USA 2019. Regie: David Leitch. Darsteller: Dwayne Johnson, Jason Statham, Vanessa Kirby, Idris Elba, Ryan Reynolds, Helen Mirren, Kevin Hart, Daniel Bernhardt u.a.

Story: MI6-Agentin Hattie soll den Transport einer Virus-Waffe abfangen. Am Ende der desaströsen Mission hat sie selber den Erreger im Blut und sämtliche globalen Geheimdienste am Hacken. Zwei Männer werden darauf angesetzt, sie zu finden – Luke Hobbs und Deckard Shaw. Erschwert wird die Jagd durch einen Super-Soldaten, der für eine zwielichtige Security-Firma arbeitet, die tief gehende Abneigung der beiden Muskelmänner – und die Tatsache, dass Hattie Deckards kleine Schwester ist.

Kritik: Kleine Einordnung vorab. Ich war nie ein Fan der FAST & FURIOUS-Filme. Teil 1 habe ich gesehen, fand ich meh. Teil 5 habe ich mal in der Türkei im Hotelkino gesehen – und der hat mich zwar unterhalten, aber so wenig beeindruckt, dass es auch Teil 4 oder 6 gewesen sein könnte. Es gibt halt Franchises, die mich nicht packen. TRANSFORMERS gehört dazu. FLUCH DER KARIBIK auch. Das ist keine qualitative Wertung. Diff’rent strokes for diff’rent folks.

Warum ich mir HOBBS & SHAW nun doch angesehen habe? Aus mehreren Gründen. Geile Trailer. Ich mag Johnson und Statham. Erheblich mehr als Diesel und Walker. Die haben Charisma, gutes „comedic timing“. Und schließlich: Ich wollte mal sehen, ob FAST & FURIOUS allen Ernstes stark genug ist, einen Spinoff zu tragen. Meine Erwartung, als ich den Hintern in den Kinosessel pflanzte: hochoktanige Action, launige Sprüche und ein massiver CGI-Overkill.

Ich bekam… ein bisschen mehr, sogar. HOBBS & SHAW ist das, was man im DDR-Jargon „Übererfüllung des Plansolls“ nannte. Er ist sichtlich bemüht, eben nicht nur ein hohler Blockbuster zu sein, der die Checkliste durchgeht, sondern genuines Entertainment. Das ist mehr als Dienst nach Vorschrift.

Machen wir uns nichts vor: Ich bin ein abgebrühter Hund. Spektakel-Stunts und Sprüche bekommen von mir üblicherweise gerade mal ein gefälliges Nicken. Aber bei HOBBS & SHAW musste ich mehrfach laut lachen und die Action-Sequenzen sind (mit Ausnahmen) krachend und einfallsreich genug, um auch Altgeeks zu begeistern. Der Film macht wirklich gar keine Pause, hangelt sich extrem flüssig von einer Hetzjagd zur nächsten, von London nach Moskau nach Samoa. Über zwei Stunden knallbunte Kirmes aus kreischenden Reifen, knatternden Maschinenpistolen und knackenden Knochen.

Dass dabei nicht komplett die Figuren oder der Flow abhanden kommen, ist sicher auch der Hand von Regisseur David Leitch zu verdanken, der eben nicht aus dem FAST & FURIOUS-Ghetto kommt, sondern mit JOHN WICK, ATOMIC BLONDE und DEADPOOL 2 bereits mehrere knochenharte Action-Knaller abgeliefert hat. Der hält die Narrative bei aller Exzesse exzellent im Zaum. Natürlich ist das nicht mehr oldschool und Veteranen werden sich über die Schnittgewitter beschweren, aber verglichen mit dem aktuellen Standard in Hollywood ist das sehr solides Handwerk.

Spirituell hat dieses Kind viele Väter: die späteren Bond-Filme von Roger Moore, TANGO & CASH, LETHAL WEAPON, G.I.JOE und vor allem die neueren MISSION IMPOSSIBLE-Teile. Die Protagonisten sind keine Menschen, sie sind Figuren, die Welt besteht nicht aus Ländern, sondern aus Leveln, und am Ende jedes Levels wartet ein Bossfight. Trotz aller Gewalt gibt es kein Blut, eine wie auch immer geartete Realität mit zivilen Opfern, Polizei oder einer Konsequenz aus der Verwüstung ganzer Innenstädte existiert nicht. Die wollen doch nur spielen.

Der neuen Zeit geschuldet ist dabei auch eine futuristische Ästhetik und Attitüde des Marvel-Films: Hobbs & Shaw könnten auch Agenten von SHIELD sein, der Killer Brixton ein x-beliebiger Superbösewicht. Diese Welt besteht aus Muskeln, Hightech und der Abwesenheit des Unmöglichen. Nur konsequent, dass fast der gesamte Nachspann aus Post Credits-Sequenzen besteht.

Möchte man meckern, kann man die totale Abhängigkeit der „Handlung“ von Zufällen und Bequemlichkeiten anführen – alle Orte, Personen und Ereignisse befinden sich in exakt der Konstellation, die für diese Geschichte zwingend notwendig ist. Es gibt immer den EINEN Ausweg, die EINE Lösung, das EINE Werkzeug. Jede Figur kann immer genau das, was in der aktuellen Situation von ihr gefordert wird. Intelligenz zur Konfliktlösung werden weder vom Skript noch von den Charakteren erwartet.

Dass ich den Fight an der Hochhauswand und die finale Verfolgungsjagd auf Samoa dann doch überzogen fand, selbst im Kontext eines solchen Films? Klar, stimmt, aber hier kann ich zur Verteidigung „hatte ich schlimmer erwartet“ anführen. Ähnlich gelagerte Filme wie G.I. JOE 2 bestehen fast nur aus solchen Szenen.

Und ja, am Ende wird es ein wenig zu rührig und suppig, wenn mal wieder die große „alles was zählt ist die Familie“-Nummer geschoben wird. Das ist der Mutter-Franchise zu verdanken und dem offensichtlichen Wunsch von Dwayne Johnson, seiner Heimat zu huldigen. Unnötig und aufgesetzt, aber es versendet sich.

Grinsen musste ich bei der Behauptung, Vanessa Kirby sei Jason Stathams Schwester. In den Flashbacks ist sie vielleicht fünf, maximal sechs Jahre jünger. Real trennen die beiden sehr offensichtliche 21 Jahre.

In einem Kino-Sommer mit vielen Enttäuschungen und unnötigen Sequels und Reboots ist HOBBS & SHAW sicher nicht das Highlight, aber er ist EIN Highlight. Und für das Sequel darf dann auch der penetrante Verweis auf FAST & FURIOUS auf dem Poster weg gelassen werden. Den haben die beiden Jungs nicht nötig.

Fazit: MISSION IMPOSSIBLE, neu erfunden als Buddy Comedy im hyperaktiven Comic-Stil. Dank solider Regie und sympathischer Darsteller besser, als das Konzept und die FAST & FURIOUS-Herkunft vermuten ließen.



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Comicfreak
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Mal sehen, ob junior sich nächste Woche mal vor Einbruch der Dämmerung erhebt, dann könnte das was sein

gerrit
gerrit

Spätestens seit Dwaynes Taylor-Swift-Karaoke bin ich Fan. Mit dem würde ich mir auch TRANSFORMERS anschauen.

Dietmar

Auch wieder witzig: Das ist der erste F&F-Film, den ich mir vielleicht angucken wollte. Wegen Statham und Johnson und Elba und weil ich einen Trailer gesehen habe, der Unterhaltung versprach.

Daniel ist hibbelig auf „Once Upon a Time in Hollywood“. Aber seit ich mich jetzt neu erfunden habe und etwas mehr Entspannung will, gehen wir wohl öfter ins Kino als bisher und dann nehmen wir diesen hier mit.

dermax
dermax

Ja, kann man gucken, wenn man die Unsinnigkeiten hinsichtlich Zeit und Logik auf Samoa dann lieber ignoriert… wie sich The Rock da aufm Weg zur nächsten Actionszene schnell anziehen muss, ist bisher das Highlight des Kinojahres…

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Yay, ich freu mich – ob es jetzt unbedingt fast 140 Minuten für ’nen Action-Film gebraucht hätte, sei mal dahingestellt, aber morgen geht’s ins Kino!

Exverlobter
Exverlobter

Ich bin ein großer Fan von Dwayne the Rock Johnson, dem einzig wahren Nachfolger von Arnold Schwarzenegger. Ich bin auch in der Tat ein großer Fan der Fast and Furious Reihe, auch wenn manche Geeks da oft mit der Nase rümpfen.
Aber Hobbs and Shaw ist der erste Film der Reihe, den ich boykottieren werde!

Es ist schlichtweg ein „Dick Move“ von Johnson, das Franchise, zudem er erst im fünften Teil zugestoßen ist, an sich zu ziehen. Was will er denn noch? Er ist bereits der größte Star der Welt. Lasst Vin Diesel die einzige Action-Reihe, in der er, und eben nicht Johnson die Nummer 1 ist. Johnson war in Fast bislang immer der Supporting Actor. Aber das will er anscheinend jetzt ändern.

Klingt nach Verschwörungstheorie? Naja, es ist aber in der Tat was dran, weil Johnson und Diesel im letzten Fast-Film in der Tat ein großes Zerwürfnis hatten, dass durch sämtliche Klatschpressen ging. Und Hobbs and Shaw scheint tatsächlich Johnsons Art Diesel zu sagen: „Niemand braucht dich, ich krieg das Franchise auch ohne dich hin, ggf. sogar noch erfolgreicher als es vorher schon war.“

Dietmar

Lasst Vin Diesel die einzige Action-Reihe, in der er, und eben nicht Johnson die Nummer 1 ist.

Auf so eine Forderung muss man auch erst mal kommen…

Du kannst ja eine Petition starten.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

In welchem F&F-Teil war das Mimimi von Diesel so groß, dass The Rock den halben Film im Gips im Krankenhaus rumliegen musste? 6 oder 7? War megaätzend, denn im Gegensatz zu Diesel bringt Johnson noch ein gewisses Augenzwinkern mit und nimmt den ganzen Kappes nicht so ernst. Könnte mir die F&F-Franchise auch komplett ohne Vin Diesel gut vorstellen, sein Gegrunze von Familie und Bla wird von Teil zu Teil der Filmreihe peinlicher.

dermax
dermax

Armer, armer Vin Diesel, es ist mir doch unfassbar wurscht, wessen Eier in einem Film wie sehr geschaukelt werden, solang der Film was taugt…
Dir ist bekannt, dass Vin auch in FF 4-7 nicht der alleinige Nr1-Star war, oder?

Matts
Matts

Mein Weg zum Film war ähnlich wie der vom Wortvogel: Ich hatte von der Reihe außer dem 1. Film keinen gesehen, und weiss nur dass die Serie immer abgedrehter wurde (Auto springt von Hochhaus zu Hochhaus). Aber ich mag Johnson und Statham.
Und es war durchaus gefällige Unterhaltung. Die Actionszenen waren größtenteils gut, die Chemie zwischen den Hauptdarstellern hat zumindest die Hälfte der Zeit funktioniert. Und die Cameos waren auch nett.
Trotzdem hab ich zeitweise ein paar Längen gespürt. Der Film hätte nicht 133 Minuten lang sein müssen. Interessanterweise hat mich das andauernde Action-Feuerwerk irgendwann mehr ermüdet, als der SEHR langsame Aufbau in „Midsommar“, den ich am Tag davor gesehen hatte.