Eigentlich möchte ich nur eine kurze, knappe Konzertkritik schreiben – aber das hier geht weiter zurück. Das hat eine Geschichte. Und die muss ich erzählen.

Ich gesteh’s: ich gehe gerne in Konzerte von 80er Jahre-Stars. Die Helden meiner Jugend, ich jubele ihnen immer noch zu, solange es keine peinliche Schlagergala/Retro-Festival-Nummer und der Saal bestuhlt ist. Chris de Burgh, Bryan Ferry, Pet Shop Boys, a-ha (akustisch) – da bin ich dabei, immer mit der LvA an meiner Seite.

Letzte Woche postete Holger Kreymeier von Massengeschmack-TV ein Foto aus einem Konzertsaal in Hamburg, wo gerade Tony Hadley auftrat. Für alle, die es nicht wissen – Hadley war in den 80ern der Sänger und das Aushängeschild von Spandau Ballet:

Spandau Ballet. War ich massiver Fan von. Die haben ein paar echte Perlen des „sophisticated pop“ hinterlassen: True, Gold, Through the Barricades. War man damals ein Fan, gehörte man zu den „Spans“. Als Duran Duran-Anhänger war man ein „Duranie“ und als Groupie von Bros eine „Brosette“. Einfacherer Zeiten.

Leider konnten sich die Beteiligten der Band nicht einigen, wem der Erfolg und damit die Tantiemen gebührten – den Kemp-Brüdern, die praktisch alle Songs schrieben und produzierten, oder der Band als Gesamt-Projekt. Und so kam es, dass eine der kommerziell erfolgreichsten Popgrupppen der 80er sich um 1990 herum sang- und klanglos auflöste und in den darauf folgenden zehn Jahren primär vor Gericht traf.

Man darf sich durchaus fragen, welche großartigen Alben niemals produziert wurden, weil die Beteiligten sich um Millionen stritten, von denen sie sowieso genug hatten.

Zeit heilt bekanntlich die meisten Wunden und knapp 20 Jahre nach dem Aus standen Spandau Ballet 2009 wieder in der Original-Besetzung auf der Bühne und machten mal eben mehrfach die Royal Albert Hall in London voll. Und wer geglaubt hatte, da sei kein Sprit mehr im Tank, wurde beeindruckend eines Besseren belehrt:

Ein paar Jahre später tourte die Band nochmal zur Promotion des Dokumentarfilms „Soul Boys of the Western World“ – ein Muss für interessiert Musikliebhaber, denn erfreulicherweise schien schon zu Schulzeiten immer jemand eine Videokamera parat zu haben, wenn die Jungs irgendwo spielten. Die Doku fängt perfekt das Zeitkolorit und die Atmosphäre der britischen New Wave der frühen 80er ein. Glücklicherweise gibt es sie gerade komplett auf YouTube:

Alles Happy am End? Leider nein. Die alten Wunden sind – so scheint’s – wieder aufgebrochen und 2017 erklärte Tony Hadley erneut seinen Austritt aus der Band. Er wollte wieder solo touren und die anderen Jungs holten sich einen frischen Sänger:

Wie albern, wie unnötig. Das erinnert an Chicago, die man mittlerweile auch auf parallelen Konzerten sehen kann: als „Chicago“ und als „Peter Cetera (voice of Chicago)“. Ich gebe allerdings zu, dass der Austausch eines Leadsängers funktionieren kann, wenn der Nachfolger ähnlich stimmgewaltig und charismatisch ist:

Nun leben wir also in einer Zeit, in der es „Spandau Ballet“ und „Tony Hadley (voice of Spandau Ballet)“ auf den Konzertbühnen zu erleben gibt. Und als ich erfuhr, dass Hadley diese Woche in Mannheim sein sollte, waren die Karten schnell gekauft. Die LvA zeigte sich erfreut und überrascht.

Vorher hatte ich mich allerdings bei Holger Kreymeier erkundigt, ob Hadley auch Songs von Spandau Ballet singen würde – das Material seiner Solo-Karriere schien mir zu dünn für ein Konzert. Glücklicherweise antwortete Holger „fast ausschließlich“.

Und was soll ich sagen? Ein Hammer war’s. Zwei Stunden Power ohne Pause, Hits im Dauerfeuer, sauber unterfüttert mit ein paar weniger bekannten, aber dadurch nicht schlechteren Nummern. Tony Hadley 2019 unterscheidet sich von Tony Hadley 1984 nur durch 20 Kilo. Der Rest ist so perfekt und so professionell wie eh und je. Als elegante Mischung aus Alec Baldwin, Rock Hudson und Dean Martin hat der sympathische Brite sein Publikum voll im Griff und gibt alles – was wahrlich nicht wenig ist. Den echten Profi erkennt man daran, dass es für ihn keine „kleinen“ oder „großen“ Auftritte gibt, keine „Metropolen“ und keine „Provinz“. Eine Stimme wie die von Hadley funktioniert nur auf 11 – und wir bekamen 11. Entgegen meiner Gewohnheiten habe ich ein paar kurze Male das Handy hoch gehalten:

Ja, der Mann hat tatsächlich „Somebody to love“ von Queen gesungen – eine Cover-Version die ungefähr so überraschend kam wie „Africa“ von Chris de Burgh, und genauso überzeugte. Die stimmliche Wucht von Hadley ist beeindruckend. Die Solo-Nummern passen exzellent zwischen die Spandau Ballet-Klassiker und es gab deutlich weniger Kuschelrock-Gedudel, als ich befürchtet hatte.

Natürlich ist das – trotz ungefähr 70 Prozent der Playlist aus dem SB-Katalog – nicht Spandau Ballet. Es ist „Tony Hadley & Band“. Den Erfolg von Spandau Ballet machte ja aus, dass auch die anderen Musiker viel Bühnenpräsenz und Show mitbrachten. Das fehlt hier naturgemäß. Und auch die Abwesenheit eines SB-prägenden Instruments fiel auf – das Saxophon wurde aber erfolgreich durch diverse Gitarren-Soli ersetzt. Eine herausragende Percussion-Musikerin half dabei, den Sound adäquat aufzupumpen.

Ihr ahnt das Urteil: ein toller Abend. Vielleicht auch, weil ich mich freue, dass die Musik und der Sänger so wenig gealtert sind. Wenn Tony Hadley 2019 nur Tony Hadley 1984 mit 20+ Kilo ist – vielleicht ist dann der Wortvogel 2019 auch nur der Wortvogel 1984 mit 30+ Kilo. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.



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DietmarFreibeuterKarstenBegeisterte KonzertgängerinFlossensauger Recent comment authors
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Nikolai
Nikolai

„Das hat eine Geschichte. Und die muss ich erzählen.“
Genau deswegen sind wir doch hier.

Maultasche88
Maultasche88

„Holger Kreymeier von Massengeschmack-TV“… Da bin ich dann ausgestiegen.

Jake
Jake

Wie die Überschrift schon subliminal suggeriert, ist Herr Kreymeier nicht Thema des Beitrags.

Holger Kreymeier

Ich frag jetzt mal lieber nicht, wofür die 88 steht…

Freibeuter
Freibeuter

Vielleicht ja für sein Geburtsjahr. Hier ohne irgendeinen Anlass etwas anderes zu vermuten ist ein bisschen unlauter, finde ich.

sergej
sergej
Dietmar

Also: Hammer! Mir war Spandau Ballet immer irgendwie zu glatt. Aber das hier beeindruckt mich. (Ich werde aufgrund fortgeschrittenen Alters auch bei Titeln sentimental, die ich früher komplett und leidenschaftlich ablehnte.) Erstens ist das eine beeindruckende Stimme und zweitens überrascht mir, dass Musik, die ich für mich „jugendlich“ ist, so überzeugend von einem gestandenem Mann präsentiert wird.

Oibert
Oibert

„War man damals ein Fan, gehörte man zu den „Spans“. Als Duran Duran-Anhänger war man ein „Duranie“ und als Groupie von Bros eine „Brosette“. „

Also für uns waren das damals einfach alles Popper 😉

Dietmar

Stimmt! Fiel mir leider nicht ein, aber stimmt! 😀

Flossensauger
Flossensauger

Sicher, das der Song „Africa“ von Chris de Burgh stammt?-Würde hier eher auf Toto tippen.

Howie Munson
Howie Munson

Ein Link hätte die Frage im voraus beantwortet….
https://wortvogel.de/2017/06/konzertkritik-chris-de-burgh/

Begeisterte Konzertgängerin
Begeisterte Konzertgängerin

Hallo Wortvogel, wir waren gestern bei einem Konzert von Tony Hadley und es war genau so, wie hier beschrieben. Tolle Stimme, tolle Lieder (Alte und Neue) – Back to the 80s + neue Lieder! Und das mit den 20kg + stimmt auch (das war mein O-Ton an meinen Mann – „der sieht aus, wie vor 30 Jahren nur 20 kg schwerer“ 🙂