Wann immer man dieser Tage von Tarantinos vielbeachtetem neuen Film “Inglorious Basterds” spricht, wird gerne im Nebensatz eingeworfen, es handele sich dabei um das Remake eine obskuren italienischen Kriegsfilms aus den 70ern namens “Inglorious Bastards”. Da ich kürzlich die Gelegenheit hatte, mir “Basterds” anzusehen, entschloss ich mich, auch das Original zu sichten, und beide Filme zu vergleichen.
Ein Haufen verwegener Hunde (aka Dirty 7, aka Inglorious Bastards)
Italien 1978. Regie: Enzo G. Castellari. Darsteller: Bo Svenson, Fred Williamson, Peter Hooten, Debra Berger, Raimund Harmstorf
Frankreich, 1944: Eine Handvoll Deserteure und Kriegsverbrecher soll vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Eine Fliegerattacke gibt Yeager, Canfield und ein paar anderen jedoch die Gelegenheit zur Flucht. Auf dem Weg in die neutrale Schweiz schließt sich ihnen der Deutsche Adolf Sachs an. Es kommt zu einem Scharmützel mit einer Nazi-Patrouille – die sich als eine verkleidete Einheit Amerikaner herausstellt, die im Geheimauftrag das Leitsystem einer V2-Rakete aus einem Zug stehlen sollte. In der Hoffnung auf Begnadigung entschließen sich die “sieben verwegenen Hunde”, den Auftrag selbst auszuführen…
Zuerst einmal gibt es keinen Grund zur Häme – “Inglorious Bastards” ist mitnichten der obskure Billigschrott, für den ihn Kritiker erklären, die ihn offensichtlich selber nicht gesehen haben. Der internationale Cast hat durchaus solides B-Niveau, der betriebene Aufwand an Kostümen und Fahrzeugen (Flugzeuge, Panzer, Züge, Motorräder) ist beachtlich, und die gelegentlich verwendeten Modelle und Matte Paintings können überzeugen. Die Pyrotechniker haben sichtlich Überstunden geschoben – der Film ist eine regelrechte Materialschlacht. “Bastards” punktet besonders bei den vielfältigen einfallsreichen Stunts, die oft genug von den Stars selber ausgeführt wurden.
Natürlich ist die Story banal, und erinnert eher an eine Mischung aus “Dirty Dozen” und den alten Kriegscomics von Marvel – eine Handvoll Geächteter zeigt halt den Nazi-Schweinen, was Sache ist. Aber alles ist schön bunt, die Typen sind cool, und Regie-Veteran Castellari treibt das Geschehen effizient und fettfrei voran. “Bastards” ist ein reinrassiger Actionfilm, der niemals zur Ruhe kommt, und genügend “Twists” aufweist, um auch Zuschauer interessiert zu halten, die Kriegsfilmen sonst gar nichts abgewinnen können (ich zum Beispiel). Es zahlt sich aus, dass der Film in drei gleichermaßen unterhaltsame Teile zerfällt: Einführung und Flucht der “Hunde”, Begegnung mit den Deutschen und Sabotage ihrer Anlagen, und schließlich der große Geheimauftrag als Höhepunkt.
Die Charaktere sind eindeutig-zweidimensional genug gezeichnet, um nach einer kurzen Einführung unterscheidbar zu sein. Und tatsächlich: wenn ein “verwegener Hund” ins Gras beißt, tut uns das wirklich leid.
Obendrauf gute Kameraarbeit, schmissige Musik, und Hundertschaften von Nazi-Komparsen, die mit “aarrgghh!!!” und “iiiihh!!!” in die Rabatten fallen – sicher kein großartiger Film, aber unterhaltsam und routiniert gemacht.
Kurzum: 96 Minuten räudiges Remmidemmi für Genre-Fans.
Inglorious Basterds
USA 2009. Regie: Quentin Tarantino. Darsteller: Brad Pitt, Christoph Waltz, Melanie Laurent, Diane Krüger, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Daniel Brühl, Mike Myers, Eli Roth
Frankreich, 1944. Aldo Raine stellt im Auftrag der Alliierten eine Truppe von Halsdurchschneidern zusammen, deren einzige Aufgabe es ist, Nazis brutal zu massakrieren (und zu skalpieren), um die deutsche Besatzungsmacht in Angst und Schrecken zu versetzen. Das funktioniert auch ganz gut, bis sich eher durch Zufall die ganz große Chance bietet: Hitler selbst hat sich angekündigt, um in Paris der Premiere des Propaganda-Films “Stolz der Nation” beizuwohnen. Eine ideale Gelegenheit, den Führer ins Jenseits zu bomben, und dadurch den Krieg zu beenden. Keiner der Basterds ahnt, dass die jüdische Besitzerin des Kinos einen ganz ähnlichen Plan verfolgt. Und dann ist da noch Gestapo-Mann Landa, der eine gute Nase für Lügner und Verschwörer hat…
Ihr habt es sicher schon gemerkt: mit “Inglorious Bastards” hat “Inglorious Basterds” nicht viel zu tun. Ich würde bestreiten, dass der Film überhaupt als Remake durchgehen kann. Sogar die entliehenen Motive sind so verwässert worden, dass man die Ähnlichkeiten mit der Lupe suchen muss.
Viel schlimmer aber: “Basterds” ist ein echter Tarantino der neueren Schule (also seit “Jackie Brown”). Der Maestro kidnapped ein Genre, das er in seiner Zeit als Videothekar bis zum Umfallen geliebt hat, schmeißt 60 Millionen Dollar, ein paar Stars, und geschliffen-sarkastische Dialoge drauf – und übersieht geflissentlich, dass die Originale funktioniert haben, weil ihre unterhaltsamen Defizite nicht Absicht, sondern produktionsbedingt waren. Blaxploitation (“Jackie Brown”), Grindhouse (“Death Proof”), Hongkong-Action (“Kill Bill”), und Nazi-Action sind nur dann cool, wenn sie einem nicht so penetrant hip, überteuert, und mit ständigem Augenzwinkern in den Hals gerammt werden.

“Basterds” ist totales Chaos, und filmisch gesehen ein praktisch ungenießbarer Eintopf. Statt einer durchgehenden Story erzählt der Film seine Handlung als “Kapitel”, und springt dabei von einer statischen Sequenz zur nächsten – nur um Tarantino ausgiebig Gelegenheit für seine gewohnt souveränen, aber ständig bis ins Exzess überdehnten Dialog-Konflikte zu geben, die unausweichlich in plakativen Gewaltausbrüchen enden. Bewegung zwischen den “set pieces” findet fast nicht statt, Aufwand und Tempo bleiben bis zum (zugegebenermaßen furiosen) Finale im erschreckend überschaubaren Maße.
Auch stilistisch greift der Film immer wieder daneben: die Western-Musik nervt, und ist völlig unpassend, der Vorspann allein hat schon fünf verschiedene Fonts, und immer wieder sind gewollte Stilbrüche kein Zeichen von inszenatorischer Überlegenheit, sondern lediglich genau das – arg gewollte Stilbrüche. Ich bin echt nicht zimperlich, aber die von den Basterds verübten Brutalitäten sind nicht modern-schick, sondern gerne mal eklig. Im erzählerischen Kontext ist das unentschuldbar – denn es gibt keinen.
Kritik an der Story, der Plausibilität, den historischen Details lässt Tarantino gar nicht erst zu, in dem er “Basterds” zu einem “Märchen” erklärt. Darum erübrigt sich jeder Hinweis darauf, dass eine “Brigitte” plötzlich mit “Bridget” unterschreibt, ein Deutscher “Genghis” statt “Dschingis Khan” notiert, und im Pariser Kino ein fast zehn Jahre alter deutscher Film läuft. Von der Tatsache, dass Goebbels niemals einen so plumpen Propaganda-Film wie “Stolz der Nation” unterstützt hätte, mal ganz abgesehen. Und die Deutschen dürfen durch die Bank widerlichstes Vieh sein, für das ein grausamer Foltertod noch eine Gnade darstellt. Ist ja alles nur ein Märchen, alles nicht ganz ernst gemeint.
Schade nur, dass in der unverdaulichen Suppe ein paar wirklich großartige Einzelsequenzen schwimmen, von großartigen darstellerischen Leistungen mal ganz abgesehen. Wer es schafft, Gedeon Burkhard und Diane Krüger überzeugend agieren zu lassen, hat meinen Respekt verdient. Brad Pitt hingegen spielt Aldo Raine (ja, Quentin, schon kapiert – du magst Aldo Ray ganz furchtbar) genauso dünn und lausbübisch grinsend, als hätte von vorneherein verstanden, dass mit der Rolle des coolen Kommandanten kein Staat zu machen ist. Und Til Schweiger als Hugo Stiglitz (ja, Quentin, schon kapiert – du magst Hugo Stiglitz ganz furchtbar) spielt mit dem Facettenreichtum eines Backsteins. Positiv überraschen Melanie Laurent und ausgerechnet Daniel Brühl.
Und Christoph Waltz? Ich gönne ihm den Oscar, den er vermutlich bekommen wird. In der Tat: sein “Hans Landa” ist für Tarantino offensichtlich Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Aber mal ehrlich: ein gefährlich ruhiger, gebildeter, und höflicher Gestapo-Offizier von totaler Amoral, der jederzeit zu cholerischen Ausbrüchen in der Lage ist? Sind die Gestapo-Leute in amerikanischen Filmen jemals ANDERS dargestellt worden? Und muss Tarantino diese Figur gar so offensichtlich super finden?
Total ins Klo gegriffen hat Tarantino allerdings mit der Darstellung von Hitler als hysterischem Schreihals (dagegen war Helge Schneider subtil!), und mit Mike Myers als General Ed Fenech (ja, Quentin, schon kapiert – du magst Edwige Fenech ganz furchtbar), der sich scheinbar aus dem nächsten “Austin Powers”-Film reingebeamt hat.
Das ist aber auch kein Wunder, denn trotz der üppigen Laufzeit hat “Basterds” erschreckend wenig Zeit, seine Charaktere vorzustellen, geschweige denn sie zu entwickeln. Die Helden bekommt ein paar Eigenschaften zugewiesen, der Rest wird in Dialogen abgewickelt. Moralische Fragen, Character Arc, Human Journey? Nicht in diesem Film. Dafür sind Tarantino die 148 Minuten scheinbar noch zu kurz.
Natürlich ist die (wenige) Action gut choreographiert, natürlich ist die Kameraarbeit überzeugend, die Ausstattung prachtvoll – aber wer bei so einem Projekt weniger erwartet hat, sollte woanders spielen gehen.
Ich will gar nicht bestreiten, dass Tarantino eine Ausnahme-Begabung ist: trotz der Lauflänge hat “Basterds” praktisch keine Durchhänger, und im großen Showdown kommt schon Freude auf. Aber es ist Talent ohne Kontrolle, ein zu selbstverliebtes Vertrauen in die eigene Genialität.
Kurzum: 148 Minuten Tarantino-Selbstbeweihräucherung mit sehenswerten Momenten, aber auch widerlicher Gewaltpornographie im Namen der “guten Sache”.
Nun habe ich beide Filme besprochen – kommen wir zum direkten Vergleich.
“Inglorious Bastards” (1978) schlägt “Inglorious Basterds” (2009). Locker. In jeder Beziehung. Er ist kürzer, schneller, aufwändiger (!), kohärenter, effektiver, und kongruent, was Absicht und Ergebnis angeht.
“Inglorious Basterds” hingegen hat zwar Momente von Brillanz und großem Kino, aber diese versauern in einem selbstverliebten Machwerk, das zu lang und zu sehr von sich überzeugt ist. Mit viel mehr Aufwand wurde hier viel weniger erreicht.
Es ist wirklich an der Zeit, dass man Tarantino die Budgets runterkürzt, und seine Laufzeit vertraglich bei 120 Minuten kappt. Endschnitt darf er auch nicht mehr machen. Remakes und Hommagen werden für ihn gesperrt. DANN, dann vielleicht macht Tarantino mal wieder einen Film, der seinem Talent für geschliffenes Charakter-Drama gerecht wird.