27
Nov 2023

Streaming-Kritik: THE BEAR

Themen: Film, TV & Presse |

Wenn wir vom Goldenen Zeitalter der TV-Serien reden, ist damit meistens der betriebene Aufwand gemeint, die Menge der Komparsen, Kostümen, Effekte. Doch neue Horizonte öffnen, neue Wege gehen, mit den Konventionen brechen kann man auch, ohne 100 Millionen Dollar in die Hand zu nehmen.

Willkommen zu THE BEAR, der vermutlich besten und vor allem innovativsten Serie der letzten fünf Jahre. Ich bin mal wieder etwas spät dran, weil – wie im Fall von MISS MAISEL und FOYLE’S WAR – erstmal ein paar Empfehlungen guter Freunde notwendig waren, um mich auf dieses Kleinod hinzuweisen. Eine Dramedy über einen Edel-Chefkoch, der versucht, die heruntergekommene Imbissbude seines toten Bruders zu retten – das klang nicht nach “my cup of tea.”

Tatsächlich ist THE BEAR von der ersten Sekunde lang radikal anders als die herausgeputzte Edelware, die wir aktuell gewohnt sind. Schnell, intensiv, emotional, näher dran und lauter. Wir sehen keine Küche, wir stehen mit am Herd. Wir hören keine Dialoge, wir sind mittendrin. Streitigkeiten und Stangensellerie – beides fliegt uns um die Ohren:

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Das kleine Restaurant in dem Fertig-Flachdach-Bau irgendwo in Chicago, eine Handvoll überforderter Angestellter, ein gemeinsamer Traum – mehr braucht es bei THE BEAR nicht, um fast hypnotisch in das Geschehen gezogen zu werden. Unfassbarer Stress, aber auch die unbedingte Liebe zur guten Küche, schweißen alles und jeden zusammen. Überleben kann man nur, wenn jede Katastrophe als Herausforderung gesehen wird, die sich mit noch mehr Einsatz, noch mehr Herzblut, und noch mehr Selbstaufgabe meistern lässt.

Handkamera, überlappende Dialoge, rapide Szenenwechsel – mit den Techniken des Underground-Dokumentarfilms erschafft THE BEAR scheinbar mühelos eine Atmosphäre des hundertprozentigen “dabei seins”, die den Zuschauer teilweise so sehr fordert wie die Figuren. Verzichtet wird dabei auf die klassische 3 Akt-Struktur, auf detailliert ausformulierte Konflikte, auf eine Konzentration auf das Wesentliche. Dinge in THE BEAR passieren einfach. Wie das Leben. Und wenn man gar nicht mehr weiterkommt, reibt man halt mit der Faust das Herz und verschiebt die Wut auf morgen (ihr werdet es verstehen, wenn ihr es seht).

Für eine so intime, intensive und pfeilschnelle Serie (deren Folgen mit knapp 30 Minuten ideal getaktet sind)  braucht es Darsteller, die uns an die Figuren glauben lassen. Auch hier punktet THE BEAR nicht nur beim “main cast”, der in seiner Authentizität ebenfalls quasi-dokumentarische Qualität erreicht. Ab der zweiten Staffel tauchen auch immer mal wieder hochkarätige Gaststars auf, die sich dem Konzept der völligen Uneitelkeit unterwerfen und Performances abliefern, die man in einer solchen Schmerzhaftigkeit und Stimmigkeit selten zu sehen bekommt.

Give Jamie Lee Curtis all the awards!

THE BEAR ist ein perfekter Mikrokosmos aus toxischen Beziehungen, der Suche nach einem Sinn im Leben, der Notwendigkeit eines sozialen Netzes. Unter der harten Schale schlägt bei THE BEAR ein weiches Herz. All die Katastrophen, all die Schmerzen, all die Sehnsucht – am Ende wird niemand gebrochen, ist kein Schicksalsschlag nicht zu verkraften. Den Angestellten des Restaurants wird der Silberstreif gegönnt – weil es gar nicht zu ertragen wäre, wenn wir Richie, Sugar, Marcus, Sydney und Neil scheitern sehen würden. Diese schrägen Typen sind nach der ersten Staffel Freunde, nach der zweiten Familie.

Es gibt einen Grund, warum die Serie für jede Menge Preise nominiert wird: sie hat jeden einzelnen verdient. Das hier ist etwas Neues, etwas Aufregendes, etwas Wertiges. Dass Hulu vor ein paar Wochen eine dritte Staffel geordert hat, ist nicht nur folgerichtig – es war gottverdammte Pflicht. Wir haben diese Serie verdient.

P.S.: Die LvA und ich sind uns einig: Team Richie.



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el flojo
27. November, 2023 18:35

Unterschreibe ich fast alles. Hab es auch die letzte Woche über durchgesuchtet. Grandiose Unterhaltung. Wie man direkt zu Beginn mit reingerissen wird, ist einer der besten Serienstarts überhaupt. (Hab tatsächlich nach ein paar Minuten nachgeguckt, ob ich wirklich in s1e1 bin.)
Die Weihnachtsfolge! Wow.
Wie schrieb ich es dem tippgebenden Freund am Samstag?
“Wie epochal is bitte Jamie Lee Curtis in der Weihnachtsfolge von The Bear?”

Wo wir uns unterscheiden? Ich mag Richie immer noch nicht. (Habe aber ein bisschen mehr Verständnis als zu Anfang.)

dermax
dermax
28. November, 2023 08:26
Reply to  el flojo

Stimme zu, JLC ist Wahnsinn in der Weihnachtsfolge, wobei grade da ja das Halbstundenkonzept aufgebrochen wurde und dann wurde es schon etwas anstrengend mit der Zeit. Die erste Staffel ist Weltniveau, die zweite mäandert zu sehr und übertreibt ein wenig mit dem gegenseitigen Angeschreie, lebt aber von den neuen Schauplätzen und Gaststars, hat schon eine gewisse Komik, wenn man Will Poulter erst bei GotG3 und dann tags drauf in einer Kopenhagener Küche sieht.

S-Man
S-Man
4. Dezember, 2023 00:48
Reply to  Torsten Dewi

Ich kam mit Poulter nie richtig klar bisher. Das liegt an seinem Milchbubie-Gesicht und seiner extrem unsympathsichen Muttersöhnchen-Rolle in Narnia 3, wo ich ihn das erste Mal bewusst wahrnahm. Seit dem war er mir immer unsympathisch und für mich für seriöse Rollen verbrannt.

Bis jetzt. Hier hat er mir sehr gut gefallen. Mal sehen, was noch so von ihm kommt.

S-Man
S-Man
4. Dezember, 2023 00:51
Reply to  dermax

Ich mochte die Weihnachtsfolge tatsächlich insgesamt am wenigsten, ich fand das alles sehr schnell sehr nervig. Hier hätten es für mich auch tatsächlich nur 30min gebraucht. Die Richie-Folge hingegen hätte für mich wirklich noch ein wenig länger dauern dürfen.

milan8888
milan8888
28. November, 2023 00:30

Ich fand ja die zweite Staffel ein wenig zu unfokussiert, ähnlich wie die dritte Staffel Ted Lasso. Da waren ein paar Hammer-Folgen dabei, aber irgendwie fehlte da der rote Faden.

Last edited 2 Monate zuvor by milan8888
dermax
dermax
28. November, 2023 13:59
Reply to  Torsten Dewi

Ja, die Richie-Folge war ein wirklich toller Einblick in die Prozesse eines Edelschuppens, andererseits vollkommen absurd, wie er sich dort innerhalb einer(!) Woche integriert.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
28. November, 2023 13:22

Hatte auch vor die zu schauen, aber dann erstmal doch dagegen entschieden. Wird dann bei der nächsten Disney+ Buchung nachgeholt.

S-Man
S-Man
4. Dezember, 2023 00:46

Vielen Dank für diesen Tipp! Hatte den auch direkt für mich aussortiert als ich die Inhaltsangabe las. Aber das war wirklich großartig! Für mich vor allem Staffel 1!

Vielen lieben Dank!