06
Jun 2023

Kino Kritik: THE FLASH (no spoilers)

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA 2023. Regie: Andy Muschietti. Darsteller: Ezra Miller, Ben Affleck, Michael Keaton, Sasha Calle, Kiersey Clemons, Maribel Verdú, Antje Traue, Michael Shannon u.a.

Offizielle Synopsis: Barry Allen setzt seine Superkräfte ein, um in der Zeit zurückzureisen und vergangene Ereignisse zu manipulieren. Doch bei dem Versuch, seine Familie zu retten, verändert er versehentlich die Zukunft – und sieht sich plötzlich in einer Realität gefangen, in der General Zod zurückgekehrt ist, mit totaler Vernichtung droht und es keine Superhelden gibt, die zu Hilfe kommen könnten. Barrys einzige Hoffnung besteht darin, einen völlig anderen Batman aus dem Ruhestand zurückzuholen und einen gefangenen Kryptonier zu befreien – wenn auch nicht den, nach dem er eigentlich sucht… Barry muss die Welt retten, in der er sich befindet, um in die Zukunft zurückkehren zu können, die er kennt. Um das zu schaffen, bleibt ihm nur eine Möglichkeit: Er muss um sein Leben rennen. Aber wird es ausreichen, das ultimative Opfer zu erbringen?

Kritik: Boah, das DCEU – was für ein Verhau. Vor genau 10 Jahren mäßg gestartet, dann schwer nachgelassen, mit ein paar launigen Ausreißern in den Solo-Filmen und einem maximalen Debakel in Sachen JUSTICE LEAGUE. Das traditionell stärkere der beiden großen Helden-Aufgebote hat in toto gegen Marvel übel abgestunken. Als DC-Fanboy mit Superman-Tattoo habe ich gelitten.

Der hier und AQUAMAN 2 sollen den Deckel drauf machen – wobei es einige Zeit so aussah, als würde FLASH auf der Zielgeraden noch gekippt (wie BATGIRL), weil Hauptdarsteller Ezra Miller augenscheinlich erpicht darauf war, seinen Ruf und den Ruf des Studios zu besudeln.

Es war also nicht zu erwarten, dass ausgerechnet Leichtgewicht Flash noch mal ordentlich was reißen würde – und dann kamen die Trailer. Und die sahen entgegen allen Erwartungen gut aus. So richtig gut. Grob an der Storyline “Flashpoint” orientiert, die schon in diversen Trickfilmen umgesetzt wurde, wirkte THE FLASH auf einmal bunter, unterhaltsamer und flotter als sämtliche Vorgänger – all that, and Keaton’s Batman too!!!

Kann man dem Film vorwerfen, dass er mit seinem Multiverse (in diesem Fall eher Duoverse) das gleiche Feld beackert wie MARVEL und dass mit SPIDER-MAN: ACROSS THE SPIDERVERSE gerade ein Film in den Kinos läuft, der diverse “plot beats” in vergleichbarer Form abfeiert? Kaum. Ich kann DC verstehen: Die Flashpoint-Saga ist der große Mythos eines ansonsten in der zweiten Liga spielenden Superhelden – keine andere Story aus dem Flash-Universum hätte einen Kinofilm gerechtfertigt, gerade weil die Figur bis vor zwei Wochen (!) in 184 Episoden über die Bildschirme gerannt ist.

Wenn Flash, dann Flashpoint.

Man kann ihm aber vorwerfen, dass sein Versuch, diverse verschiedene DC-Universen unter einen Hut zu bringen, bereits im Arrowverse-Crossover CRISIS ON INFINITE EARTHS thematisiert wurde – inklusive Cameo von Ezra Miller:

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Lassen wir das einfach mal außen vor. Tatsächlich mag ich noch unter dem Einfluss des sehr frischen Kino-Erlebnisses stehen, aber ich sag’s einfach mal: THE FLASH ist der beste DCEU-Film mit einem Justice League-Mitglied. Besser als MAN OF STEEL, als WONDER WOMAN, als AQUAMAN.

THE FLASH wirft genug Ballast vom Snyderverse ab, um zuerst einmal Spaß zu machen. Er ist bunt, er ist flott, er nimmt sich nicht zu ernst, und er gibt dem Helden endlich mal einen glaubwürdigen inneren Konflikt, der all sein Handeln bestimmt. Er reaktiviert und verbindet Elemente aus fast allen DCEU-Filmen, jongliert ein halbes Dutzend Gaststars (und nein, einige ahnt ihr nicht mal), während er eine zunehmend desaströse Zeitreise zum Mittelpunkt einer Handlung macht, deren Höhepunkte eben nicht in den Actionszenen zu finden sind, sondern in den stillen Momenten, wenn die Helden sich mit den Folgen ihres Handelns auseinandersetzen müssen. Der unterliegende Tenor des Films lautet letztlich “they fucked around and found out“.

Der Cast ist durch die Bank exzellent, Michael Keaton ein großer Spaß, Sasha Calle als Supergirl überraschend stark, aber macht euch keine Illusionen – das hier ist Ezra Millers Film. Und er stemmt ihn großartig. Man kann den jungen Barry Allen für etwas überdreht halten und sein Alter Ego für etwas zu plakativ nerdy, aber es gehört viel dazu, als schwacher und gebrochener Charakter einen großen Actionfilm zu tragen. Dieser Flash ist nicht Superman oder Batman – er ist Ballastman und gehört eher auf die Therapeutencouch als in einen multidimensionalen Kampf um das Schicksal der Erde.

Und so ist THE FLASH gleichermaßen lustig und dramatisch und tragisch und pathetisch und nostalgisch und mutig und neu und alt und laut und leise. 144 Minuten mit vielen Highlights, die dem DCEU bisher so schmerzlich abgingen.

Aus einer gescheiterten Franchise noch einen so potenten Film zu quetschen, ist eine Leistung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Und genau deshalb wiegen die Defizite, die ich nun aufzählen werde, nicht so schwer, wie sie klingen.

Die CGI ist in den besten Momenten okay, in vielen aber erschütternd miserabel. Ich habe lange keinen großbudgetierten Film mehr gesehen, dessen Figuren aus dem Computer sich derart künstlich und ungelenk bewegen. Greenscreen, Modelling, Compositing – hier liefern arrivierte und erfahrene VFX-Studios auf breiter Front ihre schwächste Arbeit ab. Die DCEU-Filme hatten nie den teilweise erstaunlichen Naturalismus der besseren MCU-Streifen, aber technisch wirkt THE FLASH auf dem Stand von 2010.

Während ich die Geschichte der beiden Barrys gut erzählt finde, sind Batman, Supergirl, sogar General Zod nur “supporting characters”, denen außerhalb von Barrys Konflikt keinerlei eigener “story arc” gegönnt wird und die teilweise beschämend nonchalant entsorgt werden. Gerade bei der ausreichenden Laufzeit hätte man ihnen etwas mehr Raum gegönnt, zumal THE FLASH im Mittelteil durchaus etwas hängt und damit Platz geboten hätte. Was hier an teilweise absurdem Unfug auf die Leinwand projiziert wird, verursacht gerne mal amüsiertes Kopfschütteln.

Ein paar ruppige Szenenwechsel deuten auch darauf hin, dass man im Schneideraum mehrere Varianten durchgespielt hat, wo der Fokus des Films liegen soll.

Und schließlich die “post credits sequence” – gähn.

Egal. Guter Film. Überraschend guter Film. Mit einem überraschend guten Flash. Lohnt definitiv den Kinobesuch.

Weil es sich anbietet, mache ich demnächst eine Spoiler-Zone für die Details auf.

Wer mehr Hintergrund wissen will, kann sich hier das Presseheft runterladen.

Fazit: Ein etwas überlanges und erstaunlich CGI-schwaches, aber sehr launiges und emotional aufrichtiges Multiverse-Spektakel, das als Solo-Abenteuer zu spät beweist, wie gut das DCEU hätte sein können.

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Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
7. Juni, 2023 10:02

Mal gespannt wie der (und Aquaman) performt. Warner hat ganz schön finanzielle Probleme dank des Mergers mit Discovery.

Last edited 1 Jahr zuvor by Alexander Freickmann
jimmy1138
jimmy1138
18. Juni, 2023 18:23

55 Mio $ in den USA am ersten Wochenende. Das wird am Ende so in der Gegend von 150 Mio$ werden. Weltweit werden es wohl maximal 300-400 Mio $ werden. Bei dem, was der Film gekostet hat, könnte das einer der größten Kinoflops aller Zeiten werden.

jimmy1138
jimmy1138
7. Juni, 2023 14:57

Einerseits spricht es für das Potential von DC, daß mehrere Marvel Projekte z.T. als Antwort auf einen (angekündigtes) DCEU Film konzipiert wurden (Civil War <-> BvS, Eternals <-> New Gods, No Way Home <-> The Flash), andererseits gegen die Führung bei Warner/DC, daß alle diese DCEU entweder nach dem entsprechenden Marvel Film oder gleich gar nicht erschienen.
Ein Problem, das ich bei diesem Film, Aquaman 2 und Blue Beetle sehe – danach wird im DC Universum der Reset-Knopf gedrückt. Die Filme stehen quasi für sich alleine. Ich kann mir da gut vorstellen, daß man da nur mehr das Nötigste investiert hat und deshalb das CGI gelitten hat.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
7. Juni, 2023 21:27
Reply to  jimmy1138

Wie ich schon schrieb, ist Warner grade ganz schön am schlingern. Deswegen wurde Shazam quasi geopfert. Aquaman und Flash müssen zusammen mindestens 1,2 Milliarden einspielen, gut siehts eher ab 1,4 Milliarden aus. Aktuelle Hochrechnungen für Flash sagen 500 Millionen USD voraus. Dann würden alle Hoffnungen auf Aquaman übergehen, dessen erster Teil 1,1 Milliarden gemacht hat. Aber inzwischen hatten wir auch den Heard/Depp Prozess, das halt auch Zweifel schürt, neben dem Ende des Snyderverse und Mamoa offen zugibt, lieber Lobo im neuen DCEU spielen zu wollen.

Blue Beetle, Barbie, Wonka und Dune 2 sind die erhofften Joker in ihrem Programm, aber bis auf Dune 2 sehe ich bei den Filmen jeweils 400 Millionen als bestmögliche Ergebnis.

Matts
Matts
17. Juni, 2023 10:53

Von drei großen Superhelden-Filmen dieses Jahr (kommen noch weitere große in der 2. Hälfte?) ist es definitiv der schwächste. Was aber nicht heisst, das FLASH ein schlechter Film ist, sondern dass GUARDIANS OF THE GALAXY VOL.3 und ACROSS THE SPIDERVERSE so verflixt gut sind.
Mich mich ist es tatsächlich der launigste DCEU-Film neben THE SUICIDE SQUAD. Wäre er mal früher gekommen…
Wie die das durch-die-Zeit-Reisen in FLASH visuell dargestellt wurde, fand ich auch mal erfrischend anders.

jimmy1138
jimmy1138
17. Juni, 2023 12:38
Reply to  Matts

“Von drei großen Superhelden-Filmen dieses Jahr (kommen noch weitere große in der 2. Hälfte?)”

Drei? Abgesehen von Flash, Spiderverse und GotG3 gab’s noch Quantumania und Shazam (der komplett abgesoffen ist). Mit etwas Großzügigkeit kann man Super Mario auch als Superheldenfilm sehen…
Es kommen noch TMNT, Blue Beetle, Kraven the Hunter, The Marvels und Aquaman. Zumindest die letzten zwei Filme sind Forsetzungen von “billion dollar movies”.

Matts
Matts
17. Juni, 2023 16:30
Reply to  jimmy1138

Stimmt. Da sieht man mal, welchen Eindruck QUANTUMANIA oder SHAZAM bei mir hinterlassen haben.
THE MARVELS sieht vom Trailer her schon völlig beliebig aus – den von AQUAMAN 2 hab ich noch nicht gesehen. Aber ich hab jetzt schon den Verdacht, dass beide nicht an die Erfolge ihrer Vorgänger anknüpfen können (welche ich recht gut fand).
Im Fall von BLUE BEETLE und KRAVEN weiss ich überhaupt nicht, was ich davon halten soll…

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
2. August, 2023 11:25

Ein Film, der einiges richtig macht, aber auch vieles falsch. Das ganze Intro war so fremdschämig, ich fühlte mich an den Dr Doom Auftritt in Fant4stic erinnert. Der gewählte CGI Stil in der Speedforce lässt auch zu wünschen übrig.
Aber Ezra Miller hat imo gut in der Doppelrolle funktioniert, gleichzeitig aber auch total fehlgecastet angefühlt. Wirklich gut fand ich die Szenen mit Keaton und vor allem Sasha Calle. Ich habe es auch als sehr positiv aufgenommen, dass sie den größten WTF Moment aus Man of Steel hier gefixt haben.

Vader Ryderwood
Vader Ryderwood
11. Oktober, 2023 01:49

nun auf Amazon, gerade eben, die 4,99 Videoleihgebühr bezahlt und ihn nicht zurückgespult abgegeben. Dreie Worte: We Oh We. Wow. Am Film liebe ich alles. Geben sie uns den Vollmondshot? Ja. Küche Wayne Manor? Grossartig. Intro, Babyschauer? Grandios (Credits) Ich liebe alles an dem Film und habe auch hier in meiner Garage spontanen Szenenapplaus gegeben. Den Superman, den wir nie sahen, nun doch. Diverse Batman, Ben in dem Kostüm, in dem ich ihn mir noch mal wünsche in Dark Knight Returns. Zort, mieser Charakter, guter Actor. Ein Ende der Schlacht, das offen bleiben musste. So viel. Geiler Film! Fetzt!

Last edited 9 Monate zuvor by Vader Ryderwood
heino
heino
16. Oktober, 2023 06:25

Ich kann deiner Analyse nicht viel hinzufügen oder ihr groß widersprechen. Der Streifen ist tatsächlich viel besser geworden, als ich zu hoffen gewagt hatte, und Miller schlägt sich richtig gut. Schade, dass der offensichtlich größere Probleme hat, die einer Therapie bedürfen. Die Tricks – besonders bei – Supergirl – sind teilweise beschämend schlecht und einige “Witze” erstaunlich platt, aber das wird durch das irre Tempo und die Story wett gemacht. Traurig, dass Warner nicht vorher die Kurve gekriegt hat, so hätte das was mit dem DCEU werden können.

Bach
Bach
14. November, 2023 16:42

Ich fand den Film auch unterhaltsam.
Aber ist Flash wirklich ein Superheld der zweiten Reihe? Allein, was sie generell aus dem Thema Geschwindigkeit bei der Figur herausholen, dazu zähle ich auch die Paralleluniversen und die Zeitreisen, ist schon faszinierend.

Der Film hat auch eine interessante Botschaft.