Die Leseliste – auch so ein Thema, dass ich ein wenig vernachlässigt habe. Hier mal wieder ein paar interessante Artikel, über die ich in den letzten Monaten gestolpert bin. Damit ihr euch am Wochenende nicht langweilt.

So ist dieser Artikel über das Verschwinden der Jugend-Subkulturen eigentlich ein prima Ersatz für einen Beitrag, den ich seit Jahren schreiben wollte, zu dem ich mich aber nie aufraffen konnte. Denn in der Tat ist es auffällig, dass mit der Aufsplittung von Medien, Quellen und Ressourcen die einheitliche, aber zeitlich begrenzte Jugendkultur (ganzheitlich wie bei den Poppern, aber auch im Detail wie bei den Vanilia-Hosen) praktisch ausgestorben ist. Jeder kann alles sein – das erlaubt zumindest theoretische Individualität, untergräbt aber natürlich die Persönlichkeitsentwicklung im Kontext einer gefestigten Gruppe.

„The Evil Within“ ist ein Horrorfilm, der vermutlich nichts taugt, den ihr aber dennoch dringend sehen solltet – weil er eine unfassbar interessante und bizarre Entstehungsgeschichte mitbringt, die viel von Drogen, Geld und Hollywood Connections handelt, aber wenig von tatsächlicher cineastischer Kompetenz. Only in America…

In Hollywood wurde gerade mal wieder ein Autorenstreik in letzter Minute abgewendet. Eine gute Gelegenheit, auf diesen älteren Artikel von Peer Schader in der FAZ zu verweisen, der schön erklärt, warum die Drehbuchautoren in Deutschland nicht streiken werden – weil sie nicht streiken können. Zu Wort komme u.a. ich.

Es gibt durchaus immer wieder Artikel, die mir zeigen, wozu Zeitungsjournalismus heute noch fähig ist. Und viele davon stammen aus dem englischen Guardian. Ein echtes Highlight ist diese genaue Aufschlüsselung der Abläufe in den Stunden, Tagen und Wochen nach dem einschneidenden Ereignis, das wir vermutlich alle noch erleben werden – dem Tod von Königin Elizbabeth II.

Auch in Deutschland gibt es immer wieder ausgezeichnete Lesestücke, und die kommen nicht selten immer noch vom SPIEGEL – wie dieser herzzerreissende Artikel über Menschen, die sich in ihrer kleinen Welt einschließen. Man spürt nicht den Schmerz der Betroffenen, aber den Schmerz ihrer Umwelt, der Eltern, der Freunde.

Wir sind übrigens die Weltmacht, die hinter den Kulissen die Fäden zieht, das neue Römische Reich baut und den Untergang der Zivilisation betreibt. Wusstet ihr nicht? Hat man euch wieder mal nicht drüber informiert? Ihr lest die falschen Zeitschriften. Steht doch alles hier bei The Trumpet, dem Presseorgan der Worldwide Church of God, die einen „Propheten“ namens Herbert W. Armstrong verehrt, der das alles vorhergesagt hat. Bescheuert? Ja. Aber auch gruselig unterhaltsam.

Außerordentlich spannend finde ich dieses Essay von 53books zur Normierung des Schreibens, in dem die Unterschiede zwischen klassischer Literaturkritik und Literaturblogs aufgeschlüsselt werden. Der Vorwurf, Web-Kritik seit tendenziell eher emotional und persönlich, wird bestätigt, aber auch als wertlos verworfen. Ein prima Debattenbeitrag, weshalb ich mich mit meiner eigenen Meinung erstmal zurückhalte.

Gerade weil eine Generation Web aufwächst, die nicht mehr viel mit Printmedien am Hut hat, ist es mittlerweile notwendig, die Geschichte der Horror-Fanzines und Magazine historisch aufzuarbeiten. Ich selbst habe noch am Bahnhofskiosk die Cinefantastique gekauft, ebenso Fangoria, Star-Log. Für Leute, die das nicht mehr kennen, ist Marco Lanzagortas Artikel bei Popmatters ein schöner Einstieg ins Thema.

Ich habe mich SEHR gefreut, dass vor ein paar Monaten ein paar Folgen der unfassbar depperten Neue Deutsche Welle-Serie „Blam!“ auf YouTube aufgetaucht sind – ein ganz knallbuntes Stück Zeitgeschichte:

Aber es wird noch besser: Einer der Beteiligten hat auf seinem Blog ausführlich über die Entstehung und die Inhalte der Episoden Rechenschaft abgelegt.

Aus der Abteilung „Faust in der Tasche machen“ zum Abschluss noch ein Artikel über die Farce der Berufung eines Professors an die Leipziger Uni. Ein Mann ist der qualifizierteste Bewerber, aber die Rektorin hätte lieber eine Frau. Und plötzlich tauchen Gerüchte von sexuellem Fehlverhalten des Mannes auf. Die sind haltlos, aber ideal, um ihn als Kandidat aus dem Rennen zu kicken. Natürlich ist nix dran, der Mann geht vor Gericht, das kostet die Uni Millionen – und hinterher will es mal wieder keiner gewesen sein. Ein Lehrstück über Heuchelei im Dienste der „gender politics“.



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Tim

Tolle Liste! Wer wissen will, was ein Wiener Grantler ist, lese „Jugend ohne Kult“ über die Subkulturen. Beinahe ein Thomas Bernhard.

Stefan Sicherl
Stefan Sicherl

Tolle Liste, aber beim Artikel über die Uni-Geschichte hättest du auch auf eine Seite linken können die seriöser ist und nicht von einem sehr einseitig eingestellten Männerrechtler auf PI-News Niveau ist. Es gab ja mehrere Berichte darüber, ich habe beim Spiegel und beim mdr dazu gelesen.

Ich sehe das auch nicht ganz so eindeutig. Ob man der Rektorin glauben kann dass sie das Gerücht nicht in die Welt gesetzt hat sei mal dahingestellt. Ich kenne auch die Geschäftsordnung der Uni nicht und weiß nicht ob die Rektorin rechtlich die Kommission überstimmen darf bei der Besetzung eines Postens (hab auch das Urteil nicht gelesen) aber ich finde es übertrieben dass dem Bewerber gleich sämtliche Bezüge bis zur Pensionierung bewilligt werden. Hätte doch gereicht den Mann jetzt einzustellen und basta. Wer weiß schon, grob gesagt, ob er den Posten bis zur Pensionierung hält. Gehe deshalb auch davon aus dass das Land da in Berufung geht.

Frauenförderung per se ist auch nicht schlimm, finde ich, Schwerbehinderte werde ja auch bevorzugt bei gleicher Qualifikation. Problem war in diesem Fall nur dass die Qualifikation eben nicht gleich war und das Besetzungsverfahren kompromittiert wurde.

Stefan Sicherl
Stefan Sicherl

Sehe nichts falsches an dem Vergleich. Es sind beides Gruppen die nach jahrzehntelanger Diskriminierung heraus Aufholbedarf haben und sonst unter bestimmten Umständen, sei es patriarchale Klüngelei und Postenschieberei oder Vorurteile gehen Körperbehinderte und deren Fähigkeiten, unter den Tisch fallen würden.

Jake
Jake

„Sehe nichts falsches an dem Vergleich.“

Die Formulierung ist mehr als unglücklich. Ein Politiker oder Journalist, der so einen Satz in die Welt setzen würde, dürfte sich auf einen netten Shitstorm freuen.

Stefan Sicherl
Stefan Sicherl

Kann sein mit dem Shitstorm, hätte ich besser formulieren können. Aber es müsste eigentlich verständlich sein aus dem Kontext. Ich würde dazu stehen und den Leuten sagen, die sollen alles gründlich lesen und sich nicht einen Satz rauspicken wie es ja leider üblich geworden ist.

Es geht konkret darum dass eine Bevorzugung bestimmter Gruppen bei gleicher Qualifikation, zumindest im öffentlichen Dienst, gang und gäbe ist und jemand, der im Falle von weiblichen Bewerbern vehement dagegen argumentiert, erklären müsste ob das bei körperbehinderten Menschen denn auch verwerflich ist.

Natürlich ist die Benachteiligung nicht gleicher Natur aber welche Rolle spielt die Begründung von Diskriminierung für die Diskriminierten ? Zumal es nicht mal ganz stimmt, bestimmte Nachteile bei Frauen sind sogar biologischer Natur, z.B. im Leistungssport, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Ich nerv‘ jetzt nicht mehr, sondern widme mich den anderen Sachen aus der Liste. Schönes Wochenende.

ingo
ingo

Ist das Michael Berryman in The Evil Within?