Wortvogel bei einer Senfprobe

Es ist einigen von euch sicher aufgefallen – zumindest in den letzten vier Wochen hat es wenig wirklich diskussionswürdige Beiträge hier gegeben. Ich habe euch nicht nennenswert Frohe Weihnachten gewünscht, das Neue Jahr ohne retrospektives Feuerwerk eingeleitet, und meine große Überprüfung der „Prophezeiungen 2009“-Show steht auch noch aus. Von der Idee, 250 Filme in dem Jahr zu besprechen, musste ich mich schon im Oktober verabschieden. Wann habe ich das letzte mal einen Uwe Boll-Film zerlegt? Ich weiß es nicht.

Keine Sorge, mir ist nicht langweilig geworden, und ich werde dem Wortvogel auch nicht den spirreligen Hals umdrehen.

Es war nur einfach… zuviel.

Nach einem aus verschiedenen Gründen eher deprimierenden ersten Halbjahr machte ich im zweiten Halbjahr 2009 den Fehler, mich in zwei Dutzend Projekte gleichzeitig zu stürzen, um das auszugleichen. Romane, Moderationen, Drehbücher, Reportagen, Seminare. Ich habe alles „on time and on budget“ abgeliefert. Egal wie. Und zu welchem Preis.

Nur ist dabei meine Freizeit auf der Strecke geblieben, mein Privatleben, meine Gesundheit. Ich komme kaum noch dazu, Bücher zu lesen, Filme zu schauen, Freunde zu treffen, Beiträge zu schreiben – Grundgütiger, oder wenigstens mal eine halbe Stunde lang die Wand anzustarren! Ich ernähre mich ungesund, lasse meine Fitnessstudio-Mitgliedschaft schleifen, und huste gefährlich viel. Heiligabend war ich krank, und habe als Bescherung in ein Waschbecken gekotzt. Schön war das nicht.

Ich war immer stolz darauf, sehr selbstbestimmt zu leben. Wenn ich morgens nichts aufstehen will, muss ich auch nicht. Wenn mir die neue Folge „Bones“ wichtiger ist als mein Arbeitspensum, dann ist das halt so. Und wenn ich bis drei Uhr in der Früh „QI“-Folgen durchnudel, steht mir das frei.

Das habe ich verloren. Ich war in den letzten sechs Monaten fremdbestimmt, habe oft nur noch „funktioniert“, und das meistens auf Reserve. Deadlines, Deadlines, Deadlines. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, mich aufzuregen – ging was schief, habe ich mit den Schultern gezuckt, und gemurmelt: „Klar, warum nicht das auch noch? Sicher“. Ärger mit der Wohnung in Düsseldorf? Ein Virus macht meinen Rechner platt? Die Putzfrau kündigt? Meine Küchenuhr fällt krachend von der Wand? Ist doch jetzt auch egal.

Natürlich habe ich damit 2009 ganz gut verdient, und mir viele Möglichkeiten für 2010 aufgemacht. Ich bin auch durchaus stolz auf einige der Sachen, die am Ende dabei rausgekommen sind (die Leipzig-Moderationen, die LandIdee-Artikel, der neue Nibelungen-Band). Es stehen auch noch spannende Sachen an. In den nächsten Monaten erscheint der neue Roman, und mein Zweiteiler „Dr. Hope“ wird endlich im Fernsehen ausgestrahlt. Das macht mich glücklich – und es schließt das Projekt nach unglaublichen sechs Jahren ab.

Aber so kann es nicht weitergehen, das ist mir um den Jahreswechsel herum klar geworden. Noch so ein Jahr stehe ich nicht durch. Die Batterien sind alle, und bei einem Mann von 41 laden sie auch nicht mehr so schnell wieder auf wie bei einem Mann von 21. Ich muss haushalten lernen, und wieder mehr auf meinen Körper hören.

Ich fahre am Wochenende für zweieinhalb Wochen in Urlaub. Ich weiß noch nicht einmal, wohin. Es war keine Zeit, groß was auszusuchen. Das entscheidet sich am Last Minute-Schalter. Ich nehme Bücher mit, Filme, Notebook, und eine Liste von Themen, die ich seit Ewigkeiten schon für mein Blog aufarbeiten wollte. Vor allem aber nehme ich den Vorsatz mit, zur Ruhe zu kommen. Einen weniger hektischen Blick zu finden. Die Uhr nicht mehr für den Feind zu halten.

Auch während des Urlaubs werde ich, sofern ich nicht auf einer Arktis-Station ohne Internet-Anschluss lande, Kontakt halten. Kinokritiken veröffentlichen (GI Joe, Der Typ vom Grab nebenan, Give em Hell Malone, The Road, Zombieland, Pandorum), Film Funnies (ich mag sie – rutscht mir doch den Buckel runter), Essays. Ich bin also weg, aber weiterhin da.

Der Urlaub kann nicht alle Probleme lösen, mich schwuppdiwupp wieder frisch und heiter machen. Soviel kann ich nicht verlangen. Aber er soll den Wendepunkt markieren.

2010 (das für mich offiziell mit einem Monat Verspätung beginnt) möchte ich dann einiges anders machen. Weniger arbeiten, serieller, nicht immer mit sieben Bällen gleichzeitig jonglieren. Ich möchte mich auf Projekte besser vorbereiten, und sie besser nachbearbeiten können. Ich will Dinge schreiben, für die ich keinen Auftrag habe, sondern die mir am Herzen liegen. Mal wieder ausloten, was ich noch so alles kann. Mich herausfordern. Besser werden. Anspruch leben.

Ich will kein neuer Mensch werden. Ich will wieder ganz der Alte sein.

Und dann bombardiere ich euch mit Beiträgen, dass euch die Ohren schlackern.



avatar
23 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
22 Comment authors
Wortvogel auf Südstaaten-Tour 2010: Louisiana, Mississippi, Tennessee, Texas @ Wortvogel – 100 % Torsten Dewimilan8888DerTimSimon JohnsonTornhill Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste
Benachrichtige mich zu:
Dr. Acula

Gute Erholung! Hast es dir verdient, alter Mann *tätschel* 🙂

faby, Botschafter des Lächelns

Schöner Beitrag 🙂 Verständlich! Ich freu mich, dass du deine Drohung wahr machst 😉

Winiwyne
Winiwyne

Lieber Wortvogel,

als bisher schweigende Stammleserin
schließe ich mich dem obigen Stamm-Kommentator an und ergänze:
Alles Gute für Dich im neuen Jahrzehnt, immer die nötige Handbreit Wasser unterm Kiel und nach stürmischen Zeiten hoffentlich ein bisschen Ruhe…
Ach, und was das angedrohte Blog-Bardement betrifft: Ja! Bitte!

Es winkt
Winiwyne

Eike
Eike

Wünsch Dir einen schönen Urlaub und gute Erholung! Freue mich immer auf neue Einträge!

PabloD
PabloD

„Ich war in den letzten sechs Monaten fremdbestimmt, habe oft nur noch “funktioniert”, und das meistens auf Reserve. Deadlines, Deadlines, Deadlines.“ […] „Ich will kein neuer Mensch werden. Ich will wieder ganz der Alte sein.“

Sei versichert, dass es nicht nur dir so geht 😉 (oder doch 🙁 ?) Nach fünf, sechs eher fetten Jahren stecke ich jetzt im zweiten richtig mageren fest, aber es kommen auch wieder bessere Zeiten. Muss ja. Wünsch dir jedenfalls viel Erholung, die Seite hier hilft ja nicht nur dir 🙂

Nulpe
Nulpe

Erhol dich gut und wenn nach den 2 Wochen deine Akkus immer noch auf halb stehen, hänge noch mal 2 Wochen dran.
Lieber weniger Beiträge aber dafür einen gesunden Wortvogel.

Tanja
Tanja

Ich finde, Du machst das schon alles ganz richtig so. Wenn Du mal längere Zeit nicht schreibst, dann hoffe ich, dass Du nicht ernsthaft krank bist oder das Blog aufgibst, und ansonsten freue ich mich, wenn es was Neues vom Wortvogel gibt. Schönen Urlaub!

Dietmar
Dietmar

Echt interessant, wieviel ich da wiederfinde, das mir von mir bekannt vorkommt (bis auf den finanziellen Erfolg *flenn*). Als Selbständiger in einem künstlerischen Beruf verliert man sehr schnell die Selbstbestimmung und hat nicht nur einen Boss, sondern mehrere; im Zweifel spielt sich auch mal gerne jemand dazu auf, der einfach nur eine große Klappe und keinerlei Qualifikation hat. Irgendwann hechtet man neben diesem Ärger nur noch einem unerfüllbaren Pensum hinterher und ist auch in der lächerlich klein gewordenen Freizeit mit beruflichen Projekten beschäftigt. Darunter leiden Familie, Freunde, Gesundheit und das, wofür man seinen Weg so eingeschlagen hat, wie man es eben tat: die Kreativität.

Du machst das richtig: Nimm es nicht auf die leichte Schulter, erhole Dich und ordne neu! Ich bin unter dem Druck zwei Mal zusammengeklappt. Das ist keine schöne Erfahrung, und das nächste Mal könnte das eine Mal zuviel sein. Nicht nachmachen!

Gute Erholung!

Viele Grüße

Dietmar

Marcel
Marcel

Viel Spaß im Urlaub, und erhol dich gut.

Donalbain
Donalbain

Lieber Wortvogel,

Erhol Dich gut und vielen Dank für die gute Grundversorgung mit Kritiken, Meinungen, Polemik und Quatsch!

(Und ich ziehe hiermit meine gestrige Forderung nach einer Avatar-Kritik vorläufig zurück.)

joersch
joersch

Lass es dir gut gehen und geh mal richtig feiern_das hilft zumindest aus eigener Erfahrung durchaus (natürlich nicht gleich am Tag 1 der Erholungsphase).

Bernhard
Bernhard

Kann ich absolut nachvollziehen. Wenn Du etwas tun kannst, damit es Dir besser geht und Du dann wieder mehr Spass an der Arbeit hast, dann los.

hmjaaaa
hmjaaaa

den urlab hast du dir wirklich verdient.erhole dich gut!

kleiner tipp von mir: erstmal 2 tage komplett auf i-net verzichten.

frohes neues und mfg

Howie Munson
Howie Munson

++Lieber weniger Beiträge aber dafür einen gesunden Wortvogel.++
Dem schliesse ich mich vollumfänglich an. Seh zu, dass du dich erholst.

Lutz
Lutz

Kann ich gut nachvollziehen. Mein letztes halbes Jahr lief auch eher bescheiden (auch ein Grund für meine seltener kommenden Kommentare). Aber reinschauen und mitlesen tue ich trotzdem immer noch jeden Tag mindestens einmal.

Alles Gute und gute Erholung, Torsten. Und hoffentlich wird das neue Jahr dann besser für dich.

Montana
Montana

Als jemand, der sich hier gern und kostenlos mit interessanten, teils bewegenden und immer lesenswerten Beiträgen versorgt lässt, kann ich etwas Egoismus gar nicht leugnen, wenn ich sage:

Du wirst noch gebraucht! 🙂

Baumi

Alles Wesentliche wurde ja schon gesagt, also beschränke ich mich auf „Schönen Urlaub!“ Hast ihn Dir echt hart verdient.

Tornhill
Tornhill

Joah…dann also bis bald!
Erhol dich gut und bring dennoch ausreichend schlechte Laune mit, wie man sie für gute Reviews immer gebrauchen kann. 😉

Simon Johnson
Simon Johnson

Hattest du nicht erst vor ein paar Wochen Urlaub auf Ibiza? 😉

DerTim

Ich wünsche Dir dabei viel Erfolg und das sich Deine Kreativitäts- und Motivationsakkus wieder vol aufladen. Und ich freue mich auf die neuen Beiträge, die daraus resultieren!

milan8888
milan8888

Ich weiß schon warum ich die Selbständigkeit an den Nagel gehängt hab.

trackback

[…] Privates.Es hat lange genug gedauert, aber nun kann und will ich erzählen, was ich nach meiner dramatischen Ankündigung im Januar gemacht habe. Ich hatte euch exorbitante Beiträge versprochen – hier ist einer, […]