Michael Hesemann: Von Roswell nach Rom
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Michael Hesemann ist jemand, den ich immer peripher auf dem Schirm hatte. Wenn man sich als Teenager in den 80ern lange genug mit UFOs, Geistern, Wunderheilung und "alten Göttern" auseinandergesetzt hat, dann ist man fast zwangsläufig über seinen Namen gestolpert.
Er war eine Koryphäe – wenn man eine Koryphäe in Sachen "ausgemachter Unfug" sein kann. So eine Art Fanboy-Variante von Erich von Däniken. Er tingelte als Deutschlands bekanntester UFO-Enthusiast durch die Medienlandschaft, sammelte Sichtungen, sprach über Außerirdische und bewegte sich in einem schillernden Grenzbereich zwischen Neugier, Spekulation und Irrglauben.
Ich kann nicht mehr sagen, wie ich drauf kam, aber über Pfingsten habe ich mal nachgeschaut, was aus Hesemann wurde. Und siehe: es ist Hesemann 2.0.
Zur Verortung: Das hier ist der "alte" Hesemann in einem SPIEGEL TV-Bericht über UFO-Gläubige und ihren szene-internen Kleinkriege:
Wenn man einem anderen, immer noch sehr sehenswerten Beitrag von SPIEGEL-TV glauben darf, war Hesemann auch Veranstalter eines "Kongresses" zu diversen esoterischen Themen in Frankfurt und wusch uns dabei mal ordentlich den Kopf, was die Einordnung von Alien-Sichtungen angeht:
Ich bin froh, dass wir das endlich geklärt haben.
Mir ist ein bisschen peinlich, dass der auch aus Düsseldorf kommt. Wenigstens ist er auf der anderen Rheinseite aufgewachsen…
Bis ca. 2000 gab Hesemann das Magazin 2000 heraus, in dem Suchende vielleicht nicht alle Antworten fanden, aber zumindest viele scheinheilig gestellte Fragen.
Fun fact: Die aktuelle Chefredakteurin bezeichnet sich laut Wikipedia als „Außenministerin der Kommissarischen Regierung des Deutschen Reiches“ und das Heft wird mittlerweile der Reichsbürgerszene zugeordnet. Schaut man sich z.B. das Cover dieser Sonderausgabe an, dann ist man in der Tat erschüttert:
Aber zurück zu Hesemann. Der hat den Rechtsruck nicht zu verantworten, denn er ist in der zweiten Hälfte der 90er einen gänzlich anderen Weg gegangen, wie ich jüngst recherchiert habe. Einen Kreuzweg, wenn man sarkastisch sein möchte.
Heute tritt er als katholischer Publizist, Kirchenhistoriker und Verteidiger des Glaubens auf. Vom Alien zum Altar. Vom Raumschiff zur Reliquie.
Man könnte meinen, da habe jemand eine komplette Kehrtwende vollzogen. Man könnte aber auch genauer hinschauen. Denn tatsächlich erscheint mir Hesemanns Entwicklung weniger wie ein Kurswechsel als wie ein Umzug. Die Wohnung hat eine andere Adresse, aber das Mobiliar ist das Gleiche.
Wer verstehen will, warum ein Mensch vom UFO-Glauben zur katholischen Apologetik gelangt, muss aufhören, sich mit den jeweiligen Inhalten zu beschäftigen. Die Inhalte sind austauschbar. Gestern wandelten die Götter übers Wasser, heute fliegen sie in Untertassen durch die Stratosphäre, morgen kommunizieren sie vielleicht durch Quantenverschränkung und Kryptowährungen.
Interessanter ist die Frage: Welches Bedürfnis wird befriedigt?
Menschen wie Hesemann suchen nicht primär nach Antworten. Sie suchen nach Autoritäten. Nach einer höheren Instanz. Nach einer Macht, die größer ist als sie selbst, als wir alle. Die ihrem Leben Richtung, Bedeutung und Legitimation verleiht.
Der UFO-Glaube bietet genau das. Die Außerirdischen sind den Menschen technologisch, geistig und moralisch überlegen. Sie beobachten uns. Sie lenken uns vielleicht. Sie besitzen Wissen, das uns verborgen bleibt. Die Rolle des Gläubigen besteht darin, Hinweise zu sammeln, Zeichen zu deuten und sich dieser höheren Wahrheit zu unterwerfen.
Das kommt euch vielleicht bekannt vor.
Die Kirche funktioniert nach demselben Prinzip. Nur dass die überlegenen Wesen nicht mehr von Beteigeuze stammen, sondern aus dem Himmelreich. Die Autorität wird nicht mehr durch Lichtkugeln am Nachthimmel legitimiert, sondern durch brennendes Buschwerk.
Das Grundmuster bleibt. Es ist die Sehnsucht nach dem kosmischen Vater.
Jemand muss wissen, wie die Welt funktioniert. Jemand muss sagen, was richtig und falsch ist. Jemand muss dem Universum einen Plan gegeben haben.
So präsentiert sich Hesemann heute – ausgerechnet bei Susan Stahnke:
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Der Eintrittspreis in den katholischen Club ist allerdings beträchtlich, denn jede Form absoluten Glaubens verlangt die Kapitulation des kritischen Denkens.
Das bedeutet nicht, dass Gläubige dumm wären. Ganz im Gegenteil. Viele investieren enorme geistige Energie, um ihren Glauben zu stützen. Der Trick besteht lediglich darin, dass die Vernunft nicht mehr der Wahrheitsfindung dient, sondern der Verteidigung eines bereits feststehenden Ergebnisses.
Wer UFOs für real hält, sammelt Indizien für UFOs. Wer Wunder für real hält, sammelt Indizien für Wunder. Man mauert um seine Überzeugungen herum und die bedingen halt, dass bestimmte Türen, hinter denen die Wahrheit wartet, nicht gesehen werden können. Man mag von der Serie WESTWORLD halten, was man will, aber die Szene, in der Bernard Lowe bewusst wird, dass er selber ein Android ist, repräsentiert die religiösen Scheuklappen erstaunlich perfekt:
Besonders aufschlussreich ist dabei Hesemanns eigene Darstellung in seiner Biografie. Wer seine Website besucht, könnte leicht den Eindruck gewinnen, hier wirke ein schon immer streng katholischer Autor. Die Jahrzehnte als UFO-Aktivist tauchen dort praktisch nicht auf. Der einzige verschämte Hinweis:
(Ich … ) befasste mich mit der Dokumentation moderner Mythen, wurde Chefredakteur eines populärwissenschaftlichen Magazins
Seine Bibliographie beginnt erst mit den christlichen Werken ab dem Jahr 2000.
Das ist bemerkenswert – auch deshalb, weil Hesemann nun als "moderne Mythen" verbrämt, was er jahrelang als Realität verteidigt hat: Aliens, UFOs, etc. Ich würde ihn gerne fragen, ob die Hinwendung zum Christentum als Lebensmittelpunkt bedeutet, dass er in Sachen Aliens seine Meinung geändert hat.
Nicht, dass Menschen ihre Ansichten nicht ändern dürfen. Im Gegenteil. Es spricht für geistige Reife, Irrtümer einzugestehen und Positionen zu revidieren.
Aber genau das passiert hier ja nicht.
Der ehemalige UFO-Glaube wird nicht kritisch aufgearbeitet, analysiert oder selbstironisch reflektiert. Er verschwindet einfach aus der Erzählung. Wie ein peinliches Familienfoto, das plötzlich nicht mehr im Album steckt.
Dabei wäre gerade diese Vergangenheit hochinteressant. Denn sie offenbart die Kontinuität einer Denkweise, die sich unter der Oberfläche erstaunlich wenig verändert hat. Wohin das führt, lässt sich prächtig an einem Beispiel illustrieren. Die verheerenden Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen 2021 sind für Hesemann eine direkte Konsequenz der Segnungen homosexueller Paare.
Hier zeigt sich eine hässliche Eigenschaft dogmatischen Denkens. Wer glaubt, den Willen einer höheren Macht zu kennen, verliert leicht das Mitgefühl für die Betroffenen.
Plötzlich sind Tote keine Opfer mehr. Sie werden zu Argumenten. Naturkatastrophen werden zu Botschaften. Leid wird zum Beweisstück in einem kosmischen Strafprozess. Das ist keine Frömmigkeit. Das ist moralische Verwahrlosung. Wer die Welt als Bühne eines allmächtigen Regisseurs betrachtet, muss zwangsläufig jedem Unglück einen Sinn zuweisen. Unsicherheit, Zufall, Chaos, haben dort keinen Platz.
Irgendetwas ist geschehen. Irgendjemand hat gesündigt. Irgendetwas wurde bestraft. Irgendein Zeichen ist zu erkennen.
Die Alternative wäre unerträglich: dass Flüsse einfach über die Ufer treten. Dass Menschen sterben, ohne dass ein göttlicher Plan dahintersteht. Dass das Universum keine Kommentare zu gesellschaftspolitischen Debatten abgibt.
Für manche Gläubige ist diese Vorstellung offenbar schwer zu ertragen. Und genau deshalb überrascht mich Michael Hesemanns Lebensweg überhaupt nicht. Sein Weg führte nicht von der Unvernunft zur Vernunft und auch nicht von der Esoterik zum Glauben. Er führte von einer höheren Macht zur nächsten.
Psychoanalytisch ist diese Vater-Fixierung ebenso interessant wie die immer wieder geäußerte Gleichsetzung von Aliens und Engeln. Aber das liegt außerhalb meiner Expertise und würde auch zu weit führen. Xavier?
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Dass die besonders streng Gläubigen, sei es in Sachen UFO oder Herrgott, sich immer auch selbst für erwählt und exklusiv halten? Dass sie überzeugt sind, eine privilegierte Mittler-Funktion zwischen dem Irdischen und der Höheren Macht zu haben? Geschenkt. Auch das ist in diesem Kontext fast zwangsläufig. Favorite son.
Im Ergebnis? Der Bibel-Hesemann ist mir ebenso suspekt wie der UFO-Hesemann. Aber nach meiner Recherche kann ich zumindest eines konstatieren: er ist sich treu geblieben. Auch wenn er es selber bestreiten würde.
Ich muss zugeben, dass ich streng gläubige Menschen manchmal beneide.
Das Leben hat ein klares Ziel.
Man kann Verantwortungen abgeben.
Schicksalsschläge sind Bestandteil des Plans, es fällt leichter zu trauern.
Es ist klar wer der Feind ist.
Allerdings bin ich dafür zu rational und ich finde es furchtbar toll nach Erklärungen zu suchen.
Ich zitiere gerne Botho Strauss: "Lieber etwas dümmer als geistig entwurzelt."
Gott braucht jetzt kein Raumschiff mehr …
Hui, ein Name, der lange nicht mehr auf meinem Zettel stand. Seltsam, auch seine sehr umfangreiche Bio auf Amazon lässt das Frühwerk aus.
Ich habe selbst viele Jahre nicht an Gott geglaubt. Heute bin ich für mich fest davon überzeugt, dass Gott existiert. Nicht, weil ich es gerne glauben möchte, sondern weil ich in meinem Leben Dinge erlebt habe, die für mich mit Zufall allein nicht mehr plausibel zu erklären sind. Mir ist bewusst, dass andere das anders sehen.
Unabhängig davon versuche ich, die Lehren Jesu in meinem Leben umzusetzen – mehr Mitgefühl, mehr Vergebung, mehr Nächstenliebe, mehr Gelassenheit, mehr Geduld. Weniger über Politik und Medien aufregen, Gutes bewirken, wo ich kann.
Sollte ich mich irren und es keinen Gott geben, habe ich zumindest versucht, ein besserer Mensch zu sein und anderen etwas Gutes zu tun. Sollte ich recht haben, dann war dieser Weg ohnehin der richtige. In beiden Fällen erscheint mir ein Leben nach diesen Werten für mich persönlich sinnvoller.
Gegen nichts davon ist etwas einzuwenden.
Super Analyse – Danke!
Kenn Hesis UFO Zeiten schon lange. Er hat früher noch viel mehr Bockmist (z.B. Santilli-Latex-Alien Betrug, od. Socorro Box Canyon Absturz Quatsch usw.) geschieben u. vermarket. Kann er ja, sollte aber dazu stehen u. verschweigen. Und wenn er jetzt anfängt für seine Beleidigungen gegenüber Menschen die ihm Kontra gaben, Abbitte zu leisten, dann wird er 2045 damit fertig sein.