Auch wenn der Scan-Vorgang meiner Cinema-Ausgaben soweit automatisiert ist, dass ich mich dabei nur wenig auf die Inhalte der Hefte konzentriere, fällt mir doch immer mal wieder etwas ins Auge. Das kann eine verballerte Überschrift sein, ein besonders dämlicher Druckfehler oder ein falsch beschriftetes Bild.

Inhaltlich fällt vor allem auf: Die Cinema war in den 80ern ein sexistisches Drecksblatt mit besonders hohem Heuchelei-Level. Kein Aufhänger war dem Blatt zu schmierig, kein Screenshot zu körnig, kein Anlass zu nichtig, wenn man die Brüste irgendeiner Nachwuchs-Aktrice oder alternden Diva auf Seitengröße ziehen konnte. Ästhetik war kein Maßstab – Hauptsache Titten!

Man kann argumentieren, dass die 80er ja auch sexistische Dreckszeiten mit hohem Heuchelei-Level waren und dass die Film- und Musikbranche entsprechende sexistische Drecksgeschäfte mit hohem Heuchelei-Level machte. Die Cinema hat demnach nur abgebildet, was angeboten wurde – und was die Leser augenscheinlich bereitwillig und begeistert goutiert haben. Es sei nicht vergessen, dass pubertäre Jungs zur Hauptzielgruppe gehörten.

Ich bin mir auch durchaus bewusst, dass es auch im Rahmen der Kritik schwierig ist, genau das zu zeigen, was ich der Cinema vorwerfe. Aber das Internet lebt nicht vom Hörensagen und ihr sollt ja wissen, wovon ich schreibe.

Vor unfassbaren sechs Jahren habe ich erstmals über die Verlogenheit von (1984) Europas größter Filmzeitschrift geschrieben – es ging um dieses Cover:

Das erinnert an die Tradition der BILD, sich über Sex- und Gewaltbilder zu echauffieren, in dem man sie vollformatig abbildet und bis ins Detail analysiert.

Hat Valerie Karprisky es nötig, sich für „Die öffentliche Frau“ gänzlich nackig zu machen? Hat Cinema es nötig, daraus gleich das Cover zu zimmern? Hat der Wortvogel es nötig, dieser Tatsache einen eigenen Blogbeitrag zu widmen?

Diese gespielte Empörung bei gleichzeitiger Vermarktung ist beschämend.

Es ist auch ein schönes Beispiel, wie egal der Cinema die fotografische Qualität war – das Bild ist unscharf (pun intended) und die Darstellerin schaut nicht in die Kamera, wie es eigentlich üblich ist. Aber man kann alles sehen – sogar untenrum!!!

Nun habe ich mittlerweile fast alle Ausgaben der 80er gescannt und das Kaprisky-Cover war nicht der einzige Totalausfall. Dabei geht es nicht um Nacktheit als solche – ich VERSTEHE, dass man Hollywood, wo Nacktheit ein klares Verkaufsargument darstellt, nicht abbilden kann, ohne selbst auf diese Mechanismen zurückzugreifen. Man zeigt ja auch Gewalt und Horror. Das ist erwartbar. Selten, ganz selten wurde ja auch durchaus mal ein Level an Erotik erreicht, das sogar dem Playboy gut zu Gesicht gestanden hätte:

(Fotos von Starknipser und Ex-Nena-Manager Jim Rakete, btw)

Aber die Cinema hat es nicht dabei belassen, erotische Fotos von Starlets zu präsentieren. Weil „finden wir hübsch – ihr auch?“ keine angemessene Reizschwelle erzeugt. Es musste immer noch ein härterer Dreh gefunden werden. Und von diesen „härteren Drehs“ habe ich euch heute mal ein paar vorbereitet.

So machte Désirée Nosbusch den „Fehler“, sich zu Beginn ihrer Karriere in ihren ersten beiden Filmen auszuziehen – minderjährig. Ein gefundenes Fressen für die Cinema, die jeden Versuch genüsslich torpedierte, die entsprechenden Szenen zwar im Film, aber aus der Presse zu halten:

Angesichts der Tatsache, dass Nosbusch minderjährig war und auch bei „Der Fan“ immer wieder argumentierte, man hätte sie bei den Nacktszenen unnötig auffällig ausgeleuchtet, ist diese „Story“ der Cinema besonders anrüchig:

Ehrlich? Für die letzten sechs Zeilen würde ich dem Redakteur gerne eine schmieren.

In diesem Fall wollte sich das Management von Nosbusch die Veröffentlichung nicht gefallen lassen, woraufhin die Cinema das Editorial nutzte, um ordentlich nachzutreten:

Ich weiß nicht, wie der Streit ausging, aber man kann davon ausgehen, dass Cinema nie vergibt und nie vergisst – sieben Jahre später zog man die Nummer noch mal durch:

Wenigstens war Désirée Nosbusch mittlerweile volljährig…

Überhaupt war sich die Cinema nie zu schade, schnöde Pressefotos zu ignorieren und sich gleich bei einzelnen Frames aus den Filmen zu bedienen (oftmals sicher mit Duldung des Verleihs, dem – im Gegensatz zur Darstellerin – jede Promotion recht war). Im Fall von Barbara Rudnik, die sich zeit Lebens nicht für den Playboy ausziehen wollte, ist das exemplarisch und besonders unansehnlich:

Dieses Bild ist übrigens eine Zweitverwertung – Cinema hat seine gesammelten Schweinereien der ersten Jahre Mitte der 80er nochmal als „Sonderheft“ ohne die lästigen Beitexte veröffentlicht. Just the pictures, please.

Um es auf das Titelbild der regulären Cinema zu schaffen (wenn auch ohne Foto, wie in diesem Fall), war gar nicht schwer – Model und Gelegenheitsselbstdarstellerin Veruschka von Lehndorff brauchte (angeblich) bloss stolz zu verkünden, womit auch heute noch Mädels wie Micaela Schäfer und Milo Moiré Publicity machen:

Es ist wohl müssig zu erwähnen, dass das Zitat sich nicht im Heft findet. Wer soweit kam, hatte seine drei Mark längst gelöhnt und galt als abgemolken.

Nun war es ja leider nicht so, dass sich jeden Monat eine taugliche Darstellerin zum textilfreien Aufreger anbot. Die Cinema perfektionierte über die Jahre die „Nachwuchs-Nummer“, bei der beliebige Topless-Bilder junger Damen verwurstet wurden, in dem man einfach unterstellte, darunter könnten sich die sekundären Geschlechtsmerkmale einer potenziellen Oscar-Gewinnerin befinden. Dass man von den meisten nicht nur nie wieder, sondern überhaupt (außerhalb der Cinema) jemals etwas hörte? Geschenkt. Die Maus hat ihre Schuldigkeit getan, die Maus kann gehen.

Nun ist an der „Nachwuchsförderung“ ja per se nix Schlechtes. Und dass nicht jedes Starlet zum Star wird, liegt in der Natur der Sache. Aber die Cinema konnte es sich auch hier nicht verkneifen, bei aller Ausschlachtung der Nacktfotos im Idealfall immer auf der moralisch sauberen Seite zu stehen. So wurden gerne diverse Nacktmodels von Texten begleitet wie „Traum Hollywood: Was junge Mädchen alles dafür tun – und welche Gefahren lauern!“. Verlogener kann man Altherrenphantasien nicht bedienen – vielleicht mit Ausnahme von BRAVO, wenn sie 1978 von „Mädchen in Kneipen“ schreibt.

Es passt in die allgemeine Verlogenheit, dass die Cinema sich auch prima empören konnte, dass manche Regisseure ihre Darstellerinnen für billige Publicity nutzen – indem sie daraus billige Publicity machte:

Da ist es nur eine Fußnote, dass der Herr Regisseur sich mit einer nicht minder schwiemeligen „Protestnote“ wehrte und die Schauwerte seiner Filme zur hehren Kunst zu verklären trachtete.

Das sind jedoch alles Hinter den Kulissen-Geschichten. Die Cinema konnte auch Skandale direkt aus Filmen hochjazzen, als gäbe es dafür Preise zu gewinnen. Nehmen wir David Lynchs „Blue Velvet“:

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll – scheinheilig fragte das Heft, ob hier ein Skandal vorliegt, obwohl die gesamte Aufmachung SKANDAL!!! schreit. Musste man natürlich ausführlich bebildern – den mit Messer erzwungenen Oralverkehr dann allerdings „Liebe“ zu nennen, war in einem Maße widerlich, dass mir nicht mal ein angemessener Vergleich dazu einfällt. Das Tüpfelchen auf das i setzte allerdings die eingeklinkte Geschichte über die „negativen Schlagzeilen“ von Isabella Rosselinis Mutter Ingrid Bergman. Ja, der beliebte Hollywood-Star sorgte in den 40ern für einen echten Skandal – weil sie es wagte, sich in einen anderen Mann als den eigenen zu verlieben! Und schwanger zu werden! Von einem Italiener! So etwas in einen wie auch gearteten Kontext mit dem filmischen Blowjob der Tochter zu setzen – sucht euch das passende Adjektiv selber aus…

Ende 1987 war es, da wollte die Cinema mal wieder ein ganz heißes Thema anfassen: Okkultismus, Satanismus und Exorzismus in Hollywood und der Musikbranche. Ein locker-flockiger Artikel, angemessen recherchiert, wenn auch vergleichsweise erkenntnisfrei (ich verneige mich mit Respekt, dass der Redakteur heute noch für die Cinema schreibt). Aber wie wurde das düstere Thema aufgemacht? Fuck satanism, we want sexism! Das britische Busenmodel Corinne Russell musste her(zeigen):

Da ist es nur eine Fußnote, dass die beiden gezeigten Satans-Schocker auf dem Cover gar nicht im Kino liefen – es war der Monat von „Der letzte Kaiser“, „Ist sie nicht wunderbar?“ und „Out of Rosenheim“…

In seiner schnoddrigen Lässigkeit aber am abstossendsten finde ich ein Cover, auf dem eigentlich kaum etwas zu sehen war außer einer zwar nackten, aber nicht zeigefreudigen jungen Blondine:

Hierzu mehrere Hinweise für die Spätgeborenen: Mandy Smith war das Liebchen von Rolling Stones-Bassist Bill Wyman – die Affäre begann, als sie gerade mal 13 war. 13 Jahre. Als sie 16 war, kam die Sache raus und es gab einen Haufen unappetitlicher Schlagzeilen. Mandy Smith zeigte sich trotzig, gerne auch mal freizügig, und versuchte die Publicity in eine Popkarriere umzumünzen, die bereits ein solides Urteil ihrer darstellerischen Talente erlaubte:

Es ist wichtig anzumerken, dass Smith niemals eine Filmrolle gespielt hatte, nicht mal Gastrollen in TV-Serien. Sie gehörte nicht aufs Cover einer Kinozeitschrift. Was faselte die Cinema im Gegenzug für das Fast-Nackt-Foto einer Minderjährigen deshalb?

Der Weg war kurz, wie es schien – und vor allem eingebildet.

Noch ekliger finde ich allerdings die Methode, mit der die Cinema doch noch Brüste in die Story prügelt, auch wenn Mandy Smith sich gar nicht freigemacht hat:

Spielt Sexy-Mandy bald so gewagte Szenen? Man wird ja wohl mal fragen dürfen!

Ich sagte es schon: Ein sexistisches Drecksblatt mit hohem Heuchelei-Level.



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Michael

Ich sag einfach mal Dankeschön für den informativen und spaßig geschriebenen Artikel. Ich habe die „Cinema“ nie gelesen und jetzt irgendwie das Gefühl, auch nicht sooo viel verpasst zu haben.

Thomas Hortian

Das Cover mit Mandy Smith ist wirklich ziemlich eklig, stimmt. Wahrscheinlich auch aufgrund nostalgischer Verklärung empfinde ich die anderen Cover mit den reißerischen und tendenziösen Überschriften eher noch amüsant. Man stumpft vielleicht auch mit der Zeit etwas ab, wer weiß…

Matts
Matts

Interessanter Artikel. Ich hatte echt keine Ahnung, dass die Cinema früher sowas gemacht hat.

Dummerweise war ich erst in den 90ern ein pubertierender Knirps – sonst wäre das die beste Gelegenheit gewesen, die Begeisterung für Filme mit dem aufkeimenden Interesse an Frauen zu verbinden….