Ich hab’s hier echt schleifen lassen. Wird sich bessern, versprochen.

Manchmal fragen mich Leute nach meiner Meinung zu dies und das. Seltsam genug – was weiß ich denn schon? So kam gestern auf Facebook der Verweis auf das „Kurzprogramm“ des Ex-Regisseurs und Restaurantbesitzers Uwe Boll mit der Bitte, es zu kommentieren. Denn jawohl, der Filmverbrecher und Kritikerverdrescher ist der Meinung, dass er nicht nur Kino besser kann als alle anderen, sondern auch Politik.

Boll ist dabei Sympathisant der „Das Haus Deutschland“-Partei, einer obskuren Mini-Vereinigung, die durchaus kritisch beäugt werden darf. Ihr Programm liest sich wie ein Wunschzettel von Leuten, die „wollen“ für „können“ halten, gemäß dem Motto „in einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat“. Ich will dabei nicht mal zynisch klingen: eine Partei, die es wirklich besser machen will, sollte natürlich nicht mit den Forderungen antreten, die sie tatsächlich umsetzen kann, sondern mit einer Vision für eine bessere Welt. Warum „Sammlung und Entsorgung aller Uwe Boll-Filme“ nicht dazu gehört, erschließt sich mir allerdings nicht.

Nun lässt sich Boll von seinen Claqueuren feiern, weil er es „denen da oben“ aber „mal so richtig“ zeigen könnte, wenn man ihn nur ließe. Und wenn man ihn nicht lässt, dann ist natürlich nicht er Schuld, sondern die Macht-Elite, die ihm ja auch schon die Oscars und die Michelin-Sterne verweigert hat.

Auf Facebook habe ich Bolls politische Agenda dergestalt kommentiert:

„Das ist genau das Programm, das jemand schreibt, der keine Ahnung hat, wie Politik funktioniert. Lauter oberflächlich vernünftiges Zeug, das entweder nicht finanzierbar oder nicht legal oder nicht organisierbar ist. Oder alles zusammen. Mich wundert, dass er nicht auch noch gutes Wetter und besseren Sex für alle versprochen hat.“

Mein Blog ist der Ort, an dem ich Butter bei die Fische gebe und das konkretisiere. Klopfen wir also das ungekürzte „Kurzprogramm“ mal Stück für Stück ab.

„Massentierhaltung wird abgeschafft. Jedes Zuchttier kommt auf die Wiese.“

Klingt super. Wäre ich für. Nur leider entscheidet so etwas nicht der Kanzler oder seine Regierung. Ich denke mal, Herr Boll dürfte schwer der Kopf rauchen, wenn er erstmals die gesamten EU-Richtlinien und damit verbundenen Gesetze liest. Aber dass er die Forderung politisch nicht durchsetzen kann, ist eh wurst, denn auch technisch geht das nicht, weil man a) Großkonzernen schlicht nicht von heute auf morgen vorschreiben kann, wie sie zu arbeiten haben und b) nicht ausreichend Wiese für die Zuchttiere zur Verfügung steht. Und schließlich: spätestens wenn die Regale im Supermarkt leer sind und das Schnitzel auch beim Discounter 8 Euro kostet, hat der Superkanzler sein Wahlvolk gegen sich. Denn das Schnitzel ist heilig!

Nochmal: Ich bin nicht GEGEN die Idee von Boll. Niemand mit Verstand wäre das. Aber ich argumentiere gegen ihre Umsetzbarkeit, so wie Boll sich das vorstellt.

„Glyphosat wird verboten. Landwirtschaft wird komplett auf Bio umgestellt.“

Glyphosat verbieten? Kann man machen. Ich bin da angesichts der unklaren Faktenlage hin- und hergerissen. Aber selbst wenn Deutschland Glyphosat verbietet, kann es die Einfuhr von Waren, die mit Glyphosat behandelt wurden, nicht verbieten. Der Effekt wäre massiv überschaubar. Erneut scheint Boll der Annahme zu unterliegen, eine (politisch praktisch nicht umsetzbare) nationale Maßnahme würde einen irgendwie erkennbaren globalen Effekt haben.

Landwirtschaft komplett auf Bio umstellen? Siehe „Massentierhaltung“. Soll die Versorgung der Bevölkerung ohne massive (und damit sozial Schwache treffende) Preissteigerung gesichert bleiben, wäre die Folge ein Import von Nicht-Bio-Lebensmitteln aus dem weniger bemühten Ausland.

Dass die Massentierhaltung verbessert werden muss, dass Standards und Kontrollen dringend verschärft werden müssen? Geschenkt. Aber „alles auf Bio“ ist ungefähr so sinnvoll wie „nur noch Häuser aus Holz!“.

„Abholzung des Regenwaldes in Suedamerika muss eingestellt werden: wir kaufen den Regenwald als EU Massnahme von Brasilien.“

Wenn der denn verkauft werden soll. Was ich auch aus Gründen des Nationalgefühls der Brasilianer fast ausschließe. Aber um der Diskussion willen: Das IST eine gute Idee. Das globale Interesse an Gegenden der Antarktis und dem Regenwald sollte auch zu globaler Verantwortung führen. Nur leider ist das nichts, was ein deutscher Bundeskanzler entscheidet. Die Idee, dass Politik abhängig von internationalen Netzwerken und Verpflichtungen ist, scheint Boll nicht wahrhaben zu wollen.

Das Thema der internationalen militärischen Verteidigung der Regenwälder hat Frank Miller übrigens 1990 bereits aufgearbeitet.

„Umstellung auf regenierbare Energien so schnell wie moeglich: Ausstieg aus Kohle und Oel.“

Hier haben wir wieder das Problem des Abstands von „wollen“ zu „können“. Eine Idee muss nicht nur gut, sie muss auch umsetzbar sein. Im Grunde genommen wollen ALLE Parteien weg von Kohle und Öl – selbst die, die auf Kohle und Öl setzen. Klingt widersprüchlich, ist aber so: Die Befürworter von Kohle und Öl halten die fossilen Brennstoffe auch nur für die am wenigsten schlechte Lösung. Käme es morgen zu einem wissenschaftlichen Durchbruch und saubere Energie für alle wäre verfügbar – KEINE Partei würde den fossilen Brennstoffen das Wort reden. Aber die Phrase „Umstellung auf regenerierbare Energien“ ist halt nur dann leicht mit Inhalt zu füllen, solange man sich mit dem Thema nicht auseinander setzt.

Btw: regenerierbar muss man nicht nur wollen, sondern auch schreiben können.

„Mindestrente 1300 Euro / Mindestlohn 15 Euro“

Noch mehr Polemik. Auf Mindestlohn 15 Euro kann ich mich noch einlassen, auch wenn ich ihn nicht für eine zwingend notwendige Stellschraube der sozialen Gerechtigkeit halte. Aber 1300 Euro Rente? Wer hat das berechnet? Wie soll das für Dömitz genau so gerecht sein wie für Dortmund, für München wie für Melsungen?

„Keine Erhoehung von Politikerdiaeten fuer die naechsten 10 Jahre.“

Wie albern. Das ist populistisches Fastfood, eine stammtischige Bestrafung „derer da oben“. Weder sinnvoll noch durchsetzbar noch irgendwie notwendig.

„Dividenden, Zinsertraege ueber 100.000 Euro pro Jahr werden mit 60% besteuert.“

Kann man wollen. So lange, bis einem das eigene Finanzamt mal erklärt, wie viele Millionen Einzelfälle sich damit nicht in Einklang bringen lassen. Und wie viele der besserverdienenden Steuerzahler dann ihr Geld ins Ausland verschiffen. Es wird eine neue Blütezeit anbrechen – der Steuervermeidungsmodelle.

„Erbschaften ueber 1 Mio. Euro exklusive Immobilien werden mit 50% besteuert.“

Noch mehr populistischer Unfug. Ich habe ja mal über meine Gedanken zum Erbrecht geschrieben – deutlich radikaler noch als Boll. Das Hauptproblem sehe ich hier bei der Stellschraube „exklusive Immobilien“. Das würde im Endeffekt bedeuten, dass der Immobilienhai seinen Besitz quasi unbesteuert vererben kann, der fleißige Sparer aber kräftig abdrücken muss? Und wenn man dann mal die Krebsdiagnose bekommt, sollte man fix ein paar Häuser kaufen, bis das Konto leer ist? Das ist alles nicht durchdacht.

„Keine Co2 Steuer / keine PKW Maut / Abschaffung Soli Zuschlag“

Damit ist Boll auf Seiten einiger sehr etablierter Parteien, für eine Revolution dürften solche Basis-Forderungen kaum reichen.

„Deutschland muss sich selber und zur Not alleine verteidigen koennen. Wir brauchen eine Top ausgeruestete Berufsarmee.“

Deutschland muss sich selber verteidigen können? Gegen wen?! Gegen den Erbfeind Frankreich? Die KuK-Monarchie? Den Iwan? Mir scheint, als sei Bolls Vorstellung der möglichen Bedrohungsszenarien im letzten Jahrhundert stecken geblieben. Die Antworten auf die wirklichen Fragen bleibt er schuldig: inwieweit sollte/könnte sich Deutschland international involvieren? Sind „Friedensmissionen“ im Ausland eine Verteidigung der Heimat? Ist militärische Hilfe schon Beihilfe zum Massenmord?

„Migration aus Afrika muss eingedaemmt werden. Geholfen wird direkt in Afrika. Migranten, die straffaellig werden und sich nicht anpassen werden ausgewiesen. Asylverfahren werden verkuerzt.“

Wieder: nur wünschenswerte Ziele, aber keine praktikablen Wege. „Geholfen wird direkt in Afrika“ – zahlen wir den Potentaten vor Ort nicht genug Entwicklungshilfe, die nie beim Volk ankommt?! Ist es denn so schwer zu verstehen, dass Afrika im direkten Vergleich mit Europa immer ziemlich scheiße aussehen wird und es deswegen auch IMMER einen Strom von Süden nach Norden geben wird? Das werden wir weder durch Geld noch Straßenbau noch Lebensmittellieferungen ausgleichen.

Und ob Herr Boll das nun passt oder nicht: der Gleichheitsgrundsatz verbietet es, Migranten anders zu bestrafen als Biodeutsche. „Asylverfahren werden verkürzt“ ist ungefähr so stimmig wie „Benzin wird billiger“, wenn man nicht mal andeuten muss, wie das genau gehen soll.

„Wer arbeitet und Steuern zahlt darf bleiben.“

Ich weiß, Boll redet von Migranten, aber – da kenne ich einen Haufen Biodeutscher, die wir sofort abschieben können. Wohin nur?

„Die EU wird nie funktionieren wie die USA. Die Laender und Mentalitaeten sind zu verschieden, deshalb sehen wir die EU mehr wie eine Wirtschafts- und Arbeitsgemeinschaft ansonsten souveraener Staaten.“

Das ist so krasser Kappes, dass ich mich mit einem Widerspruch schwer tue. Die EU SOLL nicht funktionieren wie die USA, weil sie eben KEINE Nation aus Bundesstaaten ist, sondern (und jetzt kommt’s) eine Wirtschafts- und Arbeitsgemeinschaft ansonsten souveräner Staaten.

„An Verbrecherstaaten wie Saudi Arabien werden keine Waffen mehr verkauft.“

Herr Boll, haben Sie sich von den Investoren Ihrer Filme immer das Vorstrafenregister zeigen lassen? Nein. Mit Sicherheit nicht. Ich bin auch für strengere Rüstungskontrollen und internationalen Handel nach moralischen Maßstäben, aber der Saudi hat nun mal das Öl und solange der Deutsche an der Tanke keinen Herzinfarkt bekommen möchte, muss man den politischen Realitäten Rechnung tragen. Und wer definiert „Verbrecherstaaten“? Ich sehe da interessante Diskussionen in der UNO-Vollversammlung auf uns zukommen.

Sehr bezeichnend übrigens, dass Ihnen die Rechte der Minderheiten – in Saudi-Arabien und auch bei uns – keine Zeile wert sind.

Überhaupt vermeidet Boll alles, was jenseits der BILD-Schlagzeilen liegt: Bildungspolitik, Straße vs. Schiene, Ärztenotstand, Wohnungsmangel, Trennung Staat/Kirche. Er reagiert nur auf billige Empörung. Damit lässt Boll seine Agenda ebenfalls von Springer bestimmen.

Am Ende ist das alles Schall und Rauch – populistische Einfachlösungen, die nur so lange einfach sind, wie man sie nicht hinterfragt. Die Politik, wie Uwe Boll sie will, mag oberflächlich toleranter und menschenfreundlicher sein als die von Donald Trump – intelligenter oder durchdachter ist sie nicht.

Ich setze meine Hoffnung für die Zukunft doch lieber in Leute, die Politik als Beruf ernst nehmen und bereit sind, sich mit dem Komplexitäten wie den Realitäten der Welt auseinander zu setzen, statt dumpf auf den Stammtisch zu klopfen.



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Danke

Martin Däniken
Martin Däniken

https://www.youtube.com/watch?v=xeSrziNjv6E
Boll im Gespräch mit Dieter Röseler

Eine tiefsinnige Gesprächsrunde ist das nicht !
Aber aufschlussreich…

Dietmar

Ich setze meine Hoffnung für die Zukunft doch lieber in Leute, die Politik als Beruf ernst nehmen und bereit sind, sich mit dem Komplexitäten wie den Realitäten der Welt auseinander zu setzen, statt dumpf auf den Stammtisch zu klopfen.

Womit sich dann jeder Kommentar von mir wegen Übereinstimmung erledigt hätte. 🙂

Jake
Jake

Ach, der Uwe. Das unterhaltsamste an seinen Filmen waren immer die Bollschen Audiokommentare. Als er damals seine Kritiker im Boxring vermöbelt hat, musste ich auch gut lachen. Ansonsten labert mir der Kerl etwas zu viel Müll. Neulich erst durch Zufall auf dem YT-Kanal „I hate everything“ auf ein aktuelles Video gestoßen, in dem einige von Boll’s Letterboxd-Reviews zum Besten gegeben werden. Da weiß man echt nicht, ob man lachen oder weinen soll: https://www.youtube.com/watch?v=WgAitlF_ynk

Das Parteiprogramm hast Du schön auseinander genommen, da gibt es nichts hinzuzufügen. Diese „Text-Zerpflückungen“ gehören eh zu meinen Favoriten auf Deinem Blog.

Matts
Matts

Aber Herr Boll: Was ist denn aus „play golf for the rest of my life“ geworden?