Bevor ich mit den Blockbustern des vergangenen Sommer weitermache (zieht schon mal eine Sandale aus), schiebe ich noch kurz eine Kritik zu einem „kleineren“ SF-Film ein. Bei „Predestination“ zeigt sich ähnlich wie kürzlich bei „Anomaly„, dass es immer wieder interessant sein kann, sich überraschen zu lassen. Ich habe den Streifen mit Ethan Hawke nämlich ohne jegliches Vorwissen in den Player geschoben. Warum die Credits umso erhellender waren, erzähle ich euch gleich…

pret01Australien 2014. Regie: Michael und Peter Spierig. Darsteller: Ethan Hawke, Sarah Snook, Noah Taylor

Story: Ein Barkeeper, der in Wirklichkeit keiner ist, unterhält sich im New York der 70er mit einem deprimierten Mann, der in Wirklichkeit keiner ist – und beide haben Geschichten zu erzählen, die unglaublich scheinen und erst in der Kombination ihre komplexe Narrative preisgeben. Es geht um zeitreisende Agenten, um einen unfassbaren Bombenleger, um Nutten für Astronauten und die Frage, ob die Schlange ihren eigenen Schwanz fressen muss. Nach und nach stellt sich heraus, dass der Barkeeper und der Gast im wahrsten Sinne eine Welt für sich sind. Und dass jedes Ende einen Anfang braucht und jeder Anfang ein Ende.

Kritik: Ich bin immer vorsichtig, wenn Filme „aus dem Nichts“ auftauchen. Von „Predestination“ hatte ich noch nie gehört und das Prinzip des Prädeterminismus ist mir generell suspekt. Aber Ethan Hawke war selbst in „Purge“ gut und Zeitreisegeschichten sind bekanntermaßen meins, meins, meins.

Und siehe da: „Predestination“ entpuppt sich als anspruchsvolles, aber nie zu verkopftes Gedankenspiel, das die inhärenten Probleme von Zeitreisen eigenwillig durchexerziert und mit jedem neuen Sprung eine neue Wendung nimmt. Der Fokus liegt dabei klar auf dem Drama, auf dem Schicksal der beiden Hauptfiguren, die weit mehr und weit weniger sind als die beiden Hauptfiguren (dieser kryptische Satz wird sich euch erschließen, wenn ihr den Film anschaut).

Ich würde das gerne genauer erklären, aber der Film lebt davon, dass der Zuschauer die vielen Twists selber entdeckt.

Dass „Predestination“ trotz langer Dialoge und wenig Action zu fesseln weiß, verdankt er sowohl der sorgsamen Nachbildung verschiedener Jahrzehnte (40er, 50er, 60er und 70er Jahre) als auch den zwei Hauptdarstellern, die mit sichtlicher Spielfreude immer wieder neue Facetten ihrer Figuren pellen. Dass Sarah Snook in der Rolle als Mann nicht immer 100 Prozent überzeugt, liegt in der Natur der Sache – sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der jungen Jodie Foster, die Leonardo di Caprio spielt.

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Bemerkenswert auch, dass „Predestination“, obwohl die zu Grunde liegende Geschichte aus dem Jahr 1959 stammt, so eine Art LGBT-SF ist, eine empathische Auseinandersetzung mit der Qual der geschlechtlichen Zuordnung.

Das klingt jetzt alles arg verque(e)r, was einerseits zum Film passt, andererseits aber niemanden abschrecken sollte – „Predestination“ ist über die ganze Laufzeit sehr spannend, ohne auf Remmidemmi zu setzen.

Und nun zu den Credits. Erst der Nachspann verriet mir, dass hier die australischen Spierig Brothers am Werk waren, die mit dem preiswerten, aber beeindruckenden „Undead“ ziemlich gut im Genre reüssiert hatten, deren Quasi-Sequel „Daybreakers“ ich allerdings eher so mittel fand. Bei „Predestination“ zeigen sie wieder, dass sie mit vergleichsweise überschaubaren Mitteln durchaus punkten können.

Vor allem aber: Die Qualität der Story ist kein Zufall, basiert „Predestination“ doch auf der Kurzgeschichte „All you zombies“ von niemand geringerem als SF-Legende Robert Heinlein. Wenn ich das richtig recherchiert habe, hält sich der Film recht genau an die Vorlage, erweitert sie aber um den Bombenleger als externen Motivator, was durchaus sinnvoll ist. Die Werktreue geht sogar so weit, dass Voraussagen von 1959, die heute längst anachronistisch sind, übernommen werden. Das ist Respekt, vor dem ich Respekt habe.

„Automata“, „The Anomaly“, „These final hours“, „The Machine“ – es ist eine wahrlich gute Saison für Freunde futuristischer Unterhaltung. Ich hoffe auf mehr von der Sorte und aus der Ecke.

Ein spätes SF-Highlight von 2014 oder bereits das erste frühe Highlight von 2015?

Fazit: Ein hochwertiges kleines Drama über die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu ändern, ohne sie zu zementieren, getragen von liebevoller Ausstattung und zwei hervorragenden zentralen Performances. Ein echter Geheimtipp für die Freunde „ernster“ Science Fiction mit literarischem Hintergrund.

P.S.: Nerdbonus – ich habe ein Gebäude erkannt, dessen Interieur schon in der TV-Serie „Total Recall 2070“ abgefilmt wurde. Can I get a „what what?“ für mein Gedächtnis?



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Ein AndererScottyTMKaio Recent comment authors
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Kaio
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Ja ein guter Film. Der Name des Films lenkt schon die Denkrichtung mit der man an den Film herangeht und vieles was man dadurch am Anfang denkt ist auch so, aber das Kunststück des Film ist es, dass man von der Meinung während des Films wieder abkommt, nur um am Ende doch wieder recht gehabt zu haben. Ehm… wie war das mit Schlange und Schwanz?

Wirklich schönes Ding. Langeweile kam zu keinem Moment auf.

ScottyTM

Wirklich schöner Film, und das obwohl mir der Twist schon recht früh offensichtlich war.

Ein Anderer
Ein Anderer

Ich finde man kann den Film noch ganz anders genießen. Mein Eindruck ist, dass es dem Film nicht um seine Twists als Sci-Fi-Film geht. Diese sind zwar gut, aber für erfahrene Science-Fiction-Seher vorhersehbar. Es ist kein Zeitreisefilm, sondern es ist ein Film, dem es darum geht, was es bedeutet seinem Leben einen Sinn geben zu wollen und in welche Paradoxien man dabei geraten kann. Der Film thematisiert es selbst, mit der Frage, ob man sich töten soll, sich lieben soll oder seinem Leben eine Bestimmung geben soll oder ob das nicht unausweichlich miteinander verwoben ist. Der Film behandelt die Frage wer man sein will und versetzt diese Frage in die Paradoxie einer Zeitreise, um das Paradoxe an der Frage nach sich selbst zu behandeln. Das ist für mich ein beeindruckender und von mir so bisher in keinem anderen Film erlebter Twist, der diesen Film so unfassbar beeindruckend macht.