12
Apr 2024

Kino Kritik: Civil War

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

USA 2024. Regie: Alex Garland. Darsteller: Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen McKinley Henderson, Jesse Plemons, Nick Offerman

Story: In einer nahen Zukunft: Nach der Sezession von Kalifornien und Texas ist in den USA ein neuer Bürgerkrieg ausgebrochen und Washington D.C. wird von den Truppen der “Western Forces” belagert. Die Fotojournalistin Lee möchte mit ihrem Kollegen Joel zum Weißen Haus vordringen, um den Präsidenten zu interviewen, der immer noch vom Endsieg schwafelt. Ihnen schließen sich die junge Jessie und der Korrespondenten-Veteran Sammy an. Die Reise durch mehrere Bundesstaaten wird zu einer Odyssee durch den zerbrochenen Traum Amerika, bei der viele die Situation zu ignorieren versuchen, während andere ihre lange im Zaum gehaltenen Gewaltphantasien ausleben.

Kritik: Wow, ich habe viele, viele Gedanken, und noch keine Ahnung, wie ich sie sortieren soll. Vielleicht fange ich mit ein wenig historischem Kontext an. Ich bin ein Fan von politischen Utopien/Dystopien im Kino. Ich mag es, wenn mit dem breiten Pinsel auf der großen Leinwand gesellschaftliche Entwürfe gemalt werden, bei denen die globale Umwälzung nicht von Aliens, Bakterien oder Umweltkatastrophen ausgelöst wird, sondern von Entscheidungen in Komitees, Hinterzimmern, auf Pressekonferenzen. Filme, in denen die Menschen nicht heroisch gegen eine Gefahr von außen antreten können, weil sie selber die Sache in die Scheiße geritten haben.

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Während es mit Serien wie JERICHO vor ein paar Jahren noch mal eine kleine Renaissance der “political apocalypse” gab, scheint das Genre mittlerweile weitgehend eingeschlafen. Es regieren Superhelden, die alles schon irgendwie richten – oder Aliens, die wir mit Bomben und Granaten bekämpfen können. Dabei ist gerade die “political apocalypse” ein sehr spannendes Feld, behandelt sie den Zusammenbruch der Gesellschaft doch nicht als Folge einer unerwarteten Katastrophe, sondern als direkte Konsequenz unseres schadhaften Verhaltens in der Gegenwart. Wir können die Utopie/Dystopie aufschlüsseln, mit aktuellen Entwicklungen abgleichen.

It can’t happen here – or can it?

Als Fan dieses Genres freue ich mich deshalb umso mehr, dass in diesem Jahr endlich mal wieder ein potentes “was wäre wenn…”-Szenario in die Kinos kommt – keine Serie, kein Streaming. Es ist angesichts der politischen Lage in diversen Ländern durchaus angebracht, sich auch mal auf fiktionaler Ebene mit der Weltlage auseinander zu setzen. Unsere wahren Probleme heißen Trump und Putin, nicht Thanos und Godzilla.

Obwohl CIVIL WAR ein breites Szenario bespielt, bleibt er bei den Fakten absichtlich vage und fast schon politisch neutral: Ein Präsident in dritter Amtszeit, das FBI aufgelöst, Bundesstaaten im Krieg, Versorgungsprobleme und totale Isolation der USA, ein Showdown zwischen Seiten, die beide für sich Recht und Gerechtigkeit beanspruchen. Republikaner und Demokraten, links und rechts, das sind Begriffe, die Alex Garland fast komplett ausklammert, zumal sie in einer Welt wie dieser weitgehend bedeutungslos geworden sind.

Dass der Präsident offensichtlich an Trump angelehnt ist? Sicher der aktuellen politischen Lage geschuldet, aber inhaltlich kaum von Belang. Es hätte auch ein Demokrat sein können, dem die Kontrolle über das Land entglitten ist.

Die Journalisten im Fokus des Films sehen sich als neutrale Beobachter und Berichterstatter, dabei ist “raushalten” angesichts der unschuldigen Opfer überall längst ein massives moralisches Versagen. Sie jagen einer Story nach, als hätte sich nichts verändert, für sie ist der “scoop” immer noch das begehrte Fleißkärtchen. Auf der Suche nach einer “Wahrheit” haben sie ihre eigenen Scheuklappen aufgesetzt.

Und so begleitet CIVIL WAR die kleine Gruppe auf der Fahrt von New York nach Washington D.C., ist mehr ein Roadmovie mit schockierenden Einzelepisoden als ein auf das Spektakel hin produzierter Eventfilm.

Das ist im Ergebnis und im Effekt… schockierend. Ein Attribut, das ich wenigen Filmen zugestehe. CIVIL WAR ist als Dystopie erschreckend, weil in jeder Szene so vertraut, so nah, so plausibel, dass man eine Gänsehaut bekommt. Es ist ein Science Fiction-Szenario, das nur eine katastrophale Präsidentschaftswahl von der Realität entfernt sein könnte. Die Risse in der amerikanischen Gesellschaft, an denen in CIVIL WAR das Land zerbrochen ist, können wir heute schon in der Tagesschau sehen. Bei jeder Trump-Rallye kann man die ungebildeten, von Fox & Konsorten programmierten Idioten bestaunen, denen die Demokratie nur noch die lästige Fessel ist, die ihnen verbietet, mal richtig aufzuräumen. Sie fürchten die Ereignisse in CIVIL WAR nicht – sie wünschen sie herbei.

Bei aller Größe des Entwurfs bleibt CIVIL WAR in der Umsetzung erstaunlich bodenständig. Die Zukunft besteht in weiten Teilen aus Details, aus gut gewählten Locations, ein bisschen Kriegsdonner in der Ferne. Das alte Amerika noch präsent, aber der Horror seiner Zerstörung überall evident. Autowracks, Ruinen, Explosionen. Die verwendete CGI ist zurückhaltend genug, um den Film nicht wie ein Action-Comic aussehen zu lassen. Harte, realistische, fast dokumentarische Bilder, schmerzhaft mittendrin statt nur dabei. Erst im Finale wird das große Rad gedreht, wird die Erstürmung der Hauptstadt zum großen Schauwert erklärt.

Weil CIVIL WAR sich darauf konzentriert, die Gefahr und die Realität eines neuen Bürgerkriegs schonungslos authentisch zu bebildern, vernachlässigt er aber andere Bereiche, die den Zuschauer abholen könnten. Dass die Ursachen für den Bürgerkrieg weitgehend im Dunkeln bleiben und die kämpfenden Verbände ohne klare Einordnung, kann man als Bonus oder als Malus sehen. Garland verweigert sich einer simplen Zuweisung von Gut/Böse-Kategorien. Das lässt den Zuschauer etwas (gewollt?) orientierungslos zurück.

CIVIL WAR hat letztlich auch keine Geschichte zu erzählen, sondern nur einen Ausschnitt. Die Reise nach Washington dient keinem höheren Ziel, und am Ende ist auch nichts wirklich erreicht. Woher diese Welt kommt, wohin sie geht? Das ist nicht der Fokus.

Obendrein sind die Figuren nur weitgehend leere Hüllen ohne Tiefe oder Vergangenheit: der zynische Journalist, die taffe Fotografin, die Newcomerin, der Veteran. Die Klischee-Konstellation lässt uns von Anfang an ahnen, wer stirbt, wer lernt, wer zerbricht. Die Begegnungen auf der Reise – alles sattsam bekannte Tropen dieser Sorte Film.

Wiegt das schwer, mindert es das Erlebnis? Nein. Weil ich verstehe, warum Garland sich entschieden hat, CIVIL WAR genau so zu schreiben und zu inszenieren. Er verstrickt sich nicht in Details, um dem Geschehen eine Allgemeingültigkeit zu erhalten, um Trotzreaktionen wie “schon klar – linksfeministische Fotografen gegen den bösen rechten Trump-Präsidenten!” zu unterlaufen. Sehr unzynisch versucht er, alle Zuschauer ins Boot zu holen und dabei klar zu machen, dass es in so einer Situation nur noch Verlierer geben kann. Um einen ebenfalls schon zu den Klassikern der “political apocalypse” zählenden Film zu zitieren: the only winning move is not to play.

In vier, fünf, zehn Jahren wird CIVIL WAR von der Realität überholt sein, wird entweder als gut gemeinte, aber fehlgeleitete Warnung Staub ansetzen (siehe auch THE DAY AFTER), oder als düstere Prophezeiung kommender Ereignisse in die Filmgeschichte eingehen. Ich bin wahrlich nicht glücklich, in Zeiten zu leben, in denen uns so ein Film tatsächlich Angst machen kann.

Fazit: Ein Science Fiction-Szenario, aus dem schnell Science Faction werden könnte, als spannendes Roadmovie inszeniert. Kein Konsensblockbuster, aber ein wichtiges Warnsignal und Unwohlsein verursachende Unterhaltung.

Höchste Empfehlung.

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Autorin (und Freundin dieses Blogs) Claudia Kern hat eine dem Film sehr ähnliche Vision schon 2017 zu Papier gebracht und ich empfehle ihren Roman gerne:



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Sven
Sven
12. April, 2024 14:10

Seit dem ersten Trailer freue ich mich auf diesen Film und fürchte ihn als USA-Fan auch ziemlich…
Was mir Sorge macht: wir haben nicht ca. 50% Verblendete wie die Amis sondern “nur” so grob geschätzt 30%, aber auch die machen schon viel kaputt…
Dass der Blick letztlich “nur” auf Trump liegt und nicht auf den Leuten, die ihn erst ermöglichen, finde ich bei unseren Medien auch etwas schwach.

Feivel
Feivel
12. April, 2024 15:25
Reply to  Sven

Wer bei den Amerikanern von “50% Verblendeten” redet, disqualifiziert sich selbst für den politischen Diskurs. Viele Grüße von überm Teich.

Sven
Sven
12. April, 2024 19:41
Reply to  Torsten Dewi

Danke. Da das hier Deine Seite ist, verkneife ich mir weitere Diskussionen dazu.

dermax
dermax
12. April, 2024 14:38

OK, kommt auf die Kandidatenliste fürs Cineplex 🙂
Zu Deinem ersten “Kritik”-Absatz: da würde ich Dir den Blick auf “For all Mankind” (Apple plus) empfehlen, grandiose Utopie, die sich auf einem Detail der Weltgeschichte aufhängt, das anders gelaufen ist. Vermutlich kennst Du es als Serienfan schon, ansonsten idealerweise ohne Vorwissen in die Serie starten.

Marko
12. April, 2024 14:46

Oh, da bin ich gespannt, ein Must-see für mich. Ich mag Garlands Regiearbeit sehr, “Ex Machina”, “Annihilation” und – vor allem – die Miniserie “Devs” sind fantastische Inszenierungen. Schön, dass er offenbar auch mit seinem neuesten Film wieder abliefert.

Marko
12. April, 2024 15:54

Ich hab grad das hier gesehen: https://www.spiegel.de/ausland/arizona-gebetsgruppe-irritiert-mit-bizarrem-ritual-im-parlament-senator-mittendrin-a-3e4abf95-dd29-4c9b-8ee1-44371b6f2f63?sara_ref=re-xx-cp-sh

Und holy shit, sowas kann einem als aufgeklärten Menschen echt nur Angst machen. Schaut euch das Video an. So viel Beklopptheit.

Thies
Thies
21. April, 2024 15:15

Ich war am Freitag im Kino und der Film wirkt immer noch nach. Die ausbleibende Position sehe ich als Vorteil, da dadurch das allgemeine Szenario besser dargestellt wurde. Auf den emotionalen Affekt gezielte Szenen wurden vermieden. Und es wird auch keine richtige Front zwischen “gut” und “böse” etabliert. Aber wie soll man sich auch auf der richtigen Position verorten wenn Scharfschützen auf alles schiessen was sich bewegt? Und wer wird das Bild, das in die Geschichtsbücher eingehen könnte am Ende noch sehen können?

Das am meisten Hoffnung spendende Bild stammt aus dem Stadion voller Flüchtlinge in dem kurz Halt gemacht wurde. Man sieht Menschen zusammen sitzen, Kinder zusammen spielen und lachen und hofft, dass das Miteinander am Ende immer stärker ist als die Zwietracht.

Last edited 1 Monat zuvor by Thies
Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
24. April, 2024 23:09

Gerade aus dem Kino raus – was ist denn mit Kirsten Dunst passiert oO* ansonsten hat Garland anscheinend sein Devs-Team zusammengetrommelt, um einen feinen Road-Trip zu spinnen. Manches Mal hätte ich die Journalist*innen am liebsten ob ihrer Blauäugigkeit gekloppt und wie der Hausherr schon geschrieben hat, wird schnell klar, wer hops geht. Aber ansonsten feine Bilder, sehr starker Soundtrack und guter Cast bis in die Nebenrollen.

Marko
24. April, 2024 23:14
Reply to  Rudi Ratlos

Die Dunst ist halt nun auch schon ü40, was hast du erwartet…

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
25. April, 2024 10:24
Reply to  Marko

Sorry, aber die Frau ist Baujahr 82 – ich hab Kolleginnen, die Ü50 – Anfang 60 sind und frischer aussehen…

dermax
dermax
25. April, 2024 11:29
Reply to  Torsten Dewi

Ganz genau, gibt doch zig Film-Beispiele, wo die Beteiligten trotz grösster Widrigkeiten wie aus dem Ei gepellt aussehen….

heino
heino
25. April, 2024 06:48

Das war mal ein Erlebnis, ich habe lange nicht mehr so ein stilles Publikum erlebt. Es ist ja quasi schon alles gesagt, das ist ein großartiger Film, der einem wirklich vor Augen führt, auf was wir zusteuern und was in vielen Ländern schon lange Realität ist. Schade, dass Garland laut eigener Aussage nicht mehr Regie führen will, das wäre ein echter Verlust.

Und ich vermute, dass Kirsten Dunst mit Absicht so verhärmt aussieht, um die ausgebrannte Veteranin besser darstellen zu können.