Es ist geschafft. Dank eines Rechenfehlers meinerseits ist zwar kein Rekord gebrochen worden, aber mit 51 Filmen habe ich den Rekord des Vorjahres zumindest gehalten. Ausgelassen wurden auch diesmal die Shocking Shorts sowie das Miike Double Feature mit zwei älteren Filmen. Aber was es an neuen Langfilmen gab, habe ich gesehen. Nun ist es Zeit für ein paar abschließende Gedanken.

Um euch den nachfolgenden langen Text zu versüßen, habe ich noch mal die Trailer für die besten Filme des Jahrgangs 2017 rausgesucht.

Zuerst einmal gilt mein Dank dem lieben Philipp, der extra nach München angereist ist, damit ich ich dauernd einen Babysitter habe. Das nenne ich Einsatz, das weiß ich zu schätzen, dafür habe ich eine Pizza ausgegeben.

Das letzte Mal war ich 2009 in München auf dem „großen“ Festival. Damals habe ich in der Stadt gelebt und konnte mit dem Roller zum Kino düsen. Das war praktisch und vor allem preiswert. Die Zeiten ändern sich. Will man eine Dauerkarte nutzen und die gesamte Zeit in einem halbwegs anständigen Motel übernachten, nähert man sich schnell der 1000 Euro-Schallmauer. Dafür könnte ich auch zwei Wochen nach Malle fliegen und dort Raubkopien auf dem Notebook schauen…

Nun ist es schlicht mein Bier, ob ich in München im Motel One oder unter einer Isar-Brücke schlafe – das liegt nicht in der Verantwortung der Veranstalter. In deren Verantwortung liegt aber die Preisgestaltung des Festivals. Und die finde ich recht happig. 230 Euro kostete die Dauerkarte dieses Jahr. Da muss man schon ab 25 Filme aufwärts schauen, damit es sich überhaupt rechnet. Bei 51 Filmen kommt man wenigstens auf einen angemessenen Preis von 4,50 Euro pro Karte – aber wer außer mir schafft schon 51 Filme?! Die im Januar anstehenden Fantasy Filmfest Nights sind auch wieder teurer geworden. 70 Euro für 10 Filme. Wahrlich kein Schnäppchen mehr.

Extra teuer wurde das Festival dieses Jahr auch durch die Terminierung: Die Veranstalter hatten sich für einen Slot NACH dem Festival in Toronto entschieden, um diverse Filme abgreifen zu können, die bis zu ihrer Premiere in Kanada gesperrt waren. Klingt erstmal nicht dramatisch – drei Wochen vorher, drei Wochen nachher, wen schert’s? Ich sag euch, wen’s schert: alle Leute, die in München versuchen, direkt vor dem Oktoberfest ein Zimmer zu einem bezahlbaren Preis zu bekommen. Die Übernachtungspreise in einem Lowcost-Motel sind nach den ersten Festivaltagen von 59 Euro die Nacht auf mindestens 179 Euro gestiegen – wenn man denn überhaupt noch etwas buchen konnte. Zum Oktoberfest wird München nämlich von Touristen gestürmt. Das kann den FFF-Veranstaltern schnurz sein, aber für anreisende Kinofans ist es schlicht scheiße. Und noch mal möchte ich nicht eine liebe, gute, reizende und unbezahlbare Freundin bitten müssen, mir ihre Wohnung frei zu machen.

Nun war das FFF in München fast 30 Jahre lang im Cinema Kino in der Nymphenburger Straße zu Hause (mit den B-Filmen im City). Das hatte Atmosphäre, weil es ein Kino für Kinofans ist und dank nur eines Saals die Festivalbesucher eine geschlossene Einheit bilden. Mittlerweile ist das Festival aber ins Cinemaxx am Isartorplatz umgezogen und DAS ist Segen und Fluch zugleich: Segen, weil man in den teils miserabel getakteten Pausen zwischen den Filmen genug Möglichkeiten hat, schnell und preiswert an Nahrungsnachschub zu kommen. Fluch, weil man sich halt in einem gigantischen Multiplex-Kino befindet, in dem zwischen den Vorstellungen nur heterogenes Gewimmel herrscht und keinerlei kuschelige Festival-Atmosphäre aufkommt. Segen, weil die Anbindung an den Nahverkehr exzellent ist. Fluch, weil an einen Parkplatz in Gehweite nicht zu denken ist. Unter dem Strich hätte ich gerne das Cinema zurück.

Soviel zu den Umständen und den Vorarbeiten, mit denen man sich auseinander setzen muss, wenn das Festivalerlebnis lang und ungestört sein soll. Ein ganz anderes Thema ist der Ablauf des üblichen Festivaltages.

Die schlecht getakteten Pausen hatte ich schon erwähnt. Oftmals hat man den ganzen Tag (von 13.00 Uhr bis 1 Uhr nachts) nicht EINMAL die Gelegenheit, richtig was essen zu gehen. Immer McDonald’s im Schnelldurchlauf, eine Tüte Chips, im Anfall von Vernunft ein Apfel. Wer auf dicke Hose macht, kauft im Kino selbst, wo es Mondpreise kostet. Kein Wunder, dass im Saal manchmal gemampft wird wie in der Uni-Mensa. In der Reihe vor uns saß eine Clique von 6 bis 8 Leuten, die permanent diverse große Tupperdosen auspackten, um Nudelsalat und andere Delikatessen durch die Gänge zu reichen. Sehr schön für das „Erlebnis Kino“…

Ein Kino-Bediensteter hat auch allen Ernstes mal versucht, mir den Zugang zum Cinemaxx zu verweigern, weil ich noch einen Kaffeebecher in der Hand hatte. Hier zeigt sich die Absurdität des Systems: In meinem Rucksack hätte ich problemlos drei Thermosflaschen ins Kino mitnehmen können, aber ein halber Pappbecher voll fällt unter „keine extern gekauften Getränke und Speisen bitte“.

Das war nicht immer so miserabel: Ich kann mich gut erinnern, dass früher im Verlauf des Abends immer mal 45 Minuten oder eine Stunde Pause waren, damit man nicht völlig auf eilig gestopftes Junkfood angewiesen war. Es kann doch nicht so schwer sein, die Filme ein wenig sorgsamer den Lauflängen gemäß zu staffeln, oder?

Damit sind wir auch schon beim Programm, bzw. dem Programmheft. Das hat sich seit ca. 5 Jahren nicht mehr verändert, wird visuell immer langweiliger (dito die Plakate und Spots zum Fantasy Filmfest) und fehlerträchtiger: In diesem Jahr führte die alphabetische Filmliste alle Filme mit O-Titel UND mit englischem/deutschen Titel, was für totales Chaos sorgte. Und ich hatte es bereits erwähnt: wenn ein Film mal sehr wenig Genre mitbringt, sollte man nicht unehrlich in die Inhaltsangabe lügen. Übertreibung gerne, Zuschauerbeschiss bitte nicht. Da bekommt man einfach das Gefühl, hier wird nicht aus Begeisterung für die Filme, sondern aus Kalkül geschummelt. Bei einigen Zusammenfassung würde ich sogar Stein und Bein schwören, das der Autor den Film überhaupt nicht gesehen hat.

Kurzum: Es kommt mir so vor, als würde die Veranstaltung immer mechanischer, immer lustloser, immer weniger Festival. Man prügelt 50 Filme in 11 Tage und sagt „go“. Dazu passt, dass die Streifen immer weniger in ihre Slots passen. Ist es denn so schwer, die Trash-Kracher zur Mitternacht zu zeigen, die Blockbuster zur Primetime und die eher familientauglichen Genrekomödien am Nachmittag?

Aber all das – Preise, Programmplanung, Platzwahl – ist nicht das Problem. Damit kann man als Festivalbesucher leben. Man friert, man schwitzt, man drängelt, man steht an, man hungert, man blecht – weil das „part of the deal“ ist. Weil ein Festival immer anstrengend ist und weil man letzten Endes nicht wegen der Experience herkommt, sondern wegen der Filme.

Genau da hat es dieses Jahr so sehr gehakt wie nie zuvor. Und es ist Kern und Crux des Problems, dass die Veranstalter selber behaupteten, das beste Programm seit Jahren auf die Beine gestellt zu haben. Die Schere zwischen dem, was die Macher zeigen und was der Zuschauer sehen will, sie ist nicht mehr wegzudiskutieren. Ich rede nicht nur von mir: viele, viele Reaktionen von den anderen Spielorten haben es bestätigt: zu viele Filme, die zu wenig mit dem zu tun haben, was wir selbst im breitesten Sinne als Fantasy bezeichnen würden.

Nun bin ich wahrlich kein Purist, der mürrisch „ohne Vampir ist das aber kein echter Gruselfilm!“ murmelt. Schon immer fächerte sich der Fantasy-Begriff weit auf: Horror, Science Fiction, Fantasy, Thriller, Crime, Action, Comic, Asia, Trash. Es herrscht Einigung darüber, dass man viele Defizite durch schieres Remmidemmi wettmachen kann. Wen schert der mangelnde Genre-Content, wenn ein Hochhaus in Zeitlupe explodiert und/oder Alyssa Milano sich obenrum frei macht? Das Entertainment zählt.

Es fehlte 2017 das Entertainment.

The Strange Ones, Darkland, Playground, Land of the Little People, The Psychopaths, Figaro’s Wölfe – alles keine Genrefilme. Damit hätte ich leben können. Aber eben alles auch unsäglich öde Langweiler. DAMIT kann ich nicht leben.

Schlimmer noch: Es war das Jahr der „Coming of age“-Filme. Ich kann das verstehen. Gerade „Stranger Things“ hat bewiesen, dass unsere Generation für die 80er so empfänglich ist wie es die Generation der 80er für die 60er war. Das Problem dabei: Das FFF ist KEIN „Coming of age“-Festival und Filme wie „The Strange Ones“ gehören in ihre eigene Nische (nach einem albernen Streit auf Facebook werde ich diese Nische hier nicht nennen). Es ist schmerzhaft offensichtlich, dass die Veranstalter nach ihrem eigenen Gusto und damit mittlerweile am Publikum vorbei planen.

Insgesamt habe ich mich selten beim FFF so oft gelangweilt, war so oft genervt und habe so oft „was hat der Streifen hier zu suchen?“ gedacht wie in diesem Jahr. Und darum ist es umso erstaunlicher, wenn man sich die statistische Aufarbeitung meiner Ampelbewertungen mal anschaut:

Das ist rein oberflächlich die Torte eines guten Jahrgangs, im Vergleich zu den anderen Jahren sogar eines überdurchschnittlich guten Jahrgangs. Mehr als die Hälfte der Filme war demnach gut bis sehr gut, weniger als ein Viertel war tatsächlich schlecht. Wie kann das sein? Hat mich mein Gefühl derart getrogen?

Ich habe eine ganze Weile mit der Datenanalyse verbrachte und kann letzten Endes nur Vermutungen anstellen: zuerst einmal gab es wenige wirklich herausragende Filme wie „Schneeflöckchen“ und „This is your Death“ (aka „The Show“). Was gut war, war meistens nicht mehr als gut. Und vieles, was im Vergleich dazu Mittelmaß war, wäre in einem besseren Jahrgang zweifellos im roten Bereich gelandet. Und vieles, was im roten Bereich gelandet ist, wäre in einem besseren Jahrgang dort noch schlechter bepunktet worden. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass die Filme heuer durch die Bank zwei Punkte schlechter waren als in Jahrgängen wie 2010.

Es fehlte die Balance – die zu schwachen Filme wurden nicht ausreichend von stärkeren Filmen abgefedert, die Schnarcher nicht durch Feuerwerk. Manche Tage zogen sich wie Melasse und es ist kein gutes Zeichen, wenn man schon beim zweiten Film im Saal langsam einzuschlafen droht.

Fairerweise muss man allerdings sagen, dass der schlechtere Gesamteindruck auch damit zu tun hat, dass ich überhaupt einen Gesamteindruck habe, weil ich alle Filme gesehen habe. Eine Vorauswahl, eine Beschränkung auf vielleicht 20 vielversprechende Titel hätte die Ausbeute sicherlich verbessert. Kurz gesagt: kuckt man alles, kuckt man halt jeden Scheiß. Es sind die Leute im klaren Vorteil, die sich anhand meiner Reviews die Perlen heraus picken können.

Aber so leicht will ich die Veranstalter nicht davonkommen lassen. Ja, in jeder Mischung gibt es Kaviar und Graupen, aber die Frage stellt sich: hätte man nicht ein potenteres Programm zusammen stellen können? Etwas, in dem mehr klare Genreabgrenzungen eingehalten werden und das weniger auf „slow burn drama“ setzt, ohne dem Genrefreund dafür irgendeine Gegenleistung zu liefern?

Ja, hätte man. Dieses Programm war kein Unfall, es war kein „wir hatten halt nix anderes!“. Die Veranstalter haben mehrfach klar gemacht, dass sie sehr stolz auf das Programm sind. Es war keine Notlösung. Und ich war entgeistert, wie viele Stammzuschauer mir hinterher zuraunten: „Wenn der Rainer Stefan einen Film vorab in den Himmel lobt, ist Vorsicht angesagt“. Hier wurde gegen das Publikum, gegen seine legitimen Erwartungen programmiert.

Natürlich werden die Veranstalter es sich leicht machen, mit der Schulter zucken und sagen (wenn sie sich überhaupt äußern, was sie eigentlich nie tun): „Jeder hat halt einen anderen Geschmack. Wir wollen unsere Zuschauer nicht mit 08/15-Kost abspeisen. Und die vollen Kinosäle zeigen, das wir damit richtig liegen“. Aber das ist zu kurz gedacht: Ich habe noch nie ein Festival erlebt, bei dem das Publikum derart unzufrieden und lustlos wirkte. Es kam an keinem Tag wirkliche Stimmung auf. Und das wird sich rächen. Vielleicht nicht 2018. Vielleicht nicht 2019. Aber irgendwann.

Hätte ich IRGENDWAS zu sagen, hätte meine Stimme als Festival-Veteran mit 30 unterbrechungsfreien Jahrgängen auf dem Buckel IRGENDEINE Bedeutung, dann würde ich den Machern sagen:

„Denkt an euer Publikum, macht euch selbst nicht zum Maßstab bei der Filmauswahl. Im Saal sitzt eine neue Generation von Horrorfans, deren Geschmack ebenfalls berücksichtigt werden muss. Das Festival darf nicht zum Wiederkäuer beliebiger Festival-Dauerläufer werden, die nur für obskure Preise gedreht werden und in keinem kommerziellen Kontext funktionieren. Das FFF war immer primär Entertainment, nicht Avantgarde. Und sorgt wieder für mehr Liebe bei der Gestaltung des Drumherum, macht Aktionen, bringt Leben in die Bude.“

Und damit bin ich durch. Es ist gesagt, was gesagt werden musste.

Dass das Fantasy Filmfest auch 2017 und auch im September ein besseres Programm hätte haben können – das beweise ich euch morgen.



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