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Okt 2020

TV-Tipp: HELGA – DIE ZWEI GESICHTER DER FEDDERSEN

Themen: Film, TV & Presse |

Vor Jahren habe ich mal angemahnt, dass nicht nur die deutsche Kulturgeschichte, sondern gerade auch die Quasi-Monopol-Stellung der öffentlich-rechtlichen Sender ein viel breiteres Spektrum an unterhaltsamen Dokumentationen ermöglichen sollte. Ich listete damals spontan folgende Ideen:

  • Der lange Weg nach Deutschland: Das Heilige Römische Dritte Weimarer Kaiserreich der Bundesrepublik
  • Dichter und Denker: Die große Schriftsteller, die großen Entdecker, die großen Erfinder, die großen Philosophen
  • Deutschland als Filmnation: der deutsche Stummfilm, Film im Dritten Reich, das Nachkriegs-Kino, der Neue Deutsche Film, das Kino der DDR
  • Die Studentenbewegung der 60er Jahre
  • Die sexuelle Revolution in Deutschland
  • Die Friedensbewegung
  • Die Geschichte der deutschen Parteien
  • Die Edgar Wallace-Filme
  • Varieté, Disco, Ballermann: Deutsches Nachtleben
  • Griechischer Wein: eingedeutschte Exotik im deutschen Schlager
  • Pop up: Die Neue Deutsche Welle der 80er
  • Steeger, Orlowski, Schaffrath: Der deutsche Sexfilm
  • Von der Schweinshaxe zum Toast Hawaii: Die deutsche Küche
  • Widerstand: Die deutsche Frauenbewegung
  • Aus dem Schatten: Die Schwulenbewegung
  • Vom Kabarett zur Comedy: Der deutsche Humor
  • Kind sein in deutschen Reichen
  • Kein schöner Land: Die Geschichte des Umweltschutzes in Deutschland
  • Kritik der Kleinbürger: Liedermacher
  • Pizza, Sushi, Coca Cola: Kulturelle Einflüsse im deutschen Alltag

Tatsächlich hat sich seither was getan, auch wenn die wirklich beeindruckenden und nicht nur aus kommentierenden Comedy-Köppen bestehenden Clip-Shows eher noch die Ausnahmen sind. So gab es vor zwei Jahren KUHLENKAMPFFS SCHUHE, eine fast schon melancholische Erinnerung an die unterschiedlichen Moderatoren-Charaktere der deutschen TV-Geschichte:

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Und ausgerechnet auf VOX war im letzten Jahr die mit vier Stunden gerade mal ausreichend lange Retrospektive ICH WÜNSCH DIR LIEBE OHNE LEIDEN – 85 JAHRE UDO JÜRGENS zu sehen, die auch die schmerzhaften Erinnerungen an den deutschen Neil Diamond nicht aussparte.

Momentan ist eine weitere Perle online – und es freut mich, dass ich sie hier sogar frei verlinken kann:

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Es ist weder eine Überraschung, dass die Doku über Helga Feddersen vom NDR kommt, der historisch oft die Wegmarken des Genres gesetzt hat, noch dass sie Helga Feddersen als tragikkomische Figur zeigt. Eine Frau, deren Talent breiter gestreut war, als die PLATTENKÜCHE und EIN DICKER HUND vermuten ließen. Eine Frau, die den Leitsatz "Kunst bedeutet Schmerz" gelebt hat wie kaum eine andere. Die sich in allem Leid privates wie berufliches Glück erkämpft hat und deren Leben man trotz aller Katastrophen kein Schicksal nennen möchte.

Nun ist das Thema proppevoll genug, um anderthalb Stunden zu füllen. Und es sind so viele Ausschnitte aus Sendungen zu sehen, die endlich wieder dem breiten Publikum zugänglich gemacht werden müssen. ABRAMAKABRA z.B. sieht großartig aus. Aber letztlich ist es die Machart der Doku, die HELGA aus der Masse heraus hebt. Obwohl 40 Jahre erzählt werden müssen, wird es nie hektisch, kein Erzähler nimmt uns pausenlos an die Hand, die Interviewten bekommen Gelegenheit, nachzudenken, ungeschliffene Erinnerungen in den Raum zu stellen. Der Zuschauer entwickelt ein Gefühl dafür, wie sehr Leben und Werk bei Helga Feddersen Hand in Hand gingen, sich bedingten.

Ich kann euch HELGA (Frau wie Doku) nicht genug ans Herz legen.

Ein Wort der Kritik sei allerdings gestattet, auch wenn es eine Kritik nicht am Vorhandenen, sondern am Unterlassenen ist. Angesichts der Tatsache, dass so viele der deutschen Unterhaltungskünstler noch leben, sich aber schon auf der Zielgerade befinden; angesichts der Tatsache, dass in den Archiven Unmengen seltener, privater und erhellender Aufnahmen lagern, dürfte eine Doku wie HELGA nicht die löbliche Ausnahme sein. Es dürfte mit den vorhandenen Möglichkeiten geradezu lachhaft einfach sein, z.B. 12 Folgen über das Leben der großen deutschen Nachkriegs-Entertainer zu produzieren. Das Format ist ja vorgegeben und einfach zu füllen: chronologisch erzählen, Clips aus den Archiven, Anekdoten von Freunden und Lebensgefährten.

Die Frage, ob man die Person leiden kann, ist dabei eher nachrangig. Ich bin sicher, dass die Lebensgeschichten von Roberto Blanco, Dieter Bohlen und Gottlieb Wendehals unfassbar unterhaltsam sind. Man müsste sie nur mal erzählen.



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SvenBr.
SvenBr.
12. Oktober, 2020 12:41

Danke für den Tip. Das war eine grandiose Dokumentation. Gut ausgegebene GEZ-Gebühren:-)

moepinat0r
moepinat0r
12. Oktober, 2020 18:07

Danke, muss ich mir mal anschauen.
Ist zwar nicht zum gucken, aber letztens hab ich auf DLF Freistil ein Feature über Fips Asmussen (https://www.deutschlandfunkkultur.de/fips-asmussen-der-letzte-alleinunterhalter-witz-komm-raus.3691.de.html?dram:article_id=482246) gehört, das in die selbe Kerbe schlägt. Bin wahrlich kein Fan von ihm, aber danach war mein interesse an einer seiner Bühnenshows geweckt. Leider zu spät, Fips ist bereits im August gestorben. :/

Galaktika
Galaktika
15. Oktober, 2020 09:25

Gestern war dann endlich Zeit, mir das Portrait anzuschauen. Sehr gut gemacht, sehr spannender Blick auf einen Menschen, der mich vorher nie wirklich interessiert hat. Das sind ja manchmal die wertvollsten Momente, wenn man tatsächlich mal seinen Horizont erweitert.

Und "Die Wanne ist voll!" mit Hallervorden ist dermaßen albern, dass man sich kaum entziehen kann. Die beiden einte die Fähigkeit, sich wirklich für nichts zu schade zu sein – und das große Talent, daraus dann auch etwas wirklich Witziges zu machen.

Einzige Kritik: Wenn ich schon vor dem Start weiß, mit welcher Melodie der Auftakt hinterlegt wird, dann ist mir das ein wenig zu einfach. Aber das ist eine Petitesse.