Eine Internet-Bekanntschaft machte mich dieser Tage auf eine Webseite aufmerksam, die mir bisher entgangen war: Box Office Magazine. Die gedruckte Ausgabe ist mir im Laufe meiner Karriere ein paar Mal untergekommen, aber nie auffällig geworden.

Eigentlich ist das Heft auch nicht so spannend: es gibt News aus der Filmbranche, ein wenig Klatsch, technische Details. Herausgeber ist die Vereinigung der Kinobetreiber, eine Laufkundschaft wird gar nicht groß angepeilt.

Aber: Es gibt das Heft (unter verschiedenen Namen und verschiedenen Besitzern) seit 1920 und zu meiner Überraschung haben die Herausgeber gegen jede Notwendigkeit unter dem Punkt The Vault ALLE Ausgaben online gestellt, derer sie noch habhaft werden konnten. Das sind über 3000 Hefte. Und in einem Anfall von internet-untypischer Userfreundlichkeit können die Ausgaben auch noch bequem als PDF-Dateien herunter geladen werden.

Allen Filmfans, die sich nicht nur am aktuellen Kinoprogramm delektieren, sei die Lektüre besonders der Filmkritiken aus den 70er und 80er Jahren ans Herz gelegt. Da kann man was draus lernen. Nicht nur sind die Reviews ausführlich und extrem kompetent – sie sind auch basisdemokratisch. Pornos werden ebenso besprochen wie Blockbuster, Trashfilme ebenso wie Arthouse. Sortiert wird nur nach Alphabet. Kein Wunder: Das Magazin sollte ja großen wie kleinen Kinos eine komplette Übersicht bieten, was zum jeweiligen Zeitpunkt gebucht werden konnte. Deshalb werden mitunter auch Streifen als Geldmaschinen empfohlen, die gerade in Bausch und Bogen als menschenverachtend verrissen wurden. Whatever works.

Natürlich kann man heute Webseiten wie Filmflausen oder den Direct to Video Connoisseur lesen – aber zeitgenössische Kritiken, die nicht von Fans, sondern von Journalisten geschrieben wurden, die einen angenehm klaren Blick auf die Realitäten des Business haben, besitzen ihren ganz eigenen Reiz. Hier mal ein beliebiges Beispiel – „Forbidden World“, bei uns besser bekannt als „Mutant – Das Grauen aus dem All“:

Es waren andere Zeiten damals, die Kinos waren noch nicht mit Blockbustern so vollgestopft, dass kleineren Filmen kein Platz mehr blieb. Die Nr.1 der Charts musste auch nicht gleich krakenartig 3000 Kinosäle belegen. Es gab mehr Bandbreite, aber auch mehr Bandtiefe, wenn ich das mal so sagen darf. Man stelle sich vor – 1982 war das ein ganz normaler Juli an den Kinokassen:

Was für ein Lineup!

Nur mal zum Vergleich: „Close Encounters“ von Spielberg hatte einen Wide Release in deutlich weniger Kinos als Uwe Bolls „Bloodrayne“. „E.T.“ lief in ungefähr so vielen Sälen an wie Bolls „Schwerter des Königs“. Good times.

Man entdeckt auch bezaubernde Details: Einer der Kritiker, Rick Marx, schrieb später als Drehbuchautor scheuklappenfrei Pornos und Cannon-Actionheuler. Das ist keine so ungewöhnliche Karriere, wie man denken mag: Joe Dante („Gremlins“) hatte mit Filmkritiken angefangen und Luigi Cozzi („Star Crash“) berichtete für das Sexheft „Screw“ über die Filmwirtschaft in Italien.

Oder schaut euch das Cover oben an: Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht der große John Sayles als Autor bei „Alligator“ involviert, sondern Charles Bands früher Weggefährte Frank Ray Perilli.

Klar, den meisten von euch wird das alles nichts sagen. Das ist alles verdammt lange her. Und wen scheren schon irgendwelche obskuren Südstaaten-Exploiter von 1974?

Mich. Ich werde die nächsten Wochen damit verbringen, Reviews zu lesen.



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Howie Munson
Howie Munson

Ich werde die nächsten Wochen damit verbringen, Reviews zu lesen.

hmmm… also eigentlich solltest du die nächste Woche damit verbringen, zu einen noch ausstehenden Blogeintrag die Kommentare bis zur Nummer 667 zu betreuen. *duck*

Marcus
Marcus

@Howie: „SHOWGIRLS“?! 😀

Marcus
Marcus

@Torsten: mal ne dumme Frage – ist es dir gelungen, in den Ausgaben aus den 7oern überhaupt irgendein Review zu finden? Wenn ja – wie? Ich sehe nur endlose Box Office Reports aus den einzelnen Städten. Die Suchfunktionen auf der Seite taugen dafür nichts (oder mach ich was falsch), und Inhaltsverzeichnisse haben die Hefte in den 70ern auch noch nicht.

TomHorn
TomHorn

Coole Sache, das.
So wenig Zeit & soviel zu lesen.*seufz*
Ich brauch unbedingt einen e-Reader für die Arbeit…

Peroy
Peroy

This is awesome ! Sachen wie „Der Horror-Alligator“ und „Die Brut“ auf dem Titel und ganzseitige Anzeigen für Schlonz wie „The Dark“… warum gibt es sowas heute nicht mehr ? Dreck !

Leider viel zu viel als dass man alle Ausgaben gemütlich durchlesen könnte…

Peroy
Peroy

Nur mal kurz das „The Thing“-Review probegelesen. Ganz erstaunlich, wohl die positivste zeitgenössische Kritik zu dem Film, die mir bislang untergekommen ist…

Dominik

Sehr schöne Fundsache, dieses Archiv. Danke dafür. Könnte man sich zum Lesen wahrlich stundenlang einschließen.

Marcus
Marcus

@Torsten: wenn es mal so einfach wäre. Jedes einzelne Heft aus den 70er-Jahrgängen, dass ich aufgeschlagen habe, hatte eben keine Inhaltsangabe. Die findet sich erst ab 1980. Und überhaupt scheinen mir die 70er-Jahrgänge nur sporadisch Reviewseiten zu enthalten.