Jetzt hört auf zu lachen! Ich meine das ernst! Ja, Chris de Burgh! Nein, dafür muss ich mich nicht schämen. Nein, ich bin auch nicht retro-ironisch dahin gegangen. War ein Valentinstags-Geschenk meiner Lady in Red. Romantische Sache für ein Ehepaar im besten Alter. Ach, rutscht mir doch den Buckel runter. Ich muss mich schließlich nicht vor euch rechtfertigen…

Ich gestehe aber, dass ich vor dem Besuch des Konzerts durchaus darüber nachgedacht habe, mit welcher Einstellung man dem mittlerweile schwer auf die 70 zugehenden de Burgh begegnen muss. Fakt ist: Ich war in den 80ern echt Fan, fand seine spannend erzählten Geschichten ungefähr bis zur CD „Flying Colors“ klasse. Das erste Best Of-Album „Best Moves“ ist vollgestopft mit Highlights, wenn man von dem „dreimal lustig, dann nur noch nervig“-Mitgröhl-Klassiker „Patricia the Stripper“ mal absieht.

True Story: In der zehnten oder elften Klasse habe ich über das Album ein Referat gehalten und eine 1+ bekommen.

1990 habe ich Chris de Burgh in der Olympiahalle in München gesehen. War ein gutes Konzert, auch wenn ich fand, dass seine Musik diese Megahalle nur begrenzt füllen konnte. De Burgh war seit jeher ein Barde für die mittelgroßen Hallen, kein Superstar mit Event-Charakter.

Leider entschloss sich der Ire, sicher auch angespornt vom globalen Erfolg der „Lady in Red“, in den 90ern von historischen oder dramatischen, üppig orchestrierten Kurzgeschichten eher auf tranige Liebesballaden umzuschwenken. Da wechselte auch die Zielgruppe und als der Mann sich allen Ernstes mit dem 19jährigen Kindermädchen ertappen ließ, verlor ich jedes weitere Interesse an seiner Karriere. Seit über 25 Jahren habe ich nichts von dem verfolgt, was er gemacht hat.

Und so treffen wir uns wieder, er und ich. Nicht mehr in der Olympiahalle, sondern im Baden-Badener Festspielhaus. „A better world“ heißt seine Tour und seine neue CD, was ich für einen prätentiösen wie albernen Titel halte. Ich freue mich, dass ich eine Woche vorher am selben Ort Bryan Ferry gesehen habe, was zum direkten Vergleich einlädt.

Zuerst einmal ist das Publikum anders. Zwar auch locker über 50, viele über 60, aber es ist mehr aufgekratzte Mittelschicht als beim ehemaligen Roxy Music-Frontmann. Es herrscht gute, entspannte Laune, man ist lebendig und vorfreudig.

Es gibt keine Vorband wie bei Ferry, keine Pause danach. Ich möchte glauben, dass de Burgh um fünf vor acht das Pils im Brenners beiseite gestellt hat und dann zum Künstlereingang der Halle geschlendert ist – direkt auf die Bühne.

Mir fällt zuerst auf, wie unfassbar onkelig Chris de Burgh ist, immer noch und sogar mehr als früher. Der legendäre Non-Haarschnitt, die leicht plauzige Gestalt, eine Stoffhose, ein zu großes Hemd und ein Blouson mit rotem Innenfutter. Mein Gott, der Mann trägt einen Blouson! The least rockstar personality of all time.

Anders als Ferry weiß er, wie er eine Verbindung zum Publikum aufbauen muss. Er spricht ein wenig deutsch, erzählt von seiner Familie und vom Urlaub in Deutschland, lobt unser Bier und unsere Kultur, verspricht Songs vom neuen Album und „viele, viele Klassiker“. Das wirkt sympathisch, bodenständig, ehrlich.

Ist es aber nicht. Ich habe De Burgh schon auf der Bühne gesehen – es sind die immer gleichen Elemente, die er für jeden Auftrittsort neu mischt. Sogar die Sprüche über das deutsche Bier habe ich vor 27 Jahren schon gehört – damals war er stolz, das Wort „Löwenbräu“ aussprechen zu können. De Burgh kennt sein Publikum und weiß sehr gut, wie man sich mit ihm verbrüdert. Ich glaube nicht, dass er sich dabei in die Seele schauen lässt, wie andere Künstler das tun.

Dann legt er los, unterstützt von vier klassischen Bandmitgliedern: Gitarre, Bass, Drums und Keyboard. Und zuerst einmal fällt auf: wow, ist der Sound heute Abend gut abgemischt! Kein Vergleich zu Bryan Ferry, wo die Bässe unangenehm dröhnten und die Stimmen oft untergingen. Das hier ist kristallklar wie von der CD, jedes Instrument ist einzeln heraushörbar und de Burghs Stimme kommt kräftig durch.

Womit wir bei der Stimme sind. Ich war bereit, Konzessionen zu machen, weil der Mann auf die 70 zugeht. Aber das ist gar nicht nötig. Chris de Burgh klingt nicht nur immer noch unverwechselbar wie Chris de Burgh, seine Stimme scheint sogar noch kräftiger geworden zu sein, auch als Kopfstimme kann er den Ton ausreichend halten. Bei seinen Hallenhymnen wie „Don’t pay the ferryman“ oder „Borderline“ klingt er frisch und epischer, als man ihm zutrauen würde.

Wieder der Vergleich mit Ferry: Auch de Burgh spielt diverse neue Songs, mischt diese aber sehr gut im 1:2-Verhältnis unter die Klassiker. Vor allem aber – zu meiner Überraschung sind seine neuen Songs wieder durchaus von der Qualität seiner Frühwerke. Viele erzählte Geschichten, klare Melodien, saubere Hooks, die sich sofort ins Ohr bohren und an keiner Stelle die langweiligen Durchhänger im erhofften „Best of“-Feuerwerk darstellen.

Einen einzigen Ausbruch wagt de Burgh, und auch den schafft er ohne jegliche Peinlichkeit: „Africa“ von Toto. Geht nicht? Geht doch.

Es gibt genau einen Song, der für mich gar nicht geht: „All for Love“, genau die Sorte Ode an das Mühsal der Hausfrau, die ich nicht nur für musikalisch unterirdisch, sondern auch für massiv verlogen und das Publikum anschleimend halte.

Musikalisch perfekt, stimmlich überzeugend, mit einer Sackladung großer Hits aus 40 Jahren – kein Wunder, dass das Publikum voll einsteigt, nach dem dritten Song schon aus den Sitzen springt. Es ist eine gefühlte Partnerschaft zwischen Bühne und Parkett, die ich bisher nur bei einem Konzert derart intensiv wahrgenommen habe: als ich ca. 1994 bei einem Live-Konzert von Pur in Hamburg war. Beruflich natürlich. Man kann (muss vielleicht sogar) die Band scheiße finden, die Musik auch, aber in der Simplizität und empfundenen Ehrlichkeit der Musik fühlte sich das Publikum total aufgehoben, dankbar gar.

Und das unterscheidet de Burgh von Ferry: da ist keine Distanz, kein Style, keine Coolness, die es zu wahren gibt. Chris de Burgh erweckt zumindest den Eindruck, als würde er sich sehr freuen, von seinen Fans zu Kaffee & Kuchen eingeladen zu werden. Der Eindruck verstärkt sich, als er für „Lady in Red“ von der Bühne steigt, durch den Saal schlendert, die Rollstuhfahrerinnen herzt, mit Fans für Selfies posiert und Frauen in den Arm nimmt, die sich an diesem Abend in rote Kleider gezwängt haben. Onkel Chris ist für uns alle da.

Und dann wieder die Musik und die Show: Durchaus laut, bunt, mit mehr Uptempo-Nummern, als ich in Erinnerung hatte. In einigen Soli beweist de Burgh, dass er vielleicht kein großer Showman, aber ein exzellenter Gitarrist ist. Überhaupt ist gerade der Kontrast faszinierend: Hier rockt fast drei Stunden lang ein Mann, der wirkt, als hätte sich der Kassenwart des Festspielhauses auf die Bühne verirrt. Und er tut es mit einer unterspielten Selbstverständlichkeit, die tatsächlich Respekt abverlangt.

Drei, vier mal dreht er noch auf, bevor nach mehr als zweieinhalb Stunden Schluss ist. Der Saal tobt. De Burgh for the win. Ein exzellentes, perfektes, unterhaltsames Konzert, beschämenderweise weit besser als Bryan Ferry und deutlich reicher an großen Momenten. Hier kommen alle glücklich raus. Und entspannt, weil sie das gerade einfach „toll“ und nicht „cool“ finden.

Mein Urteil? Auch nach 30 Jahren gibt es keinen Grund, sich über den Mann lustig zu machen. Der liefert. Im Blouson und mit Onkel-Frisur. Aber er liefert.

Einen guten Eindruck von der Tour bekommt man mit diesen NDR-Bericht.

 



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sergejHeinoArisDr. Acula Recent comment authors
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Dr. Acula

Der gute Chris hat tatsächlich seit einigen Jahren sowas wie eine „resurgance“. Seine Coveralben mit seinen Lieblingssongs waren ebenso gut wie das Fast-Konzept-Album „Moonfleet“. Der alte Knabe hat’s noch drauf 🙂

sergej
sergej

Der Blouson scheint bei den Leuten gut anzukommen.

„Er ist ein unscheinbarer kleiner Mann mit sich lichtendem Haar und mildem Lächeln. In Sachen Kleidung ignoriert er offenbar jede Stilberatung (schwarzes Autoverkäufer-Blouson, meine Güte).“
http://www.fr.de/kultur/musik/chris-de-burgh-mit-ohrwuermern-umarmen-a-1287895

Aris
Aris

Ich hab Pur sogar 2x gesehen. Das erste Mal 1992 (?) in der Kesselschmiede in Papenburg. Das war einfach ein tolles Konzert. Viele Lieder mit viel Inhalt, durchaus politisch und ein Song in Acapella ohne Micro bei 1500 Menschen.
Es war eine andere Zeit.

Letztendlich sollte jede(r) schauen/hören, was er/sie will. Ich fand die Diskussion um Helene Fischer im DFB-Finale auch eher erbärmlich. Ich mag sie nicht, kenne aber Menschen, die sie toll finden. Teils wegen der Musik, teils, weil sie bei Konzerten einfach ein Erlebnis abliefert.
Ich mag aber z. B. Anna Depenbusch oder Tina Dico, und das als alter Rocker.

Und wenn ich mir ein Bata Ilic Konzert ansehe, dann müssen das die Leute um mich herum auch hin nehmen. Und solange bei irgend welchen Parties Micky Krause Songs textsicher mitgebrüllt werden, sollte sich jeder fragen, ob er nach ein paar Bier seinen eigenen Qualitätsstandards noch gerecht wird.

Heino
Heino

„Ist es aber nicht. Ich habe De Burgh schon auf der Bühne gesehen – es sind die immer gleichen Elemente, die er für jeden Auftrittsort neu mischt. Sogar die Sprüche über das deutsche Bier habe ich vor 27 Jahren schon gehört “

Das ist mir bei Westernhagen 1992imMüngersdorfer Stadion extrem negativ aufgefallen. Der hat wirklich jeden Spruch seiner davor erschienen Live-CD an genau denselben Stellen wortwörtlich wiederholt.

sergej
sergej