Neueinsteiger bitte Teil 1 und 2 lesen!
Ich bin also nun “fester” Programmredakteur, bekomme als Ressort SAT.1 zugeteilt. Im Grunde genommen besteht meine Aufgabe darin, die Programm-Infos (eine ca. 100seitige Auflistung des wöchentlichen SAT.1-Programms mit allen Daten) zu einer Programmspalte nach genauen Vorgaben (z.B. 117 Zeilen à 37 Anschläge) zusammen zu dampfen. Ich muss entscheiden, welcher Spielfilm mit Bild dargestellt wird, Kritiken aus Filmenzyklopädien suchen, Todesdaten eintragen, und viele Schauspieler um ein “(bek. aus “XY”)” ergänzen. Sind alle sieben Spalten für eine Programmwoche abgenommen, kürze ich sie noch für die Bedürfnisse der Schwesterzeitschrift “die2″ ein.
Ich bin deswegen nur in Anführungsstrichen “fester” Redakteur, weil ich den missverständlichen Status “fester Freier” habe. Ein Aufgabengebiet ist mir damit sicher, aber ich arbeite auf Rechnung. Krank feiern, Urlaub nehmen – das geht alles komplett auf meine eigenen Kosten. Krankenversicherung ist ebenso mein Problem wie Rente. Streng genommen ist das rechtlich sehr fragwürdig, und so manches mal sind wir Redakteure uns einig, dass nur mal jemand einen Musterprozess gegen das System anstrengen müsste, um es zu Fall zu bringen. Aber dafür verdienen wir alle zu gut.
In der Tat befinde ich mich in der letzten Phase der “goldenen Ära” klassischer Programmzeitschriften. Zwar erodieren die Auflagen schon ein wenig, seit es die brandneuen und sehr schicken Konkurrenten von TV Movie und TV Spielfilm gibt, aber unser GONG hat als Vollpreisler eine erstaunliche Gewinnmarge, und einen großen Abonnentenstamm. Wer seit teilweise mehr als 20 Jahren hier arbeitet, ist praktisch unkündbar, und verdient ein kleines Vermögen. Vielen Kollegen merkt man beides an.
Bei aller Begeisterung für meinen neuen “Beruf” (wenn man das Abtippen von Programmspalten so nennen will) bin ich natürlich nicht damit ausgelastet, den ganzen Tag “16.00 SAT.1 Blick, 16.30 Zapp mit Frank Laufenberg” in die Tastatur zu hämmern. Weil ich sehr flott und präzise arbeite, kann ich das Wochenpensum in lässigen zweieinhalb Tagen schaffen. Die Leerzeit wird mit den Kollegen verratscht, im Archiv gekruscht – oder bei Presseterminen rumgebracht.

Einer der Vorteile dieser Arbeit ist nämlich: Ständig flattern Einladungen ins Haus, und vielen Kollegen ist der Feierabend zu heilig, um auf Veranstaltungen zu gehen. Mangels eines Freundeskreises in München werde ich bald zum Staubsauger für die a5-Flyer und nehme alles mit, was geht: Drei bis vier Kinobesuche die Woche sind normal, bei RTL “Zum heißen Stuhl” sitze ich ebenso im Publikum wie bei der Präsentation einer neuen SAT.1-Tierdokumentation. Ich bekomme im Arri-Kino die ersten beiden Folgen der “Highlander”-TV-Serie vorgeführt, und futtere mich in der Journalisten-Lounge beim “Glücksrad” durch. Ich erlebe die Gründung des Kabelkanals, und das (vorläufige) Ende von Tele5. Beim Konzert der “New Kids on the Block” überrage ich die Zielgruppe so signifikant, dass ich einen tollen Blick bis zur Bühne habe.
Es ist eine geile Zeit: Ich freunde mich mit einer Praktikantin an, die meinen Filofax (sowas hatte man damals noch) der letzten Leerstellen beraubt: Ich gehe auf Partys, ins Theater, in Konzerte, und in Bars. Geld ist genug da, und vor 10 Uhr brauche ich eigentlich nie in der Redaktion auftauchen. Prüft auch niemand, solange ich meine Arbeit gut mache.

Dienstags findet man eine Handvoll Kollegen und mich meistens zur Happy Hour im “Juleps“, wo wir uns in uanständigem Maße “die Kante geben”. Und am Wochenende hocken wir oft genug in der Redaktion zusammen, weil es da einen Großbildfernseher und Bundesliga live dank Pay-TV gibt.
Ich lerne in dieser Zeit Dinge, die ich früher bestritten hätte: Der Wert eines Kollegen misst sich nicht an seiner Freundlichkeit, sondern an seiner Kompetenz und seinem Willen, diese Kompetenz weiterzugeben. Der Redakteur, der meine Randspalten redigiert, ist ein ziemlich aufgeblasener Wichtigtuer, der auf großer unverstandener Autor machte, aber nie wirklich den Arsch hoch bekommt. Er haut mir jeden Kommafehler mit sadistischem Genuss um die Ohren. Aber genau deswegen entwickle ich den Ehrgeiz, besser zu werden, denn er hat ja RECHT. Manchmal kommen Vertretungen, wenn er in Urlaub ist, die erheblich entspannter an die Endkorrektur gehen – dafür bekomme ich dann einen dreimal so fetten Einlauf verpasst, wenn deswegen ein Tippfehler im gedruckten Heft landet.
Außerdem ist es IMMER ein Vorteil, erfahrenen Kollegen gut zu zu hören, auch wenn sie viel schwadronieren. Die wichtigsten Faustregeln für eine gute Geschichte bekomme ich von einem Textchef, der im Restaurant immer als erstes seinen Kuli rausholt, um die Speisekarte zu redigieren.
Trotzdem ist es nicht immer einfach: Ich bin immer noch ein Muttersöhnchen, immer noch mit dem Herzen (und fast jedes Wochenende) in Düsseldorf, und immer noch Zielscheibe blöder Sprüche früh verbitterter Senior-Redakteure. Eines Morgens komme ich um 10.00 Uhr in mein Büro, nur um völlig irrational von meinem mies gelaunten Programmchef angepflaumt zu werden, warum ich so spät (also so spät wie alle anderen) dran sei. Ich will mich zuerst irgendwie wegducken, aber diesmal habe ich einfach die Schnauze voll, und als er “Wenn es dir hier nicht passt, kannst du ja abhauen!” schreit, klappe ich meinen Koffer zu (ja, es ist die Zeit, in der jeder Depp mit Aktenkoffer rumläuft), und sage entschieden: “Okay, dann mache ich das doch mal”. Der Vorteil: Ich bin “Freier”, er hat keine arbeitsrechtlichen Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Andererseits: Ich bin damit augenblicklich arbeitslos.
Nach drei oder vier verdödelten Tagen beginne ich an der Cleverness dieser Kraftprobe zu zweifeln. Dann ruft der Textchef an: “Der Chef hat gestern Abend völlig besoffen in der Runde kund getan, dass es ihm leid tut – mehr kannst du echt nicht erwarten”. Ich erwarte aber mehr. Trotzdem will ich nicht gar so bockig sein, und mache mich nochmal auf den Weg in die Redaktion, um “Sachen aus meinem Schreibtisch zu holen”. Der Programmchef sieht mich, und knurrt mich nur an: “Wenn du Arbeit brauchst – dein Schreibtisch ist noch frei”. Ich mache mich wortlos dran, die verlorenen vier Tage aufzuholen. Hernach werde ich nicht mehr als “der Jungspund” verarscht.
Ach ja, der Programmchef: Um Sprüche ist er nie verlegen. Urlaubsanträge werden grundsätzlich mit “Entfällt wegen Bodennebel!” abgeschmettert, dumme Fragen mit “Bin ich Jesus – wächst mir Gras aus der Tasche?”, und zu lahme Redakteure mit “Wir machen hier eine Zeitschrift – keinen Kalender!”. Zur Motivation brüllt er gerne mal in unser Büro “Seid ihr Männer oder Mäuse?”, woraufhin wir im Chor und mit erhobenen Fäusten zurück geben: “MÄUSE!”.
Und sogar der aufgeblasene Korrekturredakteur hat seine Spuren in meinem Sprachschatz hinterlassen – noch heute sage ich nach einem langen Arbeitstag gerne vernehmlich: “Alle Zeilen sind, so scheint’s, geschrieben.”
Mittwochs um 11.00 Uhr ist Redaktionskonferenz. Da sitzen die Mantelteil- und die Programmredakteure mit den Chefs beisammen, und die möglichen Themen für das neue Heft werden besprochen. Wir Programmies sind eigentlich nur dazu da, aus den Programminfos vorzulesen, was neu startet. Dann vergibt der Chefredakteur die Artikel an die Mantelredakteure. Ist nicht so spannend, aber es weht immerhin ein Hauch von echtem Journalismus durch das Konferenzzimmer. Irgendwann startet auf SAT.1 die Serie “Superboy“, und als der Chefred fragt, warum das interessant ist, rattere ich eine kurze Historie der Superman-Verfilmungen herunter, die er mit der Frage quittiert: “Meinst du, du kannst eine halbe Seite drüber schreiben?”. So komme ich zu meinem ersten richtigen Artikel für den Gong – den ich gleich (gottseidank unbemerkt) vergeige, weil ich Max und Richard Fleischer verwechsle. Ich schwitze (unter Anleitung eines erfahrenen Kollegen) Blut und Wasser, bis der Text sitzt. Schon zwei Wochen später bekomme ich den nächsten Auftrag: eine halbe Seite über 200 neue Folgen “Nachbarn”.
Der Damm ist gebrochen, ich schreibe in immer kürzeren Abständen kleine und größere Artikel. Ich interviewe Wolf Larson zur neuen “Tarzan”-Serie, fliege nach Hamburg zur Präsentation des SAT.1-Jugendmagazins “Mag”, bin sogar in London vor Ort, als die Besetzung der “Scarlett”-Verfilmung vorgestellt wird (Timothy Dalton!). Flugreisen werden auf Zuruf gebucht, Taxischeine gibt es ohne Nachfrage. Alles sehr lässig, sehr leger.
Es ist schade, dass ich 15 Jahre brauche, um zu begreifen, dass das Leben kaum angenehmer sein kann.
Wie unglaublich viel Geld in der Branche unterwegs ist, kann man auch daran sehen, dass der GONG überall Korrespondentenbüros hat. LA und Hamburg kann ich noch nachvollziehen, aber Paris? London? Frankfurt? Aus dieser Ecke kommt doch praktisch nie ein relevantes Thema. Und wenn doch mal eine Knallerserie in London gedreht wird, ist es allemal billiger, einen Redakteur wie mich kurzfristig dorthin zu schicken. Aber solche Fragen werden gar nicht erst gestellt.
Erfreulich finde ich, dass die Redakteure je nach Kompetenz und Interesse immer wieder auch in anderen Bereichen eingesetzt werden. So kommt eines Tages der Ehapa Verlag auf uns zu – man sucht eine TV-Redaktion, die eine 16seitige Beilage für die “Micky Maus” gestalten kann. Zusammen mit Katrin Kaiser fahre ich nach Stuttgart, befrage Schulklassen, und identifiziere bald eines der Grundprobleme einer solchen Beilage: Soll die Auswahl der Sendung nach dem erfolgen, was die Eltern für den Nachwuchs wollen, oder soll sie sich nach dem Geschmack der Kids selbst richten? Die Differenzen sind beträchtlich: Eltern wünschen sich für ihre Kinder “Sesamstraße” und “Janosch”, während die Zielgruppe selbst schon längst “Knight Raider” und “A-Team” sehen will. Wir entscheiden uns, den Pimpfen den Vorrang zu geben, und die “Spass-TV” wird für eine Weile lange in großer Erfolg.
Irgendwann kommt der Chefred (zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr Markwort) in mein Büro, und klatscht mir ein Heft von Bastei namens “TV Serien-Hits” auf den Tisch: “Was könnten wir damit machen?”. Es stellt sich heraus, dass der GONG-Verlag die Möglichkeit hat, den Titel zu kaufen, und nach eigenem Gusto umzubauen. Aufgrund meiner Serienkenntnisse werde ich so etwas wie ein Entwicklungsredakteur. Das Ergebnis ist die “TV Serien” – ein monothematisches zweiwöchiges Programmmagazin, das von der Soap bis zur Science Fiction alles covert, was da kreucht und fleucht.
Die “TV Serien” wird ein großer Erfolg, und ich schreibe nicht nur die meisten Artikel, sondern bekomme auch eine eigene Kolumne namens “Scharf hingeguckt”. SAT.1 schickt mich mit David Hasselhoff nach Fuerteventura, ich interviewe die ersten Stars, die von “Gute Zeiten Schlechte Zeiten” hervorgebracht werden. Vor Ort sehe ich die deutsche Version von “Eine schrecklich nette Familie” entstehen, und beim Abbruch der Sets von “Star Command” bin ich ebenfalls dabei.
Das ist übrigens kein fetter Pickel an meinem linken Ohr – ich habe zwei Stecker im Fleisch, und meine Haare wachsen erstmals lang genug für einen Pferdeschwanz.
Über 250.000 Ausgaben verkaufen wir alle 14 Tage, und weil ich für jeden Artikel üppig und extra bezahlt werde, spült das zeitweise pro Monat eine fünfstellige Summe auf mein Konto. Zu keiner Zeit wird mir bewusst, wieviel Geld das ist. Geld hat für mich keine nennenswerte Relevanz, solange ich mein Leben komfortabel gestalten kann. Es freut mich lediglich, dass ich mir nun alle Ausgaben der “Cinefantastique” leisten kann, die ich haben möchte. Und Bücher. Ich kaufe VIELE Bücher. Zumeist über amerikanische Filme und Serien. Schierer Platzmangel ist es daher auch, der mich nach zwei Jahren dazu bringt, aus meinem Apartment auszuziehen. Das neue Domizil liegt auf der Nymphenburgerstraße gemütlich in einem begrünten Hinterhof, hat ein Zimmer mehr, und eine Tiefgarage. Ich finde das schon sehr mondän:

Das Beste: keine drei Minuten Fußweg zum Cinema Kino – und damit zum Fantasy Film Fest. Und weniger als zwei Minuten zu meinem liebsten Irish Pub “Fiddler’s Green”.
Mein Ruf als Experte für Science Fiction verbreitet sich nicht nur in der Redaktion, sondern auch nach außen. Grund dafür ist der Anruf eines Kumpels, der in gewisser Weise (mehr darf ich dazu nicht sagen) mit der Synchronisation der Star Trek-Serien zu tun hat. “Star Trek TNG” läuft derzeit mit mäßigem Erfolg im ZDF, und als ich meinen Kumpel an der Strippe habe, teilt er mir mit, dass die neuen Synchronisationsaufträge nicht mehr aus Mainz, sondern von SAT.1 kämen. Ich zähle 2 + 2 zusammen, ziehe dem Privatsender ein (sehr widerwilliges) Statement aus der Nase, und habe eine Exklusiv-Geschichte: SAT.1 wird der neue Haussender von Star Trek!
A propos: Bei Trekkern ist der GONG unter anderem deswegen legendär, weil er in den 70ern Episoden der alten Serie zu Foto-Romanen verwurstet hat. Auch zu den Kinofilmen gab es diese Pseudo-Comics. Die Filmdosen mit den Negativen finde ich irgendwann auf einem zugestaubten Regal im Archiv. Ein Blick in die alten Ausgaben befreit mich allerdings von jeder Nostalgie: Die Fotoromane sind entsetzlich stümperhaft, mit hanebüchenen Dialogen und teilweise gänzlich falschen Bildern (die Enterprise wird fast schon störrisch häufig auf dem Kopf stehend dargestellt). Ich frage meinen Chefred, wer das denn verbrochen habe. Er lacht: “Das habe ich damals mit unserem Kinoredakteur gemacht, wenn die Feier zum Druckschluss durch war. Meistens waren wir total betrunken, und konnten uns am nächsten Tag nicht mal mehr erinnern, was wir da getextet haben”. Soviel dazu.
Zurück zum Thema: Von 1992-1994 bin ich eine wahre “Schreibmaschine”. Ich verfasse einen Artikel nach dem anderen, Interviews, Reportagen, Kritiken, Kolumnen. Ich sauge Wissen auf wie ein Schwamm, ziehe immer mehr Kompetenzen auf mich. Weil ich so ziemlich der Einzige bin, der eine Spielekonsole bedienen kann, darf ich auch Videogames besprechen. Also bekomme ich SNES, Sega Mega Drive, Gameboy – alles “unbefristet” gestellt, plus regelmäßig die neuen Spiele. Sony fliegt mich drei Tage nach Mallorca, damit ich einen neuen Camcorder teste.
Ach ja, der Camcorder-Test: Man drückt uns sieben Journalisten für drei Stunden je ein Gerät in die Hände mit der vagen Aufforderung, dessen Alltagstauglichkeit zu testen. Hinterher sollen die Aufnahmen gesichtet werden. Meine Kollegen filmen allesamt emsig mallorquinische Landschaften. Das ist mir zu wenig – ich schnappe mir den Presse-Sprecher der Firma und improvisierte ein wenig:
Ich weiß, es ist peinlich. Aber das war alles vor Ort und im Augenblick improvisiert, also stellt euch nicht so an. Ist schließlich kostenlos.
Es gibt auch Rückschläge: Irgendwann glaubt Ehapa, die “SpassTV” auch allein erstellen zu können, was ihr baldiges Ende ankündigt. Eines Tages taucht der Chefred persönlich in der Redaktionskonferenz der “TV Serien” auf, und ich ahne schon: Das war’s. Zwar hat sich das Heft gut verkauft, aber es kam zu wenig Geld über Anzeigen rein. Das hat sich nicht gerechnet. Ich vermute, dass das auch daran liegt, dass wir einen unguten Spagat zwischen den wöchentlichen und den täglichen Serien versucht haben. “Star Trek” und “California Clan” gehören einfach nicht in ein Heft.
Irgendwie verzettel ich mich auch langsam, denn zwischen den Artikeln, Kommentaren und Presseterminen schreibe ich weiterhin stur die Randspalten für SAT.1. Urlaub ist praktisch nicht drin, ich schaffe es in diesen Jahren gerade ein mal auf die Malediven, wo allerdings eine Luftblase in der Backenzahnfüllung schmerzhaft verhindert, dass ich auf Tauchgang gehen kann. Ich tanze in der Redaktion auf einem Dutzend Hochzeiten, und langsam aber sicher wird mir schwindelig.
Ich spüre, dass sich was ändern muss. Dass ICH was ändern muss.