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Okt 2023

Dänen lügen nicht: mehr Kopenhagen wagen!

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Es hat sich in den letzten zehn Jahren eingebürgert, dass die LvA und ich an unseren Geburtstagen gerne im Kurzurlaub sind – kein Problem, denn die beiden Tage liegen nah beieinander. So waren wir 2014 auf den Kanalinseln, 2016 in Oslo, 2018 in Kroatien, 2019 auf Ibiza, 2020 in Salzburg, 2021 in Bozen, und 2022 in Franken (+ Corona). Always on the road – never on the run.

2023 machte die LvA mir Kopenhagen zum Geschenk – und ich so: “Kopenhagen, aha”. Weil: Kopenhagen stellte ich mir nett und pittoresk vor, gerade angesichts unserer Affinität für Skandinavien. Aber als ein “must see” ist mir die dänische Hauptstadt nie erschienen, die auf Postkarten fast immer so dargestellt wird:

Das ist übrigens Nyhavn, ein Stichkanal, der sommers wie winters eine große Menge Touristen anzieht. Kann man gucken, kann man lassen.

Aber ich bin nix mehr als flexibel, also machten wir uns am Montag in der Früh auf den Weg zum Flughafen, was mit einem Fluch belegt schien: Stau auf der Autobahn, korrekte Ausfahrt wegen Bauarbeiten geschlossen, S-Bahn für eine Station (!) mehrere Minuten blockiert, Flieger wegen fehlender Hebebühne für Rollstuhlfahrer 45 Minuten verspätet. Entspannt reisen geht anders.

In Kopenhagen kamen wir in einem sehr netten Flughafen an und tranken erstmal einen Kaffee – inkl. Preisschock, der uns schon mal gut auf die nächsten Tage vorbereitete: Dänemark ist TEUER. Nicht nur in den Restaurants und den touristischen Zentren, sondern generell. 50-100 Prozent mehr in Sachen Essen & Trinken muss man kalkulieren, in den Randgebieten und Supermärkten ist es nur marginal günstiger. Kopenhagen ist eine der Städte, in denen reisen “on a budget” eine echte Herausforderung sein dürfte.

Wir lernten auf dem Weg zum Hotel aber auch die zweite, weitaus positivere Faustregel Dänemarks: alles geht bargeldlos und vergleichsweise einfach. Wir haben in fünf Tagen keine dänische Krone gesehen oder ausgegeben (umgerechnet wird sie übrigens wie einst der Schilling 1:7). Die Kreditkarte auf dem Handy hat wirklich überall das Bargeld ersetzt, auch deshalb, weil in Dänemark Trinkgeld unüblich ist.

Für die Stadt reicht es zudem vollkommen, einen “City-Pass” in die entsprechende App zu laden, mit dem man alle öffentlich-rechtlichen Nahverkehrsmittel günstig nutzen kann. Dazu gehört auch die 2019 stark erweiterte Ubahn mit dem überschaubaren Streckennetz und den fahrerlosen Zügen:

Es macht durchaus Spaß, vorne zu sitzen und direkt in die Röhre zu schauen, während man mit aufgeklebten “Instrumenten” Fahrer spielt:

In der Ubahn kann man auch das Naturell des Dänen sehr gut studieren: freundlich, leise, modern, hält sich an die Regeln. Anarchie ist – außerhalb von Christiania – des Dänen Sache nicht.

Wir hatten das Motel One Kopenhagen gebucht. Niemanden, der mich kennt, dürfte das überraschen. Es liegt sehr zentral, ist aber untypischerweise in einen Altbau gedengelt worden, was viele typische Stilelemente vermissen lässt, die man von dieser Kette gewohnt ist.

Vieles in Kopenhagen lässt sich gut zu Fuß erkunden, weil die große Einkaufsstraße Strøget, das Studentenviertel, das Stadtzentrum und der Hafen quasi ineinander übergehen. Der Rest ist selten mehr als ein oder zwei Ubahn-Stationen entfernt.

Generell gilt: Kopenhagen ist sehr schön:

Die Menge an prächtigen Häusern, in denen sich prima Altbau-Wohnen lässt, ist beeindruckend. Dennoch wirkt die Stadt nicht übermäßig für den Tourismus herausgeputzt wie London oder Stockholm. Kopenhagen ist immer noch die Domäne der Dänen, ist Arbeit und Leben, so funktional wie formschön. Dazu gehören auch ein paar Obdachlose, schrabbelige Kramläden und ein gewisser jugendlicher Pseudo-Vandalismus:

Weil dieser Beitrag euch nicht überfordern soll, habe ich viele spannende architektonische Eindrücke in eine eigene Galerie gepackt:

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Was man hier sehr gut kann: essen gehen. Das entsprechende Budget vorausgesetzt. Die sehr fischlastige dänische Küche ist ebenso vertreten wie die kulinarische Expertise aller Herren Länder. Es gibt Restaurants, Konditoreien, Bars, Clubs, Pubs und Cafés zur Genüge. Am ersten Abend haben wir in der “Carambar” gleich neben dem Hotel gespeist. Dazu ein Tuborg.

Die Tatsache, dass Kopenhagen sehr populär ist und die Dänen recht wohlhabend, lässt eine Reservierung üblicherweise angeraten sein. Wir hatten zwei, dreimal das Problem, eines vollen Saales verwiesen zu werden. Sehr gerne hätte ich mir z.B. im bezaubernd studentischen “Bastard Café” mit der TARDIS-Tür eine Runde Brettspiele gegönnt – aber es war brechend voll:

Will man es nicht ausarten lassen, kann man natürlich auch in einem kleineren Imbiss speisen – mein Tipp dafür wäre die üppige Auswahl an Lokalen in der Østerbrogade. Alternativ auch die Tivoli Food Hall. Wer in einer Stadt wie Kopenhagen zu McDonalds geht, hat bei mir verschissen. Ich gestehe aber, dass eine Frittenbude in der Fußgängerzone meine Neugier weckte:

Don’t mind if I do! Tatsächlich entpuppten sich die nach belgischem Standard frittierten Pommes als extrem lecker und die BBQ-Sauce hatte einen angenehm rauchigen Nachgeschmack:

Auf der Suche nach süßen Teigwaren ist man in Kopenhagen natürlich ebenfalls genau richtig. An meinem Geburtstag gönnten wir uns einen Kaffee & Kuchen-Nachmittag in der legendären Konditorei “La Glace”. Warteschlange, hohe Preise – muss man wollen. Aber das Ergebnis zählt:

Wie Paul Hollywood sagen würde:

“Nice layers, great texture – and the elements complement each other perfectly. Well done!”

Wer authentischer “dänisch” essen gehen möchte und trotzdem den Trip in die Vorstadt meidet, dem kann ich das Restaurant “Karla” empfehlen.

Frühstücken kann man in Kopenhagen wirklich sensationell. Wir empfehlen nach einem Selbsttest aus voller Übersetzung das “20 grams“:

Hier wäre es übrigens fast zu einem Eklat gekommen, als die LvA bemerkte, dass an den Wänden auch Blaupausen “von so Raumschiffen” hingen. Es war der Millennium Falcon aus STAR WARS – ich kenne nichtigere Scheidungsgründe…

Soll aber keiner sagen, es wäre uns nur ums Essen gegangen – kochen und backen kann die LvA auch, da könnten wie genauso gut daheim bleiben. Für den zweiten Abend hatten wir Karten für “The Dumb Waiter” von Harold Pinter in einem kleinen Regionaltheater gekauft. Dieses 2 Personen-Stück von 1958 (!) ist so eine Art Guy Ritchie-Version von “Warten auf Godot”:

Fun fact: Von dem Stück gibt es eine praktisch vergessene TV-Verfilmung von 1987 mit John Travolta (!):

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Netterweise standen die beiden exzellenten Darsteller hinterher für Fragen an der winzigen Bar des Theaters zur Verfügung:

Ich nutzte die Gunst der Stunde nicht nur für eine Diskussion über die Zeitlosigkeit des Stücks, sondern auch für ein paar schnelle Autogramme:

Ich dachte ehrlich, damit das thespische Handwerk zu unterstützen. Meine Leser auf Facebook belehrten mich jedoch: Lars Mikkelsen ist nicht nur der Bruder von Mads Mikelsen, sondern spielt auch “General Thrawn” in der neuen STAR WARS-Serie AHSOKA:

Man lernt nie aus.

Kopenhagen ist auch über Theater und Ballett hinaus eine sehr kulturreiche Stadt. Wir haben uns zwei Museen gegönnt – immer ein schwieriges Thema, da der Wortvogel nicht zur Gattung “Männer, die auf Kunst starren” gehört. Den Anfang machte das Dänische Designmuseum:

Ich hatte nicht viel erwartet und wurde umso mehr überrascht: viele spannende Exponate und Einzelausstellungen, die den Einfluss des Designs auf die Geschichte transparent machen und die Rückkopplungen von Kunst und Design. Es wird sehr deutlich, dass Design der gesellschaftlichen Entwicklung nicht nur folgt, sondern sie teilweise mitbestimmt. Es ist ein Dialog über das Leben, das wir führen wollen.

Einen Tag später besuchten wir das Arbeitermuseum, das sich primär auf die Geschichte des Klassenkampfes in der dänischen Gesellschaft seit 1900 konzentriert. Hier wird das Leben in den 20er, den 40er und den 60er Jahren liebevoll rekonstruiert:

Natürlich ist das thematisch nicht so universell wie das Designmuseum und ich fand es sehr schade, dass die erläuternden Texte nur auf dänisch präsentiert wurden. Es bleibt mehr Ausstellung als Aufklärung.

Nun sind Museen AUCH etwas, an dem es in München nicht mangelt. Darum verbrachten wir viel Zeit, uns Kopenhagen zu Fuß zu erobern. Ich hatte mir sagen lassen, dass man als Kopenhagen-Besucher verpflichtet ist, ein bestimmtes Bild zu machen, sonst drohen ernste Sanktionen bei der Ausreise – in etwa so, als wenn man als US-Tourist in Berlin das Brandenburger Tor nicht fotografiert. Da wollte ich mal lieber kein Risiko eingehen:

Nun sieht dieses Motiv immer so einsam und friedlich aus – tatsächlich drängelt man sich vor Ort mit einer Heerschar anderer Interessenten:

Auf dem Weg zur Meerjungfrau kommt man am shuriken-förmigen Kastell von Kopenhagen vorbei, das einen Besuch lohnt:

Drinnen kann man gut nachempfinden, mit welch beeindruckender Wucht das Militär in vergangen Jahrhunderten operierte:

Generell hat gerade das Militär Kopenhagen mit vielen interessanten Bauten geprägt. So gibt es die Barackensiedlung “Nyboder” für Militärpersonal aus dem 17. Jahrhundert, die mittlerweile zivilen Zwecken dient und gerade ausgiebig saniert wird. Ich empfehle, sich nicht am Mauerwerk anzulehnen:

Wie man aus den Bildern ersehen kann, hatten wir in Sachen Wetter wirklich Glück, es war die ersten drei Tage sonnig und warm. Am vierten Tag kamen dann Wind und Regen auf – Ausläufer des Sturms, der u.a. Lübeck erwischt hat. Wir machten aus der Not eine Tugend und besuchten mit dem Fisketorvet eins der größten Einkaufzentren der Stadt:

Hier beeindruckten mich mal wieder die großen Fahrrad-Parkhäuser, die man auch in den Metro-Stationen findet – der Däne ist sehr strampelfreudig:

Auch bei der Innendekoration hat man sich nicht lumpen lassen:

Weil es zum letzten Abend hin doch sehr stürmisch wurde, sind wir ins Kino gegangen und hatten den gesamten Saal für uns allein. Private screening, sozusagen. Eine herzerwärmende Dramedy über die Kraft der Vergebung, mit großer Besetzung und kleinem Budget realisiert:

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Am nächsten Morgen haben wir dann doch im Hotel gefrühstückt, weil wir uns nicht unter Druck setzen wollten. Zu meiner Freude gibt es im Motel One in Kopenhagen frisches Rührei mit Schinken in phänomenaler Qualität:

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, was wir NICHT gemacht haben. Das lässt sich auf zwei Begriffe reduzieren: TIVOLI und CHRISTIANIA. Das Anarcho-Viertel, ein Überbleibsel der Hippie-Ära, liegt einfach nicht im Interesse der LvA, auch wenn es mich schon gereizt hätte. Ähnlich beim legendären Freizeitpark mitten in der Innenstadt – die horrenden Eintrittspreise rechtfertigen sich nicht, weil die LvA keine Begeisterung für rappelnde Fahrgeschäfte aufbringt:

Und was ist mein abschließendes Urteil? Aus dem “Kopenhagen, aha” ist ein “Kopenhagen, oho!” geworden. Eine durch und durch sympathische Stadt, in die man gut und gerne drei bis vier Tage investieren kann, sofern man sich nicht an den hohen Preisen stört.

Ich würde allerdings dringend anraten, bis spätestens September anzureisen. Im Oktober sind viele Attraktionen bereits “closed for the season”, die Sightseeing-Busse verkürzen ihre Touren radikal, und auch bei den kulturellen Angeboten reduziert sich die Auswahl. Der Däne lässt für den Herbst schon mal die ersten Rollläden runter.

Davon abgesehen: Det var en vidunderlig tur, og vi kommer gerne tilbage.

P.S.: Obwohl ich vor Ort Geburtstag hatte, habe ich mich sehr über die vielen Glückwünsche auf Facebook gefreut. Für meine Blogleser hebe ich an dieser Stelle nachträglich das Glas (ein “danish courage”, falls es wen interessiert):

P.P.S.: Es sind noch ein paar launige Bilder von Kuriositäten aus/in Kopenhagen übrig, die nicht mehr in den Ablauf dieses Beitrags passten, Die werde ich dieser Tage in einem eigenen Artikel präsentieren.



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PabloD
PabloD
22. Oktober, 2023 21:37

Wir haben Anfang September auf der Schweden-Rückreise auch spontan zum Mittagessen bei der Kleinen Meerjungfrau angehalten (sind ja nur knapp 3h von Helsingborg nach Fehmarn).
Dafür, dass alle immer sagen wie klein sie eigentlich ist, kam sie mir recht groß vor. Wurde vielleicht ausgetauscht 😄
Aufgrund der schieren Masse an anderen Touristen wurden die Schnittchen dann ebenfalls auf dem Wall des Kastells schnabuliert. Good memories indeed…

heino
heino
23. Oktober, 2023 06:59

Kopenhagen steht auch noch auf unserer Liste für Städtetrips, die wir mal machen wollen. Danke für den Bericht, da haben wir schon mal ein paar Anhaltspunkte

S-Man
S-Man
23. Oktober, 2023 07:53

Kann ich alles unterstreichen. Kopenhagen hat mir gut gefallen. Ich hatte mich vor wenigen Jahren auch einfach spontan entschieden, “irgendwo” hinzufahren, weil mir die Decke auf den Kopf fiel.

Bzgl. Christiana: Habe ich auch nicht gesehen, aber gut gefallen hat mir dieser ganz schmale Landstreifen Christianshaven Enveloppe gefallen, der schon sehr nach den Bildern bei der Wiki aussieht. Total schöne Bauten dort.

Auch die Umnutzung alter Hafen- und Industriebereiche als Künstlerwerkstätten und Studentenwohneheime hatte mir sehr imponiert.

Und die Seejungfrau ist im Dunkeln menschenleer 😉

Den Regentag hatte ich im Naturkundemuseum verbracht. Um dort den TRex “Tristan” sehen zu dürfen, der vorher und hinterher in Berlin war bzw. ist. Ein unerwartetes Treffen zweier Bekannter sozusagen 😀

Was ich hingegen nicht empfehlen kann, ist eine spontane Fahrt über die Öresundbrücke, weil “die ist ja so schön nah, da kann man das ja einfach mal machen”, ohne sich vorher über die Mautpreise zu erkundigen *hüstel*

Last edited 7 Monate zuvor by S-Man
dermax
dermax
23. Oktober, 2023 08:18

War Anfang Oktober in Kopenhagen, hab es ähnlich empfunden, man könnte noch erwähnen, dass es hier wirklich hinhaut, dass Autos gegenüber Radlern ins Hintertreffen geraten sind, was diese Stadt angenehm ruhig macht.
Christiania haben wir besucht, aber ausser einem “uii, da kann man Joints kaufen” fand ichs eher unterwältigend.

sven
sven
23. Oktober, 2023 12:07

Zum Tivoli: dort gibt es mehr Restaurants als Fahrgeschäfte. Der Eintritt enthält auch nicht die Fahrgeschäfte, die kosten Aufpreis. Es gibt ein Theater, im Sommer gibt es Konzerte auf der Freilichtbühne. Ein Besuch lohnt da durchaus, auch ohne was zu fahren.

sven
sven
24. Oktober, 2023 10:17
Reply to  Torsten Dewi

Die Food Hall ist in der Restaurant-Zählung nicht drin, drinnen gibt es eine große Auswahl neben Selbstbedienung.

Der Hinweis auf Sommer-Entertainment ist natürlich für zukünftige Besuche und Besucher gedacht, klar. Die abendliche Beleuchtung ist aber auch momentan einen Besuch wert, finde ich.

Frank B.
Frank B.
24. Oktober, 2023 18:26

Hallo lieber Wortvogel, hier, die Dokumentation lief heute, Dienstag, 24. Oktober im Metropolis Kino in Hamburg. Ausverkauft.
https://youtu.be/HiL2Z_Z6Ccc?feature=shared