Here alone

here-alone-posterUSA 2016. Regie: Rod Blackhurst. Darsteller: Lucy Walters, Adam David Thompson, Gina Piersanti, Shane West

Offizielle Synopsis: Nachdem ein Virus unbekannten Ursprungs ihre Familie und einen Großteil der Bevölkerung in blutrünstige Bestien verwandelt hat, muss sich die im Überlebenstraining geübte Ann allein durch eine gefährliche Welt schlagen. In den Wäldern des amerikanischen Nordostens, die sie seit ihrer Jugend kennt, errichtet sie ihre bescheidene Bleibe in einem Zelt und lebt von dem, was die Natur und die wenigen Farmen im Umkreis ihr bieten – immer auf der Hut vor den hungrigen Untoten, die die Gegend durchstreifen. Eines Tages jedoch humpelt der verletzte Chris am Arm seiner Stieftochter in Anns Leben. Nur zögernd nimmt sie die beiden auf, und tatsächlich offenbaren sich schon bald Konflikte in der neuen Gemeinschaft.

Kritik: Der Survival-Horror, bei dem sich ein paar Charaktere in der Wildnis durchschlagen müssen (gerne verfolgt von wilden Tieren oder nicht minder wilden Untoten), ist fast genau so beliebt wie das eben beschriebene Genre des Folterfilms. Ich sehe dafür primär zwei Gründe: Die Eroberung der Wildnis, die Zähmung der und gleichzeitige Unterwerfung unter die „natürlich Ordnung“ ist Teil des amerikanischen Mythos, des „free man“. Der urbane Bürger sehnt sich immer noch nach der Freiheit nicht nur von Handy und Mikrowelle, sondern auch von Steuererklärung und Schwiegereltern. Zumindest im Kino möchte er glauben, dass ein wahrhaft selbstbestimmtes Leben möglich wäre.

Der zweite Grund ist pragmatischer: Diese Sorte Film ist extrem billig zu drehen. Keine Bauten, keinen nennenswerten Requisiten, keine Drehgenehmigungen und keine großen Spezialeffekte. Man kann wortwörtlich mit ein paar Kumpeln in den Wald gehen und loslegen. Und zu viele Möchtegern-Filmemacher tun das leider auch.

„Here alone“ ist ein gutes Beispiel für diese ökonomische Form des Kinos. Letztlich sehen wir drei Menschen im Wald, der Aufwand beschränkt sich auf ein paar Camping-Utensilien und ein Auto. Gerade mal zwei Zombies bekommen wir in Nahaufnahme zu sehen, dazu ein paar herum rennende Statisten im Hintergrund. So, wie die Protagonisten mit dem Notwendigsten auskommen müssen, müssen es auch die Filmemacher.

here alone

Erfreulicherweise kann man aber konstatieren, dass hier nicht nur der Mangel an Ressourcen der Antrieb war – tatsächlich passt die Geschichte zum Aufwand. Es hätte nichts gebracht, mit mehr Geld mehr zu zeigen. Weil „Here alone“ ein Kammerspiel ohne Kammer ist. Es geht um das, was wir brauchen, wenn alles zusammen bricht. Und das ist nicht nur Frischwasser und Vorräte, nicht nur Feuerholz und feste Schuhe. Es geht um menschliche Nähe, um eine soziale Struktur, die aus dem Überleben wieder ein Leben macht.

Das erzählt „Here alone“ sehr schön, weil er auch die Bedürfnisse der weiblichen Protagonisten nachvollziehbar setzt: Ann hat sich eingerichtet, funktional wie emotional. Sie könnte vermutlich 20 Jahre im Wald leben, würde die Ankunft von Chris und Olivia ihr Selbstverständnis nicht ins Wanken bringen. Chris bricht ihre Schale auf, weckt eine Sehnsucht nach Nähe, die sie mit dem Tod ihrer Familie verloren glaubte. Olivia hingegen hat sich mit Chris als ihrem Beschützer perfekt eingerichtet, sieht sich in der logischen Nachfolge ihrer Mutter – auch sexuell. Es ist ihr pubertärer Frust, der sie in Ann die Konkurrentin sehen lässt und der zur Katastrophe führt.

Es ist euch vielleicht aufgefallen, dass bis hierher noch gar keine Rede von den Zombies war. Kein Wunder: Auch „Here alone“ ist im Grunde kein Zombiefilm, die Untoten sind ein MacGuffin, ein beliebiger Auslöser für das dramaturgische Konstrukt. Genauso könnte der Film im Wilden Westen spielen und von Indianerangriffen handeln – oder in den Südstaaten und die Rednecks als Gefahr etablieren. Darin erinnert er an „The Quiet Hour„, dessen Alien Invasion-Szenario auch nur Hintergrund ist.

Wer also einen „echten“ Zombiefilm sucht, der ist hier falsch.

gelbFazit: Ein gut beobachtetes Dreipersonenstück, das sich allerdings erheblich zu viel Zeit lässt und die Zombies derart in den Hintergrund schiebt, dass sie letztlich irrelevant werden. Hätte noch grün verdient, wenn „The Survivalist“ in diesem Jahr den gleichen Boden nicht schon deutlich besser beackert hätte.

Philipp meint: Über weite Strecken sehr langatmig erzählt, zieht aber immer wieder das Tempo an und wird dann richtig gut. Im Rückblick besser als im Spontaneindruck.



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Marcus
Marcus

In jeder Beziehung THE SURVIVALIST ebenbürtig. Ob man das als Empfehlung sieht, ist Geschmackssache. Für mich: 7710.

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[…] auch einen „normalen“ Nervenzusammenbruch haben könnte und die Zombies in „Here alone“ genauso gut Indianer sein könnten, ist der Vampirismus nur ein Katalysator für die emotionale […]

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[…] ♣ Happy Birthday ♦ Abattoir Terra Formars ♥ To steal from a Thief ♥ Kidnap Capital ♦ Here alone ♥ The Devil’s Candy ♦Imperium ♣ I had a bloody good time at House Harker […]

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[…] ich zu „Les Affamés“ noch sagen könnte, habe ich in hundert Reviews zu hundert fast deckungsgleichen Filmen schon […]