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Sep. 2025

Hyperland Redux (27): Effekte in Echtzeit: Revolution für Kino und Fernsehen

Themen: Film, TV & Presse, Hyperland |

Originaltext September 2013:

Es sind schon lange nicht mehr Stunts und Stars, die die Preise für Hollywood-Blockbuster in immer neue Höhen treiben, es sind die Effekte aus dem Computer. Die Produktionsfirma des „Star Wars“-Erfinders George Lucas will das ändern – mit Technologie aus Videospielen.

Filmtricks: Seit 100 Jahren der gleiche Ablauf

Ein Film wird gedreht, geschnitten – und dann werden mit großer Mühe die Spezialeffekte angefertigt und eingefügt. So ist der Ablauf, seit Georges Méliès 1902 „Die Reise zum Mond“ inszenierte. Bis heute ist diese Vorgehensweise alternativlos und mit Problemen verbunden – weder Regisseur noch Darsteller können am Set sehen, welche Monster, Raumschiffe und Laserstrahlen später auf der Leinwand das Geschehen ergänzen. Dreharbeiten und Postproduktion müssen minutiös aufeinander abgestimmt sein, auch wenn sie Monate auseinander liegen.

Der Einsatz von Computern hat zwar Stuntleute vielfach ebenso überflüssig gemacht wie Modelle und Miniaturen. Praktisch alles ist heute per CGI (computer generated imaging) darstellbar, was der Autor sich ausdenken kann. Aber trotz der Verheißungen der Technologie sind Filme nicht billiger geworden. Im Gegenteil: kratzte „Terminator 2“ 1991 erstmals an der 100 Millionen Dollar-Grenze, gilt es Hollywood-intern als offenes Geheimnis, dass Filme wie „John Carter“ und „Fluch der Karibik 3“ die 300 Millionen-Marke gerissen haben. Blockbuster werden immer schwerer zu finanzieren – und immer schwerer zu amortisieren.

Einige Produzenten und Regisseure haben das Problem erkannt, wollen die Effektexzesse reduzieren. Im Falle von Roland Emmerich und der Fortsetzung seines Hits  „Independence Day“ heißt das bescheiden: „60 oder 70 Millionen stecken wir in Spezialeffekte“. 60 oder 70 Millionen Dollar – nur.

Geht das nicht preiswerter und einfacher? Lucasfilm, kürzlich von Disney aufgekauft, ist davon überzeugt.

Die virtuelle Welt zieht ins Filmstudio ein

Die Produktionsfirma, die seit jeher als Innovationsmotor der Branche gilt, möchte die ganze Produktionsstrecke des Kinos straffen, vereinfachen und damit preisgünstiger gestalten. Kürzlich machte ein „proof of concept“-Video die Runde, in dem ein erster Vorgeschmack der neuen Technologie zu sehen ist. Schauspieler agieren in hautengen Kostümen vor leeren Hintergründen, bewegen sich auf Anweisung scheinbar sinnlos hin und her. Auf dem Monitor des Regisseurs sieht man allerdings zeitgleich ein ganz anderes Szenario: die Darsteller sind plötzlich Roboter und Soldaten aus dem „Star Wars“-Universum, die auf einem fremden Planeten umher laufen. Eine perfekte Illusion, bei der der Regisseur per App sogar die Wetterlage und die Tageszeit jederzeit justieren kann.

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Die Technik dahinter stammt aus der Videospielbranche, deren „game engines“ darauf programmiert sind, in hoher Geschwindigkeit Grafik und Sound zu berechnen  – und sei es nur auf einem handelsüblichen PC aus dem Supermarkt. Koppelt man die Bewegungssensoren auf dem Set an eine solche Spielewelt, entspricht jede Bewegung eines Darstellers automatisch der Bewegung einer virtuellen Figur – Joystick überflüssig.

Die Vorteile liegen auf der Hand: nach einem Drehtag liegt künftig kein Rohmaterial vor, sondern eine fix und fertige Effektsequenz, die noch dazu immer wieder zeitnah verändert werden kann. Zwischen dem Ende der Dreharbeiten und dem Kinostart müssen keine Monate liegen, sondern nur noch Wochen. Die in der „game engine“ vorhandene Cyberwelt kann beliebig oft verwendet oder durch andere Szenarien ausgetauscht werden.

Bonuseffekt für die Produktionsfirma und die Konsumenten: Der Film und das zugehörige Videospiel werden aus dem gleichen Code gespeist und sind grafisch nicht mehr unterscheidbar.

Weitere 10 Jahre wollen die Techniker an dem System feilen, bis es markttauglich ist. Insider erwarten, dass die ersten Einsätze allerdings nicht im Kino erfolgen, sondern im Fernsehen, vielleicht sogar bei der lange erwarteten und immer wieder verschobenen „Star Wars“-TV-Serie. Denn im Fernsehen herrscht ein noch größerer Druck, immer mehr hochklassige Effekte in immer weniger Zeit zu produzieren.

NACHTRAG 2025: Tatsächlich eine Geschichte, die sich komplett bewahrheitet hat, inklusive der Timeline. Die "real time"-Effektstudios sind längst im Einsatz, nicht nur bei den mittlerweile vielen STAR WARS-Serien, sondern auch kürzlich bei SUPERMAN, wo die Flugszenen statt vor Greenscreen vor einer tatsächlich Projektion des Himmels gedreht wurden.

Billiger sind Filme und Serien dadurch allerdings nicht geworden. Bei den Budgets marschieren wir auf die 500 Millionen-Schallgrenze zu.



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Nikolai
Nikolai
20. September, 2025 16:53

Die Berechnungen der Effekte dauern halt auch einfach richtig lang.
Das läuft ja nicht in Echtzeit und es ist nicht einfach Ray Tracing.
Da wird Global Ilumination und Path Tracing und vielleicht noch andere tolle Dinge verwendet, die ich gar nicht kenne.
Das muss dann für jeden Frame einzeln berechnet werden.
Bei 90 Minuten sind das 90*60*24 Frames.

Nikolai
Nikolai
20. September, 2025 18:16
Reply to  Torsten Dewi

Gleichzeitig ist aber auch der Anspruch gestiegen.
Es muss halt fotorealistisch sein.

Natürlich haben wir heute ganz andere Ressourcen zur Verfügung, aber man sollte dennoch nicht die Komplexität dieser Berechnungen unterschätzen.

Ich habe neulich was gesehen von "30 Sekunden pro Frame". (Quelle folgt wenn ich dran denke, bin in Urlaub)

Das sind dann immernoch viele viele Tage dauerrechnen.

Damit möchte ich nichts von dem was du schrubst(ist das wirklich richtig?) anzweifeln.

Es ist aber trotzdem noch eine Menge Arbeit nötig, bis ein Photonentorpedo fliegt und irgendwo einschlägt.

Martzell
21. September, 2025 11:25

StageCraft The Volume ist der hallengroße runde Bildschirm der statt grüner Halle bei Mandalorian Spiegelungen und Lichtstimmung direkt live darstellt. Gekoppelt mit der Kamera verändert sich die Landschaft wenn die Kamera bewegt wird, damit man nicht merkt dass es ein flacher Schirm ist.

https://techcrunch.com/2020/02/20/how-the-mandalorian-and-ilm-invisibly-reinvented-film-and-tv-production/

Last edited 3 Monate zuvor by Martzell