The Terror

„The Terror“ basiert (lose, SEHR lose) auf der Expedition der Erebus und der Terror, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten, eine Nordwest-Passage durch das ewige Eis zu finden. Aus (mehr als) dem Stoff hat Sten Nadolny den bezaubernden, melancholischen Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gemacht – und Dan Simmons den Horror-Schocker „Terror“. Zu niemandes Überraschung war es Letzterer, den sich Ridley Scott als Produzent zur Brust nahm, um daraus eine zehnteilige Serie zu zimmern, die man sich aktuell bereits auf deutsch bei Amazon Prime anschauen kann:

Der Plot ist letztlich simpel, auch wenn das Zeitkolorit ihn in einen größeren Kontext einbettet: Die beiden Schiffe Erebus und Terror bleiben im Packeis stecken. Nicht Tage, nicht Wochen, nicht Monate – Jahre. Es mangelt an Licht, Essen, Wärme, Hoffnung. Und schließlich taucht auch noch ein „Etwas“ auf, dass Menschen und Moral endgültig in den Abgrund reißt. Bald geht es nicht mehr darum, ob die Männer sterben werden – sondern nur noch woran…

Technisch und darstellerisch bewegt sich die Serie auf sehr hohem Niveau, das Gefühl der Einsamkeit und der Eiseskälte ist lange nicht mehr so authentisch eingefangen worden, schon gar nicht mit einem TV-Budget. Hier friert der Zuschauer mit. Der Alltag an Bord der Schiffe, die Ödnis und das sture Beharren der Admiralität, dass solche Himmelfahrtskommandos eben zum Tagesgeschäft gehören, geben der Serie eine knarzige Authentizität, gerade auch weil man über weite Strecken auf Stars verzichtet hat, die unnötig Glamour in die arktische Kälte bringen würden.

Aber „The Terror“ hat auch wieder all die Probleme, die ich in meinem Artikel über vertikales Storytelling angesprochen hatte. Das bisschen Plot (feststeckende Seemänner werden von Monster dezimiert) wird fast gewaltsam über zehn Folgen gestreckt, der tatsächliche Konflikt wird kaum bedient, Szene um Szene zeigt die Offiziere, wie sie in ihren engen Kabinen brüten. Es fehlt an Vorwärtsentwicklung, an Treibstoff. Das ist umso bedauerlicher, da die kurzen Explosionen von Furcht und Todeskampf sehr wirksam sind. Aber über weite Strecken stecken wir mit den Männern einfach nur im Eis, frieren und fragen uns „ist es das wert?“.

Kurios übrigens, dass der nächste Mega-Release von Netflix stellenweise wie die Science Fiction-Version von „The Terror“ aussieht:

Mag sein, dass diese TV-Romane, die im neuen „golden age“ des Serienfernsehens gerade so angesagt sind, ihre Berechtigung haben. Dass sie den Zuschauer belohnen, der mehr Geduld hat und nicht in jeder Folge Remmidemmi und Rausschmeißer braucht. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass „The Terror“ eine gewisse Sogwirkung besitzt und für den, der dranbleibt, dauerhafte, wenn auch subkutane Spannung verspricht. Es gibt keinen Grund, sich darüber zu beschweren, dass Serien sich endlich mal wieder mehr Zeit lassen, um Welten und Figuren zu bauen. „The Terror“ muss nicht „Ash vs. the Evil Dead“ sein, der historische Horror ist keine comic-bunte Achterbahn für Leute mit zu kurzem Geduldsfaden. Das hier ist Meckern auf hohem Niveau – von Serien wie dieser hätte man vor 10, 15 Jahren nicht mal zu träumen gewagt.

Aber die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte: Ein wenig Straffung und vielleicht fünf oder sechs Episoden statt zehn hätten „The Terror“ gut getan. Und „Altered Carbon“. Und „Punisher“. Und „Iron Fist“. Und „Westworld“.

Kommen wir nun zum genauen Gegenteil.

Future Man

Diese Serie vom Online-Senderportal Hulu hatte ich schon 2017 angeschaut – auf der Rudermaschine im Fitnessstudio. Tablet und Kopfhörer, dafür ist sie perfekt. Ähnlich wie in „Ash vs. the Evil Dead“ wird in 30 Minuten fettfrei ein absurder Comedy-Plot gebaut, der komplett „on the go“ erzählt wird, atemlos und teilweise auch hysterisch:

Und ja, das ist genau so schrill, wie es aussieht: bis unter die Dachkante vollgepackt mit Action, rüdem Humor und mehr Popkultur-Referenzen als „Ready Player One“. Es ist für sich genommen schon ein Spaß, den Protagonisten dabei zu zu sehen, wie sie ihre Mission immer mehr versaubeuteln und die Zeitströme immer undurchschaubarer werden – aber es ist das Level an völliger Unterwerfung unter den Nerd-Spirit, das „Future Man“ zu Kult hätte werden lassen MÜSSEN. Die Idee, unsere Helden im Jahre 2032 im mit Memorabilia vollgestopften (James) „Cameron Compound“ einbrechen zu lassen, füllt eine sensationell lustige Episode. Und wenn dann noch der kanadische 80er-Popsänger Corey Hart zum Dreh- und Angelpunkt wird…

Das würde schon reichen. Aber es reicht den Machern nicht. Tatsächlich behalten sie die Motivationen der Figuren im Auge, bauen Beziehungen und Abhängigkeiten, wechseln die Loyalitäten und werfen unerwartete, aber im Rahmen der abstrusen Serienlogik glaubwürdige Twists wie Blendgranaten in die einzelnen Episoden.

„Future Man“ müsste irgendwann ermüden, müsste am eigenen überladenen Retro-Overkill ersticken. Aber das tut’s nicht. Die Serie hält Volldampf über 13 halbstündige Folgen durch. Action, Comedy, Gamer-Kultur, ein bisschen Sex – alles nicht endlos in die Vertikale erzählt, sondern mit großem Tempo nach vorn, wo es hingehört. TV auf turbo. Wenn man auch heute noch Fernsehen guckt, um Spaß zu haben, dann findet man hier das perfekte „binge watching“-Futter für ein extrem launiges Wochenende. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Der einzige Haken: „Future Man“ kann man aktuell nur halblegal oder über ein VPN bei Hulu oder für teuer Geld aus dem Apple Store USA beziehen. Buhhh!!!

 



avatar
8 Comment threads
5 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
11 Comment authors
Dr. AculaWortvogelmmNummer Neunheino Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Thomas Hortian

Ui, Future Man hört sich geil an, muss ich mir mal reinzerren. Danke!

AlphaOrange
AlphaOrange

„The Terror“ finde ich schon echt grenzwertig, was sein Erzähltempo angeht. Zumal (nach Ansicht von 5 Folgen) ich auch nicht das Gefühl habe, dass die Serie sich bislang wirklich in irgendeine Richtung bewegt.
Was bei „The Terror“ noch dazu kommt ist, dass es die Geschichte nicht nur über zehn Folgen streckt, sondern in der Serie auch über mehrere Jahre. Das mag dem historischen Vorbild und der Romanvorlage entsprechen, führt in seiner Vermengung mit den Horrorelementen aber dazu, dass da alle paar Monate bis halbe Jahre mal jemandem etwas passiert und sich bei mir statt Grusel durch eine dichte Horroratmosphäre eher ein Gefühl einstellt, dass das Leben im Ewigen Eis sich dort doch relativ gechillt darstellt. Kaum schlägt irgendwo das Mysterium zu – um hier mal nicht größer zu spoilern – springt die Serie Monate weit in die Zukunft und der Effekt verpufft.

Martin

„Future Man“ kann ich nicht beurteilen, aber bei „Terror“ gebe ich Dir absolut recht. Das sieht alles fantastisch aus, aber bereits in der zweiten Folge steht das Setting und die Geschichte ist im Grunde auserzählt. Ab da steigt nicht mehr die Spannung, nur noch der Bodycount. Wenn man sich 1-2 Folgen länger auf die eigentliche Expedition konzentriert hätte, und die Handlung rund um das Monster dafür später und langsamer aufgebaut hätte, wäre der Spannungsbogen meines Erachtens besser. Aber wie Du schreibst: Jammern auf hohem Niveau.

Teleprompter
Teleprompter

Ich habe bei „The Terror“ schon mit der hier gelobten Eis-Atmosphäre so meine Probleme. Das ist für mich viel zu offensichtlich in einem überschaubar weitläufigen Studio gedreht, nicht mal ein paar eingekaufte oder von der Second Unit produzierte echte Arktis-Aufnahmen erweitern den Horizont (vielleicht weil dann der Kontrast zu groß wäre). Die Eisbrocken sehen aus wie aus Pappmaché (was vermutlich zutrifft), das an den Schiffen klebende Eis wie dieses Streuzeug, das man früher auf der Märklinbahn verteilt hat, wenn es Winter sein sollte. Und die Darsteller gehen da auch weitgehend durch wie auf dem Spaziergang durch den Hydepark, kein sichtbarer Atem, nichts.
Mag alles früher Standard gewesen sein, aber spätestens seit Game of Thrones erwartet man da irgendwie mehr.
Erzählerisch würde ich mich dem „ja, aber“-Tenor anschließen, war o.k, aber mir auch zu lang. Und die Sache mit der Inuit-Dame ist mir viel zu offensichtlich auf das weibliche Publikum hin konstruiert, das ansonsten wohl wenig Lust hat, einer reinen und nicht durchweg taufrischen Männercrew zuzusehen.

heino
heino

Die Inuit-Dame ist allerdings auch im Buch eine der zentralen Figuren

Jake
Jake

Ich persönlich hätte es spannender gefunden, wenn man bei „The Terror“ komplett auf die Horror-Elemente verzichtet hätte. Die Vorstellung, über Jahre im ewigen Eis gefangen zu sein, ist für mich beängstigend genug. Warum keine Serie, die sich an den historischen Fakten der Franklin-Expedition orientiert und die das, was über die genauen Vorkommnisse nicht bekannt ist, unter Berücksichtigung neuester Erkenntnisse (die „Terror“ wurde erst im Jahr 2016 weitab des ursprünglichen Suchgebiets entdeckt) glaubhaft rekonstruiert?

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Verdammt, „Future Man“ klingt super – hoffentlich schnappt sich das ein Streaming-Dienst hierzulande.

Bei „The Terror“ sind wir gerade erst in Folge 2 (oder 3?), so richtig viel ist da tatsächlich noch nicht passiert und in den Staaten purzeln die Quoten auch schon munter in Richtung Keller. Amazon haut jetzt wohl auch nächsten Montag direkt alle Folgen raus und pfeift auf die wöchtentliche Ausstrahlung (oder war es dieser Montag?).

Nummer Neun

Beide Serien habe ich nicht gesehen, aber dafür gestern mit der zweiten Staffel von Ash Vs. Evil Dead angefange – und den Querverweisen im Text kann ich nur zu stimmen. Sehr kurzweilig, voller Ideen, cooler Sprüche und blutig. Hoffentlich kann die Staffel das Niveau halten.

Dr. Acula

5 Folgen in „The Terror“ muss ich mal den Kontrapunkt setzen und kund tun, dass ich die Erzählweise in dem Falle mal ausnahmsweise für den Stoff und das Setting, absolut richtig halte. Ja, es ist langsam, es scheint nichts vorwärts zu gehen, aber das ist ja irgendwie auch der Punkt… ich bleibe jedenfalls dran…

Wortvogel

Wehe dir, wenn eines Tages zwölf Staffeln „Farbe trocknet“ auf Blu rauskommen…

Dr. Acula

„Wehe dir, wenn eines Tages zwölf Staffeln „Farbe trocknet“ auf Blu rauskommen…“

Meh. I’ve seen worse.