächelt weiter, unverbindlich, seltsam bekannt, aber von furchteinflößender Leblosigkeit.

George Clooney.

Die Besitzerin der Boutique (ich bin sicher, dass es eine BesitzerIN ist) hat eine lebensgroße Pappfigur des Hollywood-Stars aufgestellt, sicher in Erinnerung an die Dreharbeiten, die hier im letzten Jahr stattgefunden haben. Und so ist Clooney das einzige menschliche Gesicht, dem ich auf meiner nächtlichen Wanderung durch die Osterwiecker Altstadt begegne. Doch der gefrorene Charme des Pappkameraden macht die Sache nur schlimmer, macht mich noch einsamer. Die Kälte hat sich mittlerweile durch meine warmen Schuhe und die dicken Socke geschlichen, sticht und presst meine Füße.

Ich finde das Hotel, die Rezeption ist verlassen, das Licht dahinter gelöscht. Knarrende Stufen hinauf in den dritten Stock, im Zimmer der vertraute Koffer, mein Macbook, mein Handy, mein Bett. Der Blick aus dem Fenster ist wie ein Rückblick auf meinen Streifzug – dunkel, kalt, leblos, Nie ist mir ein Ort untergekommen, der nach Einbruch der Dunkelheit derart zu zischeln scheint: „Bleib drin… bleeeeib driiiiin….“.

Ich schaue auf meiner Festplatte nach, was ich an Filmen dabei habe. Ich brauche was zum Lachen. Verdammt, brauche ich jetzt was zum Lachen. Die Pizza schmeckt, die Salami hatte sich nur gut versteckt. Irgendwo draußen klappert was auf dem Kopfsteinpflaster. Ich halte kauend inne – hätte ich mit Knoblauch nehmen sollen?

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11
April 2014

Only the biggest thing that ever happened – like, EVER!

Seth Meyers in seiner Late Night Show gestern Abend:

Jep – mein Name bei NBC auf dem Bildschirm, gut leserlich, mit kostenloser und unbezahlbarer Werbung für mein Buch. Das Universum meint es heute gut mit mir.

Und Seth? Yeah, you kinda look like David Gale. Get over it.

Markus Haage vom “Zombie” hat es in einen schönen Bildstreifen verwandelt:

haage

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11
April 2014

Literadelnde Nebenjobs (Nachtrag)

Der Mensch lebt nicht vom Wortvogel allein – und der Wortvogel schon gar nicht. Muss ich erfreulicherweise auch nicht. Trotz meines momentanen Arbeitsvolumens, das beträchtlich ist (dazu nächste Woche mehr), habe ich mich hinreißen lassen, auch mal wieder schreiberische Gastauftritte zu absolvieren.

So konnte ich der Einladung, einen Beitrag für “Topf voll Gold” zu schreiben, nicht widerstehen. Keine Polemik – konkrete Vorschläge zum Problem der Paparazzipresse. Dass diese folgenlos bleiben werden, liegt in der Natur der Sache.

Auch bei Hyperland bin ich mal wieder vertreten. Es geht um iBeacons. Keine Ahnung, was das ist? Lesen und lernen! Erscheint morgen, Link reiche ich nach.

NACHTRAG: Hier ist Hyperland-Artikel.

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9
April 2014

Verspätete Gedanken zu “Captain America 2″

capJa, ich nenne ihn “Captain America 2″. Weil die Unsitte, die Nummerierung wegzulassen, zunehmend für Verwirrung sorgt und weil BEIDE alternativen Titel in meinen Augen Kappes sind. “Captain America: The Winter Soldier”? Abgesehen davon, dass die Bezeichnung “Winter Soldier” im Film keinerlei Bedeutung hat, ist die Figur des “Winter Soldier” weder elementarer Bestandteil der Handlung, noch der tatsächliche Gegner von Cap. Genau genommen ist er ein glorifizierter Henchman. Genauso gut hätte man den dritten Spider-Man “Spider-Man: Sandman” nennen können, oder “Batman & Robin” lieber “Batman: Poison Ivy”. Augenwischerei.

Mit “The Return of the First Avenger” in Deutschland den Helden gar nicht zu nennen, aber einen englischen Titel zu verwenden, an dem sich so manch tumber Kartenkäufer die Zunge brechen dürfte, ist auch kritikwürdig. Vielleicht wäre der Verleih gut beraten, in Deutschland ALLE Marvel-Streifen unter neuen Oberbegriffen umzutiteln, wie Lucas das mit Star Wars und Indiana Jones gemacht hat. Blickt ja keiner mehr durch.

“Captain America 2: The Fall of SHIELD”. Das wär’s gewesen. Oder meinetwegen auch “Captain America 2: Deception”.

Anzumerken sei auch, dass es ein komisches Gefühl ist, in Speyer mit nur sechs zahlenden Besucher in einem Kino zu sitzen, während der Film in den USA gerade die Rekorde bricht und Teil 3 direkt gegen “Superman & Batman” antreten soll. Hätte mir jemand vor 15 Jahren gesagt, dass Captain America, Iron Man und Thor dereinst größere Franchises sein würden als Superman und Green Lantern, ich hätte ihn ausgelacht. Und ihm dann eine aufs Maul gegeben. DC all the way, baby!

Unbestreitbar ist aber, was sich nach den Trailern bereits andeutete: “Captain America 2″ ist ein Monster, eine Film gewordene Actionmaschine, die wie “Avengers” alle Qualitäten eines guten Blockbusters mit ausreichend Respekt vor den Comic-Vorlagen zu grandiosem Popcorn-Entertainment vereint. Da stimmen die Kostüme, die Dialoge, das Posing, die Kampfchoreographie. Umgesetzte Fieberträume 14jähriger Heftchenleser, dicke Muckis, dicke Möpse, shiny shiny.

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Ich hatte erwartet, Marvel würde die ganz große Kohle bei Team-Filmen wie “Avengers” und “Guardians of the Galaxy” raushauen und bei den Solo-Abenteuern eine Nummer kleiner fahren, aber “Captain America 2″ schießt aus allen Rohren, ist genau genommen ein “Avengers 2″, der Iron Man durch Falcon ersetzt und sich weniger um den Captain, dafür mehr um SHIELD dreht.

Bei über zwei Stunden Laufzeit (und zwei Post Credits-Sequenzen, also sitzen bleiben!) hat “Captain America 2″ obendrein noch genug Luft, um auch mal innezuhalten und zwischen den großen Setpieces den Figuren Raum zu geben. Das ist zwar immer noch kein großes Drama, macht aber die übermenschlichen Kostümträger zu mehr als austauschbaren Actionpuppen, die Filme wie “Transformers” und “Battle Ship” bevölkern.

Ich finde sogar, dass Chris Evans ungerechterweise im Schatten von Robert Downey jr. steht – es ist relativ einfach und immer amüsant, das stinkreiche Großmaul zu spielen. Evans gelingt es, einem vergleichsweise simpel konstruierten Hurra-Patrioten mehr Nuancen abzugewinnen, als Kostüm und Herkunft erwarten lassen. Und die Schildschleuderei ist an Coolness fast schon mit Laserschwertern vergleichbar. Go, Cap!

Klar kann man ein paar bequeme Zufälle monieren, ein paar Runden durchs Expositions-Stadion, den eher störenden Drang, Handlungsstränge für die nächsten Teile einzuführen, die HIER eher langweilen – aber das sind Niggeligkeiten in einem Film, der für den Sommer 2014 schon mal einen sehr hohen Maßstab setzt.

Weil ihr ja so gerne Ranglisten diskutiert:

1 & 2 “Avengers” und “Iron Man” gleichauf

3 “Captain America 2″

4 “Iron Man 3″

5 “Thor 2″

6 “Captain America”

7 “Thor”

8 “Iron Man 2″

Fazit: “Captain America 2″ rockt massiv die Hütte und lässt schon mal das Höschen feucht werden für “Amazing Spider-Man 2″ und “Guardians of the Galaxy”.

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P.S.: “Captain America 2″ zeigt auch den Weg, den die bisher extrem fußlahme Serie “Agents of SHIELD” gehen sollte. Bei durchschnittlich zwei großen Marvel-Blockbustern pro Jahr wäre es angebracht, in der Serie eigentlich nur Story-Arcs zu bauen, die direkt im Umfeld dieser Blockbuster angesiedelt sind, die einleiten, aufräumen, ergänzen, vertiefen. Das wird zwar immer mal im kleineren Maßstab versucht, aber es scheitert an mangelnder Konsequenz, lahmen Figuren und drögen Drehbüchern. Eine engere Verzahnung scheint angebracht.

P.P.S.: Notiz an Marvel – wenn ihr Doctor Strange nur als Tease und nicht als Versprechen erwähnt habt, gibt’s Ärger!

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3
April 2014

Die meinungsbildende und meinungshemmende Macht der Minderheiten

Stefan regt sich drüben über Akif Pirinçci auf – als Vorleistung zur Lektüre dieses Beitrages vielleicht sinnvoll.

Pirinçci, Sarrazin, Matussek, Broder: Alle beschreien sie eine empfundene Macht der Minderheiten, eine Diktatur, die der jeweils sehr flexibel definierten Mehrheit ihren Willen aufzwingt und ihr das (hart erarbeitete!) Geld abnimmt. Homosexuelle, Frauen, Ausländer und/oder Hartz 4-Bezieher streben an die Fleischtöpfe, lassen sich vom korrupten Politestablishment durchfüttern, die Rechnung zahlen am Ende “wir alle”, was offensichtlich Homosexuelle, Frauen, Ausländer und/oder Hartz 4-Bezieher nicht mit einschließt. Etwas liberalere Schreihälse substituieren “wir” durch “der Steuerzahler”, maskulin natürlich, die Steuerzahlerin ist durch Mutterschutz und Frauenquote ja selber auf der Seite des Bösen, eine ganze Batterie von Minderheiten versteckt sich in ihrer Mehrheit.

Nicht, dass der andere extreme Flügel sanfter schlagen würde.

Die Linke erkennt keine Volksgemeinschaft an, das Volk als heterogenes, aber dennoch kohäsives System ist ihr im besten Falle suspekt, im schlimmsten Fall zuwider. Unser Land ist in ihren Augen eine Ansammlung gepeinigter Minderheiten, die von vagen Mächten (Industrie, Medien, Politik) um Freiheit und Entfaltung gebracht werden. Der Mangel an Menschlichkeit ist in ihren Augen nur eine Investitionsfrage. Mehr Streetworker, mehr Bürgerbüros, mehr Therapieangebote, mehr Extrawürste. Der Staat als Vollversorger, jeder Anspruch an den Bürger eine Unverschämtheit. Der Unternehmer als “das Schwein” hat zur totalen Enteignung bestenfalls Gnade zu erwarten.

Erst wenn der letzte Baum eine Behindertenrampe hat, der letzte NPD-Ortsverein einen schwulen Kassenmeister wählt, der letzte Formel 1-Grand Prix von einer Frau gewonnen wird, werdet ihr begreifen, dass man Vorurteile nicht wegsubventionieren kann.

Während man rechts im Spektrum jeden Ausländer schon wegen Ladendiebstahls abschieben würde, möchte man links im Spektrum auch jedem Hydranten Bürgerrechte zusprechen und sich Gedanken machen, ob der an ihn pinkelnde Hund nicht vielleicht seine (unantastbar – Verfassung!) Würde beeinträchtigt. Ich weiß immer nie, ob die Linke die mangelnde Empathie der Rechten kompensieren will – oder ob die Rechte eine generelle Luschigkeit der Linken auszugleichen trachtet. Vielleicht sind beide Seiten aber bloß von der eigenen Mannschaft besoffene Fankurven im politischen Stadion und Broder & Co. die Jungs mit dem Feuerzeug an den bengalischen Fackeln.

Die Medien spielen begeistert mit, denn nur Extreme erregen Aufmerksamkeit, nur Abweichung von der Norm lohnt Erwähnung. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte – nichts wäre den schlagzeilengeilen Horden grausiger als Einigung, als Konsens, als gesunder Menschenverstand.

Nun könnte ich sagen: Lasst sie doch quatschen. Lasst den Sarrazin den Untergang der Kulturnation beschwören und die Alice Schwarzer vom Milliardengeschäft der illegalen Prostitution faseln. Was schert’s mich? Ich habe meine eigene Meinung, die in großen Teilen so banal wie mehrheitstauglich ist. Die Plärrer in den Foren und Talkshows, in Essays und an Stammtischen brauchen mich nicht kümmern.

Es ist nur nicht so einfach. Weil es tatsächlich eine Minderheitendiktatur gibt, die den gesellschaftlichen Diskurs in den Schwitzkasten genommen hat. Keine Ausländer, keine Homosexuellen, keine Feministinnen. Die haben genug damit zu tun, zu sein. Es sind ihre Vertreter, ihre lautstarken Aushängeschilder, die nur noch in Schlagworten denken und sehr geschickt darin sind, jeden entsprechend zu taggen, der nicht ihrer Linie folgt.

Wer sich heutzutage äußert, muss eine Seite wählen. Es gibt kein Abwägen mehr, keine Ambivalenz. Die Verortung im politischen Spektrum ist ein “all inclusive”-Angebot, dessen Bändchen am Handgelenk verpflichtend, um ans Büffet zu dürfen. Du kannst 99 mal mit deiner politischen Reisegesellschaft einig sein – wenn du nur 1 mal gegen den Strom sprichst, erwartet dich das Brandeisen des Verräters an der guten Sache. Links und rechts sind monolithische Blöcke, die Abstufung nur in der Intensität, nicht aber beim Inhalt erlauben.

Ich selbst bin oft genug auf die Masche reingefallen. Kennt ihr das Meme “Jemand, der einen Satz mit ‘Ich bin kein Rassist, aber…’ anfängt, wird danach etwas rassistisches sagen”? Weit verbreitet. Lustig. Aber falsch. Und gefährlich. Weil es das Ende einer raffinierten Programmierung ist, die einer fatalen Selbstdenunziation gleichkommt.

Wer nicht für Ausländer ist, ist gegen Ausländer. Hat man das im Diskurs erst mal (so absurd vage es ist) definiert, ist jeder Kommentar, der sich in irgendeiner Weise auch nur ambivalent gegenüber Ausländern zeigt, ausländerfeindlich. Das stimmt natürlich nicht, aber um nicht in den Ruch zu kommen, was gegen Einwanderer zu haben, greift man zum Präfix “Ich meine das gar nicht ausländerfeindlich, aber…”

ZACK:

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Schon hat man selber den Scheinwerfer auf sich gerichtet und auf das folgende Argument eine Zielscheibe gemalt. Hohn und Spott garantiert, Ablehnung auch. Die Diskussion ist mit dem Präfix schon vorbei, weil man sich selber als ausländerfeindlich geoutet hat. Man hält besser die Klappe.

Selbst harmlose Themen wie Windkraft sind nicht mehr neutral diskutierbar. Ich habe vor 30 Jahren gegen Atomkraft demonstriert, für erneuerbare Energien, für ein gesellschaftliches Umdenken. Nun kommen die Windräder – und die gleichen Leute, die “Atomkraft – nein danke!” auf den Jutetaschen tragen, beschweren sich nun über Windkrafträder mit dem gleichen Furor wie über Endlager: Klar brauchen wir die – aber doch nicht hier, nicht bei mir! Versucht man zu argumentieren, dass der Verbrauch von Energie eben auch die Erzeugung von Energie bedingt, ist man sofort ein Büttel der Energie-Lobby, der Multis.

Oder Pirinçci, Sarrazin, Matussek, Broder: Manches, was sie sagen, ist gar nicht so falsch. Gerade Sarrazin arbeitet oft mit konkreten Zahlen, die gerne unter den Teppich gefegt werden. Aber die absurde Übersteigerung ihrer Argumente, die Schlagzeilen und Verkaufszahlen bringen soll, produziert einen automatischen Backlash, der eine konkrete Auseinandersetzung gar nicht zulässt. Man darf nicht ernsthaft (auch nur im Detail) für Pirinçci sein – also muss man gegen Pirinçci sein. Ob man sich auf der Gegenseite wohl fühlt, ist dabei nicht von Belang. Pirinçci selbst hat es unmöglich gemacht, dem womöglich wahren Kern seiner Thesen nachzuspüren, weil man dabei zwangsweise in die Scheiße greift.

Ich nehme das besonders bei Facebook wahr, wo es unmöglich ist, in Diskussionen auch nur kritisch neutral zu bleiben. Neulich musste ich mich über einen ganzen Tag lang virtuell anschreien lassen, weil ich es gewagt hatte, mich zum Thema Cybermobbing zu äußern. Der These, dass CM so ziemlich die Geißel der modernen Jugend sei, widersprach ich nicht einmal – ich stellte nur die Frage in den Raum, ob CM einfach nur normales Mobbing in einem neuen Medium sei oder ob es tatsächlich einen belegbaren Anstieg von Mobbing durch das Aufkommen von Cybermobbing gäbe. Böser Fehler – ich hatte damit schon CM verharmlost und quasi allen Jugendlichen, die weltweit darunter leiden, ins Gesicht gespuckt. Das empfundene Problem wog schwerer als die Frage, ob es tatsächlich existierte.

Unsere Kanzlerin ist ein weiteres perfektes Beispiel: Sie ist das Hassobjekt für links UND rechts. Den Konservativen ist sie zu liberal, verkauft “christliches” Tafelsilber unnötig, lässt sich von den Sozis den Schneid abkaufen. Für die Linke steht sie in den Diensten der Industrielobby, hält schützend die Hand über die Eliten, ignoriert die langfristigen Probleme des Landes. Kohl und Brandt ist das nicht passiert.

Die Marktschreier, die Maulhelden von links und rechts haben die Mitte mundtot gemacht. Weil jede Aussage fast magnetisch ins Extrem gezogen wird, hält man lieber die Klappe. Die Mehrheit wird zunehmend tatsächlich zur vielbeschworenen schweigenden Mehrheit, weil jedes Wort von links und rechts argwöhnisch beäugt und so missliebig wie möglich ausgelegt wird. Nichts ist den Extremen zuwiderer als die Moderaten, die tatsächlich in der Sache abwägen, bevor sie entscheiden. Wer ich nicht zuordnen lässt, für den fehlt der Stempel.

Ich fühle mich als Mensch der Mitte zunehmend allein gelassen, weder auf Demos noch in Talkshows noch im Parlament noch in den Medien vertreten. Ich lebe in einem Land, das zeitgleich Leitnation und Schweinesystem ist, ausbeutet und ausblutet. Was ich sagen kann, wird falsch ausgelegt, weil nur die Unterstellung die Diskussion befeuert, den flammenden Widerspruch als Eigenlob erlaubt.

Wir haben uns das selber eingebrockt. Weil wir spannende Talkshows wollen, in denen es “zur Sache geht” – auch wenn die lautstarke Positionierung der Beteiligten nur die Zuordnung der eigenen Meinung ermöglicht und ein tatsächlicher Austausch von Argumenten gar nicht zustande kommt. Wir begnügen uns mit Tags wie bei Twitter, die es uns ermöglichen, Beiträge von Anderen zu bewerten, ohne sie tatsächlich sichten zu müssen. Wir wissen ja, von wem’s kommt. Und für was der steht.

Das Problem dabei: Wenn wir immer nur die extremen Lager hören, bestimmen die extremen Lager die Diskussion. Sie verteilen die Pfründe durch Klientelpolitik und Vetternwirtschaft, weil ihnen die eigenen Netzwerke wichtiger sind als das Wohlergehen der Allgemeinheit. Die Republik zerfasert, verliert sich in Partikularinteressen und Bürgerbegehren. Dass für große Ziele auch große Einigkeit gebraucht wird, fällt hinten weg.

Die Zahl der Kapitalverbrechen sinkt seit der Kaiserzeit, die Zahl der Verkehrstoten auch, die Zahl der Drogentoten nimmt ebenfalls spürbar ab. Vergleicht man Deutschland 2014 mit Deutschland 1964, wird sehr deutlich, wie weit wir gekommen sind: Aussöhnung mit einstigen Erbfeinden, Anerkennung homosexueller Beziehungen, stärkerer Umweltschutz, deutlich verbesserte Rechte für Frauen, Kinder, Arbeitnehmer, Mieter, Behinderte, etc. Das Land ist reich, tolerant, modern, liberal. Nur leider schert das niemanden, weil es sich nicht mit Ausrufezeichen auf eine Titelseite drucken lässt. Weil man sich nicht in bequemer Empörung darüber selber zum besseren Menschen erklären kann.

Ich wäre froh, man könnte mal von diesem ewigen Lagerdenken weg kommen und sachlich diskutieren, was gemacht werden muss, woran es noch hapert, welche Stellschrauben wir haben. Ich möchte Vorschläge hören und machen können, ohne gleich eines “-ismus” bezichtigt zu werden. Ich möchte Leuten wie Sarrazin und Matussek nicht das Reden verbieten oder sie niederbrüllen, sondern im breiten Diskurs die Argumente zerpflücken. Mir wäre eine Kultur lieber, in der solche Menschen Themen nicht monopolisieren und vergiften können.

Obwohl das hier eigentlich nur als “rant” geplant war, ist es eine prima Einleitung für eine Serie, die ich nächste Woche starten möchte – der Wortvogel erklärt, was er machen würde, wenn er König von Deutschland wäre.

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24
März 2014

Blindflug des Bösen: Fantasy Filmfest Nights 2014 (3)

snowpiercer_poster2Ich hatte in den letzten Wochen nicht einmal Zeit, mich mit der augenscheinlich problematischen Verleihgeschichte von „Snowpiercer“ zu beschäftigen, einer koreanisch-amerikanischen Adaption eines französischen Endzeitcomics, die für den US-Release auf Geheiß von Harvey Weinstein um 20 Minuten erleichtert werden sollte. Nach einem Geek.Aufschrei wurde der US-Edit ad acta gelegt und „Snowpiercer“ kommt wohl ungeschnitten in die deutschen und amerikanischen Kinos. Ob sich das Fandom damit einen Gefallen getan hat, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ich selbst hatte bei dem über zwei Stunden langen Eiszeit-Eisenbahn-Epos mehrfach das Gefühl, man hätte in der Edit-Suite etwas mehr Disziplin walten lassen dürfen.

Die Story ist schnell erzählt: Die ganze Welt ist (menschengemacht) durch eine neue Eiszeit unbewohnbar geworden, der gigantische Zug „Snowpiercer“ fährt mit den letzten Überlebenden seine ewige Route über den Globus. Die Reichen an der Zugspitze lassen es sich gut gehen, während die Armen am Zugende darben. Revolution liegt in der Luft.

Das klingt zumindest ungewöhnlich, erinnert an die sozialkritische SF der 70er wie „Logan’s Run“ und „Soylent Green“, und ist mit Chris, Evans, John Hurt, Jamie Bell, Ed Harris und Tilda Swinton relativ knackig besetzt.

Leider kann das Skript dem Hype nicht die Steigbügel halten, wie so oft. Am Anfang wird trotz der üppigen Laufzeit viel zu wenig erklärt. Nicht mal die grundlegenden Daten zum Zug werden uns gegönnt. Was genau passiert ist, wieso ausgerechnet der „Snowpiercer“ noch läuft, wie es zu der fahrenden Arche kam, um wie viele Menschen es eigentlich geht – das muss sich jeder selbst zusammenreimen.

Was am Anfang fehlt, zieht sich in der Mitte. Viele Dialoge sind blass und redundant, viele Attacken von Wagon zu Wagon zwar vollgepackt mit Action, aber ohne neue Erkenntnisse. Bis zum Showdown kommt der Film inhaltlich nicht voran, Drama wird nur durch das mechanische Meucheln der bekannteren Darsteller erzeugt. Einzig Tilda Swinton hat erkannt, in was für einem absurden Stück sie gelandet ist und lässt als Mischung aus Maggie Thatcher und Helga Feddersen ordentlich die Sau raus.

Abgesehen von ein paar CGI-Landschaften, die an den Fenstern vorbeiziehen, bekommen wir auch nichts von der Eiswelt zu sehen. 99,9 Prozent des Films spielen in den Wagons, ein besonders breites Panorama wird nicht gebaut. Dafür, dass hier „große“ SF dargeboten werden soll, ist „Snowpiercer“ enttäuschend hausbacken – mit ein paar CGI-Shots weniger und Antonio Sabato jr. statt Chris Evans wäre der Film problemlos auch für den Syfy-Channel zu produzieren gewesen.

Damit will ich nicht sagen, dass „Snowpiercer“ schlecht ist. Es gibt immer wieder mal schöne Aufnahmen, sehenswerte Dekoration, einfallsreiche Detail (die Armamputation z.B. hat mir gefallen). Er ist nur nicht der intelligente SF-Kracher, der nach der Vorab-Publicity erwartet wurde. Er ist sehenswert, aber nicht bemerkenswert. Interessant, aber nicht wirklich gut. Mal was Anderes, aber nicht was Besseres. Am ehesten gehört er in meinen Augen in die Kiste mit halbgaren internationalen SF-Großprojekten wie „Aeon Flux“ und „Solar Quest“.

Über das Ende diskutieren wir, wenn mehr Leser den Film gesehen haben.

Vor den nächsten Film haben die Götter den massiven Hunger gesetzt – und nur 12 Minuten, um ihn zu befriedigen. Von Olaf verabschieden, ab ins Auto, auf zu McDonalds (1 Kilometer Luftlinie). Durchfahrtstraße wegen Bauarbeiten gesperrt, Mist, massiver Verkehr auf dem Ring, kein Parkplatz am Rotkreuzplatz. Illegal anhalten, raus, rein, Westernburger und Mozzarella-Sticks (es ist Samstag!), alles in eine Tüte, zum Vorspann wieder ins Kino, eine halbwegs freie Sitzreihe suchen, um mit der Raschelei nicht zu stören. Ich sehe Peter Osteried, aber ich tue es ihm nicht an, neben ihm ein komplettes Menü zu futtern. Anregung an die Festival-Veranstalter: Wenigstens EINMAL am Tag sollte zwischen den Filmen eine halbe Stunde zur Verpflegung bleiben.

enemy_posterVom Remmidemmi des „Snowpiercer“ zum genauen Gegenteil – „Enemy“ ist ein kleiner Low Budget-Streifen, je nach Definition ein 3- oder 4-Personen-Stück direkt aus der kanadischen „Twilight Zone“. Professor Adam Bell stellt fest, dass er mit dem mäßig erfolgreichen Schauspieler Daniel Claire einen exakten Doppelgänger hat. Da trifft es sich gut, dass beide mit ihrem Leben nicht wirklich zufrieden sind und attraktive Frauen haben, die sicher auch nichts gegen ein wenig Abwechslung hätten …

„Enemy“ ist so freudlos wie „Rigor Mortis“ und so hässlich wie „In Fear“ – selten hat Kanada so vergilbt und in den 70ern vergessen ausgesehen. Ein monotoner Streicher-Soundtrack lässt die Figuren wie durch Molasse waten. Menschen begegnen einander, aber statt Dialogen herrscht Sprachlosigkeit auf breiter Front, bleierne Stille. Das bisschen Spannung, das der Film aus der Prämisse zieht, wird wie Kaugummi gedehnt, bis ein völliger WTF-Shot das abrupte Ende einläutet.

Zwar hält „Enemy“ durchaus das Interesse der etwas anspruchsvolleren Zuschauer (gerade nach dem eher auf Remmidemmi versessenen „Snowpiercer“), aber er braucht mit 105 Minuten viel zu lange für eine viel zu magere Geschichte, die so ähnlich von Harlan Ellison in „Shatterday“ deutlich besser und knapper erzählt wurde – mit einem unbekannten Nachwuchsschauspieler namens Bruce Willis:

YouTube Preview Image

Jake Gyllenhaal dürfte für zugesagt haben, weil er mit dem Regisseur vorher “Prisoners” gedreht hat. Weder inhaltlich noch formell sollte ihn „Enemy“ sonderlich gefordert haben. Vielleicht war es die Aussicht, Melanie Laurent mal ausgiebig an die sekundären Geschlechtsmerkmale gehen zu dürfen. It’s a long way from „Brokeback Mountain“…

Fazit: Ein mäandernder, für den Gimmick zu ausgewalzter „kleiner“ Mysteryfilm, der die Geduld der Zuschauer leider nicht mit einer befriedigenden Auflösung belohnt.

Finale. Ich bin selber auch ziemlich am Ende. Aber ich habe neun Filme geschafft, da schaffe ich auch zehn. No retreat, no surrender. Die Tatsache, dass das Festival mit dem neusten Eli Roth-Film endet, ist da fast schon eine zynische Überraschung.

inferno-banner2Es ist bekannt, dass ich mit Eli Roths Welt- und Menschensicht nicht kann, dass ich seine Filme für trendigen Unfug halte, für kalorienfreies Horror-Fastfood. Und tatsächlich passt sich „The Green Inferno“ prima in seine Filmographie ein: Erneut wird die erste Hälfte des Films an ein elend langes und unnötiges Setup lauter schöner Menschen verschenkt, die es ins Ausland treibt, erneut wartet in der Fremde das Grauen – und natürlich geht es dann ab wie Luzie, wenn ein Charakter nach dem anderen mit diebischer Freude und massivem Splatter-Einsatz abgemurkst wird.

So war es bei „Hostel“, so war bei „Aftershock“, so ist es hier. An der Eli Roth-Formel kann man (wie ich schon mal erwähnt habe) eigentlich jedes Genre aufhängen. Diesmal ist es halt der italienische Kannibalen-Film der 70er und frühen 80er Jahre. Schöne, aber unerträglich von sich selbst besoffene Amerikaner landen im schwülen Fiebertraum von Deodato und Bianchi, werden von Eingeborenen, denen ihre hehren Absichten schnurz sind, nach und nach aufgerieben.

Das sieht alles sehr schön aus, ist nach der wie üblich unzulässig gestreckten Einführung auch ziemlich dynamisch inszeniert, angereichert mit einer Sackladung hausgemachtem Schmodder (danke, Berger und Nicotero!). Zynisch lacht das Publikum, wenn die hypochondernde Blondine im Käfig Dünnschiss bekommt oder wenn ein Doofkopp in einen Propeller läuft. Big Fun.

Vielleicht bin ich einfach das falsche Publikum für so etwas. Vielleicht nervt es mich, dass Eli Roth eigentlich immer das gleiche Skript verfilmt und nur den Aufhänger (Erdbeben, Kannibalen) austauscht. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Aliens dran sind.

Das beste, was man über „The Green Inferno“ sagen kann: er hält wach, auch nach neun Filmen in zwei Tagen. Das ist durchaus eine Empfehlung.

Und damit ist/war das Festival zu Ende. Eine breitere Streuung von Genres und Ansprüchen ist wohl kaum vorstellbar. Nicht immer mit den wünschenswerten Ergebnissen, aber es kann halt nicht jeder Film ein Treffer sein. Ich fand es – auch und wegen der Rohrkrepierer – mal wieder extrem spannend und bin ausreichend „vorgewärmt“ für das „große“ Fantasy Filmfest. Diesmal (natürlich) wieder in Berlin.

Kurzes Gesamtfazit: „Witching & Bitching“ als bester Film, „Snowpiercer“ und „The Green Inferno“ als Crowd Pleaser mit begrenzter Haltbarkeit, „Wolf Creek 2“ und „Dead Snow 2“ für die Allesgucker unter den Nerds. Peace out.

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23
März 2014

Blindflug des Bösen: Fantasy Filmfest Nights 2014 (2)

Zweiter Tag der Fantasy Filmfest Nights – die eigentlich Fantasy Filmfest Weekend heißen müssten. Ich habe am Mittag die Wohnung in Schwabing endgültig geräumt, dafür steht nun mein Haus in Obergiesing wieder frei. Dort wird in den nächsten Monaten renoviert, dass die Schwarte kracht. So bleibt mir immer eine Unterkunft, wenn es mich doch mal in die bayerische Hauptstadt treibt.

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Wolf Creek 2“ ist heute der Opener gewesen. An das Original erinnere ich mich nur sehr rudimentär – ein ziemlich zynisch-brutaler Outback-Slasher, der seine Protagonisten wie im Staffellauf krepieren ließ. Teil 2 ist nicht viel anders, es wird nur mehr Aufwand getrieben, der schwarze Humor ist deutlich präsenter und Aussie-Psychopath Mick Taylor steht jetzt im Zentrum des Geschehens. Deutlich zu lange 105 Minuten sehen wir ihm zu, wie er „ausländisches Pack“ mit sadistischer Freude niedermetzelt.

Ja, das sieht schon gut aus, der Outback bietet prächtige Landschaften, die Verfolgungsjagden erinnern teilweise an Duell und Regisseur McLean versteht es geschickt, uns immer wieder im Glauben zu lassen, die Opfer könnten vielleicht doch noch davon kommen. Deutsche Zuschauer bekommen (wie in “Dead Snow 2″) den Bonus einiger holperiger deutscher Dialoge im englischen Originalton.

Trotzdem fehlt etwas – das Geheimnis. Wir steigen mit Mick Taylor in den Film ein, wir kennen ihn und seine Methoden. Es wird nichts enthüllt, es gibt keinen Twist, der Charakter bleibt so blass wie seine Opfer. Dauernd passiert was, mit hoher Geschwindigkeit rast der Plot voran, der am Ende aber keine Handlung ergibt.

Während „Dead Snow 2“ wenigstens versucht, dem Originalkonzept ein paar neue Seiten abzugewinnen, ist „Wolf Creek 2“ zwar professionell produziert, letztlich aber komplett überraschungsfrei. Ein paar kleinere Ausflüge in den Torture Porn/Saw-Bereich sollen wohl die jüngere Generation an Horrorfans ansprechen, mich langweilt so etwas eher.

“Dead Snow 2″, “Wolf Creek 2″ und der per Trailer angekündigte “The Purge 2″ – DAS sind die neuen Horror-Franchises, davon sollen die Nerds noch in 20 Jahren schwärmen? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Es wird stündlich kälter. Vor drei Tagen gab es in Rheinland Pfalz noch den wärmsten Tag im Spät-März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, gerade steht mir der Atem vor dem Gesicht und ich friere. Ich bereue jetzt schon, heute morgen in der Wohnung die Heizung abgedreht zu haben. Wo und was ich essen soll, ist angesichts des straffen Festival-Programms ebenfalls völlig ungeklärt.

Retornados-723476799-largeKommen wir zur kanadisch-spanischen Produktion „Retornados“, die vom Festival-Veranstalter als sein persönlicher Lieblingsfilm angekündigt wurde mit den Worten, da würden auch die härteren Horrorfans ans Heulen kommen. Fat Chance.

„Retornados“ ist kein Zombiefilm, das gleich vorweg. Es ist ein Seuchenfilm, der die Zombifizierung als Background und ständige Bedrohung führt, aber nie wirklich ausformuliert. In dieser nahen Zukunft haben die Menschen gelernt, mit der Infektion umzugehen – eine Injektion am Tag und alles ist okay. Leider geht das notwendige Protein zur Neige und eine synthetische Alternative ist nicht ins Sicht…

In der Tat: Diverse Zuschauer haben geweint, ich hab’s gesehen. Ich selbst habe gegähnt. Mehrfach und von Herzen. „Retornados“ ist ein derart schnarchlangweiliger, auf TV-Format heruntergekurbelter Pseudo-Thriller, dass ich das Lob des Veranstalters schon für Sarkasmus halten muss. Eine Zombie-Apokalypse reduziert auf die tragische Liebesgeschichte eine farblosen urbanen Yuppie-Pärchens – DAS soll der Knaller des Festivals sein? Da verspreche ich mir von „Snowpiercer“ gleich ERHEBLICH mehr.

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Mir fällt auf, dass das Festival sehr schlecht “getaktet” ist – zwischen den Filmen ist oft nur 10 Minuten Pause, Fast Food gibt es in der näheren Umgebung nicht, für Plausch mit Kumpels oder ein gepflegte Pizza ist einfach keine Zeit. Das nervt ein wenig und es schlaucht auch. Die Ktitiken zu “Snowpiercer”,  “Enemy” und “The Green Inferno” liefere ich deshalb morgen früh nach.

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23
März 2014

Blindflug des Bösen: Fantasy Filmfest Nights 2014

Ich bin noch nie so unvorbereitet, so übermüdet und so gestresst zu einem Festival gefahren. Die letzen sieben Tage war ich komplett mit dem Umzug nach Speyer beschäftigt. Ich habe mit meinem Handwerker heute morgen so lange Regale geschleppt und Kisten ausgeräumt, bis ich dringlichst auf die Autobahn musste, um im 350 Kilometer entfernten München nicht zu spät zum ersten Film zu kommen. Auf der Fahrt in die Stadt habe ich bei einem Supermarkt gehalten, um ein paar Notrationen einzukaufen, die mich zwischen den Vorführungen auf den Beinen halten sollen. 13.57 Uhr war ich an der Kasse, um meine Dauerkarte für die nächsten zwei Tage abzuholen. 14.00 Uhr ging das Licht im Saal zum ersten Mal aus.

Heute Nacht werde ich in der leeren alten Wohnung in Schwabing auf einer Matratze übernachten. Diese einleitenden Zeilen schreibe ich in meinem Wagen zwischen der ersten und der zweiten Vorstellung. Wenn es irgendwie geht, werde ich die Pausen nutzen, um meine Kritiken zu formulieren – so nah dran, so roh und so authentisch habt ihr meine Texte noch nie bekommen. Wenn ich es denn überlebe…

Vorab: Ich weiß nicht mal, welche Filme ich sehen werde. Das Programmheft habe ich eben erstmals in der Hand gehabt. Es war keine Zeit, irgendwas zu recherchieren – und das ist auch gut so. Ich gehe gerne frisch ins Kino, lasse mich ungern von Vorabkritiken oder Trailern beeinflussen.

the_sacrament_poster_largeHätte ich gewusst, dass der Eröffnungsfilm „The Sacrament“ ausgrechnet von Ti West ist, dessen „The House of the Devil“ und „Inkeepers“ für mich wirklich Musterbeispiele verfilmter Langeweile waren, vielleicht hätte ich mir auf der Autobahn mehr Zeit gelassen. Man muss sich ja nicht gleich zu Anfang so geißeln, besonders weil die neuste Eli Roth-Produktion noch einen drauf setzt. Es ist ein blitzsauberer Found Footage-Film. Himmel hilf.

Aber oho und aha: „The Sacrament“ entpuppt sich zuerst einmal als relativ zügig inszenierter, straffer Psudodoku-Streifen über das Massaker in einer religiösen Kommune, das offensichtlich an Jonestown angelegt ist. Anfänglich gelingt es Ti West auch, eine erfreulich beunruhigende Balance zu haben – hier trifft der Zynismus der Neuen Medien (in Form des Filmteams) auf fundamentalistische Bodenständigkeit – und der Anspruch auf Wahrhaftigkeit ist nicht so eindeutig, wie es scheint. So ist das Interview mit dem Sektenführer ein cleveres Beispiel für Whataboutism, bei dem beide Diskutanten gleichermaßen im Glashaus sitzen.

Danach geht es allerdings rapide bergab, denn wie schon in seinen früheren Filmen ist Ti West nur daran interessiert, WAS passiert – WARUM es passiert, ist ihm schnurz. Und so erfahren wir rein gar nichts über die Mechanismen der Sekte, über die Beweggründe der Mitglieder. Das, was diese Gruppierungen für Außenstehende so faszinierend macht – die totale Unterwerfung -, bleibt ausgeklammert. Immer wieder werden Andeutungen eingestreut (Drogenmißbrauch, sexuelle Hörigkeit), aber das bleibt unerzählt, vage, beiläufig.

Stattdessen gönnt uns Ti West detaillierte Aufnahmen des Selbstmords/Massakers der „Gläubigen“, befriedigt unsere Sensationsgier, endlich mal zu sehen, wovon wir bisher immer nur die Nachher-Fotos auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen bekamen. Intensiv, ja. Verstörend, auf jeden Fall. Packend dokumentarisch inszeniert, überraschenderweise. Aber auch leer, zynisch und oberflächlich.

Im Gegensatz zu Kevin Smiths „Red State“ ist „The Sacrament“ kein Kommentar, hat keine Meinung und keinen Standpunkt. Er ist nur Auge und Ohr, was in diesem Fall emotional funktioniert, intellektuell und im Nachklang aber ebenso verärgert wie frustriert. Nicht jeder Regisseur, der was zu Zeigen hat, hat auch was zu Sagen. Das ist im Fall von Ti West schmerzhaft offensichtlich.

Und jetzt sind meine zehn Minuten Pause rum, ab ins Kino!

witchingFilm 2: „Witching & Bitching“ von Alex de la Iglesia. Ausgezeichnet mit satten neun Goya, wird das neuste Werk des überdrehten Spaniers allem Hype (den ich verpasst habe) gerecht. Zwei Männer überfallen (mit käsehoher Hilfe) einen Goldladen, die Flucht wird zur Beziehungstherapie, dem Ziel Disneyland haben die Götter einen Ausflug in eine Hexenhochburg in den Weg gestellt.

Eine actionreiche Farce im Spirit von Klimbim, Cthulhu, Rocky Horror Picture Show und Wicker Man, eine smarte Tour de Force zum Thema Geschlechterkampf, in der unsere Gesellschaft perfekt gespiegelt wird: Die Frauen böse, die Männer Pussys – und jede neue Generation muss andere Antworten finden, um den Gender-GAU zu verhindern. Ein Film für Popcorn im Kino und ein Bier bei der Diskussion danach in der Kneipe.

„Witching & Bitching“ muss man vermutlich zwei bis drei mal gucken, um alle Details, Insider-Gags und Subebenen zu verarbeiten. Aber keine Sorge: Das schiere Entertainment, das den Film antreibt, reicht auch für multiple Screenings. Eine echte Offenbarung ist dabei Carolina Bang, die wohl sexieste durchgeknallte Hexe diesseits der Charmed-Schwestern.

In-FearEin paar kalte Hühnchenteile, einen Joghurt und einen Kaffee aus dem Kühlregal später. Ich habe Peter Osteried im Kino stehen gelassen, um diese Zeilen zu schreiben. Nächtlicher Regen prasselt auf die Windschutzscheibe meines Wagens. Das passt ganz gut zu Film 3: „In Fear“. Einer dieser mit Steuervorteilen irgendwo in der britischen Pampa gedrehten „kleinen Thriller“, von denen man auf fast jedem FFF zwei bis drei zu sehen bekommt. Die sind gerne mal positive Überraschungen, einfach weil und wenn sie vom Schema F abweichen. Es geht um ein junges Paar auf dem Weg in ein romantisches Landhotel. Die Beschilderung der Straße ist verwirrend, die Nacht bricht schnell herein, die kuschelige Romantik weicht einer unguten Beklemmung – „Verfahren – der Film“.

Das klingt bis hierher nicht sehr spannend, ist es aber. Der Regisseur versteht es, die Zuschauer zusammen mit den Protagonisten zu verunsichern, er lockt uns in ein Szenario, das wir uns alle gut vorstellen können. Wohin abbiegen, wenn beide Wege immer an den Ausgangspunkt zurückführen? Dazu die Nacht, der Regen, das versiegenden Benzin. Ich war gespannt, worauf das alles hinauslaufen sollte.

Wenig, leider.

Wie so viele Filme hat „In Fear“ eine gute Ausgangsidee, kann aber nach der ersten halben Stunde keinen Saft mehr aus ihr ziehen. Um den dramaturgischen Motor am Laufen zu halten, dreht der Streifen deshalb in sattsam bekanntes Redneck Survival Territorium, orientiert sich an US-Vorbildern und Schockern wie „Wolf Creek“, wenn auch auf sehr bescheidenem Niveau. Es wird zunehmend abstrus, die Plausibilität geht mit dem Ende der ersten Stunde flöten, ab da wartet man nur noch auf den Nachspann.

Zur fortschreitenden Einfallslosigkeit kommt noch der entnervend billige Digitallook, der dem niedrigen Budget geschuldet ist und „In Fear“ eigentlich untauglich für die große Leinwand macht – jede schnelle Szene wird zum Schlierenmatsch, ständige Ultra-Nahaufnahmen müssen mangelnde Möglichkeiten in Sachen Beleuchtung und Kameraführung ausgleichen.

Solide angefangen und dann stark nachgelassen. Schade.

Man kann “In Fear”, das bildete ich mir zumindest mittendrin mal ein, allerdings auch ganz anders “lesen” – als Metapher auf eine Beziehung, die zu Beginn in einen Irrweg gerät, dann durch Außenstehende in Gefahr gebracht wird, am Ende zerbricht und der Protagonistin einen neuen Aufbruch abverlangt. Unterstellt man diese (von mir an den Haaren herbei gezogene) Ebene, dann könnte man zumindest die logischen Patzer entschuldigen. Aber soweit möchte ich nicht gehen.

Und schon wird es Zeit für Film 4 des Tages. „Dead Snow 2“. Vielleicht hätte ich mir vorher „Dead Snow“ mal anschauen sollen? Man wird sehen…

Gesehen.

16521Okay, die Szenen aus dem ersten Film, die dem zweiten vorgestellt werden, lassen mich nicht um das Versäumnis weinen, soviel steht fest. „Dead Snow 2“ schließt inhaltlich nahtlos am Original an, wenn auch mit deutlich mehr Aufwand, dafür aber mit deutlich weniger Schnee.

Die Nazi-Zombies wollen die Ortschaft Talvik dem Erdboden gleichmachen, Held Martin aus Teil 1 (mit einem eher versehentlich angenähten Zombie-Arm) sucht Hilfe bei US-Zombie-“Spezialisten“ und ein paar Untoten Sowjet-Soldaten. Es kommt zum ganz großen Showdown – inklusive Panzer.

Das ist launig, brutal, sehr splatterig und in seinen besten Momenten an Peter Jacksons Frühwerke erinnernd. Der gute Geschmack ist ein Gefangener, der hier definitiv nicht gemacht wird. Teilweise beeindruckt, was für hirnrissige, aber mordsmäßig launige Gags der Regisseur aus der doch recht ausgelutschten Nazi-Zombie-Prämisse noch raus wringt. Das Publikum amüsierte sich prächtig, Festivals und Abende im Freundeskreis sind definitiv die richtigen Gelegenheiten, „Dead Snow 2“ zu konsumieren.

Natürlich kommt kein echtes Drama auf, wirklich spannend ist der Film auch nicht und mitunter nervt diese permanent pubertäre Art, sich auf jeden Kopfplatzer einen zu wedeln, aber da mag auch der Alt-Nerd sprechen, dessen Hitzewallungen angesichts solcher Exzessen irgendwann Mitte der 90er abgeklungen sind.

rigor-mortis-posterUnd schon ist es nach Mitternacht. Den Ausklang des heutigen Tages bildete “Rigor Mortis“, ein Film, der die Nachfolge der chinesischen Spooky-Filme der 80er anzutreten trachtet. Aber schon inhaltlich ist man weit von den Vorbildern entfernt: In einem gigantischen verfallenen Apartment-Hochhaus will sich der ehemalige Filmstar Chin das Leben nehmen. Der letzte einer Ahnenreihe Vampirjäger (denen die Vampire abhanden gekommen sind) rettet ihm das Leben – und schon bald sinnen dämonische Kräfte in den Mauern darauf, sich zu manifestieren.

Oh, boy. Und sowas zur Schlafenszeit. Abgesehen von der beeindruckend trostlosen Darstellung des “urban decay” macht “Rigor Mortis” wirklich gar nichts richtig. Der Film ist ein Sammelsurium an unzusammenhängenden Szenen unzusammenhängender Charaktere, die deprimiert und aller Lebensfreude beraubt durch die Gänge schleichen. Es gibt ein wenig “Ring”-Gegrusel, der hüpfende Vampir wirkt wie ein müdes Zitat, die Action reißt die allgemeine Lethargie auch nicht auf. So etwas wie eine Story tritt gar nicht erst auf und der Fakeout am Ende überrascht keinen FFF-gestählten Besucher.

War es “A chinese ghost story 2012” wenigstens noch gelungen, die Vorbilder technisch akkurat und mitreißend in die Neuzeit zu übertragen, scheitert “Rigor Mortis” schon beim grundlegenden Verständnis dessen, was die Spooky-Filme dereinst so interessant gemacht hat.

Es regnet mittlerweile in Strömen. Ich habe mehr als 10 Stunden im Kino verbracht. Ich bin mehr geschafft als müde, wenig erfreut von der nackten Matratze auf dem nackten Fußboden, die mich gleich erwartet.

Morgen wieder volles Programm, dann schließe ich das Kapitel München nach 24 Jahren. Zum ersten Mal war ich für ein Horrorfilm-Schaulaufen hier, nämlich das “Festival des phantastischen Films 1989″. Zum Abschluss wieder ein Event für die Fans des Genres. Eine gute Klammer. Passend.

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13
März 2014

Face to face mit dem Fehlerteufel

Gerade war ich im REWE hier um die Ecke. Den Kühlschrank fülle ich ja aktuell angesichts des bevorstehenden Umzugs nur noch punktuell. An den Kassen war viel los, es staute sich. Den Grund entnahm ich einem überall aushängenden Zettel, der mich so fassungslos machte, dass ich eine Version gleich mal in die Tasche steckte, um sie mit euch zu teilen:

rewe

Das hat jemand in eine Textverarbeitung getippt, mehrfach ausgedruckt und überall angebracht. Wo war die Rechtschreibprüfung? Warum hat keine Kassiererin was gesagt? Sind die Kunden so maulfaul, dass sie nicht mal freundlich darauf hinweisen können, dass dieses Gestammel schon rufschädigend ist?

Ich will gar nicht über Kultur- und Sprachverfall schwadronieren, aber… eigentlich schon.

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8
März 2014

Werbung in eigener blutiger Sache

Ich hatte es schon angedeutet – die Verkäufe unseres Band-Buches laufen wohl ganz gut, auch die entsprechende Genre-Presse springt auf den Waggon. Wie es aussieht, werden die zwei ganz großen Schwergewichte der Branche uns demnächst noch mit Reviews beglücken, aber da möchte ich nicht vorgreifen.

Gestern habe ich am Bahnhofskiosk erstmal das neue “The Dark Side” erstanden:

band0 KopieEine ganze Werbeseite ist unserem Projekt gewidmet:

band4

But wait – there’s more!

Satte sechs Seiten hat man unserem Buch gegönnt – statt eines Reviews gibt es einen üppigen Auszug zu lesen. Hier nur die erste Doppelseite:

band1 KopieWer sich ernsthaft für unser Buch interessiert, dem empfehle ich aber weiterhin die Investition in das Original – bei “Dark Side” bekommt man für 10,50 Euro 6 Seiten, bei “Empire of the B’s” 377 für gerade mal den doppelten Preis. Das rechnet sich!

Unglaublicherweise gibt es Händler, die unser Buch in den USA für 80 Dollar unter die Leute bringen wollen!

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7
März 2014

Liebe, kranke Sibylle Lewitscharoff…

… ich will mich  gar nicht über Ihre Rede im Dresdner Staatsschauspiel auslassen. Das wäre Heischen nach billigem Beifall, denn welcher Mensch, der sich so nennen darf, würde Ihren ekelhaften und den Menschen verachtenden Thesen schon zustimmen?

Auslassen will ich mich stattdessen über Ihre Entschuldigung, zu der Sie sich nach dem massiven Druck im ZDF-”Morgenmagazin” haben drängen lassen. Weil es eine dieser Entschuldigungen ist, die an Widerwärtigkeit der ursprünglichen Aussage fast ebenbürtig ist, die Sie nicht entlastet, sondern vollends disqualifiziert.

“Das tut mir wirklich leid, der (Satz) ist zu scharf ausgefallen. Ich möchte ihn sehr gerne zurücknehmen, ich bitte darum.”

Das Problem war also nicht die Aussage, Retortenkinder seien lebensunwürdige Halbwesen – Sie haben das nur ein wenig zu straff formuliert? So in der Hitze des rhetorischen Gefechts quasi? Und aufgefallen ist Ihnen, dass man Retortenkinder nicht Halbwesen nennen sollte, erst nach dem bundesweiten Aufschrei?

Selbst wenn ich Ihnen trotz Ihres sprachlichen Geschicks als Schriftstellerin zu Gute halten möchte, dass Sie sich einfach nur mit einer totalen Entschuldigung für eine totale Entgleisung schwer tun – es stimmt nicht. Sie legen gleich nach:

“Den Kindern werfe ich überhaupt nichts vor, sie können nichts dafür, wie sie auf die Welt kamen.”

Genau. Diese kleinen Retortenmonster, die seelenlosen Invitro-Homunculi. Die können nichts dafür, wie widerlich sie sind. Kann man nur Mitleid haben. Wie bei Behinderten und anderem unwerten Leben. Man darf ruhig weinen beim Gnadenschuss. Ja, genau das ist die Denke, die Sie bedienen. Und erzählen Sie mir nicht, das sei Ihnen nicht klar.

Ihnen ist wirklich alles suspekt – Onanie, Homosexualität, Retortenbabys, moderne Medizin und Technik ganz allgemein. Sie haben mit Sicherheit auch kein Smartphone.

“Man sollte stärker diskutieren und sich nicht damit befrieden, dass es diese Medizin gibt – und dann tun wir es eben.”

Menschen, die keine Kinder bekommen können, schenkt die moderne Medizin gesunde Kinder. Darüber sollten wir diskutieren, das sollten wir nicht so einfach machen? Genau genommen sind dann auch Brutkästen Teufelswerk, der Kaiserschnitt ein Eingriff in des Herrgotts Plan?

Etwas glaubwürdiger wäre dieses Gala-Dinner des Kreidefressens auch gewesen, wenn Sie nicht am Tag zuvor noch jede Entschuldigung abgelehnt hätten mit dem schönen Satz

“Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke?”

Doch. Dürfen Sie. Und das ganze Land darf Ihnen danach sagen, für was es Sie hält.

Kurzum: Sie haben sich nicht entschuldigt. Sie haben sich dessen bedient, was ich “die amerikanische Formel” nennen – eine Formulierung, die vorschnell als Entschuldigung missverstanden wird, in Wirklichkeit aber die eigene Position noch unterstreicht: “Es tut mir leid, wenn ich Dinge gesagt habe, die missverstanden wurden”.

Mir erscheint offensichtlich, was hier schief gelaufen ist. Sie hatten gedacht, nach Sarrazin und Matussek wäre der Boden bereitet für klerikalfaschistoiden Menschenhass, der keine andere Quelle haben kann als den Selbsthass. Sie hatten gehofft, im Fahrwasser Ihrer Rede würden sich Gleichgesinnte finden, würde ein dumpfes “endlich sagt’s mal wer!” durch die Republik kradolfen. Nur leider haben Sie sich dafür Thesen ausgesucht, die nicht im Volkswesen widerklingen, sondern eine Therapie dringend angeraten erscheinen lassen.

Es gibt drei Möglichkeiten: Sie haben was an der Klatsche, einen an der Waffel, oder einfach einen Hau. Suchen Sie es sich aus.

Und nun versuchen Sie, ans sichere Ufer zurück zu paddeln, ohne die Kapitänsmütze abgeben zu müssen. Denn ihr bequemer Business Class-Flug nach Canossa macht klar: Sie haben nicht Unrecht. Sie werden nur zu Unrecht kritisiert. Sind Sie eigentlich mit Alice Schwarzer befreundet?

Ich ende diese Beiträge gewöhnlich mit einem Hinweis auf meine argumentative Überlegenheit. In Ihrem Fall mache ich ein Ausnahme und ende mit einem Versprechen: Sollten wir uns je begegnen, bei einer Lesung oder auf einer Buchmesse – ich werde Ihnen ins Gesicht spucken.

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6
März 2014

Zur Spannung noch die Gänsehaut: 3 Zeilen Horror

Im Internet macht in diesen Tagen dieses Posting die Runde – 20 Horrorstories, die aus maximal zwei Sätzen bestehen.

Da ich gerade an einer größeren Übersetzung arbeite, hielt ich es für eine nette Fingerübung, die Mini-Grusler nicht einfach zu verbreiten, sondern ins Deutsche zu übertragen. Dabei zeigte sich wieder sehr schön, dass zu einer adäquaten Übersetzung mehr gehört als ein Langenscheidt.

Viele Geschichten lassen sich gut übersetzen, wenn auch nicht wortwörtlich – die knappe Spannungskurve und die spezifischen deutschen Satzkonstruktionen verlangen immer wieder Umstellungen und Umformulierungen. Manchmal hilft es, Adjektive einzufügen, die im Original nicht vorkommen (siehe die Geschichte mit dem Spiegel).

Manche Geschichten widersetzen sich regelrecht – an der Mutter bei der Treppe und der Heimkehr zur Freundin habe ich länger gekaut, als die Textmenge ahnen lässt. “Schwer atmen” hadert damit, dass sich ein so kurzer Text in Deutschland nicht äquivalent knapp fassen lässt und die Wirkung dadurch reduziert wird.

Trotzdem bin ich mit dem Ergebnis zufrieden. Englisch mag prägnanter und visueller sein, aber ich finde, an Effekt büßen die Geschichten auch in meiner Muttersprache wenig ein.

Ein dumpfes Hämmern weckte mich aus einem schönen Traum. Danach konnte ich kaum noch das Prasseln der Erde auf den Sarg hören, weil ich so laut schrie.

*

„Ich kann nicht schlafen“, flüsterte sie und kroch zu mir ins Bett. Als ich aufwachte, hielt ich das klamme Kleid in Händen, in dem sie begraben worden war.

*

Ich bring ihn ins Bett, decke ihn zu, und er bittet mich: „Papa, schau doch mal unter dem Bett nach, ob da Monster sind“. Zu seiner Beruhigung tu ich es – und unter dem Bett liegt er, ein anderer er, zitternd und mit flehendem Blick: „Papa, da ist jemand auf meinem Bett!“

*

Nach einem langen Tag kommst du heim, freust dich auf den ruhigen Abend. Deine Hand tastet nach dem Lichtschalter – auf dem bereits eine andere Hand liegt.

*

Ich kann mich nicht bewegen, nicht atmen, nicht sprechen und nicht hören. Es ist so furchtbar dunkel. Hätte ich das geahnt, hätte ich mich einäschern lassen.

*

Ich schlafe niemals ein. Und doch wache ich immer wieder auf.

*

Meine Tochter schreit und weint die ganze Nacht. Ich besuche ihr Grab und bitte Sie, damit aufzuhören – erfolglos.

*

Nach einem harten Tag komme ich heim und finde meine Freundin mit unserem Kind im Arm. Ich weiß nicht, was mich mehr in Panik versetzt – der Anblick meiner verstorbenen Liebsten und ihres tot geborenen Kindes oder die Tatsache, dass jemand in unsere Wohnung eingebrochen ist, um sie hier abzulegen.

*

Auf meinem Smartphone habe ich ein Foto von mir entdeckt, auf dem ich friedlich schlafe. Ich lebe allein.

*

Ich erwachte vom lauten Klopfen auf hartem Glas. Zuerst dachte ich, es sei jemand am Fenster – bis ich merkte, dass es vom Spiegel kam.

*

Mein letzter Blick fiel auf den Radiowecker, der 12:07 anzeigte, als sie ihre langen verrotteten Fingernägel in meinen Brustkorb stieß, während sie mit der anderen Hand meine Schreie erstickte. Ich fuhr aus dem Schlaf hoch und war froh, dass es nur ein Traum gewesen war – dann sah ich den Radiowecker auf 12:06 stehen und hörte, wie sich die Schranktür leise knarzend öffnete.

*

Ich bin mit Katzen und Hunden aufgewachsen, da ist man das kratzende Geräusch an der Zimmertür gewohnt. Seit ich alleine lebe, finde ich es allerdings höchst beunruhigend.

*

In all meinen Jahren in diesem Haus, das kann ich schwören, habe ich mehr Türen geschlossen als geöffnet.

*

Ein Mädchen hörte seine Mutter unten nach ihr rufen und ging zur Treppe. Doch bevor sie den Fuß auf die erste Stufe setzen konnte, packte die Mutter sie am Arm und zog sie ins Schlafzimmer: „Ich habe das auch gehört.“

*

Sie fragte mich, warum ich so schwer atme. Ich atmete nicht schwer.

*

Meine Frau weckte mich letzte Nacht – es sei ein Einbrecher im Haus. Meine Frau wurde vor zwei Jahren von einem Einbrecher ermordet.

*

Das Babyphon weckte mich, als es rauschend die Stimme meiner Frau übertrug, die unser Erstgeborenes in den Schlaf sang. Ich drehte mich müde um und mein Arm strich dabei über den Rücken meiner Frau, die ruhig neben mir schlief.

*

Ich war überzeugt gewesen, dass meine Katze einen Sehfehler hat – sie starrte mich immerzu an. Eines Tages wurde mir klar, dass sie in Wirklichkeit etwas direkt hinter mir ansah.

*

Nicht ist schöner als das Lachen eines Kindes – es sei denn, es ist 1 Uhr morgens und man lebt allein.

Eine Geschichte konnte ich gar nicht übersetzen, weil sich mir der erzählerische Kern nicht erschloss. Das hier

She went upstairs to check on her sleeping toddler. The window was open and the bed was empty.

ist ein Vorgang, keine Geschichte. Die Vorstellung mag für eine Mutter schlimm sein, als Horror eignet es sich so isoliert allerdings nicht.

Ersatzweise schenke ich euch die Übersetzung der kürzesten Horrorstory aller Zeiten, natürlich von Fredric Brown, dem Meister der Form:

Der letzte Mensch auf Erden saß allein in seinem Zimmer. Da klopfte es an der Tür…

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25
Februar 2014

Wenn die Zeitschrift Zeitgeschichte wird…

archive2Angesichts meines letzten Beitrages (und einiger davor) dürftet ihr schon gemerkt haben, dass der Wortvogel ein Zeitschriften-Junkie ist, der gerne in uralten Ausgaben wühlt und sich über das Aktuelle von Vorgestern amüsiert.

Wer nur ab und an einen dreckigen Lacher braucht, findet den bei VonGestern. Wem es primär um legendäre Videospiele geht, der ist bei Kultboy richtig.

Wer aber so richtig einsteigen will in das Thema “alte Magazine”, der musste sich bisher entweder die Finger blutig suchen oder auf halb- bis komplett nicht legale Angebote zurück greifen. Dass ich das albern finde und für eine legale Scan-Bibliothek plädiere, habe ich 2008 schon geschrieben.

Mittlerweile hat sich die Situation aber schon ein wenig gebessert – und zwar stickum und an mir vorbei. Bei Archive.org gibt es eine Sektion namens “Magazine Rack“, in der man Zeitschriften vollständig runterladen kann, die von den originalen Rechtebesitzern freigegeben wurden. Und mir ist nicht aufgefallen, was für Schätze sich dort mittlerweile verstecken. So kann man praktisch alle Ausgaben des kultigen Science Fiction-Filmmagazins Starlog auf die Platte holen – die Bibel meiner Nerdjugend!

Nun müsst man jede Ausgabe einzeln laden – das ermüdet. Ein Leser war so nett, mir eine kleine Liste mit allen direkten Adressen zu generieren. Einfach in einen Download-Manager pasten und schon bekommt ihr alle 224 Ausgaben als PDF auf die Platte.

archive1Es gibt auch Einzelhefte und Publikationen, denen nur ein sehr kurzes Leben beschieden war – so ist dieses Sonderheft zum Thema Superhelden von Warren Publishing fast 50 Jahre alt!

Ihr wollt 103 Ausgaben des “Galaxy”-Magazins, in dem von 1950 bis 1980 großartige SF-Belletristik zu lesen war? 87 Hefte mit pubertierendem Schweinkram aus den Tuschekästen der “Heavy Metal”-Zeichner? “Popular Mechanics”? “Omni”? Das “Smegazine” zur britischen SF-Comedyserie “Red Dwarf”? Oder lacht ihr lieber schäbig über die Jugendkultur der 80er und 90er mit “Seventeen”? Da sieht man viele Stars, die jung waren und das Geld brauchten.

archive4Es geht aber durchaus noch weiter zurück und bekommt teilweise schon literaturhistorischen Wert. So stehen auch viele, viele Ausgaben des “The Strand”-Magazins aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf den Servern. Darin enthalten: Die Erstveröffentlichungen der “Sherlock Holmes”-Geschichten. Heute fast vergessene Hollywood-Anekdoten zuhauf liefert “Photoplay”, so eine Art “Total Film” der Stummfilmära. Ein Highlight ist sicher auch “Scientific American”, wenn ihr euch für die neusten technologischen Entwicklungen des Jahres 1845 interessiert.

Kurzum: Das “Magazine Rack” ist eine wunderbare Sache für Schmökernasen und Sammler wie mich, reizt zum Kauf eines 15er-Tablets und bietet sinnlose aber spaßige Zeitverschwendung.

Es sei an dieser Stelle außerdem auf das unverzichtbare “Video Watchdog” verwiesen – Tim Lucas hat begonnen, sein legendäres und selbst gebraucht eigentlich immer zu teures Magazin komplett zu digitalisieren. Für Geld zwar, aber das ist es wert.

An dieser Stelle moniere ich schnell und erwartbar noch mal, dass es so etwas nicht in Deutschland gibt. Ich will Komplett-Archive der “Bravo”, der “Quick”, von “Cinema” und “Vampir”! Make it so!

Load and enjoy.

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