Zwar kann ich hier auf meinem Blog weitgehend machen, was ich will, aber ich sehe mich trotzdem als Dienstleister – und weil ein paar meiner Leser gefragt haben, wie es denn bei den Dreharbeiten zur deutschen Adaption von „Eine schrecklich nette Familie“ zuging, setze ich mich jetzt mal eben hin und schreibe das auf.

Ein wenig Kontext: 1992 hielt man es für eine gute Idee, zwei der damals erfolgreichsten US-Sitcoms zu germanisieren – „Eine schrecklich nette Familie“ als „Hilfe, meine Familie spinnt!“ und „Wer ist hier der Boss?“ als „Ein Job fürs Leben“.

Ich arbeitete damals beim GONG (dann auch bei der TV Serien) und hielt die Idee für scheiße. Aus Gründen.

Fangen wir mal vorne an – es gab schlicht keinen Grund, zu den permanent abgenudelten US-Folgen fast deckungsgleiche deutsche Versionen zu produzieren. Hatte jemals ein Zuschauer gemurmelt „ist schon geil, wäre aber besser, wenn Al Bundy ein Kölner wäre“?! Warum nicht erfolgreiche, aber in Deutschland nicht aktuelle Serien nehmen? Warum in direkte Konkurrenz mit den Vorbildern gehen?

Das ignoriert natürlich den tatsächlichen Hintergrund: Die Amerikaner versuchten sich damals massiv an nationalen Neuversionen ihrer Serien für Märkte wie Russland, Deutschland, Frankreich, Polen, etc. Zusätzlich zu den Lizenzen für die Ausstrahlungen der Originale konnte man nun noch Gelder für die Kopien einstreichen. Und das junge deutsche Privatfernsehen hatte weder die Erfahrung noch die Eier, ganz klar als Scheißidee zu erkennen, was eine Scheißidee war.

Btw: Vor über zehn Jahren habe ich die Comedy-Chefin der Produktionsfirma von 1993 getroffen. Sie gibt mittlerweile offen zu, dass man auf das völlig falsche Pferd gesetzt habe. Aber das ist hinterher ja immer einfach.

Egal. 1993/93 war man bei Columbia und RTL entschlossen, den Markt für „deutsche Sitcoms“ zu öffnen – und ich wurde vom Sender nach Berlin zu den Dreharbeiten von „Hilfe, meine Familie spinnt!“ in die Haselhorst-Studios eingeladen. Hier wurden über die Jahrzehnte viele, viele Nachkriegs-„Klassiker“ und B-Reißer gekurbelt.

Es sei angemerkt, dass die damals von mir geführten Interviews nicht archiviert wurden und ich auch keinerlei Bildmaterial mitbrachte – das Folgende ist alles aus dem Gedächtnis und in Details womöglich nicht 100 Prozent. Proceed with caution.

Ich kam also als Journalist ins Studio. Es war kein geplanter Pressetermin, also waren keine Kollegen vor Ort. Eine Assistentin führte mich kurz rum, stellte mich einigen Leuten vor und ließ mich dann in Ruhe. Es war ein Drehtag wie jeder andere und man gab mir die Erlaubnis, alle Beteiligten zu interviewen, wenn diese Zeit hatten.

Konkret habe ich dann in einer Drehpause mit Lutz Reichert („Jupp Strunk“) und Christiane Zeiske („Roswitha Strunk“) gesprochen. Sehr entspannt, sehr plauderig – Zeiske saß dabei in der Maske und bekam die Haare gemacht.

Bei der Besichtigung der Sets fiel mir auf, wie relativ exakt man die Wohnzimmer/ Küche-Kombi der Bundys nachgebaut hatte. Das kann man vorlagentreu nennen – aber auch total dämlich, denn deutsche Wohnungen sehen so nun mal nicht aus. Ich sprach das bei Lutz Reichert an, der mir nicht nur zustimmte, sondern gleich diverse Sorgen thematisierte, die ihn umtrieben. Relativ offen gestand er, dass er sich „freiere“ Drehbücher gewünscht hätte, die mehr auf deutsche Eigenheiten eingehen, eine etwas authentischere Lokalisierung also. Tatsächlich waren die Anpassungen an den deutschen Markt meist kosmetischer Natur – bei „Ein Job fürs Leben“ z.B. wurde aus dem Ex-Baseballspieler ein Ex-Fußballspieler.

Ich fand es erstaunlich offensichtlich, dass Lutz Reichert nicht glücklich war und sich auch von der Serie nicht viel erwartete. Da war keine Energie, keine Begeisterung zu spüren. Christiane Zeiske bestand darauf, keine Peggy-Kopie zu sein (was stimmte), aber auch sie verteidigte die Produktion nur halbherzig. Ich habe selten ein Set besucht, bei dem sich die Beteiligten so wenig Mühe gaben, den Anschein zu wahren.

Auch ansonsten war nicht alles eitel Sonnenschein: ich wurde Zeuge eines sehr lauten Streits am Set. Hintergrund: Christoph Scheemann, der den Sohnemann Tim spielte, war wohl für eine Szene nicht rechtzeitig vor der Kamera gewesen. Der Regisseur brüllte den vielleicht 12jährigen Jungen hysterisch an in diesem Duktus (nicht wortwörtlich): „Wenn du blöder Bengel nicht kapierst, was wir hier machen, lasse ich dich sofort ersetzen! Da draußen gibt es Tausende, die den Job wollen! Wenn hier Dreh ist, hast du gefälligst stramm zu stehen!“

Alter Falter.

Darüber hinaus schien mir keine der Szenen, die ich hier zu sehen bekam, irgendwie komisch zu sein – obwohl sie direkt von einem komischen Original übernommen waren. Gerade Lutz Reichert, mit viel komödiantischem Timing gesegnet, mühte sich sichtlich mit dem Material. Das hatte keinen Fluss, keinen Rhythmus.

Fast schon unappetitlich fand ich zudem die Darstellung von Katrin Lippisch, die für eine deutsche Version von Kelly Bundy zu jung und mädchenhaft wirkte. Im Gegensatz zum Original wirkte das stellenweise etwas pädophil. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ihr begrenzter IMDB-Eintrag die Serie nicht erwähnt.

Die Heimreise trat ich mit einem Kopfschütteln und einem schlechten Bauchgefühl an.

Ich glaube, ich habe zum Start von „Hilfe, meine Familie spinnt!“ und „Ein Job fürs Leben“ dann eine knappe halbe Seite geschrieben und zwischen den Zeilen durchaus die Lebensberechtigung solcher pseudo-deutschen Versionen in Frage gestellt.

Und siehe da – das Ergebnis war so armselig, wie ich befürchtet hatte:

Zumindest Lutz Reichert hat „Hilfe, meine Familie spinnt!“ nicht geschadet – man könnte fast meinen, die fünf Jahre bei „Wie bitte?!“ ab 1993 waren eine Entschuldigung von RTL, eine Art Wiedergutmachung.

„Hilfe, meine Familie spinnt!“ und „Ein Job fürs Leben“ scheiterten erwartungsgemäß krachend, verschwanden spurlos und sind in der Internet-Ära nur noch im Rahmen von „Die schlechtesten Serien aller Zeiten“-Auflistungen zu finden. Es ist bezeichnend, dass ich schon Schwierigkeiten hatte, überhaupt Bild- und Tonmaterial für diesen Beitrag aufzutreiben. Niemand möchte erinnert werden.

Die ganze Idee, regionalisierte Versionen von US-Serien herzustellen, ist mittlerweile weitgehend ad acta gelegt worden. Es funktioniert im Regelfall einfach nicht (außer in Russland). Versucht wird es aber manchmal doch – und es gibt sogar eine Doku dazu:

Es lässt sich nicht bestreiten, dass diese beiden Adaptionen Lehrgeld waren, das RTL zahlen musste, Jugendsünden aus den frühen Eigenproduktionstagen des Senders. Sie sind nicht entstanden, weil sie naheliegende gute Ideen waren. Es war eine geschäftliche Strategie, keine kreative. Eine gefährliche übrigens obendrein: man stelle sich vor, das hätte funktioniert. Dann wäre das Segment Eigenproduktion in Deutschland heute vielleicht dominiert von miserablen Übernahmen aus dem anglo-amerikanischen Raum, die uns einreden, dass Deutsche zum Frühstück Pancakes essen, auf den Highschool-Abschlussball gehen und als Anwälte vor Geschworenen flammende Plädoyers halten. Ein Disney-Deutschland ohne jegliche Authentizität.

Nein, da ist/war mir „Lindenstraße“ doch lieber. Auch nicht toll, aber wenigstens echt.



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Marcus
Marcus

Tststs… der „Ex-Baseballspieler“ Al Bundy war natürlich Footballspieler. Four touchdowns in a single game für das Polk High School football team, um genau zu sein.

Heino
Heino

An „Hilfe, meine Familie spinnt“ kann ich mich auch noch erinnern. Das hat echt weh getan.

Hat RTL es nicht auch später noch mit einer 1:1-Kopie von „Law & Order“ versucht? Ich meine mich daran zu erinnern, das hieß „Im Namen des Gesetzes“, wenn ich mich recht entsinne. Und das hat noch weniger Sinn ergeben, weil das deutsche und das US-Rechtssystem doch sehr unterschiedlich sind.

Lülü
Lülü

Bei „Im Namen des Gesetzes“ muss ich aber widersprechen – ausdrücklich nicht aufspringen und „Einspruch“ rufen.

Ja man hat die Grundidee von Law and order übernommen, aber dieses sehr gut in das deutsche Rechtssystem eingepasst. Das ist bis heute die einzige Darstellung der deutschen Justiz, die ich mir ohne körperlichen Pein ansehen kann. Da gab es keine Mordverhandlungen vor dem Einzelrichter, da hat kein Staatsanwalt einen Haftbefehl unterschrieben und es wurde auch nicht das Strafverfahren „Bundesrepublik Deutschland gegen X“ aufgerufen. OK, hin und wieder waren die Darstellungen in der Hauptverhandlungen überspitzt. Aber sonst war das schon stimmig.

PabloD
PabloD

Die beiden Serien waren das Aha!-Erlebnis für mein 12jähriges Ich, dass nicht automatisch alles gut ist, nur weil RTL drauf steht.
Bis dahin hatte ich wirklich so ziemlich alles begeistert konsumiert, was einem das deutsche Privatfernsehen so anbot (insb. Cartoons, Serien und Shows). Und mit entsprechender Vorfreude hatte ich auch auf den Start der ersten Folge(n) hingefiebert…

Und dann merkte selbst ich als verblendetes TV-Junkie-Kind, wie unfassbar schlecht das Ganze war.

Nikolai
Nikolai

„und als Anwälte vor Geschworenen flammende Plädoyers halten“

Ist das etwa nicht so? Ich habe das bei Daredevil ganz genau gesehen!

Sigur Ros
Sigur Ros

Spielt Daredevil in Deutschland?

Martin
Martin

SAT1 hat das Gleiche immerhin 16 Jahre später noch mal mit „The IT Crowd“ versucht. Ging genauso in die Hose. Vielleicht hat sich mittlerweile überall rumgesprochen, dass sowas in Deutschland nicht klappt?

Sigur Ros
Sigur Ros

Nein, hat es nicht. ZDFNeo hat es erst vor ein paar Monaten mit „Tanken“ erneut getan – auch eine schlechte Auslands-Adaption, in dem Fall von der im Original wirklich schönen isländischen Serie „Naeturvaktin“. Zwar nicht 1:1 kopiert, sondern mit relativ eigenständigen Plots, aber im Vergleich zum Original trotzdem schmerzhaft schlecht.

Jake
Jake

Wow, das nenne ich Service am Leser. Danke für den Setbericht und Deine Gedanken zum Thema! Als die Serie ausgestrahlt wurde, war ich noch im jugendlichen Alter und begeisterter Gucker des Originals. Es ist wahrlich kein Wunder, dass „Hilfe, meine Familie spinnt!“ kein langes Leben beschert war. Der größte Fehler war sicherlich – Du sprichst es ja selber an – dass die Serie nichts eigenständiges, keinen „regionalen Charakter“ hatte. Es war einfach nur ein billiger, unlustiger 1:1-Abklatsch von „Married…with Children“.

Sigur Ros
Sigur Ros

Wobei die deutschen Produzenten leider gezwungen waren, diesen Fehler zu machen, da vertraglich vorgeschrieben war, dass alles wie im Original sein musste und somit kaum die Möglichkeit einer sinnvollen kulturellen Adaption bestand. Und so hatte Jupp dann eben das amerikanischste Wohnzimmer Kölns und waren seinen Sprüche und selbst seine Mimik und Körpersprache 1:1 kopiert.

Pascal
Pascal

Man ist begeistert! Danke.
Und wenn du jetzt noch die vor Jahren angekündigten Reviews zu den ,,Herr der Ringe“-Verfilmungen nachlieferst, kriegst du ein Fleißbienchen von mir! 🙂
Scherz beiseite, immer wieder schön die Innenansichten der dt. bzw. internationalen Film- und Fersehproduktion erklärt zu bekommen. Gerne wieder mehr davon.
Ja, ich weiß, dein Fokus liegt jetzt woanders.

S-Man
S-Man

Hahaha, geil. An die LotR Reviews hab ich auch grad gedacht!

Chris Schulze

Wenn wir hier gerade bei wünsch dir was sind: Ich würde mich sehr über den angekündigten Setbericht von Ice Planet freuen 🙂

Martzell

Eine unpassende Umsetzung einer russischen Sitcom lieferte Tele 5 oder Super RTL. Das Frauenbild und vieles weitere war überhaupt nicht germanisiert. Gibt aber gelungenen Ideenklau: Pastewka und Stromberg. Ein Herz und eine Seele. Verliebt in Berlin vielleicht auch.

Interessant, stimmt, die erfolgreichsten Figuren wurden zusammen mit dem Schauspieler entwickelt, beispielsweise Schimanski.

Christian

Vermutlich meinst du mit der russischen Sitcom „Papas Töchter“. Die produzierte der zu Recht längst wieder verschwundene Sender DAS VIERTE. Ich war einer der germanisierenden Autoren. Die Original-Drehbücher waren gar nicht schlecht. Allerdings hat die Regie bei den ersten 12 von insgesamt 48 (!) Folgen vergessen, für die später eingespielten Lacher im Darsteller-Spiel eine Pause zu lassen. Die Folge: Trotz gleicher Textmenge waren die ersten 12 Folgen 1-3 Minuten zu kurz. Also musste ich D-Plots schreiben, die nachgedreht und eingefügt wurden und die keinesfalls in die bestehenden Plots eingreifen durften. Als Problem blieben jedoch die fehlenden Pausen für die Lacher. Die wurden trotzdem einspielt, so dass die erste Zeile des folgenden Dialogsatzes meist im Lacher unterging.
Lisa Fitz war übrigens eine der anderen Autoren…

MaximGurki
MaximGurki

Meine Güte, ist das unlustig. Andererseits: Auch den „Humor“ des Originals fand ich immer unerträglich, für mich war die Verwendung von Al-Bundy-Sprüchen jahrelang ein verlässlicher Indikator für einen baldigen Kontaktabbruch.

Sigur Ros
Sigur Ros

Nein, da ist/war mir „Lindenstraße“ doch lieber. Auch nicht toll, aber wenigstens echt.

Dir ist bewusst, dass auch Lindenstraße ein ausländisches Vorbild hat (auch wenn man dieses in dem fall gut adaptiert hat)?