USA 2017Regie: Marianna Palka. Darsteller: Jason Ritter, Jaime King, Marianna Palka, Brighton Sharbino, Rio Mangini, Kingston Foster, Bill Smitrovich

Offizielle Synopsis:  Jill ist die Frau von Karrieremann Bill und heimgebliebene Mutter von vier Kindern, die es gewohnt sind, dass Mama die eigenen Bedürfnisse erstmal hintenanstellt. Nach einem missglückten Selbstmordversuch taucht vor ihrem Küchenfenster ein wilder Hund auf und schon bald kann Jill das Bellen in ihrem Kopf nicht mehr unterdrücken. Bis es schließlich mit unbändiger Wucht aus ihr herausbricht. Jill kläfft und läuft auf allen Vieren – Jill ist jetzt ein Hund. Aber eben kein zahmer und stubenrein schon gar nicht! Soll Bill sich zur Abwechslung mal um die ganze Scheiße kümmern…

Kritik: „Bitch“ ist ein unrundes, teilweise sogar aufdringliches Vanity-Projekt mit einer sehr offensichtlichen Botschaft. Die grundlegende Idee, dass eine überforderte Hausfrau sich verzweifelt in einen Hund „verwandelt“ und knurrend im Keller hockt, mag als Parabel durchaus spannend klingen – und in der Tat gelingt es Palka, diese Transformation so beiläufig wie bildmächtig umzusetzen, ohne ihre Figur der Lächerlichkeit preiszugeben. Von der „Hündin“ Jill sehen wir immer nur Nahaufnahmen, Augen, hören Knurren, das Haar wie zerzaustes Fell.

Der Fokus der Geschichte liegt nach einer Viertelstunde allerdings dann eher auf Bill, ihrem Ehemann – und da stolpert die schwarze Komödie erstmals böse. Jason Ritter ist nicht nur der Sohn der Sitcom-Legende John Ritter („Three’s Company“, „8 simple rules“), sondern selber ein absoluter Profi im Comedy-Business. Und er überzieht die affektierte Dummheit seiner Figur derart in Richtung Farce, dass jede dramatische Schwere in der ersten Hälfte davon konterkariert wird. Sein Bill hat keinen Funken Ehrlichkeit, Anstand oder wenigstens Selbst-Bewußtsein. Das macht ihn zu einer einfachen Feindfigur, aber eben nicht zu einer glaubwürdigen. Seine emotionaler Weg im Verlauf des Films ist dadurch weiter, plakativer, aber eben auch banaler.

Jaime King wiederum spielt die Schwester der „Hündin“ zwar sehr glaubhaft, ist aber für das Skript nur als Stimme der Vernunft und Exposition notwendig. Der Plot würde auch ohne sie auskommen – und eine etwas gestandenere Autorin hätte sich auch getraut, sie wegzulassen. „Bitch“ erzählt nichts, was man nicht noch extra erklären müsste.

Ich hatte auch Probleme mit einigen emotionalen Beats: nach meinem Verständnis würden Kinder, deren Mutter plötzlich als knurrende und sich einkotende Hündin im Keller hockt, nicht darüber lachen, sondern mit massiven Traumata in der Klinik landen. Leider würde das aber die Story torpedieren, die Palka erzählen will – und darum ordnet sich die Glaubwürdigkeit der Notwendigkeit unter. Das ist ein Fehler, dessen Vermeidung man in jedem Drehbuchseminar lernt.

Selbstverständlich kann man sich als deutscher Zuschauer amüsieren, dass „Bitch“ auch wieder ein typischer LA/California „white people problems“-Film ist. Für uns ist es nicht so leicht nachvollziehbar, dass Jills alptraumhaftes Leben aus viel Geld, vier gut aussehenden Kindern und einem vollen Freizeitkalender besteht. Die Soccer Mom als geschundenes Opfer finde ich jetzt nicht wirklich bedauernswert.

Und dann ist da dieser Soundtrack. Atonal, teilweise Free Jazz, schrill und störend. Natürlich mit Absicht – die Idylle von Suburbia soll gebrochen werden, die Tonspur bildet das zerstörte Innenleben der Hauptdarstellerin ab. Es ist nur leider Ohrenfolter.

Und dennoch: „Bitch“ hat etwas. Der Film funktioniert, weil er eine verständliche Botschaft mit einem interessanten Kniff transportiert, weil er seinen Figuren Raum gibt, an dem Konflikt zu wachsen – und weil er die Verwandlung von Jill nicht für billige Gags missbraucht. Im Gegenteil: in der zweiten Hälfte, wenn „Bitch“ endlich seinen Rhythmus findet, gibt es ein paar schöne Szenen, die die Freiheit des Hundes mit der Gefangenschaft des Menschen kontrastieren.

Fazit: Eine anfänglich zu unsicher erzählte Parabel über den Horror des modernen Hausfrauen-Daseins, die in der zweiten Hälfte doch noch die Kurve bekommt und eine solide Visitenkarte der Hauptdarstellerin/Regisseurin/Autorin darstellt. Mit etwas Milde noch 7 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Der Soundtrack nervt. Und der Film brauchte eine Weile, um mich abzuholen. Aber dann wurde er ein starkes Psychodrama.“

Next up: The Autopsy of Jane Doe

 



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comicfreakFantasy Filmfest 2017: Vidar the Vampire - Wortvogel - 100% Torsten Dewi Recent comment authors
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[…] volle Leben zu greifen – und sich dann genau davon wieder emanzipieren muss. So wie Jill in „Bitch“ auch einen „normalen“ Nervenzusammenbruch haben könnte und die Zombies in „Here […]

comicfreak
comicfreak

..der klingt (mit den richtigen Leuten gesehen) interessant