Project-Almanac-posterUSA 2015. Regie: Dean Israelite. Darsteller: Amy Landecker, Sofia Black-D’Elia, Virginia Gardner, Jonny Weston

Offizielle Synopsis: Für die Highschool-Freunde David und Quinn scheint ein großer Traum in Erfüllung zu gehen: Sie schaffen es, den Prototypen einer Zeitmaschine von Davids Vater in Gang zu bringen, und gestalten sich mit ein paar Zeitreisen nun die Welt, wie sie ihnen gefällt. Die ehemaligen Außenseiter und ihre Clique sind auf einmal die Stars jeder Party und genießen ihr neues Teenie-Leben in vollen Zügen, bevor es aufs College gehen soll: Festivals, bestandene Schultests und sogar ein Lottogewinn machen ihr Leben zu einem echten Abenteuer! Doch als David aus Liebe zur süßen Jessie, in die er schon lange heimlich verliebt ist, einen Alleingang unternimmt, gerät das zerbrechliche Gefüge aus Vergangenheit und Zukunft gehörig ins Wanken. Der anfängliche große Traum von Freiheit und zweiten Chancen verwandelt sich in eine spannende und verrückte Reise der Clique durch die Zeit mit unabsehbaren Folgen, und das vielleicht für die gesamte Menschheit…

Kritik: Ich habe vor ein paar Tagen ja schon geschrieben, dass Parallelwelten und Zeitreisen eigentlich immer gehen. Sie bieten nicht nur unzählige Szenarien, sondern auch unzählige Herangehensweisen an das Thema selbst. Viele Zeitreisefilme malen mit großem Pinsel, handeln davon, Hitler zu ermorden oder den Amerikanischen Bürgerkrieg zu verhindern, von Blicken in die bekannte Vergangenheit oder die unbekannte Zukunft. Es hat sich allerdings auch ein Subgenre dieses Subgenres entwickelt, in dem es mehr um die direkten, individuellen, emotionalen Folgen von Zeitreisen geht: Die Serie „7 Days“, der Film „Frequency“, die „Butterfly Effect“-Reihe. Gerade letztere hat ein beliebtes (aber dennoch rein hypothetisches) Thema sehr konsequent ausgearbeitet: Jede Veränderung der Zeit verursacht einen Welleneffekt, der sich unkontrolliert ausbreitet. Schon die veränderte Wahl der Zahncreme kann die Zukunft unaufhaltsam umschreiben.

„Project Alamanac“ gehört in dieses Subsubgenre und bettet es in einen Teenager-Thriller ein, der stilistisch ein wenig an die „Final Destination“-Filme erinnert. Und das als Found Footage.

Es war mir nach fünf Minuten klar, dass sich der Film an diesem seltsamen Konstrukt überheben würde – überrascht hat mich letztlich nur, dass er sich weniger überhebt als erwartet. Klar ist die Found Footage-Nummer nicht nur filmhistorisch überholt, sondern (wieder mal) völlig inkonsequent – ständig werden Sachen gefilmt, die kein Mensch filmen würde, jedes Handy scheint ein Richtmikrophon zu haben, das hektische Gewackel geht mitunter auch ziemlich auf den Sack.

Es passt allerdings dazu, dass „Project Alamanac“ sich komplett auf die Welt der Teenager einlässt, ihren pubertären Egoismus in den Mittelpunkt stellt. Hier geht es nicht darum, die Welt zu retten: man will dem Chemielehrer eins auswischen, ein bisschen Geld machen, die Schulschönheit beeindrucken, Facebook-likes und Instagram-Shares sammeln. Dass auch diese scheinbar banalen Veränderungen der Zeitschiene letztlich zu katastrophalen Konsequenzen führen müssen, wird den Protagonisten plausibel (zu) spät klar.

PROJECT ALMANAC

Leider ist „Project Alamanac“ durch die begrenzte Sicht der Found Footage und den Drang, zügig voran zu kommen, etwas spartanisch bei der Ausarbeitung seiner inneren Logik. Der Bau der Zeitmaschine wird ebenso hop hop durchgezogen wie die Konfrontation mit den ersten Widersprüchen. So wie die Figuren sich in Zeitschleifen verheddern, verheddert sich der Film in einer eigenen Narrative und nach zwei Dritteln hat man endgültig den Faden verloren, was warum geschieht und wie es zu kitten wäre. Und irgendwie ist „alles wieder auf Anfang“ auch kein so großes Finale wie „Weltkrieg verhindern“ oder „Alien-Invasion aufhalten“. Für einen Zeitreisefilm bleibt „Project Almanac“ zu ambitionslos und gleichzeitig zu soft – gerade im Vergleich mit „Butterfly Effect“, der ähnliche Topoi erheblich erschütternder durchkaut.

Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass „Project Almanac“ kompetent und sehr flott inszeniert ist, sympathische Schauspieler mitbringt und an keiner Stelle langweilt – ähnlich wie bei den „Final Destination„-Filmen muss man halt eine Affinität zu dieser Sorte Teenager-Thriller mitbringen, die mir leider abgeht. Als Zeitreisefilm spielt „Project Almanac“ in der Liga von „Time Lapse“ – und das ist nicht meine. Ich bin eher mit größer angelegten Szenarien wie in „Looper“ und „Predestination“ zu ködern.

Fazit: Als Teenager-Thriller im „Final Destination“-Stil angelegter Found Footage-Film, der die üblichen Zeitreise-Konventionen zu Gunsten der Zielgruppe für Soap-Plots ignoriert. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich für mich gedacht.



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Christian Siegel

Endlich mal wieder ein Film, den ich selber schon gesehen habe und einschätzen kann. Fand ihn leider doch um einiges schwächer als du, insbesondere aufgrund der ganzen logischen Ungereimtheiten. Oder, wie ich am Ende meines Fazits geschrieben habe: „Letztendlich erweist sich „Project: Almanac“ als recht einfallslose „Butterfly Effect“-Kopie für Dummies, die dessen enttäuschenden Fortsetzungen weitaus näher ist, als dem vermeintlich angestrebten (und immer noch empfehlenswerten) Original.“

Wen’s interessiert -> http://www.fictionbox.de/index.php/content/view/14291/88888942/

Peroy
Peroy

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass „Butterfly Effect“ als guter Film gilt…?

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Ist es nicht eher ärgerlich, dass so viele Filme des Genres seltsam pädagogisch anmutende Elemente enthalten, die rekurrieren auf altertümliche Vorstellungen, wie der bescheidene Wissenschaftler zu sein habe? Immer eingedenk der Möglichkeit, mit den eigenen Theorien oder Technologien den sozialen Frieden oder gar die Realität zu zerstören, hampeln von Doc Brown bis zu diesen Bro-Teens die Genies durch die Filme, um am Ende eher kairos denn chronos zu huldigen und etwas über Liebe verstanden zu haben.

thor
thor

Ich war bei dem Film schon draussen aufgrund der Found-Footage-Filmerei.
Konnte ich mir nicht ankucken. So sind schon einige Filme an mir vorbeigezogen, die ich mir (thematisch) gerne angesehen hätte.
Ob ich dir mal durch einen „Stabi“ jagen soll 😉