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Nov 2023

Searching for Bommelroth: Das Mystery SCHLOSS POMPON ROUGE

Themen: Film, TV & Presse |

Die frühen 90er waren wilde Zeiten im wuchernden und boomenden Privatfernsehen. Weil vieles billig und zum ersten Mal probiert wurde, legten sich RTL, SAT.1 und Konsorten immer wieder mal krachend auf die Schnauze. Darüber kann man sich lustig machen, aber das ignoriert, dass diese Lehrjahre letztlich hoch profitable und professionelle Senderfamilien hervor brachten, bei denen heute Leute in Rente gehen, die damals jung angefangen haben.

Als Redakteur der Zeitschrift GONG und zuständig u.a. für SAT.1 war ich hautnah mit dabei. Ich schrieb über das Privatfernsehen, bevor ich es selber mit gestaltete. So manches Mal haben wir dabei in der Redaktion mit dem Kopf geschüttelt, wenn die Sender ein neues Projekt ankündigten, das sich wie Wahnwitz las – und oft genug nicht mal das einlöste. Die Rohrkrepierer waren die Regel, nicht die Ausnahme, und als Kritiker aß man ein hartes Brot.

Weil die Sender natürlich am Liebsten ihrer Highlights gedenken und die Einschaltquoten vor 30 Jahren noch nicht ganz so üppig waren, sind manche Blindgänger im Nebel der Zeit verschwunden. Shows und Serien, die vielleicht noch im Archiv liegen, was aber keiner so genau wissen will. Versendete Peinlichkeiten, die nicht mal mehr als Füller im Streaming taugen.

Und das bringt uns fast zwangsläufig zu SCHLOSS POMPON ROUGE.

Die taz vermeldete es im August 1990:

Im Oktober sollen die beiden ersten eigenproduzierten Serien von RTL plus anlaufen – Ein Schloß am Wörther See mit Roy Black in der Hauptrolle sowie Schloß Pompon -Rouge mit Jörg Bräuer und Elisabeth Volkmann als Marquis und Marquise.

So schnell schossen die Preussen dann doch nicht – es wurde September 1991.

Die Wikipedia fasst den Inhalt dergestalt zusammen:

Deutschland im 18. Jahrhundert: Das kleine, unbedeutende Fürstentum Bommelroth wird von Marquis Henri (eigentlich Heinrich) Bommelroth regiert. Er und seine Gattin, die Marquise Marie-Antoinette (eigentlich Maria), orientieren sich an den höfischen Sitten von Versailles, wo Verschwendung, Luxus, Spielleidenschaft, Intrigen, Liebe und Laster vorherrschen.

Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Der aufstrebende Erfolgssender, das junge Gesicht des “neuen” Fernsehens, sah seine Sitcom-Zukunft in einer frivolen Farce aus dem Rokoko mit Darstellerinnen aus der Softsex-Ära der 70er. Rondo Veneziano mit Brüsten und Bananen, sozusagen. Mir ist egal, ob bei der Produktion vieles schiefgelaufen ist – das war schon konzeptionell eine Scheißidee.

Verkehrte Welt: Die “in house” entwickelte Komödie mit LISA-Stammbesetzung wurde ein Schuss in den Ofen, während Softsex-Monopolist LISA sich auf ihre Vergangenheit mit braven Schlagerfilmchen besann und eine der erfolgreichsten, aber auch konservativsten Privatsender-Serien der 90er produzierte.

Thema soll heute aber POMPON ROUGE sein. Der SPIEGEL verriss den ganzen Kappes schon während der Produktion Anfang 91. Ein immer noch lesenswertes Stück Häme-Journalismus über eine Serie, die als Fehlkonstruktion auf die Welt kam und mit gebrochenen Beinen über die Ziellinie geprügelt wurde.

Eine »frech-frivole Comedy-Serie« aus dem Rokoko, Liebesgrüße aus der Kniebundhose, hatte der Kölner Sender schon für den vergangenen Oktober annonciert. Mit 52 griffigen Episoden sollte sich die RTL-Klientel über einen verluderten deutschen Duodezfürsten amüsieren, über den Grafen Heinrich von Bommelroth und seine chaotische Sippe, die sich stolz mit dem Ziertitel »de Pompon Rouge« schmückt. 13 Millionen Mark waren für die Sexualhumoreske veranschlagt, vergnügt erwarteten die Fernseh-Herren einen deftigen Quotenschub vom »Schloß Pompon Rouge«. Doch nun sind sie aus dem Vollrausch der Sinne erwacht und blinzeln stark verkatert aus der Reizwäsche.

Im September 1991 vermeldete die taz, was niemanden überraschen konnte:

Schlechteste Fernsehserie unserer Zeit.

Das immer noch unverzichtbare Fernseh-Lexikon von Niggemeier und Reufsteck fasste das Debakel vor gut 15 Jahren folgendermaßen zusammen:

Schon während der Produktion hatte es Querelen um den Gehalt der Sendung gegeben – nicht weil es zu freizügig zuging, sondern nicht freizügig genug. Der für die Bommelroths zuständige RTL-Redakteur Armin Hummernbrum, der überraschend unter seinem echten Namen auftrat, nannte erste Arbeitsproben eine Schnarchnummer hoch drei, auf Geheiß von ganz oben sollte die Erotik verschärft werden. Das resultierte in platten sexuellen Anspielungen sowie dem empörten Ausstieg einiger Nebendarstellerinnen und des Produzenten Jörn Schröder, der dann Pleite ging. 

In einem nachträglichen Interview mit dem SPIEGEL, in dem Helmut Thoma sich mal wieder von sauertöpfischen Redakteuren die vermeintlich unterschichtig-unterirdische Qualität seines Programm vorhalten lassen musste, reduzierte der RTL-Chef die gesammelten Probleme der Serie auf “zu wenig Titten”:

“POMPON ROUGE war ein Flop, weil es keine wirkliche Erotikserie war. Wer Elisabeth Volkmann in voller Ausrüstung in die Badewanne setzt, der kann doch von Sex keine Ahnung haben.”

Nur jemand wie Thoma kann gedacht haben, das junge Publikum wäre 1991 scharf auf einen Striptease der 55jährigen Volkmann gewesen. Da hatte der RTL-Chef eine ganze Generation neuer mediengeiler Nackedeis verpasst. Vielleicht hätte er mal die CINEMA fragen sollen.

Die zur erotischen Ehrenrettung zusätzlich und nachträglich angeheuerte notorische Koks- und Pornoqueen Sibylle Rauch war damals auch nicht mehr ganz frisch, wie Fotos aus dem Umfeld der Produktion belegen.

Als jemand, der mittendrin und nicht nur dabei war, finde ich besonders diese Aussage von Thoma bemerkenswert:

“Der Produzent bot mir eine Sendung für 5000 Mark pro Minute. Die Kosten lagen aber beim Dreifachen. Er wollte die Differenz über zwei weitere Koproduzenten hereinholen. Doch die Koproduzenten gab es gar nicht.”

Tatsächlich waren/sind solche Milchmädchenrechnungen an der Tagesordnung: Man verspricht als Produzent dem Sender eine Produktion für 5 Millionen, von denen man 3 anderweitig (durch Auslandsverkäufe oder andere Partner) einbringen will. Der Sender zahlt brav seine 2 Millionen und damit vorgeblich 40 Prozent des Budgets. Man dreht dann für 1,5 Millionen und der Rest wird eingesackt. Die anderen Millionen und Partner? Schall und Rauch.

Harry Alan Towers sagte mir einmal: “Never say how expensive it’s going to be. Say how expensive it’s going to look“. Das ist auch der Grund, warum die oben kolportierten Zahlen (52 Folgen, 13 Millionen Mark Budget, 5000 DM pro Sendeminute) so gar nicht zusammen passen. Das Credo der Branche ist die Schummelei. Es funktioniert ja auch oft genug – wenn die Quoten stimmen, kräht kein Hahn mehr nach der fragwürdigen Buchhaltung.

Im Fall von SCHLOSS POMPON ROUGE ist die Rechnung nicht aufgegangen, die Serie wurde bei Kritik und Publikum zu einem aus gänzlich unerwünschten Gründen verlachten Flop. RTL verfeuerte das Sendematerial immer weiter Richtung Mitternacht. Laut Wikipedia wurden die 26 (von ursprünglich 52 georderten) Folgen 1993 auf neun VHS-Kassetten veröffentlicht. Sie tauchen weder bei Amazon noch bei Ebay auf, nicht mal Scans der Cover konnte ich finden. Es ist einem Leser zu verdanken (siehe Kommentare unten), dass wir über Umwege dann doch noch fündig wurden.

Problemlos verfügbar allerdings: der Soundtrack. Ausgerechnet.

Ausschnitte aus alten TV-Zeitschriften. Auch die sind uns geblieben:

(Anm.: Ich glaube, dass es sich bei “Jacqueline Albig” um Jacqueline Elber handeln könnte, der wir andernorts schon begegnet sind)

Es ist vielleicht der faszinierendste Aspekt der Serie, ungleich faszinierender als die Produktion selbst: SCHLOSS POMPON ROUGE ist verschwunden. Bei Ebay sucht man umsonst, bei Filmundo ebenso. Eine Veröffentlichung auf DVD hat es nie gegeben, bei den Streaming-Portalen ist die Serie ebenfalls nicht zu finden. Die Pressebilder zum Start 1991 muss man bei Agenturen wie Getty lizensieren, wenn man sie zeigen will. Das Internet, das sonst “nichts vergisst”, scheint an POMPON ROUGE-Alzheimer zu leiden.

Ich habe sogar Katja Bienert angeschrieben, eine der Hauptdarstellerinnen. Sie hat keine Kopien mehr.

Und damit endet diese kleine Rückschau in den Giftschrank von RTL auch weniger mit einem Fazit als mit einem Aufruf: Findet POMPON ROUGE! Wer noch alte Aufzeichnungen hat, soll sich melden! Wir können das digitalisieren! Wir können es besprechen! Wir können vielleicht sogar eine Filmverbrechen-Fotostory daraus machen! Das Trauma gehört aufgearbeitet! Helft mir – und damit euch!



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34 Kommentare
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Thorsten
Thorsten
29. November, 2023 16:33

Einspruch bei Elisabeth Volkmann: ich fand die Anfang der 90er als Anfang 20-jähriger immer noch scharf und denke sehnlich an ihre Fotostrecke in der High Society in den 80er zurück. 😉

Maik
Maik
29. November, 2023 23:17
Reply to  Torsten Dewi

Die Volkmann sah schon bei Klimbim alt aus neben der Steeger. Aber mehr auf Frida gestanden zu haben dürfte eine nennenswerte Prozentzahl der Fans.

Thorsten
Thorsten
6. Dezember, 2023 09:18
Reply to  Torsten Dewi

Ja 🙂
De gustibus et coloribus non est disputandum 😉

Achim
Achim
29. November, 2023 20:26

Habe auf Wikipedia nachgeschaut, ob die Rauch noch lebt, dabei stellte sich heraus, dass sie wohl die Schreibweise Sibylle gewählt hat, nicht Sybille.
(Ich war tatsächlich überrascht, dass sie noch lebt.)

raumwunder
raumwunder
30. November, 2023 09:08
raumwunder
raumwunder
30. November, 2023 09:14
milan8888
30. November, 2023 10:52

Da hast du glaub ich echt Pech gehabt mit dem Timing. Vor etwa einem Monat hab ich nachts beim Zappen, auf einem dieser RTL Archivsender, tatsächlich Pompon Rouge gesehen (allerdings nach etwa 20 Sekunden) weitergeschalten.

milan8888
30. November, 2023 11:17
Reply to  Torsten Dewi

Das weiß ich echt nicht mehr, hab ja nicht mal die Sender auf dem Fernseher ordentlich sortiert… Aber ich glaub das wird der Sender sein, auf dem auch ein paar Tage vorher/nachher Wiederholungen von Tutti Frutti liefen.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
30. November, 2023 13:29
Reply to  milan8888

Kann ich mir schlecht vorstellen, RTL ist da normalerweise konsequent. Aber wenn, setze ich mein Geld auf RTLup.

Mark Wolf
Mark Wolf
30. November, 2023 11:09

Ich erinnere mich an eine Besprechung in der Hörzu. Da wurde aus dem Dialog der Serie solche Perlen zitiert wie “Jetzt hast du mir meine Erektion verdorben ‘. Und irgendwie hatte ich die junge Tina Ruland damit verbunden, da lag ich aber nach einem Blick in Wikipedia falsch, muss eine andere Serie gewesen sein.

Edin Basic
Edin Basic
30. November, 2023 13:03

Helmut Thoma und seine Interviews.
Ich habe sie geliebt.
Zweifellos der unterhaltsamste der Privatfernsehen-Pioniere.
Die Begründung “zu wenig Titten” für den Misserfolg der Serie,
dürfte man heute nicht mal denken.

Maximilian Frömter
Maximilian Frömter
1. Dezember, 2023 10:34
Reply to  Torsten Dewi

Würde ich nicht unbedingt sagen. Mit mehr Titten hätte ich das damals wahrscheinlich regelmässig geschaut, war zu der Zeit halt genau in der “richtigen Phase” für´s RTL-Spätprogramm, das Internet war ja noch einige Jahre entfernt. “Wir hatten ja damals nichts, nach dem Krieg!” Außerdem war ich auch eher Team Ingrid Steeger, wenn man Klimbim bemühen will. So bleibt nur die vage Erinnerung an schalen Kostüm-Firlefanz, bei dem ich immer schnell weitergezappt habe.

Edin Basic
Edin Basic
1. Dezember, 2023 11:34
Reply to  Torsten Dewi

Apropos Rokoko.Da gibt es einen gewissen Film von Altmeister Walerian Borowczyk.Aus dem Jahr 1975.Ich weiss gar nicht mehr ob er noch auf dem Index steht.In einem Schuhschachtel-Kino,der auch noch voll besetzt war.
Gehört auch zu den unerfreulichen Erlebnissen.

Reini
Reini
30. November, 2023 16:21

Ähm… hüstel… ich hab die. Müsste jetzt nur noch wissen wo…

Reini
Reini
30. November, 2023 16:41
Reply to  Torsten Dewi

Das habe ich befürchtet! 😁
Scherz beiseite: Muss jetzt eh mal meinen Weihnachtsputz machen..

makaotto
makaotto
13. Dezember, 2023 19:53

Hi, bin auch auf der Suche nach der Serie, habe einige Folgen von VHS auf DVD retten können, aber in mieserabler Qualität. Wo soll das denn mit den Wiederholungen gewesen sein, das müsste man doch herausfinden können…

makaotto
makaotto
13. Dezember, 2023 20:00
Reply to  Torsten Dewi

Das ist ja echt krass. Echt schade, dass es da nix zu finden gibt, ich konnte immerhin in den letzten Jahren 4 VHS-Kassetten digitalisieren, also 12 Folgen, aber was für eine Qualität… und teuer war das…:(

makaotto
makaotto
20. Dezember, 2023 15:26
Reply to  Torsten Dewi

Sehr gut das wäre super!

Reini
Reini
23. Dezember, 2023 15:42
Reply to  Torsten Dewi

😁

Andy
Andy
23. Dezember, 2023 18:30
Reply to  Torsten Dewi

Cool