Norwegen 2017. Regie: Thomas Aske Berg, Fredrik Waldeland. Darsteller: Henrik Rafaelsen, Thomas Aske Berg, Kim Sønderholm, Brigt Skrettingland, Penda Faal, Fredrik Waldeland, Ingvar Skretting

Offizielle Synopsis: Vidar hat sein dröges Dasein so satt. Er ist 33 und noch immer unter der Fuchtel seiner Mutter. Statt Frauen hat er abgegriffene Playboyheftchen unter der Bettdecke und für den Langschläfer ist das Leben auf dem Bauernhof einfach nur die Plage. Als von der strenggläubigen Gemeinde wohlerzogener Christ weiß er aber, an wen er sich wenden kann. Noch in derselben Nacht erscheint ihm der Heiland und befreit ihn von seinen Problemen – nur, um ihm einen Haufen neuer zu bescheren! Überempfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht und Blutdurst, zum Beispiel. Denn dieser Vampir-Jesus mit den spitzen Eckzähnen und Jungfrauenjieper ist der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben – aber so ganz und gar nicht im neutestamentarischen Sinne.

Kritik: Die Skandinavier zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Genrefilme meistens eher lakonisch sind, auch mal fünf Minuten stille Aufnahmen von Seen in Morgengrauen zeigen und in Sachen Humor gerne unter dem Radar bleiben. Gerade weil sie damit etwas sperrig sind und zum kanadischen/englischen/amerikanischen Programm einen auffälligen Kontrast bilden, macht vorab schnell das Wort „Kultfilm“ die Runde. „Norwegian Ninja“, „Thale“, „Corridor“– und jetzt gerade erst wieder „Rendel“.

Dabei ist die Ausbeute skandinavischer Perlen nicht höher als die südeuropäischer Geheimtipps. Gerade weil z.B. Finnland keine großen Produktionskapazitäten hat und auch die Budgets selten Extravaganzen erlauben, muss es schon zu einem sehr glücklichen Zusammentreffen von Kreativität, Können und Karma kommen, damit das Endprodukt wirklich überzeugen kann.

Und ja, genau das ist bei „Vidar the Vampire“ der Fall, einer absurden Blutsauger-Komödie, die trotz eines teilweise improvisiert wirkenden Helge Schneider-Stils bei den Gags erstaunlich oft ins Schwarze trifft und an keiner Stelle „seltsam“ schon für „komisch“ hält. Vor allem ist der Film – anders als z.B. „Rendel“ – nicht über seine Möglichkeiten hinaus inszeniert. Weil das Geld nur für eine low budget-Vampirfarce gereicht hat, haben die Macher auch nicht mehr versucht.

Natürlich – und das erzähle ich euch ja immer wieder – profitiert „Vidar the Vampire“ davon, eine gelungene Parabel zu sein. Sein Thema hat eigentlich nichts mit Blutsaugerei zu tun: es geht um einen sozial isoliert aufgewachsenen Mann, der durch die Freundschaft zu einem schmierigen Playboy die Chance bekommt, ins volle Leben zu greifen – und sich dann genau davon wieder emanzipieren muss. So wie Jill in „Bitch“ auch einen „normalen“ Nervenzusammenbruch haben könnte und die Zombies in „Here alone“ genauso gut Indianer sein könnten, ist der Vampirismus nur ein Katalysator für die emotionale Reise unseres Helden. Der Blutdurst könnte z.B. auch Kokainsucht sein.

Gute Filme funktionieren so, weil sie ihre Genreelemente über den reinen Schauwert hinaus mit den Bedürfnissen und Erlebnissen ihrer Protagonisten verzahnen.

Und so kann man bei „Vidar the Vampire“ über die ganze Laufzeit immer wieder herzlich lachen – aber auch gespannt die Geschichte eines unterdrückten Mannes verfolgen, der in die Welt zieht, von ihr enttäuscht wird, und schließlich einen Schlussstrich zieht.

Fazit: Eine gewollt auf Kult getrimmte skurrile Komödie, die ausnahmsweise mal ihr Ziel erreicht und mit lakonischem Humor und schrägen Einfällen über weite Strecken großartig zu unterhalten vermag. Die Skandinavier bleiben die Wild Cards des Festivals. 9 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Sympathische Komödie, die mal einen für mich neuen Ansatz der Vampirsaga bringt.“

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heino
heino

Ich wollte den gut finden, aber er hat mich nicht wirklich gepackt. Die Idee ist klasse, aber auf mich wirkte er sehr dröge

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