Finnland 2017. Regie: Jesse Haaja. Darsteller: Kris Gummerus, Rami Rusinen, Bianca Bradey, Matti Onnismaa, Alina Tomnikov, Aake Kalliala, Sami Huhtala, Marko Pesonen, Minna Nevanoja u.a.

Offizielle Synopsis: Nun hat auch Finnland seinen Superhelden – und was für einen! Der einsame Rächer Rendel hat ein tragisches Schicksal erlitten und marodiert von unbändigem Zorn getrieben durch die Unterwelt der City of Mikkeli. Die ist fest in der Hand des Verbrechersyndikats Vala. Als Pharmakonzern getarnt, kuriert Vala Krankheiten mit einem neuartigen Impfstoff. Tatsächlich aber testet Firmenboss Kurikka das Medikament an Kindern – Nebenwirkungen Nebensache. Nicht für Rendel. Maskiert und rigoros schreitet der Vigilant zur Tat, um Angst und Schrecken bei jenen zu verbreiten, die Unschuldige tyrannisieren. Doch auf der Lohnliste Kurikkas stehen nicht minder brutale Psychopathen – und diese Superschurken kennen keine Angst.

Kritik: Es gibt Filme, die will man mögen. Eine finnische low budget Batman/Punisher/Spawn-Variante mit einem blonden Todesengel und der 55.000 Einwohner-Kreisstadt Mikkeli als Ersatz für Metropolis und Gotham? Count me in!

Nur leider muss man bei solchen Streifen oft den Willen für die Tat nehmen und „Rendel“ anrechnen, was er will – nicht, was er schafft. Es ist ein schmerzhafter Prozess, wenn man nach der ersten Vorfreude so langsam realisiert, dass hier doch kein popcorniger crowd pleaser über die Leinwand flimmert, sondern ein eher mageres „me too“-Produkt, das die großen Vorbilder hündisch kopiert, die es leider nicht wirklich verstanden hat.

Um aber nicht ganz so übel draufzutreten, möchte ich erstmal die Sachen aufzeigen, die tatsächlich funktionieren. So haben mir die Darsteller gefallen – bei Filmen dieser begrenzten Größenordnungen ist man gewöhnt, dass neben den zwei, drei Hauptdarstellern gerne auf Laien zurück gegriffen wird. Hier überzeugt das ganze Ensemble, sowohl bei den komische Elementen als auch in Sachen Drama.

Das vermutlich obszön niedrige Budget kaschiert Regisseur Haaja sehr kompetent mit viel farbintensiver Beleuchtung, ein paar Drohnen-Luftaufnahmen und dutch angles, die den Industriebrachen und Lagerhallen, in denen „Rendel“ vornehmlich spielt, eine comic-eske Atmosphäre aufzwingen. Es gelingt ihm auch, dem Helden einen spartanischen, aber sehr wirksamen „Look“ zu verleihen, der in einem größeren Superheldenfilm nicht fehl am Platze wäre, zum sich Rendel überzeugend auf dramatisches Posing versteht.

Damit wäre eigentlich alles vorhanden, um ein solides B-Movie mit dem ersten finnischen Superhelden einzutüten. Aber Haaja stolpert über seine blutleere und nur von wirklich billigen Klischees getragene Story, die er noch dazu sehr zersplittert und wirr erzählt. Der visuelle Einfallsreichtum – er wird von der erzählerischen Ideenlosigkeit torpediert. Ein Mann verliert seine Familie an Gangster und wird zum Rächer der Nacht. Man haut sich, bis die Bösen tot sind. Ende. Mehr ist da nicht, keine Meta-Ebene, keine ironische Brechung.

Es tut „Rendel“ auch nicht gut, dass er nicht nur die Chronologie ständig bricht, sondern auch den Tonfall. Hier steht billiger Slapstick neben aufgeblasenem Pathos – und beide bekämpfen einander. Es wird nie klar, ob der Film ernst genommen oder als Parodie verstanden werden will.

Unter dem Strich hätte man mit diesen Möglichkeiten und diesen Machern einen soliden B-Superheldenfilm drehen können. Aber das hätte bedeutet, sich nicht nur eine Geschichte auszudenken, sondern auch ein Thema. Man hätte von Rendel nicht nur das Kostüm, sondern auch das Innenleben gestalten müssen. Und vor allem hätte man die Szenen der beiden Handlungsstränge nicht vom Zufallsgenerator im Schnittprogramm ineinander verzahnen lassen sollen. Das hat keinen Flow, keine Struktur.

Es gibt viele Filme, denen ich gerne und hämisch lachend den Stinkefinger zeige. Bei „Rendel“ aber tut es mir echt leid. Den hätte ich lieber gemocht.

Fazit: Ein trashiges B-Movie Superheldencomic, das wie von einem hyperaktiven 10jährigen zusammen gestammelt wirkt und nichts über seine Figuren oder seine Welt zu sagen hat. Als US-Produkt würde ich das erheblich gnadenloser abstrafen, aber für ein finnisches Herzensprojekt hebe ich es gnädig mit 4 von 10 Punkten in die gelbe Zone.

Fragt Philipp: „Immer dann gut, wenn er sich auf seinen Charme und Humor verlässt. Die Action und Drama-Anteile greifen hingegen überhaupt nicht ineinander. Diesbezüglich ist der ähnlich angesetzte „They call me Jeeg Robot“ sehr viel stärker.“

Next up: „Raw“



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heino
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Schade, den hatte ich als sichere Bank angesehen. ..

comicfreak
comicfreak

..och nöö..

Thies
Thies

Ich würde Deine Ausführung weitgehend unterschreiben. Einzelne Szenen waren unterhaltsam und man konnte jederzeit den guten Willen erkennen, aber wirklich packend war der Film nie. Dafür dass Rendel vor seiner Transformation zum Vigilanten nur ein ein einfacher Sachbearbeiter in einer Bank war konnte er die Gangster dann doch allzu leicht austricksen – da hätte man irgendwo wenigstens eine Trainings-Montage einbauen müssen.
Ich würde als weiteren Mangel der Erzählung die Blondine erwähnen, die Rendels Taten begleitet.

Spoiler
Man kann sich schon früh denken, dass sie nur in seiner Einbildung existiert, aber wen soll sie darstellen? Mit seiner Frau hat sie keinerlei Ähnlichkeiten und sie ist auch keine Erinnerung an ein anderes Opfer der Gangster, die ihn plagen könnte.