Ich habe es vermutlich schon mal (mehrmals?) erzählt – es macht mir Sorge, dass nach meinen Beobachtungen eine Generation nachwächst, die nur das „hier und jetzt“ kennt, weil die absolut unkontrollierbare Flut an aktuellen Informationen und Formaten ihre gesamte Zeit frisst. Obwohl/weil wir immer mehr TV-Sender haben, sinkt die Zahl der ausgestrahlten „klassischen“ Filme und Serien. Liefen früher noch Shows von vor 20, 30 Jahren halbwegs präsent, scheint die Verfallszeit mittlerweile bei fünf, maximal zehn Jahren zu liegen. Das „jetzt“ hat das „früher“ gefressen.

Der Effekt: Zusammenhänge werden nicht gelernt, es fehlt der Kontext. Alles ist isoliert, weil der unsichtbare rote Faden der technischen, politischen oder kulturellen Entwicklung nicht mehr gelernt und gesehen wird.

So gehe ich heute Abend in „Die Mumie“ mit Tom Cruise. Natürlich weiß ich, dass Universals erste große Verfilmung mit Boris Karloff massiv von der Kameraarbeit des Deutschen Karl Freund profitierte. Ich kenne die Fortsetzungen und die hauseigenen Crossover und Komödien.

Dann war da die Mumien-Reihe des legendären britischen Studios Hammer. Teil meiner Kindheit. Ich habe Filme gesehen, die sich mit dem Thema eher historisch-dokumentarisch auseinander setzten, aber auch Trash wie Frank Agramas „Die Mumie des Pharao“ und Russell Mulcahys verunglückten „Talos, die Mumie“. Natürlich mischte auch Harry Alan Towers mit seinem „Mumie – Tal des Todes“ in dem Subgenre mit.

Ich hege aber die Befürchtung, dass die meisten Zuschauer heute, sofern sie unter 40 sind, bestenfalls die drei Brendan Fraser-Filme und vielleicht noch die „Scorpion King“-Ableger kennen. Die sind ihr einziger Maßstab, der einzige Kontext, den sie zu einem Mumienfilm mitbringen können. Und ich persönlich finde – das ist zu wenig.

Weil die Geschichte des Kinos heute nicht mehr aus erster Hand in Film und Fernsehen gelernt wird, ist die zweite Hand umso wichtiger, die Sekundärliteratur. Wir brauchen gute Dokumentationen, Bücher und Zeitschriften, die kompakt und klar den Kontext verdeutlichen. Ich versuche das auf meine bescheidene Art mit den Charles Band-Büchern, die einen Produzenten und seine über 200 Filme in 5 Jahrzehnten klammern. In den nächsten Tagen wird es auch Reviews zu vier Film-Dokumentationen geben.

Es freut mich auch ungemein, immer neue Mitstreiter kennen zu lernen.

Ich gestehe, dass ich „35mm – Das Retro-Filmmagazin“ bisher nur SEHR am Rande wahrgenommen habe. Was es aktuell an Fanzines und semi-professionellen Publikationen gibt, reizt mich selten.

Nun hat das Heft allerdings einen neuen freien Autor gewinnen können, dessen Beiträge ich gewöhnlich sehr gerne lese. Es wäre im Geiste meines Blogs, dass ich damit mich selber meine, aber ausnahmsweise gilt das Lob einer anderen Person: Markus Nowak, aka Doc Acula, aka Yeti, aka Webmaster von Badmovies.de.

Und weil der Doc stolz wie Bolle ist, hat er mir bei den letzten FFF-Nights eine Ausgabe mitgebracht (leihweise – Rezensionsexemplare sind in dieser Sphäre praktisch unbekannt). Ich habe das Heft trotzdem behalten, weil der Doc von mir zwei Cupcakes mit Glasur und Smarties abgreifen durfte. Quid pro quo!

Nun könnte ich das Heft ordentlich rezensieren, auf das vielleicht nicht aufregende, aber sehr gefällige Layout eingehen, auf die vielen schönen Artikel über längst vergangene Zeiten, über die auf typischerweise aktuell ausgerichteten Webseiten viel zu wenig berichtet wird. Der Fokus auf „Filme von 1895-1965“ verhindert den umpfzigsten Artikel über Star Wars, Shining oder das de Laurentiis-Remake von King Kong. Für notorische Nostalgiker wie mich ein sehr lesenswertes, fast schon bezauberndes Heft, das gedruckt sein MUSS. Und mit 4 Euro ist es wahrlich nicht überteuert.

All das könnte ich schreiben. Schöner scheinen mir allerdings zwei Details, die ich hier wiedergeben möchte, weil sie zeigen, wie klasse es ist, die richtigen Freunde zu haben.

So nehme ich das Heft am ersten Abend der FFF-Nights mit ins Hotel, um darin vor dem Einschlafen ein wenig zu blättern. Ich stoße gleich im ersten Drittel auf einen ausführlichen Artikel über die B-Film-Reihe „Inner Sanctum“. Über die weiß ich genug, um die Qualität des Beitrags beurteilen zu können – und wenig genug, um noch richtig was zu lernen. Es bleibt nicht aus, dass ich als Journalist solche Artikel sehr kritisch und immer mit der Frage im Hinterkopf lese: wie hätte ICH das geschrieben – und wie hätte ich das BESSER geschrieben?

Zu meiner Überraschung entpuppt sich der Artikel als locker flockig geschrieben, trotzdem faktenreich, als lang, aber an keiner Stelle langweilig. Respekt. Ich bin ungefähr halb durch, als ich denke: „Jetzt möchte ich aber doch mal wissen, wer den verbrochen hat“. Ich blättere zum Ende. Und siehe – da steht Markus Nowak.

Das ist doppelt schön, weil der Artikel nicht nur gut ist, sondern nicht so schlecht, dass ich einen Freund dafür ernsthaft kritisieren müsste.

Ich gönne dem ollen Acula also am nächsten Tag im Kino eine Lobeshymne und bemäkle lediglich ein, zwei zu eifrig platzierte Adjektive, die besser zum Websprech passen als ins physisch gedruckte Blatt.

Als nächstes sprechen wir über das Heft an sich, über die Zielgruppe, die Probleme mit der Vermarktung und dem Anzeigengeschäft. Ist alles sicher nicht einfach. Es kommt die Frage auf, warum „35mm“ ausgerechnet Filme von 1895-1965 behandelt. 1895 kann ich verstehen – vorher gab es schlicht keine Filme. Aber 1965? Wieso 1965? Mir fällt der Satz aus dem Mund: „Ich hätte ja 1975 als Grenze gesetzt. Weißt du, warum?“

Er nickt mampfend und brummelt dann mit vollem Mund: „Jaws.“

Und das, meine Damen und Herren, ist der Grund, warum ich mit dem Nowak schon so lange befreundet bin!

„Jaws“ gilt weithin als die Geburt des modernen Megahits und stellt eine Zäsur dar. Zwar ist auch „Young Hollywood“ mit Regisseuren wie DePalma, Friedkin, Penn, Coppola und Scorsese ein Bruch mit dem klassischen Studiosystem gelungen, aber wenn man die alte Traumfabrik von der modernen Blockbusterfabrik abgrenzen will, zählt „Jaws“ gemeinhin als rote Linie.

Es ist dieses gemeinsame Wissen, die unausgesprochene Einigkeit, die den Unterschied macht. Wir sind Altnerds, deren Grundlagenwissen nicht in der IMDB angelesen wurde. Wir haben über den Deutschlandstart des ersten „Alien“ von Ridley Scott nicht gelesen – wir waren dabei. Und trotz vieler geschmacklicher Kontroversen besteht eine grundlegende Übereinstimmung über das, was Kino ausmacht. Das genieße ich.

Ein Daumen hoch für „35mm“ – und einfach auch mal einen für den ollen Doc.



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Mr. Fox
Mr. Fox

Man kann sich gar nicht richtig zum Thema Mumienfilme äußern, bevor man nicht Al Paseris unfassbaren DIE MUMIE SCHLÄGT ZURÜCK gesehen hat. Schon der Trailer serviert das richtige Feeling. 🙂

https://youtu.be/KZLggtZCYNI

Teleprompter
Teleprompter

„Wir haben über den Deutschlandstart des ersten „Alien“ von Ridley Scott nicht gelesen – wir waren dabei.“

Echt jetzt – mit 11 ? Das wäre wäre bei uns im Kleinstadtkino dann doch nicht gegangen, obwohl manches am Jugendschutz damals schon etwas seltsam war, vor den FSK12-Bonds, die ich schon sehen durfte, liefen Trailer für Muttertag und Jodelfilme).
Ich habe Alien (obwohl zum allgemeinen Kinostart nur knapp unter der Grenze) erst ein oder zwei Jahre später im kommunalen KIno nachgeholt und empfand die FSK 16 damals durchaus auch als angemessen.

Jake
Jake

Danke für den Tipp, diese Zeitschrift hatte ich bis dato auch noch nicht auf meinem Radar. Habe mir gleich mal zwei Ausgaben zum reinschnuppern geordert. Leider wird man bei solchen Genre-Blättern oft durch ungelenk geschriebene Artikel und/oder viele Rechtschreibfehler abgeschreckt. Deinen positiven Worten nach zu urteilen scheint dies hier nicht der Fall zu sein. Ich bin gespannt.

gerrit
gerrit

Das liest sich wie immer fein. Aber eine Frage: Filme von 1895-1965, weil 1975 Jaws erschien? Typo oder Denkfehler?

Lidahet
Lidahet

Magazin auch geordert.
Aber die Antwort auf das 1965-Mysterium ist noch offen.

Dr. Acula

Firma dankt 🙂

Wer sich noch nicht überwinden konnte – es gibt nicht viele Magazine, in denen man in einer Ausgabe über die Rathbone-Sherlock Holmes, die mexikanische Phase von Luis Bunuel, das Frauenbild in Otto-Preminger-Filmen und die Aztec-Mummy-Reihe lesen kann 🙂

Was das 1965-Mysterium angeht… ich schreibe zwar für das Heft, aber DAS weiß ich auch nicht 😛

Sebastian
Sebastian

Super – I’m hooked! Wo kann ich das gute Heft bestellen? Oder noch besser: gleich abonnieren?

gerrit
gerrit

Ah, nu ist es klarer.

Tim

Zufällig habe ich soeben, wenn auch in anderem Kontext (als gesellschaftliches Indiz), über das Kino der 60er Jahre und heute geschrieben: http://ausnahmezustand-neuzeit.blogspot.de/2017/06/das-kino-das-die-geschichten-erschoss.html

Was die Abgrenzungsjahr-Diskussion angeht, macht imho 1965 durchaus Sinn: Zwar erfindet 1975 Spielberg den Blockbuster, das ist aber formell nur eine Spielart der neuen Entwicklungen, wenn auch die lukrativste. Bedeutender historisch gesehen, so finde ich, ist das Aufkommen der Ironie, der postmoderne Wertewandel und der Zusammenbruch des Studiosystems in den 60er Jahren.

Tim

@torsten: Merci, hätte gerne ausführlicher geschrieben. Aber das hätte wieder ewig gedauert. Wie du fast jeden Tag einen – oft sehr wertigen – Post schaffst, ist mir ein Rätsel.

Tim

Respekt! Da komme ich noch lange nicht hin. Allerdings habe ich mir mit Zeitgeschichte auch kein einfaches Thema ausgesucht.

patrick

Lieber Torsten,

ich verfolge dein Blog hier wirklich sehr gerne und glaube auch, dass du ein toller Typ bist (wenn auch mit den üblichen Macken die ein Mensch so hat). Wie du unschwer an dem Einleitungssatz erkennen wirst, kommt nun der Rant:

What the f*ck?

Ich glaube das ich ein kleiner Cineast bin, der zwar Menschen wie dir und Doc nicht ansatzweise das Wasser reichen kann, aber ich hab auch schon meine 3000 – 4000 Filme gesehen. Ich bin Mitte der 80er geboren, musste also auch schon durch das „Tal“ der VHS in meiner Kindheit.
Auf was ich hinaus möchte: Nein, man muss diese alten Schinken nicht gesehen haben. Zusammengenommen dürfte ich aus der Zeit ’60 bis ’85 ungefähr 50 bis 80 Filme gesehen haben. Davon haben sich für mich eine handvoll gelohnt. Ich habe bis heute nicht verstanden, wieso man z.B. noch die alten James Bond Filme schaut. „Die Mumie“ ist ein tolles Beispiel: Wer heute einsteigt, braucht dafür meiner Meinung nach keinerlei Kontext. Auch ein James Bond Film wird nicht besser, wenn man sich zwanghaft die letzten drei, vier Jahrzehnte alte Bond Filme reinpresst. Kein Witz wird komischer, keine Action besser. Es gibt keinen Kontext den man wissen muss. Man kann Ihn wissen, besser wird es dann aber auch nicht. Matrix III wird besser wenn man Teil I und II kennt, weil dann eine abgeschlossene Geschichte daraus wird. Aber jede Reihe die über Jahrzehnte geht bzw die mehr oder weniger Remakes sind, sind abgeschlossene Filme innerhalb ihrer selbst (Ok, die Ausnahme macht dann z.B. Star Wars). Wobei selbst Star Wars mehr oder weniger mit jedem Film für sich stehen kann.
Ich habe wenige Schwarz-Weiß-Filme bis zum Ende ausgehalten. Das ist einfach nicht meine Generation.
Ich finde es vollkommen legitim (und im Herzen würde ich das auch gerne), wenn man alte Filme als Kunst in sich aufsaugt, aber ich würde das niemals voraussetzen.

Liebe Grüße,
Patrick

patrick

@Torsten: Full Ack. Aber das ist doch auch gar nicht mein Anspruch (und der vieler anderer scheinbar auch nicht).
Ich kann doch auch in ein Museum gehen und die Ausstellung gut finden ohne das ich vergleichbare Werke kenne.

Ich will auch gar keinen Film kreieren, ich will sie lediglich konsumieren und zwar in der technischen Qualität die ich gewohnt und mit der ich mehr oder minder aufgewachsen bin.

Ein Film – den ich kompetent besprechen kann, wenn ich Ihn gerade gesehen habe – wird nicht besser und nicht schlechter, nur weil ich eventuelle Vorgänger nicht kenne. Ja, man mag Insider Jokes nicht verstehen, aber das ist doch bei einem Großteil der Filme überhaupt nicht notwendig.

Du vermischst hier zwei Arten von Ansprüchen. Der erste ist dein Standpunkt: Desjenigen, der Professionell sich im Filmbusiness aufhält (sei es als Kritiker, Regisseur, Drehbuchautor whatever) und der des „einfachen“ Konsumenten. Und natürlich schlüsselt sich letzteres noch einmal auf in Menschen mit mehr und weniger Anspruch. Aber beides hat durchaus seine Berechtigung.

Im übrigen ist diese Haltung genau der Grund, wieso ich größtenteils alleine Ausstellungen und Museen besuche. Ich lasse das hier und jetzt auf mich wirken, ohne mir erzählen lassen zu müssen, dass ich ohne andere Werke X oder Y gar nicht richtig wahrnehmen könnte. Ich habe nicht das Gefühl, etwas in meinem Leben dadurch zu verpassen 🙂

Beste Grüße

patrick

@Torsten: Nun verwirfst du leider den Fakt, dass ich durchaus ja schon den ein oder anderen alten „Klassiker“ gesehen habe und durchaus in der Beurteilung mich in der Lage sehe zu diesem Fazit zu kommen.

Als schönes Beispiel dient mir da „Ghostbusters“. Der neuste Teil ist schönes Kino und ein toller Film, in Anbetracht der Kritiken im Netz von Menschen die alle Teile kennen, könnte man gegensätzliches meinen. Manchmal ist es scheinbar auch gut, unvorbelastet an Neues zu gehen.

Du magst dich nicht von deinem Standpunkt wegbewegen, vollkommen in Ordnung 🙂 Aber keine Sorge, dir muss da nichts leid tuen. Im Gegenteil, die Überheblichkeit die da mitschwingt ist vielleicht etwas mehr besorgniserregend 😉 (wie war das mit den Macken? :D)
Die empirische Studie darüber, welche Seite nun „die meisten Menschen“ beanspruchen kann, wirst du mir und ich dir, wohl schuldig bleiben müssen.

Beste Grüße,
Patrick

Dr. Acula

Zur Klärung der „bis 1965“-Frage, die Antwort vom Chef persönlich: 🙂

„Warum 1895-1965?
Die Frage nach dem zeitlichen Korsett, in welches wir uns freiwillig begeben, beschäftigte die Redaktion schon im Vorfeld der ersten Ausgabe. Für das Magazin 35 Millimeter ist die Antwort recht einfach. Am einfachsten wäre es zu sagen – weil es sonst niemand macht – aber wir haben uns natürlich etwas dabei gedacht.

Die ersten 70 Jahre Filmgeschichte werden zu Unrecht vernachlässigt, ja geradezu stiefmütterlich abgetan als „die gute alte Zeit“. Viele Zelluloid-Schätze und Kino-Perlen geraten in Vergessenheit.
35 Millimeter will gegen dieses Vergessen angehen. Auch wenn es bereits vor 1895 die ersten Gehversuche mit dem neu endeckten Medium Film gab, gilt offiziell das Jahr 1895 als die Geburtsstunde des bewegten Bildes. 1928/29 konnte die Leinwand dann schon „reden“. Einen ähnlichen Umbruch gab es dann 1965/66. Zum einen konnte in den 60er Jahren niemand mehr den Niedergang des „Golden Age of Hollywood“ vermeiden, und zum anderen war die europäische „Nouvelle Vague“ nicht mehr aufzuhalten.
Der Film wurde frei und unabhängig. Mitte der 60er Jahre war dieser Prozess nahezu abgeschlossen. Dass moderne Kino war geboren.“

Tim

@Dr.Acula: Ah, interessant. Ich hatte es mir so ähnlich gedacht, obwohl kein Nouvelle Vague-Experte. Spannend! Toll wäre ein Buch zur Geschichte des Kinos, das allgemeinverständlich diese Dinge darstellt (es gibt 1000 Bücher zur Kinogeschichte, aber alles meistens imho Nerdstuff).