29
Apr 2024

Fantasy Filmfest Nights 2024 (13): CONCRETE UTOPIA

Themen: FF Nights 2024, Film, TV & Presse, Neues |

Südkorea 2023. Regie: Um Tae-hwa. Darsteller: Lee Byung-hun, Park Seo-jun, Park Bo-young

Offizielle Synopsis: Eine Katastrophe hat Seoul verwüstet. Nur ein einziger letzter Wohnkomplex steht inmitten des Chaos. Als immer mehr Überlebende panisch ins Gebäude drängen, entbrennt bald eine heftige Diskussion: Dürfen die verzweifelten fremden Männer, Frauen und Kinder bleiben – oder schickt man sie angesichts der rapide zur Neige gehenden Ressourcen nach draußen in den Winter mit Rekordminustemperaturen? Die Gemeinschaft fällt eine folgenschwere Entscheidung.

Kritik: Endlich! ENDLICH ein Film, der eine Wertung im Bereich 8-10 Punkte rechtfertigt! Das wurde aber auch wirklich Zeit – dieses Festival drohte endgültig im Treibsand zu versinken. Nichts ist schlimmer als das Mittelmaß, nichts langweilt und ermüdet Zuschauer und Leser mehr als “ganz nett, aber…”.

CONCRETE UTOPIA macht nicht lange rum, etabliert sein Setting in den ersten Minuten, verschwendet keine Sekunde an Erklärungen für die Katastrophe, konzentriert sich voll auf die Dynamik der handelnden Figuren. In einer Welt schwindender Ressourcen gibt es kein nachhaltiges Leben und Großzügigkeit ist nur einen Hunger von Grausamkeit entfernt. Die Apokalypse schält die zivilisatorischen Lackschichten ab, entlarvt das Schwein, den Feigling, auch die Guten und Gerechten. Aber welchen Sinn macht das in einer Welt ohne Zukunft?

CONCRETE UTOPIA ist einer der seltenen Filme, in denen es nicht stört, dass alles so abläuft, wie man es vom ersten Akt an erwarten kann. Er spielt mit offenen Karten und lässt seine Figuren sehenden Auges ins Elend rennen. Das darf so sein, weil es so sein würde, wenn es so wäre. Der Mensch ist des Menschen Feind. Jede andere Entwicklung wäre unrealistisch.

Der Film sagt viel über die koreanische Zivilgesellschaft aus, über die Gruppenidentität, die Vereinsamung, die Verwahrlosung. Der Block wird streng reglementiert – doch hinter seiner Wohnungstür ist jeder allein. Das hängt auch mit der sehr typischen Apartment-Kultur des Landes zusammen, die ihm Prolog nachvollziehbar erklärt wird.

Was CONCRETE UTOPIA aber zu einem wirklichen Highlight macht, ist die Allgemeingültigkeit als Parabel: Eine wohlhabende Mittelschicht richtet sich ein, schottet sich ab, begründet mit dem “Schutz der Familie” und dem “Schutz der Gemeinschaft” den Raubbau an den Ressourcen der ärmeren Regionen. Man erklärt sich für überlegen und damit im Recht. Die anderen, das sind die “Kakerlaken” – und gerade wir Deutschen kennen ja die Neigung, den “Feind” zu Getier zu erklären, das man zertreten darf.

Das alles ist in starke Bilder gepackt, die trotz der massiven Verwendung von CGI immer real und damit erschütternd wirken. Diese Ruinen sind kein Spielfeld für ein Blockbuster-Märchen, sie sind das Ende eines großen Traums, der Anfang der Frage “was nun?”, auf die keiner eine Antwort hat.

Fazit: Ein langer, aber sehr sehens- und bedenkenswerter dystopischer Film über den Zerfall der Zivilgesellschaft unter extremen Vorzeichen, bemerkenswert gespielt und aufwändig in Szene gesetzt. Der zweite “wichtige” SF-Film nach CIVIL WAR in diesem Jahr. 9 von 10 Punkten.

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Nummer Neun
29. April, 2024 15:57

Bei der Beschreibung musste ich sehr an den französischen Lockdown Tower aus dem vergangenen Jahr denken. Wie schlagen sich die beiden Filme im Vergleich?

noyse
noyse
29. April, 2024 16:35
Reply to  Torsten Dewi

vielleicht ist das ja eine idee für einen eigenen blogbeitrag 😉 “Wir könnten genauso gut tot sein” passt da ja auch rein. den fand ich so schlecht nicht oder auch HAUSEN (als serie)

Thies
Thies
30. April, 2024 17:47
Reply to  Nummer Neun

Lockdown Tower setzt erzählerisch kurze Schlaglichter auf die Bewohner des Hochhauses mit immer größeren Lücken im Zeitablauf. Da wirkt dieser Film von kurzen Rückblenden abgesehen deutlich stringenter.

Nikolai
Nikolai
29. April, 2024 17:47

Was fehlt zum letzten Punkt von 10?

Thies
Thies
30. April, 2024 17:39

Was sagt das eigentlich über die Befindlichkeit der Gesellschaft aus, wenn zwei der besten Filme des Jahres deren Zerfall beschreiben? Und das weder durch Horden von Affen noch durch die Wüste auf Motorrädern durchquerende Banden! 😉
Ich will nicht alle Punkte des Wortvogels wiederholen, daher nur ein kurzer Blick auf die Frauen im Hochhaus. Die Ehefrau des Protagonisten dient als das exemplarische gute Gewissen, aber auch sie bleibt lange stumm solange es ihr gut geht und sie nicht buchstäblich über die Opfer des Wohlstands stolpern muss. Und das Morden und Plündern findet zum Glück auch ausserhalb ihres Blickfelds statt. Trotzdem gehört ihr zurecht das letzte Wort: “es waren ganz normale Menschen.” Das sind sie wahrscheinlich immer, auch und gerade in Zeiten der Barbarei.