USA/GB 2016. Regie: André Øvredal. Darsteller: Emile Hirsch, Brian Cox, Ophelia Lovibond, Michael McElhatton, Olwen Catherine Kelly, Jane Perry, Parker Sawyers

Offizielle Synopsis: Ein Pathologenteam, Vater und Sohn, soll bis zum Morgengrauen die Todesursache einer jungen Frauenleiche klären, die unter mysteriösen Umständen im Keller eines Hauses gefunden wurde. Das bedeutet Nachtschicht für die beiden – und zwar die schlimmste ihres Lebens! Denn diese Jane Doe, wie man unbekannte weibliche Tote in den USA nennt, ist ein Rätsel. Äußerlich unversehrt, wartet in ihrem Inneren eine grausige Überraschung nach der anderen.

Kritik: Ich muss gestehen, dass ich mit zu hohen Erwartungen an „The Autopsy of Jane Doe“ heran gegangen bin. Die Besetzung und das Plakat deuteten auf einen High Concept-Horrorfilm hin, eine Meditation über das Trauma der Reise vom Leben in den Tod, vielleicht sogar auf eine verfluchte Romanze zwischen den Lebenden und den Toten.  Brian Cox und Emile Hirsch sind ja nun wahrlich keine B-Akteure.

Ich habe mich geirrt. Und das ist erfreulich.

Der Film spielt mit offenen Karten. Kaum liegt die Leiche auf dem Seziertisch, fangen die Unerklärlichkeiten an. So wird aus dem „medical mystery“ schnell ein „occult thriller“, die Toten erwachen, die Lebenden sterben, am Ende muss eine für beide Seiten erträgliche Lösung gefunden werden. Mit dem Morgen kommt das Ende…

Das ist nicht immer mit sicherer Hand inszeniert, die sehr offensichtlichen Sets wirken nicht homogen mit dem Haus, in dem sie sich angeblich befinden. Die Locations sind – ähnlich wie letztes Jahr bei „Havenhurst“ – zu offensichtlich Bühne, Kulisse, Requisiten. Das Szenario ist nur sehr begrenzt glaubwürdig und auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist eher behauptet als gespürt.

Hinzu kommt, dass Cox zwar solide grummelig spielt, Emile Hirsch aber kaum Feuer mitbringt. In elementaren Szenen lässt er Tiefe vermissen, geht emotional über Ereignisse hinweg, die seinen Charakter zutiefst erschüttern müssten. Da hätte ihn der Regisseur stärker an die Hand nehmen müssen.

Auch das Finale ist nicht fehlerfrei und hätte ein, zwei erklärende Szenen für einen befriedigenden Abschluss brauchen können.

Aber trotz dieser Defizite ist „The Autopsy of Jane Doe“ eine Sorte Film, die man nur noch zu selten zu sehen bekommt – ein stolzer B-Film mit soliden Darstellern, der sein Heil nicht im Ekel und überzogenen Gewalttaten sucht, sondern dem klassischen Grusel verpflichtet ist. Hier flackern die Neonröhren, fauchen die Katzen, donnert das Gewitter, während Vater & Sohn die Leiche der jungen Frau wie ein Puzzle auseinander nehmen – und dabei Kräfte beschwören, denen sie nicht gewachsen sind. Das erinnert an John Carpenters „Die Fürsten der Dunkelheit“, an „Unrest“, an „Hybrid“ und an „The Ghostmaker“. Kleine Horrorfilme wie Geisterbahnen, die sich ganz klar dem Ziel verpflichtet haben, das Publikum mit ihren begrenzten Mitteln wohlig schauernd zu unterhalten. Wenn „IT“ das Hardcover des Festivals ist, sind Filme wie dieser die Groschenromane. Und das werde ich ihnen bestimmt nicht zum Vorwurf machen.

Eine besonders starke Leistung zeigt außerdem Olwen Catherine Kelly, die als Leiche keinerlei Regung zeigen darf, während sie nackt mit offenen Augen und fahlen Kontaktlinsen auf dem Seziertisch liegt und an ihr herum gefuhrwerkt wird. Das ist wider Erwarten eine hart verdiente Gage.

Fazit: Okkulter B-Horror voller Klischees, aber auch mit einer cleveren Grundidee, der genau weiß, dass er mit seiner gut gelaunten Schauermär die 90 Minuten-Marke nicht ausreizen darf. Ein blutiger Hamburger, in den man genussvoll reinbeißen kann. 8 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Ein schöner Ansatz, leider entscheidet sich der Film dafür, die Mystery-Schiene voll auszufahren und dafür die deutlich interessantere Variante „Provinz-Leichenbeschauer vs. das Perfekte Verbrechen“ zu verlassen.“

Next up: Vidar the Vampire



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PeroyheinoNummer Neun Recent comment authors
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Nummer Neun

Genau solche Filme will ich auf dem Filmfest sehen. Eine kleine Produktion mit wenigen Schauspielern, begrenztem Setting, aber einer klaren Idee, die auch gut umgesetzt wurde. Ich fand die Autopsie alleine schon stark genug, den Mystery-Einschlag hätte es nicht mal unbedingt in der Ausführlichkeit gebraucht.

heino
heino

Den fand ich richtig schwach. Zu offensichtlich, zu sehr mit Fehlern behaftet und er verlässt sich zu sehr darauf, dass die Tonspur schon für den nötigen Schrecken sorgen wird. Mit viel gutem Willen würde ich den als Durchschnitt bewerten

Peroy
Peroy

Fand ich auch nicht so prall, der dritte Akt geht volle Kanne in die Binsen. Aber die Leiche ist echt sexy… *hubbahubba*