Es ist bekannt, dass es zu meinem Musikgeschmack zwei Meinungen gibt, die der Charakterisierung von Troubadix in den Asterix-Comics entsprechen: ich selbst finde ihn genial, alle anderen finden ihn unbeschreiblich. Deshalb verkneife ich mir Platten- und Konzertkritiken auch üblicherweise. Mir fehlt der Background, mir fehlt die Expertise, mir fehlt schlicht die Masse an Musik zum kompetenten Vergleich.  Aber es ist Feiertag und ich hatte gestern einen guten Abend, also mache ich eine Ausnahme.

Bryan Ferry ist mal wieder auf Tour. Ein alter Mann singt für alte Menschen. Ich vermute, hier ist die Nostalgie ein ebenso starker Motivator des Publikums wie die tatsächlich gebotene Performance. Ferry ist ein Star der 70er, der 80er, legendär mit Roxy Music und dann solo stilbildend für die smoothen 80er wie Sade und Spandau Ballet. Unerreicht in Sound und Optik:

Nach diesem Video habe ich meinen ersten grauen Herrenmantel von Boss gekauft.

Bei Ferry hat sich also viel bewährtes Material angesammelt, das für ein entspanntes „Best of“-Konzert reicht. Erfreulich, dass die Sitze im Festspielhaus Baden-Baden solide Beinfreiheit bieten und gut gepolstert sind. Das Publikum möchte sich genau so wenig wie der Mann auf der Bühne die Hüfte verrenken.

Da Bryan Ferry ein notorisch ehrgeizfreier Performer ist, werden die Konzerte nicht allzu üppig geplant, eine Vorband und eine halbstündige Pause strecken das Programm auf drei Stunden, auch wenn der Maestro selbst davon keine zwei bestreitet. Der Mann wird dieses Jahr schließlich schon 72 und sieht mittlerweile wie das uneheliche Kind von Roland Kaiser und Al Pacino aus.

Aber ich greife vor.

Vorband war diesmal Earl, eine junge Sängerin mit alaskischen (alaskanischen?) Wurzeln, die mit rauchiger Stimme und Femme Fatale-Look irgendwo zwischen Amy Winehouse und Caro Emerald oszilliert, was stilistisch ganz gut zum Abend passt, aber ein wenig darunter leidet, dass der Sound nicht ideal ausgepegelt ist und die Musik jede stimmliche Leistung überdröhnt. Im Video bekommt man einen deutlich besseren Eindruck von Earls Fähigkeiten:

Nach fünf, sechs Songs hat sie ihr begrenztes Set durch, das Publikum bleibt hocken oder geht noch auf einen Prosecco. Der ideale Zeitpunkt, die Fans genauer in Augenschein zu nehmen. Ich vermute ein Durchschnittsalter von mindestens 50, was mich zum Youngster macht. Viele, die Bryan Ferry als Teenager toll fanden, sind nun als Manager im Maßanzug und Krawatte wieder hier. Andere haben die Rebellen-Attitüde nie abgelegt, tragen auch im Rentneralter noch Skinny Jeans und Pferdeschwanz.

Und da ist Jogi Löw. Der Nationaltrainer schlendert entspannt in den Saal, schwarz gekleidet wie immer. Sein Platz? Erste Reihe Mitte natürlich. Er ist Jogi fucking Löw, dammit!

Auf die Minute pünktlich hat Bryan Ferry um 21.00 Uhr seinen dritten Martini beiseite gestellt und die klobige Rolex auf den Tisch der Garderobe gelegt. Showtime! So stelle ich mir das zumindest vor. Dass meine Vorstellungen allerdings nicht immer der Realität entsprechen, merke ich bald darauf, als ein deutlich rockigeres, bunteres und aufgeladeneres Konzert beginnt, als ich erwartet hatte. Mag Ferry auch nie ein Bühnen-Derwisch wie Mick Jagger gewesen sein, so macht er auch dank üppiger Beleuchtung und einem zehnköpfigen Satz exzellenter Tourmusiker kräftig Dampf:

Allerdings fällt auch hier schnell auf, dass die Stimmen den Kampf gegen Bass und Drums verlieren. Ferry war auch in besten Zeiten kein Steve Tyler, seiner Performance muss man Raum lassen. Hier geht sie ein wenig unter. Aber was man hört, ist „vintage Bryan Ferry“, unverwechselbar und einzigartig.

Es ist unbestreitbar: Wenn die Bühne in rotes oder blaues Licht getaucht wird und das Saxophon erklingt, pulsiert das Herz der 80er wieder. Ich kann an meinen Füßen die Turnschuhe mit den Edding-Kritzeleien spüren, die silberne Lederkrawatte an meinem Hals, die Schulterpolster in meinem Sakko und die Swatch an meinem Handgelenk.

Im Gegensatz zum Promo-Video ist der Ex-Sänger von Roxy Music nicht mehr ganz so modisch anspruchsvoll wie in seinen besten Zeiten, auf der Bühne wird komplett schwarz getragen und Ferry selbst trägt keinen glänzenden, maßgeschneiderten Smoking, sondern eine einfache Stoffhose mit einem sehr bequemen Onkel-Jackett, das so zerknautscht ist, als hätte er im Tourbus drin geschlafen.

Was mich schnell ankotzt: Trotz eindeutiger und vieler Schilder im Foyer, dass man bitte keine Fotos oder Filmaufnahmen machen soll, halten schon nach fünf Minuten mindestens 50 Leute im Saal ihre Handys hoch. Eine Dame direkt vor mir streckt ihr scheiß iPhone S genau in mein Blickfeld. Manche filmen ganze Songs, stieren dabei auf ihr Display, als wäre diese Erfahrung dem Fokus auf die tatsächlich stattfindende Performance vorzuziehen. Ab und an blitzt es sogar, weil ein paar Leute offensichtlich zu dämlich sind, ihre Smartphone-Kameras ordentlich zu bedienen.

Erfreulicher (und vielleicht dem Alter geschuldet) ist Bryan Ferrys Bereitwilligkeit, seinen Musikern den Platz im Rampenlicht einzuräumen. Mehrfach werden die Beteiligten vorgestellt, spielen lange Soli, währen Ferry im Halbdunkel hinter einem Keyboard sitzt.

Natürlich gibt es die Klassiker zu hören. „Slave to love“ kommt schon als dritte Nummer, „Avalon“ auch, „Love is the drug“, bei „Let’s stick together“ in den Zugaben treibt es Baden-Baden dann doch noch auf die Füße, das Konzert endet mit „Jealous guy“.

Aber ich bin ein wenig enttäuscht, dass „essentials“ fehlen. Ein Bryan Ferry-Konzert ohne das hier?

Schlimmer noch – ohne das?!

Das ist ungefähr so, als würden die Pet Shop Boys „Suburbia“ weglassen oder die Stones „Satisfaction“. Ferry ist ja nicht zu seinem eigenen Vergnügen da, sondern zu unserem. Songs wie „Oh yeah“ schweißen das Publikum im kollektiven Retro-Rausch zusammen, die sind nicht nur erwünscht, die sind nötig. Schade.

Trotzdem ist die Stimmung gut, auf und vor der Bühne. Vier Zugaben, die zwei Stunden Laufzeit werden trotzdem nicht gerissen. Bryan Ferry klatscht Jogi Löw ab.

Schön war’s. Nächste Woche steht das nächste Retro-Kultkonzert an.



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Wolfgang

Echt – Löw mit Gattin? Das wäre ja eine halbe Sensation – die sind doch schon seit einer Weile getrennt. Vielleicht war’s dann doch eher eine Freundin?

ingo
ingo

schön und fast treffend beschrieben -Ferry macht diese art konzerte schon seit 20 jahren mit fast immer der selben „setlist“- ja es haben knaller wie „don’t stop…“same old scene““over you “ etc. gefehlt..aber ich weiß nicht wieso das alles so mit den 80ern zu tun hat… wenn schon dann hatten die 80er eh alles…die erfindung des absoluten radio hits..die nicht von dieser welt auftritte eines Gary Numan-die wunderbare arroganz eines Morrissey- die so tanzbare EBM–melancholie vom feinsten mit The Cure– etc.etc. -und Ferry steht eh für sich selbst und kann machen was er will…

Jörg B.
Jörg B.

Interessanter Konzertbericht! Ich möchte Bryan Ferry auch unbedingt mal live sehen.
Noch im letzten Jahr spielte Bryan Ferry bei einigen Konzerten auch die von mir favorisierten Stücke „Oh yeah“ und „Don’t stop the dance“.
Hier ein Link zur Setlist in Nashville (USA) vom 02.08.2016: http://www.setlist.fm/setlist/bryan-ferry/2016/ryman-auditorium-nashville-tn-63ff429b.html

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Hach ja, Bryan Ferry auf Kaffeefahrt in Baden-Baden. Schön, dass er noch unterwegs ist, aber ich tu’ mir das sicher nicht an – zu tief die Fallhöhe von der Erinnerung an das eine Konzert damals.

Allerdings irritiert mich schon etwas der Umstand, dass Dir die Anwesenheit von Jogi Löw ein Wort bzw. sogar mehrere Sätze wert ist.

Heino
Heino

„Ferry ist ja nicht zu seinem eigenen Vergnügen da, sondern zu unserem. Songs wie „Oh yeah“ schweißen das Publikum im kollektiven Retro-Rausch zusammen, die sind nicht nur erwünscht, die sind nötig.“

Diese Ansicht habe ich nie verstanden. Musiker sind ja nicht einfach Dienstleister und ich zumindest höre lieber dabei zu, wie sie Lieder mit Begeisterung spielen, als dass sie den 10 000sten Aufguss ihres grössten Hits bringen und dabei gelangweilt wie die Hölle sind. Aber mit der Meinung bin ich definitiv in der Minderheit.

Und die Leute, die ein ganzes Konzert lang den Blick auf die Bühne mit ihren Smartphones und Kameras verbauen, könnte ich auch jedes Mal durch die Wand treten. Man könnte sich ja auch einfach mal auf das Konzert einlassen, anstatt miserable Aufnahmen zu machen, die sich eh niemand jemals ansehen will.

heino
heino

Okay, das habe ich mißverstanden, weil ich dieses Argument viel zu oft von Leuten gehört habe, die das absolut ernst meinen

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Bin ja inzwischen für ein Handy- bzw. Tablet-Verbot auf Konzerten – mit irgendeiner abstrusen Sicherheitsauflage kann man das sicher durchdrücken. Denn die ganzen Handy-Filmer nerven einfach nur noch wie Sau (schön auch im Text dargelegt, wie dann eher auf die eigene Aufnahme geglotzt wird und nicht auf das Live-Geschehen). Bei Metal-Konzerten kann man das Übel mit einem gepflegten Pogo oder Mosh-Pit noch recht schnell aus der Welt schaffen, aber bei eher ruhigen Veranstaltungen wie der hier genannten, gibt es leider ja weniger Möglichkeiten, da etwas gegen zu unternehmen…

@alte Songs/Hits/Evergreens vs. neue und weniger gespielte Stücke: Da gibt es (natürlich!) auch eine schöne Szene bei den Simpsons, die das Thema aufgreift 😀

trackback

[…] prätentiösen wie albernen Titel halte. Ich freue mich, dass ich eine Woche vorher am selben Ort Bryan Ferry gesehen habe, was zum direkten Vergleich […]

Andy Simon
Andy Simon

Bzgl. „Don’t Stop The Dance“ — wunderte mich auch, dass der fehlte, schließlich hatte er den Song vor knapp 4 Jahren mal mehrfach remixen lassen, und nicht mal schlecht:

https://soundcloud.com/bryanferry/dont-stop-the-dance-todd-terje

trackback

[…] einzige echte Kritik: Es fehlt ein Song. So wie Bryan Ferry aus unerfindlichen Gründen „Oh yeah (on the radio)“ für auslassbar hielt, verkneifen […]