THE-CALL-UP-POSTER

England 2016. Regie: Charles Barker. Darsteller: Morfydd Clark, Chris Obi, Parker Sawyers u.a.

Story: Eine Gruppe erfolgreicher, aber sozial isolierter Online-Gamer wird in ein Hochhaus eingeladen, um einen Virtual-Reality-Shooter zu betatesten, der nicht nur das komplette Environment simuliert, sondern auch Schmerz und Verletzungen. Dem Gewinner winken 100.000 Dollar – dass die Verlierer der Tod erwartet, stellt sich erst nach Spielstart heraus. Nun heißt es Medipaks finden, Munition, Waffen – und dabei virtuelle, aber nichtsdestotrotz tödliche Gegner abknallen. Aber wer sind die Drahtzieher, wer macht und ändert ständig die Regeln von „The Call up“?

Kritik: Irgendwie bin ich gerade „on a roll“ – auch „The Call up“ wurde in England mit wenig Geld, aber ordentlich Fördermitteln gedreht und präsentiert den gewaltlastigen Kampf von Soldaten gegen (in diesem Fall virtuelle) Killermaschinen – es ist ein Vertreter des „Survival Game“-Subgenres, diesmal verpackt in eine Videospiel-Welt.

Wie bei „Kill Command“ ist die CGI extrem edel, perfekt in das Szenario integriert und angemessen krachend. Das sitzt. Es hilft, dass auch das Production Design jenseits der Festplatten mit erfreulicher Sorgfalt glänzt: Die Motion Capture-Anzüge, die Waffen, die Helme – man kann sich absolut vorstellen, dass die nächste Generation der High Tech-Games genau so aussehen wird. Dass uns die Helme in eine recht banale Hochhauswelt ein komplexes Spielszenario hinein gaukeln werden, wirkt an keiner Stelle unglaubwürdig. Genau genommen kombiniert „The Call up“ dabei die Mechanismen der 3D-Shooter mit den sportlichen Aspekten der Laser Tag-Arenen.

Bonuspunkt dafür, dass es Regie-Debütant Charles Barker im Gegensatz zu den Kollegen von „Reconnoiter“ und „Kill Command“ gelingt, die Spieler von Anfang an klar unterscheidbar zu machen und ihre immer folgerichtigen Reaktionen in die Handlung einzubetten. Trotz der Menge der Protagonisten in gleichem Outfit verliert man nie die Übersicht, hat nie das Gefühl, Kanonenfutter zu zu schauen. Man wird dadurch als Zuschauer emotional erheblich mehr in das Geschehen involviert.

The_Call_Up

Auch wenn ich persönlich die Killer-Roboter und die Locations von „Kill Command“ besser fand, ist „The Call up“ zweifelsfrei der besser geschriebene und inszenierte Filme. Letztlich verstolpert er sich lediglich am Ende ein wenig, wenn klar wird, dass er von den Videospielen nicht nur die Struktur übernommen hat. Erinnert ihr euch an die vielen Games der 80er und 90er, die nach stundenlangen Spielesessions und endlosen Quests nur ein frustrierendes „You win! Congratulations!“ anboten? Ähnlich ist es hier. „The Call up“ hat ja kein größere Thema, keine wirkliche Message. Das Spiel ist vorbei, der Film ist vorbei.

Es ist ein Problem, das gerade bei Action-SF, die letztlich nur Action in einem SF-Szenario ist, häufiger vorkommt: Es wird nur das akute Problem gelöst, die akute Gefahr gebannt. Da die Utopie nie über die momentane Situation hinaus definiert wurde, gibt es auch keinen größeren Rahmen, in dem die Ereignisse irgendwelche Auswirkungen haben könnten.

Und weil mich das als Autor nervt, warne ich nun vor SPOILERN, in dem ich MEIN Ende von „The Call up“ skizziere, das zumindest einen größeren Kontext angedeutet hätte. Wenn ihr den Film mal sehen solltet, könnt ihr ja kommentieren, wie ihr das findet.

SPOILER ON

Wenn Shelly am Schluss die mutmaßlichen Verantwortlichen des Spiels erledigt hat und aus dem Hochaus und damit aus dem Szenario tritt, hätte man lediglich zeigen müssen, dass ihre Tätowierungen am Arm immer noch verschwunden sind. Das hätte bewiesen, dass sie („Inception“-mäßig) immer noch im Spiel fest sitzt, immer noch das finale Level nicht gefunden hat. Dann noch ein Shot, der ihr zeigt, dass außerhalb des Hochhauses nicht die Wirklichkeit wartet, sondern immer noch die von der Game-Engine simulierte Apokalypse – bam! A game within a game.

SPOILER OFF

Aber das sind Niggeligkeiten – der Film muss keine Leistung erbringen, die MIR gefallen hätte. „The Call up“ schafft mühelos das, was er selbst sich vorgenommen hat, bietet 90 Minuten solide futuristische Action besonders für Freunde von 3D-Shootern und ist innerhalb dieses limitierten Anspruchs eine echte Entdeckung, die man ohne schlechtes Gewissen empfehlen kann.

Besser als „Gamer“ – logischer als „Tron„.

Fazit: Schicker, packender und smart inszenierter Action-Shooter, der am Ende lediglich das grundlegende Problem seiner Videospiel-Inspiration teilt: Er hat kein wirkliches Thema.

P.S.: Es dürfte niemanden wundern, dass ich vor 15 Jahren schon mal ein erstaunlich ähnliches Konzept mit dem Titel „Game over“ entwickelt hatte. Das las sich damals so:

Game Over

High-Tech-Actionfilm, der das „Stirb Langsam“-Genre mit Elementen populärer Videospiele zu einem zynischen Thriller kombiniert.

Richard Hart ist „LionHart“, Chefredakteur der Computerspiel-Postille „MegaAction“ und einer der besten Spieler des Landes. Mehr Geld als durch seinen Beruf verdient er bei „Quake“-Turnieren. Zusammen mit zehn anderen Journalisten ist er in ein altes Verwaltungsgebäude eingeladen worden, in dem PC-Guru Mark Romanek seinen neuen Ego Shooter „Last One Standing“ vorstellen will. Vor Ort müssen die Schreiberlinge allerdings feststellen, dass Romanek ihnen den Verriss seines letzten Spiels übel genommen hat – das gesamte Gelände ist mit Fallen, versteckten Räumen, Kameras, und Waffen bestückt. Jeder gegen jeden – und wer sich weigert, wird von automatischen Schussanlagen durchsiebt. Nur der „Last One Standing“ wird das Gebäude lebend verlassen.

Für die Journalisten beginnt eine lange Nacht. Dieses Spiel hat keine Reset-Taste und jeder Spieler hat nur ein Leben.

Richard ist entschlossen, das „Spiel“ zu knacken, und den „Endlevel-Boss“ zu stellen. Dazu braucht er alle seine Erfahrungen aus den Videospielen…



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