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Feb 2024

Scan for your life! Geschichte zwischen vergilbtem Papier

Themen: Film, TV & Presse |

Mit den ungefähr 30 Plastikboxen habe ich die Reste dessen, was von meiner Nerd-Jugend ausgelagert wurde, wieder daheim:

Alles, was ich an Büchern, Comics, DVDs, Zeitschriften und sonstigem Material noch besitze, steht nun in meinem Arbeitszimmer und wartet darauf, sortiert, entsorgt, verkauft, verschenkt – oder gescannt zu werden.

Weil ich aktuell darauf warte, dass die Klinge meines Papierschneiders nachgeschliffen wird, habe ich mit einer Box von A5-Magazinen angefangen, denen ich nur die Klammern entfernen und sie dann zersäbeln muss:

THE ZETETIC, später SKEPTICAL INQUIRER, ist nicht irgendein Magazin. Es ist die dienstälteste noch erscheinende Publikation für Skeptiker und die Untersuchung paranormaler “Phänomene” bzw. deren Behauptung. Von Bigfoot bis zu Flacherde, von Hellseherei bis zu Aliens, von Homöopathie bis zur Auferstehung Christi. In den letzten Jahren konzentriert man sich mehr auf wissenschaftliche Themen als auf tausend Mal widerlegten Hokuspokus.

Es ist ein Heft, das meine Einstellung und meine Herangehensweise geprägt hat, seit ich es Mitte der 90er erstmals in einem Zeitschriftenregal entdeckte – 1976 erstmals erschienen und durchgehend mit vier bzw. sechs Ausgaben pro Jahr bis heute erhältlich und lesenswert:

Natürlich habe ich in den 90ern den Versuch gestartet, so viele alte Ausgaben wie möglich zu ergattern – mit magerem Ergebnis. Das Heft hat keine sehr große Auflage und wird gerne gesammelt. “Back issues” bekommt man allenfalls einzeln, dann für erstaunliche Preise plus internationalem Porto.

Irgendwann Anfang des neuen Jahrtausend stieß ich aber auf den Jackpot: Jemand verkaufte bei Ebay UK eine komplette Sammlung vom ersten ZETETIC-Heft bis in die Gegenwart. Ich kann es nicht mehr exakt sagen, aber meiner Erinnerung nach zahlte ich keine 300 Euro für den ganzen Satz. Ich habe Monate damit verbracht, die Hefte nach und nach durchzulesen.

Seit acht Jahren lagerten diverse meiner Zeitschriften-Konvolute bei meinen Eltern in Belgien und der SKEPTICAL INQUIRER war eine Motivation, sie abzuholen. Ich wollte die Sammlung unbedingt scannen, gerade weil online so wenig davon verfügbar ist. Das ist mehr als ein Regalmeter altes Papier – das ist ein Schatz.

Aber wie das mit alten Dingen so ist – sie stehen nicht nur für sich selbst, sie sind auch eine Reflektion ihrer Besitzer. Wie ich schnell feststellen sollte, gehörte die Sammlung dem renommierten Physiker Anthony J.M. Garrett. Aufkleber auf den Heften lassen den Schluss zu, dass er in den 80er Jahren Sydney an der Uni arbeitete und später dann in Cambridge und Glasgow. Sein Wohnort Grantchester sollte vielen von euch aus der gleichnamigen Krimiserie bekannt sein.

Tatsächlich wohnte Garrett in der malerischen und sicher denkmalgeschützten BYRON LODGE, die aktuell wohl verfällt, aber wenigstens neben einem Pub namens “The Green Man” zu finden ist:

Die Durchsicht der alten SKEPTICAL INQUIRER-Ausgaben förderte Erstaunliches zutage: Garrett hatte die Hefte nicht nur sorgsam kuratiert, sondern auch Entwürfe von Leserbriefen an die Redaktion aufbewahrt:

Das deckt sich mit diesem Absatz aus der Wikipedia:

Notable skeptics have credited the magazine in influencing their development of scientific skepticism. In the “Letters to the Editor”, the most frequent letters of appreciation come from educators.

Der handgeschriebene Brief (Auflösung aus Privatsphäre-Gründen absichtlich gering) kommt immerhin aus der Abteilung THE SIR FRANK PACKER THEORETICAL DEPARTMENT SCHOOL OF PHYSICS der Universität von Sydney. Das Briefpapier konnte ich dem 2006 verstorbenen Professor Harry Messel zuordnen.

Ehrensache, dass ich diese Dokumente für die Nachwelt aufbewahre. Solche Schreiben machen die Sammlung für mich noch persönlicher, weil ich weiß, dass die Hefte aus klugen Händen stammen. Ich frage mich, ob Garrett noch lebt und warum er den SKEPTICAL INQUIRER letztlich verkauft hat.

Alle Ausgaben des SPIEGEL, der SKEPTICAL INQUIRER, die TITANIC, die BRAVO, der PLAYBOY (englisch und deutsch) – ich bin ziemlich stolz auf meine eklektische “Bookeria”, wie ich die digitale Bücherei nenne, die mittlerweile etwas mehr als 1 Terabyte umfasst. So wie die vielen Billy-Regale der letzten Jahrzehnte mein Wissen und meine Leidenschaften aufbewahrten, so wird der Cloud-Speicher der zweiten Lebenshälfte dienen.

Nächster Halt: Die frühen Ausgaben der Filmzeitschrift SFX, die ich mir in den 90ern aus England habe schicken lassen. Da werden sicher Erinnerungen wach…

P.S.: Ausgaben eines vergleichbaren Magazins von der anderen Seite des Spektrums habe ich natürlich auch in meiner Sammlung:



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7 Kommentare
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S-Man
21. Februar, 2024 07:35

Respekt! Richtig gut! 🙂

Ich habe mittlerweile mein Abo für den Skeptiker gekündigt, weil ich eh viel zu wenig zum Lesen komme. Und weil sich die Themen im Grunde immer wiederholen.

Aber wenn du an ein paar neueren Jahrgängen der deutschen Variante auch interessiert bist, ruf einfach laut.

Rufus
Rufus
21. Februar, 2024 08:58

Scannst du auch deine alten GONG Zeitschriften oder die TV Serien (die Hefte, an denen du mitgearbeitet hast) ein? Gibt es davon noch Exemplare?

tokra
21. Februar, 2024 16:16

Oha, die britische SFX, da habe ich vor ein paar Jahren auch einige Jahrgänge nach einem Umzug ins Altpapier gegeben, weil selbst für volle Jahrgänge keiner auch nur einen Euro bei Ebay bieten wollte. Meine restlichen SciFi-Magazine aus der Zeit habe ich noch etwas länger aufbewahrt und danach in gute Hände abgegeben 😉

Was ich aber merke: Wenn mich ein Thema interessiert macht es mir doppelt so viel Freude, im Papier zu schmökern im Vergleich zum PDF. Aus dem gleichen Grund (Haptik!) hänge ich auch an meiner DVD- und sogar noch LaserDisc-Sammlung, auch wenn ich die Inhalte selber zu 95% nur noch als Stream/Download konsumiere.

Mison
Mison
24. Februar, 2024 22:33

Wahrscheinlich wurde die Frage schon mal beantwortet, aber ab wann dürfte man so ein Scan-Archiv eigentlich ins Web stellen?

Und ist das Dein Plan, zumal bei Zeitschriften, die so nicht mehr existieren?