USA 2020. Regie: Cathy Yan. Darsteller: Margot Robbie, Mary Elizabeth Winstead, Ewan McGregor, Jurnee Smollet-Bell, Rosie Perez, Chris Messina u.a.

Story: Harley Quinn hadert immer noch mit der Trennung vom Joker. Erst die Suche nach einem Diamanten, in dem die Zugangsdaten zu einem Mafia-Vermögen codiert sind, bringt die erwünschte Abwechslung – und Stress mit dem durchgeknallten Gangsterspross Roman Sionis. Schnell wird klar, dass Harley Hilfe braucht. Wie gut, dass die Nachtclub-Sängerin Dinah Lance stimmliche Superkräfte besitzt und die trainierte Killerin Helena Bertinelli noch ein paar Rechnungen offen hat. Sogar das Gesetz in Form von Detective Renee Montoya schließt sich widerwillig den Birds of Prey an…

Kritik: Abgesehen von München (MÜNCHEN!!!), der tollen Wohnung, dem Job und der Freunde ist die Rückkehr an die Isar vor allem aus einem Grund für mich ein Kirschblütenfest: Endlich wieder Pressevorführungen! Ich bin den Verleihern sehr dankbar, dass sie mich in sechs Jahren nicht von den Verteilern genommen haben – auch wenn ich manchmal in die Tischkante gebissen habe, weil ich zu lauter tollen Sachen eingeladen wurde, die ich dann nicht gucken konnte. Aber das ändert sich nun! Das hier ist die erste Kritik der neuen "München-Ära". SONIC wird zeitnah folgen.

Veteranen dieses Blogs wird aufgefallen sein, dass ich zwar ausgewiesener Superhelden-Fan bin, aber über die Jahre einige größere Filme des Genres ausgelassen habe: VENOM, FANTASTIC FOUR, JOKER. Und eben SUICIDE SQUAD. Es ist nicht so, dass ich SUICIDE SQUAD nicht gesehen hätte. Ein paar Wochen nach dem Kinostart landete der auf meinem Schreibtisch. Und war furchtbar. Ein schizophrener Film in jeder Beziehung, der weder wusste, ob er Comedy oder Drama sein wollte (das hatte sich während der Produktion wohl mehrfach geändert), noch wie man die Bösen als die Guten erzählt. Einen weiteren Punkt Abzug gab es für das Fehlcasting von Will Smith als Deadshot, der gerade mal eine Minute lang die eigentlich unverzichtbare Maske trägt – man versteckt einen Will Smith schließlich nicht hinter einer Maske.

Aus dem Grund war ich auch nicht so super "pumped", dass es tatsächlich ein Sequel zu diesem Rohrkrepierer gibt, der aus unerklärlichen Gründen fast 750 Millionen Dollar weltweit eingespielt hat. Bereits im Vorfeld konnte man die Gerüchteküche brodeln hören: aus SUICIDE SQUAD wurde nach dem Kritiker-Bashing schnell HARLEY QUINN II, sämtliche Verbindungen zum Snyder-Verse wurden gekappt, und Joker? Joker wurde gleich ganz gestrichen. Je nach Quelle wollte man eine Dopplung mit dem JOKER-Film vermeiden oder Jared Leto hatte nach den schlechten Reviews schon wieder die Schnauze voll, den Clown Prince of Crime als tätowierten Zuhälter zu spielen. Außerdem war es den beteiligten Kreativkräften (Regisseurin, Autorin, Hauptdarstellerin) wohl wichtig, "irgendwas mit Feminismus" zu machen. Weil eine psychopathische Killerin, die einem Massenmörder sexuell hörig ist, hervorragend als Vorbild für junge Mädchen taugt.

Das klang nicht gut. Gar nicht gut.

Schaut man sich das Ergebnis an, so muss man aber zuerst einmal konstatieren: BIRDS OF PREY ist besser als SUICIDE SQUAD. Der Film hat einen durchgängigen Tonfall, kombiniert relativ erfolgreich Comic-Farce und bunte Knochenbrecher-Action und schwächelt nicht in den Einzelteilen. Er weiß, was er sein will – und das ist er auch.

Nur leider ist das, was er sein will, unfassbar scheiße. Machen wir uns nichts vor: das hier ist ein Feminazi-Propagandafilm jenseits aller Logik, Vernunft oder Plausibilität, in dem wirkliche jede Dreckigkeit der Protagonistinnen von der Blanko-Weltsicht gedeckt wird, dass alle Männer eben NOCH aggressiver, böser und vor allem frauenfeindlich sind. Was im Kontext des Films auch stimmt. Das Universum von BIRDS OF PREY ist ein Sammelbecken aus Vergewaltigern, Psychopathen und korrupten Mitläufern, und der Widerstand der "Heldinnen" ist der Aufstand der Wutbürgerinnen.

BIRDS OF PREY ist ein hässlicher Film, der gar nicht den Versuch macht, Harley Quinn irgendwie zu rehabilitieren. Wie sollte das auch gehen? Sie ist eine psychopathische Killerin. Erlösung wäre langweilig – sie SOLL ja so sein, weil das durch die feministische Linse irgendwie empowered ist, weil Beine brechen eine gerechtfertigte "fuck yeah!"-Reaktion auf einen blöden Chauvi-Spruch ist, und weil das alles ja auch irgendwie total witzig ist.

Das ist nicht männerverachtend, das ist menschenverachtend. Auch wenn der Film vorgibt, auf der Seite der Protagonistinnen zu stehen, so verrät er sie doch: zu glauben, diese kieksige ADHD-Schrillschranze Harley wäre durch coole Sprüche und den ständigen Bruch der vierten Wand irgendwie sympathisch zu machen, entlarvt nur eine völlige Fehleinschätzung seitens der Macher. Die Frau ist unsäglich und ihr Handeln zu keiner Zeit zu rechtfertigen. Wer es versucht, macht sich Gender-Krieg mitschuldig.

Wie bei einigen anderen Versuchen, weibliche Heldinnen am Reißbrett zu konstruieren, braucht Harley (im Gegensatz zu jedem männlichen Helden) keine besondere Anstrengung oder Übung, um überlegen zu sein – Frau sein reicht. Und so kann sie in einer Szene (nach wochenlangen Fress- und Alkohol-Exzessen) acht Profikiller im Nahkampf lässig ausschalten, müht sich dann aber an der 55jährigen, übermüdeten Rosie Perez ab. Harley Quinn ist immer so super, wie das Skript es gerade verlangt.

Subtrahiert man die alles durchdringende Unerträglichkeit von Harley Quinn als Figur und Margot Robbie als Darstellerin, dann kann man zumindest in der zweiten Reihe ein paar respektable Performances finden. Rosie Perez ist erfreulich müde und bullshit-frei als Detective Montoya, Jurnee Smollet-Bell zeigt Präsenz als Black Canary und Mary Elizabeth Winstead ist crazysexycool als… WAIT! WHAT?! Die Winstead ist crazysexycool? Seit wann das denn?! Lässt sich aber nicht bestreiten.

Außerhalb des "inner circles" der BIRDS OF PREY wird es dann schon wieder schnell dünn: dem Konzept gemäß sind sämtliche Männer nicht nur Schweine, sondern eindimensionale Schweine, die außer Sex, Gewalt und Drogen keinerlei Eigenschaften mitbringen. Ewan McGregror holt sich einen sehr bequemen Scheck ab als Ersatz-Joker – denn machen wir uns nichts vor: diese Figur hätte der Joker sein müssen und es ist sehr offensichtlich, dass man den Antagonisten zusammen mit allen anderen DC-Referenzen beim zweiten oder dritten Rewrite rausgestrichen hat. Das tut dem Kernkonflikt nicht gut, weil die Schlüsselfigur in Harleys Leben zwar ständig thematisiert, aber nie gezeigt wird. Zumal McGregor das Will Smith-Problem hat: angeblich ist er ein Bösewicht namens Black Mask, aber für mehr als zehn Sekunden mit Maske reicht es wieder nicht. Man hat das Gesicht von McGregor schließlich teuer bezahlt.

Dass BIRDS OF PREY ein fehlgeleiteter Versuch ist, moralisch indiskutable Randgruppen zu Helden wider das Patriarchat aufzuhübschen, wird auch in der Szene klar, als sich die kleine (asiatische) Taschendiebin rechtfertigt, sie würde ja nur "dumme reiche Weiße" beklauen. Genau. Die haben es verdient, das ist dann okay so. Ich habe im dunklen Kinosaal so oft ungläubig mit dem Kopf geschüttelt, dass mir mehrfach der Recycling-Strohhalm aus dem Mund gerutscht ist.

Die Wertung des Films muss demnach zweigeteilt sein: In technischer und inszenatorischer Hinsicht ist das alles ordentlich für einen Midbudget-Comic-Kracher, wenn auch wenig innovativ und etwas überladen mit Gimmicks (Zeitsprünge, Zeichentrick, Fourth Wall). Inhaltlich und vor allem thematisch ist BIRDS OF PREY ein totaler Griff ins Klo, der im Namen der Emanzipation (siehe auch Untertitel) ein Weltbild baut, das Frauen nicht weniger widerlich darstellt als Männer.

Können wir nun bitte ENDLICH von der Idee Abstand nehmen, Gewalt von Frauen gegen Männer sei irgendwie akzeptabler als Gewalt von Männern gegen Frauen – und im gleichen Aufwasch auch den Versuch ad acta legen, Bösewichte irgendwie zu Helden umzudeuten? Das KANN nicht funktionieren. Und BIRDS OF PREY ist dafür nur ein weiterer, streckenweise sehr nerviger Beweis.

Fazit: Eine vergurkte Gewaltphantasie, die Rache als Feminismus und Brutalität als gerechten Ausgleich missversteht.

P.S.: Der Kleingers beim SPIEGEL hat mal wieder Lack gesoffen.



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Christian Siegel

Nach der Kritik (die ich mangels Kenntnis des Films noch nicht einschätzen kann) würde mich deine Meinung zu "Joker" erst recht interessieren.

Jake
Jake

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Comicfreak
Comicfreak

.. Der Trailer sieht aus, als wäre er als Tarantino-Film in den 90ern voll innovativ und witzig geworden

Thies
Thies

Es wundert mich etwas, dass Dir die gleiche Botschaft – Rache gegen Männer ist immer gerecht – nicht auch in Andreas Marschalls "Pig" aus "Deathcember" sauer aufgestoßen ist. Da wird sie durch die Schlußpointe "Es gibt keinen Falschen!" noch mal extra auf den Punkt gebracht, was in meinem Kino schon für ein wenig Geraune sorgte. Aber das ging wahrscheinlich in dem Overkill der 24+2 Episoden einfach unter.

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann

Wegen dem Spiegel: War es nicht schon immer so, dass man die Kinokritik vom Spiegel immer am besten invertiert um die Qualität des Films zu beurteilen?

Goran
Goran

Nur so am Rande sei erwähnt, dass die Taschendiebin, die hier so als McGuffin durchgereicht wird, und anscheinend auch nicht für sich selber kämpfen kann, CASSANDRA CAIN ist!

https://en.wikipedia.org/wiki/Cassandra_Cain

"Wir wollen starke Frauenfiguren!" Wir schreiben aber lieber die Asiatin unfähig und hilflos. Kann man ja nicht stehen lassen, dass die am Ende unserer Margot noch ebenbürtig wird. GARGH.

Oliver
Oliver

Den Film als Feminazischeiss zu bezeichnen halte ich dann doch für übertrieben. Ich mag ihn. Was mich stört ist das fast jede Kritik so tut als wäre das der erste Genrefilm mit Frauen als taffen Heldinnen. Was haben diese Leute die letzten 30 Jahre gemacht? Supergirl, Xena, Ripley, Janeway, Bonds M, Charly’s Angels, Scully, Coffy, Buffy und und und. Nichtmal der Hinweis das jetzt die Frauen Regie führen stimmt so. Der härteste brutalste Marvel Film. Der Punisher von Lexi Alexander.

Thomas G. Liesner
Thomas G. Liesner

Beim Supergirl-Film war die Trophäe ein Mann, die Serie ist ziemlich feministisch verseucht, Xena war cool mit guten Figuren beiderlei Geschlechts, bei Ripley spielt das Geschlecht für die Handlung keine Rolle, bei Bond war es Rangeschmeisse an den Zeitgeist mit weiterhin männlichem Bond, Charlies Angel waren unterhaltsamer Popcorn, Scully war ein tolle Partner, Buffy eine tolle Ensemble-Show.

Taffe Frauen sind für fast keinen Kinogänger ein Problem, problematisch ist es, wenn es gleichzeitig Männerhass bedient, wie Ghostbusters 2016, deutlich gedämpfter Captain Marvel, die neuen Charlies Angel und anscheinend auch Birds of Prey.

Wer nur taff auf Kosten des anderen Geschlechts sein kann, ist keine gute Figur, zumindest, wenn das nicht den Konflikt der Geschichte bildet.

Oliver
Oliver

Oops, da war ich wohl missverständlich. Ich störe mich nicht an dieser Kritik hier (halte sie nur für leicht übertrieben). Mich stören die Kritiker (Spiegel, Tip, Magarete Istmirdochegal) die so tun als gebe es keine Frauen im Genre und übersehen das starke Frauenfiguren schon seit einer Ewigkeit fester Bestandteil sind. Ob die einzelnen Rollen nun feministisch genug sind können Leute beurteilen die das interessiert. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf Menschen die mir "langsam" erklären daß es Generalin Leia ist und nicht Prinzessin Leia, wo ich doch gerade Prinzessin Leia dafür liebe daß sie rebellisch, sarkastisch und ein bisschen arrogant ist. Sorry wenn das nicht so gut rüberkommt aber ich hacke das hier in ein Smartphone und kämpfe gegen Wurstfinger und Autokorrektur.

Seb

Ohne den Film gesehen zu haben, wirkt er auf mich, als wolle man auf Biegen und Brechen DCs Antwort auf Deadpool liefern wollen.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Das dachte ich mir beim Lesen des Reviews auch 😀 Scheint ja nur kräftig nach hinten losgegangen zu sein…