Ich geb’s nicht gern zu, aber ich teile manches nicht mit euch, was ich im Internet so finde. Weil es mitunter von Vorteil ist, eine Quelle für sich zu haben und souverän den Schlauberger geben zu können. Andererseits bereitet es mir ja eine kindische Freude, euch tolle Sachen zu zeigen.

Aus diesem Grund habe ich in diesem Jahr eine Entdeckung geheim gehalten, gebe sie nun aber doch preis. Weil jeder was davon haben sollte.

Es geht um Filmbücher, also Bücher über Hollywood, Stars, Kino, Effekte, Genres etc. Meine (mittlerweile weitgehend digitale) eigene Bibliothek zu dem Thema ist vergleichsweise üppig – trotzdem habe ich vor der mühseligen Scan-Arbeit erstmal im Netz nachgeschaut, ob mir nicht schon jemand den Gefallen getan hat, die ollen Schinken in Bits und Bytes zu brennen.

Dabei stieß ich auf die Abteilung „Folkscanomy: Books on Film and Cinema“ beim von mir schon häufiger gelobten archive.org. Da finden sich massenweise tolle, wegweisende und manchmal auch kontroverse Bücher, die sich kostenlos herunterladen lassen.

Einen Großteil des Filmbuch-Archivs macht dabei die singuläre Scan-Spende eines Admins namens Starbrite aus – und als Altnerd können einem bei diesen digitalten Regalmetern aus lauter Lese-Delikatessen schon mal die Handflächen feucht werden. Hier hat „einer von uns“ sich nicht lumpen lassen und eine exzellente Basis-Bibliothek für Genre-Fans aufgebaut, die noch mit Herz und Hirn bei der Sache sind.

Hier ein kleiner (!) Ausschnitt:

Ich nenne an dieser Stelle nur mal ein paar persönliche Highlights.

Michael Weldon’s PSYCHOTRONIC ENCYCLOPEDIA ist der perfekte Schmöker für Fans des obskuren Genre-Kinos und war in der Vor-Internet-Ära der Maßstab. Quentin Tarantino bezeichnet ihn als das meist zerlesenste Buch seiner Sammlung.

Ein weitere Schmöker, der mich durch die 90er gebracht hat, war JOHN STANLEY’S CREATURE FEATURES MOVIE GUIDE. Perfekte Klolektüre.

In der gedruckten Version sind die drei Bände der Aurum Film Encyclopedia ganz schöne Schwergewichte. Trockener und mehr dem Mainstream verpflichtet als z.B. der PSYCHOTRONIC GUIDE, bieten sie dennoch einen exzellenten Überblick über die Genres Science Fiction, Horror und (Überraschung – NICHT Fantasy) Western.

Dieses Buch der Medved-Brüder steht hier für eine ganze Kategorie von eigentlich verachtenswerten Hollywood-Hassbüchern, in denen (meist knochenkonservative) Schreiberlinge beweisen, dass sie keine Ahnung haben, was einen schlechten Film ausmacht. Siehe auch Titel wie SON OF GUILTY PLEASURES und THE WORST MOVIES OF ALL TIME. Bei aller Kritik: sollte man auch mal gelesen haben.

John Ross ist in Großbritannien ein Kultmoderator irgendwo zwischen Thomas Gottschalk und Harald Schmidt. Wenige erinnern sich, dass der Mann seine Karriere als Experte für abseitige Filme begonnen hatte – dieses Buch habe ich mir in den 90ern aus London mitgebracht. SEHR launig geschrieben.

Zum Thema abseitiges Kino kann ich auch diesen A4-Softcover-Band empfehlen, den ich in den letzten 20 Jahren wahrlich oft aus dem Regal gezogen habe, um mich von den Beschreibungen obskurer Filme faszinieren und inspirieren zu lassen:

Wer sich etwas mehr mit den kulturpolitischen Umfeldern des Kinos beschäftigen mag, sollte mal in dieses Buch zum Thema Zensur schauen. Hier geht es nicht nur um das, was erlaubt ist – sondern auch die Frage, was erlaubt sein kann.

Bleiben wir beim Schweinkram – Bücher wie dieses brauchte man in der Prä-Internet-Ära, wenn man wissen wollte, ob ein Film sehenswerte „nackte Tatsachen“ bietet, die das Aufbleiben bis nach Mitternacht rechtfertigen:

Ich gestehe, dass ich dieses unfassbar penible Werk („Minute 1:38: halbe linke Brustwarze, im Schatten“) oft zur Hand genommen habe, um die Schauwerte der Spätfilme auf RTL und Vox abzuklopfen – das gibt es zwar nicht zum direkten Download, aber man kann es als Leihbuch bekommen und dann die digitale Sperre entfernen:

Wer sich tatsächlich für Inhalte und Macher im Bereich Erotica interessiert, dem lege ich diesen schön recherchierten Band an Herz und Hose:

Natürlich bietet die Sammlung von Starbrite auch ein paar lesenswerte Biographien. Dieses Werk des legendären B Film-Produzenten William Castle kann ich jedem Fan warm empfehlen. Der Mann gehörte zum Triumvirat Corman, Arkoff und Castle!

Etwas anspruchsvoller (natürlich) ist die Biographie eines meiner persönlichen Regie-Idole ausgefallen – der Mann hat immerhin SHAMPOO, COMING HOME, HAROLD AND MAUDE und BEING THERE gedreht:

Man kann selbstverständlich auch in die Geschichte Hollywoods eintauchen, z.B. mit diesem Buch über die sich wandelnde Filmsprache von Ernst Lubitsch, nachdem er Deutschland verlassen hatte. Gerade dann eine spannende Geschichte, wenn man gerade das Film-Museum in Berlin am Potsdamer Platz besucht hat:

Nach mehr als 120 Jahren Film ist klar – vieles, was auf Zelluloid gebannt wurde, ist im Mahlstrom der Zeit verloren gegangen, sei es bei den gedankenlosen Entsorgungen der Stummfilme zu Beginn des Tonfilms oder beim achtlosen Umgang mit den Negativen kleinerer Produktionen. Da ist es umso erfreulicher, dass es immer wieder Bücher gibt, die die Erinnerung hochzuhalten versuchen:

Nun ist Kino nicht nur Realfilm oder Dokumentation. Der Zeichentrick ist von Anfang an als valide Spielart dabei gewesen und Leute wie Tex Avery haben ihm ihren Stempel aufgedrückt. Lasst euch begeistern vom Erfinder von Bugs Bunny und Daffy Duck:

Vermutlich kennt jeder von euch die „trivia“- und „goofs“-Sektionen bei der Internet Movie Database. Dort kann man Fehler und Insider-Gags in praktisch jedem Film nachschlagen. Bevor es das Internet gab, wurden solche Stolpereien in Buchform gesammelt. Damit konnte wirklich JEDER zum Kino-Klugscheißer werden:

Und schließlich: Ein Standardwerk des Heiligen Harlan. Neben WATCHING ist THE GLASS TEAT vermutlich die stärkste Sammlung an Essays des großen Autors. Wer lernen möchte, wie man Film & Fernsehen anspruchsvoller bespricht als mit „Effekte sind geil, aber die Story ist halt so lala“, der bekommt hier eine Master Class:

Wer nun Blut geleckt hat, dem kann ich empfehlen, bei Folkscanomy die Listenansicht zu aktivieren, die Liste zu markieren und die Links in einen Massen-Downloader wie JDownloader 2 zu kopieren. Es ist dabei angeraten, gleich den gewünschten Dateitypen zu spezifizieren – ich bevorzuge PDF. START klicken – ein paar Minuten (oder Stunden, je nach Leitung) später hat man eine beneidenswerte Bibliothek auf der Platte.

Ich kann nur so erschöpft wie begeistert sagen: DANKE STARBRITE! Mögen viele deinem Beispiel folgen und das Wissen um die Filmgeschichte demokratisieren.

Ist das was für euch? Oder sind die Filmbücher der letzten und vorletzten Generation so ein verstaubtes prä-digitales Ding, für das sich nur Kino-Opas begeistern können? Ist das Internet da sowieso besser, schneller und grundsätzlich umsonst?

P.S.: Dass archive.org auch eine sensationelle Fundgrube in Sachen Filmzeitschriften darstellt, hatte ich ja bereits berichtet.



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Martin DänikenMichaelHeino Recent comment authors
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Heino
Heino

Das ist wirklich großartig. Fragt sich nur, wann ich das alles lesen soll….

Michael

Super, vielen Dank für den Tipp! Und keine Sorge: Das „Schlaubergern“ funktioniert mit Sicherheit auch weiterhin. Bis ich das alles gelesen, verstanden und verinnerlicht habe …

Martin Däniken
Martin Däniken

Von wegen „feuchte Hände“…sabbersabbersabber….sabber