09
Sep 2023

Fantasy Filmfest 2023, Tag 3, Film 4: GOD IS A BULLET

Themen: Fantasy Filmf. 23, Film, TV & Presse |

USA/Mexiko 2023. Regie: Nick Cassavetes. Darsteller: Nikolaj Coster-Waldau, Maika Monroe, Jamie Foxx, Ethan Suplee, Paul Johansson u.a.

Offizielle Synopsis: Als die Mitglieder eines mörderischen Kults an Weihnachten in sein Haus eindringen, seine Ex-Frau abschlachten und die gemeinsame Tochter Gabi verschleppen, begibt sich der ehemalige Polizist Bob mit Hilfe der Sektenaussteigerin Case auf eine verzweifelte Suche nach dem Mädchen. Dafür muss er tief in eine Welt eintauchen, die ebenso fremd wie feindselig ist. Denn um die psychopathischen Killer zu finden und ihr Vertrauen zu gewinnen, muss er zu einem der ihren werden. Mit aller Konsequenz.

Kritik: Der hier ist ganz schwer zu bewerten. Zuerst einmal lief der “director’s cut” von Cassavetes, der mit 157 Minuten die Geduld der Zuschauer überstrapaziert und dem die Stellen anzusehen sind, an denen man ihn locker um genau die halbe Stunde kürzen könnte, die man in der internationalen Fassung weggelassen hat.

Darüber hinaus zeigt GOD IS A BULLET trotz schöner Bilder und sauber inszenierter Action immer wieder Patzer, die ein Film dieses Formats nicht haben dürfte: Anschlussfehler, Logiklöcher, Handlungssprünge.

Das nimmt dem Entertainment aber nichts – wer aufs FFF geht, um knallharte und gnadenlose Action zu sehen, bei der die Guten den Bösen mit Schrotflinten die Birnen wegballern, der kann hier öfter mal die Faust machen und “fuck yeah!” murmeln.

Das ist aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Für die andere Hälfte solltet ihr euch zum Thema THE SOUND OF FREEDOM einlesen. Das ist einer der großen US-Kino-Überraschungshit des Sommers und basiert (wie GOD IS A BULLET) angeblich auf einer wahren Geschichte. Es geht hier wie da um abgrundtief böse Menschen, die brave amerikanische Kinder entführen. Nur ein einzelner Polizist wagt es, dem perfiden “sex trafficking” nachzuspüren und die Verantwortlichen im Alleingang zur Verantwortung zu ziehen.

Das ist MAGA/Qanon-Quatsch der übelsten Sorte und der Fiebertraum des braven Trump-Amerikas, das schon immer ahnte, dass “die da oben” (Hollywood, Demokraten, Atheisten) millionenfach kleine Kinder entführen, um sie zu ermorden, zu versklaven, oder ihnen Adrenachrom abzuzapfen.

GOD IS A BULLET mag wie THE SOUND OF FREEDOM diese Message nur verklausuliert präsentieren, aber wer hinschaut, kommt nicht drum herum: Bob singt in der Kirche und hat die Flagge am Haus. Die Entführer sind Satanisten ohne jegliche Moral, ihre Welt ein Sündenpfuhl aus Drogen und Prostitution. Bob hat keine Probleme zu unterstellen, dass die Aussteigerin Case lange Jahre sexuellen Missbrauchs vermutlich besser überstanden hätte, wenn sie in einem religiös standhafteren (= fundamental christlichen) Haushalt aufgewachsen wäre.

Der Titel GOD IS A BULLET passt dazu, verweist er doch auf das Recht zur alttestamentarischen Rache, das sich Bob auch ausführlich nimmt.

Nun kann man sagen: Quatsch, das bildest du dir nur ein. Cassavetes, Coster-Waldau, Jamie Foxx – die sind doch eigentlich jenseits billiger Christenpropaganda. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass mit Ethan Suplee und Paul Johansson auch Darsteller im Cast stehen, die zumindest auffällig geworden sind.

Produktionsfirma von GOD IS A BULLET ist übrigens “Patriot Pictures”.

Ich kann letztlich kein Urteil fällen. Für mich riecht der Film über seine durchaus vorhandenen Qualitäten als brutaler Rachethriller nach einer Glorifizierung des weißen, christlichen Amerikas, das endlich gegen die Perversen und Ungläubigen zur Waffe greifen muss – ohne Rücksicht auf Verluste.

Andererseits: Hat die amerikanische Rechte nicht das Anrecht auf Filme, die ihr Verständnis von Recht und Gerechtigkeit repräsentieren?

Ich schrieb vor ein paar Monaten zum Film SOFT & QUIET:

Vielleicht ist SOFT & QUIET linke Propaganda, die sehr effektiv die weiße Mittelklasse diskreditieren will, in dem sie “normal” als “nur zu feige, um das wahre Gesicht zu zeigen” präsentiert. Die Konsequenz, mit der uns der Film seine Protagonistinnen zum Fraß vorwirft, mit der er sie uns hassen macht, hat mich irgendwann auch wieder Abstand nehmen lassen. Das ist alles zu folgerichtig, zu perfekt, zu manipulativ – kurz gesagt: meine fiebrigen Fantasien über die moralische Verkommenheit der amerikanischen Kleinstadt-Mittelklasse wurden zu verdächtig passgenau bedient.

Letztlich ist GOD IS A BULLET das rechte Spiegelbild davon. Er zeichnet eine Welt, in der die Gegenseite so böse ist, dass die eigene Seite sauber bleibt und sich keinerlei komplexen moralischen Fragen stellen muss.

Wie man dieses Vorgehen gewichtet und ob man es zum Maßstab der Bewertung macht, muss letztlich jeder für dich selbst entscheiden.

Fazit: Ein überlanger, aber durchaus knackig inszenierter “southern noir”-Rachethriller mit einem comicesk überblasenen Splatter-Finale, das sich gewaschen hat – oder ein Gewaltporno für fundamentale MAGA-Christen, die außerhalb ihrer sauberen Vorstädte nur Sex, Drogen und Satanismus vermuten, die jedes aufrechte Massaker rechtfertigen. 7 von 10 Punkten für Interpretation A, 1 von 10 Punkten für Interpretation B.

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Magineer
Magineer
9. September, 2023 20:10

Full Disclosure vorab: Die Synopsis ist (zumindest in der Grundform) von mir, und ich hatte bei der Sichtung schon eine ziemlich schwere Zeit. Kudos für den SOUND OF FREEDOM-Vergleich und dessen manipulierten Kassenerfolg, der ist mir total abgegangen, ergibt aber absolut Sinn.
Was mir bei BULLET (den ich prinzipiell so als schwülen White Trash/Southern Noir definitiv ansehenswert fand) vor allem sauer aufgestoßen ist, war diese auf die Extremspitze getriebene Gewalt gegen Frauen. Ich bin diesbezüglich kein Moralapostel und kann die Notwendigkeit solcher Szenen in speziell diesem Genre durchaus nachvollziehen (siehe Casey Affleck in THE KILLER INSIDE ME), aber BULLET fährt seinen Punkt aller 5 Minuten auf äußerst brachiale Weise nach Hause und überzieht dabei die Gewaltspitzen derart, dass mich der Gesamtfilm dabei eher deprimiert. Was speziell im Finale oder kurz davor nur noch comichaft wirkt (Zehnfach-Kopfschüsse, abfallende Kiefer, in hohem Bogen fliegende Slo-Mo-Körper nach Shotgun-Gebrauch), ist in den zwei Stunden davor teilweise echt bedrückend misogyn und unnötig exzessiv. Das Ungerechte dabei ist, dass der Film dabei in manchen Szenen aus genau dieser Exzessivität dann wieder seinen Reiz bezieht (Klapperschlange auf Meth anyone?).
Mit der Kritik an sich gehe ich d’accord, denn handwerklich hat der Film ziemlich viel für sich. Auf der anderen Seite steht eben zum einen ein Regisseur, dessen größter bisheriger Hit THE NOTEBOOK eigentlich das absolute Gegenprogramm zu BULLET darstellt, und zum anderen ein Nikolaj Coster-Waldau, der hier durchaus gut spielt, aber sich allein durch seine Präsenz in diesem Film irgendwie unter Wert verkauft. Uff …

Last edited 10 Monate zuvor by Magineer
Thies
Thies
10. September, 2023 12:52

Neben der Sitzfleisch-Frage also auch noch ein moralisches Dilemma oben drauf. Hmmm… bin mir immer noch unschlüssig, habe aber zum Glück noch zwei Wochen Zeit für meine Entscheidung. 😉

Christian Siegel
12. September, 2023 11:51

Natürlich hat, wie du schreibst, “die amerikanische Rechte das Anrecht auf Filme, die ihr Verständnis von Recht und Gerechtigkeit repräsentieren”. Ebenso habe aber auch ich das Anrecht darauf, auf eben solche Filme zu verzichten, und sie nicht noch durch einen Kauf oder auch nur Stream zu untersützten. Insofern dank für die warnende Einordnung.

Matts
Matts
23. September, 2023 10:42

Bei der technischen Beurteilung gehe ich absolut mit: Ein gut gemachter Rache-Thriller, der zwar definitiv zu lang ist, aber auch über die ganze Zeit eine düstere, bedrohliche Grundstimmung aufrecht erhalten kann. Neben der Länge hat mich auch gestört, dass der Film keinen wirklichen Maßstab für Zeit und Raum hat. Die fahren gefühlt tagelang durch die Gegend und trotzdem scheint fast der ganze Film nur in/um ein einziges Kuhkaff in den Südstaaten zu spielen.

Hinsichtlich der moralischen Seite bin ich etwas unsicher. Zum Beispiel endet der erwähnte Dialog zwischen Bob und Case damit, dass Case ihm klar ins Gesicht sagt, was für ein Bullshit das ist und Bob das hinzunehmen scheint. Den titelgebenden Vergleich hab ich auch eher als Ausdruck von Cases Nihilismus gesehen. Und letztlich wirkt Bob am Ende auch ziemlich desillusioniert im Hinblick auf seinen Glauben.
Ich könnte mir also denken, dass grade aus dem Lager der MAGA-Christen Stimmen kommen, die den Film als “cynical und anti-christian” verurteilen. Denen wäre es auch sicher lieber, wenn die Satanisten aus Mexiko kommen würden…