USA 2017. Regie: Zack Snyder. Darsteller: Henry Cavill, Ben Affleck, Gal Gadot, Ray Fisher, Jason Momoa, Ezra Miller, Amy Adams, Amber Heard, J.K. Simmons, Jesse Eisenberg, Jeremy Irons, Willem Dafoe, Robin Wright, Connie Nielsen, Diane Lane, Billy Crudup, Joe Morton, Joe Manganiello u.a.

Offizielle Synopsis: Angetrieben durch sein wiederhergestelltes Vertrauen in die Menschheit und inspiriert durch Supermans selbstloses Handeln, holt Bruce Wayne die Hilfe seiner neu entdeckten Verbündeten Diana Prince ein um einem noch stärkeren Gegner gegenüberzutreten. Gemeinsam machen sich Batman und Wonder Woman an die Arbeit, ein Team von Metamenschen zu rekrutieren und sich der neu erwachten Gefahr zu stellen. Aber trotz dieses bisher nie dagewesenen Bündnisses von Helden – Batman, Wonder Woman, Aquaman, Cyborg und The Flash – könnte es bereits zu spät sein, um den Planeten vor einem Angriff katastrophalen Ausmaßes zu bewahren.

Kritik: Info vorab – 20-30 Besucher bei der Vorpremiere heute Abend. Wenn das ein Indikator ist, sieht es nicht gut aus für „Justice League“. Interessierte Leser sollten auch mal diesen Artikel checken – kann es sein, dass Rotten Tomatoes die Eier fehlen?

Ich gebe zu, dass ich nach den Rohrkrepierern „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ den Besuch dieses Films als Pflichtübung angesehen habe – darum habe ich in stillem Protest auch einen silbernen Spider-Man-Pin getragen:

Rebellion, dein Name sei Wortvogel!

„Justice League“ geht mit schwerem Gepäck an den Start: die beiden vorbereitenden Streifen sind zwar nicht gerade an der Kinokasse gefloppt, aber von Kritik und Publikum mit wenig Begeisterung aufgenommen worden. Wäre nicht „Wonder Woman“ als Ausreißer ein großer Erfolg geworden, hätte man das ganze DC-Universum von Zack Snyder vermutlich schon ad acta gelegt – so wie Universal kürzlich seine Pläne für das Dark Universe rund um Frankenstein, Dracula, die Mumie und Jekyll & Hyde. „Wonder Woman“ hat gezeigt, dass das DC-Universum als dunkler Spiegel von Marvel funktionieren kann, dass die Figuren nicht ohne Grund seit teilweise 80 Jahren jede neue Generation begeistern.

Aber auch „Wonder Woman“ ist es nicht gelungen, das Dickschiff DC in sichere Gewässer zu steuern. Der plötzliche Abbruch der Dreharbeiten durch Zack Snyder, die massiven Reshoots, die Ankündigung von Ben Affleck, aus der Franchise auszusteigen – „Justice League“ schwimmt gegen den Strom, keine Frage. Da war es fast schon Realsatire, als bekannt wurde, dass Henry Cavill in den Reshoots einen Schnäuzer aus einer anderen Rolle digital abrasiert bekam – ist da irgendwas NICHT blöd gelaufen!?

Aber das schert euch nicht. Ihr scharrt schon mit den Hufen, weil ihr unbedingt wissen wollt, ob „Justice League“ die Tragödie zum Triple macht.

Ich will euch nicht lange hinhalten: „Justice League“ ist… gut. Die drei Punkte deuten ein Zögern an, das gerechtfertigt ist, aber dennoch: „Justice League“ ist… gut. Sicher nicht so gut wie die besseren Marvel-Teamups, aber weit besser, als nach „Man of Steel“ und „Batman v Superman“ zu erwarten gewesen war. Es ist den Machern anzumerken und es ist anzuerkennen, dass sie dazu lernen wollen, dass sie die massvisten bisherigen Fehler der Franchise erkannt haben und daran arbeiten.

Das erste Mal hat man das Gefühl, dass nicht nur die Welt, sondern auch die Weltsicht des DC Universums durchschimmert: Im Gegensatz zu Marvel ist die Realität nicht bunt, sie ist grau, brutal und korrupt. Ein Held zu sein bedeutet Verzicht – auf Familie, Freunde, Freiheit und vor allem: auf ein eigenes Leben, das nicht von immer wieder auftauchenden Welteneroberern bestimmt wird. Während bei Marvel die Bösewichte unsere Helden gerne mal bei der Cocktailparty unterbrechen, ist die Wirklichkeit von DC trostlos und vernarbt. Tod und Verderben sind Alltag.

Und so ist das Teamup mehr als nur eine gemeinsame Mission – es ist Sinnfindung und Gruppentherapie unter Gleichgesinnten. Superhelden können keine Freunde haben außer sich selbst. Und letzten Endes ist es das, was „Justice League“ am besten zu erzählen weiß. Der Film ist immer dann gut, wenn die Protagonisten interagieren, wenn sie sich aneinander reiben, miteinander streiten und am Ende doch füreinander einstehen. Im Versuch, Superman zurück ins Leben zu holen, offenbart sich die Angst, vielleicht doch nicht Held genug zu sein, vielleicht doch auf den Übermenschen angewiesen zu sein. Und damit liegen Batman und Wonder Woman nicht falsch. Es ist kein Zufall, dass „Justice League“ in der Wiedergeburt Kal-Els seine vielleicht stärkste Sequenz findet, seinen kräftigsten Moment – und hier braucht es weder den behämmert benamsten Bösewicht „Steppenwolf“ noch das alberne Gewese um die „Mutterboxen“, die schon wie die Infinity Stones und der Tesseract bei Marvel nur beliebige Elemente aus der Comicfilm-Grabbelkiste sind.

Batman, Superman, Wonder Woman, Flash, Aquaman – das große Quintett sitzt. Kräfte und Charaktere sind mit dickem Pinsel gezeichnet, hier sind nicht ausschließlich steroide Haudraufs am Werk. Lediglich Cyborg wirkt noch etwas undefiniert und sperrig, aber das mag daran liegen, dass der Hintergrund noch ein wenig ausgebaut werden muss.

Und wisst ihr was? Das reicht fast schon. Heldenhafte, sympathische, differenziert gezeichnete Figuren, die spannend miteinander und ihrer Umwelt interagieren, sind die halbe Miete großen Unterhaltungskinos.

Aber es reicht eben nur fast. Weil die Charaktere, die sehr deutlich den Stallgeruch von Ersatz-Regisseur Joss Whedon tragen, sich eben durch einen Zack Snyder-Film mit all seinen Nervigkeiten kämpfen müssen. Seien es die konfusen, austauschbaren Actionsequenzen, die teilweise schlampige CGI, die sich keinen Deut um Realismus schert, oder das ganze Steppenwolf-Konstrukt, das ausgeleiert nur die müdeste Story im gesamten modernen Comic-Kino bedient: Bösewicht X braucht Gegenstand Y, um durch das Ereignis Z die Welt zu beherrschen und/oder zu vernichten (das Endziel von Steppenwolf bleibt erschreckend vage).

Genau wie bei „Batman v Superman“ (und bei „X-Men: Apocalypse“, btw, dem „Justice League“ in vielerlei Beziehung ähnelt) spielt das gesamte Finale in einer zerstörten Ruinenwelt, die sich völlig von jeder Realität abkoppelt und die Szenen teilweise wie Zwischensequenzen aus Videospielen wirken lässt. Es kippt in reine Fantasy. Das kann Marvel deutlich besser, denn deren Welt ist immer erkennbar unsere Welt.

Die Dialoge laden mitunter zum Fremdschämen ein – „Die Box enthält nicht große Macht – sie IST die Macht!“: echt jetzt? So einen Dummfug trauen die sich im Jahr 2017 noch? Es sitzt auch wahrlich nicht jeder gut gemeinte Gag, der die Stimmung aufhellen soll. Und es wäre kein Snyder-Film, wenn es nicht auch haufenweise Szenen und Subplots gäbe, die nichts bedeuten und nirgendwo hin führen. Irgendwie muss die Laufzeit ja auf 120 Minuten geprügelt werden, wo in diesem Fall 105 mehr als ausgereicht hätte. Ich schwör’s: wenn diese russische Familie im nächsten Film nicht handlungstragende Bedeutung bekommt, fahre ich nach Hollywood und verpasse dem Snyder eine Watsch’n. Ihr wisst, was ich meine, wenn ihr den Film gesehen habt.

Es ist Cavill, Miller, aber besonders der wieder herausragenden Gal Gadot und dem sehr souveränen Ben Affleck zu verdanken, dass sie retten, was Drehbuch und Inszenierung teilweise sträflich im Stich lassen. Es sind die richtigen Figuren – im falschen Film.

Und darum fällt auch ein endgültiges Urteil so schwer. Man hat durchaus Spaß, man mag die Charaktere und hat wirklich das Gefühl: da entwickelt sich was. Aber es ächzt unter der verbliebenen Last des Bombast-Wagneroper-Overkills im Snyderverse.

Trotzdem – und das ist vielleicht die größte Überraschung – revidiere ich nach „Justice League“ meine Botschaft an Warner und DC: Franchise nicht aufgeben. Dran bleiben. Das könnte noch was werden.

Fazit: Hinter einer hohlen Story aus müden Ultrabösewicht/ McGuffin/ Deus ex machina-Klischees scheinen endlich potente Heldenfiguren durch, die von ihren gut gewählten Darstellern mit Gusto interpretiert werden. Immer noch kein guter Film, aber eine klare Verbesserung zu den vorherigen Debakeln.

P.S.: Finale Credits findet ihr hier, Produktionsnotizen hier.

P.P.S.: Zwei Post Credits-Sequenzen, die beide recht launig sind und teilweise die obige Castliste erklären.



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Werds mir wohl am Dienstag geben, bin mal gespannt. Hatte es aber schon belächelt, dass zumindest hier in Singapur der Vorverkauf auch groß beworben wurde, der schon am 2.11 startete. Als ich dann in einem Kino am Sonntag spaßeshalber mal nachgeschaut hatte, waren zumindest da noch keine Tickets für verkauft und mein kurzer Check in den größten Kinos hierzulande zeigen auch nur die Hauptvorführungen bisher ausverkauft. Da war selbst bei Thor in Woche 2.5 noch mehr los.
Bin mal gespannt, was Joss alles retten konnte, hört sich ja so an wie erwartet: die günstigen normale Interaktionsszenen komplett ausgetauscht, die teure Action von Snyder muss aber mit durchgezogen werden.

S-Man
S-Man

Und ich traue mich trotzdem nicht dafür ins Kino. Auch weil ich Wonder Woman genauso übel fand wie der Film der nicht exisitiert und Man of Steel. Ich finds schade, in meiner Jugend war ich großer DC-Fan und konnte mit Marvel nix anfangen. Das hat sich geändert, auch weil DC einen schlechten Film nach dem anderen liefert (Nolan und Watchmen als Ausnahmen natürlich). Bis heute schlägt mein Herz für Batman, das will ich mir nicht auch noch kaputt machen lassen (schon gar nicht, der Hausherr mag es mir verzeihen, wenn es durch einen Film ist, in dem es zum Großteil um die x-te Wiederbelebung eines für mich seit jeher uninteressanten Charakters geht).

Und ehrlich? Eine Justice League ohne die großartige Green Lantern? Pfffff 😉

Nein, irgendwo muss man leider mal sagen: Danke, mir reicht es, dafür bekommt ihr mein Geld nicht mehr. Drei Filme Enttäuschung haben gereicht.

Wann kommt Black Panther gleich? *nachguck* 😀

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[…] fahre ich ins Cineplex nach Baden-Baden, um mir „Justice League“ anzusehen. Im selben Komplex liegt das Edelstudio, das mir vor ein paar Monaten einen Gutschein […]

Heino
Heino

Hm, der Film startet eher verhalten, hat aber auch durch „Thor“ noch mächtig Konkurrenz. Mal sehen, ob er ein Langläufer wird und doch noch sein Geld einspielt:

http://www.boxofficemojo.com/movies/?id=dcfilm1117.htm

heino
heino

Eben gesehen und Zustimmung in fast allen Punkten. Es ist immer noch zuviel Wagner undd Leni Riefenstahl im Film und Steppenwolf ist ein Totalausfall (aber das sind die Marvel-Baddies auch fast alle), doch insgesamt ist eine deutliche Verbesserung sichtbar. Mir hat allerdings das Zusammenspiel von Flash und Cyborg am besten gefallen, Aquaman dagegen kaum, der war mir deutlich zu extrem auf „soll möglichst badass wirken“ getrimmt. Ich fand auch, dass Whedon sich hier mit seinen Trademarks doch sehr zurückgehalten hat.

Fazit:so langsam schöpfe ich Hoffnung, dass doch noch was aus dem DCEU wird. Allerdings wirken die Ankündigungen jenseits vom „Aquaman“-Film nicht sehr Vertrauen erweckend.

invincible+warrior
invincible+warrior

Hab ihn mir wie gesagt angeschaut. Kann im Grunde nur alles bestaetigen, allerdings frage ich mich, wieso anscheinend Whedon so einen Russland (oder Osteuropa)-Fetisch hat. Die zweite Haelfte des Films wirkte doch fast so als ob aus versehen als ob das Drehbuch aus versehen mit dem von Avengers 2 gemixt wurde. Oder war das wieder nur Copycat Snyder und Whedon hat versucht was moeglich war?

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[…] des Events) nicht nur ausführlich besprechenswert ist, sondern einen interessanten Kontrapunkt zu „Justice League“ darstellt. Letztlich sind die geballten Helden des Arrowverse eine Parallelwelt-Version der […]