26
Jul 2023

KINO KRITIK: GEISTERVILLA

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Einführung: Man vergisst gerne, dass Disney ein Multi-Unternehmen ist, das sein Geld nicht nur mit Filmen und Serien verdient, sondern auch mit Freizeitparks, Merchandise und Musik. Das ermöglicht dem Konsumkoloss im Idealfall, alles mit allem zu verbinden – Filme werden zur Vorlage von Achterbahnen in Disneyworld, während Achterbahnen in Disneyworld zur Vorlage von Filmen werden. Zu beidem lassen sich TV-Special, Spielzeug und Soundtracks produzieren. Ein pekuniäres Perpetuum Mobile, der sprichwörtliche Goldesel.

Die Anfänge dieser gegenseitigen Befruchtung der Geschäftszweige waren dabei eher bescheiden. So wurden die neusten Attraktionen der Vergnügungsparks in PR-lastigen TV-Specials vorgestellt. Hier z.B. besucht die 1970 extrem populäre (und brave) Teenie-Band The Osmonds u.a. das neue “Haunted Mansion”:

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1999 kam man auf die Idee, aus der beliebten Gruseltour “Tower of Terror” einen TV-Film im Rahmen der Reihe “The Wonderful World of Disney” zu produzieren, immerhin mit Steve Guttenberg und Kirsten Dunst:

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Bei MISSION TO MARS von Brian de Palma (!) wurde darauf geachtet, den Film nicht zu sehr als “verfilmte Freizeitpark-Attraktion” zu bewerben (er musste ja auch gegen den fast zeitgleich gestarteten RED PLANET bestehen):

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Der Erfolg war… nennen wir es mal überschaubar. Zu diesem Zeitpunkt konnte Disney nicht glauben, in dem Konzept “Achterbahn als Blockbuster” stecke Gold.

2002 versuchte man es etwas bescheidener und deutlicher auf den Kids-Markt fokussiert, der auch einen großen Teil des Disneyland-Publikums ausmacht:

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Das Ergebnis: Eine Katastrophe. Nicht mal 20 Millionen Dollar weltweit bei einem Budget von 35 Millionen. Hätte Disney an dieser Stelle den Stecker gezogen, man hätte es verstanden – und es wäre dennoch einer der größten Fehler in der Geschichte Hollywoods gewesen.

Mit PIRATES OF THE CARIBBEAN gelang es erstmals, eine beliebte Attraktion von Disneyland erfolgreich in den Kinos zu platzieren:

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Insgesamt haben die Filme allein im Kino bisher 4,5 Milliarden Dollar eingespielt. DVD, Blu-Ray, Streaming und Merchandise dürften das noch vervielfachen.

Kein Wunder, dass man bei Disney 2003 die Knorken knallen ließ – hatte man zum Jahresende nach PIRATES mit HAUNTED MANSION noch eine zweite groß budgetierte Umsetzung mit Star-Cast (Eddie Murphy) im Köcher:

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Doch statt der knapp 800 Millionen Dollar von PIRATES generierte HAUNTED MANSION nur 180 Millionen Dollar und kam bei der Kritik eher schlecht an. Es wurde entschieden: Diese neue Franchise endet mit dem ersten Film.

Aber Disney ließ nicht locker. Irgendwie musste sich der Erfolg der PIRATES doch wiederholen lassen! 2015 versuchte man es mit TOMORROWLAND, der bei doppelten Produktionskosten gerade mal so viel einspielen konnte wie HAUNTED MANSION und ein empfindliches Loch in die Disney-Geldsäckel bohrte.

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2021 dann JUNGLE CRUISE mit Dwayne Johnson:

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Wieder nur etwas über 200 Millionen Kasse bei einem Budget, das kaum niedriger gelegen haben kann. Erstes Fazit nach über 20 Jahren: Außer PIRATES-Spesen nix gewesen. Die gefloppten Kinofilme wurden zum Füller für den Disney-Streamingdienst.

Und damit sind wir bei Disney+, denn es ist durchaus nachvollziehbar, dass man mittlerweile vorsichtiger geworden ist. Nach diversen Flops und einem aufgeblähten Streaming-Angebot entschloss man sich 2021, HAUNTED MANSION eine zweite Chance zu geben – als Muppets-Halloween-Special im Fernsehen:

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Ich kann mich erinnern, dass ich das Special gesehen, aber fast augenblicklich vergessen habe. Schön produziert, aber auch dünn und nur mäßig komisch.

Und damit sind wir endlich am Ende unseres Diskurses und beim heutigen Thema, nämlich der zweiten (bzw. dritten) Verfilmung von HAUNTED MANSION:

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USA 2023. Regie: Justin Simien. Darsteller: Dan Levy, Danny DeVito, Hasan Minhaj, Jamie Lee Curtis, Jared Leto, Lakeith Stanfield, Owen Wilson, Rosario Dawson, Tiffany Haddish, Winona Ryder u.a.

Story: Nach einem Schicksalsschlag hat Ben seine Karriere als Wissenschaftler aufgegeben und vertrödelt seine Tage als Tourguide in New Orleans. Father Kent überzeugt ihn, der jungen Mutter Gabbie und ihrem Sohn Travis zu helfen, die in ihrem neuen Domizil von Geistern bedroht werden. Zusammen mit ein paar anderen “Experten” finden Ben und Kent heraus, dass die Villa eine außergewöhnliche Geschichte hat, die den Schlüssel zu den paranormalen Unruhen birgt…

Kritik: Disney, WHAT THE HELL?! Nachdem HAUNTED MANSION als Blockbuster mit Eddie fuckin’ Murphy nicht funktioniert hat, probiert ihr es mit einem derart lahmen Aufguss ein weiteres Mal? Keine nennenswerten Stars, die CGI immer noch auf dem Niveau von 2003, ein bisschen “buh!” und “kreisch!” statt Suspense und Action – und das alles garniert mir lahmen Sitcom-Pointen und einer müden “Familie ist wichtig”-Botschaft?! Habt ihr auf euren Servern eine Datei falsch angeklickt und einen mäßig budgetierten TV-Film statt ins Streaming in die Kinosäle hochgeladen? Oder ist das so eine Steuerabschreibungsnummer, die Verluste generieren soll?

HAUNTED MANSION erinnert an die “schwarze Zeit” von Disney in den 70er und 80er Jahren, als die Trickfilme nicht mehr das große Geld brachten und das “Haus der Maus” versuchte, mit preiswerten TV-Filmen und Kinostreifen Kasse zu machen. Halbgare Light-Unterhaltung, die – ganz dem Mantra des Hauses folgend – weder bei der Action noch in Sachen Sex und Gewalt das kinderfreundliche Ghetto verlassen durfte. Und so ist HAUNTED MANSION ein Gruselfilm ohne Grusel, der so verzweifelt versucht, keine Zielgruppe zu verschrecken, dass er letztlich keine Zielgruppe anspricht (boxoffice, prove me wrong). Da steckt so gar keine Lebensfreude drin, kein Enthusiasmus. Jeder der Darsteller kann es besser – scheint es hier aber nicht für nötig gehalten zu haben.

Mag sein, dass man Söhne und Töchter, Neffen und Nichten ins Kino schleifen kann, die angesichts der lauwarmen Schauergeschichte begeistert in die Hände klatschen werden – solange sie kein zweistelliges Alter erreicht haben. Aber selbst denen würde ich eher den MARIO BROS. FILM spendieren – oder eine Alternative aus der umfangreichen Library von Disney+. HAUNTED MANSION hat nicht mal als Neustart Kuriositätenwert.

100 Years of Disney – the mouse is broken.

Fazit: Mehr Geisterbahn als Gruselfilm, mit erschreckend wenig Ambition und Aufwand im Stil eines TV-Specials heruntergekurbelt. Als Genre-Einstieg für 6-10jährige vielleicht gerade noch zu rechtfertigen.



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Marcus
Marcus
26. Juli, 2023 12:34

Ich fand den Trailer schon furchtbar. Und ich habe ihn oft genug im Kino gesehen….

jimmy1138
jimmy1138
26. Juli, 2023 14:19

Die “Pirates”-Franchise lebte mMn großteils vom Charme Johnny Depps (bzw des Casts generell) – das war “lightning in a bottle”.
Interessant, wenn man sich zu diesem Film die Produktionsgeschichte auf Wikipedia durchliest – beginnt quasi 2010 mit Guillermo del Toro, dessen Drehbuch aber wohl zu gruselig für einen Disney Film war. Am Ende wurde es die Drehbuchautorin von Ghostbusters 2016.
Und hinsichtlich Steuerabschreibungsnummer: Muß das dazu nicht komplett eingezogen werden – wie Warner es z.B. bei Batgirl gemacht hat und Disney mit zahlreichen Disney+ Titeln a la Willow (TV)?

dermax
dermax
26. Juli, 2023 14:46
Reply to  jimmy1138

“Pirates of the Caribbean” ist ja auch die Ausnahme von der Regel, wenn man sich Piratenfilme insgesamt anguckt, das ist ansonsten auch ein Sammelsurium von Verkehrsunfällen.

jimmy1138
jimmy1138
26. Juli, 2023 15:59
Reply to  dermax

Also bitte, die “Jack Holborn” Serie in den 80ern war super und diverse Schatzinsel Verfilmungen sind auch recht okay.
Die Genre Klassiker aus den 30ern und 40ern (insbesondere jene mit Eroll Flynn) sind auch wirklich gut – es war halt mMn nie ein dominierendes Genre wie der Western und hat wohl eine ähnliche Trajektorie (in den 70ern gab’s z.B. auch so Italo-Piratenfilme wie Sandokan oder der mit Terence Hill und Bud Spencer) – gefühlt noch stärker nach unten.
Die “Black Sails” Serie vor ein paar Jahren fand ich auch nicht so schlecht. Aber generell gibt das Genre nicht wirklich viel her.
Theoretisch gäbe es vielleicht für Lucasfilm die Möglichkeit einen Monkey Island-Film zu machen – aber das wäre thematisch wohl zu nahe dran an der Pirates Franchise.

lostNerd
lostNerd
26. Juli, 2023 19:43
Reply to  jimmy1138

Mein Favorit is immer noch “der rote Korsar” von 1952.

Last edited 2 Monate zuvor by lostNerd
lostNerd
lostNerd
26. Juli, 2023 20:59
Reply to  Torsten Dewi

Das zur Tauchglocke umfunktionierte Ruderboot hat meine kindliche Fantasie damals sehr beflügelt. Liess sich mit einem Gummiboot aber leider nur schlecht nachstellen.

dermax
dermax
27. Juli, 2023 11:16
Reply to  jimmy1138

Ich hatte mich auch eher auf die jüngere Vergangenheit bezogen, natürlich ist Eroll Flynn out of the question.

Marko
26. Juli, 2023 18:35
Reply to  dermax

Polanskis “Piraten” find ich ziemlich gelungen und “Die Piratenbraut” von 1995 war seiner Zeit auch nur ein bisschen voraus. Sind vielleicht beides keine Blockbuster, aber durchaus gelungene Genre-Vertreter, meiner Meinung nach.

milan8888
milan8888
26. Juli, 2023 14:46

Psst: die »Gruseltour “Tower of Terror”« ist eine Art Freefall-Tower in Form eines Fahrstuhls (der auch kurz horizontal durch nen Hotelflur fährt).

Alexander Freickmann
Alexander Freickmann
27. Juli, 2023 14:27

Ich glaube, Disney hat den Film definitiv abgeschrieben. Habe mir gestern noch The Flash angeschaut im Kino und da kam ernsthaft in einem deutschen Kino bei einer deutschen Vorstellung ein Trailer in OmU. Da der Film ja auch noch Familien anspricht, kann das eigentlich nur bedeuten, dass die so gar kein Marketingbudget für ausgeben wollen. Zudem spricht der Julitermin dafür, dass der Film dann zu Halloween auf Disney+ ist. Vermutlich konnte man wegen Verpflichtungen (Verträge mit Schauspielern) nicht auf einen Kinorelease verzichten.

John
John
27. Juli, 2023 23:18

Barbie-Kritik!! Wann??

petz
petz
28. Juli, 2023 08:11

Der Trailer sah schon sehr müde aus und wirkte eher wie eine Checkliste mit Details der Parkattraktion. Gespenst im Spiegel? Check! Zimmer, das sich nach unten verlängert? Check!

Apropos keine nennenswerten Stars? Danny DeVito, Jamie Lee Curtis, Jared Leto, Owen Wilson, Rosario Dawson und Winona Ryder sind mir dann aber schon doch ein Begriff.

Last edited 2 Monate zuvor by petz
jimmy1138
jimmy1138
28. Juli, 2023 11:17
Reply to  petz

Negativ ausgedrückt: Lauter Has-Beens und B-Lister. Positiv ausgedrückt: Ein solider Ensemblecast an Schauspielern, mit denen man einen Poirot oder “Knives Out” Film besetzen könnte – halt abzüglich eines Daniel Craig bzw Kenneth Branagh. Deren Format hat mMn LaKeith Stanfield halt (noch) nicht. Vielleicht dachte man auch bei Disney, daß dessen Karriere etwas steiler abgeht.