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Okt 2022

Final Thoughts: SHE-HULK – DIE ANWÄLTIN

Themen: Film, TV & Presse |

SHE-HULK ist vorbei. Neun Folgen rum. Zeit für eine Rückschau, die man in diesem Fall auch eine Abrechnung nennen darf.

DAS ist die Serie, die Frauen mit Frauen über Frauen drehen, wenn man sie im MCU endlich mal ans Ruder lässt? DAS ist der Gegenentwurf zu den pubertären, steroiden, technophilen Spektakeln der letzten 13 Jahre? DAS ist gelebtes “female empowerment”, Blaupause für eine feministische Nische im Marvel-Universum?

SHE-HULK leidet nicht primär daran, dass die Serie schlecht ist. Im Gegensatz zu einigen anderen Kritikern fand ich die CGI nicht perfekt, aber für eine Miniserie völlig okay. Tatiana Maslany ist wie immer prima und ihr She-Hulk Alter Ego ist auf dominante Art sexy und selbstbewusst. Da die Serie als Comedy angelegt war, nehme ich ihr weder die Gimmicks noch die Gastauftritte übel, zumal diese recht launig ausfallen. Der im Stil der alten Serie gehaltene Fake-Vorspann der letzten Episode konnte mich richtig begeistern. In ihren besseren Momenten scheint die Serie so eine Art MARVEL’S ALLY MCBEAL sein zu wollen.

SHE-HULK leidet daran, dass die Serie böse ist. Weil dieses Adjektiv nicht exakt beschreibt, was ich meine, hier noch ein paar weitere: gemein, hinterhältig, falsch, niederträchtig, verleumderisch.

SHE-HULK ist ein Wolf im Schafspelz, eine streckenweise charmante Comedy darüber, dass Männer Dreckschweine sind, die Internet-Community nur aus armseligen Incels besteht und unterdrückten Frauen jedes Mittel recht sein sollte, sich dagegen zu behaupten. It’s hell out here, girls.

Konsequenter noch als BIRDS OF PREY und WONDER WOMAN 1984 versucht SHE-HULK gar nicht erst, seine Protagonistin klug, stark und unabhängig zu präsentieren. Jennifer Walters ist eine graue Maus, die sich im Büro ausbremsen lässt, miserable Tinder-Dates durchstehen muss und sich auf Hochzeiten besäuft, weil sie keinen Kerl findet. Die Marvel-Maxime “with great power comes great responsibility”? Gilt für sie nicht, sie hat schließlich ein Privatleben…

Als Anwältin ist sie ebenfalls nur behauptet kompetent: praktisch jeden Prozess, in den wir sie involviert erleben, verliert sie relativ krachend. Es muss reichen, dass immer wieder unterstrichen wird, dass das alles nicht ihre Schuld ist, weil sie halt in einer Welt lebt, die nur darauf aus ist, Frauen klein zu halten.

Darum ist der Vergleich mit ALLY MCBEAL auch so gänzlich falsch: Ally war eine hervorragende Anwältin in einer Welt aus komplexen moralischen Problemen, die bei den Tätern keine geschlechtlichen Vorurteile ausspielte und die viele Konflikte auch von der Protagonistin als hausgemacht akzeptierte. It’s a tough world.

SHE-HULK hingegen speist seine Konflikte nicht aus realen Problemen, mit denen Frauen konfrontiert werden – sondern aus deren hysterischer Überzeichnung auf Seiten wie Jezebel. Die Art und Weise, wie die Macher sich “chauvinist corporate politics” und “incel activism” vorstellen, ist so lachhaft wie abgrundtief abstoßend.

Dass Autoren mit einem solchen Weltbild gar kein Interesse haben können, eine knackige Superhelden-Serie zu stemmen, die mit den Marvel-Fanboys ja genau das verhasste Klientel bedienen könnte, wird sehr schön in diesem Interview-Clip deutlich, bei dem ich das hündische Stiefellecken des “Interviewers” fast noch peinlicher finde als die Aussagen der Autorin:

Die Damentoilette als “safe space”, in dem man Gleichgesinnte findet, die einem helfen, die Leiche des Lovers verschwinden zu lassen. DAS ist es, was der Autorin wichtig war. DAS ist es, was Zuschauer von der Episode mitnehmen sollen. Kein Wunder, dass die Serie keinen Plot entwickelt, keinen Antagonisten, und ganze Episoden an Hochzeiten und Gruppentherapien verschwendet. Nobody cares.

Ihr meint, man müsse das nicht so ernst nehmen? Die meint das gar nicht ernst? Ist doch alles nur Spaß? Ich zitiere zum “revenge porn”-Subplot mal den Kommentar einer meiner Facebook-Folgerinnen:

“Ich hoffe, sie nagelt den Typ in der nächsten Folge an die Wand. Woran, das möchte ich hier nicht schreiben, sonst wird es falsch ausgelegt…”

Sie meint ernsthaft, das könne man “falsch auslegen”. Als Mann kann man solche Aussagen bestenfalls noch in geschlossenen Reddit-Strängen raushauen, als Frau ist so eine Gewaltphantasie völlig in Ordnung, solange man den Penis durch drei Punkte ersetzt…

SHE-HULK ist eine Serie, die einen gnadenlosen Krieg zwischen den Geschlechtern propagiert, die Männer zu Tätern und Frauen zu Opfern erklärt, und damit jeden Versuch eines tatsächlich zivilen Miteinanders nicht nur ablehnt, sondern a priori für unmöglich erklärt. Und es ist gerade dem Charme der Figur und ihrer Darstellerin geschuldet, dass das als Trojanisches Pferd FAST funktioniert.

Ich bin wahrlich kein uneingeschränkter Fan des Critical Drinkers, aber er analysiert sehr schön, wie indiskutabel mittlerweile geworden ist, was wir aufgehört haben zu diskutieren, weil es als “ausdiskutiert” gilt:

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Und reden wir ruhig mal weitgehend spoiler-frei über das Finale. She-Hulk ist eine Figur, die in der Lage ist, den “fourth wall” zum Zuschauer zu durchbrechen. Damit ist sie sich ihrer Existenz als reine Fiktion bewusst. Das ist okay, sogar eine hübsche Abwechslung. So macht es durchaus Sinn, dass She-Hulk in dem Moment, in dem das Finale in eine Marvel-typische Massenschlägerei auszuarten droht, den Stecker zieht und von Marvel verlangt, mit mehr Verständnis für die emotionalen Befindlichkeiten der Charaktere zu enden. Eine drollige Idee.

Aber wie beim Rest der Serie sind die Macher Kaiser ohne Kleider. Sie können sich gegen das Marvel-Diktat auflehnen, seine Maßstäbe verhöhnen (während sie seine Schecks einlösen) – aber sie haben keine Alternative anzubieten. Der Ablehnung einer typischen Marvel-Auflösung mit viel Remmidemmi folgt keine bessere Idee. Man entscheidet sich einfach, auf eine finale Konfrontation zu verzichten und mit ein paar kleinen Prologen auszusteigen. Spektakel? Brauchen WIR doch nicht…

DAS MODEL UND DER SCHNÜFFLER hat Ähnliches übrigens Mitte der 80er schon erheblich smarter und lustiger umgesetzt:

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Schaut man sich die Reaktion im Fandom an, ist der Versuch, zur typischen Marvel-Serie gleich auch noch die Anti-Marvel-Serie zu drehen, kräftig schief gegangen. Marvel-Fanboys lassen sich eben nicht neun Folgen lang vors Schienbein treten – und Marvel-Fangirls sind anscheinend auch zufrieden mit dem, was das Macho-MCU zu bieten hat.

Ich hege weiterhin die vielleicht irrige Hoffnung, dass sich nach dem Flop der weiblichen GHOSTBUSTERS, nach BIRDS OF PREY und der Schwulen-RomCom BROS in Hollywood irgendwann wieder die Erkenntnis durchsetzt, dass man für Nischenpublikum Nischenfilme drehen kann – dass aber das Gros der Zuschauer kein Interesse an erzwungener Diversifikation hat. Der Zuschauer will gute Filme. Ich predige das seit Jahrzehnten: if you build it, they will come.

Es mag widersinnig klingen, aber: trotz dem Gesagten/Geschriebenen möchte ich lieber eine zweite Staffel SHE-HULK sehen als eine zweite Staffel MOON KNIGHT oder MS. MARVEL. Weil die nicht mal zwischen den Zeilen unterhaltsam waren.

P.S: Disney Headquarters – da war ich. Ist aber auch schon ca. 25 Jahre her:



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Marcus
Marcus
13. Oktober, 2022 18:38

Oh dear.

Bei dem ganzen feministischen Angle bin ich nicht wirklich bei dir. Dafür ist das alles viel zu plump und dünn, um sich drüber aufregen zu können. Wer wirklich und in gut sehen will, wie ein Film von wütenden Frauen aussieht, dem sei PROMISING YOUNG WOMAN ans Herz gelegt. Das hier ist einfach so platt, das entkräftet sich ohne unser Zutun selbst.

Aber im Ergebnis ist SHE-HULK natürlich auch für mich ein Totalausfall. Das ach so clevere Ende ist ja im Grunde nix weiter als die totale Bankrotterklärung, dass man nach 8 Folgen ziellosem Rummäandern auch nicht mehr weiß, wie man die ganze amorphe Masse aus “blah” jetzt wieder wegputzen will. Also geht man meta. Und ist da leider auch völlig blank, was echte subversive oder anarchische Ideen angeht.

Willens (und, so vermute ich mal, fähig), eine packende Superheldenserie abzuliefern, war man offenbar nicht, so penetrant wie jede halbwegs dramaturgisch interessante Idee im Schnelldurchgang wieder abgebrochen wurde. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Ganze nicht viel zu zahm, zu schlaff und zu uninspiriert wäre, um als Comedy zu funktionieren.

Zu schade um Maslany, die eine bessere Serie verdient gehabt hätte.

Marcus
Marcus
13. Oktober, 2022 18:55

Und natürlich: “trotz dem Gesagten/Geschriebenen möchte ich lieber eine zweite Staffel SHE-HULK sehen als eine zweite Staffel MOON KNIGHT oder MS. MARVEL. Weil die nicht mal zwischen den Zeilen unterhaltsam waren.”

Ääääh… nein. 😉

jimmy1138
jimmy1138
14. Oktober, 2022 12:34

Am Ende kann ich mich nur großteils anschließen. Persönlich: Am Ende war es dann viel zu “Meta” – Disney+, der Writer’s Room (mit glaub ich dem dritten Cameo von Jessica Gao), K.E.V.I.N., das Diskutieren der Marvel Tropes und Intelligentsia als Repräsentation der “toxischen Fans”.
Bei “Deadpool 2” war das für mich an der Kippe und schon an der Kippe, mich aus dem Film rauszunehmen. Hier war’s dann tatsächlich der Fall und ich kann mir She Hulk nicht in einem Teamup Film vorstellen – dazu nehme ich die Figur nach dieser Serie einfach nicht mehr ernst genug.

“Der Zuschauer will gute Filme. Ich predige das seit Jahrzehnten: if you build it, they will come.”

Manche sehen “Spiderman: No Way Home” und “Top Gun: Maverick” als besten Beweis, daß das stimmt. Generell sind die Gesamtkinoeinnahmen selbst in guten Monaten noch etwa 20% unter dem Vor-Covid-Niveau. Eventuell sind wir ja auch in einem neuen Normalzustand – persönlich gehe ich z.B. nicht in einen MCU-Film, dessen Trailer mir nichts Überwältigendes verspricht, wenn ich den 45 Tage später gratis auf Disney+ gibt.

PS: Kommt ein Review von Andor? Die Serie einerseits vermutlich das Beste, was Star Wars auf Disney+ gebracht hat, andererseits ist es für mich nicht Star Wars, weil es wesentliche Merkmale der Franchise verletzt.

Nummer Neun
14. Oktober, 2022 13:46
Reply to  jimmy1138

Seit wann ist denn Disney+ gratis? Das Bezahlmodell ist natürlich ein anderes, aber auch so verdient Disney an dir.

jimmy1138
jimmy1138
14. Oktober, 2022 14:07
Reply to  Nummer Neun

Sorry, das war natürlich etwas mißverständlich: “gratis” bedeutet hier “ohne Zusatzkosten”.
Und für mich persönlich sind die MCU Filme eher sekundär, wenn’s darum geht, ob das Disney+ Abo bleibt oder nicht.

trackback

[…] Torsten Dewi Final Thoughts: SHE-HULK – DIE ANWÄLTIN […]

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
14. Oktober, 2022 20:33

Was wollten die Schreiber mit der Serie aussagen? Die Serie wirkt als hätte Kevin Feige einen She-Hulk Plot mit ein paar Keyszenen auf ne Serviette geschrieben und die Schreiber haben daraus … nichts weiter gemacht.
Wer war diese Titania? Wieso war sie so She-Hulk versessen? Abseits der ersten News über She-Hulk hatte sie ja bis zum Finale keinerlei News gemacht. Also kein großer Grund für die Influencerin neidisch zu sein. Gabs sonst irgendwelche Gründe für sie? Jedenfalls wurden die nicht wirklich weiter ausgearbeitet. Und dann hatte man im Finale ne Chance es auszugleichen (das sie Jennifer eigentlich wegen der Incel gefolgt wäre -> Girl Power!)
Eine Frau auf Tinder, die keinerlei Matches bekommt? Really!? Come on, da hättet ihr mal die Incels rausholen können! Toxische Männlichkeit, die 100% glaubwürdig ist. Und dann schön mit denen als She-Hulk rächen! Das hätte dann imo auch gut in den Plot gepasst, weil sich die Incels deswegen hätten organisiert. Aber das wäre ja ne ordentliche Geschichte werden können.
Wieso wird Jennifer als Brautjungfer von ner Freundin rekrutiert, die sie Jahre nicht gesehen hat – und dann nichtmal weil sie She-Hulk ist. OK, dann ist die aber doch sicher so ein armes Farmmädel ala Lana Lang? Nein – die Dame ist beliebt, reich und ordentlich eingebildet. Wtf?!? Wieso würde so jemand das machen? Wette verloren? Und wieso Titania vorbeischaut, keiner versteht es. (oder ich habs bewusst verpasst)

Aber das Finale hätte was werden können. Der Anfang mit dem 80er Hulk war wirklich eine großartige Hommage, aber dann gings schnell bergab. Wieso man Abomnination da mit reinziehen musste, war schon arg bedauerlich. Dann aber der Bruch mit der 4. Wand, der echt innovativ eingeleitet wird. Aber dann macht man NULL KOMMA NIX draus. Man hätte ein so schönes Metaenede machen können mit Kevin, aber nein, Kevin muss ja Kevin sein. Die angebrachte Kritik von Jennifer war ja auch perfekt und absolut passend auf die aktuelle Marvel Phase (looking at you Wandavision Finale!). Aber um dann einfach direkt zu den Postcreditszenen zu springen, ist doch keine Alternative, das ist nichts!

Joe
Joe
14. Oktober, 2022 20:36

Sehr schön. Hatte die Show nach zwei Folgen schlicht vergessen. Diese Art Kritik aus dieser Ecke lässt darauf schließen, dass sie gut ist.

Goran
Goran
16. Oktober, 2022 15:46

Zitat Twitter:
“The She-Hulk finale was amazing representation for white women (she resolved the conflict by talking to the manager and then getting everyone arrested).”

Hab die Show nicht selbst gesehen, aber von dem, was ich höre, wurde jeder Frauenwitz effektiv bedient.

Nach “patently evil” duch die RoP Showführung und dem heroischen Kampf She-Hulks gegen das Internet, wann dürfen wir wieder Material von Autoten sehen, die nicht bei jeder billigen Provokation gleich heulend auf dem Baum sitzen?

Thomas G. Liesner
Thomas G. Liesner
26. November, 2022 22:51

Inzwischen Moon Knight, Ms Marvel und She-Hulk nachgeholt.

Moon Knight hat mein Interesse an der Vorlage geweckt und meine sehr vorsichtigen Erwartungen übertroffen – wirkt zwar wie ein Fremdkörper im MCU, aber gegen mehr Folgen hätte ich nichts.

Bei Ms Marvel war meine Skepsis recht gross, ich gehöre auch mit Sicherheit nicht zur Kernzielgruppe, aber nach den sechs Folgen habe ich erstmalig ein vorsichtiges Interesse an den “Marvels” im Kino, da ich Kamala und ihre Familie und Freunde tatsächlich mag und sie ihre Kräfte zwar relativ “geschenkt” bekommen hat, aber dann zumindest eine deutlich Lernkurve hinter sich bringen musste und im Gegensatz zu ihrem Idol Captain Marvel in keinem Moment arrogant oder feminazisch bei mir rüberkam. Könnte ich mehr von sehen, aber werde auch nicht traurig sein, wenn nichts nachkommt.

She-Hulk ist auf jeder Ebene Müll – in keiner Szene wirkt She-Hulk “echt”, Plastiklook und Grobmotorik erinnern an Fiona als Shrek, leider in einer realistischen Umgebung. Der Humor hat bei mir (52, weiss, männlich und hetero) und meiner 16-jährigen Tochter gar nicht funktioniert, aber es gab reichlich viele Cringe-Momente und auf juristischer Seite passte auch praktisch nichts. Und ihr Mordversuch an Daredevil per Sportwagen war auch einer Schurkin würdig, aber keiner Heldin. Am besten war noch Tim Roth und einige Minuten der Gruppen-Therapie hatten auch Charme, der Rest war nichts. Wong und Hulk wirkten ähnlich “off” wie die Guardians in Thor 4.