Ich bin ein Fan alter Archive, ganz besonders aus dem Print-Bereich. Ich kann mich stundenlang durch vergilbte Ausgaben wühlen, um Zeitgeschichte aus der Perspektive der vergangenen Gegenwart zu erleben.

Einen ganz besonderen Schatz stellt dabei das Online-Archiv des SPIEGEL dar. Nach mehreren Versuchen, die alten Ausgaben für teuer Geld zu verhökern (z.B. 1995 für 200 DM pro Jahrgang auf CD-ROM), gab man im Februar 2008 auf und stellte alles kostenlos bereit. Das ist mehr als nur Journalismus – das ist gelebte Zeitgeschichte.

Natürlich kann man dieses Archiv nutzen, um so legendäre wie teilweise fehlgeleitete Geschichten nochmal in ihrer Gänze zu genießen, z.B. diese hier:

Oder diese:

Oder diese:

Oder diese:

Oder diese:

Oder diese (von 1979 – viele in dem Stil sollten folgen):

Man kann das SPIEGEL-Archiv aber auch für ein tolles Wissensspiel verwenden, das ich selber erfunden habe: Das FIRST TIME SPIEGEL SPIEL.

Kann man gut alleine spielen, besser aber 2-4 Spieler von 14 bis 84.

Die Regeln sind denkbar einfach: man sucht sich einen geschichtlich relevanten, unverwechselbaren Ausdruck, der irgendwie in die SPIEGEL-Sphäre passt. Hier nur ein paar willkürliche Beispiele:

  • AIDS
  • Waldsterben
  • Internet
  • Donald Trump
  • Privatfernsehen
  • Supermarkt
  • Kreditkarte
  • Rote Armee Fraktion
  • JFK
  • Kurzarbeit
  • Ostermarsch
  • Videorekorder
  • Techno
  • Neue Deutsche Welle

Dann raten alle Beteiligten, wann dieser Begriff wohl das erste Mal im SPIEGEL zu lesen war – Jahr genügt. Eine kurze Archivsuche später wird der Sieger gekürt und bekommt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt.

Über den Spielspaß hinaus lernt man auch viel, z.B. dass Trump bei seiner Erstnennung den Luftraum über dem Luxusjuwelier TIFFANY’S in New York gekauft hatte. Oder dass Begriffe wie Internet oder World Wide Web in den Anfangsjahren noch in Anführungszeichen gesetzt wurden. Oder dass das Waldsterben dem SPIEGEL erst eine Erwähnung wert war, als es im Parteiprogamm der SPD landete.

Von hohem Unterhaltungswert sind dabei auch die mitunter granatenmäßig falschen Einschätzungen von Zeitgenossen. So kamen die Beatles im SPIEGEL erst 1964 (!) vor und es findet sich diese Preziose:

„Sicher ist jedenfalls, daß sie sich auf der Höhe nicht lange halten können“, weissagt der Hamburger Star-Club-Besitzer Weissleder, der sie in zwei Jahren dreimal auf seiner Bühne erlebte.

Das war bei den Beatles genauso falsch wie später bei Helmut Kohl.

P.S.: Ich bin der Meinung, dass es anderen Zeitungen und Zeitschriften gut zu Gesicht stünde, ihre Archive ebenfalls online zu stellen: von Bravo bis BILD, von FAZ bis taz. Gerne auch die Hildesheimer Allgemeine Zeitung, denn die ist über 300 Jahre alt. Da könnte man das Spiel mit Begriffen wie Demokratie, Aufklärung, Hitler und Elektrizität spielen…



avatar
4 Kommentar Themen
3 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
6 Kommentatoren
WortvogelsergejJakeDietmarRudi Ratlos Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste
Benachrichtige mich bei
Dietmar

Das war bei den Beatles genauso falsch…

Es soll ja sogar heute noch Leute geben, die nicht wissen oder anerkennen wollen, was diese Musikgruppe bedeutet.

(Sammele gerade Dislikes. Trollfüttern light. 🙂 )

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Popgeschwurbel 😛

Dietmar

Oh, wie trollig … äh … drollig. 🙂

heino
heino

Spannend, da sind auf jeden Fall viele interessante Lesestunden garantiert. Danke dafür:-)

Jake
Jake

Das Spiegel-Archiv ist echt Gold wert. Ich nutze es hauptsächlich, um nach alten Filmkritiken oder allgemeinen Beiträgen zum Thema Film und Fernsehen zu suchen. Immer wieder amüsant, was da zum Vorschein kommt. Neulich erst stieß ich auf einen Artikel aus dem Jahr 1988, in dem es um die Aufregung darüber geht, dass „Rambo 3“ von der Wiesbadener Filmbewertungsstelle das Gütesiegel „Prädikat wertvoll“ verliehen bekam. Der Klassiker schlechthin ist natürlich der im Artikel bereits verlinkte „Zum Frühstück ein Zombie am Glockenseil“-Artikel.

sergej
sergej

Aus Langeweile mal gesucht: Dewi

Ratna Sari Dewi, 25, aus Japan stammende jüngste der vier Ehefrauen des indonesischen Staatschefs Achmed Sukarno, 64, und ehemalige Bar-Hostess,…

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46265549.html
von 1966. Das Titelthema ist ein klassisches Spiegel-Thema: Jesus