08
Jun 2023

Radio ga ga: Bemühter bento-Jungjournalismus bei den Öffentlich-Rechtlichen (1)

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Disclaimer: Ich habe Spotify abonniert, primär aus Bequemlichkeit, weil ich nicht audiophil bin und keine große Musiksammlung kuratieren möchte. Musik ist bei uns Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass ich das Geschäftsmodell von Spotify verteidige oder gutheiße.

Grundsätzlich: Ich bin dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen versuchen, mit “jungen Angeboten” wie FUNK eine Zielgruppe zu bedienen, die sich oft genug bei Windbeutel-Influenzern und rein kommerziell geprägten Produktionen “informiert”. Das hier ist keine Systemkritik.

Es rumort gerade mal wieder. Eine Studie hat aufgedeckt, wie schieflagig und einseitig das Programm von FUNK ist. Meinung zählt, Gegenmeinungen werden ausgeblendet, der Fokus ist fast ausschließlich links, urban und westdeutsch – Ostdeutschland kommt eigentlich nur vor, wenn es mal wieder gegen rechts geht.

Das erinnert an bento, wo man sich eine Aufreger-These zu einem Non-Thema auch nicht von Fakten hat kaputtmachen lassen. Empörung wird geschürt, wie unsinnig sie im Allgemeinen oder Speziellen auch sein mag. Aufschrei ist Relevanz.

Mag sein, dass die Zielgruppe das so will. Mag sein, dass “Journalismus” heute so funktioniert. Persönlicher, engagierter, mit klarer Kante. Aber FUNK und Konsorten sind nun mal öffentlich-rechtliche Angebote und damit zu einer gewissen Authentizität und Aufrichtigkeit verpflichtet. Deren Podcasts sind keine Produkte eines verwirrten, früh vergreisten Münchner Senior-Redakteurs, der sich auf seinem fragwürdigen Blog Luft macht.

Ich wollte zu dem Thema schon vor Monaten etwas machen, denn mir waren bei dem Podcast “Sex für Taschengeld – Prostitution von Minderjährigen auf Kleinanzeigen-Portalen” bereits die jetzt in der Studie angesprochenen Defizite auf die Nerven gegangen. Da wird ein Skandal herbeigeredet, die Moderatorin und die Autorin peitschen sich gegenseitig bis zur Hysterie hoch, Opfer werden befragt und Täter gestellt – aber nichts passt. Das Narrativ entspricht nicht der präsentierten Wirklichkeit, die Mädchen sind keine erbarmungswürdigen Opfer und die Freier oftmals keine Täter, sondern nur arme Würstchen. Das schon albern bieder-betroffene Weltbild der Macher lässt sich mit der zynischen Realität nicht in Einklang bringen – weshalb die Realität tapfer geleugnet wird.

Leider hatte ich nicht die Zeit, das damals ausgiebig zu analysieren.

Es trifft sich aber gut, dass ich vor zwei Tagen wieder eine Reportage gehört habe, die diesen Titel nicht verdient und deren Macher sich in meinen Augen dafür verantworten müssten. Anders als bei dem Podcast über die Taschengeld-Prostitution moniere ich allerdings nicht die unangemessen geschürte Empörung, sondern die schlichte Nichtigkeit des Themas. Es gibt im anglo-amerikanischen Raum für so etwas den Begriff “nothing burger” – wenn die Ausgangsthese zu nix führt und man das Projekt ehrlicherweise in die Tonne hätte treten müssen.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Midjourney für die Artwork und bei Whisper für die fast perfekte Transkription der Reportage von MP3 zu Text.

Darum geht’s – angeblich:

Playlisten von Spotify entscheiden inzwischen, welche Musik wie viel gehört wird und damit auch, wer wie viel verdient. Internationale Superstars können vom Musikstreaming gut leben, die meisten Musiker:innen aber nicht. Doch es gibt ein paar unbekannte Ausnahmen: In einigen offiziellen Spotify-Playlists wie “Peaceful Piano” tauchen häufig Künstler:innen auf, die es gar nicht gibt – erfunden von einigen wenigen Musiker:innen und Labels, die an dieser “Geistermusik” anscheinend ordentlich verdienen. Friederike Wipfler von BR Recherche erzählt in dieser 11KM Folge von Geistermusiker:innen.

Geistermusik! Okay, das klingt interessant. “Das System Spotify” – die haben doch garantiert Dreck am Stecken! Was mag dahinterstecken?!

Ich habe die relevanten Textzeilen rauskopiert. Gehen wir das mal Häppchen für Häppchen durch. Wer fürchtet, das Ergebnis sei (bewusst) sinnentstellend, der kann sich den Podcast u.a. hier komplett anhören und mich schelten.

Zum Einstieg: Es gibt für mich drei “Erregungsstufen” bei Reportagen. Die höchste ist die Entlarvung von etwas Illegalem. Wenn es aber nicht kriminell ist, sollte es zumindest eklig und/oder unmoralisch sein. Reicht es für diese Hürde nicht, akzeptiere ich auch widerwillig überraschend oder wenigstens spannend.

Dieser Podcast raunt von Geistern, Geheimnissen und Strippenziehern im Hintergrund – meine Erwartungshaltung ist entsprechend. Kein Wunder:

Nur hinter den Kulissen dieser Spotify-Playlisten, da geht’s wohl nicht ganz so harmlos zu, wie diese Musik klingt. Denn da sind Geister am Werk.

Meine Vermutung in diesem Moment: Die reden von KI-Musik, oder von neu eingespielten Klassikern, die irgendwie Lizenzgebühren umgehen sollen.

Wie das System Spotify im Detail einzelne Geistermusiker reich macht und andere Künstlerinnen leer ausgehen, das erzählen wir heute bei 11km.

Dann haut rein – ich gehe gerade eine Stunde spazieren und will mich nicht langweilen.

Anhand einer ganz bestimmten Spotify-Playlist ist Friederike diesem System gefolgt. Bis in einen Wald in Schweden.

Da ist es wieder – dieses ominöse “System”. Mafia? Big Pharma? Microsoft? Und die Spuren führen in einen Wald in Schweden? Wusste Henning Mankell zu viel?

tl;dr – Friederike ist in einer Spotify-Playliste namens “peaceful piano” auf eine vielfach präsente Musikerin gestoßen, die ein Geheimnis umgibt:

Die Interpretin dieses Songs, La Vie, von dieser Playlist, heißt Amandine Moulin. Das hat mich als erstes erinnert, es klingt sehr ähnlich wie Amélie Poulain, der Protagonistin im Film Die fabelhafte Welt der Amélie.

Doch siehe: Amadine Moulin besitzt über die Spotify-Playlist hinaus praktisch keine Internetpräsenz. Sie kommt außerhalb der limitierten Sphäre nicht vor. Seltsam? Aber so steht es geschrieben…

Und das ist auch der Punkt, an dem ich eben keine spannende Story gerochen, sondern das Thema mit “wird ein Pseudonym sein” abgehakt hätte. Bücher (besonders Heftromane) werden unter Pseudonym geschrieben, Trickserien auch. Stephen King war Richard Bachmann, Garth Brooks war Chris Gaines, ich war Marc Simon. Beim Verlag Heartcraft, über den ich schon mal geschrieben habe, gibt es vermutlich KEINEN Autor, der sich nicht hinter einem anglo-amerikanischen Pseudonym versteckt.

Es mag Weltbilder erschüttern, aber Rex Gildo hieß Ludwig Franz Hirtreiter.

Als Journalist schert es mich null, dass offensichtliche Gebrauchsmusiker, die banale Hintergrundmusiken für Cocktailpartys und Fahrstühle komponieren, selbiges nicht unter eigenem Namen tun. Das hat auch nix mit “Geistern” zu tun.

Aber Friederike scheint angefixt und holt die ganz große Recherche-Keule raus, um das Bild der “Komponisten” unter die Lupe zu legen, wie sie stolz berichtet:

Und ja, am Ende habe ich auch den Ursprung dafür gefunden, nämlich eine Webseite, auf der man Stock-Fotos finden konnte.

“Ja, isses denn die Possibilität?”, wie man bei uns im Rheinland gerne flachst. Das Pseudonym nutzt ein Stock-Foto. Was absolut nachvollziehbar und vernünftig ist, wird hier zum Mystery hochgejazzt. Das ist doppelt peinlich, weil die Kompositionen von Amadine Moulin in den entsprechenden Copyright-Datenbanken unter dem Realnamen des Komponisten verzeichnet sind. Ist ja nicht so, dass der Mann seine Spuren verwischen würde:

Ja, und ein Name, der da immer wieder aufgetaucht ist, als Writer oder als Komponist, war ein Mann. Und er hieß nicht Amandine, sondern Aurélien. Das heißt, Amandine schreibt ihre Songs gar nicht. Anders als in der Bio da behauptet.

Ja, über Aurélien konnte man ziemlich viel finden im Internet. Also der ist auch wirklich mit Fotos auch von vorne und so zu sehen. Der hat eine Biografie im Internet und da sieht man eben auch, dass er ist auch Franzose, wie der Name schon vermuten lässt. Allerdings wohnt er in Schweden.

Kein Twist: Friederike ist an dieser Stelle immer noch nicht der Meinung, dass es sich um einen Blindgänger handelt, bei dem ein Gebrauchsmusiker auf einer großen Plattform unter einem gefällig klingenden Pseudonym veröffentlicht. Sie hat Blut geleckt. Sie will diesen Aurélien stellen. Und wenn sie ihn dafür auf Kosten ihres Arbeitgebers bis nach Skandinavien stalken muss:

Und ja, wir haben beschlossen, hinzufahren. Also stell dir vor, Schweden im Januar, es ist echt dunkel, regnerisch. Es wird schon um 16 Uhr dunkel, so richtig dunkel. Und wir fahren durch einen sehr dunklen Wald. Und wir fahren vorbei an so idyllischen Schwedenhäuschen, so rote Häuschen, gelbe Häuschen, grüne Häuschen. Viel Platz überall, viele Bäume und ja, viele so Waldwege. Also die gehen dann immer so von der Straße, von der Hauptstraße, gehen dann immer so Waldwege ab, die nicht geteert sind.

Skandi-Krimi-Atmosphäre hin oder her – was GENAU meint Friederike eigentlich, worüber sie mit Aurélien sprechen müsste? Oder besser: worüber er sprechen wollen sollte? Er hat etwas absolut Branchenübliches getan und das Pseudonym ist ein ziemlich guter Hinweis, dass er darüber eben NICHT sprechen möchte. Es gibt hier kein Geheimnis zu enthüllen, keine Schandtat zu entlarven – nur Privatsphäre.

Schert Friederike nicht, sie wagt sich wie weiland Rotkäppchen in den Wald und klopft an die Tür des Wolfes. Die Enttäuschung ist allerdings groß:

Nee, er möchte nicht mit uns sprechen.

Es kommt zu so einer Art Erkenntnis:

Also er hat ja in dem Sinne nichts Verbotenes getan oder so.

Diese Erkenntnis führt aber nicht zu der Einsicht, dass die “Story” damit durch ist:

Also dieses Phänomen ist zumindest in der Musikbranche schon eine Weile bekannt. Es gibt sogar schon einen Namen dafür. Viele sprechen von Fake Artists. Es gibt aber auch den Begriff, der nicht ganz so geläufig ist, Geistermusiker.

“Viele sprechen von Fake Artists” führte mich übrigens auf einen interessanten Seitenzweig – diesen Artikel im ROLLING STONE (und einen vorherigen von Music Business Worldwide), der offensichtlich Friederikes primäre “Inspiration” für ihre Reportage war. Erschütternd genug, dass sie sich den Großteil ihrer Arbeitshypothese von Kollegen hat vorkauen lassen, aber noch erschütternder, dass sie den Kern des Artikels offensichtlich nicht verstanden hat. Es geht letztlich um die Frage, ob die “Geistermusiker” von Spotify gezielt beauftragt und gefördert werden, weil sie Verträge haben, die geringere Tantiemen garantieren, was durch größere Präsenz in den beliebten Playlisten wettgemacht wird. Masse statt Klasse. Keine Hammer-Story, aber eine Story, immerhin.

Nur: In dieser “Reportage” wird das nicht ein einziges Mal konkret angesprochen. Weil Friederike und ihr Team diesen Kern des Artikels nicht übernommen haben, ist ihre eigene Produktion auch so substanzfrei.

Das mit der “Geistermusik” ist also eine Sackgasse, es handelt sich lediglich um Profi-Musiker mit Pseudonym, die sich nicht verstecken, aber auch nicht mit der Presse reden wollen. Fair enough. Wars das?

Nein. Friederike lässt sich nicht einschüchtern, entmutigen oder abweisen. Friederike macht weiter. Unverdrossen. Morgen.



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Andy
Andy
8. Juni, 2023 10:34

Frederike hat so keinen angenehm lesbaren Schreibstil, macht Fredi das so hauptberuflich oder so als Schülerzeitung?

sven
sven
8. Juni, 2023 11:20
Reply to  Andy

Das ist ein Transkript eines Podcasts, das ist also kein Schreibstil.

Andy
Andy
9. Juni, 2023 10:41
Reply to  sven

ja, habe ich bemerkt, also der Sprachstil von Frederike…

sven
sven
8. Juni, 2023 11:28

Eine Studie hat aufgedeckt, wie schieflagig und einseitig das Programm von FUNK ist.” – die Studie hat 5 Reportageformate von Funk untersucht, daraus eine Aussage über “das Programm” von Funk zu machen hält der Autor laut dem verlinkten Podcast für nicht gültig.

Der Podcast, um den es hier geht, ist aber nicht mal ein Funk-Podcast – dieser Sprung könnte im Text erklärt werden, also was die Einleitung mit dem Hauptteil zu tun hat.

Feivel
Feivel
8. Juni, 2023 14:13
Reply to  Torsten Dewi

Zur Ehrenrettung von Sven: Ich hab es im Gesamtkontext auch so gelesen, dass es ein Funk-Podcast ist. Passt ja von der Dusseligkeit des Themas auch gut dazu..

S-Man
8. Juni, 2023 23:18
Reply to  Feivel

Schließe mich an…

Mencken
Mencken
8. Juni, 2023 15:56

Wirklich bedauerlich an der Sache ist, dass den wirklich guten öffentlich-rechtlichen Angeboten stetig die Mittel gekürzt werden, für Schrott wie Funk und Unterhaltung aber immer noch Unsummen bereitgestellt werden. Ansonsten könnte man einfach drüber lachen, so bleibt es doch ein Ärgernis.