Ich mag mein Samsung Galaxy S auch nach fast zwei Jahren noch. Es ist so gut, dass ich keinen Drang habe, auf das Galaxy S 2 oder Galaxy S 3 umzusteigen. Ich denke, beim nächsten Vertragswechsel werde ich mir eher ein subventioniertes Tablet zulegen und das Galaxy S weiterhin als Handy behalten.

Es sind eher die Kleinigkeiten, die mich… nein, stören wäre das falsche Wort. Die mir immer wieder latent aufstoßen. Die doofe und ruckelige Vodafone-Animation, wenn ich das Gerät ein- und ausschalte (es war halt gebranded). Die Tatsache, dass sich Android 2.3 nicht so leicht rooten lässt wie die vorangegangenen Versionen und damit Möglichkeiten wie „ad free“ und „system backup“ außen vorbleiben. Googles unverständliche Entscheidung, den Browser Chrome erst für ab Android 4.0 verfügbar zu machen. Und diese ganzen nervigen Samsung-Apps, die ich nie wollte und nie benutze. Vor allem aber: Samsung hat entschieden, dass es für mein Handy kein Update mehr geben wird. Android 2.3. bis zum Schrottplatz ist die Perspektive.

Kleinkram.

Klar kann man dem mit ein wenig Hirnschmalz und Ausdauer beikommen. Mir sind die Entwicklungen von angepassten, freien Roms für Android-Telefone durchaus bekannt. Aber ich bin kein Frickler mehr, will mich nicht mit halbgaren Beta-Versionen und den damit verbundenen Kompromissen herum schlagen. Immer wieder lese ich in Tests Sachen wie: „Der neuste Nightly Build läuft schon recht stabil, allerdings ist die Kamera noch nicht aktiv und das WLAN ist sehr brüchig“. Das ist nichts für mich. Mein Smartphone soll funktionieren.

Neulich entdecke ich auf Chip.de allerdings einen Beitrag, der mich aufhorchen lässt: das populäre CyanogenMod wurde als „stable und final“ in der Version 9 für 45 verschiedene Handys freigegeben. Das bedeutet, so wie ich es verstehe: ein stabiles Betriebssystem, abgestimmt auf mein Galaxy S, mit Android 4.0 und Root-Zugriff. Das würde mir erlauben, Chrome zu installieren und volle Backups zu machen. Und vor allem: kein Versions-Hickhack mehr, bei dem die aktuelle Fassung morgen schon wieder von einer neuen ersetzt wird und man aus den Updates nicht mehr raus kommt.

Ich entschließe mich, das Risiko einzugehen. Ich bin zwar kein Modder und kann auch keine Zeile Code schreiben, aber ich bin hartnäckig und nicht doof. Das sollte laut der Beschreibungen auch reichen, um das Handy auf die neue Version zu hieven. Es gibt auch YouTube-Videos, die zwar keinen Erfolg garantieren, den Vorgang aber nachvollziehbarer machen.

Ihr ahnt es schon: SO einfach wird es dann doch nicht. Und so manches mal wird es notwendig, die „fist of death“ in der Tasche zu machen und stattdessen Google anzuwerfen. An der Geschichte will ich euch teilhaben lassen, weil sie mich tapfer und unverzagt aussehen lässt.


Kurz zum Ablauf: Um von Android 2.3 auf 4.0 zu kommen, muss man das System rooten, in dem man einen neuen Kernel einspielt. Danach hat man vollen Zugriff auf alle binären Innereien, was die Aufspielung der angepassten Firmware (die ich ab jetzt CM9 nenne) erlaubt. Dabei muss der Speicher des Smartphones mehrfach komplett gelöscht werden. Das ist nicht alles: CM9 fehlt eine ganze Reihe elementarer Google Apps (z.B. Gmail), die man über ein separates Paket einspielen muss.

Mit einer Foto-Anleitung von Chip suche ich erstmal die Software zusammen, die ich brauche: Kernel, Odin (die Software, die den Kernel auf das Handy schreibt), CM9, Gapps – und sogar noch mal die Samsung-Sync-Software „Kies“, die ich bisher nie gebraucht habe, deren Treiber aber Odin braucht. Dabei muss man höllisch aufpassen, denn die Versionen müssen nicht nur aktuell sein, sondern auch zueinander und zu dem entsprechenden Handy passen. Gerade Amateuren wie mir läuft da gerne mal was schief, weil die Cracks in den Foren Dutzende von Quellen angeben, Dutzende von Alt-Versionen online belassen (unterscheidbar oft nur am Versionsdatum) und jedes Smartphone verschiedene Firmware-Fassungen besitzt. Mein Kernel endet auf den Buchstaben JVA, was ein exakt angepassten neuen Kernel erfordert – hier breche ich erstmals in Angstschweiß aus.

Der ganze Update-Spass geht natürlich nur unter Windows, also boote ich mein Macbook in Windows 7 hoch.

Nun denn. Auf dem Handy alle Knöpfe gleichzeitig drücken, bis ein obskurer Download-Modus angezeigt wird. Kies installieren, Odin starten, den neuen Kernel anwählen, das Handy per USB mit dem Computer verbinden, Erkennung abwarten, Vorgang starten. Das geht schon mal alles ganz prima. Zumindest bis hierher habe ich mein Smartphone nicht „gebricked“, wie man das netterweise nennt, wenn man ein Gerät allenfalls noch als Backstein gebrauchen kann. Der neue Kernel bringt jede Menge kleinerer Tools unter der Haube mit, die den weiteren Ablauf vereinfachen.

Im gerooteten Handy installiere ich nun einen „Rom Manager“, der dafür sorgt, dass sich neue Firmware problemlos aufspielen lässt. Die habe ich mir ebenfalls aus einem Forum besorgt – mit dem Datum von letzter Nacht.

Weg mit dem USB-Kabel, wieder alle Tasten am Handy drücken, nur diesmal die Lautstärketaste nach unten statt nach oben. Winzig kleine Optionen, die kryptisch wirken. Der Typ im YouTube-Video macht es dankenswerterweise vor: Sämtliche User- und Programmdaten löschen, Cache auch, dann ein sogenanntes „Nandroid-Backup“ auf die externe SD-Karte. Im Zweifelsfall muss man den Kram auch wieder rückgängig machen können.

Weil ich es bis hierher noch nicht erwähnt habe: Meine Garantie für das Galaxy S habe ich mit dem Austausch des Kernels schon in den Wind geschossen. Proceed at your own risk.

Aber keine Panik, es sieht noch ganz gut aus. Die CM9-Firmware wird ordnungsgemäß installiert, ich haue noch die Gapps drauf, weil ich den Google-Kram brauche. Helle Freude, als das System rebootet – die nervige Vodafone-Animation ist einem schicken Vortex-Effekt gewichen! Das Handy startet!

Coole Sache – WLAN wird gleich erkannt, Internet funzt, ich kann praktisch augenblicklich anfangen, meine Apps neu zu installieren. Ohne die Samsung-Oberfläche „Touchwiz“ gefällt mir Android sogar noch besser. Aber dann geht es los: Die externe SD-Karte wird nicht mehr erkannt. Und überhaupt: wieso hat das Gerät den Code für mein Sim-Karte nicht abgefragt? Ich merke schnell: alles Essig. Als Telefon ist mein Samsung gerade unbrauchbar. Programme von der externen SD-Karte installieren geht auch nicht.

So ein Käse.

Ich durchsuche die Foren, lese Diskussionen quer, googel mir die Finger blutig – irgendwann stoße ich auf eine Version der Firmware, die zwar nicht so aktuell ist wie der von mir installierte Build, aber es ist die „final and stable“ version, die ich ja gesucht hatte. Statt „cm-9-20120815-NIGHTLY-galaxysmtd“ heißt es nun nur noch „cm-9.0.0-galaxysmtd“. So soll es sein. Ich boote erneut in den Recovery Modus, lösche alle Daten (und damit die ersten neu installierten Programme) und spiele die korrekte Version der Firmware auf. Nochmal die Gapps. Daumen drücken. Neustart.

Hurra, das Smartphone begrüßt mich mit der Bitte um die Eingabe meines Sim-Codes. Problem gelöst, Handy sollte gehen. Dafür hat sich das WLAN verabschiedet – das Icon leuchtet, aber es kommt keine Verbindung zustande. Und die externe SD-Karte wird immer noch nicht erkannt. Wo ist überhaupt Gmail? Die generische Email-App von Android 4.0 kann es ja wohl nicht sein.

Ich probiere, installiere und experimentiere eine halbe Stunde, dann steht fest: das ist es auch nicht. Irgendwann bekomme ich wenigstens WLAN an den Start: ich muss nur das Icon länger drücken, um zu den Optionen zu kommen, wo ich meinen Router auswählen und das Passwort eingeben kann. WLAN und Telefon gehen also. Aber die SD-Karte streikt weiter und es fehlen elementare Google Apps.

Neuerliche Suche nach Lösungen im Internet. Ich stelle fest, dass es verschiedene Varianten (seufz) der Gapps gibt. Ich mache das Zip-Package mal auf und schaue vorsichtig rein. Stimmt, da sind jede Menge apk-Dateien von Google drin. Gmail nicht. Ich finde schließlich in einem Forum eine freundliche Seele, die den Bestand ihrer Gapps teilt – und damit eine Fassung, in der auch Gmail enthalten ist.

Wieder Recovery-Modus, alle Daten löschen, Gapps neu aufspielen. Wlan geht, Telefon geht – Gmail! Ich komme dem erhofften Ergebnis näher. Nach mittlerweile drei Stunden (der Typ im Video, bei dem es keine Probleme gab, hat eine Viertelstunde gebraucht).

Aber was hat das mit der SD-Karte auf sich, die partout nicht erkannt wird? Ich hatte die schon mal ausgetauscht, weil das Handy mit der vorherigen einige Probleme hatte. Ist die Karte beim Update vielleicht komplett gelöscht worden? Ich hole sie aus dem Handy und stecke sie in das Macbook. Nein, alle Daten sind drauf. Ich setze die Karte wieder in das Galaxy S ein, rufe den Dateimanager auf, selektiere den Ordnerlink „external_sdcard“ – nix. Leeres Verzeichnis. Krutzitürken!

Ich bin zu nah dran, um aufzugeben, zumal mir schwant, dass die SD-Karte auch nach einem Rücksetzen auf die alte Firmware nicht laufen wird. Unter Windows 7 formatiere ich gleich zwei SD-Karten neu und spiele Software drauf, um einen Hardware-Fehler auszuschließen. Das Problem besteht. Die Karten laufen überall, nur nicht auf meinem Handy.

Ich googel noch einmal, versuche verschiedene Beschreibungen des Problems. Das KANN doch nicht so schwer sein. Schließlich stolpere ich über den beiläufigen Satz eines Profis in einem der Foren: man müsse natürlich bedenken, dass Samsung kurioserweise eine proprietäre Benennung des Ordnerlinks für die externe SD-Karte eingeführt habe.

In meinem müden und frustrierten Hirn rattert es. Demnach führt „external_sdcard“ nur bei einer Samsung-Firmware tatsächlich zur SD-Karte. Eine erneute Recherche später bin ich schlauer: in generischen Android-Versionen heißt der Ordnerlink „emmc“ und befindet sich zwei Stockwerke höher direkt im Rootverzeichnis meines Smartphones. Und presto – da ist die externe SD-Karte mit der Software auch schon! Hätte mal irgendeiner von den Helden, die ihren Anleitungen ins Netz gestellt haben, darauf hinweisen können?

Okay, Wlan, Telefon, Gmail, externe SD-Karte. Alles läuft. Ich hadere noch ein wenig mit der Funktionalität der Oberfläche. Ich bin halt doch 2.3 und noch dazu Touchwiz gewohnt. Aber es zeigen sich auch die Stärken der neuen App-Kultur: Google hat sich alle Programme, die ich offiziell installiert habe, gemerkt und bietet sie auf Knopfdruck erneut an. So kann ich relativ fix meine Softwarebibliothek wieder auf den aktuellen Stand bringen, während Google im Hintergrund noch die Kontakte, Mails und Kalendereinträge synchronisiert. Ich suche ein spartanisches Wallpaper aus, spiele die vertrauten Klingeltöne wieder ein, korrigiere ein paar Einstellungen. Sitzt.

Aus der einen Stunde, die ich für das Update veranschlagt habe, sind letztlich sechs geworden. Aber es hat sich gelohnt: Android 4.0 ist nicht nur sehr schick und schnörkellos, sondern läuft auch wie Butter. Der ganze Ballast (Vodafone-Animation, Samsung-Software) ist weg, dafür habe ich Root-Zugriff, den ich gleich für ein totales System-Backup nutze.

Vor allem aber: ich habe es geschafft. Wie schon bei den Websticks und der Ausweis-App zeigt sich: Karma belohnt keine Kneifer. Und es ist noch niemand daran pleite gegangen, auch drei oder vier mal nach einer Problemlösung zu googeln. Notfalls immer wieder.

Aber jetzt ist erstmal wieder Ruhe im Karton. Zumindest, bis die „final“ von CyanogenMod 10 kommt…

P.S.: Gestern habe ich auch die neuste Version meines OSX auf dem Macbook installiert. Mountain Lion. Eine knappe Stunde Download, eine halbe Stunde Installation, alles ohne mein Zutun. Läuft problemlos. So geht’s auch.

NACHTRAG: Ich habe mich ein wenig gewundert, dass diverse Screenshot-Apps unter Android 4.0 nicht laufen – bis ich heraus fand, dass Android 4.0 eine Screenshot-Funktion bereits mitbringt. Und deshalb präsentiere ich euch an dieser Stelle meinen Home Screen:

Dazu muss man wissen, dass ich meine ganzen Apps mit dem „Folder Organizer“ ordentlich in eigene Verzeichnisse lege. Ich mag es aufgeräumt.



Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz