07
Okt 2021

Final Thoughts: WHAT IF…? (plus Bonus)

Themen: Film, TV & Presse |

Vorab: Wer interessiert ist, kann sich hier, hier und hier meine anderen Kritiken zum Thema durchlesen und hier meinen "First Look" zu WHAT IF…?.

So, mit Folge 9 ist auch die vierte Marvel-Show auf Disney+ durch – und ja, man kann natürlich diskutieren, ob das nun wegen abgeschlossener Handlungsstränge Miniserien oder wegen voraussichtlich mehrerer Staffeln eben doch Serien sind. Letztlich sind das alles doch bürgerliche Kategorien.

WHAT IF…? lässt sich nicht als homogene Serie besprechen, weil sie grundsätzlich als Anthologie angelegt ist, deren Episoden in sich geschlossen sind (oder sein sollten, dazu gleich mehr). Darum hier eine kleine Übersicht über die Folgen zwischen Pilot und Finale:

What If… T’Challa Became a Star-Lord? Mein grundsätzliches Problem ist, dass ich T’Challa eher langweilig finde und er als blütenweißer schwarzer Held auch kaum Ecken und Kanten zeigt. Das wird besonders deutlich, wenn man ihm die Rolle des Star-Lord aufzwingt. Es kommt eine Magermilch-Version der GUARDIANS dabei raus, die allenfalls durch die entstehenden Figurenkonstellationen einen gewissen Unterhaltungswert gewinnt.

What If… The World Lost its Mightiest Heroes? Wer wäre in der Lage, der Reihe nach die Top-Avengers zu ermorden und damit das gesamte Projekt zu gefährden? Eine spannende Frage, eine spannende Episode, genau der richtige Ansatz für WHAT…IF?, wenn die Auflösung nicht schlüssig, aber letztlich wenig überzeugend wäre. Die Episode verstolpert sich ausgerechnet an der Ziellinie.

What If… Doctor Strange Lost His Heart Instead of His Hands? Eine schöne düstere Variation der Origin-Story von Doctor Strange – die wie die vorherige Episode nur daran hakt, dass die zu Grunde liegende Motivation ein wenig dünn geraten ist. Als Sucker für die magischen Seiten des MCU kann ich hier aber ganz gut damit leben.

What If… Zombies!? Das MCU goes TRAIN TO BUSAN. Eine ganz fette Horror-Apokalypse mit vielen schockierenden Momenten, einem unfassbaren Vorwärtsdrang und genug Saft, um eigentlich eine eigene Serie zu verdienen. Die beste Episode der Serie und eine gute Variation der Marvel Zombies-Comics.

What If… Killmonger Rescued Tony Stark? Eine klassische Episode, die durchspielt, wie sich das MCU unter anderen Vorzeichen hätte entwickeln können und die davon lebt, dass sie uns noch mal ganz zum Anfang zurück führt – zu IRON MAN. Krankt aber ein wenig daran, dass ich Killmonger schon in BLACK PANTHER nur mäßig interessant fand.

What If… Thor Were an Only Child? Nach diversen düsteren Entwürfen gönnt sich WHAT IF…? eine Art Fun-Episode, die den verwöhnten Thor als Party-Bro zeigt und Las Vegas als das legitime Asgard auf Erden. Ein perfekter Durchatmer vor dem Schlusssprint.

What If… Ultron Won? Eine beklemmende Dystopie, in der Ultron nicht nur die Erde, sondern weite Teile des Universums übernommen bzw. zerstört hat. Der bessere BLACK WIDOW. Es zeigt sich wieder einmal, dass der Animationsstil von WHAT IF…? perfekt geeignet ist, große Gefühle UND große Action zu transportieren.

That being said…

Wie schon zu erwarten war, verbindet das Finale die einzelnen Episoden zu einer Meta-Narrative aus dem Multiverse, die es für mich gar nicht gebraucht hätte, die aber einen schönen Mehrwert bietet, bis das MCU auf der großen Leinwand zu dem Thema in die Puschen kommt. Die letzte Episode ist pures galaktisches Chaos im Jack Kirby-Stil, inklusive vieler visueller Anlehnungen an den legendären Zeichner. Weder so komplex noch so dramatisch, wie ich befürchtet hatte, aber ein ganzer Tanklaster voller "big fun", großartigen Dialogen, vielen Twists und extrem smooth inszenierter Action:

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So kann das Urteil auch bei dieser Serie wieder nur lauten: Marvel hat viel versprochen, mehr geliefert – und dann noch einen oben drauf gesetzt, Und darum freue ich mich auch jetzt schon auf die nächste Serie, die mich eigentlich weder vom Thema noch von der Figur scheren sollte:

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Da ich mich gerade des Urlaubs wegen für eine Woche in Oberbonzen aufhalte und nicht so viel schreiben kann, wie vielleicht wünschenswert wäre, packe ich nun noch ein paar Gedanken zu anderen aktuellen Serien dazu.

STAR TREK – LOWER DECKS wurde von mir und dem Fandom wohlwollend aufgenommen, auch wenn ich die Probleme des Konzepts (die mehr mit DISCOVERY  und PICARD zu tun haben, als Paramount vermutlich eingestehen möchte) schon aufgezeigt habe. Es ist nun mal nicht so einfach, aus ewigen Randfiguren und C-Plots eine ganze Serie zu stricken.

Nun bin ich ehrlich überrascht, dass die zweite Staffel die ganzen Probleme der ersten Staffel aufarbeitet, bereinigt und deutlich stärker durchstartet. Eine Steigerung von 100 Prozent, mindestens. Die Figuren bekommen klarere Funktionen, klarere Konflikte, und werden sehr viel plausibler in die Abenteuer der USS Cerritos eingebunden. Oftmals gelingt es den Autoren, satte drei Handlungsstränge in eine Episode von weniger als 30 Minuten zu packen und keinen davon zu vernachlässigen. Und weil nun auch bei allen Beteiligten angekommen scheint, dass es sich hier um eine Comedy handelt, wird in Sachen Insider-Gags nicht mehr gegeizt. LOWER DECKS ist ein Sammelsurium aus Insider-Jokes, obskuren Referenzen und direkten Anspielungen auf das gesamte Trek-Universum. Hilariös, möchte man sagen, wenn es das Wort gäbe. Bisheriges absolutes Highlight: "I, Excretus", die achte Folge der zweiten Staffel.

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Kurz gesagt: LOWER DECKS (Staffel 2) ist die beste Trek-Produktion der letzten zehn Jahre. Paramount ist offensichtlich doch lernfähig – ein Hoffnungsschimmer?

Was mich allerdings ausnehmend frustriert – an den ganzen Trexperten, die jede Woche jede Episode auseinander nehmen, scheint dieser sehr offensichtliche und wirksame Kurswechsel komplett vorbei gegangen zu sein. Es wird allenthalben lediglich konstatiert, LOWER DECKS sei immer noch vergnüglich. Dabei ist es viel mehr als das. Die Serie könnte der Wegweiser aus der Trek-Misere sein, weil sie zu klassischen Tugenden zurück gefunden und deren Validität auch im neuen "goldenen TV-Zeitalter" bewiesen hat. Aber mit dem "big picture" setzen sich die Herren Kollegen ja eher selten auseinander.

Weiter im Text.

TITANS, Staffel 3. Alter Falter. Die ziehen das wirklich durch. Dabei hätte man schon nach der Hälfte der ersten Staffel den Stecker ziehen sollen. Ich kenne keine Serie, die so offensichtlich keine "series bible" besitzt, keine vorgeplante Story, keine Arcs für die Charaktere, keinen einheitlichen Tonfall. Mir scheint, als würden die Showrunner jede Woche mit einem Mords-Kater aufwachen, sich das rauchende Wrack der letzten Episode anschauen und dann murmeln "ach du Scheiße, was machen wir denn jetzt?". Bei TITANS passt gar nichts zusammen und das Team, der Plot und die Tonalität haben seit dem Start mindestens drei mal gewechselt. Dazu gehört auch, dass jede Staffel einen komplett neuen Anfang macht, nur um diesen nach spätestens drei Episoden wieder aufzugeben.

Es ist auch schäbig, wie unfähig TITANS ist, die Titans ordentlich zu bedienen. Gar (Beast Boy) hat in drei Staffeln keinerlei Funktion zugewiesen bekommen und bleibt eine jämmerliche Randfigur. Mit Connor Kent hat man einen Superman-Klon, dessen Kräfte eigentlich den Rest des Teams überflüssig machen sollten und der genau deswegen immer im Hintergrund gehalten wird. Starfire ist mehr so die "Hausmutter" der Titans und der galaktische Konflikt in ihrer Biographie beschränkt sich auf total emotionale Gespräche mit ihrer Schwester. Raven? Weitgehend raus aus der Serie. Hawk & Dove? Raus, dann wieder rein – obwohl sie eigentlich keine Titans sind, bekommen sie den Großteil der Screentime.

Die Serie ist ein willkürliches Chaos, und die Antwort auf die Frage, warum ich sie dennoch schaue, ist auch der Grund, warum mich das so wütend macht: TITANS hätte alles, um die beste Superheldenserie im Fernsehen zu sein. Die Kostüme sind weitgehend perfekt, die Gotham-Atmosphäre hebt sich hervorragend von der Comic-Palette des MCU ab, die Darsteller sind perfekt ausgesucht, mit der von Folge zu Folge jämmerlicheren Ausnahme Iain Glens als Bruce Wayne. Mit dem Batverse hat man eine Schatzkiste voller großer Plots, die man plündern könnte – wären die Drehbücher nicht so scheiße.

Und so versprach Staffel 3 denn auch, statt der ziellosen Dramaturgie der ersten beiden Staffeln mit ein paar Handlungssträngen aus den Batman-Comics etwas mehr Fokus reinzubringen:

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Und es ist wieder nix geworden. Man muss die Fähigkeit der Serie, legendäre Storys auf Banal-Format zu verkleinern und selbst dann noch zu vergeigen, fast schon bewundern. Jason Todd ist als Red Hood ebenso ein Totalausfall wie der neue Scarecrow oder Starfires Schwester und die in diesem Kontext schwer glaubwürdige Abschottung Gothams vom Rest der Welt. Man hat die Ideen aus den Batman-Comics nicht verwendet – man hat sie in einen Mixer geworfen und bis zur Unkenntlichkeit püriert.

Und dennoch: ich schaue weiter. Brendon Thwaite. Nighwing. Barbara Gordon. Krypto. Da hängt einfach zu viel Hoffnung drin und dran.

Zum Abschluss noch was fürs Herz: die zweite Staffel der Neuauflage von DER DOKTOR UND DAS LIEBE VIEH ist angelaufen. Eine Serie für "hach…"-Murmeln und Shortbread-Kekse futtern. Das britische Landidyll in seiner vollen Vorkriegs-Pracht:

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Der größte Pluspunkt der Serie ist der völlige Verzicht auf Sensationen, auf Twists und große Konflikte. Es ist "feelgood TV" der besten Sorte und gerade in Zeiten wie diesen eine absolute Empfehlung. Manchmal wünschte ich mir, die Deutschen wären auch mal wieder in der Lage, ihr eigenes Selbstverständnis in so goldenem Licht zu sehen und Serien zu produzieren, die an der hässlichen Wahrheit vorbei ein Bild des Landes zeichnen, das nicht wahr, aber wünschenswert ist. Creme für die geschundene Volksseele.

Und das soll dann auch für heute reichen.



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OnkelFilmi
7. Oktober, 2021 12:18

"Gar (Animal Boy)…"

Ähem.

Jake
Jake
7. Oktober, 2021 14:54

Kurz gesagt: LOWER DECKS (Staffel 2) ist die beste Trek-Produktion der letzten zehn Jahre. Paramount ist offensichtlich doch lernfähig – ein Hoffnungsschimmer?

Hey, danke für den Nachklapp zu LOWER DECKS. Konnte mich bis dato nicht zu einer Sichtung durchringen, aber jetzt werde ich doch mal reinspitzen. Mit weiterem soliden Trek-Content ist ja leider erst im nächsten Jahr zu rechnen, wenn die 3. THE ORVILLE-Staffel erscheint…

Jane Doe
Jane Doe
7. Oktober, 2021 15:53

Wat? kein Kommentar zu Doom Patrol die hier ja wohl hingehören?
(gerade im Hinblick auf wie unterirdisch Titans ist)

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
7. Oktober, 2021 16:38

Ich habe Lower Decks Staffel 1 echt genossen. Noch nicht ganz perfekt, aber voller Trek Charme ohne zu viel Agenda durchblicken zu lassen. Freue mich schon auf Staffel 2, wenn ich mal Zeit für finde. Hat mir wirklich gut getan, nachdem Picard mich richtig verärgert hat und Discovery zwar grundsolide, aber auch keine Trek Serie ist.
Weiß aber nicht, in welcher Blase du dich bewegst. Ich kenne nur die Incel Blase, die Kurtzman Trek bei jeder Gelegenheit schlecht reden und mindestens jeden dritten Monat sein und Treks Ende weißsagen, ähnlich eines gewissen mittellosen Sängers und Vegankochs.
Die andere Blase feiert dagegen alles ab, hauptsache es steht Trek drauf, das sind zB Seiten wie Trekmovie.com.

jimmy1138
jimmy1138
8. Oktober, 2021 12:43

Kann man Lower Decks Staffel zwei schauen, ohne Staffel eins gesehen zu haben?

Martin Däniken
Martin Däniken
8. Oktober, 2021 14:15
Reply to  jimmy1138

Nein ist verboten- einfach die erste Staffel nicht zugucken..Kulturbanause!

Wer z.B. die 1.Saison Dschungelcamp nicht gesehen hat, kommt mit der enormen Komplexität und den überraschenden Charakterentwicklungen ds Franchise nicht klar,hihi

dermax
dermax
12. Oktober, 2021 09:31

Stimme zu, Lower Decks hat einen Zahn zugelegt und inzwischen sind die Folgen sogar zu kurz für die Masse an Ideen. "I, Excretus" war ja quasi ein Best-Of-Star Trek und bei allem Klamauk hat es das Ende der aktuellen Folge geschafft, mir einen Schauer über den Rücken zu jagen, den ich zuletzt bei "Best of Both Worlds" hatte.