11
Aug 2023

Kino Kritik: DIE LETZTE FAHRT DER DEMETER

Themen: Film, TV & Presse |

USA 2023. Regie: André Øvredal. Darsteller: Aisling Franciosi, Chris Walley, Corey Hawkins, David Dastmalchian, Javier Botet, Jon Jon Briones, Liam Cunningham, Martin Furulund, Nicolo Pasetti, Nikolai Nikolaeff, Stefan Kapicic, Woody Norman

Story: Der russische Schooner Demeter nimmt 1897 Holzkisten für die Fahrt nach London an Bord. Schon bald kommt es zu erschreckenden Ereignissen und in einer der Kisten wird eine blutarme junge Frau gefunden. Die Seemänner müssen erkennen, dass es vielleicht nicht im Sinne der Menschheit ist, wenn die Demeter ihr Ziel erreicht…

Kritik: Ich habe vor Jahren schon einmal darüber geschrieben, dass die Pressevorführungen von neuen Filmen verschiedene Wandlungen durchlaufen haben. So gibt es heute praktisch keine Pressehefte mehr gedruckt, man zieht sich das Material digital. Im Saal sitzen immer mehr Onliner. Und Sperrfristen sind eher die Norm als die Ausnahme. Zusammen mit der Tatsache, dass die Vorführungen immer knapper am Kinostart liegen, führt das zu kuriosen Situationen.

Case in point: Die Pressevorführung von DIE LETZTE FAHRT DER DEMETER fand in München am 10. August um 16.00 Uhr statt. Alle Besucher mussten schriftlich beurkunden, dass sie die Sperrfrist für ihre Reviews einhalten würden. Die Sperrfrist: 10. August, 18.00 Uhr. Der Film ist 118 Minuten und 59 Sekunden lang. Demnach lief die Sperrfrist nach dem Ende der Vorstellung noch exakt 1 Minute und 1 Sekunde – es wäre eine Herausforderung gewesen, in dieser Zeit einen Review rauszuhauen und sich damit eine Rüge des Verleihs einzufangen…

Aber irgendwie passt das. DIE LETZTE FAHRT DER DEMETER ist ein eher kurioser Grusler zum Ausklang der Kinosaison, dessen Entwicklung vor 30 Jahren begann und der seither Regisseure wie Robert Schwentke, Stefan Ruzowitzky und Marcus Nispel hat kommen und gehen sehen. Trotz prominenter Unterstützung schien der Film nicht richtig in die Puschen zu kommen. Aber jetzt hat André Øvredal es durchgezogen, und André Øvredal können wir wegen SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK ja gut leiden.

Worum es geht? Um das Logbuch der Demeter aus Bram Stokers DRACULA. Das hat Autor Bragi Schut Jr. nämlich als Vorlage genommen, um die Überfahrt von Rumänien nach England als separate Episode der Vampirgeschichte etwas näher zu beleuchten.

Und da werden schon die ersten Wortvögler, die den Roman tatsächlich gelesen haben, statt das immer nur frech zu behaupten, die Stirn runzeln. Das Logbuch? Das sind doch gerade mal ein paar sehr vage formulierte Seiten im Roman.

Richtig. Ich habe Sie euch hier mal hochgeladen. Drei Seiten Text. Grundlage eines Films von knapp 119 Minuten Länge.

Einen Ausschnitt aus einem Roman oder ein Fragment einer größeren Geschichte zu erzählen, bedingt natürlich eine massive Ausweitung der Erzählperspektive. Und so bekommen wir, weil es Tradition ist, drei Protagonisten hinzugedichtet: Einen Schwarzen, eine Frau, und ein Kind. Die Seemänner, eigentlich der Fokus dieses Teils des Romans, dürfen als Kanonenfutter bzw. Vampirbüffet dienen.

Was die Autoren nicht hinzudichten können: ein neues Ende. Und deshalb wissen wir von der ersten Minute an, dass die Besatzung der Demeter dem Untergang geweiht ist, dass in den Kisten der Vampirfürst steckt, und dass Dracula am Ende die Reise nach London wie geplant abschließt.

Es ist Øvredal hoch anzurechnen, dass es ihm gelingt, angesichts der völligen Abwesenheit von Überraschungen oder Twists die Spannung über weite Strecken halbwegs aufrecht zu erhalten. Dabei hilft ihm ein knarziger Cast und ein authentisches Production Design, das trotz reichlich CGI immer eine gewisse Erdigkeit behält. Ich fühlte mich zeitweise an Xavier Gens COLD SKIN und die AMC-Serie THE TERRROR erinnert.

Dennoch kann ich DIE LETZTE FAHRT DER DEMETER nur sehr bedingt empfehlen – und zwar den Zuschauern, denen es mehr um die Atmosphäre als um Handlung geht. Inhaltlich ist nämlich mal wieder Schmalhans Küchenmeister. Der Film handhabt die legendäre Horrorfigur Dracula letztlich als beliebiges Monster, führt sie zu früh ein und schiebt sie dann wieder in die Schatten, um sie periodisch mit Gekreische an irgendwelche Hälse springen zu lassen. Es könnte auch ein Alien sein, ein Serienkiller, ein Gen-Experiment. Weder aus der Location noch aus der viktorianischen Ära wird nennenswerter Saft für die Dramaturgie gezogen. Alle fünfzehn Minuten geht einer der Seemänner drauf, bis England in Sicht kommt.

In Sachen Logik darf man auch nix erwarten. Die Geschichte rumpelt an allen Ecken und Enden – Dinge passieren, weil das Drehbuch sie braucht. Immer wieder schlägt man sich an die Stirn, wenn die Figuren sich denkbar doof verhalten.

Nur ein Beispiel: Spätestens als bewiesen ist, dass sich ein fast unbesiegbares Monster an Bord befindet, sollten sich alle einig sein, dass es Zeit für einen Landgang ist. Man hat Rettungsboote, ist oft genug in Sichtweite des Ufers. Aber nein, man hält Stur den Kurs Richtung England. Der Masterplan, um den Vampirkönig zu killen? Alle Zugänge vom Laderaum bis auf einen vernageln – und wenn Dracula zur Nacht aus der Kiste steigt, versenkt man das Schiff und haut mit den Rettungsbooten ab. Warum man damit wartet, bis der Vampir erwacht? Weshalb man ihn an Deck locken muss? Wieso man das Schiff nicht bei Tageslicht abfackelt oder versenkt, wenn der Vampir wehrlos ist? Die Antwort ist traurig und dünn: weil der Film dann zu früh durch wäre.

DIE LETZTE FAHRT DER DEMETER ist voll von solchen nur mager kaschierten Logiklöchern. Man fragt sich, ob die in 30 Jahren nicht hätten ausgemerzt werden können – oder ob sie gar die Narben der langen Entwicklungsgeschichte sind.

Hätte man das anders handhaben können? Vermutlich. Als Autor wäre ich näher bei Bram Stoker geblieben, hätte die schiere Präsenz von Dracula an Bord als schleichendes Gift eingeführt, die die Crew nach und nach in Verzweiflung, Krankheit und Wahnsinn treibt. Der Mensch in Panik als sein eigener größter Feind. Die Ohnmacht des Glaubens im Angesicht des wahren Bösen. Der Mangel einer Fluchtmöglichkeit auf hoher See.  Weniger zeigen, mehr andeuten.

Aber ich will nicht zu harsch klingen: DIE LETZTE FAHRT DER DEMETER ist als erfreulich erwachsener, dem klassischen Abenteuerroman verbundener und ohne albernes Spektakel auskommender Horrorfilm durchaus in der Lage, den geneigten Genrefan zu unterhalten. Es empfiehlt sich halt, das Hirn vorher mit ein paar Guinness ruhig zu stellen…

Fazit: Ein technisch kompetent produzierter klassischer Grusler, der an einem hummeldummen Drehbuch scheitert, das wütend macht. Kann man gut zum Wochenende streamen – fürs Kino ist das zu dünn.

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5 Kommentare
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Seb
Seb
11. August, 2023 14:31

Danke für deinen Eindruck. Leider werden meine Befürchtungen bestätigt. Dass Dracula schon im Trailer zu sehen war, ließ mich an einem guten Aufbau zweifeln. Deine Version hätte ich sehr begrüßt. Somit erscheint mir die Demeter-Folge der Dracula-Miniserie von 2020 die bessere Option.

comicfreak
11. August, 2023 23:38

Wir haben beim ersten Trailer schon gesagt, dass wir uns richtig darauf freuen wenn der bei prime läuft

Thies
Thies
13. August, 2023 20:29

Ich hatte gestern eine weitaus positivere Kritik auf der Seite von Roger Ebert gelesen und danach gedacht: “Hoffentlich läuft der auf dem FFF”
Aber das geht natürlich nicht, denn der startet bereits in zwei Wochen.

Marko
14. August, 2023 10:49

“Zuschauer, denen es mehr um die Atmosphäre als um Handlung geht” klingt immer so traurig, wenn man es zugibt… die Handlung sollte schließlich das wichtigste sein. Aber ich gestehe, ich kann mich auch mal von “Style over Substance” unterhalten lassen, wenn mich der Style wirklich abholt. Mal schauen, wie mir die Dracula-Überfahrt gefallen wird…