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Nov 2021

Back to Trek: Ein paar Worte über STAR TREK DISCOVERY Staffel 4

Themen: Film, TV & Presse |

„Ich spürte eine große Erschütterung der Macht. Als ob Millionen in panischer Angst aufschrien und plötzlich verstummten. Etwas Furchtbares ist passiert.“

Falsche Franchise, ich weiß. Aber gäbe es im Trek-Universum so etwas wie eine Erschütterung der Macht – sie wäre in den letzten Tagen zu spüren gewesen. Vielleicht könnte man alternativ von einem "burn" reden, als in Millionen Netflix-Accounts die DISCOVERY-Folgen implodierten. Björn Sülter hat das weitgehend korrekt, aber mit deutlich mehr Verständnis zusammen gefasst, als ich dafür aufgebracht hätte. Die Wut und die Empörung der Trekker nötigten mir auf Facebook gestern diesen Kommentar ab:

"Die Geldkuh jammert, dass sie gemolken wird – weil sie angeblich immer noch nicht gelernt hat, wie der Hase läuft."

Nun ist die (heiß erwartete?) vierte Staffel von STAR TREK DISCOVERY gestartet – und der Großteil der Welt schaut aufs Testbild. No Trek for you! Ich würde Schadenfreude empfinden, wenn es dafür einen Grund gäbe. Tatsächlich ist es primär ein Ärgernis, dass immer mehr Content-Producer zu Content-Providern werden wollen und die Flaggschiffe ihrer Franchises missbrauchen, um Abonnenten zu ködern. So geschehen bei TITANS, einer Serie, mit der man zuerst den DC Universe-Dienst gestartet hat, nur um sie dann als Zugpferd zu HBO Maxx zu transferieren. Oder jetzt mit DISCOVERY, das zahlende Kunden von Netflix zu Paramount+ beamen soll. Wir erinnern uns auch an die Marvel-Serien von Netflix, die nur eingestellt wurden, weil Marvel lieber Disney+ bedienen wollte/sollte/musste. Es ist ein "game of thrones", bei dem mal wieder der Zuschauer verliert, weil er mittlerweile einen Haufen Geld in ein Dutzend Anbieter investieren müsste, um alle Highlights zu sehen. Dass das eine beträchtliche Menge an Usern wieder zu den Torrents treiben wird? Absehbar.

Aber ich glaube trotzdem, dass das Rad der Zeit sich nicht zurückdrehen lässt. Es wird immer eine fluktuierende Hardcore-Blase an Raubkopierern geben. Otto Normalzuschauer wird aber eine Auswahl unter den Streamern treffen – weil es einfacher, sicherer und beruhigender ist. So ist es bei der Musik ja auch gelaufen in der Post-iTunes-Ära. Die Fanbasen werden sich schröpfen lassen und in Foren drüber meckern. Luxusprobleme. Früher waren es die Kaufkassetten, dann die Scheiben, heute eben die Paramount+- und Disney+-Accounts. Die aktuelle Welle der Empörung ist ein Sturm im Wasserglas, den die Produzenten aussitzen können und werden.

"But that’s just me and I could be wrong." (Dennis Miller)

Kommen wir damit vom Kommentar zur Kritik, denn natürlich habe ich es mir nicht verkneifen können, die erste Folge der neuen Staffel von DISCOVERY anzuschauen.

Man mag es kaum glauben, aber die vierte Staffel bringt den dritten Reboot des Konzepts, man stellt erneut alles auf den Kopf – und damit im Grunde genommen auf die Füße, denn erstmals unterwirft man sich der Prämisse, dass eine Star Trek-Serie sich in Form und Inhalt an Star Trek orientieren sollte. Und so ist passiert, was drei Staffeln lang als überholt galt – Burnham ist Captain, die Föderation ist auch wieder "back in action" und die reparierte DISCOVERY kann ohne Tierquälerei teleportieren. Genau genommen ist es auch kein Prequel mehr. Will sagen: man hat die Scheißideen der vorherigen Jahre ad acta gelegt und verkauft das natürlich nicht als Korrektur, sondern als organische Weiterentwicklung.

And Ferengis fly out of my butt.

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Natürlich kann man die neue Ausrichtung der Serie nicht nach der ersten Folge beurteilen, zumal diese von Michelle Paradise ko-geschrieben wurde, die ich für den einzigen Lichtblick im Writer’s Room halte. Aber es lassen sich schon mal ein paar Sachen festhalten.

Nicht nur in Sachen Plot besinnt sich DISCO auf die Trek-Wurzeln – die Serie wirkt fokussierter, ruhiger, und auch mit den neuen Kostümen deutlich stärker an die Vorbilder angelehnt. Der Wechsel zwischen Brücke und Außenmission ist "classic Trek", man hat endlich das Gefühl, die Macher würden nicht mehr krampfhaft alles vermeiden, was 50 Jahre lang prima funktioniert und Geld gebracht hat.

Die Figuren "sitzen" deutlich besser – auch das, weil man sich bei den Trek-Standards für Brücken-Crews besinnt. Da ist mehr Kameradschaft spürbar, mehr Energie, jeder kann sich mal einbringen. Es ist keine reine Burnham-Show mehr.

Das bringt uns zu Burnham. Die klugscheißende Heulsuse der Förderation hat ebenfalls eine Runderneuerung durchgemacht, ist deutlich positiver und weicher geworden. Natürlich weiß sie immer noch alles besser und die gesamte Galaxie scheint sich primär um sie zu drehen – etwa, wenn sie sich aufregt, dass mit der Präsidentin der Föderation ausgerechnet eine Politikerin das Wort ergreift. Wohlgemerkt, an zweiter Stelle nach Burnham selber.

Kurioserweise versucht DISCO gar nicht erst, Burnham still und heimlich neu einzunorden. Die Präsidentin der Föderation macht Burnhams grundlegendes Defizit – die Durchsetzung ihrer Überzeugungen um jeden Preis – offen zum Thema und trifft dabei den Nagel auf den Kopf. Wir bekommen tatsächlich das Gefühl, dass Burnham erstmals einsieht, dass sie vielleicht doch noch viel zu lernen hat, um der Aufgabe des Captains gerecht zu werden

Aber auch dieses Einhorn kotzt natürlich keine Regenbögen: es hakt es weiter an diversen Stellen. "Besser" ist eben noch nicht "gut" und der zentrale Konflikt der Episode ist sehr technisch konstruiert und kopflastig – erst zum Ende hin schafft das Drehbuch einen durchaus interessanten Schlenker in "was haben wir heute gelernt?"-Territorium.

Ungünstig ist, dass die Action immer wieder von Subplots aus der letzten Staffel unterbrochen wird, die letzten Endes keinen Nährwert haben und jeden Vorwärtsdrang unschön ausbremsen. DISCO fühlt sich Altlasten verpflichtet, die man in spätere Folgen hätte verklappen können.

Ich bin auch immer noch unsicher, was ich von Book halten soll. In die neue Struktur der Serie passt er nicht wirklich und die Zeit wird zeigen, ob man ihn nicht ebenfalls mit der dritten Staffel hätte ausmustern sollen.

Dennoch kann ich kaum glauben, dass ich das schreibe, aber: die Folge hat mir gefallen. Sie ist kein Highlight und wird auch niemals als Klassiker in die Trek-Annalen eingehen, aber erstmals habe ich mich weder gelangweilt noch geärgert. Das ist bei DISCO eine gänzlich neue Erfahrung.

Es gibt aber noch eine Pointe. Direkt nach DISCO habe ich die neuste Folge von STAR TREK PRODIGY geschaut, den zweiten Teil der Doppelfolge "Dream Catcher" und "Terra firma". Und was soll ich sagen? Besser als DISCO. In jeder Beziehung. Klareres Konzept, griffigere Figuren, natürlicherer Humor, komplexere Stories (!). Als die Figuren in wirkliche Gefahr gerieten, spürte ich etwas… Empathie? Sorge? Mitgefühl? Das ist mir bei Star Trek lange nicht mehr passiert…

Das hier ist die aktuell beste Star Trek-Serie:

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Christian Siegel
18. November, 2021 16:45

Zum Auftakt der vierten Discovery-Staffel werde ich erst morgen etwas sagen können, wobei mich deine Einschätzung durchaus hoffnungsfroh stimmt. Vorerst aber mal nur meine 2 Latinum-Barren zur Trek-Situation: Ich denke, dass die Serien früher oder später auf Paramount+ landen war absehbar. Das allein hätte auch noch keinen solchen Aufschrei ausgelöst (tatsächlich gibt es ja auch jetzt durchaus besonnene Stimmen, die es positiv sehen, dass man in Zukunft nicht mehr 2-3, sondern nur mehr einen Streaming-Dienst brauchen wird, um "Star Trek" zu schauen). Es ist eher der Zeitpunkt der Ankündigung, zwei Tage vor Staffel-Start, sowie das Disney+/Mandalorian-Problem, dass Paramount+ aktuell noch nicht weltweit verfügbar ist, und somit die internationalen Fans in die Röhre gucken, bzw. sich entscheiden müssen, das Internet jetzt ein halbes Jahr abzudrehen, oder Spoiler zu riskieren. Von kreativen, nicht unbedingt immer 100%ig legalen Lösungen jetzt mal abgesehen. 😉 Hätte man die vierte Discovery-Staffel noch bei Netflix belassen (und Picard S2 bei Prime; was soweit ich das mitbekommen habe ja noch nicht 100%ig geklärt ist), und den Wechsel erst vollzogen, wenn Paramount+ weltweit ausgerollt ist, hätte man sich diese – in meinen Augen durchaus angebrachte – Empörung der Fans (wobei ich dir mit dem letztendlich wirkungslosen Sturm im Wasserglas aber durchaus recht gebe) sparen können.

Zeddi
Zeddi
18. November, 2021 19:51

Discovery> Mal schauen, villeicht tu ich mir den rest von S3 mal irgendwann an und dann auch S4, aber motiviert bin ich eher nicht – prodigy werde ich wohl weiterschauen.

Paramount+/Streaming
Ich bin mir da nicht so sicher.
Der "Deal" war ja mit Netflix gegenüber *to Seiten (Rechtlich als Nutzer ja da stream und kein torrent unspektakulärer) zwei sachen:

  1. Genauso bequem wie *to. Technik die überall funktioniert (Gruselige Probleme mit den wenigen Bezahlstreams pre Netflix, stichwort DRM) ODER auf die man (DVDs) lange warten muss und auch nen laufwerk haben muss.
  2. Dtl. günstiger als sich jeden Monat 2-3 Staffeln auf DVD zu kaufen.

Der erste punkt wird nur sehr begrenzt jetzt in Frage gestellt, kurz zu schauen "Auf welchen Dienst läuft es" ist nun nicht so dramatisch.

Aber der zweite Punkt ist schon ein spannender. Statt knapp 20 EUR für Netflix und Prime ist man schnell bei 50+ EUR – das bezahlt dann doch nur noch eher ein "harter kern".

Ich halte es für wahrscheinlich das durchaus merkliche gruppen an Menschen zwar weiterhin für Prime und Netflix zahlen, aber halt dtl. weniger noch weitere Dienste nutzen. Ob sich dann noch Para+ und Co rechnen …

Das liegt auch daran das die *to Seiten in der Bedienung enorm einfach sind … öffnen, suchen, nerfige Werbung wegklicken, fertig.

/edit Vill. noch ein kleiner zusatzgedanke, oft ist ja gegen EUR auch manche Serie bei Prime zum "Streamkauf" verfügbar … durchaus möglich das auch dies dann genutzt wird

Last edited 17 Tage zuvor by Zeddi
Daniel Heisig-Pitzen
Daniel Heisig-Pitzen
18. November, 2021 20:06

Ich kenne mich in der Materie kaum aus, aber: Ist es nicht so, dass man bei allen Musik-Streaming-Anbietern quasi die gesamte Musik bekommt und deswegen nur einen braucht? (Vielleicht von wenigen Musik-Gruppen oder -Subgrenes abgesehen.)

hilti
hilti
19. November, 2021 00:31

Naja, ich seh das mit den ganzen Streamingdiensten etwas entspannter. Die meisten sind doch monatlich kündbar. Dann hat man 2 Monate Netflix, dann 2 Monate Disney+, dann 2 Monate Prime und dann halt wieder von vorn. Das Hauptproblem ist doch sowieso das eigene Zeitbudget.

hilti
hilti
20. November, 2021 00:22
Reply to  Torsten Dewi

Zumindest entspannter als die Frage wann ich das alles gucken soll.

jimmy1138
jimmy1138
19. November, 2021 13:19

"Tatsächlich ist es primär ein Ärgernis, dass immer mehr Content-Producer zu Content-Providern werden wollen und die Flaggschiffe ihrer Franchises missbrauchen, um Abonnenten zu ködern."

Es wurde bei Legacy ja schon richtig geschrieben – diese Ära von Trek hat genausoviele Serien hervorgebracht, wie die ganze Star Trek Geschichte in 50 Jahren davor. Das hat hauptsächlich einen Grund: Es braucht Content, d.h. man ist Content-Producer hauptsächlich, um Content-Provider sein zu können.
Das sehe ich aber bei Paramount+ sehr skeptisch. Wenn schon Disney, die die letzten Jahre die US-Kinos finanziell dominiert haben, Probleme bei ihrem Service haben, ausreichend neuen Content zu produzieren, wie soll das ein herabgewirtschaftetes CBS/Paramount schaffen? An Netflix, Amazon Prime und Disney+ wird man nicht herankommen, selbst Apple+, HBO Max/Discovery+ und Peacock sind vermutlich besser aufgestellt.
Wird das am Ende für CBS/Viacom reichen, daß sie den sechst oder siebentgrößten Streaming Dienst haben? Oder wird man am Ende erst wieder mit jemand anderen fusionieren müssen (a la HBO Max/Discovery)?

Nummer Neun
19. November, 2021 20:59

Wegen Discovery hatte ich mich damals bei Netflix angemeldet. Dass ich nun den Switch zu Paramount + zwar zur Kenntnis nehme, es mich emotional aber nicht so anfasst, spricht nicht für die Serie und für den Zustand des Franchises. (Und ganz rational gesehen ist es ja auch für uns User wünschenswert, wenn über kurz oder lang das gesamte Franchise bei einem Streaming-Anbieter versammelt ist).

Sky Cinema Kunden können sich sowieso freuen, angeblich sollen sie ja ab Launch Zugriff auf den neuen Service haben. Daher alles gut für mich – dann kann ich die neue Staffel auch bingen.

Bartjäger
Bartjäger
2. Dezember, 2021 12:08

Staffel 4 läuft jetzt übrigens via PlutoTV kostenlos auf Deutsch, mit 3 Werbeblöcken pro Folge (einer vor dem Abspann). Jeden Freitag abend, mit div. Wiederholungen übers Wochenende.