22
Jun 2023

Filmverbrechen-Fotostory: DIE PINUPS UND EIN HEISSER TYP oder: Sascha Hehn beim Schlägerfestival (1/3)

Themen: Film, TV & Presse, Fotostory, Neues |

Es ist eine Frage, die man instinktiv mit “nein” beantworten möchte:

“Gibt es eigentlich noch schlechtere Bumskomödien als die von der LISA-Film?”

Und dennoch – es gibt sie, auch außerhalb der schmierigen Halbwelt, in der schrabbelige Bahnhofskino-Pornos für den Videomarkt und die frühen Privatsender auf Softcore-Format runtergeschnitten wurden. Die waren tendenziell ein unbefriedigendes Erlebnis, wenn ich das so sagen darf. Wie beschwerte sich Tom Gerhardt in einem seiner frühen Comedy-Programme mal?

“Kaum haste die Hose auf – taDAAA!!! Werbung!”

Wer alle LISA-Filme durch und immer noch keinen Geschmackskollaps erlebt hatte, der konnte problemlos auf die Produktionen von CCC zurückgreifen. Für mich als Journalist und Kritiker ist das allerdings ein Minenfeld, denn Produzent Abraham aka Artur aka Atze Brauner hat als Überlebender des Holocaust zeitlebens darauf geachtet, deutsche Geschichte aufzuarbeiten und sich damit in der Filmwelt Respekt zu verschaffen.

Der Wikipedia-Eintrag zur CCC ist eine Nebelkerze erster Güte, die der Firma tapfer eine aufrechte Seriosität andichtet.

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die CCC neben anspruchsvollen Werken wie MENSCH UND BESTIE, DER GARTEN DER FINZI CONTINI und DER LETZTE ZUG eben auch jede Menge billige Programmfüller und fragwürdigen Trash produzierte. Vor dem Oeuvre von Jess Franco wirkt das Label “CCC-Filmkunst” wie Realsatire.

Artur Brauner war sehr eifrig, wenn es darum ging, Erfolgsformate nachzuahmen – so kurbelte man eigene (Bryan) Edgar Wallace-Krimis ebenso herunter wie ein paar Karl May-Filme im Fahrwasser der Rialto-Produktionen. Trittbrett-Streifen, die Geld brachten, aber nie die Qualität der Originale erreichten.

Besonders gerne hat Brauner Themen aus dem Boulevard und der Tagespresse reißerisch aufgearbeitet. Keine Gefangenen:

Es ist sehr offensichtlich, dass Brauner um 1980 die Methode LISA kopieren wollte, ohne deren mageren Standard zu erreichen. Wie kann der schlechte Abklatsch von Bodensatz aussehen?

Über PLEM PLEM DIE SCHULE BRENNT haben wir schon gesprochen – ich habe nach meinem Review erfahren, dass die CCC dabei wohl einen Mischmasch aus geplanten Wolfgang Büld-Filmen für TRIO und NENA restverwertet hat. Auf DIE PINUPS UND EIN HEISSER TYP bin ich nur gestoßen, weil der Streifen kürzlich mit einer Special Edition auf Scheibe völlig unangemessen aufwändig neu veröffentlicht wurde. Sollte meine Fotostory dem Vertrieb wider Erwarten als Promotion dienen – gern geschehen. Dann wartet noch KREUZBERGER LIEBESNÄCHTE (ebenfalls mit Hehn) auf mich.

Es sollte als Warnung gelten, dass der Film mit dem CCC-Filmkunst-Logo startet, hinter dem zwei Teenager vor einer Fototapete abhotten:

Keine Sorge, das hat nix mit nix zu tun, wie ich immer sage. Wir befinden uns in einer Berliner Einkaufspassage. Hier parkt gerade ein bärtiges Mannsbild sein Motorrad vor einem Plattenladen, während eine üppig ausgestattete Dame in zu enger Lederhose vorbei schlendert.

Auch diese beiden werden wir nie wiedersehen. In feuchten Träumen wache ich auf, schreie in die Dunkelheit der Münchner Nacht und frage mich: “Bärtiges Mannsbild und üppig ausgestattete Dame in zu enger Lederhose – was ist aus euch geworden?! Habt ihr euch gefunden? Wieder verloren? Oder war euch das Glück einer gemeinsamen veganen Kunstschmiede bei Mittenwerda vergönnt?”

Die jungen Leute von heute werden sich verwirrt am Kopf kratzen – das hier ist ein Plattenladen, von denen es früher so einige gab:

Dort bekam man MP3 auf große Disketten gepresst, die in Pappordnern gesammelt wurden und sich weder auf dem Handy noch über Bluetooth abspielen ließen. Doch doch – fragt eure Eltern.

Obwohl es sich bei DIE PINUPS UND EIN HEISSER TYP explizit NICHT um einen LISA-Film handelt, gibt es Überschneidungen beim Personal – die unverzichtbare Bea Fiedler ist zwecks Vorzeigung sekundärer Geschlechtsmerkmale dabei:

Auch Tobias Meister gehört zu den Unvermeidlichen – eines Tages werde ich ihn treffen und ein Bier mit ihm trinken. Dann muss er mir alles erzählen. ALLES!

Eine weitere üppige junge Dame scharwenzelt gelangweilt singend durch den Laden. Ist sie eine Kundin? Eine Verkäuferin? Es bleibt frustrierend vage:

Das hier ist Hilda, gespielt von June LaVonne, kreditiert als “Bonnie Benedict”. Gemäß einer wahrscheinlich massiv zusammen gelogenen Biografie ein gefragtes Model aus Los Angeles – und eine Kung Fu-Lehrerin obendrein.

Ein Zusammenstoß mit Hildas Knautschzone zwingt Schmierling Fredy, sich ihr anzubiedern – auch wenn er den Geschlechtsverkehr mit “Ich mache aus dir ‘ne zweite Barbra Streisand!” umschreibt:

Bei Hilda kommt die Nummer nur so mittel an, aber immerhin steckt sie seine Visitenkarte ein. Der erste Schritt zum Koitus ist gemacht!

Wer ist dieser Fredy Brabauer überhaupt? Schmierling. Taugenichts, und ab und an auch mal Musiker, wie es scheint. Schon in der nächsten Szene sehen wir ihn am Flügel die Begleitung einer sündigen Sängerin liefern:

Mehreres dazu. Ich wünscht, es wäre nicht so offensichtlich, aber am Klavier hat Sascha Hehn eine frappierende Ähnlichkeit mit dem damals sehr angesagten Schwiegermutter-Liebling Richard Clayderman:

https://youtu.be/z7HfedKnNd8

Die Boutique “Sweet Heart” aus Schwabing, die hier kreditiert wird, war in den 80ern ein absoluter Schickimicki-Hangout, wie in der Doku SCHICKERIA berichtet wird. Dort bekam auch Thomas Gottschalk seine Augenkrebs erregenden Sakkos für WETTEN DASS?! her.

Und schließlich: Alter Falter, geht die Fiedler hier nach hinten los:

Beschissener Song, beschissenes Vollplayback, beschissene Performance. Gestöhnter Pseudo-Amanada-Lear-Pop, der prima in einen Porno passen würde. Wo ist der “Ton aus”-Knopf?!

Ich muss an dieser Stelle mal wieder Whisper.AI loben, die KI, mit der ich mir kackfrech die gesamte Tonspur des Films habe transkribieren lassen, um die Zitate nicht mitschreiben zu müssen. Im Fall dieses “Songs” wäre ich verloren gewesen, denn die gehauchten Pop-Plattitüden sind nicht zu verstehen. Laut Computer singt Bea Fiedler aber:

“An outlaw, one who played and lost the game. The hero rode in one summer’s evening and he stole my heart that day.”

So, müssen wir wenigstens nicht dumm sterben.

Bei den Credits ist erhöhte Aufmerksamkeit angesagt, denn man kann Sachen lernen, die ansonsten gerne unter den Teppich gekehrt werden:

Fakt ist nämlich: DIE PINUPS ist offensichtlich eine deutsch-israelische Koproduktion mit der Firma Bar Kochba, die ihre Existenz dem Ansinnen der Plattenfirma Polydor verdankt, die neue Mädchengruppe DIE PINUPS bekannt zu machen. Der gesamte Film ist ein Promotion-Vehikel, schlecht getarntes Marketing, Product Placement in Form von acht Brüsten.

Man muss vielleicht dabei gewesen sein, aber dem Publikum gefällt das Gestöhne der Fiedler – Annabelle ist unangemessen hingerissen:

Schauspielerin April Clough ist laut ihrer Bio “Meisterschwimmerin” und Cheerleaderin der Fort Lauderdale Strikers gewesen. Tatsächlich hat sie nach diesem Film noch eine erkleckliche Anzahl an kleinen Gastrollen in US-Serien ergattern können.

Eine ANDERE Biografie, die ich von ihr auftreiben konnte, sieht sie als Cheerleaderin der Miami Dolphins und behauptet, sie würde eine Hauptrolle neben dem “europäischen Filmstar Terrence Hall” (vermutlich Terence Hill) in TARZAN & JANE spielen:

Ihr Schieber ist KFZ-Mechaniker Günter – Tobias Meister in einer ungewohnt ernsten, fast schon tragischen Rolle. Er muss hilflos mitansehen, wie Fredy seiner Annabelle mit dem Versprechen eines Star-Treffs hinter der Bühne den Hof macht:

Ich möchte betonen, dass Sascha Hehn an keiner Stelle auch nur den Versuch unternimmt, das Klavierspiel glaubwürdig zu simulieren.

Was er von Annabelle will, ist an seinem Gesichtsausdruck problemlos ablesbar:

Es ist kaum zu fassen, aber dieser widerwärtige Schnösel ist der “heiße Typ” des Filmtitels – Wolfgang Fierek und Tommy Ohrner können sich gegen seine geballte Schmierigkeit einsalzen lassen. Es ist unbestreitbar, dass wir hier einen Mann sehen, der sich selbst für unfassbar geil hält:

Ich möchte nicht ausschließen, dass der Film eigentlich DIE PINUPS UND EIN TOLLER TYP heißen sollte, aber Hehn bei Atze Brauner angerufen und eine Änderung verlangt hat. Hot, hotter, Hehn!

Wer mehr wissen will, lässt den Mann selbst erzählen:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Es war das Ende einer Ära: Nach diversen Rohrkrepierern aus dem Bereich Comedy und Softsex sollte Hehn nach diesem Streifen mit dem TRAUMSCHIFF ins “seriöse” Fach wechseln und nie wieder zurückschauen.

Fredy versucht, das junge Paar der Sängerin (für einen Rollennamen hat es nicht gereicht) vorzustellen, aber diese ist gerade indisponiert, was bei Bea Fiedler zwangsläufig nackt heißt:

Speichert euch den Screenshot und schaut ihn euch sporadisch immer wieder an – das ist alles, was uns DIE PINUPS UND EIN HEISSER TYP für seine erstaunlich strenge Jugendfreigabe ab 16 bietet. Das wäre auch ab 12 durchgegangen – die Gründe für die Freigabe werden noch zu diskutieren sein.

“Du bist entlassen, du Mickey Maus-Casanova!”

Fredy wird von der Sängerin gefeuert – aber was soll’s? Dafür hat er ja nun – ganz zu Günters Missfallen – Annabelle am Haken.

Was macht der Mann, wenn er Anfang der 80er allein in West-Berlin ist? Rüber? Ein Haus besetzen? Heroin spritzen? Nein, er geht in seine verrauchte Stammkneipe:

Hier trifft Fredy auf seine alte Flamme “Eva”, gespielt von Susanne Tarleton, die angeblich aus Atlanta stammt und nicht nur als Sängerin in einer Band erfolgreich war, sondern am Theater in so illustren Stücken wie DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH und ENDSTATION SEHNSUCHT mitspielte.

Als Barkeeperin unterscheidet sie sich von den anderen Blondinen primär dadurch, dass sie regelmäßig erwähnt, dass zuhause ein Kind auf sie wartet.

Nun gut, die Libido eines Fredy/Sascha ist nicht wählerisch und der Klaviarist setzt ein, was er fälschlicherweise für Charme hält:

EVA: Ziehst du die ganze Nacht um die Häuser, um dir solche Sprüche einfallen zu lassen?

FREDY: Wieso? Wirken meine Sprüche nicht mehr auf dich?

EVA: Ach, Fredy, warum gibst du dir solche Mühe? Warum sagst du nicht einfach, Eva, ich bin unheimlich geil auf dich? Wenn mir danach wäre, würde ich vielleicht sogar darauf eingehen.

FREDY: Gut, ich würde gerne mit dir bumsen.

Er kassiert den verdienten Nasenstüber – aber das Ergebnis zählt:

Bei der postkoitalen Plauderei sagt Eva den Satz “Wo bist du denn jetzt, Nummer Eins?”, was bei Fredy im Kopf kapital Klick macht.

“Where are you now, my Number One?” – wenn das nicht der Hook für einen sensationellen Hit ist! Das muss natürlich sofort in Noten gegossen werden. Musik ist Trumpf und wir sehen mehr von Sascha Hehn, als wir je sehen wollten:

Kaum hat er dem Klavier ein paar extrem fade Akkorde abgerungen, wirft er sich erneut auf Eva, wird aber vom klassischen grauen Wählscheibentelefon gestört:

Es ist Hilda, die aus unerklärlichen Gründen doch Interesse zeigt, sich von Fredy mal so richtig “managen” zu lassen. Er verspricht, sie zurückzurufen – was drollig ist, wenn man bedenkt, dass er ihre Nummer gar nicht hat. It was the dawn of time before Wahlwiederholung!

Nächster Tag. Jetzt lernen wir den “comic relief” und damit zwangsweise den besten Freund des “Helden” kennen. Das wäre die Rolle von Tobias Meister gewesen, aber ich vermute, dass die israelischen Produktionspartner auf Moti Giladi bestanden haben, der als Tontechniker “Rolf Blau” vor allem dazu da ist, miserable Imitationen bekannter Rock- und Schlagerstars abzuliefern.

Kein Witz: 1986 vertrag Giladi sein Land beim Eurovision Song Contest:

https://youtu.be/A9G7pCv6TLg

Er kam auf den zweitletzten Platz – ein fast schon typisch deutsches Ergebnis.

Fredy spielt Rolf die Melodie seines “garantierten Superhits” vor, der in meinen Augen eine klägliche Nullnummer ist. Hilda stößt dazu:

Fredy ist von ihren “Qualitäten” beeindruckt, während Rolf weiß, wo der Blick hin gehört – was im Grunde genommen schon den kompletten Plot vorwegnimmt.

Hilda tut sich schwer, dem Song stimmlich gerecht zu werden, was Fredy mit ihrem zu engen BH in Verbindung bringt:

Und dann – schmeißt er sich auf das Mädchen drauf und öffnet die Hose:

“Und atme. Ja. Tiefer. Noch tiefer. Und noch mehr. So, ganz locker. Und jetzt atme ganz tief durch!”

Das war der Moment, in dem ich den Film kurz angehalten habe. Der Frankster hat mich entgeistert angeschaut. Ich habe mir die Augen gerieben. What the actual?!

Es ist nicht so, dass diese Szene missverständlich wäre oder ein Ausreißer, den man vielleicht besser auf dem Boden des Schneideraums hätte lassen sollen – die Macher fanden den aufgezwungenen Oralverkehr unseres “Helden” offenbar derart witzig, dass sie ihn als Aushangfoto verwendet und auf die Rückseite der Videohülle montiert haben:

Man kann die Szene im Trailer des Films sehen (zum Abschluss dieser Fotostory).

Wir waren uns einig wie selten: Fredy ist ein mieses Dreckschwein und der Film hat zum Sex die Einstellung eines Pornos. Ein früher Totalausfall – der sich noch als harmlos erweisen sollte. Wir hatten ja keine Ahnung….



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

4 Kommentare
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
S-Man
23. Juni, 2023 20:38

“Mama, was sind MP3s?” – “MP3s? Das ist, glaube ich, dieses 30 Jahre alte Musikformat… Warte, ich frag mal Oma.”

Jaja, ich bin ja schon wieder weg… Muss noch weiter lesen 😀

takeshi
takeshi
24. Juni, 2023 07:47

Wer mehr über Artur “Atze” Brauner und sein filmkünstlerisches und -wirtschaftliches Schaffen erfahren möchte, dem kann ich nur nachdrücklich einen vor 15 Jahren veröffentlichten Telepolis-Beitrag des von mir sehr geschätzen Hans Schmid empfehlen, den ich wie alle anderen seiner Filmkritiken immer wieder gern lese (die ich mir alle offline abgespeichert habe).
Schmids Beiträge sind – ebenso wie die des hiesigen Hausherrn – immer ein Genuss zu lesen.

https://www.telepolis.de/features/Old-Atze-und-der-Schatz-im-Silbersee-3419733.html?seite=all

MinkyMietze
MinkyMietze
24. Juni, 2023 10:57
Reply to  takeshi

Sehr schöner Text; danke für dem Link