25
Okt 2021

Fantasy Filmfest 2021 Tag 8, Film 1: TED K

Themen: Fantasy Filmf. 21, Film, TV & Presse, Neues |

USA 2021. Regie: Tony Stone. Darsteller: Sharlto Copley, Drew Powell, Bob Jennings, Amber Rose Mason, Travis W. Bruyer

Offizielle Synopsis: „Technologie ist das Schlimmste“, urteilt Harvard-Professor Theodore Kaczynski und emeritiert 1971 in die Rocky Mountains. Hier findet er Ruhe – mitnichten! Im Winter donnern Jetskis durch den Wald, im Sommer Motocross-Bikes, von Baumvernichtungsmaschinen und Passagier-Flugzeugen ganz zu schweigen. Lärm. Lärm! LÄRM! Gegen die Technik-Bedrohung zu Lande helfen Axt und Stein – gegen Airlines und Rohstoffkonzerne greift Ted zu härteren Methoden.

Kritik: Meine Kritik an den Inhaltsangaben hat ja fast schon Tradition – nicht aber, dass ich statt des Inhalts am Stil der Synopsis mäkele. In diesem Fall ist das aber angebracht, denn das liest sich, als wäre der Ruhe suchende Ted von den monströsen Exzessen der Maschinenzivilisation zum Widerstand quasi gezwungen worden. Diese Lesart ist leider null gedeckt, denn Ted Kaczynski ist der Unabomber, ein durch und durch verwirrter "domestic terrorist", der seine Kritik am herrschenden System als Feigenblatt nutzt, um von Menschenhass und sozialem Autismus motivierte Morde und Attentate zu rechtfertigen. Da stößt mir die launige Inhaltsangabe schon sauer auf.

Das gilt besonders, weil TED K so gar nicht versucht, dem Thema unangebrachtes Entertainment abzuringen. Im Grunde genommen beobachten wir den Aussteiger Ted Kaczynski über einen unbestimmten Zeitraum hinweg, erleben sein nur vorgeblich idyllisches Einsiedlerleben, seinen explosiven Hass auf die Menschen und die armselige Behauptung, ein "free man" zu sein – der immer wieder seine Familie um Geld anbetteln muss. Kaczynski ist nur in seinem eigenen Kopf ein souveräner, autonomer Charakter – für Außenstehende ist er bestenfalls ein komischer Kauz, schlimmstenfalls ein asozialer Penner.

Der Film zeigt Kaczynski dabei durchaus als hadernden Menschen, macht jedoch nicht den Fehler, Sympathie für ihn generieren zu wollen. Gäbe man Kaczynski einen Grund, warum er so denkt, wie er denkt, gäbe man ihm auch eine Rechtfertigung. Stattdessen bleibt Kaczynski ein offensichtlich hoch intelligenter, aber mental instabiler Charakter. In diesem Kontext ist die Aussage des Posters, Kaczynski würde hier "demaskiert", natürlich irreführend.

Klar ist das kein Horror- oder Actionfilm im klassischen Sinne und ich kann jeden verstehen, der die Eignung für das FFF in Frage stellt. Aber wir hatten ja auch schon Dahmer und Bundy – diese Männer sind ein amerikanisches Trauma, ein schmutziger Spiegel. Und dass ihre Geschichten Nervenkitzel darstellen, steht außer Frage.

Es sei mir zum Abschluss aber noch ein ketzerischer Einwurf erlaubt. Eine Texteinblendung im Nachspann informiert uns, dass die Jagd nach Ted Kaczynski die aufwändigste FBI-Fahndung der US-Geschichte war. Kaczynski hatte zwischen 1978 und 1995 drei Menschen ermordet.

New York schaffte diese Zahl damals an einem Tag. Jeden Tag.

Fazit: Ein faszinierendes, fast dokumentarisches True Crime-Porträt eines "american terrorist", das sich nicht am Anspruch überhebt, Antworten zu geben, aber die Widersprüche des Charakters von Ted Kaczynski schön rausarbeitet. Copley ist erwartungsgemäß hervorragend. 8 von 10 Punkten. 

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25. Oktober, 2021 14:41

Fairerweise sollte man allerdings auch anmerken, dass Kaczynski neben drei Toren auch diverse Schwerverletzte zu verantworten hat, etliche davon mit dauerhaften Schädigungen.

Thomas Hortian
27. Oktober, 2021 17:02

Ich hab den im März im Rahmen der Berlinale gesehen und war eher zwiegespalten:
"Es wird nie richtig klar, worauf Tony Stone hinaus will … Ted K ist körperliches Kino, das einen etwas konfus und mit einem beklommenen Gefühl von Leere zurücklässt. Die Leistung von Sharlto Copley ist großartig, die Photografie hingebungsvoll und der Score teils bombastisch. Egal, wie man den Film letztendlich findet, er ist auf jeden Fall ein denkwürdiges Erlebnis."
3/5