Ich war gestern mal wieder auf einem dieser „Legenden“-Konzerte, wie man sie gerne besucht, wenn man jenseits der 50 ist und der Überzeugung, dass zumindest in Sachen Musik die These stimmt „früher war alles besser“. Ihr erinnert euch in dem Kontext vielleicht an Bryan Ferry, die Pet Shop Boys, Chris de Burgh und Tony Hadley.

Und nun: Tom Jones.

Das ist noch mal eine andere Liga. Tom Jones war einer der Lieblinge meines Vaters, der walisische Crooner lief neben Elvis und Roy Orbison bei uns permanent, als ich ein Kind war. Damals war er schon nicht mehr der aktuelle Superstar, sondern ein Hausfrauenbeglücker, der es sich in Las Vegas bequem gemacht hatte und seine Plattenverkäufe mit seichten TV-Specials am Leben erhielt – immer in hautengen Hosen, blusigen Hemden und einer Frisur, die sich Tony Marshall zum Vorbild für seine Perücke genommen hat. Jones war das Bindeglied zwischen Elvis und Engelbert – begnadeter Entertainer, sexy, aber doch unfassbar spießig.

Elvis starb, Engelbert und Wayne Newton vergruben sich in den Mega-Hotels von Vegas, die ganzen „mellow 70s“ wurden als Geschmacksverirrung abgehakt. Die Musik meines Vaters – sie war prädestiniert, zur reinen Nostalgie zu verkommen, zur verstaubten Vergangenheit. Die Macho-Brünftigkeit von Jones war out, androgyner New Wave war in.  Sein Album „Darlin'“ schaffte es 81 in den USA nicht mal in die Top 150 der Charts.

Aber Tom Jones kam wieder. Erfand sich neu. Aus dem Balladier der 60er und dem hüftschwingenden Hengst der 70er wurde der „coole Alte“ der 80er, der mit seiner Version von „Kiss“ zeigte, dass Pop zuerst einmal Präsenz und Charisma bedeutet. Denen, die sich über ihn lustig machen wollten, dreht er mit einer gesunden Menge Selbstironie eine fabulöse Nase:

Es sollte kein letztmaliges Aufflammen seines Ruhms sein. Mit seinem Album „The Lead and how to swing it“ veröffentlichte er ein großartiges, modernes Spätwerk für die 90er, inklusive Rap-Einlage:

Die Reduktion von Outfit und Frisur tat ihm sichtlich gut, auch von einem jüngeren Publikum ernstgenommen zu werden. Aber in den Pop-Olymp des Jahrtausendwechsels hob ihn „Reload“, eine Sammlung sensationeller Cover-Versionen und Duette mit aktuellen Chart-Toppern. Exemplarisch sei auf „Mama told me not to come“ mit den Stereophonics verwiesen:

Es gelang Jones, in der Zusammenarbeit mit Mousse-T sogar noch mal so etwas wie einen „signature song“ aufzunehmen, ein Lied, das unvermeidlich mit ihm assoziiert wird, auch weil es seine Vergangenheit als Vegas-Hengst kongenial aufgreift:

Jones war zu dem Zeitpunkt bereits 35 Jahre im Geschäft, hatte Hits in 5 Jahrzehnten platziert – und machte keine Anstalten, damit aufzuhören. Aber er verstand, dass er sich erneut anpassen musste, dass er nie zu alt für seine „Masche“ werden durfte. Eine Bühnen-Persona, die so sehr mit Ironie und Augenzwinkern spielt, darf nie tragisch überlebt wirken. Also war Schluss mit den gefärbten Haaren und der hergerichteten Minipli-Frisur – weißhaarig und mit Bart wandelte sich Tom Jones im neuen Jahrtausend zum Elder Statesman.

Dazu passt, dass er mittlerweile bei Casting-Shows den gütigen Juror gibt und in Talkshows gerne Anekdoten von Elvis und Louis Armstrong erzählt.

Nächstes Jahr wird Jones 80 und man hat das Gefühl, dass er mit dieser gefühligen Version von Cohens „Tower of Song“ so etwas wie einen Abschied eingespielt hat:

Kurz gesagt: Tom Jones war kein potenter Balladen-Brüller aus Papas Plattenschrank – im Gegensatz zu Elvis und meinem Vater ist er geblieben, war immer da, immer neu. Er wurde Teil meiner musikalischen Prägung wie der meines Vaters. Hätte ich einen Sohn, er könnte Tom Jones-Fan sein, ohne sich schämen zu müssen. Welcher Sänger kann von sich sagen, in 50 Jahren niemals unmodern oder altbacken gewesen zu sein?!

Das war auch der Grund, warum ich mich ein wenig vor dem Konzert in Ludwigsburg fürchtete. Anfang 2018 hatten wir Jones in Santa Barbara / Kalifornien verpasst und es schien uns hier die „last chance to see“. Ich meine, wie oft wird, wie oft kann Tom Jones noch touren?

Es gibt drei Dinge, die Konzerte von Altstars versauern können:

  1. körperliche Gebrechen (Phil Collins)
  2. stimmliches Versagen (Meat Loaf)
  3. mangelnder Einsatz (Bryan Ferry)

Bei Jones fürchtete ich 1 (fast 80!) und 2 (fast 80!) – meiner Erfahrung nach musste man sich bei den alten Vegas-Schlachtrössern um 3 nie Sorgen machen. Die wissen, was sie ihrem Publikum schulden, die zahlen den Preis. Und meistens haben sie auch Spaß dabei.

Weil ich ein paar entspanntere Auftritte im Fernsehen gesehen hatte, mit Jones auf dem Barhocker sitzend und mit geschlossenen Augen singend, war ich darauf eingestellt, dass Tom Jones 2019 sicher nicht das episch schmetternde Alpha-Männchen mit Schweiß aus reinem Testosteron mehr sein würde. Ein würdiges, sympathisches Altherrenkonzert war alles, was ich mir erhoffte.

Und ich lag volle Kanne daneben.

Ja, der Mann ist hüftsteif und wenn er mal ein paar Schritte über die Bühne geht, dann ist die Elastizität dahin. Der Bauch ist etwas dicker, wird aber gut von Hemd und Sakko kaschiert. Die Silhouette ist dafür etwas schmaler geworden – auch wenn man keinen Zweifel hat, dass Jones in der Lage wäre, Männer halben Alters eigenhändig aus dem Pub zu schmeißen, wenn sie den falschen Knopf an der Juke Box drücken.

Aber diese Set-List, diese Energie – diese STIMME! Tom Jones 2019 ist Tom Jones – ohne Abstriche. Von ganz unten bis ganz oben, aus einer Lunge wie aus einem Blasebalg, manchmal knarzend wie ein Altrocker, dann wieder brünftig wehklagend, als müsse er eine Vegas-Tänzerin ins Bett singen. Zwei Stunden lang Vollgas, von Gospel und frühem Rock’n‘ Roll über die schmalzigen 70er-Nummern bis zu modernem Pop. Jones singt alles, aber nicht alles gleich – er weiß, dass „Delilah“ 2019 etwas mehr Ironie braucht und kann danach für „Soul of a man“ ganz tief in den Emo-Keller gehen:

Die Set-List nach bestem Wissen und Gewissen:

  • Burning Hell
  • Run On
  • Mama Told Me Not To Come
  • Did Trouble Me
  • Raise A Ruckus
  • Sex Bomb
  • Take My Love (I Want To Give It All To You)
  • Cry To Me
  • Delilah
  • Soul Of A Man
  • Tower Of Song
  • If I Only Knew
  • I’ll Never Fall In Love Again
  • Green, Green Grass Of Home
  • What’s New Pussycat?
  • It’s Not Unusual
  • You Can Leave Your Hat On
  • I Wish You Would
  • What A Wonderful World
  • Kiss
  • Strange Things

Es ist Teil der Tom Jones Experience, dass hier makellose Professionalität geboten wird, vom Bühnenbild über die Musiker bis zur Performance: Tom Jones weiß, dass die Leute ihn singen hören wollen, er beschränkt das Geplauder zwischen den Songs auf Nettigkeiten, um die Verbindung zum Publikum zu halten. Nett, aber unverbindlich. Für eine Legende wie ihn gibt es keinen Grund, zu experimentieren oder sich mit dem Mob vor der Bühne zu verbrüdern. He’s Tom motherfucking Jones.

Am Ende bin ich nicht nur begeistert, sondern auch beruhigt – das hier war keine „last chance to see“, kein Abschied, nur damit ich später mal sagen kann „ich habe Tom Jones noch live gesehen“. Der Mann steht voll im Saft und verspricht zum Schluss auch, dass er mit seinen Musikern noch viele Jahre touren will. In DIESEM Zustand? Kein Problem.

Ein Phänomen, ein Diamant – wer 1968 (mein Geburtsjahr) mit 20 ins Konzert gegangen ist, konnte heute mit 70 den gleichen Sänger immer noch live sehen.

Mit hat’s gefallen. Meinem Papa hätt’s gefallen. Schade, dass es uns nicht vergönnt war, zusammen hinzugehen.

 

 



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Comicfreak
Comicfreak

Wow..

Einfach wow

Dietmar

Da bin ich jetzt neidisch.

Mick
Mick

Neid. Die gar nicht mal so heimliche Liebe zu Tom Jones teile auch ich mit meiner Mutter. Hätte mir bestimmt auch gefallen.

simop
simop

Ich hatte die Freude, 2014 zufällig beruflich in Potsdam zu sein, als er dort zusammen bzw. nach UB40 auftrat.
Auch ich kann nur sagen: Wow.
Hüftsteif schon damals (immerhin 75 – ich wünschte, ich wäre so fit in dem Alter!), aber die Stimme … wie eh und je.
Und ja, er lieferte eine grandiose Show aus alten und neuen Stücken, die neuen, die er dort präsentierte, waren eher im Stil „Tower of Song“ (Titel weiß ich nicht mehr), aber einfach nur … genial.

Es war mir eine Freude, ihn zu sehen

Michael Schnabel
Michael Schnabel

Kenne ihn, wie jeder. War nie so der Tom Jones Mann. Aber ungelogen, Tower of Song angemacht, adhoc Gänsehaut. Krass. Danke für den Musiktipp Herr Dewi.

S-Man
S-Man

Ich finde gerade das Video lustig. Im ersten Moment dachte ich, das wäre ein Flugzeug bei Nacht, wo die ganzen Monitore der einzelnen Fluggäste an sind. Dann realisierte ich erst, dass das alles Handys sind – irgendwie strange.

Ich bin ja nun viel auf (eher lauteren) Konzerten unterwegs. Aber ich muss sagen, ich fühle mich teilweise echt gestört durch die vielen Leute, die einem ihr Telefon vor die Nase halten bzw. kann ich nicht verstehen, wie man Teile oder gar das ganze Konzert nur durch das Handy hindurch verfolgen kann – um am Ende ein verwackeltes, oft völlig übersteuertes Video zu haben.

Neulich gab es ein Konzert, bei dem es Handyverbot gab. Da wurden beim Einlass wirklich alle Handys gesichert. Hat erstaunlich gut funktioniert. Hinterher war es toll, zu hören, dass die meisten das als sehr entspannend empfanden und man das eigentlich häufiger machen sollte 😀

Dietmar

Ich stelle mir gerade vor, wie in klassischen Konzerten die Besucher plötzlich ihre Handys hochhalten … 🙂