USA 2017. Regie: Alex Kurtzman. Darsteller: Tom Cruise, Russell Crowe, Annabelle Wallis, Sofia Boutella, Jake Johnson, Courtney B. Vance u.a.

Story: Durch Zufall stößt der Kleinkriminelle Nick auf das Grab der altägyptischen Prinzessin Ahmanet, hinter dem auch die Archäologin Jenny Halsey im Auftrag der geheimen Prodigium-Gesellschaft her ist. Gleichzeitig wird in London bei Bauarbeiten eine Ruhestätte der Templer entdeckt. Schnell müssen Jenny und Nick erkennen, dass beides zusammen hängt, Nick nun der „Auserwählte“ von Ahmanet ist – und daran das Schicksal der Welt hängt…

Kritik: In den 30ern gelangt es Univeral, verschiedene Horror-Franchises – teils nach literarischen Vorlagen – zu bündeln und zu einem Universum zu vereinen. Aus Einzelfilmen wurden Crossover und gegen Ende des Zyklus Parodien. Satte 20 Jahre lang konnte man Dracula, Frankenstein und Co. kassenträchtig melken. Das war ein Vorläufer des Marvel Cinematic Universe und ist Grundlage der Hoffnung, man könne es als „Dark Universe“ mit neuem Leben füllen, was ich stark bezweifle – große Franchises leben gewöhnlich von den Helden, nicht von den Monstern. Außerdem hat Universal solche „Reboots“ der eigenen Franchises in den letzten 30 Jahren immer wieder versucht – „Wolfman“ war ein Flop und die letzten Dracula- und Frankenstein-Varianten habe ich mir nicht mal mehr angesehen. Der einzig nennenswerte Erfolg (mit abnehmender Rendite) waren die „Mummy“-Filme mit Brendan Fraser.

Nun könnte man meinen, dass Universal sich die klugen Entscheidungen UND die dummen Fehler von der Marvel/DC/LEGO-Konkurrenz angesehen hat und damit das Rad nicht neu erfinden muss. Es gibt ja mittlerweile genug Beispiele, wie man Franchises baut, wie man Filme verzahnt, wie man sie vermarktet, etc.

Man merkt „Die Mumie“ denn auch an, dass er auf Franchise gedrillt ist. Die Bedrohung wird besiegt, aber diverse daraus resultierende Handlungsstränge bleiben offen. Nebenfiguren dienen mehr dem großen Rahmen als dem tatsächlichen Film. Kleine Props und visuelle Verweise bauen die nächsten Abenteuer vor. Universal hat sogar das legendäre Globus-Logo in einer Dark Universe-Variante neu gestaltet. Sozusagen als Markenzeichen.

Das Problem: es schert niemanden.

„Die Mumie“ ist ein 0815-Sommerblockbuster ohne jegliche eigene Handschrift, ein generischer Actionfilm, der den Horror-Aspekt ebenso wenig bedient wie „Transformers“ die Science Fiction. Die Genre-Elemente sind nur austauschbare Deko. Tatsächliche Suspense oder Grusel werden nicht einmal versucht.

Hier sticht wirklich nichts heraus: Der Plot entspricht Grafikadventures der frühen 90er (find dagger, take dagger, find stone, insert stone in dagger, kill Tom Cruise), die Trickeffekte sind bestenfalls Mittelmaß und es fehlt JEDER „sense of wonder“. Es ist ein Film ohne Highlights, eine müdes Abhaken benötigter Stationen und Episoden, das sich nicht mal im Showdown zu irgendeinem nennenswerten Spektakel hinreißen lässt.

Obwohl ich die „Fluch der Karibik“- und die „Transformers“-Filme AUCH nicht mag, darf ich zumindest unterstellen, dass diese Franchises aktuell deutlich besseren Gegenwert für das Eintrittsgeld bieten.

Besonders hart trifft es Tom Cruise, der ja eigentlich die totale Kontrolle über seine Rollen behält und sehr sorgfältig auswählt. Sein Nick Morton ist eine Fehlkonstruktion, ein egoistisches, armseliges Arschloch, dem nie die plausible Wende zum Helden gelingt. Als „bitch“ der Mumie ist er zudem seltsam impotent und im wahrsten Sinne in eine Opferrolle gedrängt. Ihm fehlt die Leichtigkeit und die Fähigkeit zum Pulp-Abenteuer von Brendan Frasers Rick O’Connell.

Die Gegenpart ist leider auch nicht besser. Sofia Boutella gibt sich als Mumie rechtschaffen Mühe, hat aber auch nicht mehr zu bieten als das übliche „ich will Macht, ich will die WELT!“-Gehabe. Ihre Energiesaugerei erinnert an „Life Force“, der ganze Look und Plot an Enchantress aus „Suicide Squad“. Auch sowas kann man sich mit einem Bingo-Brett zusammen puzzeln.

So scheitert „Die Mumie“ bei Held UND Bösewicht und bekommt trotz aller Hektik (lots of Cruise running, as usual) nie wirklich Tempo oder Gewicht. An keiner Stelle gelingt es dem Film, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen.

Wie so ein Debakel zustande kommt? Ich kann es nur vermuten. Die Credits listen SECHS Drehbuchautoren (drei für Skript und drei für Story), was nie ein gutes Zeichen ist. Mehrere Regisseure hatten im Vorfeld das Handtuch geschmissen, darunter Len Wiseman, dessen „Underworld“-Reihe ich zwar nicht mag, der mir für diese Sorte Franchise aber genau richtig erscheint. Am Ende setzte man einen Drehbuchautor auf den Regiestuhl, der noch nie einen Film gedreht hat und der tatsächlich keinerlei eigene Vision mitbringt, bei den Actionszenen sogar fahrig und überfordert wirkt. Und ich möchte gar nicht wissen, wie sehr sich Cruise in wirklich jeden Scheiß eingemischt hat (as he is wont to do).

Am Ende bleibt ein unguter Verhau, bei dem das Ganze nicht funktionieren kann, weil schon die Teile nicht stimmen.

Fazit: Ein schwachbrüstiger Möchtegern-Blockbuster, der keine Franchise eröffnen wird, sondern in einem Jahr in „8 Blockbuster Packs“ auf DVD verramscht wird. Muss man nicht mal der Schauwerte wegen im Kino sehen.

Respekt allerdings für diesen Trailer, der „Die Mumie“ deutlich stringenter, spannender und gruseliger aussehen lässt, als er ist:



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dermax
dermax

„Und ich möchte gar nicht wissen, wie sehr sich Cruise in wirklich jeden Scheiß eingemischt hat (as he is wont to do).“

Aber gerade deswegen wundern mich all die Verrisse, Cruise war doch eigentlich seit jeher zumindest ein Garant, dass es kein vollkommener Mist wird.

Markus

Ich hab’s geahnt („befürchtet“ wäre schon zuviel des Guten). Dabei mag ich die Idee, die klassischen Universal-Monster mal gemeinsam zu zeigen – und das modern – ganz gern. („Van Helsing“ unterschlage ich dabei mal bewusst.) Del Toros Wolfman, de Niros Monster, Oldmans Dracula, meinetwegen Vosloos Mumie versammelt – das hätte ich mir seinerzeit begeistert angeguckt… Bin gespannt, ob dieser Versuch trotz des vermutlichen Flops zum Auftakt durchgezogen wird. Von DC könnten die Verantwortlichen lernen: nach dem dritten peinlichen Stolpern einfach weiterhumpeln…

dermax
dermax

Sorry, wir haben uns falsch verstanden: Ich meinte doch gerade, dass Cruise jemand ist, der immer geliefert hat.
Und dann hat er hier das Unheil (pun intended) nicht kommen sehen?

dermax
dermax

Normalerweise macht man mit Cruise nix verkehrt, ich war letzte Woche in London und bin in „Wonder Woman“ am Leicester Square, hätte auch ohne Vorinfo „Die Mumie“ angeguckt, wenn die Zeit gepasst hätte, aber hab dann offenbar Glück gehabt (nicht nur in diesem Zusammenhang…).

Jake
Jake

Nach „Dracula Untold“ hier also die nächste kinematografische Vergewaltigung eines altehrwürdigen Universal-Monsters. Wundern tut’s mich nicht. Sofia Boutella wäre meine einzige Motivation, diesen Film zu sehen. Ihre starke Leinwandpräsenz war mein persönliches (und einziges) Highlight in „Star Trek Beyond“. Würde mich freuen, wenn das Mädel bald mal eine ordentliche Charakterrolle in einem GUTEN Film spendiert bekommt.

jimmy1138
jimmy1138

Also wie konstant sich Tom Cruise seit den 80ern an der Spitze Hollywoods hält, ist schon beeindruckend. (Sein als nächstes kommender Film „American Made“ sieht zumindest im Trailer nicht schlecht aus)
Merkt man z.B. auch im Vergleich zu Russell Crowe, der zwei oder drei Jahre jünger ist und mittlerweile mehr in den Supporting Cast gerutscht ist bei Großproduktionen. Kann wohl auch an der Physis liegen…

Nummer Neun

Nunja Brandon Fraser’s Mumie war ja auch kein Horror – und der hier will doch auch mehr ein Abenteuerfilm sein. Ich fand ihn nicht so schlimm, der Film hatte zwar Längen und wenn Crowe das Verbindungsstück sein soll, dann gute Nacht – aber für die zwei Stunden habe ich mich recht unterhalten gefühlt.

jimmy1138
jimmy1138

Hab mir jetzt nochmal die Filmographie von Russell Crowe angesehen und was 100+ Mio $ Produktionen angeht, waren da Hauptrollen abseits von Master and Commander – zumindest wenn ich nichts übersehen habe – durchwegs in Ridley Scott Produktionen (Gladiator, Robin Hood, American Gangster, Noah). Könnte man eventuell so interpretieren, daß Crowe eigentlich schon immer so eine Art „character actor“ war, der halt durch Ridley Scott zu Hauptrollen in Blockbuster-Filmen gekommen ist.

Zurück zum „Dark Universe“: In den USA ist die Mumie ja nicht nur bei den Kritikern, sondern auch beim Publikum abgesoffen – gerade mal 30 Mio $ und deutlich hinter „Wonder Woman“ (dessen zweites Wochenende das war), dafür aber 150 Mio $ abseits Nordamerika (was ich jetzt mal primär Tom Cruise zuschreiben würde). Ein solider Start in die Franchise, oder steht da mit dem nächsten Film „Bride of Frankenstein“ schon die komplette Existenz ein wenig am Spiel?

Markus

Endlich nachgeholt – volle Zustimmung.

http://www.sitzkartoffel.de/?p=1065